Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Part 11

Chapter 113,862 wordsPublic domain

Wie die Frau so trübe vor sich hinsann, hörte sie plötzlich neben sich den Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem Menschen ein gutes Wort gönnte. Mit allen Meßleuten stritt und zankte er sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, würdige Leute blieben vor der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in ihrem Leben über den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm gewiß gestohlen worden.

Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann immer sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank daneben gesessen und sich über die vielen Leute gefreut, die alle auf den Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle gestohlen haben?

>Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,< riefen ein paar Buben. >Wir wollen suchen helfen.<

Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. >Bleibt draußen,< schrie er, >ich suche ihn allein, er muß doch da sein!<

Aber Kasperle war nicht da.

Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie; dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb verschwunden.

Die Leute draußen murrten: >Ohne Kasperle gibt es keinen Spaß, dann gehen wir lieber wieder.< Und nach und nach wurde es leer vor der Bude, nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr kleiner Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und schließlich liefen sie auch fort, und da schloß der Mann seine Bude zu und rannte weg. Er wollte sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am liebsten aber hätte er alle Meßbuden eingerissen, so wütend war er.

Die ganze Zeit über hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen könnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn bitten müssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie schwer habe ich es doch im Leben!

In diesem Augenblick war es ihr, als höre sie ein leises Flüstern, oder war es ein Vogel, der sang, oder ein Mäuslein, das pfiff? Sie schaute sich um, und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermißte Kasperle auf ihrem Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so, als wäre es keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.

>Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drüben darf mich nicht sehen.<

Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie zwei kleine, schwarze Stecknadelköpfe glitzerten sie.

>Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?< fragte die Frau erschrocken.

>Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich bin.<

Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt über den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine Frage von ihr ab. Der redete weiter und erzählte, drüben der grobe Kerl hätte ihn seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberühmten Puppenspieler, gestohlen. >Ich war dem sein Liebling,< klagte Kasperle, >er nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes Bettchen bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schöne Kleider an. Dieser Mann hatte mich von seinem Großvater geerbt, der noch wußte, wo wir echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als hundert Jahren auf Messen und Märkten herumgezogen, habe viel von der Welt gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich hätte nie gedacht, daß es einem armen Kasperle so schlecht gehen könnte wie mir. Drüben, dein Nachbar, Karussellfrau, das ist ein böser Mann. Der weiß wohl, daß ich lebendig bin, und da quält er mich, wenn wir allein sind. Er sperrt mich in einen dunklen Kasten ein mit Mäusen zusammen, und er weiß doch, wie sehr ich mich vor Mäusen fürchte. Auch einen Hund hat er mit scharfen Zähnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine Ecke; dann muß mich der Hund holen, und ich zittere immer, daß mich der zerbeißt.<

>Du armes, armes Kasperle!< sagte die Karussellfrau mitleidig.

>Nenne mich Zuckerherzele!< bat der kleine Kerl. >Das hör' ich so gern, aber nur von guten Menschen. Doch du bist gut; ich habe dich schon die ganze Zeit über beobachtet und immer gedacht, wenn ich ausreißen kann, dann fliehe ich zur Karussellfrau, die verrät mich nicht.<

>Nein, sicher nicht, du armes, kleines, liebes Zuckerherzele, du!< rief die Frau.

>Siehst du, so nennst du mich recht.< Kasperle schlug vor Freude die Beinchen über dem Kopf zusammen. >Ausgerissen, fein!< kicherte er, >und nun bleibe ich bei dir und -- bimmelbammel! drüben rennt Schnauz, wenn der mich sieht, bin ich verloren.<

>Schnell, versteck dich im Musikkasten.< Die Frau ergriff flink Kasperle und steckte ihn schnell in den Kasten. >Es sind ganz bestimmt keine Mäuse drin,< sagte sie.

Es war aber auch die höchste Zeit. Schnauz kam angerast. Er stellte sich vor das Karussell, schnupperte und kläffte laut.

>Geh weg,< rief Frau Katharina erschrocken, >ich habe keine Knochen und Wurststücke für dich, geh, geh!<

Doch Schnauz rührte sich nicht. Von ferne sah nun die Frau auch noch ihren groben Nachbar kommen, und es wurde ihr himmelangst, Kasperle, das kleine, liebe Zuckerherzele, könnte entdeckt werden.

