Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege

Part 5

Chapter 53,841 wordsPublic domain

Die alte Frau von Steinberg war durch den Zuruf des Kutschers aus ihren Gedanken aufgeschreckt. Auch sie sah nun den Knaben und verstand seine stumme Frage. Da sie auch fast jedes Gesicht in der Gegend kannte, fiel ihr ein Fremder sofort aus. Sie rief dem Kutscher ein Halt zu und winkte gebieterisch den Knaben zu sich heran.

Der folgte der Aufforderung. Unerschrocken sah er zu der alten Dame auf, die ihn fragte: »Wohin will er?«

»Nach Hohensteinberg.«

Ein scharfer, prüfender Blick ans den hellen, klugen Augen überflog das Gesicht des Knaben, und eine leise Unruhe trat in die Züge der Kammerherrin. Etwas zögernd fast fragte sie weiter: »Zu wem will er da?«

»Zu dem Freiherrn von Steinberg.«

Sechs Mädchenaugen schauten neugierig, erwartungsvoll den kleinen Fremdling an, und Gottliebes Lippen öffneten sich; aber das vorschnelle Wort blieb ungesprochen, denn die Großmutter sprach wieder, und ihre sonst so herbe Stimme schwankte ein wenig: »Wie heißt er?«

Der Knabe wurde rot. Diesmal kam seine Antwort nicht so rasch, er zögerte, aber dann sagte er doch so freimütig wie vorher: »Ich heiße Raoul von Steinberg!«

Ein dreifacher Aufschrei erfolgte, die blonden Mädels hopsten auf ihrem schmalen Sitz hoch, und der Kutscher vergaß allen sonstigen Respekt vor seiner Herrin. Er drehte sich um und rief mit breitem Grinsen: »Ne--in, is doch nich meechlich, das Jungchen will --«

»Halt er den Mund,« wies ihn die Kammerherrin zurecht, und zu dem Knaben gewandt, sagte sie: »Steig er ein, er kann mitfahren. Rückt zusammen, Mariellen, er hat noch Platz zwischen euch. Das Bündel nimmt Heinrich auf den Bock.«

Aber Raoul folgte der Aufforderung nicht, so verlockend es für ihn war, seine müden Füße ausruhen zu können; die hochmütige Art verdroß ihn. So verneigte er sich nur mit dem feinen, zierlichen Anstand, den er der Erziehung seiner Mutter verdankte, und sagte höflich: »Ich danke sehr, gnädige Frau, aber ich kann noch gehen!« Und ohne Besinnen nahm er wieder sein Bündel über die Schulter und trabte die Landstraße entlang.

Die Augen der alten Frau blitzten. Wie ein Wetterleuchten zog es über das alte, herbe Gesicht, und ohne sich noch weiter um den Knaben zu kümmern, rief sie: »Fahr er zu, rasch, laß er die Pferde laufen!«

Heinrich folgte dem Befehl, und eine Minute später rollte das Gefährt an Raoul vorbei. Eine Staubwolke umhüllte den Jungen, der noch einmal stehen blieb und wartete, bis der Wagen einen weiten Vorsprung hatte, dann schritt er weiter, nicht schnell, denn das Wandern fiel ihm schwer, es war ihm ungewohnt, und ein Fuß war schon wund gelaufen. --

Raoul von Steinberg war glücklich mit Meister Koch nach Halle gekommen und von da in tagelanger Postfahrt über Berlin bis nach Thorn. Von hier aus war das Vorwärtskommen beschwerlicher gewesen. Er selbst wußte nicht die rechte Richtung, die Posten gingen seltener und waren besetzt, auch war seine Barschaft sehr zusammengeschmolzen. Meister Käsmodel hatte selbst noch nie eine so weite Reise gemacht und hatte gemeint, gar gut und reichlich für seinen Schützling gesorgt zu haben, und es wäre ihm selbst wohl bitter leid gewesen, wenn er gewußt hätte, wie mühselig dessen Reise war. Aber Raoul hatte sich schon in seiner Jugend in mancherlei Widerwärtigkeiten schicken müssen, er kam durch, lebte einfach, schlief in Scheunen und sah sich endlich dem Ziel seiner Reise nahe. Etlichemal hatten Bauern ihn ein Stück des Weges für einen freundlichen Dank mitgenommen, und er war gern gefahren; die stattliche Dame aber in dem wohlhäbigen Wagen hatte ihm das Mitfahren doch zu sehr als ein Almosen angeboten, und eine solche Behandlung wollte er sich nicht gefallen lassen.

