Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege

Part 8

Chapter 83,832 wordsPublic domain

Ich darf nicht schreien, dachte sie und preßte ihr Tuch fest vor den Mund; ach, wäre ich doch nur erst draußen! Die Ratte lief hin und her, dann versuchte sie an der Außenwand der Tonne herunterzuklettern.

»Sie kommt, sie kommt!« Gottliebe kroch immer mehr auf ihrem Platz zusammen. »Der dumme Tugendbund,« schalt sie wütend, »wäre ich nur nicht hierher gekommen!« Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, und sie bebte vor Furcht: das wildeste Raubtier der Wüste hätte ihr keinen größeren Schrecken einjagen können. »Wenn sie mir ins Gesicht springt, sich in meine Haare verwickelt, wenn -- wenn --« Tausend Fährnisse fielen ihr ein, und ihre Augen ruhten immer starrer, immer entsetzter auf dem Tiere, das sein Dasein ganz behaglich zu finden schien. Das lief nach rechts, nach links, und auf einmal schien es sich nach Abwechslung zu sehnen. Plumps, sprang es von der Tonne herunter, und Gottlobe und Karoline kreischten. »Hier sind Mäuse!«

»Nein, Ratten!« brüllte Gottliebe, der plötzlich die Ratte auf den Schoß hopste. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf und stieß an die Wassertonne, die ins Wanken geriet, und es rasselte und polterte laut. An den erschrockenen Tugendbundgenossen vorbei raste Gottliebe und stürmte in den Garten hinaus. Draußen stieß sie unversehens an eine dunkle Gestalt an; ein unterdrückter Aufschrei wurde laut, und kollernd wälzte sich ein Mann auf dem Rasen.

Verdutzt blieb Gottliebe einige Sekunden stehen, der Mann richtete sich auf, und das Mädchen erkannte in ihm einen ehemaligen Gärtner, den der Hofverwalter vor einiger Zeit wegen Untreue entlassen hatte. »Ach gnädigstes Fräulein,« stammelte der Mann, »ich wollte -- ich dachte --!«

Da kamen die Tugendbündler schon aus dem Tempelchen heraus. Blitzschnell entschwand der Mann in dem nahen Gebüsch, dort duckte er sich nieder, und Gottliebe raste, von den andern verfolgt, dem Hause zu. »Haltet die Spionin, haltet sie auf!« schrie Joachim dicht hinter ihr.

Doch auf einmal stutzten alle und drängten verlegen rückwärts, -- Raoul stand vor ihnen. Er hielt Gottliebe fest, trotzdem sie flehte: »Laß mich los, die andern -- und in der Regentonne ist -- die Ratte auf mich gehopst.« Der Knabe achtete gar nicht auf die verwirrte Rede. »Bleibt,« sagte er schroff, aber leise, »ich glaube, ihr seid verraten. Der Rentamtmann, Liebe, von dem du gestern gesagt hast, er haßt deinen Vater, ist bei ihm, ich sah ihn kommen. Ein Mann ist mit ihm gewesen, der lief nach dem Park, und ich sah von meinem Fenster aus, wie er an der Türe des Tempelchens horchte!« Kurz, stoßweise hatte der Knabe die Worte hervorgebracht, sie waren ihm sichtlich schwer geworden, aber plötzlich warf er einen schnellen Blick in das Dickicht neben dem Weg, rief nur noch: »Haltet ihn!« und setzte einem davoneilenden Manne nach.

»Er ist's,« rief Liebe, und einige Sekunden später raste auch sie dem Lauscher nach.

Doch Raoul hatte ihn schon gefaßt, und blitzschnell ersah er ein kleines, grünes Buch in seiner Hand. Von dem Buche hatte doch Gottliebe gesprochen. Mit einem Ruck entriß er es dem Manne, der wollte es wieder an sich reißen und versetzte Raoul einen Faustschlag, aber schon hatten die vier andern Knaben die beiden umringt, und der Lauscher dachte nur noch daran, sich in Sicherheit zu bringen. Er war ein starker Mann und warf erst Arnold, dann Fritz von Berkow in den Schnee, und ehe noch Joachim ihn halten konnte, war er fort und über die Gartenmauer gesprungen.

