Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Part 13

Chapter 131,626 wordsPublic domain

Fritz von Ringewald, der kein Buchhändler hatte werden wollen, weil er seine Geige zu sehr liebte, sagte doch: »Dann wirst du etwas Tüchtiges, Peter. Halt dran fest! Auf meiner Wanderschaft bin ich weit herumgekommen; so viele Buchläden wie in Deutschland habe ich kaum irgendwo gefunden. Das hat mich immer stolz gemacht, weil ich daran erkannte, daß wir vorangehen in der Welt.« Und ganz leise, nur Eva konnte es hören, fügte er hinzu: »Dem Onkel hab' ich manch bitteres, trotziges Wort im stillen abgebeten. Doch nun heim, und heute nachmittag --«

»Das Denkmal sehen,« fiel Eva ein, »sonst fahren sie ab und haben es nicht gesehen.«

Es war schon beinahe eine Reise hinaus zum Völkerschlachtdenkmal, das weit draußen im Osten der Stadt liegt. Unterwegs erzählte Eva den Buben von der gewaltigen Schlacht der Völker, von dem großen Befreiungskampf gegen Napoleon. Und die Buben verrenkten sich bald die Hälse, um das riesengroße Denkmal ja bald zu sehen. Sie dachten, bis zum Himmel müßte es reichen, und als sie dann ausstiegen und vor dem großen Steinkoloß standen, schwiegen sie muckstill.

Die junge Tante, die diesmal allein mit ihren Schützlingen hinausgefahren war, wartete auf etliche Ah- und Ohrufe, und als die nicht kamen, fragte sie: »Nun, was sagt ihr, gefällt es euch?«

Da guckten die wunderfitzigen kleinen Buben aus dem Breitenwerter Löwengäßle das große Steindenkmal von oben bis unten an und riefen geringschätzig: »Arg groß ist das aber net, unser Kirchturm ist höher!«

Und dabei blieben sie. Eva erstieg mit ihnen die hohen Steintreppen, ließ sie das Denkmal von innen und außen beschauen, und die Bübles nickten und freuten sich, aber weil das Denkmal nicht bis zum Himmel reichte, fanden sie es doch nicht so groß wie den Turm der Breitenwerter Stadtkirche. Es war auch ein Tag, an dem die Ferne im feinen Nebeldunst verschleiert lag, und dieser graue Schleier über der Stadt gefiel den Buben noch weniger. Eva war ganz ärgerlich. Sie hatte erwartet, die Buben würden vergehen vor Staunen, und nun taten sie, als wäre so ein gewaltiges Denkmal ein Pappenstiel.

Auf dem Heimweg -- es dämmerte noch, als sie am Hause ankamen, -- trafen sie Annedore mit Herta und Irene. Mit den beiden waren Mathes und Peter noch nicht wieder zusammengekommen, und die Mädel rächten sich für Nichtbeachtung, taten hochmütig, und Herta fragte, als Eva in das Haus hineingegangen war: »Nun, ihr staunt wohl immer noch Leipzig an! Wo ward ihr denn?«

»Beim Denkmal waren sie,« rief Annedore. »Nicht wahr, das ist fein? So schrecklich groß!«

»Noi,« sagte Mathes geringschätzig, »so arg groß ist das doch net!«

»Unser Kirchturm ist viel, viel höher.« Peter sah in die Luft, als erblicke er oben neben den Wolken des Kirchturms Spitze.

Dies war den beiden kleinen Leipzigerinnen aber doch zu arg. Was, diese Kleinstadtbuben wollten nicht ihr großes, berühmtes Denkmal anerkennen? Das war zu frech! Sie fingen an, wie zwei Rohrspätzlein zu schelten und zu streiten, nannten die Buben dumm und eingebildet und wer weiß noch was.

Doch Mathes und Peter blieben die Antwort nicht schuldig. Sie riefen manches Wort, das von ihrem Freunde, dem Hausknecht im Silbernen Stern, stammte. Immer heftiger wurde das Streiten. Annedore bat und schalt, sie sollten Frieden halten, aber vergebens. Die Buben zischten wie ein paar Dampfkessel, die Mädel kreischten wie die schönen bunten Papageien im Zoologischen Garten, und plötzlich rannten Mädel und Buben fuchswild auseinander. Die Gartenfreundschaft war für immer vorbei.

