Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Part 12

Chapter 123,883 wordsPublic domain

Hulda sah zur Decke auf, als liefe dort oben Tante Eva herum, und dann fing sie auf einmal an, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, und dabei lachte und weinte sie, und wenn die Buben sagten: »Wir wollen Tante Eva suchen,« dann nickte sie und redete davon, was sie alles sehen wollten. »Wir gehen ins Zaubertheater,« sagte sie, »und ins Lichtspiel und meinetwegen zu den Affen und dem Messerfresser, oder ich weiß nicht was er frißt; irgend einer, der irgend etwas Komisches frißt, ist immer da.«

»Aber Tante Eva --«

»Ja, ja, Jungchens, die finden wir schon! Und vielleicht ist sie auch nach Hause gegangen, und ihr wollt doch noch Luftschaukel, Karussell und Rutschbahn fahren und Kasperle sehen, auch 'ne Trommel könnt ihr kaufen und 'ne Trompete oder sonst was. Wenn's auch lärmt, das schadet nichts. Und dann gehen wir noch zum Mann mit zwei Köpfen. Nee, vielleicht ist das 'n Kalb, oder vielleicht sind's vier Beine und nicht zwei Köpfe, was auch erstaunlich wunderbar ist.«

»Aber Hulda,« schrie Mathes, »ein Kalb hat doch immer vier Beine!«

»Ja, ja, meinetwegen sechse!« Hulda trank und trank aus ihrer Tasse, dabei hatte sie gar keinen Kaffee mehr drin, und als die Buben darob lachten, lachte sie ganz laut mit, aber dann liefen ihr doch wieder die Tränen über die Backen, und sie brummelte vor sich hin: »Das ist 'n Tag, ach du lieber Himmel, was wird meine liebe gnädige Frau sagen!«

Mathes und Peter fanden Hulda sehr sonderbar, aber die verheißenen Herrlichkeiten lockten sehr, und sie bettelten: »Komm doch, vielleicht finden wir Tante Eva dort!«

»Ja, ja, wir wollen gehen. Vielleicht wollt ihr auch noch die Wachsfiguren sehen.« Etwas viel hatte sich Hulda schon für diesen Nachmittag vorgenommen. Der hätte von Gummi sein und sich über drei Tage hinziehen müssen, um alle Pläne ausführbar zu machen. Und nachher hatte Hulda im Zaubertheater nicht einmal bis zum Ende Geduld. Es sei langweilig, behauptete sie, und als die Vorstellung zu Ende war und die nun dachten, jetzt kommen die Affen, der fressende Mann, Kasperle, die Lichtspiele und die Luftschaukel dran, rief Hulda: »Jemine, schon so spät! Wir müssen jetzt rasch nach Hause gehen, und überhaupt, ohne Fräulein Eva ist es doch nichts!«

Es blieb kaum noch Zeit, um Trommel und Trompete zu kaufen. Hurlebusch! ging das, und die Sternbuben liebten doch das lange Aussuchen sehr. »Sputet euch, schnell, schnell, wir müssen nach Hause, es wird dunkel!«

»Nee, Madamchen, das wird nicht so schnell dunkel,« sagte die Trommelfrau, »das bleibt noch lange hell.«

»Unsinn, gleich wird's dunkel!«

»Na, so was!« Die Trommelfrau ärgerte sich. »Sie sind wohl dem heiligen Petrus seine Tante, daß Sie das besser wissen als unsereins?« brummte sie. »Die jungen Herren wollen sich doch ordentlich was aussuchen für ihr Geld. Vielleicht noch 'ne kleine Drehorgel gefällig und für jeden 'ne Mundharmonika?«

Die »jungen Herren« fuhren den Sternbuben gewaltig in die Nase. So waren sie noch nie genannt worden, und vor lauter Dankbarkeit hätten sie der Frau am liebsten ein Dutzend Musikinstrumente abgekauft. Doch darüber ließ sich mit Hulda nicht reden; die tippte einfach auf eine Trommel und eine Trompete, sagte: »Die sind gut!«, zahlte geschwind, und fort ging es.