»Ich komme schon hin,« dachte der Knabe mutig und schritt weiter, »lang kann's nicht sein!« Und wieder wie in all den vergangenen Reisetagen suchte er sich seine neue Heimat vorzustellen, und wie man ihn wohl empfangen würde, und ob der Oheim dem Vater ähnlich sah.

Endlich sah er das Gutshaus am Ende einer langen, schattigen Lindenallee auftauchen: ein schlichtes, zweistöckiges, aber umfangreiches Gebäude, an das sich links der Gutshof mit Scheunen und Stallungen anschloß, rechts dehnte sich weit, von einer niedrigen Lehmmauer umgeben, ein großer Park aus. An der Haustüre standen der Freiherr von Steinberg, neben ihm seine Frau Maria, und beide umdrängten die drei blonden Bäslein, die seit der Begegnung auf der Landstraße es vor Neugier einfach nicht mehr aushielten, sich den neuen Vetter näher anzuschauen. Joachim, der noch nicht ganz fünfzehnjährige Sohn des Hauses, stand etwas zurück in dem weiten Hausflur. Er wollte es nicht zeigen, daß auch ihn der unbekannte Vetter lebhaft beschäftigte, denn er hatte es den beiden Schwestern und der Base mehr als einmal gesagt, daß es ihm lieber wäre, wenn der Halbfranzose gar nicht käme; eine rechte Sache würde das doch nicht mit ihm.

»Die Großmutter tat recht, daß sie ihn auf der Landstraße stehen ließ,« hatte er erklärt, als die Mädels sehr lebhaft ihre Begegnung schilderten.

Darüber waren die Schwestern tief entrüstet gewesen, denn sie empfanden inniges Mitleid mit dem blassen Knaben. »Die Großmutter hätte ihn doch mitnehmen sollen, ihm sagen, wer wir waren,« grollte Gottliebe. Sie ahnte nicht, daß der alten Frau selbst schon ihr rasches Davonfahren leid tat.

»Wäre er doch endlich da, der arme Junge!« sagte die Hausfrau gerade leise, als Raoul am Anfang der Allee auftauchte.

»Dort kommt er,« riefen die Mädels, und als sie sahen, daß Vater und Mutter schnell dem Ankommenden entgegengingen, taten sie es ihnen nach, und so sah sich Raoul auf einmal von den neuen Verwandten umringt: man hatte ihn erwartet, wußte von seinem Kommen. Er sah die Bäschen an und errötete heiß, denn er erkannte sie gleich wieder, und zugleich wußte er auch, ohne daß es ihm jemand sagte, daß die alte Dame seine Großmutter gewesen war. Seines Vater Mutter! Er senkte stumm den Kopf, und in die tiefe Freude, die ihn erfüllt hatte, als er endlich das Heimatshaus seines Vaters erblickte, endlich am Ziel war, fiel der erste bittere Tropfen.

»Willkommen, mein Junge!« sagte der Oheim herzlich und hob das Gesicht des Knaben zu sich empor. Ernst, traurig sah dieser ihn an, und das gleiche Gefühl der Reue, das ihn ergriffen hatte, als Meister Käsmodels Brief eingetroffen war, bewegte wieder des Freiherrn Herz. Er zog den Knaben an seine Brust und sagte warm: »Gott segne deinen Eingang.«

Frau Maria empfing den Neffen mit gleicher Herzlichkeit. Auch die blonden Bäslein grüßten ihn froh, und schon wollte ein Gefühl der Befreiung über Raoul kommen, als Joachim hinzutrat. Dieser, der ihn ein beträchtliches Stück überragte, sah hochmütig, ja fast verächtlich auf den in abgetragenen, verstaubten Kleidern steckenden Vetter herab. Wie ein Betteljunge sieht er aus, dachte er, und dieser Gedanke stand so deutlich auf seinem Gesicht, daß Raoul rasch die schon ausgestreckte Hand sinken ließ. Vor ihm tauchte das derbe, gutmütige Gesicht seines Freundes Gottlieb Käsmodel auf, und eine heiße Sehnsucht nach dem Bäckerhaus wallte in ihm empor.

