Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte
Part 2
Das Sternenhaus war weitläufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken und Winkel, und neben dem riesengroßen Wäscheboden gab es noch allerlei geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten. Urväterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht weiter an, sie stülpten alles durcheinander, guckten in alle Schränke und Kästen hinein und entdeckten endlich ein braunes Köfferlein und eine große, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein; namentlich die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bäume und Rosen gestickt waren, fanden sie sehr schön, und sie beschlossen, Köfferlein und Tasche zu wählen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen später mit Köfferlein und Tasche das Haus verlassen und das Löwengäßle entlang streichen.
Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war wieder hell geworden, und in der Löwengasse tat sich eine Tür nach der andern auf, und große und kleine Leute spazierten aus den Häusern heraus. Mathes und Peter fanden bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die wollten Gundel besuchen und waren sehr betrübt zu hören, dies sei verboten. Sie lachten beide sehr über der Sternbuben Reisegepäck; das Köfferlein fanden sie schäbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und Steffen Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schön wären Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit als gar nicht.
»Sternbuben, wo soll's denn hingehen?« Vor den Kindern blieb ein kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom Bäckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das Bäckerfräulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder neckten sie, weil das Bäckerfräulein auf jeden Spaß hereinfiel und dann selbst so herzhaft darüber lachen konnte.
»Nach Leipzig fahren wir,« schrien die Sternbuben stolz.
»Jemine, jetzt gleich?«
»Ja freilich, jetzt gleich!«
»In einer halben Stunde geht der Zug!« rief Veit.
»Jemine, da müßt ihr euch aber eilen!«
Die Kinder lachten, und das Bäckerfräulein regte sich auf. Es gehörte nämlich zu den Menschen, die immer Angst haben, sie könnten zu spät auf die Bahn kommen. »Geht nur, geht, eilt euch! Jemine, und so allein sollt ihr fahren?« Das Bäckerfräulein sah so ängstlich drein, daß den Kindern ihre Neckerei leid zu werden begann. Aber dann war es doch wieder sehr lustig, so auf der Löwengasse einen herzbewegenden Abschied zu nehmen, mit dem heimlichen Gedanken, wir gehen nachher in den Laden und erzählen alles.
»Sputet euch nur, sputet euch nur!«
Die Kinder rannten wirklich die Löwengasse hinab, und das Bäckerfräulein winkte und nickte ihnen noch zu, wünschte glückliche Reise, eine gute Heimkehr, und dabei wuchs der Sternbuben Reiselust noch mehr. »Wir wollen auf den Bahnhof gehen,« riefen sie.
»Ha, fein!« Die andern Kinder waren damit einverstanden, und alle sechs marschierten nun miteinander nach dem kleinen Bahnhof. Das war ein Spaß! Sie wurden unterwegs ein paarmal gefragt, wohin die Reise gehen sollte, und jedesmal antworteten Mathes und Peter keck: »Wir reisen nach Leipzig, jetzt gleich!«
Breitenwert hatte nur einen kleinen Bahnhof. Viele Züge hielten da nicht, und die großen Schnellzüge fuhren immer sehr hochmütig an dem Städtchen vorbei, und nur die Bummelzüge ruhten sich behaglich ein Weilchen aus, ehe sie weiterdampften. Und just als die sechs Löwengäßler auf dem Bahnhof anlangten, stand so ein gemächliches Zügle da, und seine Lokomotive pustete, als wollte sie sagen: »Kommt mit, liebe Leute, kommt, kommt!«
O die Glücklichen, die dem Ruf folgen konnten! Sehnsüchtig sahen die Kinder auf den Bahnsteig hinaus, sie wären gern alle miteinander in den Zug gestiegen, nur mal hinein und wieder hinaus!
