Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 7
Auch die Kammerherrin hatte von ihrem Fenster aus die Abfahrt beobachtet, aber sie hatte sich darüber ein wenig gefreut, es war schon besser, die Kinder vertrugen sich zusammen.
»Wer ist denn Jungfer Mahdissen?« fragte Raoul das Bäslein.
Etwas Besseres, um ein Gespräch in Gang zu bringen, hätte Raoul nicht fragen können. Liebes Zünglein kläpperte förmlich, und mit bewundernder Begeisterung schilderte sie den kleinen Laden; dazwischen sagte sie immer wieder: »Wirst schon sehen!«
»Wie bei Käsmodels,« sagte Raoul sinnend, als Liebe sogar die bimmelnde Ladentür erwähnte, und auf der Base Gegenfrage erzählte er wieder von dem Bäckerhaus. Darüber verging den beiden die Zeit fast zu schnell, sie hatten beide kaum einen Blick für die weiße, im Sonnenglanz so schöne Landschaft. Wie eine tiefblaue Wand begrenzte fern der Nadelwald den Horizont. Sie waren der Stadt schon nahe gekommen, als über ihnen ein Krähenzug mit lautem Gekrächz hinwegzog, dem fernen Walde zu.
»Wohin geht es dort?« fragte Raoul, dessen Blicke den schwarzen Vögeln folgten.
»In einem weg nach Rußland, ein gut Stück bis hin ist's freilich noch,« sagte Kutscher Heinrich, der die Frage gehört hatte; er drehte sich um und wies mit dem Peitschenstiel nach Osten: »Dorthin will der Bonaparte ziehen, sagen jetzt alle. Einen weiten Weg hat er, wird manchem jungen Kerl das Leben kosten.«
Liebe schauerte zusammen und schmiegte sich unwillkürlich fester an den Vetter an. »Wenn die Franzosen nach Rußland ziehen, dann -- dann --« sie stockte und sah in hilfloser Angst zu dem Knecht auf.
Der verstand die unausgesprochene Frage. Er nickte, und sein ehrliches Gesicht verfinsterte sich. »Dann kommen sie hier durch, und wir haben den schönsten Kladderadatsch. Gnade uns Gott, wenn das geschieht! Sie sagen zwar, unser König wollte jetzt dem Bonaparte sein Freund und Verbündeter werden, -- na, den als Freund haben, da kommt doch eine böse Sache heraus.« Er drehte sich wieder um, knallte mit der Peitsche, und schneller holten die Pferde aus. Näher und näher kam das Städtchen.
»Wenn die Franzosen kommen,« flüsterte Gottliebe, »dann -- nützt doch der Tugendbund auch nichts?«
»Was?« fragte Raoul erstaunt zurück.
»Leise,« bat Liebe, und tuschelnd vertraute sie dem Gefährten die Geschichte vom Tugendbund an. Auf einmal bedrückte sie die Sache, die sie vorher als Kinderei angesehen hatte: das Heimliche, Verborgene wollte ihr daran nicht recht gefallen, die Eltern hätten es doch wissen müssen. »Es ist vielleicht nicht recht, daß ich dir das verrate, aber -- aber mir ist so bange!«
»Es ist nur eine Kinderei,« dachte Raoul, »und doch -- es wäre besser, Joachim ließe solche Sachen,« sagte er nachdenklich. »Meister Käsmodel hat zwar oft auf Napoleon geschimpft, er hat uns aber oft gesagt, man müßte vorsichtig sein, und die Zeit sei noch nicht gekommen.«
»Meinst du, daß der Tugendbund eine -- eine Verschwörung ist?« fragte Liebe angstvoll.
Da mußte Raoul doch lachen; so gefährlich erschien ihm der Bund nicht, und er tröstete das Bäslein und hatte es gerade erreicht, daß Liebe wieder vergnügt um sich blickte, als der Wagen vor Jungfer Mahdissens Lädchen hielt.