»Nun, da ist ja der Wanderbursch, der das Fußlaufen angenehmer findet als das Wagenfahren,« rief die Kammerherrin durch den Flur. Vor innerer Bewegung klang die Stimme der alten Frau härter und herber als sonst; sie mußte an sich halten, um das Kind ihres Sohnes, dieses Sohnes, um den sie zahllose Tränen geweint und tausend Schmerzen gelitten hatte, nicht weinend an ihr Herz zu ziehen. Raoul hörte nur die Härte, die Herbheit heraus; er dachte nur daran, daß es die Großmutter gewesen war, die ihn auf der Landstraße hatte stehen lassen. Unwillkürlich raffte er sich zusammen und verbeugte sich dann höflich und küßte die Hand der alten Frau, aber seine Lippen blieben fest geschlossen, und in seine sonnenverbrannte Stirn zog sich eine tiefe, senkrechte Falte, die seinem Gesicht etwas unendlich Hochmütiges, Trotziges gab.

Genau so hatte sein Vater einst die Stirn gezogen, und in diesem Augenblick glich er trotz den dunklen Augen und den dunklen Locken dem Vater so auffallend, daß die Kammerherrin diesen zu sehen vermeinte. Fast entsetzt starrte sie den Enkelsohn an, dann wandte sie sich stumm ab und verließ wortlos, nicht so aufrecht als sonst die Halle, -- die alten Wunden waren von neuem aufgebrochen.

Frau Maria tat der arme, blasse Knabe leid. Sie zog ihn mütterlich liebevoll an sich und sagte herzlich: »Nun komm aber erst in deine Kammer, mein Kind, du wirst müde und hungrig sein. Heute sollst du Ruhe haben, morgen erzählst du uns dann von deiner Reise und siehst dich in deiner neuen Heimat um!«

»Morgen soll er erst erzählen?« rief Gottliebe namenlos enttäuscht, die schon immer vor Ungeduld von einem Bein auf das andere getreten war, »ich platze ja vor Neugier!«

»Dann wirst du wieder zusammengenäht, Mariell,« tröstete der Vater, und das heitere Lachen, in das alle einstimmten, fand nun selbst auf Raouls Gesicht einen schwachen Widerschein. Zum Erzählen war er aber doch zu müde, und er war froh, als er im Bett lag und schlafen durfte. Er schaute sich auch kaum noch in der freundlichen Stube um, in die ihn Frau Maria führte, und deren sanfte Stimme sowie Gottliebes zwitscherndes Lachen draußen aus dem Flur waren das letzte, was er noch mit wachen Sinnen hörte, dann schlief er ein. Tief und fest schlief er einem neuen Tage, einem neuen Leben entgegen.

Fünftes Kapitel.

Als Fremdling in des Vaters Heimat.

Als Raoul am nächsten Morgen spät erwachte, schien die Sonne hell in sein Stübchen; in allen Winkeln lag das goldene Licht, und von seinem Bett aus konnte der Knabe noch in die Krone einer dicken Kastanie hineinsehen. Er lag ein Weilchen blinzelnd still, er mußte es sich erst überlegen, daß er nun wirklich in Hohensteinberg, der Heimat seines Vaters war. Dann aber sprang er eilig aus dem Bett, zog sich den Sonntagsanzug an, den ihm Meister Käsmodel noch gekauft hatte, und eilte die Treppe hinab. Er hatte es sich nicht recht gemerkt, wo das Wohnzimmer lag, und als er Stimmen hörte, ging er dem Schall nach und stand unversehens vor einer offenen Tür. In dem Gemach, das ganz wie sein Stübchen von Sonnenlicht durchflutet war, saßen die Kinder des Hauses beisammen mit ein paar jungen Gästen, die eben eingetroffen waren: Arnold und Fritz von Berkow, deren Vater der nächste Nachbar von Hohensteinberg war. Am Fenster saß die Großmutter, und neben ihr stand ein großer überschlanker Mann, Pfarrer Josua Buschmann. Dieser lebte auch auf dem Schlosse und versah zugleich neben seinem Pfarramt das eines Lehrers der Steinbergschen Kinder. Das Pfarrhaus im Dorf war 1807 in dem trübseligen, schweren Kriegswinter abgebrannt, und des Pfarrers Weib war wenige Wochen später gestorben. Da war der einsame Mann ins Schloß gezogen, um der Gemeinde nicht die Last aufzubürden, ein neues Pfarrhaus bauen zu müssen. Er war mit den Berkows zusammen gekommen, da er am Tage vorher über Land gewesen war.

