Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte
Part 7
»Schon!« sagten die Bübles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem köstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte ihre Töpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im Kreise herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen, konnten sie Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst die Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch obendrein aus. »Das ist doch so,« erklärte sie, »wenn eins auf dem Karussell fährt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun kommt, jetzt gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!«
Affenbekanntschaften hatten die Sternbübles in ihrem Leben noch nicht viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das Theater hinein und dachten, wenn die Äffles so lustig sind wie Alette Amhags Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird's fein. Es wurde aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!
Hulda nahm ersten Platz, und dann saßen alle drei nebeneinander auf roten Samtstühlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aßen und tranken, fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten allerlei Kunststücke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum Kußhände zu, zankten sich und versöhnten sich, zuletzt gab es sogar eine Hochzeit, und damit war das Spiel aus.
»Kommt!« mahnte Hulda.
Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen, drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch drängte, da riefen beide: »Es war so kurz!«
»Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit 'ner Draufgabe hier sitzen!« murmelte Hulda. »Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich dabehalten.«
Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda sagte: »Ihr werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt aufgepaßt, hier geht's raus!«
Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag, der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber niemand; auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter glänzten auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Märchenland. Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und die Karussells glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer fröhlicher klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.
Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und füllten den weiten Platz.
Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf das Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr nicht uns, die schönen, sanften Himmelslichter?
Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte, funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte aber immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten, drehten sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte: »Kommt, kommt, es ist Zeit!«
Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit lauter Stimme irgend etwas schrie.
»Dummer Bengel!« schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. »Junge, sieh dich doch vor!« mahnte sie. »Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?«
Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar Schritte weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor der ein Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brüllte: »Hier gibt's das größte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrößte!« Hulda packte Mathes und zog ihn mit fort. »Nun komm endlich! Herrje, wo ist denn Peter?«
Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter übrig, als laut des Vermißten Namen zu rufen: »Peter, Peter!«
»Peter, Peter!« riefen gleich ein paar andere Leute mit.
»Peter!« gröhlte ein langer Bengel, »Peter!« quiekte ein stubsnäsiges Fräulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh, Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoßen worden, weggedrängt, er wußte kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas überlaut: »Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!«
»Is recht, die Kleenen müssen ins Bette!« schrie der lange Bengel, der vorher laut nach Peter gerufen hatte. »Das sind ja noch Wickelkinder, und man 'n Schnuller nich vergessen!«
So eine Beleidigung!
Mathes und Peter vergaßen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die große Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wären sie daheim in Breitenwert auf der Löwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott gefallen ließen. Ehe der fremde Junge noch wußte, wie ihm geschah, rannten die beiden wütend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die kleinen, derben Bubenfäuste auf ihn nieder.
Eine Prügelei auf dem Meßplatz!
Hulda schrie laut und versuchte ihre Schützlinge fortzuziehen. Neben dem großen Jungen aber erschienen plötzlich drei, vier andere, die sich drohend gegen die Sternbübles wandten, und die hätten beinahe recht tüchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und fortgezogen hätte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie auf einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in der Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.
»Der Zigeuner,« sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.
»Jemine, was ihr mir für 'n Schreck eingejagt habt!« Hulda sah sich nach dem Retter um, doch der war im Gewühle verschwunden, und sie nahm nun die Buben fest an den Händen und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: »Wo hast du denn die Töpfe?«
Ja, wo waren die!
»Im Affentheater hab' ich sie vergessen, du meine Güte!« jammerte Hulda. »Den ganzen Korb hab' ich stehen lassen!«
Es half nichts, sie mußten noch einmal zurück. Wieder ging's in Hast und Eile über den Platz, wieder drehten die Buben die Köpfe wie die Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen ihnen die Lichter zu glänzen, und auch das Affentheater, das sie bald erreichten, erschien ihnen größer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie gut, daß sie wieder hinein mußten, den Korb zu holen; den hatte Hulda nämlich neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: »Nun muß ich gar noch Eintritt bezahlen,« sagte sie, »und dann müssen wir das Geld absitzen. Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!«
Mathes und Peter sahen gar nicht so betrübt aus wie Hulda. Der Gedanke, noch einmal ins Affentheater gehen zu müssen, machte ihnen den größten Spaß. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand groß und breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte freundlich: »Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat's gut gefallen bei uns, wenn Sie sogar den Korb vergessen haben.«
Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das Wiederkommen beim nächsten Mal, und dann gebot sie: »Jetzt faßt ihr mich unter und nu flink, sonst schickt Fräulein Eva noch auf die Polizei nach uns und weint so sehr wie gestern!«
Wieder ging's im Sturmschritt über den Platz der Haltestelle der elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saßen, merkten die Buben, daß sie eigentlich rechtschaffen müde waren. Sie lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen ihre Beschützerin nicht dann und wann einen kleinen Stoß gegeben hätte, wären sie vielleicht eingeschlafen.