Wenige Minuten nur hatte das Schreien und Toben den Garten durchgellt, dann war eine tiefe Stille eingetreten, und die Verschwörer sahen alle verlegen, beschämt und ruhig auf Raoul, dem das Blut aus der Nase rann, -- der Faustschlag hatte gut getroffen.

Gottliebe fand zuerst Worte. »Er blutet,« jammerte sie und hielt dem Vetter gleich hilfbereit die Schürze hin.

»Es ist nicht schlimm,« sagte der, »hier ist das Buch!« Er warf Joachim das Buch zu, drehte sich um und eilte in das Haus zurück. Er lief dort gerade Frau Maria in die Arme, die von dem Lärm herbeigelockt worden war und sich nun erschrocken liebevoll des Neffen annahm. Als sie beide durch den Hausflur gingen, schlüpfte ihnen Gottliebe nach, und alle drei hörten aus des Hausherrn Zimmer heraus heftige Stimmen klingen. Gottliebe schaute so entsetzt zur Mutter auf, daß diese sagte: »Es ist nicht schlimm: der Rentamtmann hat allerlei Klagen, brauchst keine Sorgen zu haben!«

Gottliebe atmete auf, aber dann dachte sie wieder an den entlassenen Gärtnerburschen, der das Buch gefunden hatte, und Raoul mußte von den gleichen Gedanken bewegt werden; er beugte sich vor und flüsterte so leise, daß es die Tante nicht hören konnte: »Sie sollten es verbrennen!«

»Lauf mal in die Küche und sage Jungfer Rosalie, sie solle Leinwand und Essig bringen,« gebot Frau Maria da, und eilig lief Gottliebe, den Auftrag auszurichten. Atemlos bestellte sie der Jungfer Rosalie, was die Mutter gesagt hatte, und just war sie fertig, als Joachim mit seinen langen Beinen durch das offene Fenster in die zu ebener Erde liegende Küche einstieg und zu Jungfer Rosalies grenzenlosem Erstaunen ein grünes Etwas in das hellbrennende Feuer warf.

»Na?« rief die treue Hüterin der Küche verdutzt.

»Ja,« brummte Joachim nicht minder lakonisch und starrte in die Flammen. Das Büchlein wandte und drehte sich, es sperrte seine Deckel weit auseinander, und dann -- war es zu einem Häuflein glühender Asche verwandelt.

Gottliebe hatte mit der gleichen gespannten Aufmerksamkeit zugesehen, und als nichts mehr von dem unseligen Buch zu sehen war, schaute sie zu dem Bruder auf, und sekundenlang blickten die Geschwister sich wie befreit an. »Es war dumm,« murmelte Joachim und stieg dann eilig wieder zum Fenster hinaus, um den ziemlich verwirrten und verängstigten Tugendbündlern zu melden, daß das Werk vollbracht sei.

Gottliebe kehrte zur Mutter zurück. Sie sollte Raoul pflegen helfen. Es gab aber nicht viel zu pflegen, der Knabe bat nur, man möchte ihn allein lassen, schlafen lassen, er sei so müde. Und weil er so blaß aussah und jedes Wort ihm schwer zu fallen schien, willfahrte Frau Maria gern dem Wunsch und ließ den Neffen allein. Einigemal noch sah sie an dem Nachmittag in das Stübchen, und immer fand sie Raoul anscheinend in tiefem, festem Schlafe liegen. Still, wie sie gekommen war, verließ sie wieder das Zimmer und ahnte nicht, welche schwere, unruhige Gedanken den Knaben bewegten, wie er rang, um den rechten Weg für sein Tun zu finden.

»Der Raoul ist doch ein anständiger Kerl! Brav, wie er uns geholfen hat! Aber Liebe ist eine Klatschbase und Horcherin,« hatte Arnold von Berkow im Kreise der Tugendbündler erklärt, die noch immer mitten im Schnee des Parkes standen und gar nicht wußten, was sie beginnen sollten.