»Macht doch, daß ihr hier wegkommt!« brummte der Beamte an der Sperre. »Kinder haben hier nichts zu suchen.«
Oho, wenn man in sieben Tagen nach Leipzig reisen will, da kann man sich den Bahnhof doch genau ansehen! Die Sternbuben sahen aus wie der leibhaftige Widerspruch, und Peter krabbelte in seiner Hosentasche herum, vielleicht fand sich doch ein Gröschle, um eine Bahnsteigkarte zu lösen. Doch das Gröschle -- es war längst ausgegeben -- fand sich nicht, auch die Grills hatten kein Geld, und sie brummten auch: »Mal so raus könnte uns der Schaffner doch lassen!«
Alette Amhag sah die Sehnsucht ihrer Freunde, und sie konnte helfen. Sie hatte von ihrem Vater Geld bekommen, um ihrer Puppe ein neues Kleid zu kaufen. Doch Puppen müssen nicht so eitel sein und immer neue Kleider haben wollen, dachte sie und zog ihr Geldbeutelchen heraus. Vier Groschen waren drin und eine blanke Mark, vier Groschen -- damit kamen vier Buben auf den Bahnsteig. Sie flüsterte Trinle ihren Plan zu, und obgleich Trinle auch gern hinausgegangen wäre, sagte sie doch: »Ja, die Buben sollen gehen.«
Und ein paar Augenblicke später marschierten vier Buben stolz durch die Sperre an dem erstaunten Beamten vorbei. Mathes und Veit trugen den Koffer, Peter die bunte Tasche, und Steffen sagte hochmütig: »Ich werde Plätze suchen.«
Sie kletterten auch wirklich alle vier in ein Abteil zweiter Klasse hinein, klapp! flog die Türe zu, und Trinle und Alette bekamen Grüße zugewinkt. Sie nickten wieder und riefen: »Gute Reise!« bis sie sahen, wie der Schaffner am Zuge entlang lief und die Türen schloß. Da erschraken sie. »Kommt raus, kommt raus!« schrieen sie laut.
Doch die Buben hatten auch gemerkt, es geht fort, und sie wollten eiligst aussteigen. Steffen suchte die Türe zu öffnen, es ging nicht. Veit versuchte sein Heil, Mathes half, Peter half, pffpffpff, tat da die Lokomotive und -- fort ging der Zug.
Die beiden Mädels schrieen verzweifelt: »Sie fahren weg, sie fahren weg!«
»Brüllt doch net so!« rief der Mann an der Sperre unwirsch.
»Was fehlt euch denn?« fragte der Bahnvorsteher milder.
Da erzählten Alette und Trinle, und der Beamte runzelte die Stirn und sagte, die Buben müßten Strafe zahlen, viel.
»Aber sie sind doch gar nicht da!« jammerte Alette.
»In Himmelsberg hält der Zug schon, bis dahin ist's ein halbes Stündle, da werden sie schon wiederkommen! Aber nachher müssen sie zahlen, sonst werden sie eingesperrt.«
Das war ein schlechter Trost.
»Aber wenn sie nun immer weiter fahren?« rief Trinle weinend.
»Dürfen sie gar nicht. In Himmelsberg werden sie aus dem Zug geholt; ich bestelle das gleich mit dem Fernsprecher! Und nun geht heim, Kinder haben auf 'nem Bahnhof nichts zu tun. Den Buben ist Strafe gesund.«
Die Mädel seufzten und weinten, weinten und seufzten, das Heimgehen ohne die Buben machte ihnen wenig Spaß. Sie beschrieben allerlei Umwege und gingen um die Löwengasse herum wie die Katzen um einen heißen Hirsebrei, sie fürchteten die Frage: Wo sind die Buben?
Diese fuhren unterdessen ein Stücklein in das Land hinein, ohne gerade viel Vergnügen von der Fahrt zu haben. Daß der Zug in Himmelsberg hielt, wußten Veit und Steffen wohl, aber wie sollten sie dort ohne Fahrkarten vom Bahnhof herunterkommen? Und Geld hatten sie alle vier nicht, um die Fahrkarten zu bezahlen, darum ahnten sie alle vier, es würde bös werden.
Es wurde auch bös. In Himmelsberg öffnete der Herr Bahnvorsteher den vieren selbst das Abteil, er ließ ein kräftiges Donnerwetter auf die vier Schelme niedersausen, und dann verlangte er Geld, viel Geld. Die vier dachten an ihre schlecht gefütterten Spartöpflein, o weh, wenn sie die bis auf den Grund leerten, so viel war nicht drin!
