Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte
Part 4
»Herr Baldan auch,« sagte Peter. Und vielleicht hätten beide noch alle Breitenwerter Auguste aufgezählt, wenn nicht ein Mann sehr grob geschrieen hätte: »Platz da, ihr dummen Bengels!« Und puff! bekam Mathes einen Stoß und Peter einen, und Fräulein Eva zerrte rasch die beiden vom Fahrdamm herab. »Hier darf man nicht stehen bleiben,« erklärte sie erschrocken und ging ein paar Schritte über den Platz hin.
»So, nun seht euch einmal um! Dort drüben, das ist unser Museum.«
In ganz Breitenwert gab es kein Museum, und Mathes und Peter wußten nicht, war das eine Petroleumlampe oder sonst etwas. Sie starrten aber dahin, wohin Fräulein Eva blickte, und da sahen sie einen großen Brunnen, hoch aufgebaut und mit vielen Figuren schön geziert. Die Wasser sprangen lustig aus vielerlei Röhren, und die Buben meinten, ein Springbrunnen würde vielleicht in Leipzig Museum genannt. Sie riefen daher vergnügt: »Das ist fein, arg fein!«
Die Freude der Buben freute Fräulein Eva, denn sie liebte es sehr, in das Museum zu gehen. Sie versprach darum: »Morgen oder übermorgen gehen wir zusammen hinein.«
»Kann man das?« Mathes sah ungeheuer erstaunt drein, und Peter wußte auch nicht recht, sollte er lachen oder verwundert sein.
»Natürlich kann man das, warum nicht? Da gehen viele Menschen hinein.«
»Muß man da Badehösle anziehen?« forschte Mathes, dem die Sache doch sehr bedenklich schien. In Breitenwert dachte doch kein Mensch daran, in einen Brunnen zu steigen.
»Ba--dehösle?« Nun schaute Fräulein Eva aber verdutzt drein. Sie schüttelte den Kopf, sah die Buben an, sah nach dem Museum hinüber, und da ging ihr auf einmal ein Lichtlein auf. Die springenden Wasser glitzerten in der Sonne, und sie ahnte die Verwechslung. »O ihr Dummerles!« rief sie. »Ihr denkt wohl, der Brunnen ist das Museum, und wir wollen zusammen in den Brunnen steigen?«
Weil Fräulein Eva lachte, lachten die Bübles auch; sie taten es sehr herzhaft und laut, und ein paar Vorübergehende lachten mit. Unter ihnen war auch ein junger Mann, sehr einfach, fast ärmlich gekleidet. Der blieb plötzlich stehen und sah unverwandt zu dem fröhlichen Mädchen und ihren kleinen Begleitern hinüber. Und als die nun in die Grimmaische Straße einbogen, die den Augustusplatz mit dem Marktplatz verbindet, folgte er den dreien.
Eva von Ringewald wollte den Buben nun doch erklären, was eigentlich ein Museum sei, aber sie konnte viel reden, die beiden hörten nicht. Die sahen sich nur immerfort um. War das ein Getriebe in der ziemlich engen Straße! Den Sternbübles war es zumute, als wären sie in ein buntes Geschichtenbuch hineinspaziert, und weil man sich in Geschichten laut und nachdrücklich verwundern kann, verwunderten sie sich auch sehr laut. Einmal schrie Mathes: »Peter, guck!« Dann schrie Peter: »Mathes, guck!« Und dann zeigten sie mit den Fingern, klebten beinahe vor Schaufenstern fest, drückten sich die Nasen an den Spiegelscheiben platt, rannten die Vorübergehenden an, ließen sich selber ein paarmal umrennen, und sie wären gewiß noch auf den Fahrdamm gepurzelt, wenn Fräulein Eva sie nicht fest bei den Händen genommen hätte. Es war freilich schwer, in dem Straßengewühl zu dreien zu gehen, und manch ein Vorübergehender schalt über das Breitmachen. Aber schließlich kamen doch alle drei auf dem Marktplatz an, wo es freier war. Hier blieb Eva aufatmend stehen, und sie wollte eben ihren Schützlingen das Rathaus zeigen, als jemand ihren Namen rief.
