Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 6
Wortlos, blaß vor Wut drehte sich Joachim um und ließ die beiden stehen, und als er gegangen war, kam Gottliebe die Besinnung, daß sie mit ihrer Heftigkeit alles noch schlimmer gemacht hatte. »Ich bin zu dumm!« klagte sie. »Nun ist Achim fuchswild, und dabei will er immer recht sanft sein und alles gut machen und Frieden stiften und -- --«
»Der Mund geht uns immer durch,« sagte Pfarrer Buschmann, der den letzten Ausruf gehört hatte, »was hat's denn gegeben?«
Treuherzig schilderte Gottliebe den Vorgang und stellte sich dabei noch einmal das Zeugnis aus, daß sie sehr dumm sei. »Manchmal stimmt es, aber nicht immer,« sagte der Pfarrer lächelnd und strich über die glühenden Wangen des Mädchens, und dann ging sein Blick von dieser hinweg zu Raoul, der finster in das weiße Land hinausstarrte. »Mußt es nicht zu schwer nehmen, mein Junge. Joachim ist ein Sprudelkopf, aber er kommt schon noch zur Besinnung.«
»Wär' ich doch nie hergekommen!« rief Raoul. »Es wäre schon besser gewesen, ich wäre nach .....« Er stockte, die Tränen stiegen ihm heiß in die Augen; in diesem Augenblick fühlte er tiefer noch als sonst seine Verlassenheit, und hastig drehte er sich um und eilte hinweg.
Traurig sah ihm der Pfarrer nach. »Armer Junge!« sagte er, dann nahm er Gottliebes Hand und schritt mit ihr dem Dorfe zu, und unterwegs sprach er mit dieser von Raoul, und daß der so einsam sei. »Du willst immer eine große Tat vollbringen, Gottliebe,« sagte er milde, »nun sieh einmal, hier könntest du es vielleicht, du könntest mit Geduld und Liebe Raouls Vertrauen zu gewinnen suchen und ihn mit deinen Geschwistern, mit den Berkows versöhnen. Da mußt du freilich dich selbst erst recht beherrschen lernen und darfst nicht verzagen, wenn es nicht gleich geht. Willst du das?«
Über Gottliebes Gesichtchen purzelten die Tränen nur so. »Ich will,« rief sie schluchzend, »ach ja, ich will ja ganz gewiß ein leibhaftiger Friedensengel werden, wenn's nur nicht so gräßlich schwer wäre. Hops! habe ich immer alles vergessen, und ich glaube, ich platze, wenn ich nicht sage, was ich denke.«
Pfarrer Buschmann lächelte linde, der kleine, zukünftige Friedensengel hatte doch noch recht viel zu lernen für sein Amt. »Mir scheint, Mariellchen,« sagte er, »du platzt recht oft, mal vor Wut, mal vor Neugier, mal vor Ungeduld, und schließlich werden wir doch einmal zu Meister Schramm nach Langenstein fahren müssen und dir einen Reifen umlegen lassen, oder die Flickmareike muß dich zusammennähen. Nimm dich nur in acht, sonst sehen wir alle nie etwas von dem Friedensengel.«
Halb lachend, halb weinend gelobte Gottliebe Besserung. »Ich geh nachher gleich zu Achim und bitte ihn, er soll gut sein,« sagte sie, »denn wenn er brummt, kann ich ihn doch nicht versöhnen, und zu Raoul will ich schrecklich nett sein.«
Nach ihrer Heimkehr fing Gottliebe gleich mit der Nettigkeit an, sie raste in Joachims Zimmer und fand dort die Berkows. Das kümmerte sie wenig. Mit einem lauten Schrei fiel sie dem Bruder um den Hals und bettelte: »Sei wieder gut, ich hab's ja nicht böse gemeint, und natürlich bist du viel, viel besser als alle andern.«
Joachim wollte zwar brummen, es tat ihm aber doch sehr wohl, daß ihn die Schwester in Gegenwart der Freunde so leidenschaftlich um Verzeihung bat. Er vergaß rasch, daß er eigentlich den Zank hervorgerufen hatte und die Hauptschuld trug, und sagte gnädig: »Na, laß nur, Liebe, es ist schon alles wieder gut. Aber nun geh, wir haben etwas zu besprechen. Vielleicht bekommt ihr Mariellen es auch bald zu erfahren, es ist etwas sehr Schönes, sehr Hohes, sehr Wichtiges. Erst müssen wir Männer es aber allein bereden.«
Beinahe wäre Gottliebe nun vor Lachen über die »Männer« geplatzt, aber sie bezwang sich, dachte an Pfarrer Buschmanns Mahnung und schlüpfte, die Schürze vor dem Gesicht haltend, hinaus. Draußen kicherte sie vergnügt hinter der Schürze und raste die Treppe hinab, dabei rannte sie beinahe Jungfer Rosalie um. Die Jungfer war eine wichtige Person in Hohensteinberg; sie waltete neben der Hausfrau in Haus und Hof und nichts entging leicht ihren scharfen Blicken, keine Unordnung, keine Nachlässigkeit blieb ungerügt.