Was war da zu tun?
»Geht einstweilen hinaus, nachher reden wir noch zusammen.« Des Herrn Bahnvorstehers Stimme grollte, er sah bitterböse aus, dabei war aber doch so ein heimliches Blinken in seinen Augen, daß Steffen, der es sah, ein wenig Hoffnung schöpfte. Er ging aber auch neben den andern wie ein begossenes Pudelchen durch die Sperre, trapp, trapp, und dann waren sie draußen, niemand sah nach ihnen, niemand fragte sie.
Ein Weilchen standen die vier beisammen, bis sie begriffen, daß, wenn sie jetzt recht liefen, sie in einer halben Stunde in Breitenwert sein konnten. Würde man sie nicht zurückhalten?
Kein Mensch ließ sich blicken. Der Zug fuhr fort, und da machten es die vier ihm nach, sie rannten auch fort. Fünf Minuten lang rannten sie und redeten kein Wörtchen, bis endlich Peter den Mund auftat und rief: »Ich hab' das Täschle liegen lassen!«
Die schöne, buntgestickte Tasche fuhr mit dem Zug in die weite Welt. --
Alette Amhag und Trinle Grill bogen gerade beim Obermarkt in die Löwengasse ein, als vom Untermarkt her die vier Buben angerast kamen. Heil und unversehrt, nur etwas niedergeschlagen wegen der verlorenen Tasche.
»Und der Koffer, wo ist denn der?« fragte Trinle emsig.
»Veit hat ihn!«
»Nein, du hast ihn, Mathes!«
»Ich net!«
»Ich auch net!«
Ja, wo war er? Auf dem Bahnhof in Himmelsberg hatten die Buben das Köfferle noch gehabt, später auch noch, als sie sich ausgeruht hatten, aber dann war Mathes davongelaufen und Peter davongelaufen, und weil der Koffer keine Beine hatte, war er stehengeblieben.
Tasche weg, Koffer weg, was würde die Mutter dazu sagen!
»Ihr dürft vielleicht net reisen!« Trinle sah äußerst bekümmert drein, Alette weinte ein bißchen vor Mitleid, die Buben stöhnten, und der Abschied von der Löwengasse fiel nicht so vergnügt aus wie die Begrüßung. Die Sternbübles ließen die Nasen hängen, als sie den Silbernen Stern betraten, und Mathes tuschelte Peter zu: »Wir sagen's morgen Gundele, und vielleicht sagt's Gundele der Mutter und vielleicht --«
»Wer hat denn heute den Bodenschlüssel gehabt?« Die Frage dröhnte den beiden entgegen wie ein Kanonenschuß. Mina stand im Hausflur und sah sehr grimmig drein. »Na, raus mit der Sprache, wer ist auf dem Boden gewesen?«
Nun kam alles heraus.
»Die dürfen net reisen!« rief Mina entrüstet. »Das schöne, bunte Täschle haben sie verschleppt und 's Köfferle von ihrem Großvater dazu. Die müssen daheimbleiben.«
Ganz so streng sprach die Mutter nicht, aber sie redete auch von Zuhausebleiben, wenn die Buben in den nächsten Tagen noch ein Dummheitle machten.
»Dann müssen die gerade alle sieben Tage im Bett bleiben,« schalt Mina. »Frau Hinz, lassen sie die net reisen, die stellen ganz Leipzig auf den Kopf, zwei solche Unnützle, wie die sind.«
Mathes und Peter gelobten wieder einmal der Mutter reumütig, sie würden schrecklich brav sein, und kein Bube legte sich in Breitenwert an diesem Abend mit besseren Vorsätzen in das Bett, als es Mathes und Peter Hinz taten. Lobstriche wollten sie noch in der Schule bekommen, sich nicht einmal mehr die Hösle zerreißen, ganz wunderbar sollte es werden. Und dann schliefen sie ein und träumten seltsame Dinge: dem Peter fuhr eine Lokomotive ins Bett hinein, und das Bäckerfräulein war Lokomotivführer, und Mathes saß mit der bunten Reisetasche irgendwo mutterseelenallein in der Welt, und er schrie vor Angst laut nach der Mutter. Er schrie und schrie, bis er der Mutter Stimme hörte, die beruhigend an sein Ohr klang: »Buben, aufstehen, es ist Zeit!«
Hurra, wieder eine Nacht vorbei!
