Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte
Part 5
Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und während Eva half, mit der Bürste die schwarzen Finger zu reinigen, sah sich Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwühlt, das Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte: »Fräulein Eva, sehen Sie nur, wie die's treiben!«
Eva von Ringewald seufzte. Ja, schön sah es nicht aus, aber schelten mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich hätte nachsehen müssen.
Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas Umherschauen war doch recht ungemütlich. Wenn die nun die Briefe erblickte! Da rief Hulda schon: »Nä, und der gute weiße Tisch, so viele Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!«
Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefähr, Kleckse macht man doch nicht, die kommen von selbst!
Wenn Fräulein Eva sie nur freigelassen hätte. Aber die scheuerte mal an der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreißen ging doch nicht.
Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her: »Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!«
»Net lesen!« schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: »I wo, so was tut man doch nicht!«
Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa, tat, als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu den Briefen hin.
»Net lesen,« schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ängstlich, daß Fräulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: »Was steht denn so Geheimnisvolles drin?«
»Ich leg' die Wische nur zusammen,« brummelte Hulda, aber sie hielt dabei doch den himmelblauen Brief merkwürdig lange in der Hand, und plötzlich riß Mathes seine Hände aus der Waschschlüssel und rannte durch das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreißen.
Doch das Unglück war schon geschehen.
Hulda hatte das Wort über sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: »Mit den Bengels, Fräulein Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen können se schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals nich jemand so geschimpft!«
Hulda brach in Tränen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen Bübles: »Was habt ihr getan?« fragte sie traurig.
Die beiden blieben ganz stumm, sie wußten wirklich nicht, was sie sagen sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bißchen wütend; warum war Hulda auch so neugierig gewesen!
»Gebt mir einmal den Brief her,« sagte Eva, die nicht einmal so recht verstanden hatte, über was für ein Wort Hulda so böse gewesen war.
Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglückseligen Brief, und weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er ehrlich: »Ich war's, ich hab's geschrieben.«
»Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Sätzle,« rief Peter eifrig, denn ihm war's zumute, als hätte er den schlimmen Satz mitgeschrieben.
Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. »Jetzt trocknet euch ab, dann räumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor,« gebot sie kurz. Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, daß die Buben ihr bedrückt nachschauten. Nun war sie gewiß bitterböse, o je!
Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wußte nicht recht genau, sollte sie lachen oder sich ärgern. Eigentlich ärgerte sie sich, und im Grunde hatte sie den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden sein, ach, das war ein Reinfall gewesen! Ärger und Unordnung brachten sie ins Haus, mehr nicht.
Frau von Ringewald saß bleich und müde in ihrem Sessel am Kaffeetisch, als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal wie so oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den verlorenen Sohn. Wo war er, lebte er noch?
Da legte ihr Eva Mathes' Brief auf den Tisch. »Lies, was die beiden wieder angerichtet haben; Hulda hat's gesehen und ist wütend. Sie sind doch arg unnütz die beiden.«
Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. »Es sind halt Kinder!« erwiderte sie. »Erzähle einmal, wie kam's, daß Hulda den Brief gelesen hat?«
Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: »Und meine Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?«
»Ein bißchen, ja,« bekannte Eva. »Ich habe sie mir artiger vorgestellt und dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.«
»Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben denn die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht. Na, und heute früh?«
Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und sagte zärtlich: »Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.«
Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief schreiben wollten.
»Ja,« rief Mathes eifrig, »ich schreib ihn.«
»Das feine Bögle!« Peter sah bedauernd drein. »Wir streichen's durch.«
»Das geht auch!« Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten wie eine Gewitterwolke daherkam. »Den beiden tut's leid, was sie geschrieben haben, Hulda,« sagte Frau von Ringewald, »und sehen Sie, es ist durchgestrichen.«
»Hm!« Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und verkündigte ihnen: »Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr, und irgend 'ne Geschichte wird's schon noch, solange ihr da seid. Und nu bring' ich den Kaffee!«
Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bübles atmeten auf, als wäre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr gemütlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein höchst friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschläge gesteckt, Eva schrieb die Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nächsten Straßenecke gehen und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von diesem Ausgang schnell zurück, denn Eva hatte gesagt: »Nachher spielen wir zusammen.«
Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald saß dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als hätte sie Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzählte Eva eine Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schloß, einem rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf. Es war eine sehr lustige Geschichte, über die selbst Hulda lachte, weil sie nämlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bißchen zuhörte.
Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wörtlein über dies und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und seufzte: »Bin müde.«
»Weißt was?« schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.
»Wa--aaas denn?« Peter gähnte schauerlich.
»Wie der Mann aussah, der uns heute geführt hat? Der sah aus, wie --«
»Nuuu!« Peter pustete laut, er war eingeschlafen.
»Nun sag' ich's net,« knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen und schlief auch ein.
Siebentes Kapitel. Gartenfreundschaft.
Am andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und wer ausgehen wollte, fragte sich: »Nehme ich nun einen Regenschirm mit oder nicht?«
Die Sternbübles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen höchst munter und vergnügt auf und schwätzten den Tag an wie zwei Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust und Freude. Als sie aber in das Frühstückszimmer kamen, sah es da eher nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem Stuhl, und Fräulein Eva ermahnte gleich: »Seid stille, Mutter fühlt sich nicht wohl.«
Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, daß eine Mutter krank war. Die ihre war immer gesund und immer tätig. Also wußten sie auch nicht recht, was sie tun sollten, vergaßen das Gutenmorgensagen und blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.
»So schlimm ist es nicht,« sagte die Frau Pate linde, »kommt nur her und sagt mir guten Morgen, ihr könnt auch reden, soviel ihr wollt.«
Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde es an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das riesengroße Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein großes Bilderbuch sein sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte nicht weggehen, ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gästen, sie möchten sich etwas im Garten umschauen.
Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen ließ sich schon drin. Also zogen sie ganz vergnügt hinein und durchschritten ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle Winkel hinein, und dann begannen sie zu zählen, was es alles drin gab. Erst die Bäume, dann die Büsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur einen einzigen Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.
So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Gärten andere Kerle!
Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer Johannisbeeren wie kleine Kirschen so groß gegeben. Verächtlich sahen beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie enttäuscht: »Es hängt nichts dran.«
»Was soll denn dranhängen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem Weihnachtsbaum?« fragte über den Zaun hinüber ein spitzes Stimmchen.
Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen sie zwei Mädel, ungefähr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr spöttisch dreinsahen und kicherten, als wären die Sternbuben ein paar Hampelmänner. »Was macht ihr denn da?« fragte die eine, die eine rosa Schleife wie eine Taube so groß im blonden Haar trug.
»Ihr seid wohl Gärtnerjungen, weil ihr die Bäume so anseht?« fragte die andere, deren braune Zöpfe mit weißen Schleifen verziert waren.
»Noi!« riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.
»Nein, wie ihr sprecht!« Die Mädel kicherten wieder, und die Blonde fragte weiter:
»Woher seid ihr denn?«
»Aus Breitenwert.«
»Aus --?«
»Breitenwert,« wiederholten die Buben laut.
»Den Ort gibt's gar nicht,« rief die Braune hochmütig, »den haben wir noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist's ein Dorf?«
»Noi, eine Stadt!«
»Pah, wie groß denn? So groß wie Leipzig?«
»Beinahe,« riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr groß und weit.
»Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem fremden Garten?« Die kleine Braune sah aus, als wäre sie der Herr Schuldirektor und sollte eine Prüfung abhalten.
»Wir sind doch Besuch!« Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu werden, außerdem kamen ihnen die Mädchen höchst wunderlich vor; so fein geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Löwengasse einher. Die beiden sahen aus wie die großen Wachspuppen, die sie gestern in einem Geschäft gesehen hatten.