Raoul fand freilich die Herrlichkeiten der kleinen Ladenstube nicht so überwältigend, aber Gottliebe schaute sich einmal wieder in hellem Entzücken in dem Raume um, sie wurde auch von der Besitzerin mit sehr viel Freude begrüßt. »Ne--in, trautstes Mariellchen, Demoisellchen, ist das ein Freudchen!« rief Jungfer Mahdissen, die vielleicht um der eigenen Kleinheit willen die Gewohnheit hatte, allen Wörtern ein »chen« anzuhängen. So brachte sie denn Wollchen, Zwirnchen, Nadelchen, Stoffchen und allerlei herbei, pries wortreich die Güte ihrer Ware, nannte Raoul ein allerbastes Junkerchen, weil der Liebe an die Äpfel erinnerte, die die Mutter der Jungfer schickte.
»Nein, so ein Freudchen! Nun ist mir's ganze Tagchen lieb!« schrie die kleine Jungfer und warf vor lauter Freude erst ihr Ellenmaßchen, dann ihr Scherchen und zuletzt das ganze Bandchen unter das Tischchen. Nachher öffnete sie noch auf Gottliebes Bitten allerlei Kästen, zeigte Perlen und Bänder, angefangene spinnwebfeine Stickereien und behauptete kühn, »in ganz Parischen gäbe es nicht solche Sachchen,« was Liebe glaubte, aber Raoul etwas bezweifelte.
»Und so wundervolle Hauben kann Jungfer Mahdissen nähen,« rühmte Liebe deren Kunst dem Freund.
Eine tiefe Glut färbte jäh das Gesicht des Knaben, dann strömte das Blut schnell zurück, und Raoul sah noch bleicher und ernster aus als sonst. Die Erinnerung an die Mutter war ihm gekommen, wie sie -- krank -- Haube um Haube zierlich fein genäht und gefältelt hatte. Hastig bat er: »Wir sollten noch zum Posthalter gehen. Liebe, komm!«
Jungfer Mahdissen hätte die beiden gewiß nicht fortgelassen, wenn nicht eine Magd gekommen wäre, um für einen Groschen Zwirn zu kaufen; da nahm sie wortreich, mit sehr vielen »chens« Abschied von den Kindern. Draußen fragte Liebe: »Gefiel's dir nicht bei der Jungfer Mahdissen?«
»Doch!« sagte Raoul, und während sie beide den Weg aus dem schmalen Gäßlein, das den wunderlichen Namen »Katzenwinkel« trug, nach dem Marktplatz antraten, erzählte Raoul, wie fein und fleißig seine Mutter Hauben genäht hatte.
»Oh, du,« rief Gottliebe in ihrer warmherzigen Art, »wie gut, wie schrecklich gut muß deine Mutter gewesen sein! Weißt du, ich habe sie lieb. Ach, lebte sie doch noch, könnte ich sie einmal sehen!«
Raoul blieb stehen und sah das Bäslein dankbar an: »Du bist auch gut, Gottliebe, du und Pfarrer Buschmann, ihr seid gut zu mir.«
»Doch auch die Eltern, die doch auch!«
»Ja,« sagte Raoul mit leisem Zögern, »aber -- dein Vater mag mich nicht leiden und die Großmutter auch nicht; von Joachim und Lobe sag ich erst gar nichts, und weißt du, es wäre viel, viel besser, ich ginge wieder fort.«
»Aber Raoul,« rief Liebe entsetzt. So hatte der Vetter ihr noch nie gezeigt, wie tief er litt, und ihr Herz floß über von innigem Mitleiden. Sie faßte Raouls Hand und gelobte, während ihr die hellen Tränen über die Wangen liefen: »Ich behalte dich immer, immer lieb, Raoul, du bist mein Bruder, und paß auf, die andern gewinnen dich auch lieb. Der Herr Pfarrer sagt es auch. Aber du darfst nie weggehen, nie! Versprich mir das, bitte, bitte!«
»Nein,« sagte Raoul leise, aber fest, »das kann ich dir nicht versprechen,« und sehnsüchtig sahen seine Augen die schmale Straße entlang, durch die sie schritten. Könnte er sie doch hinab gehen, zur Stadt hinaus, immer westwärts, Leipzig zu! Er schwieg aber davon, sagte jedoch tröstend: »Liebe, ich bin ja noch da, aber wenn du weinst, reiße ich gleich aus!«
Husch kam gleich das Lachen, wie Sonnenschein flog es über Gottliebes bewegliches Gesichtchen. Sie ergriff die Hand des Vetters und eilte lachend mit ihm schnell die Straße hinab über den Marktplatz hin.