»Hui,« brummte diese, »verdreht!« Die ältere, sehr hagere Person richtete sich nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, und schien eine wahre Abneigung gegen Silber zu haben. Wenn sie einmal mehr als zehn Worte hintereinander sagte, staunte das ganze Haus. Trotzdem führte sie in der Küche ein scharfes Regiment, und wenn sie ein Wort sagte, so war das oft so gut wie eine lange Strafpredigt. Auch Gottliebe entfloh ihr heute eilig, die Jungfer hatte so grimmig dreingesehen, daß es wohl besser war, nicht in ihre Nähe zu kommen. Doch kaum war sie ein paar Schritte gelaufen, da fiel ihr ein, Jungfer Rosalie könnte ihr doch einen Apfel geben. Diesen Apfel könnte sie Raoul bringen, und Raoul würde sich darüber freuen, und dann würden sie zusammen plaudern. Sie lief also hinter der Jungfer her, faßte sie am Rockzipfel und bettelte: »Schenk mir einen Apfel!«
»Jetzt?« Die Jungfer sah Gottliebe nur an, und hinter dem »Jetzt« meinte diese zu hören: »Jetzt ist es gar keine Zeit, Äpfel zu fordern. Äpfel sind Leckerbissen in dieser Zeit, und es ist sehr viel verlangt und sehr unbescheiden, so mitten am Tage einen Leckerbissen zu verlangen.«
»Ach Jungfer Rosalie, zuckersüße Jungfer Rosalie,« flehte Gottliebe, »es ist ja für Raoul, weißt du. Der arme Raoul ist traurig; Achim war so garstig zu ihm, und ich glaube, der arme, arme Raoul ist sehr unglücklich bei uns, und Herr Pfarrer Buschmann hat gesagt, ich möchte doch ein Friedensengel sein.«
»Schnapp!« knurrte die Jungfer, der die Rede viel zu lang war, aber dann nahm sie ihr Schlüsselbund und suchte sehr nachdrücklich einen Schlüssel, in dem Gottliebe sofort den zur Apfelkammer erkannte. Sie lief, selbst erstaunt über ihren schnellen Erfolg, vergnügt hinter der Jungfer her und erhielt auch wirklich den gewünschten Apfel, sogar einen besonders schönen roten. Sie ahnte nicht, daß Jungfer Rosalie ein tiefes Mitleid für den blassen Fremdling im Herzen trug. Sie bewohnte nämlich die Kammer neben Raouls Stube, und schon manche Nacht war das heiße, sehnsüchtige Schluchzen des Knaben an ihr Ohr gedrungen. Man muß ihm gut tun, dachte sie, und sie war froh, daß Gottliebe den gleichen Wunsch hegte. Sie drehte sich daher an der Tür noch einmal um und sagte: »Recht, daß d' gut bist!«
Zur selben Stunde sprach auch Josua Buschmann der Kammerherrin davon, daß man Raoul gut tun müsse. Die alte Dame hörte ihn schweigsam an, aber der herbe Ausdruck ihres Gesichts milderte sich nicht. Endlich sagte sie kühl: »Ich glaube, Sie irren sich, lieber Buschmann. Der Junge ist von anderer Art; er mag im Herzen doch mehr der Nation seiner Mutter angehören und fühlt sich darum fremd hier. Das macht ihn still und verschlossen.«
Der Pfarrer schüttelte den Kopf und erzählte wieder, was Raoul ausgerufen hatte. »Da klang ein tiefes Leid heraus. Ich weiß es nicht, aber mir ist es schon manchmal seltsam vorgekommen, daß Raoul damals so schnell kam, sich gar nicht nach der Anordnung seines Oheims gerichtet hat. Vielleicht hatte er einen Grund.«
