Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 9
Als von eines solchen freiwilligen Kämpfers Mitzug, der ein Sohn alter Freunde war, die Kunde nach Hohensteinberg kam, schrie Joachim aus vor Empörung: »Ein Vaterlandsverräter!«
»Ein Armer, ein Unseliger,« sagte die Kammerherrin; die alte Frau war sehr milde geworden in dem Leid der letzten Wochen. »Wehe ihm, wehe uns! Wehe dem, der den Glauben an sein Vaterland verliert, und wehe uns, daß wir nicht mehr stolz auf unseres Vaterlandes Stärke sein können!«
Da schwieg Joachim, er schwieg jetzt oft und sann stille den Worten der Erwachsenen nach. Er, der Trotzige, Ungebärdige war in der Zeit des werdenden Frühlings zu einem ernsten Jüngling herangereift. Die Schuld, die ihn quälte, des Vaterlandes Not wandelte sein Wesen und machte ihn über seine Jahre hinaus ernst.
Es war überhaupt keine rechte Zeit für Jugendlust und Jugendübermut, und wenn die Steinbergschen Kinder mit ihren Freunden und Freundinnen zusammenkamen, dann gab es oft gar ernste, nachdenkliche Gespräche. Sie nannten sich untereinander Tugendbündler, die Eltern wußten es und widerstrebten nicht, nur mußte der Name verschwiegen bleiben, auch durfte kein Wort niedergeschrieben werden. Wohl war ringsum alles gut preußisch gesinnt, aber es gab doch etliche solcher Kreaturen im Land, wie der Rentamtmann Meldeling, und in Pillau saß eine französische Besatzung wie in manchen andern Festungen des Landes. Napoleon bewachte auch seine Bundesgenossen gut, er ahnte, daß niedergehalten in der Tiefe der Haß schlummerte.
Nur Gottliebes unverwüstliche Fröhlichkeit brach immer wieder durch, und so sehr sie sich um Raoul grämte, es kamen doch immer wieder Stunden, in denen ihr Lachen das Haus durchschallte, und einen Widerschein auf allen Gesichtern fand. Selbst Jungfer Rosalies mürrische Miene hellte sich dann ein wenig auf. Gottlobe hatte sich auch verändert. Sie schwärmte nicht mehr so überschwenglich mit ihren Freundinnen, sie hielt sich jetzt mehr zu Bruder und Schwester, und als eines Tages Karoline heimgeholt wurde, denn die Eltern wollten ihr Kind lieber bei sich in der Stadt haben in dieser Zeit, da weinte sich Lobe nicht, wie Liebe prophezeit hatte, die Augen aus dem Kopf. Ja sie lehnte sogar das Anerbieten, mit nach Königsberg zu kommen, ab; die Eltern hatten es ihr freigestellt, weil es Lobe sich immer so sehnlichst gewünscht hatte, in Königsberg sein zu dürfen.
»Sie bleibt bei uns,« schrie Gottliebe begeistert, als die Schwester ihr »Nein« sagte, »Achim, hörst du?«
In Joachims Augen leuchtete es auch freudig auf, er rief halb zweifelnd: »Bleibst du wirklich?«
»Ich bin doch eine Steinberg und gehöre hierher,« sagte Gottlobe ein wenig gekränkt, daß die Geschwister ihren Entschluß gar so verwunderlich fanden. Die sichtbare Freude stimmte sie aber froh, und von dieser Stunde an gab es eine schöne Dreisamkeit unter den Geschwistern, und in allen Sorgen erstarkte die Geschwisterliebe mehr und mehr.
»Die Franzosen kommen!« Unzähligemal ertönte in dem Frühling und Sommer des Jahres 1812 dies Wort im preußischen Land. Erst war es nur ein Ruf der Angst, der bangen Ahnung, bis dann eines Tages von Ort zu Ort die unheilschwere Kunde flog: »Sie kommen wirklich.«
Sie kamen als Freunde, Bundesgenossen und hausten wie Feinde, sie leerten die Kornkammern, trieben das Vieh aus den Ställen und zerstampften die blühenden Saaten.