»In sechs Tagen reisen wir!« schrieen die Buben.
»Wenn ihr brav seid und keine Dummheitles macht,« sagte Mina von der Türe her.
»Pah, wir sind nie --«
Mehr sagten die Buben nicht, sie steckten die Köpfe in die Waschschüsseln; Mina machte so ein sonderbares Gesicht, das war recht unbehaglich.
»In sechs Tagen reisen wir!« Die Buben riefen es Gundele zu, der es wieder besser ging. »In sechs Tagen!«
»Wenn -- wenn ...!« echote da Mina wieder.
Drittes Kapitel. Die Ankunft.
Es war sechs Tage später. Auf einem der vielen Bahnsteige des großen Leipziger Bahnhofes schritten zwei Damen auf und ab. Die ältere der beiden, die Frau Geheimrätin von Ringewald, sah sehr blaß und traurig aus, und ihre Tochter Eva bemühte sich, sie durch allerlei lustige Worte zu erheitern. »Paß auf, Mutter,« sagte sie, »die beiden Buben werden uns viel Spaß machen.«
»Ich weiß nicht recht, Eva,« antwortete die Geheimrätin, »ob es nicht eine Torheit war, die Buben einzuladen. Was sollen wir mit ihnen anfangen?«
»O, ich spiele mit ihnen und zeige ihnen unsere Stadt,« rief Eva vergnügt, und ihr liebliches Gesicht strahlte wie ein junger Frühlingsmorgen. »In das Museum führe ich sie, in den zoologischen Garten, überall hin, ich freue mich schon darauf!«
Die Geheimrätin lächelte wehmütig. Sie wußte genau, daß sich ihre Tochter nur auf den Besuch freute, weil sie ihr damit eine Zerstreuung zu schaffen gedachte. »Mein gutes Kind, du,« flüsterte sie leise, »wenn ich dich nicht hätte!«
Die schöne Eva von Ringewald unterdrückte einen tiefen Seufzer. Der galt dem großen Leid, das der Mutter und ihr Leben trübte, und sie sagte tapfer, sich zum Fröhlichsein zwingend: »Jetzt werden sie gleich kommen, in einer Minute werden sie da sein; wir wollen sie schon heiter empfangen, gelt, mein Goldmuttel?«
Die Geheimrätin konnte nicht mehr antworten, denn der Zug, der die Sternbübles nach Leipzig bringen sollte, fuhr just ein. Mit Puffpaff und lautem Gepfeife lief er in den Bahnhof ein. Die Türen wurden aufgerissen, Menschen stiegen aus, da und dort ertönten frohe Willkommrufe, Gepäckträger wurden herangewinkt, und ein paar Minuten war der Bahnsteig von lautem Getöse erfüllt. Doch alle hasteten, so schnell sie konnten, dem Ausgang zu. Der Bahnsteig leerte sich, und nach ein paar Minuten stand die Geheimrätin mit ihrer Tochter nur noch allein am Zug, dessen Türen ein paar Schaffner schlossen.
»Sie sind nicht gekommen,« rief Eva traurig.
»Aber ihre Mutter hat doch heute gedrahtet, sie wären abgefahren.« Frau von Ringewald sah sehr besorgt drein. »Wenn ihnen nur nichts zugestoßen ist!« sagte sie ängstlich.
»Vielleicht sind sie irgendwo sitzengeblieben.« Eva lief noch einmal den Zug entlang, und in diesem Augenblick rief ein Schaffner in ein Abteil hinein: »Hallo, hallo! Was macht denn ihr da drinnen?«
Neugierig blickte Eva in das Abteil und sah darinnen auf den Bänken zwei Büblein liegen, die so fest schliefen, als lägen sie um Mitternacht in ihren Betten.