Ein feines, kühles Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau. »Lieber Buschmann, Sie sind ein Idealist und sehen mehr in dem Jungen, als in ihm steckt. Er ist ein Trotzkopf, das habe ich schon damals auf der Landstraße gemerkt. Darin gleicht er seinem Vater, aber freilich,« sie seufzte tief, »der war ehrlich und offen, und Raoul ist hinterhältig und verstockt. Vielleicht hat die Umgebung, in der er gelebt hat, auch einen schlechten Einfluß auf ihn gehabt, obgleich dieser Meister Käsmodel in Leipzig brav und ehrlich nach seinen Briefen schien. Ich will aber an Ihre Worte denken und mich meines Enkelsohnes mehr annehmen. Vielleicht gelingt es doch, ihn mehr zu einem Steinberg zu erziehen, zu einem echten deutschen Mann.«
Der Pfarrer neigte still das Haupt. »Solche brauchen wir in dieser Zeit, und vielleicht steckt in manchem ein Held, der stille seines Weges geht, und die Zeit enthüllt wohl das Gute, das verborgen ist.«
Sechstes Kapitel.
Der Tugendbund wird gegründet.
Weihnachten kam und ging vorbei. Es war ein stilles Fest in diesem Jahr, an dem die Sorgen nicht schwiegen. Teuerung im Lande und der Krieg in Aussicht. Was sollte da erst werden, wenn die französische Armee nach Rußland zog, wenn all die Tausende den Weg durch Deutschland nahmen? Immer lauter klang die Frage, immer fühlbarer wurde allen die Schmach, immer drückender empfand man das Joch der Fremdherrschaft.
Hohensteinberg lag im Winterschlaf, und im Hause ging alles seinen stillen Gang weiter. Raoul war noch immer ein Fremdling im Hause, nur mit Gottliebe sprach er manchmal vertraulicher. Ihr hatte er von Gottlieb erzählt und von der Mutter. Da hatte Gottliebe plötzlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen und gerufen: »Wie lieb muß die gewesen sein!« Seitdem war Raoul dem Bäslein im innersten Herzen zugetan, und wenn er es auch noch nicht fertig brachte, ihr von allem zu erzählen, so gab es doch manche heimliche Plauderstunde zwischen beiden, und Raoul empfand Gottliebes Freundschaft als besonderes Glück, und seitdem ertrug er die offene Feindschaft Joachims etwas leichter. Auch zu seiner Tante Maria und zu dem Pfarrer trug er eine stille Zuneigung im Herzen, aber immer wieder verschloß ihm eine unerklärliche Scheu den Mund, und die Großmutter sagte manchmal zürnend, wenn sie es in ihrer herben Art wieder versucht hatte, Raouls Vertrauen zu gewinnen: »Der ist doch von anderer Art.« Dann war sie so schroff und abweisend gegen den Knaben, konnte ihn so hart anlassen, daß sie wieder zerstörte, was Frau Marias Milde, Gottliebes zärtliche Freundschaft und Pfarrer Buschmanns klare Güte nach und nach aufgeweckt hatten. Und wie die Mutter dachte der Sohn; auch er wurde kühler und kühler gegen den Neffen, auch er sagte oft. »Er ist von anderer Art.«
Von Leipzig hatte Raoul noch keine Nachricht wieder. Er hatte einmal an Gottlieb und Karl Wagner geschrieben, sein Brief hatte traurig geklungen, und er hatte ihn lange liegen lassen, ehe er ihn absandte. Als er dann fort war, dachte er freilich oft: Wenn sie doch antworteten, mir erzählten, wie dort alles ist! Aber die Zeit verrann, der Brief kam noch immer nicht.