Eines Tages hieß es auch in Hohensteinberg: »Sie kommen!« Und wie überall mußten es die Bewohner vom Schloß und Dorf mit ansehen, wie die Abteilung, die hier durchkam, »ihre Vorräte ergänzte«, so nannte es der führende Offizier, ein sehr höflicher Italiener. Er nahm, was er nur irgend an Lebensmitteln erhalten konnte, aber er war doch so menschlich, nicht den ärmsten Dorfleuten das letzte Stück Vieh aus den Ställen zu treiben. »Glauben Sie mir, mein Err,« versicherte er dem Freiherrn, »mir mackt dies Krieg kein Spaß, und es mackt viele keine Spaß. Dies Land da,« und er deutete mit der Hand finster in die Ferne, »ist wie der Maul von eine große Tier, er verschlingt uns! Sicker -- er verschlingt uns!«
Nach diesen kamen noch andere, und Jungfer Rosalie schloß diesen bereitwillig die Speisekammer auf, stemmte die Hände in die Seiten und sagte kaltblütig. »Da!« Eine einzige Wurst bammelte an einem Faden, und ein paar Brocken lagen auf dem Brotschrank, sonst war die Kammer leer.
Die Soldaten schimpften und drohten, aber Jungfer Rosalie wischte sich mit der Hand über den Mund und zeigte kläglich auf den Magen, als wollte sie den eigenen Hunger andeuten. Dabei hatte sie selbst alle Vorräte in einen gut verborgenen Keller geschafft, den nicht einmal alle Bewohner des Hauses kannten. In dem dunklen Keller lagerte auch mancher Notgroschen, manche Wurst und manches Mehlsäcklein, das die Dorfbewohner vertrauensvoll ihrem Gutsherrn gebracht hatten.
Und als zum drittenmal Soldaten kamen, bammelte wieder nur eine Wurst in der Speisekammer, und wieder gab es nur dürftige Reste, und wieder schalten und drohten die Soldaten, und wieder blieb Jungfer Rosalie ungerührt mit in die Seite gestemmten Armen stehen. Als es aber einer der Leute gar zu schlimm machte und ihr mit dem Gewehr vor der Nase herumfuchtelte, da ergriff sie kurz entschlossen den Mann und stülpte ihn kopfüber in das leere Mehlfaß. »Sucht selbst!« sagte sie mürrisch.
Die Sache hätte freilich für die tapfere Jungfer recht übel ablaufen können, wenn sich nicht ein Offizier ihrer angenommen hätte. Er beruhigte den Soldaten, der in einem fürchterlichen Kauderwälsch Bestrafung der Untäterin verlangte, als er endlich wieder Augen und Mund von dem Mehlstaub frei hatte. Dem Offizier, einem Rheinländer von Geburt, schien der Zug nach dem weiten Rußland auch wenig Spaß zu machen, desto besser gefiel ihm die tapfere Jungfer. Er sagte beim Abschied lachend zu ihr: »Schade, daß sie kein Mann ist, sie hätte einen guten Gardisten abgegeben und gewiß tapfer gefochten!«
»Ja, wenn's gegen die Franzosen ginge,« sagte Jungfer Rosalie gelassen. Da schwieg der Offizier und nickte nur noch einmal grüßend zurück, -- vielleicht hätte er auch lieber sein Leben für des Vaterlandes Freiheit eingesetzt!
Und als die Durchzüge beendet waren, die letzten Nachzügler der großen Armee den Niemen überschritten hatten, da war es, als wäre ein verheerendes Unwetter mit Hagel und Sturmflut über die Gegenden dahingebraust, die an der großen Landstraße lagen, und dem Heere folgten die Flüche, folgte das Jammern des gequälten Volkes nach.
Neuntes Kapitel.
Auf weiten Wegen ins alte Nest zurück.