Postmeisters Minettchen sah die beiden vom Fenster aus kommen. »Frau Mutter,« rief sie, »Gottliebe von Steinberg kommt, und sie lacht wieder, daß ich's beinahe höre!«
»Ei, sieh da, und der Französische ist auch dabei,« sagte der Herr Rentmeister Meldeling, der gerade bei Postmeisters einen Besuch abstattete.
In der Stadt war dieser kleine, immer lächelnde Mann nicht sehr beliebt; niemand hatte rechtes Zutrauen zu ihm, da er allgemein als Franzosenfreund galt. Er kniff die Augen zusammen und lächelte höhnisch: »Ja, ja, die vornehmen Herrschaften sind alle Tage lustig, Sorgen kennen die nicht!«
»Da ist Er schief gewickelt, -- Er -- --« Grasaffe -- -- wollte die Frau Postmeisterin sagen, sie schluckte aber das letzte Wort noch rechtzeitig herunter. »Die Steinberger Herrschaften leben nicht lustig, wenn es andern Leuten schlecht geht; sie haben ein Herz für die armen Leute, und -- gut deutsch sind sie auch gesinnt.«
Das Wort klang dem Rentmeister übel in den Ohren, denn er war auch einer von denen, die sich der deutschen Art schämten. Er verabschiedete sich darum sehr eilig, aber an der Türe traf er doch noch mit den jungen Steinbergs zusammen. Er grüßte Gottliebe übertrieben höflich und schaute Raoul forschend und prüfend an.
»Der Mensch ist mir doch in der Seele zuwider,« rief die Frau Postmeisterin, nachdem sie die Eintretenden begrüßt hatte, »rein schlimm kann mir von seinem dummen Lächeln werden. Immer fragt er nach tausend Dingen, die ihn den Kuckuck was angehen. Mein Mann traut ihm auch nicht über den Weg, er sagt, er hält es mit den Franzosen. Und das ist einmal wahr: im schlimmen Jahr, als die Franzosen hier in Haufen durchzogen, da katzbuckelte er nur immer um sie herum und bonjourierte und dienerte in einem fort. Der stiftet noch mal ein Unheil an, das sage ich und --,« da brach die redselige Frau jäh ab, denn ihr fiel ein, daß ihr Mann sie immer ermahnte, nicht alles zu sagen, was sie dachte.
»Man könnte sich ordentlich fürchten,« sagte Gottliebe nachdenklich: »Mein Vater sagte erst neulich, der Rentmeister habe einen besonderen Haß auf ihn; ob das wahr ist, Frau Postmeisterin?«
»Hassen, das ist schon möglich, aber was kann das schaden?« meinte die Postmeisterin. »Dem gnädigen Herrn von Steinberg kann der falsche Mensch ja doch nichts anhaben; auf Hohensteinberg geschieht nichts, was nicht jeder wissen kann.«
Sekundenlang sahen sich Vetter und Base an, beide dachten bei diesen Worten: der »Tugendbund,« und beide durchrieselte eine leichte Angst. War es doch vielleicht mehr als eine Torheit?
