Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 4
Da biß Raoul wirklich die Zähne zusammen und half am nächsten Tage selbst die liebe, freundliche Mansardenstube räumen. Andere Mieter sollten hinaufziehen, er kam zu Gottlieb in die Kammer. Die Bilder und die wenigen Andenken an die Mutter verwahrte der Meister getreulich mit dem Rest des Geldes für seinen Pflegling. Der stieg am nächsten Morgen mit schwerem Herzen wieder zu der Schreibstube empor. Nun ihn nicht mehr der Gedanke bewegte, er könnte mit dem verdienten Gelde seiner Mutter die Sorgen erleichtern, erschien es ihm fast unerträglich, weiter in dieser düsteren Schreibstube seine Tage zu verbringen. An diesem ersten Morgen erlebte er aber eine große Überraschung: Paul Neumann war kriechend freundlich gegen ihn, er tat, als wären sie zusammen stets die allerbesten Freunde gewesen.
Was hat er? dachte Karl Wagner, der erstaunt den Gefährten beobachtete, Mitleid ist das nicht bei ihm!
Daß es nicht Mitleid war, erfuhr er bald genug. Der lange Schreiber hatte nun erfahren, woher Raouls Mutter gestammt hatte, und auf einmal erschien ihm der bisher so verächtlich behandelte Knabe ein anderer zu sein. Vielleicht lohnte es sich, dessen Vertrauen zu gewinnen, vielleicht hatte er noch einflußreiche Verwandte in Frankreich, und klug forschte und fragte er, wenn Karl Wagner nicht da war, nach den französischen Verwandten.
Raoul dachte: Ich tu ihm leid, weil meine Mutter gestorben ist, und so wenig er auch den langen Gesellen leiden konnte, so erzählte er ihm doch alles, was er wissen wollte. Er nannte den Namen seines Oheims und sagte, daß dieser am Hofe des Kaisers zu Paris eine hohe Stellung inne hätte. Als er später Karl Wagner sein Gespräch mitteilte, lachte der und sagte: »Nun wirst du wenigstens nicht gequält werden. Vor einem französischen Adelsnamen hat er Respekt; jetzt sieht er dich mit ganz andern Augen an.«
Da lächelte auch Raoul zum erstenmal wieder ein wenig und erzählte seinem Freund Gottlieb die Geschichte. »Feiger Kriecher,« rief er verächtlich, »er muß doch noch mal Dresche haben!«
Weiter sprachen die Knaben nicht darüber, sie ahnten nicht, welchem Plan der lange Schreiber nachhing.
Jedesmal, wenn Raoul von seiner Arbeit zurückkehrte, zuckte es ihm in den Füßen, in die Mansarde hinaufzusteigen. Dann stand er ein paar Minuten still an der Treppe, und immer wieder überkam ihn von neuem heiß die Sehnsucht nach der Mutter, und manche Nacht, wenn Gottlieb schon schlief, lag er wach und weinte heiße Tränen. Er wurde immer stiller und bleicher, und die Meisterin Käsmodel sagte manchmal seufzend: »Der paßt nicht zu einem Schreiber, ganz sicher nicht.«
»Allweil das tut er auch nicht,« rief Meister Käsmodel, »und wenn sich die Verwandtschaft nicht bald rappelt, dann geh' ich aufs Gericht und verlang' den Raoul für uns. Nachher mag er die leidige Schreiberei an den Nagel hängen!«
Doch dazu kam's nicht. An einem Spätsommertag erhielt Meister Käsmodel einen dicken Brief von Herrn Wolf-Friedrich von Steinberg auf Hohensteinberg. Der Freiherr schrieb selbst, und er schrieb so herzlich, daß die Meisterin Käsmodel vor Rührung in eine Tränenflut ausbrach und der Meister einmal über das andere schrie: »Allweil ein nobler, guter Mann muß das sein, aber allweil die Knochen möcht' man den Postleuten einschlagen, daß sie just so einen Brief verloren gehen ließen.«
Der Freiherr schrieb, er hätte den Brief seiner Schwägerin nie bekommen. Auf seine schon vor Jahren, eingezogene Erkundigung nach dem Tode seines Bruders habe er die Auskunft erhalten, seine Schwägerin sei mit ihrem Kinde nach Frankreich gezogen. Er bedaure es tief, daß er der armen Frau keine Stütze hätte sein können, ihr Sohn aber solle in seinem Hause eine Heimat finden. Wenn es möglich sei, möchte der Meister den Knaben jemand übergeben, der die Reise bis Berlin mache, von dort würde ein Freund ihn in wenigen Wochen mit nach Hohensteinberg bringen.