Hulda machte Siebenmeilenschritte, Mathes konnte nicht trommeln, Peter nicht blasen, und sehr mißvergnügt stiegen beide in den Bahnwagen. Der bunte, lustige Platz lag noch im lichten Tagesschein, die Musik dudelte herüber, und die Buben dachten niedergeschlagen an alles, was sie hatten sehen sollen und nun nicht gesehen hatten. Rrrr! rasselten sie davon, der Meßgang war vorbei.

Bum! tönte es. Alle Leute im Wagen sahen verwundert auf, und ein junges Mädchen rief erschrocken: »Aber man stellt doch auch nicht eine Trommel auf den Sitz!«

Beim Anfahren hatte es einen Ruck gegeben, und das junge Mädchen hatte sich auf die Trommel gesetzt.

Mathes wollte ein großes Klagegeschrei erheben, aber Hulda sagte: »Sei nur still, in Leipzig gibt's noch mehr Trommeln, und zum Vergnügen hat sich das Fräulein ja nicht hineingesetzt.«

»Nein, wirklich nicht!« Das junge Mädchen war so rot geworden wie der Trommelrand, und als in der Ecke ein Platz frei wurde, lief es rasch hinüber und warf von da aus bitterböse Blicke auf Mathes. Dazu sagte auch noch eine alte Dame laut: »Ich finde es recht überflüssig, Kindern solche Marterwerkzeuge zu kaufen; sie quälen damit nur ihre Umgebung. Ich würde das nie tun; man müßte so etwas verbieten.« Streng sah sie zu den Buben hin.

»Na, 'ne Trommel geht noch, aber 'ne Trompete!« brummte aus einer Ecke heraus ein Herr. Er hatte eine Brille auf, und Peter meinte, hinter der ein paar Augen zornig funkeln zu sehen.

Erschrocken preßte er seine Trompete fest an sich, und da lachte jemand, und es war wirklich der Herr in der Ecke. »Der hat nur Spaß gemacht!« tuschelte Mathes Peter zu.

»Er freut sich über das Trompetle,« tuschelte Peter zurück. »Weißt du was?«

»Na, was denn?«

»Ich blas ihm was vor.«

»Aber hier net!« Mathes sah den kühnen Bruder ganz entsetzt an.

»Doch, hier!« Peter schielte wieder zu dem Herrn hinüber, wirklich, der lachte, und die Brillengläser funkelten.

»Wir müssen aussteigen.« Hulda sprang auf. »Schnell, schnell!« mahnte sie, obgleich der Wagen noch nicht hielt.

Die Buben sprangen flink auf, und während sie an der Türe standen und auf das Halten warteten, bewies Peter, daß der alte, unnütze Sternbüblessinn noch da war: er setzte blitzschnell die Trompete an den Mund und tutete los.

Greulich klang es.

»Um Himmelswillen!« Die Dame, die vorher gescholten hatte, hielt sich die Ohren zu, ein paar Leute riefen laut: »So was ist nicht erlaubt.«

»Tutuut, tututuut!«

»Blasen ist verboten!« schrie der Schaffner.

Der Herr in der Ecke lachte, die Dame rief: »Das muß man anzeigen.«

Doch da standen Hulda und die Buben schon draußen, und der Wagen rasselte weiter.

»Tutuut, tututuut!« klang es ihm nach.

»Junge, bei dir rappelt's wohl!« Weiter sagte Hulda nichts, und als in der stillen Straße, durch die sie nun gingen, Peter noch einmal blies und Mathes auf seiner Trommel versuchte, doch noch etwas zu lärmen, schwieg Hulda dazu. Ja, sie schien es gar nicht zu hören; sie rannte erst, doch kurz vor dem Hause ging sie langsam, blieb vor der Türe stehen und flüsterte vor sich hin: »Der liebe Gott mög's gut gemacht haben!«

Den Buben wurde es ganz feierlich zumute. Hulda sah so seltsam aus. Und dann schloß sie innen leise die Türe auf und sagte halblaut: »Macht keinen Lärm, Jungen, und geht gleich in eure Stube, ich will erst mal sehen, ob --«

Hulda konnte nicht weiter sprechen, die Türe vom Wohnzimmer tat sich auf, und Eva von Ringewald kam heraus.

»Tante Eva,« riefen die Buben, »warum bist du mit dem Zigeuner weggegangen?«

Eva gab keine Antwort. Sie fiel der alten treuen Hulda um den Hals und machte es wie diese draußen auf der Messe, sie lachte und weinte durcheinander.