Eine Freundin war es, die ihr nachgelaufen kam. Die wollte sich gleich die Breitenwerter Gäste ansehen. Das hübsche, lustige Mädchen redete freundlich zu Mathes und Peter, doch die waren von all dem Neuen, das sie sahen, so verwirrt, daß sie nur karge Antworten gaben.
»Seht euch ein bißchen um!« rief Eva von Ringewald, die gern mit ihrer Freundin etwas bereden wollte. Die beiden Mädchen schwatzten zusammen, und die Sternbübles standen auf dem Marktplatz von Leipzig und sahen sich um. Der Platz war sehenswert, und an dem Rathaus konnte einer schon seine besondere Freude haben. Aber schöne Häuser waren den Buben noch recht gleichgültig, die sahen ganz andere Dinge. Die vielen Gefährte aller Art gefielen ihnen vor allem, und dann geschah auf einmal etwas ganz Wunderbares. Eine der vielen Straßen entlang, die alle auf den Marktplatz einmündeten, kam jemand anspaziert, den Mathes und Peter bislang nur aus Bilderbüchern kannten.
Ein Neger war es, einer, der dunkelbraun aussah wie ein Schokoladenplätzchen.
Die Buben kreischten laut vor Verwunderung. Eva von Ringewald hörte es, aber ihre Gedanken waren bei dem, was die Freundin ihr erzählte, und da sagte sie nur: »Seid doch still, man schreit hier nicht auf der Straße!«
Patsch! waren die Bübles still, merkwürdig still sogar.
Eva hörte kein Wörtlein mehr von ihnen, und darum vergaß sie die beiden über dem lebhaften Geplauder mit der Freundin ganz und gar. Leider aber vergaßen Mathes und Peter ihre Beschützerin auch. Schon ihr Gebot, stille zu sein, hatten sie kaum noch gehört, sie dachten nur an den Neger und sahen nur den.
Dieser, der eine rote Mütze und dunkelblaue Jacke trug, war sonst auf dem großen Meßplatz Türsteher bei einer Schaubude. Vormittags aber war es in Leipzig auf dem Meßplatz meist sehr stille, also konnten Schaubudenleute auch mal spazierengehen. Weil nun in Leipzig im Frühling und Herbst alljährlich Messe war, erstaunten die Leute nicht sonderlich, wenn Meßleute durch die Stadt gingen. Ein Neger schien niemand etwas Besonderes zu sein, niemand riß darum den Mund so sperrangelweit auf, wie es die Sternbübles taten.
Als der Neger in eine Seitenstraße einbog, hatten sie nur den einen Wunsch, ihm nachzulaufen. Das taten sie auch. Sie fragten nichts und sagten nichts, sie rannten einfach spornstreichs hinter dem Schwarzen einher, rannten, bis sie neben ihm waren und ihm recht genau ins Gesicht starren konnten.
Der gute Neger nun war das Anstaunen gewöhnt, die beiden Buben aber, die so trapp trapp neben ihm herliefen, wurden ihm doch lästig. Er rollte seine Augen, zeigte seine weißen Zähne und rief auf einmal mit rauher Stimme: »Fort, ich fresse euch!«
Die Vorübergehenden lachten, aber Mathes und Peter erschraken ungeheuer; sie schrieen laut auf und wichen entsetzt zurück. Ein paar Leute blieben lachend stehen, auch der Neger lachte, aber alles das sahen Mathes und Peter nicht mehr, die rissen einfach aus.
Heidi, husch! ging es die Straße entlang. Einer lief hinter dem andern her, aber statt zurück rannten sie vorwärts, sie kamen an eine Querstraße, liefen die entlang und wären wohl noch wer weiß wohin gelaufen, wenn sie nicht über eine Kiste, die ein Fuhrmann vor einem Torweg ablud, gestolpert wären.
»Himmeldonnerwetter! Nä, ihr Bengels, gennt ihr denn niche sähen!« schalt der. »'ne Kiste ist doch nich 'n Wassertroppen, den man nich sieht!«
Da kamen die beiden zur Besinnung. An ihren Knieen spürten sie es, daß die Kiste wirklich kein Wassertropfen war; braun und blau hatten sie sich geschlagen. Sie sahen sich verwirrt an und sahen sich ebenso verwirrt um. Wo waren sie eigentlich, und wo war Fräulein Eva?