»Sie war vernünftiger als wir,« grollte Joachim. »Wißt ihr,« wandte er sich an die Freunde, »ihr geht nach Hause, und ich begleite euch. Vielleicht ist es jetzt am besten, wir sind nicht zu finden.«

Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, die Mädels meinten, sie wollten in das Dorf gehen und einen Krankenbesuch machen, und die Knaben schlugen im Geschwindschritt den Heimweg an. Joachim ging eigentlich nur mit, weil er eine Frage des Vaters fürchtete. Zu feige, eine Schuld zu leugnen, war er nicht, aber es trieb ihn hinaus, weil Raoul im Hause war, Raoul, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte. Er fühlte, er mußte den Vetter um Verzeihung bitten, das war seine Pflicht, aber der harte Steinbergtrotz in ihm lehnte sich noch immer gegen die Demütigung auf. »Ich hasse ihn,« dachte er, und dabei sah er immer noch das blasse, blutige Gesicht vor sich, die schönen, traurigen Augen, und er fühlte dumpf und unklar, daß auch sein Haß nur Trotz war.

Schweigsam schritt er neben den Freunden hin, die noch laut und aufgeregt den Fall besprachen, und was hätte geschehen können, wenn das Buch mit all den wilden Schmähworten wirklich in die Hände des Gärtnerburschen gefallen wäre. »Es wäre uns schlimm ergangen,« meinte Fritz von Berkow kleinlaut, und Oswald Hippel rief immer wieder in ehrlicher Selbsterkenntnis: »Eigentlich war's doch eine dämliche Kinderei!«

Als Joachim von den Freunden Abschied nahm, bat Arnold: »Grüße Raoul. Ich sag's ihm morgen, daß mir die Geschichte leid tut.«

»Morgen, morgen ist Zeit genug,« dachte Joachim, »ja, morgen, da will ich's ihm auch sagen.« Und als er heimkam, atmete er erleichtert auf, als er hörte, daß Raoul schlief, da rückte doch auch die bittere Stunde für ihn in die Ferne.

Gottliebe hatte den Geschwistern gleich mitgeteilt, was die Mutter von dem Besuch des Rentamtmannes gesagt hatte, also wußte der Vater nichts davon, und der Sturm war an ihnen vorübergebraust. Sie hatten aber doch sein Sausen gehört, und sie saßen alle wie Vögel nach einem Gewittersturm am Abend am Familientisch. Auch Liebe war niedergeschlagen, obgleich weder Bruder noch Schwester und Base sie um des Horchens willen geneckt hatten. Zwischen ihnen waren auf einmal alle bitteren Worte vergessen, die gemeinsame Angst hatte sie wieder vereinigt.

Der Eltern Augen aber ruhten forschend auf den Kindern, und der Großmutter Blick haftete immer an Raouls leerem Platz. Nach dem Abendessen, als Jungfer Rosalie und der Vogt, die nach altem Brauch am Herrentisch aßen, gegangen waren, rief Herr von Steinberg: »Kinder bleibt! Joachim, erzähl' mal, wer hat Raoul geschlagen?«

»Der Jakeit,« gab Joachim zur Antwort, während eine heiße Röte über sein Gesicht lief, lügen konnte er nicht.

»Der Jakeit?« fragte der Vater erstaunt, »wie kam er dazu? wo war er?«

»Er trieb sich -- im Park herum. Wir wollten ihn halten, da schlug er Raoul, warf Arnold und Fritz hin und riß aus!«

»Wie ist der Jakeit wieder in den Park gekommen?«

»Jungfer Rosalie sagt, er wäre als Begleiter des Rentamtmannes gekommen,« mischte sich Frau Maria ein.

»Was steckt aber dahinter? Ihr seid so verstört!« fragte die Großmutter scharf, und ihre Augen suchten prüfend die Gesichter der Enkelkinder. Die schwiegen, eins sah das andere an, sie wurden alle rot und wagten doch nichts zu sagen.