An einem Januartag war die Großmutter mit ihren Enkelinnen wieder einmal in Langenstein gewesen, und sie kehrten von der Fahrt zurück, als das erste leise Dämmern begann. Der Gutsherr kam eilig herbei, um seiner Mutter ritterlich beim Aussteigen zu helfen. An seinem Arm führte er sie in das Haus. Es waren Gäste gekommen, und die Erwachsenen saßen in dem Staatszimmer des Hauses.
In der Halle kam Joachim seinen Schwestern entgegen. »Kommt nach oben,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihnen und Karoline, »ich habe mit euch zu reden.« Ein mißtrauischer Blick streifte dabei Raoul, der gerade dazukam.
Hurtig sprangen die drei Mädchen die breite Holztreppe hinauf, die in das erste Stockwerk führte, und langsam folgte ihnen Joachim.
Raoul starrte ihnen nach. Immer blieb er doch ausgeschlossen, immer allein. Jetzt hatten die andern wieder ein Geheimnis vor ihm, er merkte es an ihrem Flüstern und Tuscheln, an ihren verlegenen Mienen, wenn er plötzlich zu ihnen trat. Und wieder dachte er, wie er so verlassen in der Halle stand: Ich könnte weit weggehen, weit weg, und niemand würde mich vermissen.
Während sich Raoul in seinem Zimmer in ein Buch vertiefte, saßen in Joachims Kammer die andern Kinder mit den drei Berkows zusammen, denn auch Helene von Berkow, ein kräftiges, frohes Mädel von dreizehn Jahren, war mitgekommen. Die vier Mädchen hockten eng aneinandergeschmiegt wie drei Spätzlein auf dem Dachfirst auf einer großen, buntbemalten Truhe; Joachim selbst hatte seinen Platz aus dem einzigen Stuhl, der sich in dem Zimmer befand, während seine Freunde auf dem Bett saßen.
»Hiermit haben wir also heute den Tugendbund gegründet,« sagte Joachim und schlug kräftig auf ein kleines, grünes Buch, das vor ihm auf dem Tische lag. Auf der ersten Seite des Buches stand: »Gut preußisch alleweg,« darunter: »Heute wurde allhier der Tugendbund gegründet. Hohensteinberg, am 17. Januar 1812.« Auf der nächsten Seite stand: »Wir geloben alles, was in unserer Kraft steht, zum Wohle des Vaterlandes zu tun.« Arnold von Berkow hatte noch trotz des allgemeinen Widerspruchs darunter geschrieben: »Fluch Bonaparte, und Verderben allen Feinden des Vaterlandes!« Zuletzt kamen die Namen, und wohlgefällig besahen sich nun alle das Buch.
»Und es ist doch unrecht, daß wir Raoul nicht mit dazu nehmen,« sagte Gottliebe plötzlich, nachdem sie eine Weile schweigsam dagesessen hatte.
»Es geht nicht,« rief Joachim heftig, »er ist doch ein halber Franzose und ein Schleicher und Heimlichtuer dazu! Der gehört nicht in unsere Gesellschaft.«
Gottliebe stieß mit ihren Füßchen, die in schwarzen Kreuzbänderschuhen und weißen Zwickelstrümpfen steckten, nachdrücklich an die Truhenwand. »Er ist ein Steinberg wie wir, und ein Schleicher ist er nicht, und es ist abscheulich, daß wir ihn nicht in den Tugendbund aufgenommen haben. Wir behandeln ihn alle schlecht, und du bist am allerschlechtesten zu ihm.«
»Aber Liebe!« sagte die sanftere Gottlobe erschrocken, und Joachim warf der Schwester einen strafenden Blick zu.
»Frauenzimmer haben zu schweigen, wenn Männer reden,« rief Arnold von Berkow mit dem ganzen Stolz seiner fünfzehn Jahre. Gottliebe lachte hell auf. »Zwei Jahre bist du älter und redest wie ein Uralter; dabei sagt der Herr Pfarrer, deine Exerzitien wären voller Fehler,« spottete sie. Das Lachen steckte an, Karoline hielt sich kichernd ihre schwarze Taftschürze vor das Gesicht, und Gottlobe quiekte vor Vergnügen.