»Na, dann ist's bald zu Ende mit dem Musjeh und uns,« brummelte der Meister, »in drei Wochen muß er reisen.«
»Ich wollte, ich könnte ihn behalten,« sagte die Meisterin leise, »aber freilich, für ihn mag's besser sein. Wenn er doch bald heimkäme und die Sache erführe!«
Dieser Wunsch ging früher in Erfüllung, als sie ahnte, denn noch war sie dabei, mit ihrem Manne die Sache zu bereden, als plötzlich Raoul aufgeregt in die Ladenstube stürmte und schrie: »Frau Meisterin, mein Onkel hat geschrieben, ich soll nach Paris kommen!«
»Ja, biste allweil übergeschnappt? Nach Paris sollst du doch nicht kommen, Junge; Junge, wo haste deine Gedanken?« fuhr ihn der Meister an.
»Doch nach Paris und gleich!«
»Aber Raoul, nach Hohensteinberg, das liegt da oben bei Rußland herum,« rief die Meisterin nun auch.
»Nach Hohensteinberg? Aber es steht doch in dem Briefe nach Paris, ich hab' doch gelesen!«
»Daß dich das Mäuschen beißt,« schrie der Meister verdutzt, »wie kann er denn den Brief gelesen haben, wenn er ihn doch gar nicht gesehen hat? Das ist allweil eine kuriose Sache!«
»Aber, aber der Herr Advokat hat doch den Brief bekommen, von dem französischen Gesandten in Dresden und --«
»Nun schlägt's dreizehn!« Der dicke Bäckermeister fiel fast mit seinem Stuhl um, so heftig setzte er sich nieder, und die Frau Meisterin sank stöhnend auf einen Mehlsack. »Junge, Junge, was redest du da? Woher ist der Brief?«
Und Raoul erzählte. Von dem Bruder seiner Mutter war eine Anfrage nach ihm gekommen. Der Onkel wollte ihn zu sich nehmen und ihn als seinen Sohn erziehen lassen; morgen schon sollte ein Begleiter aus Dresden eintreffen, der ihn nach Paris geleiten würde.
»So,« murrte Meister Käsmodel, »na, da hat ja der Musjeh die Auswahl, ob er in Deutschland bleiben will oder nach Frankreich gehen und vielleicht um den Bonaparte herumscharwenzeln.« Dabei warf er dem Knaben den Brief höchst unwirsch zu. Der las erstaunt. Eine tiefe Glut überzog dabei langsam sein Gesicht. Da stand er am Scheidewege: des Vaters und der Mutter Heimat, sie standen ihm beide offen, und größerer Reichtum, höherer Rang, sie lockten aus Paris, denn Graf Turaillon besaß keine Kinder, er hatte sich bereit erklärt, den Neffen als seinen Erben zu erziehen.
Aber gab es denn noch ein Besinnen da, wo die Mutter ihm selbst den Weg gewiesen hatte? Raoul richtete sich auf, und seine dunklen Augen blitzten. »Nein, Herr Meister, ich werde nie um den Bonaparte herumscharwenzeln. Mein Vater fiel im Kampf gegen ihn, das vergesse ich nicht: ich bin ein Steinberg und will ein Steinberg bleiben.«
»Warte, warte, Bonaparte,« summte Gottlieb und schob sich in die Türe herein, gerade als Raoul seine Antwort gab. Heisa, was war das? Er drängte sich vor und schrie: »Soll's losgehen?«
»Verflixter Bengel, muß er denn seine Nase allweil in alles stecken?« schnauzte ihn der Vater an. Er sah aber nicht böse aus; sein finstres Gesicht hatte sich aufgehellt, und er streckte Raoul froh die Hand hin. »So ist's recht! Deine Frau Mutter selig hätte nicht anders entschieden. Da heißt's nun freilich, sich zur Reise rüsten, hm, allweil -- da hilft nichts.«
Ein Besinnen kam Raoul. Der Brief, den ihm der Advokat vorgelesen hatte, fiel ihm ein: morgen schon sollte der Begleiter kommen, der ihn nach Frankreich bringen wollte, und hastig sprach er es aus. »Was wird er sagen, wenn ich nicht mitgehen will?«
»Na, wer nicht will, der will nicht,« entschied Gottlieb kaltblütig und reckte kühn seine freche, kleine Stubsnase hoch.