Daheim empfing Fräulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei. »Endlich!« rief sie. »Es ist schon so spät!«
Aus dem Erzählen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um den leisen Schlaf der Kranken nicht zu stören. Mathes und Peter durften in ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so müde ist und beinahe über seine eigenen Beine fällt, ist das nicht so leicht, und den Bübles ging es an diesem Abend so.
Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die Augen offen, und als Hulda zur Türe hinausging, rief er ihr nach: »Hulda, der Zigeuner sieht aus wie --«
»Denk' jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl,« unterbrach ihn Hulda, »sonst träumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk' lieber ans Karussell, so 'n bißchen rundum fahren im Traum schadet nichts.«
Die Tür klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in die Kissen und brummte noch: »Und er sieht doch so aus!« Dann schlief er auch ein.
Neuntes Kapitel. Noch einmal die Messe.
Nichts störte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie träumten von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater und von sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt durcheinander, und einmal murmelte Peter halblaut: »Die Schule fängt an, es klingelt schon.«
Mathes hörte nicht darauf. Der saß gerade im Traum auf einem Tiger und ritt auf dem die Löwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es sehr sonderbar, daß plötzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich wurde ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die Türe vom Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den lichten Tag ins Zimmer scheinen.
»Nä, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze!« rief Hulda. »Sechsmal habe ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.«
»Uahuah!« Peter gähnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte er auch Hulda und merkte, es war Tag.
Und was für ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene Sonne, als wären noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war kränker geworden, und was Peter in der Nacht für die Schulklingel gehalten hatte, war die Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein paar Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das Gärtchen recht. Über der Messe hatten sie Herta und Irene völlig vergessen, nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie rannten nach dem Frühstück vergnügt in den Garten, um beide zu sehen.
Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald durch den Garten. Sie hatten heute Hüte auf und Handschuhe an und erzählten, sie würden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr herablassend zu und sagte gnädig wie eine Prinzessin: »Ihr dürft mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Straße auf euch.«
Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie rannten schnell in das Haus zurück und brachten drinnen ihr Anliegen vor. Fräulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter in solchen Fällen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht, redete etwas von Verlaufen, aber Hulda sagte: »Ach, mit den beiden Zierpuppen von drüben können sie schon gehen, die sind wie Damen und machen sicher keine dummen Streiche.«
Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun. Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst leckere Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging sie noch in den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten Tränen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus, und am liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis freundlich umschmiegen.
Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann verließ sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.
Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: »Jetzt sieht uns niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!« Und husch! drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.
Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben, sondern viel eher etwas frech und unnütz. »Paßt auf,« sagte sie zu den Sternbuben, »wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell immerzu. Habt ihr Geld?«
Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört doch Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke in funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: »Haltet gut damit Haus!« Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch sehr spaßhaft.
»Annedore wollte mitgehen,« sagte Irene etwas zaghaft.
»Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.« Herta sah aus, als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten alle vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein bißchen wie der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am nächsten stand, bekam einen tüchtigen Puff.
»Hallo, da bin ich! Ich darf.«
»Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!« Herta rümpfte verächtlich die kleine Nase.
»Ohne Erlaubnis macht's mir keinen Spaß.« Annedore zuckte die Achseln, dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. »Sind das die?« fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und Peter die Hand hin und sagte: »Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das Herta nur geflunkert?«
Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht war, darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen. Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief: »Wir müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.« Und flink ergriff sie Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und Annedore folgten.
Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene lachend voraus liefen. »Es ist unpassend, zu rennen,« sagte sie zu den Buben; »vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und ungezogen.«
Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.
