Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte
Part 6
»Seid ihr darum so niedergeschlagen?« fragte Eva lächelnd.
Mathes und Peter schüttelten die Köpfe, sie sahen sich an, wurden rot, aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.
Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch spürte sie, die haben etwas, die verbergen etwas vor mir. »Kommt nun herein,« sagte sie ein wenig kurz und streng, das Heimlichtun ärgerte sie.
Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: »Geht in eure Stube oder seht euch noch hier ein bißchen um.« Dann lief sie davon, und die beiden blieben allein.
Denen gefiel das ganz gut. An den Wänden des hübschen Zimmers hingen allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie an einer kleinen Treppe, die abwärts führte. Von da herauf war Hulda manchmal gekommen, also mußte es da unten auch noch Räume geben. Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig die Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur mündeten verschiedene Türen, und aus einer, die nur angelehnt war, zog den beiden ein Düftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses Düftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen Mathes und Peter in der Küche und waren selbst höchst verwundert darüber.
Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber Kuchen aus dem Ofen zog. »Hm,« brummte sie, »was wollt denn ihr hier?«
Das wußten die Buben nun selbst nicht.
»Die Jungen kommen,« rief Ida, die auch in der Küche war, »weil Sie immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.«
Das ärgerte Hulda und sie knurrte: »Quitschquatsch, ich bin auch freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist mir's allemal recht. Kommt rein!« schrie sie Mathes und Peter an, als wollte sie die verschlingen.
Die Buben zögerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend, aber da schrie Hulda noch lauter: »Kommt rein, macht die Türe zu; es zieht mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?«
Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam näher. Weil Ida immer lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein. Und dann saßen sie plötzlich auf der Küchenbank, und zwischen ihnen stand ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: »Eßt, eßt, in so 'n Jungenmagen geht viel und noch was rein.«
»Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gästen sind!« Ida lachte und lachte, die Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: »Gehen Sie man nach oben, wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gäste. Nicht wahr, wir unterhalten uns?« brüllte sie die Sternbübles an.
Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Köpfen, blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar Minuten später unterhielten sie sich wirklich höchst vergnügt mit Hulda, und zwar hatte eigentlich die Küche vom Silbernen Stern die Unterhaltung begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzählten dies und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern möchte ihr schon gefallen, wurden Mathes und Peter sehr vergnügt und redelustig. Sie erzählten auch von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt hatten, und unversehens waren sie bei der Geschichte von dem ausgerissenen Bruder Fräulein Evas und wußten nicht wie.
»Herrje!« schrie Hulda erschrocken. »Davon dürft ihr nie ein Sterbenswörtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer!« Sie vergaß ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach in ein bitterliches Schluchzen aus. »Der Junge, der Junge, wenn man an den denkt, bricht's einem das Herz,« klagte sie.
Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein gekommen wäre.
»Die Küchles brennen!« schrie Mathes erschrocken.
»Herrje!« Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech voll dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen ausbrechen konnte, rief Peter: »Das ist net schlimm, so schmecken sie fein.«
»Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!«
Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und dieser Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und rief: »Wenn ich groß bin, geh' ich ihn suchen.«
»Ich auch!« Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda schlug ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander, und im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie mittun.
Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: »Ich störe wohl?« rief Hulda laut »Ja!« und -- die Buben nickten dazu.
So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze Freude. Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie schön das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. »Wie unser Fritz noch dabei war, bin ich oft hingegangen,« sagte sie, »und unser Fräulein Eva konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so zu Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals hat's angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber Himmel, und hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!«
Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr also fort: »Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige Frau nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie der Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt' auch mit, aber ich hab' mich gegrault vor 'n Land, wo die Leute anders reden als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und wollt' für unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der Junge mußte zu ihm; er wollt' ihm die Musik austreiben, hat er gesagt. Zu dumm, daß ich das nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder, bei dem, meinte sie, wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei harte Köpfe zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat's dem Herrn Onkel schon leid getan, er hat suchen lassen, aber 'ne Stecknadel hätte man leichter gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich denk' immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.«
»Ich such' ihn,« schrie Mathes.
»Ich auch!« Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. »Ihr seid gute Jungen,« murmelte sie. »Ist schon recht, daß ihr gekommen seid. Ich mag euch auch gut leiden, ganz gewiß.«
»Wir dich auch,« schrieen die Buben.