>Dreh flink dein Karussell!< wisperte da ein Stimmchen, und Schnauz, der das wohl gehört hatte, kläffte noch lauter.

In ihrer Angst begann die Frau wirklich das Karussell zu drehen, und ihre drei Enkelkinder, die es hörten, kamen angesprungen. >Ich will das Geld einnehmen,< rief Hans, der älteste Bub, >ich stelle mich hier hin.<

Ach du lieber Himmel, es kommt doch niemand! dachte die Frau traurig. Doch erstaunt horchte sie auf. Die Musik, die sonst immer so kläglich war, so recht dünn und jämmerlich, die klang auf einmal, als kichere jemand immer dabei. Die Töne hüpften und tanzten. Didididihoppela, dumdumdumdumtrallalla! Lustig war es anzuhören.

Die Vorübergehenden horchten, blieben stehen, ein paar Buben kamen zuerst angerannt.

>Wir wollen fahren, wir wollen fahren! Wie lustig das klingt!<

>Wir auch!< riefen auch ein paar Mädel und klirr! rollten die Groschen und Sechser in den Hut von Hans.

Und o Wunder! Immer mehr kleine und auch große Leute kamen, und alle wollten sie fahren, alle sagten sie, so eine lustige Musik sei auf der ganzen Messe nicht zu hören. Die Frau nahm mehr ein als sonst in einem Monat, und ihr grober Nachbar, der seine Bude wieder aufgetan hatte, schaute neidisch zu ihr hinüber. Er ließ seine Puppen springen und tanzen, er hatte auch wirklich ein neues, sehr schön gekleidetes Kasperle, doch wenn ein paar Kinder stehen blieben und zuhörten, sagten sie gewiß: >Heute gefällt uns Kasperle gar nicht, heute ist er langweilig.<

Und sogar Schnauz läuft heute hinüber, dachte der Mann grimmig, lockte den Hund und sperrte ihn ein. Da steckte Kasperle ein ganz, ganz klein wenig die Nase zum Musikkasten heraus. >Karussellfrau,< fragte er, >ist Schnauz fort?<

Die Frau nickte. >Eingesperrt!< tuschelte sie.

>O lirum larum, dummer Schnauz!< jubelte Kasperle. >Eingesperrt, eingesperrt! Ich platze vor Lachen, wie mein Großvater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei meiner Nase, jetzt soll die Musik noch vergnügter klingen!<

Wutsch! war er wieder drinnen im Kasten, und wieder ertönte sein Kichern.

Auf dem Platz draußen erzählten es sich die Leute. >Da, in der Ecke, neben der Kasperlebude steht ein kleines, altes Karussell, es ist gar nicht schön, aber so lustig fährt's sich's darauf, nicht zu sagen wie!<

Und wer das hörte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens Hut voll Geld, und für eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.

>Großmutter Karussellfrau,< wisperte Kasperle, >schick erst die Kinder schlafen, die dürfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermäulchen, die verraten mich sonst, und dem Schnauz da drüben ist doch nicht zu trauen.<

Am nächsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen Karussell fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll. Schnauz lief bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der grobe Nachbar ärgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle war und blieb verschwunden.

Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Länder, und immer sahen die großen und kleinen Leute zuerst verächtlich auf das wackelige, alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: >So etwas sollte man doch gar nicht mehr aufstellen!< Wenn aber dann die Töne hüpften und kicherten, dann wurden selbst die verdrießlichsten Griesgrame lustig und lachten; sie wußten freilich nicht, warum sie so vergnügt wurden.

Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Sümmchen erspart, und sie dachte manchmal: Es wäre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen könnten. Doch der Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu trennen, wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer Wanderung auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie gewesen war. Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroßen Kirchen, eine Stadt, in der alles ein bißchen eingeschlafen zu sein schien. Selten öffnete sich eine der schweren alten Haustüren, selten ging ein Mensch durch die engen, düsteren Gassen.