Dem Meister schien die Sache aber doch nicht so einfach zu sein, er machte ein bedenkliches Gesicht und murmelte: »Dresden ist nahe, und wenn der Herr Graf dort gute Freunde hat, dann könnte es sein, daß sie den Raoul nach Frankreich schaffen, ob er allweil will oder nicht.«
»Dann reiße ich lieber aus,« rief der Knabe empört, »mit Gewalt lasse ich mich nicht nach Frankreich schaffen, nein, nein, nie!«
»Ich reiß' mit aus, hurra, das --« klatsch fuhr die väterliche Hand Gottlieb etwas unsanft auf den Mund, und der Schluß seiner Rede blieb ungesagt. Da ihn die Mutter auch noch vorwurfsvoll ansah und leise fragte: »Ja, hast du denn einen Grund zum Ausreißen?« zog sich der Bube lieber etwas in den Hintergrund der Ladenstube zurück, die Sache mit dem Ausreißen konnte er sich ja noch überlegen.
Meister Käsmodel saß in tiefes Nachdenken versunken da. Vielleicht war es am besten, er ging zu Herrn Schnabel und fragte den um Rat; aber freilich, der Advokat war auch einer von denen, die sich ängstlich hüteten, es mit einem Franzosen zu verderben. Und ein Zögern erschien ihm, je mehr er die Sache überdachte, immer gefährlicher.
»Ich setze mich in die Post und fahre geschwind fort,« drängte Raoul; »ich will nicht nach Frankreich.«
»Die Post nach Berlin fährt morgen früh, und erfährt es der Herr, dann kann man dich im Preußischen allweil aufgreifen,« sagte der Meister nachdenklich. Doch plötzlich fuhr er auf: »Potzwetter, jetzt fällt mir etwas ein: Nachbar Koch fährt heute mittag nach Halle mit seinem Wagen, der nimmt dich schon mit, und von Halle aus fährst du mit der Post weiter, da merkt man's hier nicht; na, und nachher weiß ich ja nicht, wo du gerade bist. Flink, Frau, tummle dich, rüste die Sachen, in einer Stunde muß der Junge aus dem Hause sein.«
»So schnell, du meine Güte, so schnell?« rief die Meisterin erschrocken, und da kam es Raoul erst recht zum Bewußtsein, daß er scheiden mußte von den Menschen, die ihm doch auf der weiten Welt am liebsten waren. Die Verwandten, zu denen er reisen sollte, waren ihm ja so fremd wie die Gegend, in der sie wohnten. Es war gut, daß alles so schnell gehen mußte, da gab es keine Zeit zu Abschiedsgedanken; und daß es recht war, wie es der Meister vorgeschlagen hatte, bestätigte Karl Wagner, der kurz vor seines jungen Freundes Abreise in das Bäckerhaus kam. Herr Schnabel hielt es für Raoul für ein großes Glück, daß sein Onkel ihn zu sich nehmen wollte; er würde gewiß eine schnelle Abreise verhindert haben, hätte man ihn darum gefragt.
»Allweil, jetzt möcht' ich nur wissen, woher der gräfliche Onkel in Paris auf einmal darauf kommt, um den Jungen zu schreiben,« fragte der Meister.
Karl Wagner lächelte ein wenig: »Neumann hat nach Paris geschrieben. Er hat Raoul den Freundschaftsdienst erwiesen, weil er meint, es sei für jeden Menschen am besten, ein Franzose zu sein.«
»O, jetzt verstehe ich's,« rief Raoul, »er hat mich so genau um alles gefragt, und darum war er gewiß auch so freundlich in der letzten Zeit. Gestern sagte er auf einmal, er wolle mein Freund sein.«
»Der muß noch mal Dresche haben,« knurrte Gottlieb wütend, »der ist so falsch wie -- wie --«
»Deine Rechenexempel, die stimmen auch nie,« sagte Meister Käsmodel lachend. »Na, ich gönn' dem Musjeh die Enttäuschung. Aber nun los, sonst fährt Nachbar Koch ab. Geschwind, zum Abschied ist allweil keine Zeit mehr, kommt auch nichts dabei raus. Zieh mit Gott, Junge, und vergiß nicht, was du deiner Frau Mutter selig gelobt hast, und vergiß auch nicht, daß die Käsmodels dir allweil gute Freunde sind und bleiben werden. Hier findest du immer einen Platz, eine Heimat, wenn du mal nicht aus noch ein wissen solltest.«
Draußen knallte eine Peitsche, ein langgezogenes Hoiho ertönte, Nachbar Koch wartete vor seinem Hause. Da mußte nun wirklich eins, zwei, drei Abschied genommen werden. Niemand kam mit vor das Haus, der Meister meinte, es sei besser, nicht erst die Neugier der Nachbarschaft zu erregen. Still huschte Raoul mit seinem Bündel hinaus, kletterte auf den Wagen, und fort ging es durch die in mittäglicher Glut und Stille liegenden Straßen. Noch einmal sah sich der Knabe um: da oben, da waren die Mansardenfenster, da hatte die Mutter so oft gesessen. Ein Schluchzen stieg in ihm auf, ein heißer, würgender Schmerz preßte ihm das Herz zusammen, und einen Augenblick war es ihm, als müßte er vom Wagen herabspringen und zurückeilen in das alte Haus, das ihm bis dahin eine Heimat gewesen war. Aber er bezwang sich und schluckte tapfer die Tränen hinab. Mama würde sich freuen, dachte er, sie hat es sich so gewünscht. Er versuchte an die neuen Verwandten zu denken, aber er konnte sich kein rechtes Bild von ihnen machen; seine Gedanken wirrten durcheinander und kehrten immer, immer wieder in das verlassene Bäckerhaus zurück.