Da kam der Postmeister in das Zimmer und brachte einige Postsachen. »Ein Brief für den Herrn Vater ist dabei,« sagte er, »aus Frankreich kommt er, es steht aber dabei, daß er nur dem Herrn Vater selbst ausgeliefert werden darf. Da will ich heute selbst noch hinauskommen; es muß alles seine Richtigkeit haben, alles hübsch nach der Ordnung!«
»Aber mein Vater ist in Königsberg, er kommt wohl erst morgen zurück,« rief Gottliebe und schaute neugierig auf den Brief. »Aus Frankreich? Ach, Herr Postmeister, ich graule mich.«
Der dicke Postmeister lachte: »Ich glaube gar, das gnädige Demoisellchen denkt, der Brief kommt von Napoleon selbst. Es sind ja viele gute Deutsche drüben, warum soll's davon nicht einem einfallen, an den Herrn Vater zu schreiben? Spekuliere, gar so wichtig wird die Sache nicht sein. Aber vielleicht sagen Sie daheim nichts, die Frau Mutter könnte sonst auch gleich Gespenster sehen. Weiberleut haben das so an sich.«
»Mann,« rief die Postmeisterin empört, »wie kannst du nur so despektierlich von der gnädigen Frau von Steinberg reden!«
»Na, na,« brummelte ihr Mann ein wenig verlegen, »eigentlich meinte ich ja dich. Du witterst ja überall eine Verschwörung und denkst, der Napoleon steckt hinter jeder Türe. Aber halt, da ist auch ein Brief für den Junker, aus Leipzig kommt er.«
Ein Brief aus Leipzig! Raouls Augen blitzten, und verlangend streckte er die Hand nach dem dicken Schreiben aus. Die Adresse da hatte Karl Wagner geschrieben, die klare, feste Schrift kannte er gut. Und wie er den Brief in der Hand hielt, kam die Sehnsucht wieder über ihn nach denen, die ihn lieb hatten, die ihn verstanden. Er konnte es kaum erwarten, den Brief zu lesen, aber trotzdem riß er ihn zu Liebes grenzenlosem Erstaunen nicht gleich auf; er behielt ihn in der Hand, auch als sie beide draußen wieder im Schlitten saßen und im ersten matten Abenddämmern Hohensteinberg entgegenfuhren. »Warum liest du den Brief nicht?« tuschelte Gottliebe dem Vetter zu. »Ich wäre schon geplatzt vor Neugier.«
»Erst versprich mir etwas, Liebe, gute Liebe,« bat Raoul, den Brief noch immer uneröffnet in der Hand haltend. »Erzähl' es niemand, daß ich einen Brief bekommen habe -- sonst lachen sie wieder über meine Freunde, über den drolligen Namen, über --« Er zögerte und bat noch einmal: »Sag's niemand!«
»Ich bin stumm wie ein Fisch,« gelobte Gottliebe. »Es ist so fein, daß wir auch ein Geheimnis haben!« Und vor lauter Freude hopste und zappelte sie auf dem harten Sitz des schwerfälligen Schlittens hin und her, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie hinausgefallen. »Aber nun lies nur, lies, und dann, -- bitte, bitte, mir sagst du doch, was drin steht?«
Raoul erbrach den Brief und las, während ein tiefrotes Glühen, der Widerschein der sinkenden Sonne, auf den Schneefeldern lag. Karl Wagner hatte geschrieben, einen klugen, herzlichen Brief, daß es nun ganz anders in der Schreibstube sei, der lange Neumann sei auf und davon gezogen. Er schrieb auch, er habe das Grab von Raouls Mutter manchmal aufgesucht und zuletzt Tannenzweige aus dem Universitätswald hingetragen; daneben sei ein frisches Grab: das kleine Lottchen von Meister Käsmodels sei gestorben, und die Eltern seien gar traurig um den Verlust des lieben Kindes. Der Schluß lautete: »Dein Brief klang nicht froh, Raoul, er klang nach Heimweh und Einsamkeit. Verzage nicht, wenn Dir die Heimat Deines Vaters nicht gleich Heimat wird, sondern Dir noch eine Weile fremd bleibt, eine Heimat gewinnt man nicht im Sturm. In Deiner Mutter Heimatland wärest Du vielleicht noch weniger glücklich gewesen, und der äußere Glanz hätte Dich auch nicht beglückt. Du tatest nach dem Willen Deiner Mutter: der Gedanke muß Dich trösten und aufrichten. Kopf hoch und mutig voran!«
»Wie gut er schreibt, dein Freund!« flüsterte Liebe. »Aber was meint er damit, von der Heimat deiner Mutter und dem äußeren Glanz?«
»Ich erzähle es dir später einmal,« sagte Raoul und schob den Brief in seine Tasche. Es war noch einer darin, und er ahnte, daß der von Gottlieb kam, und eine ihn wieder ergreifende Scheu hielt ihn ab, auch diesen Brief der neuen Freundin zu zeigen.