Annedore stand allein auf der stillen Straße. Sie weinte und dachte grollend: Die Jungen waren zu grob. Nun geh' ich auch nicht auf den Bahnhof, wenn sie abfahren.

Am übernächsten Tag aber stand Annedore dann doch an dem Zug, in den die Sternbübles stiegen, um heimzufahren, und der Abschied wurde ihr bitterschwer. Den Buben auch. Trotzdem taten sie, als wäre Abschiednehmen eine höchst vergnügliche Sache. Onkel Fritz hatte nämlich gesagt: »Buben weinen nicht auf Bahnhöfen.« Und weil Mathes und Peter nicht weinen wollten, lachten sie; sie grinsten ganz fürchterlich und seufzten schwer, denn die dummen Tränen saßen ihnen schon in den Augen und wollten rinnen.

Tante Eva war ein bißchen ängstlich, das Alleinreisen gefiel ihr nicht. Sie gab allerlei Ermahnungen, aber zwei Buben, die vierzehn Tage in einer großen Stadt waren, können doch allein wer weiß wohin fahren! Mathes und Peter hatten das Gefühl, ungeheuer klug und welterfahren zu sein; sie kletterten in das Abteil hinein, wieder heraus, wieder hinein, wie zwei, die jeden Tag eine Reise tun. Doch nun ertönte ein schriller Pfiff. Der Schaffner schrie: »Einsteigen!«

Die Türen wurden zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung.

In diesem Augenblick erschien den Buben der Abschied doch eine schreckliche Sache zu sein, sie heulten laut, winkten mit den Taschentüchern, und Eva lief erschrocken am Zuge entlang. »Fallt nicht heraus, fallt nicht heraus!« mahnte sie.

Mathes und Peter fielen nicht heraus, sie hörten auch auf zu weinen, und weil es ihnen aus Kummer sehr unbehaglich ums Herz war, fingen sie an zu schmausen. Hulda hatte gut vorgesorgt, sie hatte gedacht, mit dem Vorrat können die beiden wohl bis nach Amerika reisen. Doch es langte gerade bis nach Breitenwert. Mathes schluckte just das letzte Krümchen hinunter, als die Heimatstadt vor den Blicken der beiden auftauchte.

Aller Abschiedschmerz war längst vergessen, sie freuten sich beide auf die Ankunft. Wer wohl alles am Bahnhof war, um sie einzuholen? Die Mutter sicher und Gundel dazu. Vielleicht kamen aber auch die Freunde aus der Löwengasse, Alette Amhag und die Grills. Ja, vielleicht selbst Frau Tippelmann und Herr Häferlein! Vielleicht stand der ganze Bahnsteig voll Menschen, die alle die Sternbuben begrüßen wollten, denn sicher wußten es in Breitenwert alle: »Heute kommen sie!«

Und der Silberne Stern war sicher mit einem Kranzgewinde geschmückt, und Mina hatte Kuchen gebacken, und wer nicht auf dem Bahnhof war, schaute zum Fenster hinaus; vielleicht riefen sie auch: »Hurra, sie kommen!«

Da hielt der Zug, der Schaffner rief: »Breitenwert!« Doch wenn eine Dame die Buben nicht ermahnt hätte: »Jetzt müßt ihr aussteigen, schnell, es ist nur eine Minute Zeit,« die beiden wären vor lauter Ankunftsfreude sitzen geblieben.

Sie kamen aber noch zur rechten Zeit aus dem Wagen, der Zug fuhr weiter, und Mathes und Peter sahen sich um.

Es war niemand da!