In dieser Zeit, da die Frühlingsstürme den Winter vertrieben, und da über die deutschen Lande eine neue Not kam, wanderte Raoul von Steinberg durch viele Wirrsale in der Fremde herum. Er hatte gemeint, es sei am besten, das Haus zu verlassen, in dem ihm so wenig Liebe geworden war, und als er an jenem verhängnisvollen Tage stumm auf seinem Lager lag, so still, daß Frau Maria ihn schlafend wähnte, da hatte er nichts mehr von all den guten Vorsätzen vernommen, die im Familienzimmer laut wurden. Um Mitternacht war er aufgestanden, hatte sein Bündel gepackt und war durch das Fenster entflohen. Unten hatte er ein paar Minuten gezögert. Tat er recht? Da oben schliefen Frau Maria, Pfarrer Buschmann und Gottliebe, die hatten ihn doch lieb, waren gut zu ihm, ihnen würde seine Flucht vielleicht wehe tun. Er hätte ihnen schreiben mögen, sagen, daß er sie nie vergessen würde, aber dazu war es zu spät. Kehrte er in das Haus zurück, dann hörte ihn wohl jemand, man würde seine Absicht erraten, und Joachim würde lachen, spöttisch, verächtlich, wie er es so oft getan hatte. Nein, nur das nicht. Die Verachtung, mit der man auf ihn um der Mutter willen, der guten, geliebten Mutter willen herabsah, die konnte er nicht ertragen, lieber wollte er wieder Schreiber werden oder sonst eine Arbeit tun. Und ohne rechtes Ziel war er in das Schneewehen hinausgetrabt, nur die Straße mied er, die er gekommen war. Auf einem ihm unbekannten Pfade war er weiter und weiter geschritten, und der Wille, fortzukommen, hatte seine Kraft gestärkt.
Im Morgengrauen traf er einen Wagen, einen, der mit grauer Leinwand rund überdacht war, und den ein mageres Pferd nur mühsam durch den Schnee zog. Jahrmarktsleute waren es, die, von der russischen Grenze kommend, durch die winterliche Einsamkeit zogen. Hoch oben im Thüringerwalde war ihre Heimat, von da aus zogen sie mit Holzgeräten, Spielsachen und Topfwaren, mit Quirlen, Löffeln, Brettern, Butterformen und allerlei solchen Dingen in der Welt herum, von Markt zu Markt. Raoul stand erschöpft an einen Baum gelehnt, als die Leute an ihm vorbeikamen, und der Knabe, der so allein in dieser grauen Morgenstille war, fiel ihnen auf. Der Mann hielt an und forschte nach dem Weg. »Ich habe keine Heimat,« sagte Raoul traurig, »meine Eltern sind tot, in Leipzig leben gute Freunde, zu ihnen will ich.«
»Nach Leipzig kommen wir auch, aber erst im Frühling,« sagte die Frau, und über ihr blasses Gesicht ging ein Freudenschein. Von Leipzig aus nach dem Thüringerwald war es schon näher, und sie sehnte sich nach der Heimat.
»Willst en Linschen mitfohre jo--e? Dann kumm ruff,« sagte der Mann gutmütig in seinem Thüringerdialekt. »Es gäht uff Marienburg, jo--e, 's ist noch sähre weit!«
Raoul überlegte nicht lange. Konnte er ein Stück mit den Leuten fahren, dann verwischte sich am besten seine Spur, der Oheim fand ihn, wenn er wirklich nach ihm suchen ließ, nicht so leicht, und er kam wohl auch nach Leipzig.