»Besuch, bei wem denn?«
»Bei meiner Pate,« bemerkte Mathes, »sie hat uns eingeladen.«
»Ist das Frau von Ringewald?« Die Braune sah auf einmal sehr freundlich aus. »Die ist reich,« flüsterte sie wichtig. »Aber wie heißt ihr denn?«
So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann besannen sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren die Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen, was ihr Vater wäre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.
Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein Haus, von dem man erzählen kann, und sie erzählten unbefangen von der Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mädel ihre Näslein immer höher reckten, just als käme von den Sternbuben her ein übles Gerüchlein.
»Ein Wirtshaus, puh!« rief die Braune.
»Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch!« Die Blonde kicherte spöttisch, und dann fragte sie hochmütig: »Dann werdet ihr wohl mal Kellner?«
Über das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie höhnte verächtlich: »Kellnerjungen, Kellnerjungen!«
Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbübles waren zwar sehr harmlos und zutraulich, den bitterbösen Spott fühlten sie aber doch, und ein gewaltiger Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die Blonde an der rosa Schleife und Peter griff über das Gitter nach den Zöpfen der Braunen, und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die Buben sie tüchtig hin und her.
Und Breitenwerter Bubenfäuste können schon zufassen. Den Mädeln wurde himmelangst, und sie schrieen ganz jämmerlich.
Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert hätte sich bei solchem Geschrei sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus einem der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Gärten hinaussahen. Doch Mathes und Peter wurde über dem Geschrei selbst Angst, und sie ließen ihre kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben in ihrem Garten in der Mitte stehen und schalten zornig hinüber: »Pfui, pfui, ihr frechen Kellnerjungen!« Und dann begannen sie bitterlich zu weinen; es klang, als wäre ihnen das größte Unrecht geschehen. Sie kauerten am Boden nieder und schluchzten erbärmlich, und den Sternbuben wurde es selbst dabei ganz wind und weh zumute. So etwas konnten sie nicht vertragen.
»Flennt doch net so!« riefen sie über das Gitter.
»Ihr -- ihr -- seid -- so -- so -- grob!« schluchzten die beiden.
»Und ihr habt uns geschimpft.«
»Es war doch nicht so schlimm!«
»Doch!« schrieen die Sternbuben.
»Nein,« schluchzten die Mädel, »ihr seid doch Wirtshausjungen.«
»Das ist was Feines!« Mathes reckte und streckte sich, und plötzlich schrie er die Mädel an, als wären sie taub. »Bei uns hat schon mal 'n König gewohnt.«
»Ja, und 'n Herzog und furchtbar viele Grafen,« fügte Peter hinzu.
Ein König, ein Herzog und Grafen! Die Mädel hörten auf zu weinen, sie sahen ihre Nachbarn halb eifersüchtig, halb mißtrauisch an. »Wirklich?« fragten sie.
»Wir lügen doch net!« Mathes warf ganz hochmütig den Kopf zurück, er fühlte, er mußte den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. »Fein ist's bei uns,« lobte er, »viele, viele Stuben haben wir, und in einer steht ein Bett mit goldenen Engeles drauf, da hat der König drin geschlafen.«
»Ja, und in unserm Gärtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und Birnen,« rühmte Peter.
Der Silberne Stern, der so viele Köstlichkeiten barg, stieg in der Achtung der beiden Mädel. Sie dachten an die großen Prunkhotels, die sie kannten, und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das Weinen auf; mit den Buben da drüben ließ es sich vielleicht doch unterhalten. Noch zögerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte näher, und die Braune sagte halb verlegen, halb herablassend: »Erzählt doch mal, wie ist's denn bei euch?«
»Na, fein!« Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein wenig schuldig fühlten, begannen zu erzählen. Und wunderbar war das, das Heimathaus und die Löwengasse bekamen goldenen Glanz in der Erinnerung. Das kleine Gäßle schien ihnen viel länger und breiter als die Straße, in der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht groß war, wuchs und wuchs und wuchs zehnmal größer als all die grünen Winkel, die da von Häusern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern erst! Kein Palast konnte schöner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die Spiele, die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.