»Das sind sie,« rief Eva, »ganz sicher, das sind sie!«
Der Schaffner grinste. »Wollen Sie die abholen, Freileinchen?«
»Ja,« antwortete Eva, »die Beschreibung paßt.« Und sie rief laut die Namen: »Mathes, Peter, wacht auf!«
»Rrrrrr« schnarchte der eine, »pff, pff« schnaufte der andere.
Der Schaffner lachte. »Na, die haben einen gesegneten Schlaf,« meinte er, »die muß man anders wecken!«
Und geschwinde kletterte er in das Abteil hinein und hob eins, zwei die Buben von den Bänken und stellte sie hin. »Aufwachen!« schrie er.
Da rissen die Sternbübles, denn sie waren es wirklich, ihre Augen so weit auf, so weit es ging. Weil ihnen die Umgebung aber gar zu fremd vorkam, dachten sie, sie träumten noch, und fanden, ausgeschlafen hätten sie noch nicht, und, pardauz, lag der Peter rechts auf der Bank und Mathes links auf der Bank und rrrrrr, pff, pff schnarchten und pusteten alle beide weiter.
Ein zweiter Schaffner und ein Gepäckträger waren inzwischen herbeigekommen, auch die Geheimrätin stand vor dem Abteil, und alle miteinander lachten über die verschlafenen Büblein.
»Die können's!« sagte der zweite Schaffner, und flugs kletterte er auch in den Wagen, er packte Peter, sein Kamerad packte Mathes, und beide trugen die Buben auf den Bahnsteig, und dort setzten sie sie so fest auf den Boden, daß die Sternbübles nun wirklich munter wurden.
Sie gähnten, sahen sich an, sahen sich um, und weil ihnen die ganze Sache etwas sonderbar vorkam, brachen sie in ein lautes Geschrei aus. Das Brüllen nun verstanden die Sternbübles ausgezeichnet. Daheim in Breitenwert, in der Löwengasse, sagten die Leute nicht: »Der brüllt wie ein Ochse,« sondern: »Der brüllt wie die Sternbübles,« wenn jemand zu arg schrie.
Und wenn die beiden schrieen, dann sah Mathes den Peter an und Peter sah den Mathes an, und bei allem Schmerz und Kummer dachten sie meist: Ich kann's noch lauter.
So ein mörderliches Geschrei war man aber auf dem Bahnhof von Leipzig nicht gewöhnt. Ein paar Beamte liefen noch herbei, der Zeitungsmann, einer, der Früchte und Keks verkaufte, alle kamen sie, und alle fragten sie: »Was ist los, was fehlt den beiden?«
Eva versuchte die Buben zu trösten. »Seid doch ruhig!« bat sie. »Ihr seid ja am rechten Ort. Kommt, wir fahren jetzt mit einem Wagen zu uns!«
Doch Eva konnte viel reden, die beiden brüllten weiter.
»Mit denen muß man deutsch reden,« brummte der erste Schaffner. Und plötzlich brüllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an: »Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die Lokomotive!«
Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still waren sie beide.
»Endlich!« sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den beiden werden! dachte sie bekümmert. Wären die nur erst wieder da, wo sie hergekommen sind!
Vorläufig schienen die Sternbübles aber gar nicht an die Rückreise zu denken. Nun sie den ersten Schreck überwunden hatten, wurden sie ganz zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten Tag und streckten ihnen ihre Hände hin. An denen klebte viel Kohlenstaub und Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein säuberlich sahen die Sternbübles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter waren so schwärzlich, als hätten die Buben schon in der Lokomotive gesteckt.
»Na, nun kommt nur!« sagte die Geheimrätin bedrückt. Ihre Freude über den Besuch war nicht sehr groß. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an der Hand, Eva führte Peter, ein Träger trug das Köfferlein der beiden, und so gelangten sie alle an die Sperre.