»Na, wenn ich nicht platze, so voll von Geheimnissen wie ich bin!« sagte Liebe nachdenklich, als der Schlitten sich wieder dem Schlosse näherte. »Es ist wirklich schwer. Bitte, Raoul, knuffe mich immer, wenn ich den Mund auftue, weißt du, sonst fährt mal was raus, ich weiß hinterher nicht wie!«
Der Knabe versprach das Knuffen gern, er hatte es aber nicht nötig: Gottliebe hielt an diesem Abend ihren Mund ängstlich geschlossen, sie war so schweigsam, daß es selbst der Großmutter auffiel; nicht einmal eine begeisterte Schilderung von Jungfer Mahdissens wundervollem Laden erfolgte. Und da auch Raoul schwieg, selbst mit Liebe nicht sprach, erklärte Joachim nachher den beiden anderen Mädchen mit grimmiger Freude: »Sie haben sich miteinander gezankt.«
Raoul aber las am Abend in der Stille seiner Kammer Gottliebs Brief, der nun nicht gerade ein Muster von Orthographie und Schönschrift war. »Lieber Raoul,« schrieb der Freund, »es ist fürchderliche Lankeweile seidtem daß Du fohrt bist und auch trauhrich denn unser Lottchen ist gestorben und wir sind alle trauhrich. Ich heuhle auch Mannichmal und habe keine Luhst mehr Lateinisch zu lernen, ich pleibe auch sihtzen. Raoul, komme doch nur wieder dann geht es allmahl besser. Vater sagt daß auch, reiße nur aus wenn sie Dich schlecht behanteln, den Weg weist Du ja schon und ich schicke Dir einen Thaler damit Du essen kannst. Reiße aus, reiße aus. Der lange Neumann ist fohrt und kann nicht mehr die Trepe rauf fallen. Reiße aus und alle grühsen Dich fielemahl.
Dein gantz getreuer liehber Freund Gottlieb.
Ich habe auch immer lauder Viehren und sie sagen ich bin am faulsten, aber es ist nicht war, Berger ist fiel fauhler und schreibt noch schlechter und macht noch mer Pfehler, wenn du komst geht es gewiehs besser.«
Raoul atmete tief auf und verbarg den Brief in seiner Tasche. Ausreißen, -- vielleicht wäre es am besten!
Siebentes Kapitel.
Der Tugendbund nimmt ein jähes Ende.
Am nächsten Tag wurde der Hausherr zurückerwartet, und da man die Stunde seiner Ankunft nicht genau bestimmen konnte, entlief immer mal eines der Kinder der Stunde bei dem Pfarrer, und der ließ sie laufen und den Weg entlang spähen, ob der Vater noch immer nicht kam.
Auch seine Frau und seine Mutter sahen öfters hinaus, Frau Maria in doppelter Sorge: sie besaß einen Bruder, der um einiger Schriften willen das Land hatte verlassen müssen. Er war nach England gegangen, um dort zu warten, bis es Zeit war, in sein Vaterland zurückzukehren. Von diesem Bruder sollte auf dem Seewege nach Königsberg eine Nachricht kommen. Seit vielen Wochen hatten die Verwandten nichts von ihm gehört, und nun hoffte Frau Maria, ihr Mann werde einen Brief mitbringen.