Niemand hatte Raoul kommen hören, und einige Sekunden stand er zögernd und verlegen an der Türe, unschlüssig, was er tun sollte, als die Stimme Arnolds von Berkow sich laut aus den andern hervorhob: »Sagt, was ihr wollt, seine Mutter war doch eine Französin. Also ein halber Franzose ist euer Vetter doch und kein Verlaß auf ihn!«

Ein Schrei entrang sich Raouls Lippen, und plötzlich stand er mitten im Zimmer, stand vor dem langen Jungen, der ihn um einen halben Kopf überragte, und streckte ihm die drohend geballte Faust entgegen. »Meine Mutter, meine Mutter« -- er konnte vor Empörung nicht sprechen, nur seine Augen blitzten in wildem Zorn.

Josua Buschmann sprang hinzu und zog den leidenschaftlich erregten Knaben fort, die Großmutter gebot scharf: »Geht hinaus, ihr Buben!« und einige Augenblicke später war Raoul allein mit der Großmutter, seiner Tante und dem Pfarrer. Die Buben und die Bäslein hatten alle zusammen das Zimmer verlassen.

Frau Maria sprach freundlich zu ihm, auch die Großmutter sagte ein paar Worte, aber Raoul war es doch, als hätte sich der helle Sommermorgen auf einmal in einen grauen, trüben Regentag verwandelt, und nur mühsam gab er auf alle Fragen Antwort. --

Raoul war mit einem Herzen voll Sehnsucht nach Liebe hergekommen, und auf der langen, beschwerlichen Reise hatte er sich die heitersten Bilder ausgemalt. Er hatte eine tiefe Dankbarkeit empfunden, daß er kommen durfte, und dabei hatte er auch wieder mit ein bißchen Stolz gedacht, daß die Verwandten sich gewiß recht freuen würden, daß er Hohensteinberg gewählt hatte und nicht nach Paris gezogen war. Ein grenzenloses Vertrauen zu der Mutter, dem Bruder seines Vaters war in ihm aufgeblüht; alles wollte er ihnen sagen, sein ganzes Leben schildern, und nun war es plötzlich, als habe sich da in seinem Herzen eine Türe geschlossen. Wie zugeschüttet war alles durch das eine unbedachte Wort. Er hatte es in seinem jungen Leben gelernt sich zu beherrschen, und so gab er sich auch alle Mühe, niemand merken zu lassen, wie es in seinem Herzen aussah. Kein Wort kam über seine Lippen, wenn er nicht gefragt wurde, und wenn er antwortete, tat er es so knapp und kurz, daß seine Verwandten wenig genug von seinem Leben erfuhren. Warum er eigentlich so rasch von Leipzig abgereist war, ahnte niemand in Hohensteinberg, niemand, wie tapfer Raoul für seine Mutter gearbeitet hatte, und wie lieb ihm die Bäckerfamilie war.