Mit finsterem Blick hatte Gottlieb den Freund scheiden sehen. Er zog die Stirn ganz kraus und schob die Unterlippe trotzig vor, damit nur niemand merken sollte, daß ihm der Abschied bitter schwer wurde. Dann, als der Wagen nicht mehr auf der Straße zu hören war, entschlüpfte er und eilte in die Burgstraße; dort in des Advokaten Schnabel Haus stellte er sich wieder in den dunklen Flurwinkel und wartete, bis Paul Neumann kam.
»Schockschwerebrett!« schimpfte der, als er mit einem lauten Plumps wieder die Treppe hinauffiel. Oben in der Schreibstube zeterte er sich seine Wut vom Herzen herunter: »Ich möchte nur wissen, was das für ein infamer Bengel ist, der mir im Hausflur immer ein Bein stellt. Na wehe, wenn ich den erwische! Übrigens, wer weiß, wie lange es noch dauert, dann bin ich die Sache los. Der Graf Turaillon wird mir schon Dank wissen. Vielleicht, vielleicht reise ich auch nach Paris, dort werde ich mehr werden als ein simpler Schreiber!«
Während Paul Neumann so von seinem Ärger und seinen Luftschlössern redete, schlenderte Gottlieb pfeifend und gemütsruhig über den Marktplatz nach Hause. Er spürte gar keine Reue über seine Tat, leid tat ihm nur, daß er Raoul nicht mehr den wohlgelungenen Streich erzählen konnte. Brummig saß er dann lange in seinem Winkel, der Freund fehlte ihm überall, und zuletzt spielte er sogar in der Verzweiflung seines Herzens mit den beiden kleinen Schwestern, etwas, was er sonst sehr unter seiner Würde hielt. Als aber das vierjährige Lottchen fragte: »Kommt Raoul bald?« da warf er unsanft die Puppe hinweg und stürzte davon. Er verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Mehlkammer, und dort heulte er so lange, bis der Schmerz von Hunger und Müdigkeit abgelöst wurde und er einschlief.
Am nächsten Tag, so um die dritte Nachmittagsstunde herum, sah Gottlieb endlich, er lag schon lange auf der Lauer, einen feinen Herrn das Haus betreten. Der ist's, dachte er, und schlüpfte eilig in seinen Horcherwinkel hinterm Ofen. Es war auch wirklich der erwartete Begleiter, ein eleganter, geschniegelter Herr. Mit unsäglichem Hochmut schaute er sich in der Ladenstube um, und ein Mehlstäubchen, das auf seinen Rock gekommen war, tupfte er hinweg, als hätte ein giftiges Insekt da Platz genommen. Breitbeinig und fest stand Meister Käsmodel vor dem jungen Mann und erzählte, Raoul sei als Wanderbursch nach Ostpreußen gezogen; von dem Umweg über Halle sagte er freilich nichts.