Auch Joachim dachte an diesen Onkel Wolfgang, den er sehr bewunderte, und mitten in der Stunde -- er war mit Raoul und Arnold von Berkow allein beim Pfarrer -- sagte er plötzlich: »Ist's nicht eine Schande, daß der Oheim außer Landes gehen mußte?«
Pfarrer Josua Buschmann nickte trübe: »Das ist's, mein Sohn. Er war aber auch recht unvorsichtig in seinem Tun!«
»Pah,« rief Joachim, »soll ein Preuße nicht sagen dürfen, was er denkt? Was hat denn der Oheim getan? Dem Tugendbund hat er angehört und nachher nur seine Meinung gesagt, daß es ein Unrecht sei, den Bund aufzulösen.«
Raoul horchte auf. Das hatte er noch nicht gewußt; von dem Bruder Frau Marias war selten gesprochen worden. Hatte Joachim vielleicht in Gedanken an den Oheim den Tugendbund gegründet? Und wenn dieser hatte fliehen müssen, war die heimliche Sache nicht doch gefährlich? Recht lebhaft war Raoul dem Gespräche gefolgt, und als Pfarrer Buschmann antwortete, horchte er so aufmerksam zu, daß er nicht bemerkte, wie Joachim ihn beobachtete. In dem stieg die Wut heiß empor, und plötzlich sprang er auf. Seine blauen Augen waren fast schwarz vor Zorn, und den Stuhl heftig zurückschiebend, schrie er: »Wie er horcht, der Schleicher, der -- der -- Franzose -- wie --«
»Achim!« Schwer fiel des Pfarrers Hand auf des unbändigen Schülers Arm, und die milden Augen des alten Mannes schauten mit einem so unaussprechlich leidvollen Ausdruck in das erregte Gesicht, daß Joachim sein Haupt senkte. Er fühlte, wieder hatte er sich von seinem ungerechten Zorn übermannen lassen, aber wieder hatte er nicht die Kraft, seine Schuld einzugestehen, und bissig grollte er: »Ich kann ihn nicht leiden!«
»Ich ihn auch nicht,« murmelte Arnold von Berkow leise nach, aber Raoul hatte auch das Wort gehört. Seine Brust hob und senkte sich, einen Augenblick war es, als wollte er sich auf die beiden Knaben stürzen, doch des Pfarrers Gegenwart bannte ihn. Er drehte sich um, verließ hastig das Zimmer und rannte den Flur entlang seiner Stube zu. Unten hörte er lautes Rufen, Hundegebell, -- der Oheim war angekommen, Freude war im Haus.
Und über dieser Freude merkte es niemand recht, daß Joachim beim Mittagessen still war. Arnold von Berkow gab sich Mühe, laut und lustig zu antworten, wenn er gefragt wurde, er vermied es aber, Raoul anzusehen. Pfarrer Buschmann hatte von den Knaben gefordert, sie sollten dem gekränkten Kameraden Abbitte leisten. Noch nie hatte der gütige Mann so hart, so streng mit seinen Schülern gesprochen, noch nie ihnen so das Unedle, Niedrige ihrer Handlungsweise klar gemacht. Es hatte Joachim tief getroffen, und tief bohrte und nagte die Scham über sein Tun in dem Knaben. Arnold nahm es leichter; er wäre auch eher bereit gewesen, das Versprechen der Abbitte zu geben, aber Joachim hatte es nicht getan, und so hatte der Pfarrer seine Zöglinge entlassen mit den Worten, er würde ihren Eltern Mitteilung machen und eine Trennung bewirken, wenn sie seinen Willen nicht erfüllten.
Nach Tisch sprach Josua Buschmann auch mit Raoul, aber es schien, als hätte sich die Seele des Knaben, die sich dem Lehrer schon etwas geöffnet hatte, wieder geschlossen. Still, blaß, mit fest zusammengepreßten Lippen hörte er die gütigen Worte an. Er klagte nicht, er sprach den Namen seiner Gegner gar nicht aus, nur als der Pfarrer ihn entließ, drehte sich Raoul plötzlich auf der Schwelle wieder um, kehrte zurück und küßte rasch, wie bittend, die Hand des alten Mannes, und ein paar Sekunden sahen die beiden sich an. »Mein Junge, mein armer Junge!« rief der Pfarrer tief bewegt und zog Raoul an sich, denn ein so wilder Schmerz hatte ihm aus den dunklen Augen entgegengeblickt, daß er fühlte, hier war ein Leid, das über den Kummer eines Kindes hinausging. Es darf nicht so weiter gehen, dachte er, sonst geht an kindischem Trotz, an unvernünftiger Torheit eine junge Seele zugrunde. --
Gottliebe merkte nichts von der neuen Kränkung, die dem Freunde widerfahren war, sie hatte sich für den Nachmittag etwas ausgesonnen, was sie ganz allein ausführen wollte. Niemand im Hause ahnte etwas von dem Tugendbund, der allwöchentlich zweimal in einem kleinen Freundschaftstempel am Parkende tagte. Pfarrer Buschmann pflegte um die Nachmittagszeit in das Dorf zu wandern, und den andern fiel es nicht auf, daß die Kinder in den Freundschaftstempel gingen. Die beiden Berkows und Oswald Hippel, der Sohn des Marienfelder Amtmannes, der auch in den Bund eingetreten war, kamen auf heimlichen Waldwegen und fanden dies heimliche Kommen ungemein romantisch.