Nach ein paar Tagen hatten sich alle im Hause daran gewöhnt, daß Raoul da war, daß er schweigsam am Tisch saß, und daß er arbeitete und lernte. Kam er, merkte man es kaum, ging er, vermißte ihn niemand. »Er ist langweilig,« sagten die Basen; Joachim nannte ihn »verstockt, falsch, einen Franzosenfreund«, denn er grollte ihm, daß um seinetwillen sein Freund Arnold eine derbe Rüge empfangen hatte. Er ist wohl nur scheu, dachte Frau Maria, aber ihr Mann und seine Mutter empfanden es bitter, daß der Knabe so anders war als sein Vater; sie beide hätten so gern gut gemacht, was sie an Unversöhnlichkeit und Härte an seinen Eltern verschuldet hatten. Er ist von anderer Art, dachte die Großmutter schmerzvoll und verschloß auch ihr Herz vor ihm, wenn ihr gegenüber der Enkelsohn immer stumm blieb, ja ihr sichtlich aus dem Wege ging.

Nur der Pfarrer Josua Buschmann ahnte etwas von dem stillen Leiden des blassen Knaben. Er hatte ihn auf den Wunsch seines Onkels hin geprüft, und er war erstaunt gewesen, wie viel Raoul wußte, obgleich er doch, wie er selbst sagte, nie auf einer Schule gewesen war. Von dem Lernen mit dem Bäckerbuben zusammen erzählte Raoul nie. In den ersten Tagen nur hatte er einmal geantwortet: »Gottlieb hat mir das gesagt.«

Man hatte im Garten zusammengesessen, und Gottliebe rief verwundert: »Gottlieb, mein Namensvetter, wer ist das?«

»Mein Freund,« gab Raoul kurz zur Antwort.

»Wie heißt er denn weiter?« forschte Gottliebe neugierig, »erzähl doch!«

»Er heißt Käsmodel, sein Vater ist Bäcker,« sagte Raoul mit leisem Zögern. Er hätte gern noch mehr gesagt, denn auf einmal sah er deutlich Gottliebs gutes, treues Gesicht vor sich, und die Sehnsucht, von ihm sprechen zu können, erwachte jäh.

»Käsmodel,« schrie aber Karoline, »Käsmodel, nein, so ein Name! Und mit einem Bäckersohn hast du verkehrt?« Sie war ein etwas hochmütiges Jüngferlein und schnell und unbedacht in ihrer Rede; der Name erschien ihr auch so lächerlich, daß sie kichernd ihre kleine Nase hinter einem Buch verbarg. Auch Lobe lachte laut: »Käsmodel, nein, Käsmodel! Wie drollig!«-- »Käsmodel!« rief auch Joachim spöttisch, »und von dem hast du was gelernt, von dem stammt deine Weisheit?«

»Er ist mein Freund,« erwiderte Raoul herb, und wieder grub sich auf seiner Stirn die senkrechte Falte ein, die ihn seinem Vater so ähnlich machte.

»Er ist gewiß sehr nett,« sagte Gottliebe schnell, der der Vetter leid tat, und auch Pfarrer Buschmann fragte freundlich nach dem Freunde und warf den Spöttern einen mahnenden, zürnenden Blick zu. Später fragte auch Frau Maria, und selbst der Oheim erkundigte sich nach den Bäckersleuten, aber Raoul gab immer nur kurze, ausweichende Antworten. Sie spotten doch nur über meine Freunde, dachte er bitter.

Er war durch diese Erfahrung noch scheuer geworden und fühlte sich bei den Verwandten durch Worte verletzt, die er früher kaum beachtet hätte.

Meister Käsmodel hatte oft herzhaft über die Franzosenwirtschaft geschimpft, und nie hatten Raoul und seine Mutter sich gekränkt gefühlt; jetzt auf einmal spürte der Knabe überall eine Feindseligkeit heraus.

Es wurde auf Hohensteinberg, als der Winter näher kam, viel von dem kommenden Krieg zwischen Rußland und Frankreich gesprochen, der drohte, und vor dem die Länder zitterten. An seinem Geburtstag, den 15. August, hatte Napoleon dem russischen Gesandten so scharfe Worte gesagt, daß alle den Krieg ahnten. Für Preußen war es durch die Mißernte des Jahres ohnehin eine harte Zeit, wie würde es werden, wenn der Zug Napoleons nach Rußland zur Wahrheit würde! Da ballte sich manche Faust heimlich in der Tasche, und mancher tapfere Mann hätte lieber dreingeschlagen als von einem Bündnis mit dem Eroberer gesprochen. Der König von Preußen Napoleons Verbündeter! Wie ein Hohn erschien das vielen, und zu denen, die des Landes Schmach mitfühlten, gehörte auch der Freiherr von Steinberg.