So zog er mit den Händlersleuten. Als die sahen, daß der fremde Knabe etwas Geld besaß, -- es war wenig genug, -- willigten sie gern ein, ihn in ihrem Wagen mitzunehmen. »Dos Foahre hoaste for nischt,« sagte der Mann, »abersch 's Ässen mußte alleene kofen.«
Brot und Wasser reichen aus, dachte Raoul, und dafür langte seine Barschaft schon ein Weilchen, und seine Hoffnung wuchs, das ersehnte Ziel zu erreichen. In den ersten Tagen der gemeinsamen Wanderschaft hielt sich der Knabe immer fern, wenn man in ein Dorf, an ein Gutshaus kam und die Händlersleute versuchten, ihren Kram loszuwerden. Als aber nach einigen Tagen eine kleine Stadt erreicht wurde, bot Raoul der Frau an, er wolle ihr verkaufen helfen. Es wurde ihm nicht leicht, aber er mochte auch nicht gern ganz umsonst seine Mitfahrt genießen. Mit einem Bündel Holzlöffeln und Quirlen, ein paar Brettern und Töpfen trat er seinen Weg an, und er hatte Glück: sein sanftes, feines Wesen, der traurige Blick seiner schönen Augen bestimmten die Hausfrauen, dem kleinen Händler doch etwas abzukaufen, und als Raoul zum Wagen zurückkehrte, hatte er ein besseres Geschäft als die Frau gemacht. »Dich hat der Himmel geschickt!« rief sie. »So--e Glicke! Du mußt bei uns bleiben, gelle Mann?«
Auch der Mann freute sich über den jungen Gehilfen und teilte an diesem Tage seine Mahlzeit mit ihm: »Das haste verdient, und wenn de bleiben willst, mir is 's racht!«
Und wieder überlegte Raoul nicht lange, sondern sagte zu, bis Leipzig die Händlersleute zu begleiten. Die erzählten ihm viel von ihrem Leben. Im Winter lebten sie meist eine Zeitlang in ihrem Dörfchen im Thüringerwald, und sonst war nur immer der Mann mit dem Beginn des Frühlings ausgezogen, die im Winter geschnitzte Ware zu verkaufen. Doch der älteste Bube, der den Vater zu begleiten pflegte, war krank geworden im letzten Frühling, und da hatte die Frau ihre vier Kinder der Sorge der Großmutter anvertraut und hatte selbst den Mann begleitet. Weil die Geschäfte gar so schlecht gegangen waren, -- in diesen Zeiten bedeutete in gar manchem Haushalt schon ein neuer Quirl eine Ausgabe, die man sich zehnmal überlegte, -- waren die Leute weiter ostwärts gezogen. Im Herbst war der Mann erkrankt, er hatte sich einen Fuß gebrochen, und das Ehepaar hatte eine Zeitlang in Königsberg bleiben müssen. Dort hatten beide die Zeit benutzt und neue Geräte geschnitzt, und nun zogen sie mit vollem Wagen wieder von Stadt zu Stadt, hoffend, endlich im Frühling heimzukommen.
Die Frau sorgte sich um die Kinder, von denen sie nun fast das ganze Jahr getrennt gewesen war, und sie war froh, daß sie ihrem jungen Begleiter von ihrem Konrad, ihrer Rose, Liese und dem kleinen Peter erzählen konnte. Sie fragte gutmütig auch nach Raouls Leben, und der erzählte von der Mutter, von den Bäckersleuten, aber von Hohensteinberg nichts. Dahin kehrten aber seine Gedanken desto öfter zurück, und manchmal war's ihm, als flüstere leise, leise eine Stimme in seinem Herzen: Du hättest bleiben sollen.
Ein langes Wandern durch deutsche Gaue, deutsche Dörfer und Städte war es. Die alte Stadt Marienburg war der erste Ort, wo sie länger rasteten. Es war gerade Markt, und Raoul suchte eifrig zu verkaufen. Hier hörten die Händlersleute aber auch, daß die Franzosen wirklich bald kommen sollten, und sie beschlossen, auf den nächsten Wegen, jedoch abseits von der großen Heerstraße, heimzukehren. Um Berlin herum wollten sie einen großen Bogen machen, sie waren von namenloser Furcht vor den Franzosen erfüllt. 1806 hatte der Kriegslärm bis in ihr einsames Walddorf hinauf geschallt, und sie erzählten Raoul beide allerlei aus jener Zeit, erzählten, was Verwandte unten im Saaletal erlebt hatten.
Da sprach auch Raoul von seinem Vater, der bei Saalfeld gefallen war. Die Leute wunderten sich nicht, daß er ein Offizier gewesen war; sie hatten es bald gemerkt, daß ihr kleiner Begleiter aus gutem Hause war, aber sie forschten nicht weiter, sie hatten am eigenen Sorgenbündel genug zu tragen.