»Siehst du, Joachim,« rief Arnold erbost, »ich habe es immer gesagt: die Mariellen stören unsern ganzen Bund.«
»Sei doch nicht so ungalant,« sagte Karoline schmollend und verzog ihr hübsches Gesicht. Gottliebe aber sprang lachend auf. Schlank und feingliedrig stand sie da, wie goldene Fäden schimmerten ihre blonden Haare, ihre blauen Augen blitzten übermütig, und mit einem tiefen Knicks verneigte sie sich schelmisch vor Arnold von Berkow und sagte neckend: »Ich, ein Frauenzimmer, bitte um Verzeihung, daß ich hier bin und Luft schnappe, happ, happ!« machte sie dazu.
Arnold sah sie halb lachend, halb ärgerlich an, aber Joachim rief drohend: »Du bist ein Irrwisch, Liebe. Wenn du nicht still bist, wirst du hinausgesteckt!«
»Pah, du Brummbär!« sagte Gottliebe leichthin.
»Geh lieber hinaus -- geh doch zu Raoul!« schrie der Bruder heftig. Blitzschnell verschwand bei diesen Worten der Ausdruck heiterer Schelmerei aus Gottliebes Gesicht; mit zornsprühenden Augen maß sie den Bruder, und wie sie beide so nebeneinander standen, da glichen sie sich Zug um Zug, beider Augen schimmerten fast schwarz vor Zorn.
»Liebe, aber Liebe, Joachim, zankt euch doch nicht!« rief Gottlobe ängstlich. Sie wußte schon, wenn Bruder und Schwester aneinander gerieten, gab es, trotz aller Liebe, heftige Worte. Doch Gottliebe warf den Kopf zurück und sagte trotzig: »Ich gehe. Gründet ihr alleine euren Tugendbund. Es ist doch Kinderei -- ihr wißt ja gar nicht, was ihr wollt!«
»Ja geh, geh nur schnell, geh zu Raoul, du -- du Franzosenfreundin du!« rief Joachim empört.
Einen Augenblick starrte Gottliebe den Bruder an, als wollte sie auf ihn losspringen, dann warf sie die blonden Locken in den Nacken und verließ lachend das Zimmer. Draußen aber stürzten ihr jäh die Tränen aus den Augen, und ein paar Sekunden lehnte sie fassungslos an der Wand. Dann eilte sie in das obere Stockwerk; dort gab es ein Kämmerchen, das nur zum Aufbewahren getrockneter Kräuter gebraucht wurde. Gottliebe hatte hier schon manchen Kummer verweint, und das dämmrige Kräuterkämmerchen war ein rechter Schmoll- und Trostwinkel für sie geworden. Sie weinte sich auch an diesem Tage die Last vom Herzen, und als sie genug geweint hatte, schüttelte sie sich wie ein ins Wasser gefallenes Kätzchen und sagte, überzeugt, daß bald alles wieder gut sein werde, ein paarmal in die kräuterduftende Stille hinein: »Der dumme Tugendbund ist an allem schuld, der dumme Tugendbund!«
»Wir wollen Gottliebes Namen ausstreichen,« sagte Joachim bedrückt, als die Schwester das Zimmer verlassen hatte. Er ergriff den Gänsekiel und strich den Namen aus, und dabei klangen in ihm die Worte nach: »Es ist ja Kinderei!« Hatte die Schwester vielleicht recht?