In der Wohnstube von Hohensteinberg wurde manches freie, kühne Wort gesprochen, wenn die Berkows da waren und _Dr._ Martinsen aus Langenstein, des Hauses alter Freund. Die Jugend des Hauses durfte zuhören. »Sie müssen die Not unserer Zeit erkennen lernen, sie müssen aufwachsen in der Sehnsucht nach Freiheit,« pflegte der Freiherr zu sagen.

Da war es Raoul aber manchmal, als stocke die Rede, wenn er dabei war; und wenn ihm zuweilen in heißem Mitgefühl das Blut in die Wangen stieg und er an seinen für das Vaterland gefallenen Vater dachte, da fühlte er, wie die Großmutter oder der Oheim ihn prüfend ansahen. Warum wurde er rot? Kränkten ihn die freien Worte?

Und warum schweigt er immer? dachte Joachim und sagte es dann zu seinen Freunden.

»Er ist für die Franzosen, natürlich!« spottete Arnold.

Den drei Knaben wäre es am liebsten gewesen, sie hätten gleich in den Kampf ziehen können. Was die Väter sprachen, erschien ihnen zu kühl und besonnen, und die Schwestern waren auf ihrer Seite. Die hatten auch die Köpfe voller Kriegsgedanken, am meisten Gottliebe, die war ungeduldiger und feuriger beinahe als die Buben.

Gottliebe war Joachims Lieblingsschwester, sie genoß sein volles Vertrauen, und die beiden hingen wie die Kletten zusammen. Die sanftere, ein Jahr jüngere Gottlobe pflegte eine zärtliche, schwärmerische Freundschaft mit Helene von Berkow, und seit Karoline auf Hohensteinberg weilte, auch mit dieser.

Seit Raoul gekommen war, gab es aber manchmal Streit zwischen Bruder und Schwester. Gottliebe tat der Vetter oft leid, sie konnte keine traurigen Menschen sehen. Weil sie wie der ferne Freund hieß, ruhten Raouls schöne, dunkle Augen oft, ihm selbst unbewußt, voll Traurigkeit gerade auf ihr, und Gottliebe fühlte, daß er litt, fühlte es wie Pfarrer Buschmann, und sie versuchte es auch wie der Geistliche immer wieder, des Vetters Vertrauen zu gewinnen. Sie suchte ihm kleine Gefälligkeiten zu erweisen; gab er eine gute Antwort in den Stunden, die sie gemeinsam hatten, dann rief sie wohl bewundernd: »Aber Raoul ist klug!«

Das verdroß Joachim. Der war begabt, aber er liebte es, mehr in Wald und Feld herumzustreifen oder mit den Berkows kühne Luftschlösser zu bauen, als eifrig zu lernen. Da mußte er dann sehen, daß der jüngere Vetter ihn, trotzdem er viel weniger Unterricht in seinem Leben empfangen hatte, manchmal überflügelte. »Natürlich, er ist ein Streber und Heimlichtuer,« sagte er, aber daß die Schwester den Verhaßten bewunderte, kränkte ihn tief, und manches scharfe Wort fiel darum zwischen den Geschwistern. Es gab Streit und Tränen, und die schöne Einigkeit war gestört.

Pfarrer Buschmann hörte das Streiten. Er sah, wie die Geschwister auseinanderkamen und Raoul doch einsam blieb, und versuchte zu versöhnen, aber Joachim besaß einen echten Steinbergschen Trotzkopf, der nicht so leicht zu brechen war. Je mehr der Pfarrer zum Guten sprach, desto mehr fühlte sich Joachim auch von dem so geliebten Lehrer zurückgesetzt und wurde auch gegen diesen mißtrauisch, sah mit Eifersucht auf Raouls rasches Vorwärtskommen und zeigte dem immer unverhohlener seine Abneigung.