Seit ihrem stürmischen Austritt hatte Gottliebe kein Wort mehr über den Tugendbund von den Geschwistern gehört; sie war zu stolz und trotzig, um darnach zu fragen, aber sie war die einzige, die die heimlichen Zusammenkünfte merkte. Deshalb war sie auch brennend neugierig, einmal dabei zu sein, und so beschloß sie, es heimlich zu tun. Und dieser Nachmittag erschien ihr wundervoll geeignet, ihren Plan auszuführen.
Im Schatten hochstämmiger Ulmen lag am Ende des Gartens der Freundschaftstempel. Er war von einem Urgroßvater der Kinder erbaut, und manch heiteres Fest war einst darin gefeiert worden. Die Wände des Tempels waren mit Malereien bedeckt. Da wandelten zierliche Schäferinnen in Reifrock und hoher gepuderter Frisur einher und führten weiße Lämmchen an rosenfarbenen Bändern. Wohl waren die Malereien zum Teil zerstört, aber die Kinder betrachteten immer wieder die anmutigen Bilder mit neuem Entzücken. Über dem Eingang standen, ein wenig verwischt zwar, aber noch leserlich, die Worte:
Freundschaft hege, Freundschaft pflege, Freundschaft ist ein Himmelslicht, Wehe dem, der Freundschaft bricht.
Gartengeräte und allerlei altes Gerümpel wurden in dem Tempelchen aufbewahrt, das von den Erwachsenen nur selten noch betreten wurde, denn die ernste Gegenwart hatte keine Zeit mehr für die lustigen Gartengesellschaften vergangener Tage.
In ein dickes, graues Tuch gehüllt, huschte Gottliebe an diesem Nachmittag durch den Gartenausgang des Schlosses hinaus und eilte nach dem Tempelchen. So sehr war das lebhafte Jüngferlein von ihrem Vorhaben erfüllt, daß sie nicht merkte, wie Raoul den Versuch machte, mit ihr zu sprechen. Er hatte an der Haustüre auf sie gewartet, nun sie so rasch davonlief, kehrte er still und traurig in das Haus zurück. Sie purzelte fast hin vor Eile, und im Tempelchen angekommen, versteckte sie sich eilig hinter einer im Winkel stehenden mächtigen Wassertonne und kicherte übermütig vor sich hin, als nach einer Weile die Geschwister mit den Freunden den Raum betraten. Gottliebe lauschte gespannt, aber irgend etwas Neues, etwas Besonderes hörte sie nicht. Die Berkows, besonders Fritz, hielten wilde Reden gegen den Feind, und Karoline und Gottlobe, die auf einer umgestürzten Schiebkarre saßen, quietschten manchmal laut auf, wenn einer der Knaben gar zu heftige Worte sagte. Joachim saß schweigend und finster da, er schien kaum zuzuhören. Gottliebe konnte gerade sein Gesicht sehen, und sie dachte: Ihm ist die Geschichte nicht recht. Doch sie hatte die Gedanken des Bruders nur halb erraten: der Auftritt des Morgens, des Pfarrers Worte hallten in ihm nach, und noch törichter, kindischer als sonst fand er der Freunde Reden. »Es ist langweilig, albern!« sagte er plötzlich hart.
In diesem Augenblick hörte Gottliebe neben sich ein Knistern, sie sah auf und erblickte auf dem Deckel der Wassertonne -- eine Ratte, die dort vergnügt auf und ab spazierte. Vor Ratten und Mäusen aber hatte Gottliebe eine schreckliche Furcht, und voller Grauen sah sie auf das Tierchen, dem es ganz behaglich zu sein schien.