Joachim hatte viel durch einen Oheim von dem Königsberger Tugendbund gehört, dessen Auslösung König Friedrich Wilhelm _III._, dem französischen Drucke nachgebend, im Dezember 1809 verfügt hatte. Alle echten Vaterlandsfreunde waren durch diese Auflösung schmerzlich betroffen worden, auch in Hohensteinberg hatte man bitter darüber geklagt. Joachim sah auch die Not des Vaterlandes. Fest wurzelten in seiner Erinnerung noch die Schrecken des Kriegswinters von 1806/07, und in seinem jungen, feurigen Herzen reifte so der Plan, etwas zur Befreiung des Vaterlandes zu tun, irgend eine stolze, mutige Tat auszuführen. In den beiden Berkows fand er Gesinnungsgenossen. Alle drei schmiedeten schon lange abenteuerliche Pläne und gründeten endlich zusammen einen Bund, den sie mit einem gewissen Trotz den »Tugendbund« nannten, und für den sie eine glänzende Zukunft träumten. Weil Fritz von Berkow gemeint hatte, ein Bund müßte viele Mitglieder haben, und es auf den umliegenden Gütern wenig Altersgenossen gab, hatten die Brüder mit viel gnädiger Herablassung die Schwestern zum Beitritt aufgefordert, obgleich Helene von Berkow gleich sagte, die Sache wäre doch ein wenig unheimlich und vielleicht auch unrecht.
»Was sollen wir nun eigentlich tun?« fragte Karoline plötzlich gelangweilt; sie fand, Joachim brauche recht viel Zeit, Gottliebes Namen auszustreichen.
»Warten, bis die Zeit kommt. Ihr Frauenzimmer seid auch immer ungeduldig!« rief Arnold von Berkow ärgerlich.
»Ja, wir wollen etwas tun,« rief Fritz, dem die lange Pause auch nicht gefiel. »Joachim, mache einen Vorschlag, was wollen wir zuerst beginnen? Auch ein Freikorps bilden wie der Schill? Heisa, das sollte ein Kämpfen werden!«
Joachim klappte langsam das Buch zu und starrte den Freund an. Das war ein schmalbrüstiger, überlanger Junge, dessen wasserblaue Augen nicht gerade geistreich dreinsahen. Der ein zweiter Schill! Er hätte lachen mögen, so töricht kam ihm auf einmal die Sache vor, und dabei rötete sich doch seine Stirn vor Scham und Ärger. Hastig warf er das Buch in seine Truhe und rief ungeduldig: »Für heute ist's genug, ich schließe die Versammlung! Am Mittwoch treffen wir uns des Nachmittags im Freundschaftstempel, da sind wir ungestört.«
Die andern stimmten Joachims Vorschlag zu, Gottlobe und Karoline zwar etwas verstimmt über Gottliebes Austritt, sie wagten aber nicht recht, ihre Partei zu nehmen, und so verließen sie alle die Stube -- die erste Sitzung des Tugendbundes hatte ihr Ende erreicht.
Nach einem Streit hatten sich sonst die Geschwister wohl noch ein bißchen angeknurrt oder waren ein paar Stunden um einander herumgegangen wie Muja, die Hauskatze, um ihre Suppenschüssel, wenn ihr der Dampf zu heiß ins Näschen stieg, aber dann hatte Liebe ein wenig geblinzelt, Joachim hatte irgend etwas Unverständliches geknurrt, und auf einmal hatten dann beide gelacht, herzlich befreiend, und die Schwester war wohl dem Bruder um den Hals gefallen, oder der hatte lachend die blonden Locken gezaust.
Diesmal war es anders, und die Versöhnung kam nicht mit solcher Windeseile, wie Gottliebe es gemeint hatte. Tage kamen, Tage gingen, und immer wich Joachim in stummem Trotz der Schwester aus. Er tat es, weil er sich schämte, und dieses Gefühl verbarg er hinter einer beleidigten Miene.
Er hatte rasch alle Lust an dem Tugendbund verloren, aber er wagte es nicht einzugestehen, daß er sich selbst mit seinen Ideen auf einmal sehr kindisch und unreif vorkam. Als das nächste Mal die Verbündeten zusammenkamen, hielt er dann die wildesten, blutdürstigsten Reden, sprach von Freischaren, und daß man, wenn die Franzosen nach Rußland ziehen würden, diese angreifen müßte; er betäubte die mahnende Stimme in seinem Herzen selbst durch seine wilden Worte.
Ich bitt' ihn nicht, wenn er nicht will, dachte Gottliebe, wenn ihr stummes Werben, ihr versöhnliches Entgegenkommen immer wieder zurückgewiesen wurde. Sie litt aber schwer unter dem Zwist mit dem Bruder. Sie wurde darüber still und nachdenklich, und nicht mehr wie sonst schallte ihre Stimme unter denen der Geschwister in hellster Fröhlichkeit heraus. Und weil sie selbst litt, begann sie immer besser zu verstehen, wie einsam und verlassen sich Raoul fühlen mußte. Sie suchte darum immer mehr, dem Vetter Freundlichkeiten zu erweisen, und ließ diesen nicht mehr so allein seines Weges gehen.