So gärte und brodelte es im engen Kreise wie draußen in der weiten Welt, und darüber gingen die Tage dahin, und der Winter kam mit leisen Schritten gegangen. Er kam hier in Ostpreußen früher als in Sachsen, und er war schöner auf dem weiten, flachen Lande als drinnen in der engen Stadt. Der Schnee fiel schmeichelnd weich, weiß und still. Er lag bald in dicken Polstern auf den Dächern und Mauern, die Bäume neigten ihre Äste unter der weißen Last, und bald mußten die Wege zu den Scheunen und Stallungen und ins Dorf hinein geschaufelt werden. In dieser Zeit wuchs aber auch die Not im Lande. Auf Hohensteinberg freilich brauchte niemand Hunger zu leiden, und auch für die Dorfbewohner sorgten der Gutsherr und seine Frau, so gut sie es nur konnten. Doch der Klang der Not tönte auch von fern kommend in diese friedsame Stille hinein, und Raoul dachte in dieser Zeit oft daran, wie noch vor einem Jahr die Mutter gebangt und gesorgt hatte. Gar manchmal mußten in dieser Zeit die Töchter des Hauses in das Dorf gehen und den Kranken und Armen Speise aus der Schloßküche hintragen. An einem Dezembertag rüstete sich Gottliebe zu einem solchen Gang. Sie tat es gern, und die Dorfleute sahen sie gern kommen, denn wie ein lachender Sonnenschein kam sie in die niedrigen Stuben. Als Gottliebe durch den Hausflur ging, sah sie Raoul, und rasch bat sie: »Komm mit ins Dorf.«

»Mit dir allein?«

»Herr Pfarrer geht mit,« sagte Gottliebe und stellte ihren Korb an die Haustüre, »er kommt gleich, wir müssen nur ein Weilchen warten. Kommst du?«

Raoul nickte und trat neben die Base, und diese, die nicht gerade zu den Schweigsamen gehörte, erzählte ihm gleich: »Mutter schickt den alten, kranken Jakobsleuten Essen. Dort hinten im letzten Haus beinahe wohnen sie.« Da Raoul stumm blieb, fuhr sie lebhaft fort: »Ach, es muß schrecklich sein, arm zu sein, Hunger zu haben!«

»Sehr schrecklich ist's,« sagte Raoul, und die Falte grub sich in seine Stirn.

Gottliebe, der es plötzlich einfiel, daß Raoul und seine Mutter ja arm gewesen waren, sagte schnell, aus tiefstem Herzen heraus: »Armer Raoul!«

Das klang so kindlich lieb und herzlich, daß zum erstenmal wieder seit langer Zeit über Raoul der Wunsch kam, von der Mutter, von Leipzig und seinem Leben dort zu erzählen, aber es war, als wären ihm die Worte im Munde eingefroren: er, der sonst so lustig hatte plaudern können, wußte jetzt kaum noch etwas zu sagen. Doch Gottliebe schien seinen Wunsch zu ahnen, und herzlich bat sie: »Sag mir doch was von deinem Gottlieb! War er lustig?«

»Sehr,« gab Raoul zur Antwort, »und gut und tapfer.« Da kam ihm aus einmal das Erinnern an Gottliebs Zorn über den langen Schreiber, und er lächelte in den Gedanken daran ein wenig.

»Du lachst,« schrie Gottliebe erfreut, »dir ist was Vergnügtes eingefallen. Ach, und so was höre ich doch furchtbar gern. Bitte, los, erzähle, ich glaube, dein Gottlieb würde mir gefallen!«

»Natürlich, Gottlieb und Gottliebe, der Bäckerssohn paßt gut zu dir,« ertönte hinter den beiden auf einmal spöttisch Joachims Stimme, er war lautlos im Schnee am Hause entlang gekommen.

Ein heftiges Wort kam Raoul auf die Lippen, aber noch ehe er es ausgesprochen hatte, rief Gottliebe schon empört: »Pfui, wie du bist, Achim, wie hochmütig! Der Bäckerjunge, der ist gewiß sehr nett, vielleicht viel, viel netter und besser als du! Ja gewiß, er ist besser,« trumpfte Gottliebe noch auf, der im Zorn auch leicht Worte entfuhren, die ihr nachher selbst bitter leid taten.