Und wohin auch die Wanderer kamen, überall sprachen die Leute von der neuen Not, dem neuen Krieg. Denn wie die Schrecken des Krieges selbst sahen alle den drohenden Durchzug der Franzosen an. Das Bündnis mit Frankreich, das nun wirklich der König von Preußen abgeschlossen hatte, gab ja das arme Land dem Eroberer förmlich preis. Jammer, Angst und glimmenden Haß sahen die drei, wohin sie kamen, und dabei hub sachte ein erstes, zartes Frühlingsgrünen an, und hier und da standen schon Büsche mit feinen, grünen Schleiern überhangen, und manchmal pflückte Raoul blaue Osterblumen und Himmelsschlüssel, steckte sie an seine vertragene Kappe und rief wohl froh: »Hier ist es schön!«
»Bei uns ist's scheener,« erwiderte immer die Frau, und der Mann nickte jedesmal zustimmend: »Da haste was Richtiges gesagt.«
Die Leute sehnten sich immer stärker danach, heimzukommen, es wurde ihnen zu unsicher auf den Straßen, und der Handel wurde auch immer kärglicher. Die Frau steckte jedesmal ein Sträußchen vertrockneten Quendel zu sich, wenn sie ging, nach dem alten Spruch: »Quendel, Quandel, mach mir Handel,« aber es nutzte nicht viel. Raoul lachte zwar über den Aberglauben, aber er nahm gutwillig doch auch immer das Quendelsträußchen mit. Einmal verlor er es, und um die Frau nicht zu kränken, steckte er rasch ein paar trockene, vorjährige Grashalme vom Wege in das Papiertütchen. Sie rasteten gerade in einem Dorf, und Raoul kam zu einer Bauersfrau, der war in diesen Tagen ihre Küche ausgebrannt, und die Handelsleute kamen zu guter Stunde. Raoul mußte noch mehr Ware bringen, und als am Abend der Verdienst überzählt wurde und das erlöste Sümmchen ihnen allen dreien fast märchenhaft erschien, rief die Frau froh: »Sihst de nu -- e, Quendel, Quandel, mach mir Handel, jetzund hast de's erfoahren.«
Über Raoul kam ein fröhlicher Übermut wie seit langem nicht, er lachte aus vollem Halse, und lachend gestand er der Frau, daß er den Quendel verloren und dürres Gras genommen habe.
Aber so ein echtes Thüringer Waldfrauchen ließ nicht so rasch vom gewohnten Aberglauben, sie meinte nachdenklich: »Dann mag do -- e was Gutes drunter gewesen sein. Gib mir 's Kraut.«
»Sin Faxen,« brummelte der Mann lachend, aber die Frau nahm doch das Grasbüschlein und verwahrte es sorgsam an ihrer Brust, man konnte doch nicht wissen! Am nächsten Tag ging sie dann mit sehr viel Mut aus den Handel und kehrte mit aller Ware heim, nur einen einzigen kleinen Quirl war sie los geworden. Gutmütig lachte sie dann sich selbst aus, und der Quendel verlor etwas sein Ansehen bei ihr.
Endlich langten die drei an einem Tage, früh im April, der sich aber ganz wie ein schöner, sonnenheller Maitag aufspielte, in Halle an. Hier wollte Raoul von seinen Gefährten Abschied nehmen, die nicht erst den kleinen Umweg über Leipzig machen wollten. »Sie kommen, sie kommen!« klang überall der Angstruf, und alles zitterte und zagte vor dem gewaltigen Heere, das seinen Marsch durch Deutschland schon angetreten hatte.
In einer Ausspannung am Roßmarkt, der außerhalb der Stadt lag, rasteten die Handelsleute. Sie wären am liebsten gleich weiter gezogen, doch das Pferdchen brauchte Ruhe. Raoul wollte bis zum nächsten Morgen warten und dann in aller Frühe seine Wanderung nach Leipzig antreten. Er lief rasch einmal durch die Straßen der Stadt, um das Wirtshaus zu suchen, in dem damals Meister Koch abgestiegen war. Vielleicht wußten die Leute was von ihm, der öfter hin und her fuhr, und vielleicht auch etwas von Käsmodels. Nun er Leipzig so nahe war, hatte ihn eine heftige Unruhe erfaßt, ob sie noch alle lebten, ob das Haus noch stand, und ob sie sich auch freuen würden, daß er so unerwartet kam.