Als der grüne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzählte ihr, es kämen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. >In meiner Jugend, da war es lustiger,< sagte er. >Da gab es hier oft ein Kasperletheater, über das alle Menschen lachen mußten. Der alte Mann, dem es gehörte, der lebt noch hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm gestohlen worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen. Na, ich begreif's ja nicht, wie man sein Herz an so 'n Klapperbalg hängen kann. Au weh!< Der Mann faßte sich erschrocken an die Nase, denn eine von den dicken Perlen, die das Karussell schmückten, war ihm daran geflogen. >So was! Wo kommt denn die her?< brummte er unwirsch.

Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbösen Gesicht zum Musikkasten hinaussah. >Wart, du Grobian!< schalt er. >Ein echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine ganze Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich böse, hui!<

>Ich glaube, hier ist irgendwo 'n Vogel,< brummte der Mann. >Aber wissen Sie, Frau, schön ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, für unsere Stadt mag's gut sein.<

Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder und fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!

Sie ging und öffnete den Musikkasten. Da saß Kasperle, seine Beinchen hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrübt aus. >Karussellfrau,< sagte er, >es geht nicht mehr, ich muß fort.<

>Zuckerherzele, Goldpünktchen, mein allerliebstes Schnuckerle, tu das nicht! Bitte, bitte, nicht! Bleib bei mir!<

>Es geht nicht, Karussellfrau. Siehst du, hier ist mein alter Herr. Der ist's, von dem der Mann vorhin erzählt hat, und nun ich ihn gefunden habe, muß ich zu ihm. Er ist mein rechter Herr, und wir Kasperles sind treu. Leb wohl, liebe, gute Karussellfrau!<

Kasperle drehte sich wie eine Kugel zusammen und rollte so aus dem Musikkasten heraus. >Vergiß mich nicht,< rief er noch einmal, und dann war er verschwunden.

Und er kam auch nie wieder.

Frau Katharina verkaufte ihr Karussell nun als Brennholz, zog in eine kleine Stadt, und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute dort.«

Dreizehntes Kapitel. Der Zigeuner.

Mit Kasperle Zuckerherzele zusammen war auch das Heimweh davonspaziert. Die Buben schliefen vergnügt ein und wachten vergnügt auf. Sie dachten an Sonnenschein, Messegehen und ähnliche erfreuliche Dinge, aber das Wetter sagte am Morgen: »Platsch! ich regne noch.«

Es seufzte niemand so sehr darüber wie Hulda. Die tat, als wäre die Sonne besonders boshaft gegen sie, und sie lief immer wieder nachsehen, ob es nicht heller würde. So gegen elf Uhr war das wirklich der Fall. Ein blaues Fetzchen hing am Himmel, wie eine Bratenschüssel so groß, und Hulda erklärte: »Es macht sich, nachmittags scheint die Sonne. Wir können auf die Messe gehen.«

»Nein,« erwiderte Eva, »heute nicht, ich werde den Buben unser großes Völkerschlachtdenkmal zeigen.«

»Messe ist besser,« rief Hulda. »Sie sollten mit ihnen hingehen.«

»Die Buben waren ja schon zweimal draußen, und von der Stadt haben sie noch so wenig gesehen.«

»Die haben von der Messe mehr. Ob die Häuser ein Stockwerk haben oder zehne, ist denen gleich, Fräulein Eva, die Messe ist besser.«

»Dann gehen Sie meinetwegen mit ihnen hin.«

»Nee, Sie müssen mit, Fräulein Eva, ohne Sie geht das heute nicht.«

Eva lachte. »Das ist Unsinn, Hulda,« sagte sie. »Sie wissen doch, ich gehe nie auf die Messe.«

»Aber heute, einmal geht's doch!« Hulda bettelte um das Messegehen, wie es Kinder um ein Weihnachtsgeschenk tun. Sie redete immer wieder davon, und als Mathes und Peter aus dem Garten heraufkamen und berichteten, jetzt wäre es schon beinahe trocken, und der blaue Fetzen am Himmel sei viel größer als eine Bratenschüssel, da bat Hulda wieder: »Gelt, Fräulein Eva, Sie gehen mit auf die Messe?«

»Unsinn!« Eva sagte es zum zweiten Male. »Sie wissen doch, ich mag die Messe nicht leiden!« Ganz ärgerlich ging sie in ihr Zimmer hinauf, und da geschah etwas höchst Verwunderliches, die Sternbuben waren ganz verdutzt darüber. Hulda setzte sich hin und weinte so bitterlich, als wäre das größte Unglück geschehen.