»Hulda, o Hulda, du hast es gewußt!«

»Der da war's.« Hulda zeigte auf Mathes, und dieser, der meinte, er würde angeklagt, schrie erschrocken, denn er war sich keiner Schuld bewußt: »Ich war's net.«

»In deinem Brief hat's gestanden.«

Mathes und Peter schwiegen vor Staunen. Sie verstanden kein Wort von dem, was Tante Eva und Hulda zusammen redeten; von Mathes' Brief sprachen sie, und Hulda sagte, der wäre für sie wie ein Blitz gewesen, und Mathes hatte dabei doch nichts von einem Gewitter geschrieben.

Und dann mußten die Buben in ihr Zimmer gehen, und Tante Eva sagte, sie würde sie gleich holen, aber erst müßte Hulda hineingehen.

Nach einer Weile kam Tante Eva und rief die Buben. Ihre Stimme klang dabei so feierlich und so glückselig, als hätte sie eben ein Weihnachtslied gesungen. Sie schob die Buben sacht in das Wohnzimmer hinein und sagte: »Hier sind die beiden.«

Ja, da waren die Sternbuben, aber wer saß denn da drinnen neben der Tante Pate und lächelte ihnen entgegen? -- Der Zigeuner war es!

Niemand anders als der Zigeuner!

Und wie sah die Tante Pate aus! Als hätte die liebe Sonne selbst ihr sanft und linde das bleiche Gesicht geküßt, ihre Augen glänzten, und der Zigeuner saß neben ihr und hielt ihre Hände fest.

»Kennt ihr mich?« fragte der Zigeuner. Er lachte die Buben an, und wie er so lachte, schaute Mathes flink zu Tante Eva hinüber, auch sie lachte, und wirklich, jetzt sah er's wieder, Tante Eva sah aus wie der Zigeuner.

»Das ist dein Bruder,« rief Mathes, dem Huldas Erzählung einfiel.

»Aber ich bin doch ein Zigeuner!«

»Noi!« Mathes schüttelte heftig den Kopf, während Peter etwas zweifelnd dreinsah, aber da schob sie Tante Eva schon beide zu dem Fremden hin und sagte innig: »Ja, er ist mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!«

Der Zigeuner war wirklich der heimgekehrte Sohn des Hauses, Fritz von Ringewald. Warum er inzwischen ein Zigeuner gewesen war, erfuhren Mathes und Peter erst später von Hulda. Die saß bei ihnen in ihrem Zimmer und erzählte ihnen, während sie schmausten, denn das mußten sie allein tun; drinnen wollte die Mutter mit ihren Kindern an diesem Abend allein sein.

Übel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mühsam durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es anfing, ihm besser zu gehen, als er drüben in Amerika eine Stellung gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig über ihn gekommen, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu treten. Arm und unberühmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.

»Es ist ein rechtes Glück, daß ihr gekommen seid,« schloß Hulda ihre Erzählung. »Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen hätte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann säße der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der Messe, und meine arme, liebe gnädige Frau grämte sich weiter. Na, ich sage nichts mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen könnt ihr alle Ferien kommen; mir soll's nur recht sein.«

Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch allerlei liebe und freundliche Worte, erzählte von schönen Tagen, die noch kommen sollten, von viel Ferienfreude für Herz und Magen. Dann kam auch noch Tante Eva, küßte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinüber, und als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller Freude dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte sich Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate so viel angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter denken müssen.

Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an diesem Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr auf, knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel einfiel, ihn tröstete: »Morgen kriegst du eine andere,« da murrte er: »Will keine!«

Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glückselig gewesen wäre, dann hätte sie sich geärgert. So redete sie noch freundlich zu dem Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: »Hast noch Hunger? Tut dir was weh?«

»Noi -- ich will heim!«

Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh zurückgetrieben hatte, und sie strich dem betrübten Büble über das heiße Gesicht und erzählte ihm von der Heimreise und sagte: »Aber wenn du fährst, dann weine ich.«

Dies tröstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er müßte Hulda etwas trösten; darum brummte er: »Morgen fahr ich doch noch net, sei nur net traurig!«

Vierzehntes Kapitel. Letzte Tage.