»Wieder ein Streit mit Raoul!« rief Pfarrer Buschmann traurig. »Wie junge Raben hacken sie auf den armen Burschen ein, es ist kein Vertragen, keine Liebe zwischen ihnen.«

»Die andere Art!« Die Kammerherrin murmelte es nur leise, aber Frau Maria hatte das Wort vernommen, und sie sagte sanft: »Und Raoul ist doch ein Steinberg, ist manchmal ganz sein Vater, so wie mir Georg-Wilhelm in der Erinnerung lebt, nur weicher, ernster, verschlossener ist er. Ich denke immer, wir tun allesamt dem armen Jungen unrecht und bringen ihm nicht genug Liebe entgegen!«

»Bei Gott, Maria,« rief der Freiherr, »du hast recht. Ein echter Steinberg ist der Raoul, und wir haben ihn alle verkannt. Hört, was ich heute erfahren habe.« Und bewegt erzählte er, daß Graf Turaillon an ihn geschrieben und ihm mitgeteilt habe, daß Raoul damals in Leipzig unauffindbar gewesen wäre. Bäckermeister Käsmodel hätte erklärt, auf Wunsch seiner Mutter hätte der Knabe sich zu den Verwandten seines Vaters begeben. Noch einmal bot der Graf dem Neffen an, er wolle ihn zum einzigen Erben seiner Reichtümer einsetzen, und bat den Freiherrn, der doch Kinder hatte, ihm den Knaben auszuliefern. »Darum ist der Junge damals so eilig gekommen! Er hat uns gewählt, hat sich zu uns Steinbergs gehalten,« rief der Vater, »aber er mag wohl nicht das rechte Zutrauen haben fassen können, sonst hätte er uns alles erzählt.«

»Jetzt versteh' ich's,« rief Liebe plötzlich und wurde dann namenlos verlegen, weil es nicht Sitte war, daß eins der Kinder ungefragt sich in das Gespräch der Erwachsenen einmischte.

Doch diesmal blieb ihre Vorwitzigkeit ungerügt, und der Vater fragte: »Was verstehst du jetzt?«

»Karl Wagners Brief,« stammelte Liebe, und dann erzählte sie sehr geschwinde, sehr kraus mit allerlei Abschweifungen, wer Karl Wagner sei, was er geschrieben habe, und daß Raoul nichts mehr von seinen Freunden sagen wollte, weil -- weil -- hier stockte sie und fuhr dann fort, tapfer die Schuld der Geschwister mit auf ihre Schultern nehmend, »wir so über den komischen Namen und die Bäckersleute gelacht haben. Aber sie sind gewiß alle gut, und sie können alle Napoleon nicht leiden, und Gottlieb singt immer: Warte, warte, Bonaparte, und --« Gottliebe mußte einmal nach Luft schnappen, die Rede war zu lang und eilig gewesen, und sanft strich die Mutter, neben der sie saß, über das heiße Gesicht des Kindes. »Wir haben Raoul wohl alle nicht verstanden, haben uns beeinflussen lassen, weil -- seine Mutter eine Französin gewesen ist!«

»Ach, und sie muß himmlisch gut gewesen sein, und Hauben hat sie genäht, und Raoul hat sie so viel von der Großmutter und unserem Vater erzählt.« Wieder rügte an diesem Abend niemand Gottliebes lebhaften Zwischenruf, und wieder strich die Mutter liebkosend die blühende Wange ihres Kindes und dachte still: Du gutes Herzlein, du!

»Wer gefehlt hat, soll trachten, es gut zu machen, damit Raoul in diesem Hause auch die Heimat findet, die er gesucht hat,« sagte der Freiherr ernst, tauschte einen Blick mit seiner Mutter und sah dann auf Joachim. Der senkte den Kopf. Morgen, morgen, klang's in ihm.

Nachher ging Frau Maria noch einmal in des Neffen Zimmer, und da lag der still und gab keine Antwort auf den leisen Ruf. Morgen, morgen, dachte auch die Frau und klinkte die Türe ein und ermahnte dann ihre Kinder: »Geht leise, stört Raoul nicht, er schläft.«

»Wie dumm,« seufzte Gottliebe, »nun muß ich bis morgen warten, um ihm alles zu erzählen. Warum muß er auch heute so müde sein!«

Achtes Kapitel.

Einem traurigen Morgen folgen schwere Tage.