Er lief und lief, dort mußte es doch sein, nein dort! Auf einmal blieb er mitten auf der Straße stehen und überlegte, er wußte ja gar nicht mehr den Namen des Wirtshauses. Es war ein Roß, dachte er, nein, ein Hirsch -- und weil gerade ein Mann vorbeikam, fragte er hastig: »Ach, bitte, sagen Sie mir, ist hier ein goldenes Roß, nein, ein weißes Roß -- nein, ein Schwan oder eine Gans -- nein, ich glaube, es war ein --«
»Dummkopf!« schrie der Mann, »hältst mich wohl zum Narren!« Fuchsteufelswild drehte er sich um und rannte einem dicken Mann etwas unsanft gegen den Bauch, aber der schien das gar nicht zu spüren, er starrte nur Raoul an und rief: »Daß dich das Mäuschen beißt, das ist ja allweil unser Raoul!«
»Herr Meister -- ich!« Mit einem Schrei hing Raoul an des dicken Meisters Hals, ein Tränenstrom brach aus seinen Augen, und fassungslos vor Freude umklammerte er den dicken Mann.
Der schluckte, prustete, brummelte, wischte sich die Augen und schneuzte sich laut, endlich brüllte er, daß es die Straße entlang schallte: »Da ist er ja, der Musjeh Raoul, allweil, nee so was! Junge, Junge, heule doch nicht so! Du bist da und bleibst da, und alleweil wieder fort, das gibt's nicht. Aber jetzt sag', wie du hergekommen bist!«
Doch Raoul konnte noch nicht sprechen, er hielt die Hand des Meisters so fest, als wollte ihn jemand mit Gewalt von dem Manne wieder trennen. »Na sachte, alleweil sachte,« brummte der, »ich nehm' dich gleich mit. Wärst du eine halbe Stunde später gekommen, dann hättest du laufen müssen. Zu uns willst du doch, oder bist du etwa auf dem Wege zu deinem französischen Onkel?«
»Nein!« rief Raoul, und ein Lachen flog nun über sein Gesicht, und dann sagte er ausatmend: »Ich bin ausgerissen!«
»Das wissen wir schon!« Der Meister schmunzelte so, daß sich sein rundes Gesicht in lauter Falten zog. »Dein Oheim hat's schon geschrieben, und danach tut es ihnen allen furchtbar leid. Ich habe geschwind geantwortet, daß ich nichts von dir wüßte, ich dachte aber doch, alleweil kommt er schon, wenn er noch 's Leben hat. Der Gottlieb, der verflixte Bengel, hat sich schon beinahe die Augen aus dem Kopf nach dir ausgeguckt. Daß die teuren Bücher auch zum Hineinsehen sind, das vergißt er alleweil. Doch nun komm, unterwegs erzählst du mir, warum du's mit dem Ausreißen so eilig hattest!«
Jetzt erst fielen dem Knaben wieder seine Weggenossen ein, und er erzählte eifrig und ein bißchen kraus durcheinander, auf welche Art er die Reise gemacht habe, und ein paarmal nickte der Meister anerkennend dazu. Nach kurzem Nachdenken wurde beschlossen, den kleinen Umweg zu machen und an der Ausspannung vorbeizufahren, wo die Handelsleute weilten. Es dauerte nicht lange, da saß Raoul neben seinem Beschützer, und mit Hühhott ging es durch die Stadt, und die braven Thüringer staunten nicht wenig, wie stattlich ihr junger Genosse auf einmal daherkam. Der Leipziger Bürger und Meister flößte ihnen gewaltigen Respekt ein, und da er ihnen noch als Mitbringsel für ihre Kinder ein kleines Geldgeschenk gab, sagte die Frau wieder zu Raoul: »Du hast uns Glicke gebracht!«
Es gab einen sehr herzlichen Abschied. Der Meister riet den Leuten dringend, möglichst schnell auf Nebenwegen in ihren Wald zurückzugehen. »Sie ziehen daher wie ein Heuschreckenschwarm,« sagte er finster. Der Händler nickte trübe: »Iche wollte meine Schecke und den Wagen verkaufen und zu Fuße ziehen, aber jetzund kauft das Pferd niemand; sie sagen alle, die Franzosen nehmen's uns vielleicht weg, jo--e es will jeder sein Geld im Sacke behalten.«
Noch einmal rief Raoul den Genossen ein Lebewohl und gute Heimkehr zu, dann zog der Meister die Zügel an, und fort ging die Fahrt, auf Leipzig zu.