Der Neger war verschwunden. Kein Mensch ringsum bedrohte die beiden, nur der Fuhrmann, der sich noch immer mit seiner schweren Kiste abmühte, brummte weiter. Als er aber die tieferschrockenen Gesichter der beiden sah, fragte er gutmütig: »Nä, warum seid er denn erst gerannt wie 'n baar Bürstenbinder und steht nu da wie 'n baar Esel im Tanzsaal?«
»Der -- der Mohr wollte uns fressen!« stotterte Mathes, und Peter redete ihm nach: »Ja, er wollte uns fressen!«
»Herrjeses!« Der Fuhrmann lachte dröhnend auf. »Nä, so was! Bei uns da laufen doch die Menschenfresser nich auf der Straße herum! Hört mal, ihr seid wohl nich aus Leipzig, wo seid ihr denn her?«
Weil der Mann so herzhaft lachte und so gutmütig dreinsah, faßten die Sternbuben Zutrauen zu ihm; sie drängten sich an ihn heran und fingen an, ihm ihr Abenteuer zu erzählen. Leider erzählten sie etwas durcheinander, und der Fuhrmann wußte nicht recht, wie er Fräulein Eva von Ringewald und den Neger zusammenbringen sollte, auch verstand er nicht, warum Peter immer versicherte, Hulda würde böse werden.
Endlich kam dem Mann ein Gedanke; er fragte: »Die sind wohl alle von der Messe, und ihr gehört wohl auch dahin?«
Nun hatten die Buben wieder keine Ahnung, was eigentlich die Messe war, und sie starrten den Frager mit offenem Munde an. Der tippte mit dem Finger an seine Stirn und brummelte: »Da rappelt's wohl? Geht mal lieber heim zur Mutter!«
»Das ist zu weit,« schrieen alle beide erschrocken, und Peter fügte klagend hinzu: »Wir sind doch auf Besuch, und Fräulein Eva ist doch mit uns spazierengegangen!«
»So so, spazierengehen nennt ihr das, wenn ihr auf meiner Kiste rumtrampelt! Na nu, wo ist denn Freilein Eva?«
Da kam Mathes ein Gedanke. »Auf dem Marktplatz steht sie,« schrie er aus Leibeskräften, als wäre der Fuhrmann ganz taub.
Der schrak ordentlich zusammen. »Nä, ihr Schafsköppe,« murrte er endlich, »wenn die da steht und ihr hier seid, dann geht ihr doch nich spazieren! Nach dem Marktplatz ist das schon 'n Stück. Da geht mal die Straße immer geradeaus und dann links und wieder immer geradeaus, un am besten ist, ihr fragt noch dreimal, denn sonst rennt ihr gar noch auf den Thomasturm. Und dann sagt Freilein Eva 'nen scheenen Gruß, un ihr wäret viel zu dämlich, um alleine zu laufen.«
Nach dieser überaus freundlichen Abschiedsrede schob der Fuhrmann seine Kiste in den Hausflur, und Mathes und Peter rannten sehr eilfertig davon. Furchtbar nett fanden sie den Fuhrmann freilich nicht, aber er hatte ihnen doch wenigstens den Weg gesagt. --
Eva von Ringewald hatte bald das Verschwinden ihrer Schützlinge gemerkt. Die Freundin nahm Abschied, und sie sah sich nach den beiden um. Aber alles Umsehen half nichts; von den Buben war kein Zipfelchen zu sehen. Sie lief die Straße zurück, durch die sie mit den beiden gekommen war, denn dort hatte ein Spielwarenladen die beiden arg gelockt. Aber vor dem standen fremde Kinder, die beiden waren nicht dabei.
Eva fragte ängstlich einen Schutzmann; der hatte die Buben nicht gesehen. Nun rannte sie in eine andere Straße hinein, fragte dort wieder einen Schutzmann. Doch der wußte auch nichts von den Verschwundenen.