Im Hause verloschen allgemach die Lichter, und ganz Hohensteinberg versank in tiefe, nächtliche Stille, nur aus dem Fenster der Kammerherrin fiel noch lange ein heller Schein in die Nacht hinaus. Zum zweitenmal in ihrem Leben beklagte die alte Frau, daß sie zu hart, zu streng gewesen war, aber diesmal konnte sie noch sühnen, konnte gutmachen, was sie einst nicht mehr gekonnt hatte. Damals, als sie die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes erhalten hatte und die Witwe und sein Kind unauffindbar gewesen waren, hatte sie es nicht mehr können. Nun lebte des Sohnes Sohn in ihrem Hause, und wie hatte sie bisher die seinem Vater erwiesene Härte gesühnt? Die stolze Frau litt namenlos in dieser Stunde, als sie sich wieder einmal sagen mußte: Du tatest unrecht! Aber doch klang es auch in ihrem Herzen hoffnungsvoll: »Morgen, morgen.«

»Morgen soll ein neues Leben für den armen Jungen beginnen,« hatte auch der Freiherr zu seiner Frau gesagt. »Wie konnte ich nur bisher so wenig erkennen, daß das Fremde in seiner Art gut ist! Eine Prachtfrau muß die Mutter gewesen sein.«

Morgen, morgen, dachte auch Joachim unablässig; er, der sonst einen Bärenschlaf hatte, warf sich in dieser Nacht unruhig auf seinem Lager hin und her. Er rang immer noch mit seinem Trotz, und dazu hatte sich die Eifersucht gesellt: nun würden auf einmal alle Raoul lieben, er würde beiseite geschoben werden von den andern, wie es schon Gottliebe mit ihm getan hatte.

Draußen hatte sich der Wind erhoben; er sauste und brauste um das Haus herum, es knisterte und raschelte in dem alten Gebälk, ganz unheimlich klang es. Einmal fuhr Joachim empor, es war ihm, als hätte er tastende Schritte gehört. Aber nein, es war doch wohl nur der Sturm gewesen. Die Wetterfahne auf dem Dache drehte sich gerade knarrend, und irgendwo klappte ein Fenster -- oder war es eine Tür?

»Unsinn!« murmelte Joachim und grub den Kopf tief in die Kissen hinein. Da schlug draußen ein Hund an, kurz, und er verstummte gleich wieder, und wieder war allein das Brausen des Windes hörbar. Noch eine Weile lauschte der Knabe, aber nichts, gar nichts war zu hören, und doch preßte eine seltsame, beklemmende Angst ihm das Herz zusammen. Und wieder sagte er »Unsinn!« zu sich und versuchte zu schlafen, aber es dauerte noch lange, ehe ihn der Schlaf übermannte. Er schlief so fest, daß er das laute Klopfen, mit dem Jungfer Rosalie morgens die Kinder zu wecken pflegte, überhörte und weiter schlief. Erst der Jammerruf: »Joachim, Joachim!« den Gottliebe ausstieß, ermunterte ihn völlig. Die Schwester stand in der offenen Türe, ihr liebes Gesichtchen war ganz von Tränen überflutet. »Raoul ist fort,« schluchzte sie, »Raoul ist fort!«

»Raoul -- fort?« stammelte Joachim, »wie denn fort?«

»Fort ist er, seine Sachen hat er mitgenommen, er -- ach Raoul, Raoul!« jammerte das Mädel.

Hinter Gottliebe trat rasch Pfarrer Buschmann in das Zimmer. Er schob das Mädel sanft hinaus, ihr über die verwirrten Locken streichend. »Geh zu deiner Mutter, Kind, sie verlangt nach dir,« sagte er milde, und dann wandte er sich an Joachim: »Steh auf, eile dich und hilf deinem Vater suchen; oder -- weißt du etwa um seine Flucht?«

Joachim schüttelte verstört den Kopf. »Warum -- warum nur?« stammelte er.