»Du mußt net so arg flennen.« Mathes schüttelte sehr mißbilligend seinen Kopf, und Peter schüttelte auch, und dann stiegen beide die Treppe hinauf, suchten Tante Eva und erzählten ihr von Huldas Kummer.

»Sie sagt, sie müßt' noch mehr Töpfle holen, und ohne die Töpfle wäre sie unglücklich,« berichtete Peter wichtig.

Da gab Eva nach. Sie lachte sogar über die Töpfle und Huldas Unglück und sagte: »Meinetwegen, aber warum ich durchaus Töpfle mitkaufen muß, weiß ich nicht.«

»Die werden wohl arg teuer sein,« erklärte Mathes weise. »Alleweil, wenn's arg teuer ist auf dem Jahrmärktle, sagt Mina auch, Mutter soll gehen.«

»Also gut, mag es heute beim Töpflekauf bleiben, das Denkmal sehen wir uns morgen an!«

Mathes und Peter stiegen vergnügt wieder abwärts in die Küchentiefe und erzählten Hulda strahlend, Tante Eva würde mitgehen. Von Rechts wegen hätte nun Hulda höchst vergnügt und fröhlich sein müssen, vielleicht auch einen kleinen Hopser tun oder doch wenigstens den Buben ein Küchlein als Botenlohn geben müssen, doch nichts von allem geschah. Sie lachte nicht, sie freute sich nicht, sie seufzte nur, und zwar so schwer, als müßte sie einen Mühlstein aus einem tiefen, tiefen Brunnen heraufholen, just als wäre Töpfle kaufen bitterschwer.

Das war doch sonderbar!

Und reden tat Hulda auch nicht, außerdem wollte sie noch Zucker in die Fleischsuppe schütten, und es war gut, daß Ida rechtzeitig zu Hilfe kam.

Auch Ida sagte es, mit Hulda sei heute nichts anzufangen.

Da gingen die Buben wieder in den Garten zurück und schielten hinüber nach dem Nachbarhaus. Herta und Irene gefielen ihnen zwar immer noch nicht sehr, kurzweiliger waren sie aber doch als die seufzende Hulda.

Herta und Irene sahen von oben herab die Buben im Garten herumwandern, und sie sagten zueinander: »Sollen wir sie einladen? Ach ja, vielleicht laden sie uns dann auch ein!«

Ein paar Minuten vergingen, da erschienen die beiden Mädchen im Garten, und Herta rief gleich den Buben zu: »Heute spielen wir nicht, wir haben sehr viel zu tun.«

Nun taten ihnen die Sternbuben aber nicht den Gefallen zu fragen, was sie zu tun hätten; die dachten: Na, dann nicht, und kümmerten sich nicht weiter um die Nachbarinnen.

Die warteten und warteten, endlich rief Herta über das Gitter: »Ihr Jungen, wir haben heute Gesellschaft!«

»Wir gehen auf die Messe!« riefen Mathes und Peter zurück.

»Aber bei uns wird's fein! Es gibt auch Eis.«

»Wir gehen ins Zaubertheater!«

»Wir spielen Lotterie; jetzt gehen wir noch Gewinne kaufen.«

»Tante Eva schenkt uns Geld, wir dürfen uns kaufen, was wir wollen.«

»Wir tanzen auch.«

»Das ist dumm, da fällt man hin!« rief Peter, dem dies meist geschah.

»Es ist fein, ach, himmlisch ist's!«

»Noi, dumm ist's!«

»Pah, ihr ärgert euch nur, weil wir euch nicht einladen!«

»Wir wollen gar net kommen!«

»Doch, ihr ärgert euch.«

»Noi, wir gehen auf die Messe!«

Vom Gartenzimmer her erklang Tante Evas Stimme, und die Buben ließen ihre Spielsachen und ihre streitlustigen Nachbarinnen im Stich und liefen in das Haus zurück.