Da kehrte sie zum Marktplatz zurück, lief auf und ab in immer wachsender Angst, bis ihr endlich der Gedanke kam, die beiden könnten vielleicht heimgelaufen sein. So recht glaubte sie es zwar nicht, aber wenn jemand in rechter Herzensangst ist, klammert er sich an die kleinste Hoffnung. So erging es Eva von Ringewald an diesem Morgen. Sie setzte sich in einen Wagen und fuhr heim, und trotzdem immerzu in ihrem Herzen eine Stimme redete: Sie sind nicht da, können nicht den Weg gefunden haben, sagte sie immer wieder zu sich selbst: Gewiß sitzen sie zu Hause, sicher ist es so.
Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drückte auf die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die öffnete, entgegen: »Sind sie da?«
Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. »Besuch ist nicht gekommen,« brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie aufgeregt: »Herrjee, die Jungen sinn weg!« Und ordentlich stolz über ihre eigene Klugheit fügte sie hinzu: »Das hab' ich doch gleich gesagt, mit denen geht's schief!«
Hulda wollte noch viel sagen, was man alles für schreckliche Dinge mit zwei so unnützen Jungen erleben könnte, und daß sie sich niemals welche einladen würde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas verstörtes Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: »Die Kinder sind weg, die uns anvertrauten Kinder?«
Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf einmal, daß dies eine recht betrübliche Geschichte war. Sie schrie: »Ich lauf' zur Polizei,« und wupps! war sie weg.
In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Straße entlang, und sie ließ sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren, obgleich die die allergrößte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach, sprang auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der zu schimpfen anfing, sagte sie gelassen: »Schimpfen Sie nur nicht, uns sind zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so 'n bißchen Gestoße!«
Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: »Jungen sind verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?«
Nun erzählte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich sehr gern wichtig. Also erzählte sie allen Leuten im Wagen von den Sternbuben, und daß sie auf einmal -- haste nicht gesehen! -- verschwunden wären. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und Fräulein Evas Tränen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die wurden immer unnützer in ihrer Erzählung. Max und Moritz waren die reinen weißgewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schließlich sagte der dicke Herr, den Hulda erst so gestoßen hatte: »I du meine Güte, die müssen Haue haben, wenn sie gefunden werden!«
»Die dürfte man gar nicht einladen,« rief eine ältere Frau. »Zwei solche Rangen im Haus, na, ich danke!«
Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief: »Wächterstraße!« Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mußte, und sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die Füße und purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebäude erreicht hatte, stolperte sie über die Schwelle und rief dem wachthabenden Schutzmann zu: »Sind se da?«
»Ich bin da,« antwortete der gelassen. »Wer soll denn noch da sein?«
Hulda erzählte und fügte gleich hinzu: »Aber Haue kriegen se tüchtig!«
»Nun, dazu muß man erst die Buben haben!« meinte der Schutzmann; »alleweile sind se noch nicht da!«
So war es auch. Von Mathes und Peter war kein Zipfelchen zu sehen; niemand wußte etwas von ihnen, Hulda konnte fragen, soviel sie wollte.
Nach einer halben Stunde machte sie sich tiefbetrübt auf den Heimweg, denn weil sie Frau von Ringewald und Eva sehr lieb hatte, hätte sie, schon um denen eine Freude zu machen, die Buben gern gefunden.
Unterwegs fiel ihr zu allem Unheil noch ein, der Braten würde gewiß verbrannt sein; da brach sie in Tränen aus, und bitterlich weinend stieg sie wieder aus der Bahn. Wer weint, braucht ein Taschentuch, aber auch das hatte Hulda vergessen, so hielt sie sich die Schürze vor das Gesicht, schluchzte und schluchzte, und es war noch ein Wunder, daß sie dabei nicht die Häuser und die Gartenzäune umrannte. Auf einmal aber gab es doch einen Zusammenstoß. Bums! rannte Hulda mit jemand zusammen, und erschrocken ließ sie die Schürze sinken und sah vor sich -- die Sternbübles stehen, alle beide unversehrt und putzmunter.