Den Mädeln klang es wie ein Märchen. Und dieses Märchen lockte und lockte; sie vergaßen, daß die Buben sie gerauft hatten, sie standen plötzlich wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es wäre, Räuber und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: »Wir können's ja mal zusammen spielen!«
Aber da war das Gitter dazwischen, das böse Gitter!
»Lauft auf die Straße; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr durch das Haus zu uns,« riet die Blonde.
»Wir dürfen net auf die Straße.« Der Vorschlag lockte, aber Mathes und Peter fanden es doch etwas bedenklich. »Wir klettern über das Gitter,« schlugen sie vor.
»Könnt ihr das?« Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins, zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.
Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, -- die Blonde hieß Irene, die Braune Herta -- vergaßen ganz und gar, daß es ihr allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.
Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. »Recht passen tut's net,« erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin. Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in Breitenwert?
Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: »So wird's gemacht und so,« und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.
»Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?« fragte sie verdutzt.
»Über das Gitter.« Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben ein großes Geschrei: »Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!«
Eva lachte. »Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die Hosen nicht,« sagte sie, »und verpaßt das Frühstück nicht über eurem Spiel!«
Das Frühstück vergessen!
Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes und Peter kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.
Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der Räuberhöhle, denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem Überfluß etwas, doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich dies und das, und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten, kam den Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten den Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen beide auf einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten, die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.
Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaßig vor, aber als Herta weiter erzählte, daß Frau von Ringewald vor Kummer immer krank sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen unmöglich, daß Fräulein Evas Bruder ausreißen sollte, und Peter schüttelte heftig seinen Kopf und rief: »Noi, das ist net wahr, ich glaub's net.«
»Ich auch net,« schrie Mathes, »ihr flunkert.«
Herta und Irene waren über diesen Widerspruch so verdutzt, daß ihnen wirklich die Mäulchen stillestanden; ein paar Sekunden wußten sie kein Wörtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: »Es ist aber doch wahr!«
»Noi, wir glauben's net.«
»Aber doch, fragt doch Hulda danach!«
Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie sich alle vier hin und her, die Mädel schrieen laut, die Buben noch lauter, und vielleicht wäre noch eine schlimme Geschichte draus geworden, gar wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich gekleidetes Dienstmädchen erschienen wäre, um Herta zu holen. »Aber Herta!« rief dieses entsetzt. »Was sind denn das für Jungen, die sind wohl von der Straße?«
Die Sternbübles sahen zwar ein bißchen beschmutzt aus, denn sie waren als Räuber auf der Erde herumgekrochen, so wüst aber doch nicht, wie das Mädchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterböse drein.
Nun hatten sich Mädel und Buben zwar eben noch tüchtig gestritten, und Herta besonders war sehr wütend auf die widerborstigen Bübles gewesen, doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schönes Spielen zusammen, und sie rief gekränkt: »Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir wieder zusammen, nicht wahr?«
Mathes und Peter nickten eifrig. »Wir klettern wieder über das Gitterle,« sagte Mathes, »und vielleicht spielen wir Indianer; da müßt ihr euch aber ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.«
»Um Himmelswillen!« schrie Frieda. »Das ist ja gräßlich!«
»Das wird fein,« jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wären ihnen die in die Haare gefahren und als hätten sie sich miteinander gezankt. Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder über das Gitter und winkten und nickten noch von drüben herüber, bis die Mädel im Hause verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich: »Manchmal sind's Äffles und manchmal sind sie's net.«
Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein, überlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: »Hier kann nur eins helfen.«
Eva wußte wohl, es war die Rückkehr des Bruders an das Herz der Mutter, was der Arzt meinte. Ach, würde das jemals geschehen?
Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Fräulein Eva erst recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Köpfe, als diese zu ihnen trat.
Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bübles selbst an, ein bißchen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. »Wo sind denn Herta und Irene?« fragte sie.
Mathes gab Antwort. Er erzählte von dem Dienstmädchen, das gemeint hätte, sie wären Straßenjungen.