Pfarrer Buschmann, der viel in der Welt seiner Bücher lebte, freute sich darüber. Der sanfte, stille Mann ahnte nichts von dem unter den Geschwistern ausgebrochenen Streit, er dachte, nun würde Joachim bald dem Beispiel seiner Schwester folgen. Er lächelte darum auch nachsichtig und milde, als Gottliebe an einem sonnenhellen Nachmittag ziemlich ungestüm in die Bücherstube eindrang mit dem Ruf: »Kommst du mit nach Langenstein, Raoul?«
»Warum willst du denn so eilig dorthin, Liebe?« fragte Josua Buschmann und sah das errötende Mädel freundlich an.
Gottliebe hatte nicht gewußt, daß der Pfarrer anwesend war, und sie erzählte etwas verlegen: »Großmutter möchte von Jungfer Mahdissen allerlei haben, und weil Heinrich gerade nach Langenstein fährt, soll ich selbst mitfahren und alles holen.«
Jungfer Mahdissen war ein kleines, ältliches Persönchen. Sie besaß ein Lädchen, in dem es Zwirn, Nadeln, Wolle, auch allerlei Stoffe, Bänder und Perlen gab. Zu ihr gingen die Steinbergschen Mädchen himmelgern, der Laden -- es war eine kleine Stube mit einer Türe nach dem Flur, an der ein Glöckchen bimmelte, wenn jemand kam -- barg so viele Herrlichkeiten, alles darin erschien den jungen Dingern wundervoll, und Liebe in ihrer stürmischen Art hatte schon oft gewünscht: »Ich möchte einen Laden haben wie Jungfer Mahdissen!«
Seit Karoline von Prillwitz einmal die Kostbarkeiten des Lädchens ein wenig naserümpfend betrachtet hatte, meinte auch Gottlobe, es sei nicht mehr so reizvoll, zu Jungfer Mahdissen zu gehen, und so hatte sich Gottliebe allein erboten, für die Großmutter einzukaufen. Nachher hatte es den andern freilich leid getan, und sie wären gern mitgefahren, obgleich nur der alte Kastenschlitten benutzt wurde, aber Liebe, ärgerlich über Karolines Putenhaftigkeit, wie sie das Urteil der Base nannte, erklärte schnippisch: »Großmutter hat mir den Auftrag gegeben, nicht euch!«
»Ist auch besser,« spottete Line, »wir haben wichtigere Dinge vor.« Sie meinte damit eine Sitzung des Tugendbundes, die am Nachmittag stattfinden sollte, und Liebe, die sie wohl verstand, wurde blutrot und lief wütend hinaus. Sie ärgerte sich jedesmal, wenn sie an den Tugendbund dachte, und daß sie nicht dabei sein durfte, und vor lauter Schmerz und Ärger, und weil sie sich ganz verlassen fühlte, rannte sie, um Raoul zu holen.
»Also zu Jungfer Mahdissen,« sagte der Pfarrer schelmisch, »da fahre nur mit, Raoul, und sieh dir das Zauberreich an. So etwas Schönes hast du gewiß noch nie gesehen. Vergiß nur das Wiederkommen nicht, Liebe, und grüß mir die Jungfer auch.«
Liebe dankte und knickste und lief dann mit Raoul hinaus. Der Kastenschlitten stand schon zur Abfahrt bereit, und Heinrich brummelte bereits über die »Nölerei«. Geschwind stiegen die beiden hinein, wickelten sich in ein paar dicke Wolldecken, und fort ging es auf glatter, schimmernder Schneebahn dem Städtchen zu.
Joachim hatte die beiden fahren sehen, auch Lobe und Line, und alle drei fanden es empörend von der Schwester und Base, daß sie Raoul ihnen so vorzog, und alle drei gestanden sich die eigene Schuld nicht ein.