Herta und Irene sahen sich enttäuscht an. »Sie kommen wieder,« sagte Herta. Aber die Buben kamen nicht wieder, die Zeit verging, die Mädel mußten einkaufen gehen; ihre Einladung hatten sie gar nicht angebracht. Wenn wir zurückkommen, sind sie vielleicht da, dachten sie, liefen fort, sputeten sich und fanden den Garten leer. Nun war es zu spät. Kleinlaut kehrten sie in das Haus zurück, sie ärgerten sich über die dummen Buben und hätten sie doch so gern eingeladen, denn Annedore kam und zwei Freundinnen mit ihren Brüdern, und allen hatten sie erzählt, die Buben würden kommen, denn sie hatten gemeint, die würden nur zu gern zu ihnen kommen.

Mathes und Peter aber hatten ihre Nachbarinnen mitsamt ihrer Gesellschaft schon wieder vergessen. Die waren mit Tante Eva schnell noch allerlei einkaufen gegangen und mit einem tüchtigen Mittagshunger heimgekommen. Und nach dem Essen rüsteten sie sich zum Messegang.

Und wieder benahm sich Hulda sehr sonderbar.

Die ging mit einem Gesicht einher, als sollte sie zehn Pfund Kieselsteine zerbeißen. Sie seufzte, als sie in die Bahn stieg, und sie seufzte, als sie wieder ausstieg, sie seufzte auch, als sie den Messeplatz betraten, und dann hatte sie gar keine Lust zum Töpflekauf, auch keine, sich etwas anzusehen, sondern erklärte, Kaffeetrinken wäre am besten.

»Dazu braucht man doch nicht auf die Messe zu gehen, das hat noch Zeit!« Eva schlug vor, erst in ein Zaubertheater zu gehen, aber Hulda seufzte nur und klagte, sie fiele nächstens gleich um vor Kaffeedurst.

Eva von Ringewald ärgerte sich wirklich. Huldas üble Laune begriff sie gar nicht. So war Hulda doch sonst nie. Was hatte sie nur! »Fehlt Ihnen etwas?« fragte sie.

»Ach du lieber Himmel, mir ist das Herz so schwer!«

»Ja, aber dann hätten wir doch nicht hierhergehen sollen!«

»Doch doch, gerade hierher! Nur mit dem Kaffeetrinken dürfen wir nicht warten, ja nicht, ich halt's nicht mehr aus.«

Daraus sollte nun einer klug werden. »Hulda kann ja Kaffee trinken, und wir holen sie ab,« schlug Mathes vor, den das Zaubertheater just mehr lockte als die Kaffeeschenke.

»Nee, nee, alle müssen mit. Und -- vielleicht ist auch der Zigeuner da, den sehen wir uns an.«

Eva gab wieder nach. Sie fühlte, Hulda hatte irgend etwas auf dem Herzen, irgend etwas bedrückte sie, und sie wollte die treue Seele nicht kränken. Sie schlugen also den Weg zur Kaffeeschenke ein, und bald betraten sie den Raum, Hulda seufzend, die Buben verdrießlich und Eva mit dem Gedanken: Es wäre wirklich besser gewesen, gar nicht auf die Messe zu gehen.

Es war noch ziemlich leer, doch die Zigeuner saßen wirklich schon mit ihren Instrumenten da und spielten.

Da horchte Eva auf. Eine der Geigen sang und klang so schön und traurig, daß ihr das Herz zu zittern begann. Jetzt schwiegen die andern, und nur diese eine Geige tönte, leise, zart, unendlich süß; es klang, als weine ein Mensch vor Heimweh und Leid bitterlich.

Eva ließ sich von Hulda sacht vorwärtsschieben, immer näher der kleinen Bühne, auf der die Zigeuner saßen. Der, der spielte, drehte dem Saal ziemlich den Rücken zu, sein Gesicht hielt er tief geneigt, nur seine dunklen Haare waren zu sehen.