»Das fragst du noch?«

»Ich -- ich wollte ihm abbitten -- heute!«

»Warum tatest du es nicht gestern, warum verschobst du es?« fragte der alte Mann und sah traurig seinen trotzigen Schüler an. »Es kommt oft ein Morgen, an dem ein gutes Wort zu spät kommt. Raoul muß in der Nacht geflohen sein, er hat nur ein kleines Bündel Sachen mitgenommen, nur -- was er hergebracht hat. Dein Vater ist schon unterwegs. Nach Langenstein ist geschickt worden, wir hoffen alle, den armen, lieben Jungen zu finden.«

»Ich finde ihn, ich muß ihn finden,« rief Joachim heftig. Er zog sich in zitternder Eile an und wollte hinaus.

»Halt, sachte, nicht so stürmisch!« Pfarrer Buschmann hielt ihn fest. »Willst du ohne Sinn und Verstand drauf los rennen, Wege, die schon andere abgesucht haben? Das nützt wenig. Du sollst zu Berkows reiten und von dort aus nachforschen. Es ist nicht unmöglich, daß Raoul den Waldweg eingeschlagen hat und dann --« Der alte Mann vollendete nicht, aber Joachim wußte genau, was er meinte. Den Waldweg, der ein großes Stück nach der nächsten Poststation hinter Langenstein abkürzte, konnten nur Kundige gehen, namentlich im Schnee konnte man sich leicht verirren. War Raoul ihn gegangen in der Sturmnacht? Wer weiß, in welcher weglosen Einsamkeit er sich schon verirrt hatte.

Raoul mußte sich von seinem Fenster aus an der Kastanie herabgelassen haben, abgebrochene Zweige deuteten darauf hin. Sonst hatte der Schneesturm in dieser Nacht jede Fußspur verweht. Jungfer Rosalie klagte mit einem ihr sonst fremden Wortreichtum: »Daß ich's nicht gehört habe, immer nur gemeint, der Sturm sei's, und das Fenster hat doch geklappt!«

An die Knie der Großmutter geschmiegt, weinte Gottliebe in fassungslosem Schmerz, und jedes Aufschluchzen fand in der Ecke des Zimmers ein leises Echo. Dort saßen Gottlobe und Karoline, und beide zuckten immer wieder zusammen und fühlten jedes ihr Teilchen Schuld, wenn die Schwester klagte: »Wir waren nicht gut genug zu ihm.« Ihr, die dem Entflohenen am meisten Liebe von den Kindern erwiesen hatte, fiel immer wieder etwas ein, was sie hätte tun können, und alles sagte sie und ahnte nicht, daß jeder Vorwurf, den sie gegen sich selbst erhob, die Großmutter bitter traf. Die sagte mit einer seltsam schweren, weichen Stimme: »Sei ruhig, mein Kind, Raoul kommt schon wieder, heute abend ist er wieder da. Sicher, er kommt wieder.« Und mit diesem Trost versuchte die Kammerherrin sich selbst zu trösten, versuchte sie ihre schwere Sorge zu bannen.

»Wir werden ihn schon finden,« hatte der Freiherr, der über des Neffen Flucht tief betroffen war, die Seinen getröstet, »er ist doch nur zu Fuß gegangen, unsere Pferde holen ihn schon ein!« Aber als der Abend kam, war noch keine Spur von dem Vermißten gefunden. Niemand hatte ihn gesehen, durch kein Dorf schien er gekommen zu sein! Auf allen Wegen, die süd- und westwärts führten, waren die Boten weit ins Land hinein gefahren und geritten, denn alle nahmen an, der Knabe habe nach Leipzig zurückkehren wollen, um vielleicht von dort aus zu seinem Onkel nach Paris zu wandern.