Es war überhaupt ziemlich still auf dem Bahnhof. Die paar Leute, die angekommen waren, eilten fort, und schließlich entschlossen sich die Buben auch durch die Sperre zu gehen. Der Beamte nahm ihre Karten und sagte -- nichts. Er wunderte sich nicht über ihre Heimkehr, es wunderte sich überhaupt niemand auf dem Bahnhof darüber. Fragend blickten die Buben jeden an; niemand fragte nach dem Woher und Wohin. Zu einer Frau, die manchmal in den Silbernen Stern kam, sagten die Buben: »Guten Tag!« Da nickte sie, sah auf ihr Köfferlein und fragte so nebenhin: »Ihr holt wohl Fremde ab?«

Ganz verdattert machten sich die Buben auf den Heimweg. Es war still im Städtchen, ganz sonderbar kam es den beiden vor. Sie trafen nur wenig Menschen auf der Gasse, und von diesen wunderte sich auch niemand über ihre Heimkehr, niemand fiel vor Erstaunen um, niemand sah die Weitgereisten ehrfürchtig an. Nun bogen sie in die Löwengasse ein. Es dämmerte schon, und auf der ganzen Gasse ging nur Bäckermeister Herings Hund spazieren. Aus der Linde und Rose kamen nicht die Kamerädles herausgestürzt, Herr Häferlein trat nicht vor seine Ladentür, Frau Tippelmann sah nicht zum Fenster hinaus. Und da war der Silberne Stern.

Kein Kranzgewinde schmückte sein großes, rundes Tor, ganz still lag das stattliche alte Haus da. Die Buben setzten ihr Köfferlein ab und sahen sich um; kam denn wirklich niemand, sie zu begrüßen? Sie wollten rufen, aber sie brachten kein Wort hervor.

Denn plötzlich erfaßte sie beide eine furchtbare Angst. Vielleicht waren alle aus Breitenwert weggezogen, gestorben oder sonst etwas. Sie ließen ihren Koffer stehen, rasten durch den Flur, rissen die Küchentüre aus und schrieen: »Wir sind da!«

»Alle guten Geister! Unsere Bübles!«

»Mathes! Peter!«

Da waren die Mutter und Gundel, Mina, Käthle -- alle waren da. Von einer Bank hopsten Trinle und Kasperle Grill und Alette Amhag herab, Frau Tippelmann stand auch mitten in der Küche, und alle miteinander fragten: »Aber wo kommt ihr denn auf einmal her, warum habt ihr nicht geschrieben?«

Nicht geschrieben?

Mathes griff erschrocken in seine Tasche. Da knisterte ein Brieflein; vor drei Tagen hatte er es in Leipzig in den Kasten stecken sollen. In dem Brieflein aber stand: »Wir kommen Montag!«

»Es flog ein Gänslein über den Rhein und kam als Gickgack wieder heim,« sagte Frau Tippelmann.

»Zum Kuckuck, welcher Esel hat denn da draußen seinen Koffer auf der Gasse stehen lassen!« brüllte Friedrich plötzlich im Flur. Er steckte den Kopf zur Türe hinein. »Herr Baldan ist eben darüber hingefallen. So 'ne Dummheit!«

Da sah er die Buben, und plötzlich ging ihm ein Lichtlein auf. »Ihr seid 's gewesen!« rief er. »Na ja, man merkt's, gescheiter seid ihr net heimgekommen!«

Die Buben hörten es und hörten es nicht, denn die Mutter hielt sie fest umschlungen, und Gundel zerrte an ihnen herum, und beide sagten: »Gott sei Dank, daß ihr wieder da seid, wir haben uns schrecklich gebangt!«

»Wir auch!« riefen die Kamerädles alle.

»Ich auch!« sagten Mina und Käthle. --

Das Heimkommen ist eben doch eine schöne Sache, selbst wenn es keinen feierlichen Empfang gibt!

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 20]: ... Tasche unde Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber ... ... Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber ...

[S. 99]: ... Huldas Tränen floßen aufs neue. Unter Tränen ... ... Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen ...

[S. 140]: ... Augen, und sie sagte taurig: »Nun habe ich mich wieder ... ... Augen, und sie sagte traurig: »Nun habe ich mich wieder ...

[S. 196]: ... mein Großvater Schurzelpurzelwuppdiwupp. Bei ... ... mein Großvater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei ...

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