Die Sternbuben fuhren noch manchen Tag nicht heimwärts. Sie verlebten noch helle Tage und auch etliche Regentage in dem großen Leipzig. Schön waren sie alle, wie Tage es nur sein können in einem Haus, in das die Freude eingekehrt ist. Und wenn eine Mutter sich freut über die Heimkehr eines verloren geglaubten Kindes, das ist dann eine ganz besondere Freude, eine, die auch andere froh macht.

Hulda sagte am nächsten Morgen: »Es ist heute wie Feiertag.«

»Ja, wie ein Osterfeiertag,« antwortete Eva von Ringewald, »ein Ostertag, an dem man den Frühling schon auf allen Wegen kommen sieht und meint, so hell habe die Sonne nie geglänzt und so köstlich haben die Veilchen nie geduftet.«

In den Herzen der Sternbuben bimmelten an diesem Tage auch kleine Freudenglocken sehr lustig, und sie kamen aus dem Lachen und Vergnügtsein gar nicht heraus. Gleich am Morgen fing es an. Da saß der Zigeuner am Frühstückstisch, und er war wieder blond und nicht mehr schwarz, denn er hatte sich die Farbe aus den Haaren herausgewaschen. Er wollte Onkel Fritz genannt sein und schloß mit den Buben gleich eine feste, gute Freundschaft. Und dann sagte die Tante Pate, heute früh müßten die Buben das große Denkmal sehen, sie wolle zu Hause bleiben.

»Das will sie nur, weil der Herr Brummerjan kommt, sie will ihn erst versöhnen,« murmelte Hulda. Sie dachte gewiß, hören kann das kein Mensch, aber Mathes und Peter hörten manchmal Dinge, die sie eigentlich nicht hören sollten. Also verstanden sie auch Huldas Rede. Herrn Brummerjan gingen sie gern aus dem Wege, doch Eva und Fritz von Ringewald sagten beide: »Heute gehen wir nicht.« Aber dann kam gerade, als die Buben in den Garten geschickt werden sollten, Annedore und bat, sie sollten mit ihr in den Zoologischen Garten gehen.

»Allein?« Die alte und die junge Tante machten beide höchst bedenkliche Gesichter, doch Annedore erklärte flink und froh, sie würde schon auf die Buben aufpassen und sie gut wieder heimbringen; man könne ganz ohne Sorge sein.

»Hoho!« Onkel Fritz lachte dazu. »Das sind mir Buben, müssen sich beschützen lassen!« neckte er.

Mathes und Peter ärgerten sich. Sie steckten beide trotzige Mienen auf und wollten eben sagen: »Wir können allein gehen,« als Tante Eva dazwischenredete. »Sie sind doch fremd hier, und wenn ich fremd in einer Stadt bin, dann lasse ich mich auch führen.«

»Wir passen gegenseitig auf uns auf.« Annedores freundliches Lachen verscheuchte allen Bubenzorn. Mathes und Peter wurden wieder vergnügt, und beide sagten sie gnädig: »Wir passen auf dich auf.«

In schönster Eintracht zogen sie von dannen. Unterwegs erzählte Annedore, bei Herta wäre es gestern langweilig gewesen, furchtbar langweilig. Die Buben bedauerten sie darob sehr, und in diesem Augenblick kamen schwipp, schwapp! Herta und Irene wie zwei Bachstelzen die Straße entlang gewippt.

»Da kommen sie!« rief Herta.

»Wo?« fragte Irene.

Sie sah die Straße entlang, doch von den drei guten Kameraden war nichts mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstraße entlang, bogen um eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden Zierpüppchen entwischt zu sein.

Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus sehen. Peter behauptete kühn: »Die freuen sich, die kennen uns wieder.«

Ob Löwen und Bären, Kamele und Elefanten die Breitenwerter Sternbuben auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden, jedenfalls waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich ein Wunder, daß sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaßen. Hulda redete gerade in der Küche von Zuspätkommen, so was täten Buben meist, als die Klingel ertönte. Die Buben waren da. »Wascht euch gut und geht hinein, es ist ein Gast da,« flüsterte Ida ihnen zu.

Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war manch bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem Neffen die Hand gegeben und gesagt: »So geh denn deinen Weg! Ich hab' es eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn seines Herzens Sehnsucht treibt.«

Er sagte nichts von dem großen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei eine bittere Strafe für den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner verkleidet spielen zu müssen.

Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz von Ringewald nächtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah, dann dachte er doch, seine Strafe wäre noch zu leicht gewesen für all das Leid der gütigen Mutter. Er fühlte, er mußte ein sehr liebevoller Sohn sein, um seine Schuld wieder gutzumachen.

Von den ernsten Gesprächen und Gedanken merkten Mathes und Peter nichts. Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr Brummerjan wäre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er freilich nicht, aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar, sie gingen schon ins Gymnasium, während sie doch noch auf der Vorschule saßen, auch nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und das fanden sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen, und als er hörte, was sie alles schon gesehen hatten, erklärte er, dies wäre zu wenig, sie müßten noch viel, viel mehr sehen.

Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht die Ferientage davongelaufen wären wie Mäuse, wenn die Katze kommt. Wirklich, die Tage purzelten beinahe über ihre eigenen Beine vor Eilfertigkeit. Es war nur gut, daß die Tanten immer sagten: »Ihr müßt bald wiederkommen,« und damit meinten sie die Buben und die Ferientage dazu.

Was gab es auch nicht alles zu sehen in der großen Stadt! Onkel Fritz sagte: »Einer großen Stadt muß man in das Herz sehen. Wenn man immer auf die Messe läuft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie nicht.« Er führte die Buben durch viele Straßen, über viele Plätze. Er führte sie dahin, wo die Fabriken ihre großen roten und gelben Fleißfinger in die Luft streckten. Und die Buben hörten das schrille Pfeifen in der Nähe, sie sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen die Fabriken verlassen. Sie sahen auch Häuser mit vielen, vielen Fenstern; hinter denen bauschten sich nicht luftige weiße Vorhänge, dort arbeiteten von früh bis abends rastlos die fleißigen Männer und Frauen.

In diesen Vororten, im Umkreis der Fabriken, hatten die Straßen meist lange, einreihige Häuserreihen; wie das Breitenwärter Löwengäßle sah keine aus. Und als die Buben seufzten und sich nach Gärten umsahen, guckten, ob nicht ein paar Bäume hinter einem Mäuerlein schatteten, da führten Tante Eva und Onkel Fritz sie in andere Straßen. Da lagen still und verträumt Eigenhäuser in schönen Gärten; manch eins sah wie ein kleines Schloß aus, und die Buben vergaßen beinahe den Silbernen Stern und wünschten sich, in einem solchen Haus zu wohnen. An der nächsten Straßenecke hatten sie dann freilich den Wunsch schon wieder vergessen, weil Fritz von Ringewald versprach: »Morgen führ' ich euch zum Onkel, dort werdet ihr ein Stück unserer Bücherstadt sehen.«

Das Wort machte Mathes und Peter sehr neugierig, denn eine Bücherstadt konnten sie sich nicht gut vorstellen. Sie fragten Hulda später, was es bedeute, und Hulda, die lieber kochte und strickte als las, sagte ein bißchen von oben herab: »Ach, da sind eben die Häuser mit Büchern vollgestopft wie mein Wäschesack mit Flickwäsche!«

In ganz Breitenwert gab es eine Buchhandlung, außerdem hatte der Onkel Adam nur noch Schulbücher zu verkaufen, und als die Sternbuben am nächsten Morgen in die Bücherstadt wanderten, dachten sie sich die wie den Breitenwerter Buchladen. Es gab aber nur Häuser und wieder Häuser zu sehen. Vor vielen standen Wagen, auf die große Pakete geladen wurden, und die Buben waren schon ein bissel enttäuscht, als Tante Eva in eins der großen Häuser eintrat. Eine Treppe ging's hinauf, oben gab es ein paar Türen mit allerlei Aufschriften; an einer klopfte Onkel Fritz, und als er sie öffnete, sahen die Buben drinnen ein paar Herren sitzen, die eifrig schrieben. Der Onkel war noch nicht zu sprechen, aber einer der Herren führte die Besucher durch allerlei Räume. Zimmer neben Zimmer, und in allen lagen Bücher hochaufgestapelt bis zur Decke.

»Wenn ihr das alles lesen müßtet!« sagte Tante Eva neckend.