»Ich muß ihn finden, ich muß ihn finden,« dachte Joachim verzweifelt, und nur die ernsten Ermahnungen seiner Eltern und des Pfarrers konnten ihn nach dem Tage vergeblichen Suchens abhalten, ins Blaue hinein dem Vetter nachzuziehen. Wie eine schwere Last lag die Schuld gegen den Vetter auf seiner Seele, und als der Vater näher forschte und fragte, um den wahren Grund zur Flucht zu erkennen, da erzählte Joachim selbst die Geschichte des Tugendbundes, und wie sie Raoul von allem ausgeschlossen hätten. Er verschwieg nicht dessen tapferes Eintreten für die Tugendbündler, und während der Knabe dies alles bekannte, wurde ihm sein Unrecht immer klarer. »Ich bin schuld,« murmelte er, »ich allein!«

Die Kammerherrin sah von ihrem Enkelsohn zu ihrem Sohn, und der Freiherr nickte ihr trübe zu. »Wir wollen nicht untersuchen und fragen, wo die meiste Schuld liegt,« sagte er mit schwerem Ernst. »Euer Tugendbund war freilich eine Torheit, eine Kinderei: ihr paar Jungen und Mädels werdet das Vaterland nicht aus seiner tiefen Not befreien. Kindereien sind nicht am Platz in einer so schweren Zeit, das merkt euch alle, wir brauchen den Ernst und die Tat. Aber euch allen sei diese Torheit nicht angerechnet, weil diese Torheit aus Liebe zum Vaterland erwachsen ist. Diese Liebe haltet fest und erstarket in ihr, damit ihr dereinst fähig seid, wenn die Stunde kommt, in der das Vaterland euch braucht, Opfer zu bringen. Einen Tugendbund dürft ihr untereinander schließen, aber dazu braucht es keiner geheimen Versammlungen und törichter Bücher, euer Tun soll Zeuge sein von eurer Liebe zum Vaterland und eurer Liebe untereinander.«

Bei dem letzten Wort des Vaters sahen sich Joachim und Gottliebe unwillkürlich an, und mit einem Schrei flog das lebhafte Mädel auf den Bruder zu, hing an seinem Hals und rief schluchzend: »Wir wollen uns wieder lieb haben, und wenn Raoul -- wiederkommt, dann haben wir ihn alle, alle lieb!«

»Ich will ihn suchen,« murmelte Joachim, und nicht mehr, wie so manchmal in der letzten Zeit, stieß er die Schwester unwirsch fort. Er hielt ihre Hand fest, fest in der seinen, und Liebe verstand den Bruder auch ohne Worte.

Joachim hielt Wort. Er suchte fieberhaft nach einer Spur des Verlorenen, er fragte da und dort, aber keine Spur fand sich, auch die Nachforschungen des Freiherrn blieben erfolglos. Der schrieb an den Grafen Turaillon, schrieb, daß der Neffe entflohen sei; wie er vermute, habe er sich nach Paris gewandt. Auch an den Bäckermeister Käsmodel schrieb er, und dieser Brief wurde ihm herzlich schwer; aus Leipzig kam rasch Antwort, Raoul sei nicht dort eingetroffen, und nach Wochen kam die gleiche, in einem scharfen, beleidigenden Tone abgefaßte Antwort aus Paris. Der Graf nahm an, man hätte den Neffen absichtlich entfernt, um ihn vor seinen Nachforschungen zu verbergen.

»Das wußte ich,« frohlockte Gottliebe, »nach Paris ist Raoul nicht gegangen, er haßt den Bonaparte.« Sie wurde aber gleich wieder traurig. »Aber wo mag er sein?«

Ja, wo war der Knabe? War er gestorben und verdorben in dem großen Wirrsal, in der tiefen Not, die von neuem über das deutsche Vaterland hereinbrach?

Mit dem Frühling kam von Westen her das Unheil. Napoleon zog wirklich nach Rußland, des Zaren Macht wollte er brechen. Wie ein Märchenland lockte und lockte den Eroberer das unermeßliche Reich des Ostens mit seinen endlosen Steppen und weiten Wäldern. Aber Deutschland, Preußen, lag zwischen ihm und seinem Ziel, und so zwang er dem Könige von Preußen ein Bündnis auf, das das arme Land förmlich der Plünderung der großen Armee preisgab. Und manche deutsche Mutter sah weinend den Sohn in die Ferne ziehen, denn zu Tausenden mußten deutsche Söhne den französischen Fahnen folgen, und zu denen gesellten sich noch manche, die freiwillig mitzogen, weil sie den Glauben an des eigenen Vaterlandes Kraft verloren hatten.