Hulda schrie laut vor Überraschung. Ehe sie aber noch fragen konnte: »Woher kommt ihr?« kam Fräulein Eva aus dem Hause gelaufen. Die rief: »Gott sei Dank, da seid ihr! Wo waret ihr, wie habt ihr heimgefunden?«
Ein paar Fragen auf einmal zu beantworten, ist immer etwas schwer, und Mathes und Peter wußten auch nicht recht, was sie gleich sagen sollten, darum schwiegen sie und ließen sich in das Haus hineinziehen. Drinnen redete zuerst Hulda; die schrie: »Auf der Polizei waren sie nicht.«
»Noi,« sagte Mathes entrüstet, »wir haben doch nur auf dem Marktplätzle gestanden!«
»Und dann hat uns der Mann hergebracht,« erklärte Peter.
»Ja, und 'n Stückle Kuchen hat er uns gekauft.«
»Aber viel war's net.« Peter hielt es für besser, das gleich zu sagen, denn satt war er noch lange nicht.
Weder Fräulein Eva noch Hulda aber waren mit dieser Auskunft zufrieden. Sie fragten zugleich dies und das, bis Frau von Ringewald sagte: »Ihr macht die Kinder ja ganz verwirrt, laßt sie einmal erzählen!«
Da kam es denn heraus, daß Mathes und Peter wirklich den Marktplatz wiedergefunden hatten. Freilich, fragen hatten sie oft müssen, aber dann hatten sie auf dem Marktplatz Eva nicht mehr gesehen. Sie hatten gewartet und gewartet und schließlich angefangen zu weinen. Da war ein Mann gekommen, der hatte sie nach ihrem Kummer gefragt und gleich gesagt, als sie nur Evas Namen nannten: »Ach, Eva von Ringewald! Wo die wohnt, weiß ich, kommt nur mit!« Er hatte die Buben durch viele Straßen geführt und ihnen unterwegs, als sie arg über Hunger geklagt, in einem Bäckerladen ein Stück Kuchen gekauft. Am Anfang der Straße hier hatte er dann plötzlich gesagt, er müßte gehen, Nummer 14 wohnten Ringwalds, sie könnten nun nicht mehr fehlgehen.
»Wer mag das wohl gewesen sein?« Mutter und Tochter sahen sich erstaunt an, und beide forschten: »Wie sah der Mann denn aus?«
»Wie 'n Herr!« behauptete Mathes.
»Net wie 'n Herr!« widersprach Peter.
Und mehr wußten die Buben von dem unbekannten Helfer nicht zu sagen. Nur von seiner Freundlichkeit erzählten sie, und daß er sie bereits auf dem Augustusplatz gesehen hätte, als sie den Springbrunnen anschauten, den sie für das Museum hielten.
Ein bißchen rätselhaft war die Sache, aber schließlich waren alle im Hause nur froh, die Buben wieder zu haben, und diese waren froh, als Hulda vom Mittagessen redete, denn sie hatten gewaltigen Hunger. Und da Ida aufgepaßt hatte und alles gut geraten war, gab es ein vergnügtes Mahl. Es focht die Buben auch nicht weiter an, daß Frau von Ringewald erklärte, heute wären sie lange genug draußen gewesen, nachmittags müßten sie in ihrem Zimmer spielen. Sie begriffen dies nicht recht, denn in Breitenwert waren sie oft den ganzen langen Tag draußen, und niemand redete davon, es wäre zu viel. Aber in der großen Stadt war dies wohl anders, und schließlich war der Spielschrank verlockender als der winzige Garten und die fremde Straße mit den hohen Häusern. Mathes und Peter sagten darum sehr eifrig, sie blieben gern daheim, und als Eva sie ermahnte, ein paar Zeilen müßten sie auch an die Mutter schreiben, erklärten sie: »Wir schreiben ein Briefle, wir haben's versprochen.«
Und dann zogen sie nach Tisch vergnügt und froh und sehr tatenlustig in ihr helles Zimmer, und selbst Hulda redete hinter ihnen her: »Wenn man's recht ansieht, so schlimm sind se nicht, nur eben Jungen; man ist da nie sicher, was rauskommt. Wenn das halbe Spielzeug entzwei geht, mich soll's nicht wundern.«
Sechstes Kapitel. Der böse Brief.