Mathes und Peter erschraken, und sie waren froh, als ein Fräulein kam und meldete, Herr Buchner hätte jetzt keine Zeit, er schickte aber eine Karte mit, dort sollten sich die Knaben umschauen.

»Dann sehen wir uns also noch nach mehr Büchern um,« sagte Tante Eva.

Noch mehr Bücher!

Gab es denn die?

Onkel Fritz lachte über die erstaunten Gesichter der Buben. »Ja, ja, wir gehen in ein Haus, das ist vollgestopft mit Bilderbüchern.«

Aber Onkel Fritz hatte etwas geflunkert. Das Haus war eigentlich eine Straße, und wie in einer Straße liefen die Menschen drin hin und her, hinaus, herein; es hatten's alle eilig. Ein Mann stand an einem breiten Fenster und gab immer Pakete hinaus; drinnen waren Bücher, nur Bücher. Große Ballen Bücher wurden verladen und ausgeladen. Bücher waren in Sälen aufgestapelt, und wenn Tausende von Büchern auf zwei Beinen dahergelaufen wären, die Sternbuben hätten sich nicht mehr gewundert.

Es war doch anders als im Breitenwerter Buchladen!

Onkel Fritz sagte: »Wenn ihr beide nun alles lernen müßtet, was in den Büchern steht!«

Schon vor dem Lesen hatten die Buben Angst gekriegt, aber nun auch noch lernen, was in den Büchern stand! Jemine, das wäre schrecklich!

Mathes seufzte tief. Doch plötzlich fiel ihm etwas ein, und er rief: »Ich werd' mal Wirt vom Silbernen Stern, und Mutter sagt, da braucht man net so arg lange lernen.«

Peter schwieg. Die vielen Bücher machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, er wurde sehr still, es war ihm ordentlich ein bißchen feierlich zumute, und als er wieder auf die Straße trat, sah er sich ehrfurchtsvoll nach dem großen Haus um. Ein Stückchen weiter ging's, da stand wieder so ein Riesengebäude, und Onkel Fritz erklärte: »Dort innen werden die Bücher gedruckt.«

Er ging auf das Haus zu, gab seines Onkels Karte ab, und ein Mann führte sie alle miteinander in einen großen Saal. Nur hier könnten sie hineinsehen, sagte er, aber für die Sternbuben war das schon genug. In dem Saal surrten und sausten große Maschinen, die arbeiteten flinker als hundert Hände. Weißes Papier kam hinein, gedruckte Bogen kamen heraus, klipp klapp! Stoß um Stoß. Die Maschinen sahen wie lebendig aus. Sie redeten ganz emsig, schienen immer zu sagen: Flink, flink, flink! Sputet euch, sputet euch! Und die Arbeiter und Arbeiterinnen, die daran standen, sputeten sich auch. Es war gar nicht zu unterscheiden, wer in dem Saal zur Arbeit antrieb, die Maschinen oder die Menschen.

Und doch waren es die Menschen. Auf einmal durchzitterte ein schriller Klang den großen Raum und klapp, klapp! da standen die Maschinen stille. Sie riefen nicht mehr »Flink!« und »Sputet euch!« sie waren stumm geworden. Aber die Menschen redeten miteinander, ein paar lachten, viele liefen eilig davon. Es war Mittagspause, und auch Fritz und Eva traten den Heimweg an. Unterwegs führten sie die Buben noch in einen großen Buchladen. Gegen den wäre nun freilich der Breitenwerter Buchladen fast wie ein Zwerg erschienen, wenn er sich daneben gesetzt hätte. Tante Eva kaufte ein Buch, bunte Bilder hatte es, und zur Kurzweil für der Buben Heimreise sollte es sein. Während sie kaufte, konnten sich Mathes und Peter recht umschauen. Mathes seufzte wieder, die vielen Bücher wurden ihm langweilig, sie ängstigten ihn, aber Peter bekam Kulleraugen. Er dachte, es müßte behaglich sein, in so einem großen Buchladen zu sitzen und jedem, der kam, ein wunderfeines Büchlein zu verkaufen. Tante Eva mußte ihn dreimal rufen, ehe er sich zum Hinausgehen entschloß, und kaum war er draußen, da rief er: »So ein Lädle will ich mal haben; das gefällt mir.«