»Wir rennen oft bei uns,« sagte endlich Mathes.
»Na ja, in einer kleinen Stadt!« Herta sah sehr hochmütig drein. »Ich habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß man natürlich nicht, was sich schickt.« Und da ihr die Buben auf diese Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von ihrem Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst hätte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie waren froh, als der Meßplatz erreicht war.
Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die drei, und Annedore rief: »Ihr geht ja wie Schnecken!«
»Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.« Herta sagte es sehr spitz, und dann erzählte sie: »Wir haben uns unterhalten; nicht wahr, Jungen, es war sehr fein!«
»Noi!« riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: »Du hast alleweil allein geschwätzt, wie -- wie -- 'ne Elster.«
»Pfui, ihr seid aber frech!« Herta war tief gekränkt, sie brach gleich in Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel lachten, und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder ernsthaft dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das ärgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu fallen, aber die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig herüber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran, die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die Elster streiche ich ihnen noch an.
So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle. Dafür aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm, und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles recht ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt, trödelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich miteinander, ließen sich von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer, der himmelblaue Strümpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt trug, fing an, sich mit den Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein Herold und rufe immer das größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das größte Weltwunder, da könnte er spazierengehen.
In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: »Ludwig, Ludwig, der Kaffee kocht!« Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strümpfen spornstreichs davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte: »Das war sie.«
»Wer denn?« fragte Herta.
»Na, das größte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart.« Die Frau, die klein und sehr dick war, schüttelte den Kopf. »Es lohnt sich nicht sehr, sie anzusehen,« meinte sie; »meine Wachsfiguren sind schöner, kommt doch zu mir rein, ich mach's billig; weil Vormittag ist, kostet es nur 'nen Groschen.«
Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben, denn jemand schrie sie an: »Karussell gleich fährt. Wolle Sie mit, ßöne Kinder?«
Die fünf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie ihm vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weißen Zähne blitzten, und dann sagte er noch einmal: »Wolle Sie mit, ßöne Kinder?«
»Die sollen erst bei mich reinkommen,« rief die Frau mit den Wachsfiguren ärgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah sehr stattlich und verlockend aus, und Annedore hüpfte von einem Bein auf das andere. »Wir wollen fahren, wir wollen fahren,« bettelte sie.
Eine Minute später saßen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich, die Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann war das Vergnügen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen weiter. Es gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glänzte, alles stand bunt und lustig in ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle fing an zu rufen, die Luftschaukel drehte sich, und die fünf vergaßen die Zeit, vergaßen den Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal surrten und brummten seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten auf; was war das?
»Die Fabrikpfeifen sind's, es ist zwölf, wir müssen bald heim,« sagte Annedore und zeigte hinüber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort dunkle Häusermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleißfinger, die anzeigen: Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Fleiß und Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie ließen die Fabriken pfeifen, soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelärme um sich herum.
Aber auch die Mädel vergaßen die mahnenden Stimmen in der Luft.
»Nur noch ein Weilchen,« sagte Herta. »Noch einmal Karussell und dann noch Luftschaukel.«
»So viel Geld hab' ich nicht mehr,« erklärte Annedore.
Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen. Sie war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden heran und fragte: »Was kostet dies, was kostet das?« und rannte dann lachend wieder weg. Sie saß auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt auf einem Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehört, da rannte sie schon zur Luftschaukel hin. »Jetzt wird's fein!« schrie sie. »Kommt flink!«
»Ich fahr nicht mit,« sagte Irene, »mir wird's schwindlig.«
Annedore zögerte, und Herta ergriff Peters Hand: »Komm du mit!« Peter folgte und Mathes folgte, und schließlich kam Annedore auch mit, und kaum saßen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen höher und höher, schon konnten die Kinder auf die Köpfe der Zuschauer sehen, nun auf die Budendächer, noch höher ging's hinauf, da schrie Herta plötzlich: »Ich falle, ich falle!«
Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter faßte sogar zur Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch schrie sie unausgesetzt und wurde so weiß wie ein Blättlein Papier.
Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter ihnen, auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwärts, schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: »Bitte aussteigen!«
Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben schoben, und plötzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus, sie wußten nicht wie.
Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: »Ihr Diener, meine Herrschaften, nicht zu höflich!«