»Eure Fahrkarten,« mahnte Eva, »die müßt ihr hier abgeben.«
Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bübles sehr dringlich eingeschärft, die Karten zu hüten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten zu verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklärten jetzt beide wie aus einem Munde: »Die Fahrkärtle können wir net zeigen.«
»Aber ihr müßt sie doch abgeben!« rief Eva.
»Nur heraus damit!« sagte der Beamte an der Sperre. »Schnell, schnell, ich mache hier gleich zu!«
»Die Fahrkärtle wollen wir behalten,« behaupteten die Buben ganz unverzagt.
»Nein, die müßt ihr abgeben, sonst -- sonst --«
»Kommt ihr in die Lokomotive,« half der Schaffner Eva, die nicht wußte, was sie den Buben androhen sollte.
Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da waren die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schüttelte ein wenig den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: »Na, euch merkt man's an, daß ihr noch nicht viel gereist seid!«
»Viel Vergnügen in der großen Stadt!« rief ihnen der Zeitungsmann noch spöttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so fröhlich und freundlich: »Danke schön!« daß Frau von Ringewald dachte, sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!
Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren vor lauter Sehen und Sichwundern so müde geworden, daß sie zuletzt eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.
Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!
Die Sternbübles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie gleich recht viele auf einmal.
Und so groß waren die Häuser, so viele Menschen gab es, und die rannten alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es irgendwo brannte oder sonst etwas los war.
Die Bübles drehten sich wie Windmühlenflügel, sie schauten nach rechts, nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoßen, und Eva und ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke drin hatten. O je, das war eine mühsame Sache, mit den beiden vorwärts zu kommen!
Das Gepäck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hüh, und im rechten Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los. Durch viele Straßen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbübles wurden immer größer, immer ängstlicher schauten die beiden drein, und als der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und Eva sagte: »Hier wohnen wir,« da ergriff die beiden eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der Löwengasse, und Mathes rief jammernd: »Ich möcht' heim!«
»Ich auch,« schrie Peter nicht minder ängstlich.
Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrüll auf dem Bahnhof, und sie sagte rasch: »Erst müßt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewiß hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!«
Das war ein Wort!
Die Sternbübles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darüber vergaßen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergnügt aus dem Wagen.
Aus dem Hause kam ein älteres Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen. Es war die Köchin Hulda. Die sah Mathes und Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden über die Schwelle stolperten, brummte Hulda: »Na, die sehen aus, als machten sie lieber zehn Dummheiten als eine.«
»Aber Hulda!« sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. »Die Buben sind so nett und bescheiden und nur ein bißchen schüchtern; die werden sicher nicht viel Mühe machen.«
»Naaa!« Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim Aussteigen, nahm das Gepäck und folgte den andern in das Haus hinein.
Ringewalds bewohnten das Erdgeschoß, das sehr groß und geräumig war, und zu dem auch ein mäßig großer Garten gehörte, der auf der Rückseite des Hauses lag. Den Sternbübles aber, die an ihr geräumiges Heimathaus gewöhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen mußten, recht klein und nicht sehr prächtig; Verstecken spielen ließ sich schwer darin.
»Erst mal waschen!« sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hände gar nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles schneeweiß und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei Waschtische, und das allerschönste war ein weißes Schränkchen, hinter dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.
»Das ist für euch, wenn ihr recht artig seid,« erklärte Hulda, als sie sah, wie verlangend die Bübles nach dem Schränkchen schielten. »Aber erst wird gewaschen.«
Nun waren die Sternbübles gar nicht gegen eine tüchtige Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am hellichten Tage waschen sollten, während ihnen ein Schrank mit allerlei wundersamen Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht. Kaum also hatte Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum Schrank hin, um dessen Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der Schrank verschlossen, und Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als ihre Nasen an die Scheiben pressen und alles von außen ansehen.
Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und Pferde, und just überlegten sie, was sie damit spielen wollten, als Hulda wieder in das Zimmer trat. »Jemine,« schrie die, »ihr seht ja immer noch wie ein paar Feuerrüpel aus, und, ach du meine Güte, den Schrank habt ihr ja ganz beschmiert! Ich dacht' es mir gleich, mit euch beiden kommt nur Ärger ins Haus.«