Eva hatte den kleinen Gästen noch ein paar feine, bunte Briefböglein gebracht und sie ermahnt: »Vergeßt nicht, an die Mutter zu schreiben!« Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.
Es war sehr still in der Wohnung. Die Küche war im Kellergeschoß, von da drang kein Lärm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und Eva saß in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gästen sehen, aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie vergaß die beiden vollständig. Die fühlten sich auch ganz behaglich in ihrer Einsamkeit. Sie räumten erst wieder einmal den Spielschrank aus und wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: »Erst das Briefle.«
Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als er die hübschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig. »Weißt was,« sagte er, »wir schreiben zusammen, du ein Sätzle, ich ein Sätzle!«
»Fein,« erwiderte Mathes, »fang an!«
»Noi, fang du an, du bist älter!«
»Du hast's gesagt.«
Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den Gedanken, der sollte anfangen, der über beide Betten hinwegspringen könne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststück schien leicht, aber es mißlang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den Betten herum. Ein Weilchen machte ihnen das den größten Spaß, dann mahnte Mathes wieder: »Das Briefle dürfen wir net vergessen.« Er hatte es nämlich der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er würde schreiben.
»Fang an!« rief Peter.
»Noi, fang du an!«
Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie platzen. Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann stritten sie noch kichernd miteinander: »Du hast zuerst gelacht!«
»Noi, du!«
»Du!«
»Du du du!«
Schließlich fiel Mathes eines der vielen Sprichwörter ein, die Frau Tippelmann daheim in der Löwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz: »Der Klügere gibt nach. Ich fang' an.«
»Noi, ich fang' an!« Peter wollte nun doch der Klügere sein.
»Ich hab's zuerst gesagt.«
»Wir wollen losen!«
Diesen Ausweg schlug in strittigen Fällen immer Schwester Gundel zu Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen, falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte einen fangen. Die Lose ließen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen sich höchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach ihnen im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchständer begann zu tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf Peter das andere in der Waschschüssel entdeckte. Da gab es keinen Streit mehr, Mathes mußte anfangen, und er malte eifrig auf den schönsten rosafarbenen Bogen: »Liebe Mutter!« »Wir sind hier,« schrieb Peter darunter, und Mathes fügte hinzu: »Die Reise war fein.«
»Es geht uns immer gut.« Peter seufzte über das lange Sätzle, und Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und schrieb: »Wir haben uns schon färlaufen.«
»Das erzähl ich,« schrie Peter und riß dem Bruder die Feder aus der Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit über den weißen Tisch, und das rosa Böglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den Sternbübles auch selten ab, beide grämten sich daher nicht weiter darum, und Peter schlug vor: »Wir machen Küßle draus.« Da er die Feder hatte, schrieb er auch gleich: »Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind Küßle.«
Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn etwas von Küssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also schrieb er flink: »Fiele Grüße, und heute hat's Schokklatenbuhding gegeben. Dein lieber Sohn Mathes.«
»Fein!« rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.
Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spaßhaft, und da es auch noch ein himmelblaues Böglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und kein Mensch konnte den Brief lang und ausführlich nennen. Mühsam zu lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen darunter gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. »Das muß ich schreiben,« schrie er, »du darfst es aber net sehen.«
»Doch,« beharrte Peter, »ich muß es sehen.«
»Erst nachher, halt die Augen zu,« gebot Mathes, »es wird fein.«
Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder schrieb, bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand: »Die Huhldah hier ist ein äklicher Affe!«
Peter quiekte vor Vergnügen. Das war fein! Gundel mußte das wissen, und grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.
»Wir stecken's schnell ein, das darf niemand lesen.« Er begann die Umschläge zu suchen. Fräulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so viel sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. Über dem Suchen kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und über den Herrlichkeiten darin vergaßen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen, spielten und spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva kam selbst, die kleinen Gäste zu rufen, und als sie die Tintenklecksfinger sah, schalt sie: »Aber pfui, nun flink, wascht euch!«