Und so wurde die Freundschaft unter Tränen besiegelt, und als die Buben ein Weilchen später wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf Fräulein Evas Frage, wo sie gewesen wären: »Bei Hulda.«
»Da war's fein!« rief Peter, und Mathes nickte bedächtig dazu: »Sie sagt, nun wären wir befreundet.«
Achtes Kapitel. Auf der Messe.
Hulda zeigte ihre neue Freundschaft für die Sternbuben gleich an diesem Nachmittag. Sie erbot sich nämlich, mit den beiden auf die Messe zu gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr froh darüber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augäpfel zu hüten, stellte ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: »Die werden Augen machen! Aber auf die Luftschaukel dürfen sie nich. Denn da fallen sie mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei Arme und sechs Beine.«
Wie die Buben so viele Gliedmaßen brechen sollten, sagte Hulda nicht dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf ihren zwei Beinen sehr vergnügt mit ihrer neuen Freundin davon. Natürlich fuhr ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei, aber Hulda sagte: »Warten ist gesund.« Also warteten sie, denn die Messe lief ja auch nicht gleich weg nach Huldas Ansicht.
Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie wußten nicht, daß seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben, und daß neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Ländern auch viele lustige, fröhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Künste zu zeigen. Dort, wo einst die Straße nach Frankfurt am Main führte, wo nach der großen Völkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer flüchtend dahinzog, befindet sich jetzt der große Marktplatz. Hulda hatte gesagt: »Es ist wie ein großer Jahrmarkt,« und Mathes und Peter dachten daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie für sehr groß und bedeutend hielten. Als sie aber auf dem Meßplatz anlangten, da wünschten sie sich zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu sehen, was es zu sehen gab.
Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fünf Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine Stadt war die mit langen Budenstraßen. Und in den Buden schimmerte es in allen Farben, es glänzte und gleißte darin, und wenn einer nur Geld im Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bänder, Seidenstoffe und Blecheimer, Töpfe, Tassen, Teller, Gläser und Pfefferkuchen, Schuhe, Schürzen, Bücher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda wurde immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas anzusehen, gleich fragte jemand: »Na, junger Herr, was ist gefällig?«
»Ihr dürft auch nachher was kaufen; eine Mark für jeden hat mir Fräulein Eva geschenkt,« sagte Hulda. »Aber erst überlegen, denn sonst kommt 'n Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.«
Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben mögen, das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: »Abends, wenn die Lampen brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe Sonne muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal dahin, das ist 'n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist's einem nachher, als hätte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.«
Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda. Doch die brummte: »Erst soll'n die mal runterkommen, nä, da laß ich euch nich drauf. Seht mal dort, da ist 'n Zaubertheater.«
Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder eins und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit von ihnen eine heisere Stimme: »Seht wohl, ich bin auch da!«
»Kasperle!« schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang, und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.
»Kasperle,« riefen die Buben noch einmal, »bist du auch da?«
»Nu freilich!« antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch redete. Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und Getöse, daß die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt: »Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur 'ne kleine Schmierbude!«
»Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!« flehte Kasperle. »Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen Se noch wollen.«
»Unsinn!« brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit glänzenden Augen: »Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer bei uns.«
Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann bleiben sie vor so 'n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.
Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde fuchswild darob.
Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her, und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und lachte, ohne freilich zu wissen, ob über Kasperle oder die Buben. Und diese jauchzende Fröhlichkeit der drei übertönte schließlich doch den Lärm der stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt gab es ein richtiges Gedränge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer lustiger, und gerade als er seine besten Späße machte, fing ein altes Frauchen an, vor der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas, Kupferpfennige und Nickelmünzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war der Teller schon ganz voll. Hulda legte ganz hochmütig fünfzig Pfennig auf den Teller, und die kleine Kasperlefrau knickste tief. »Allerschönsten Dank!« murmelte sie. »Ach, ich wollte, die Herrschaften kämen jeden Tag! Wenn zweie so lachen können wie die Jungen da, dann ist das besser, als wenn Kasperle noch so laut schreit: »Ich bin da!«
Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde für ein Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.
»Das war fein!« sagte Mathes, und Peter stieß einen Seufzer aus: »Kasperle ist was Feines!«
»Kasperle hat's arg gut!« Mathes seufzte auch.
»Dummer Junge!« brummte Hulda, »den Leuten geht es schlecht, das konnte man doch sehen, und es war schon recht, daß wir dastanden und so gelacht haben, sonst wär' keine Katze weiter gekommen.«
Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?
Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mußte ihnen erst erklären, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern Prachtbauten hätte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hörte ihn selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schöneres zu sehen gab!
Die Buben senkten die Köpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es nicht gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.
»Mathes!« rief da plötzlich Peter, und »Peter!« rief Mathes, und beide steckten die Köpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten, und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: »Wir wünschen uns was.«
»Na, was denn? Wohl für die Mark von Fräulein Eva?«
Die Buben nickten lebhaft. »Wir wollen sie -- Kasperle geben.«
Unsinn, hätte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann sich auch nicht lange, sondern nickte bedächtig mit dem Kopf: »Meinetwegen, mir ist's recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr genug, und -- Kasperle kann es gewiß brauchen.«
Einige Augenblicke später standen die drei wieder vor dem Budchen, und Mathes und Peter brüllten den Vorhang an: »Kasperle, komm raus, wir wollen dir was schenken!«
Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmützchen aus dem Vorhang herauslugte und eine klägliche Stimme fragte: »Vielleicht 'ne Wurst?«
»Noi, das hier!« Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung über die reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. »Ich freu' mich, ich freu' mich!« schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er sich auf die Brüstung der kleinen Bühne und begann zu singen, und es klang, als ob ein Hahn krähte:
»Kasperle ist 'n armer Mann, Hat nur sein Flick-Flickröcklein an, Hat nicht Bett, hat nicht Tisch, Hat nicht Braten und nicht Fisch. Trocken Brot am Morgen, Abends Kummer und Sorgen, Das ist 'n bißchen wenig, Doch tauscht er mit kein' König; Denn allzeit lustig, allzeit froh Ist Kasperle, hussaholdrioh!«
Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten, und der Lärm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre Schützlinge gingen, drängten sich die Menschen vor dem Budchen ganz dicht zusammen; Kasperles Stimme übergellte selbst das Karussell, und Hulda sagte befriedigt: »Heute geht's dem mal gut, aber nun gehen wir hier rein und trinken Kaffee.«
Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch. Freilich, so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen über den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt rissen sie Hulda von der Tür der Kaffeeschenke weg: »Da ist er, da ist er!«
»Wer denn?« Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und Mathes und Peter konnten nur von ihm erzählen.
Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: »Solche laufen hier oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt's was zu sehen!«
Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber schließlich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch für die neuen Gäste. Das Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor, auf der ein paar Männer in bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige spielten.
»Das sind die Zigeuner,« erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im Saal saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.
Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen erzählt, hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in Erfüllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und Mina hatte alles dumme Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren Zigeuner Leute, die sich für zwei Buben schon des richtigen Ansehens lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.
Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich und suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche, wie Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: »Das ist er!«
Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht. Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich zu, und Mathes nickte auch.
»Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?« fragte Hulda erstaunt. »Kennt ihr denn jemanden?«
»Ja, den Zigeuner oben,« flüsterte Mathes, »der hat uns gestern heimgebracht.« Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.
»I nä!« Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: »Gestern war er aber blond!«
»Dann ist er's eben nich!« Hulda lachte. »Ihr seid schon 'n paar Dummchen; wie soll denn 'n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen schwarz, dann ist er eben ein anderer.«
Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut: »Er ist's doch! Da, er sieht uns.«
Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rücken zu, und Hulda brummte ärgerlich: »So 'n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch lassen! Aber nun kommt, jetzt könnt ihr auf dem gräßlichen Drehding fahren, nur schlecht darf's euch nich werden.«
Die Bübles versicherten eifrig, ihnen würde es nicht schlecht, es wäre ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.
Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel eins immer besser als das andere, und sie wählten und wählten, bis endlich Hulda sagte: »Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht.« Da entschlossen sich die beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es Löwen und Tiger und noch viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich für drei Fahrten, und dann sagte sie, sie würde rasch einige Töpfe kaufen, inzwischen sollten die Buben fahren und sie wieder hier am Karussell erwarten. Dies versprachen die beiden, und sie erstiegen vergnügt ein paar Wüstentiere, und dideldum! ging die Fahrt los.
Hulda kaufte Töpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwänen, und als diese dritte Fahrt begann, sahen sie plötzlich unter den Zuschauern den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und diesmal nickte er wieder. Rundum ging's, da war wieder der Zigeuner, sie nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und wieder nickten sie, und wieder nickte er.
»Wenn's alle ist, gehen wir zu ihm,« sagte Peter.
»Da ist Hulda,« rief Mathes.
Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach ab, die Fahrt war zu Ende.