Den Buben kollerten die Augen beinahe aus dem Kopf, so sehr mühten sie sich, ihren Zigeuner herauszufinden. Aber da Hulda immer tuschelte: »Leise, leise!« gingen sie ängstlich auf den Fußspitzen, und es war schon merkwürdig, daß sie so einen Tisch erreichten, ohne über etwas zu stolpern. Auch setzen taten sie sich ohne viel Lärm, dann aber wollten sie sprechen, und wieder mahnte Hulda: »Still, still!« Ja, sie hielt ihnen sogar den Mund zu, was beide furchtbar ärgerte. Solche kleine Hosenmätze waren sie doch wirklich nicht mehr. Sie sahen Tante Eva bittend an, die sah aber nichts, die hörte nur die Geige klingen und singen. Ihr liebes Gesicht wurde blaß, und ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie mußte an den Bruder denken, an den fernen, verlorenen, der ein Künstler hatte werden wollen. Und die Geige sang und klang immerzu.

»Das da ist er!«

Trotz Huldas Mahnungen, trotz dem Mundzuhalten schrie Mathes laut, und sein Finger zeigte dahin, wo die Zigeuner saßen. Auch Peter hob den Finger, und Eva wollte ihnen dies gerade verweisen, als der Zigeuner sich umdrehte und nach dem Tisch hinübersah.

»Er kennt uns!« riefen die Buben.

Die Geige gab einen wunderlichen Ton. Srrr! Wie ein Schrei klang's; zwei Saiten waren gesprungen, und der Zigeuner ließ den Bogen sinken.

Er starrte unverwandt Eva von Ringewald an, und die sah zu ihm auf. Totenbleich war sie geworden.

»Er ist's wirklich und wahrhaftig, Fräulein Eva!« murmelte Hulda. »Der dumme Junge, der Mathes, hat doch recht gehabt.«

Eva stand auf. Sie ging durch den Saal an den Tischen vorbei, an denen fremde Menschen saßen, dem Ausgang zu. Und oben auf der kleinen Bühne nahm der Zigeuner die Geige unter den Arm und lief auch hinaus.

Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges, was Mathes und Peter in die allerhöchste Aufregung versetzte. An der Türe gaben sich Eva und der Zigeuner die Hand, und dann gingen sie beide so Hand in Hand hinaus, und draußen nahm das bunte Gewühl der Messe sie auf -- fort waren sie.

»Der Zigeuner hat Tante Eva geholt,« schrie Peter. Er sprang auf, Mathes auch, beide dachten, wir müssen nachlaufen. Doch Hulda dachte anders. »Bleibt!« rief sie, »bleibt!« Und dabei hielt sie die Buben fest.

»Er nimmt Tante Eva mit.« Mathes wehrte sich, aber Hulda hielt ihn fest. Doch Peter entschlüpfte und lief auch dem Ausgang zu.

»Jemine, was hat man mit euch für 'ne Not!« jammerte Hulda, und sie schrie ganz laut: »Peter, Peter, hierbleiben!«

Peter kümmerte sich nicht darum, doch andere Gäste hatten den Ruf gehört, und ein Mann hielt Peter den Stock vor die Füße. Bums! da lag er, und der Mann sagte lachend: »Geh du nur zurück, ausreißen auf der Messe gibt es nicht!«

Beschämt stand Peter auf und sah sich um. Mathes saß neben Hulda am Tisch, Tante Eva und der Zigeuner waren verschwunden. Da kehrte er kleinlaut zu den beiden andern zurück, er dachte: Nun gibt's Schelte. Doch diesmal gab es Kaffee und Kuchen, und Hulda sagte ganz sanft: »Setz dich nur! Ach du lieber Himmel, das ist 'n Wunder, 'n richtiges Wunder!«

Nun fing auch Hulda noch an zu weinen, die Tränen kollerten ihr richtig in die Kaffeetasse hinein, und dabei sagte sie nur immer: »Jemine!« und »Ach, du lieber Himmel!«

Für die Neugier der Buben war das zu wenig, sie wollten wissen, warum Tante Eva mit dem Zigeuner davongegangen war, und sie drängten: »Hulda, wir wollen Tante Eva nachgehen.«

»Die findet ihren Weg schon allein!«