Unterwegs erzählte Raoul dem Meister getreulich und ausführlich alles, was er erlebt hatte, er verschwieg nichts, auch nicht die erfahrene Güte, aber zu seiner Verwunderung schwieg der nachdenklich und sah sinnend auf den braunen Pferderücken vor sich, als gefiele ihm der ganz besonders. Da begann Raoul das Herz zu schlagen, und leise, scheu fragte er: »War's recht?«
»Alleweil nee, mein Junge,« rief der biedere Meister. »Sie haben dir übel mitgespielt, aber nicht alle; weil's doch deine Frau Mutter selig gewollt hat, darum hättest du noch etwas aushalten, lieber mal dem Hochhinaus, dem Joachim, ordentlich die Jacke vollhauen sollen. Na ja,« beschwichtigte er, als er Raouls erschrockenen Blick sah, »du bist von anderer Art als wir Käsmodels, und ich glaube beinahe, darin gleichst du deiner Frau Mutter selig. Schlecht behandeln, nee, das ließ die sich nicht, lieber arbeitete sie über ihre Kräfte und hungerte dazu. Einzig schade ist's, daß deine Verwandten nicht deine Mutter gekannt haben, alleweil, das war ihr größtes Unrecht, daß sie gleich nichts Gutes von ihr dachten, bloß weil sie eine Französin war. Aber wie es ist, so ist's, ich habe deiner Frau Mutter selig gelobt, dir ein Freund zu bleiben, und das halte ich. Du hast ihren Willen erfüllt, bist zu den Verwandten gereist und bist freiwillig wiedergekommen, und nun bleibst du bei uns und gehst mit dem Bengel, dem Gottlieb, auch aufs Gymnasium, 's wird euch beiden gut sein. Uff!« Der dicke Meister atmete tief nach dieser langen Rede, und Raoul schmiegte sich fest an ihn an. Er fühlte wohl, daß sein Beschützer recht hatte, daß er zu vorschnell gewesen war, aber die Freude, wieder in der alten Heimat zu sein, war doch größer als die Reue.
Die Nacht war schon heraufgekommen, als Meister Käsmodel mit seinem Schützling durch das Hallesche Tor in Leipzig einfuhr. Zum Ärger manches braven Bürgers rasselte das Wäglein laut durch die stillen, dunklen Gassen, und aus manchem Federbett heraus kam brummend das scheltende Wort: »Es ist unerhört, daß zu nachtschlafender Zeit wieder ein Wagen fährt. Nicht einmal in der Nacht hat man seine Ruhe.«
Als die Meisterin Käsmodel aber in der Backstube das Rollen vernahm, horchte sie freudig auf: ihr Mann kehrte zurück, um den sie schon sehr gebangt hatte, denn eine Fahrt auf der Landstraße bei Dunkelheit war in den unruhigen Zeiten nicht ungefährlich.
Sie eilte selbst, die Haustür zu öffnen, und mit einem Laternchen beleuchtete sie die Heimkehrenden. Es war aber gut, daß der Meister geschwind zusprang, sonst wäre das Laternchen hingefallen, so überrascht war die Frau, als sie Raoul erblickte. Sie zog den Knaben rasch gar liebevoll in die Arme, streichelte ihn mütterlich und sagte: »Nun sind's wieder drei!«
»Das Lottchen,« flüsterte Raoul, er wußte nicht viel zu sagen, aber die Meisterin verstand ihn: »Es hat eben jeder sein Kreuz zu tragen in der Welt,« sagte sie sanft. »Nun komm aber hinein, Gott segne deinem Einzug!«