»Was?« schrie der Fremde, »der Neffe des Grafen Turaillon ist als Wanderbursch davongezogen? Das ist ja empörend! Wie konnten Sie das dulden? Sie werden es büßen müssen! Graf Turaillon wird sich beschweren, daß man seinen Enkelsohn entführt hat. Sie sind ein Räuber, ein Betrüger, ein -- --«
»Allweil jetzt halten Sie den Mund,« sagte der Bäcker gelassen, aber seine Augen blitzten drohend, und der schlanke, feine, junge Herr wich unwillkürlich zurück. »Ich hab' der Frau von Steinberg mein Wort gegeben, für ihren Sohn zu sorgen nach ihrem Willen, das hab' ich gehalten, und von Ihrem Herrn Grafen ist nie die Rede gewesen. Was ich getan habe, kann ich verantworten, und nun wär's nur recht, wenn Sie sich mal mein Haus von draußen ansehen möchten, es nimmt sich ganz stattlich aus. Ich muß in die Backstube, und allweil muß erst die Arbeit kommen und dann das Vergnügen.«
»Sie werden noch daran denken müssen,« schrie der junge Mann wütend und verließ das Haus, aber Meister Käsmodel sah ihm ruhig nach. »Ich habe allweil nur meine Pflicht getan, mag kommen, was kommen will!«
Es kam aber nichts danach, nur ein paar Verhöre auf dem Rathaus, bei denen Meister Käsmodel klipp und klar seine Tat verantwortete, und ehe ein neuer Befehl aus Paris eintraf, war Raoul von Steinberg längst in der Heimat seines Vaters angelangt. Paul Neumann aber saß in grimmigster Laune an seinem Schreibpult, -- die schöne Hoffnung, nach Paris zu kommen, war zerflossen wie eine Schneeflocke im Frühling.
Viertes Kapitel.
Auf Hohensteinberg.
Der Sommer rüstete sich bereits zum Abschiednehmen, weil er schon überall an Hecken und Hängen, im Garten, auf den Feldern und im Walde den Boten seines Bruders Herbst begegnete. Und weil die Sonne in Freundschaft von dem ihr so lieben Sommer scheiden wollte und auch dem Herbst einen guten Willkomm zu bereiten trachtete, strahlte sie in allerbester Laune auf die Erde herab, und es gab warme, schöne Tage. Am späten Nachmittag eines solchen sonnenhellen Tages rasselte über den Marktplatz der kleinen ostpreußischen Stadt Langenstein eine herrschaftliche Kutsche. Ein paar Kinder, die auf der Straße spielten, starrten mit offenem Munde dem Wagen nach, und die Postmeisterin Lebrecht schob neugierig das Schiebefensterchen in ihrer Wohnstube hoch und sah hinaus.
»Minettchen, sieh nur, die Frau Kammerherrin ist's wahrhaftig, die da gefahren kommt. Rasch, Mariell, sieh nach, ob meine Haube sitzt, ich muß dero doch meine Reverenz machen!«
Die kleine, rundliche Frau eilte aus dem Zimmer, noch ehe Minettchen, das blonde Postmeistertöchterlein, Zeit gefunden hatte, ihr Urteil über den Sitz der mütterlichen Haube abzugeben. Draußen hielt auch schon das Gefährt, neben seiner Gattin erschien der Herr Postmeister, und ehrerbietig verneigte sich das Ehepaar vor den Insassen des Wagens. Drinnen im Zimmer drückte Minettchen ihr Stumpfnäschen an die Fensterscheiben und blickte voll Bewunderung auf die gnädigen Fräuleins, die mit der Kammerherrin von Steinberg fuhren. Diese selbst, eine große, stattliche Frau, saß kerzengrade aufrecht auf dem Vordersitze des Wagens; ihr braunes Taftkleid, das, entgegen der herrschenden Mode, noch von recht beträchtlicher Weite war, bedeckte den ganzen Sitz. Der Großmutter gegenüber saßen schlank und jung, eng aneinander geschmiegt, ihre drei Enkelinnen. Es wäre gegen alle Schicklichkeit gewesen, hätte eines der jungen Mädchen neben der Großmutter auf dem Vordersitz gesessen. Die Schwestern Gottliebe und Gottlobe von Steinberg hatten ihre Base Karoline von Prillwitz zärtlich in die Mitte genommen, denn das Bäslein war Gast und genoß alle Vorteile eines gern gesehenen Besuches.
»Hat er Postsachen für mich?« fragte die Kammerherrin den Postmeister mit herablassender Freundlichkeit, der sich von der alten Dame noch das »Er« gefallen ließ, das er so leicht keinem andern verziehen hätte.
»Ei gewiß, Ihro Gnaden, aus Leipzig ist ein Päckchen gekommen, spekuliere, es wird ein Buch sein,« gab der Postmeister zur Antwort und begab sich eilfertig in die Schreibstube, das Gewünschte zu holen.
Bei dem Wort »aus Leipzig« schauten die drei Mädels neugierig auf, und über das Gesicht der alten Dame lief ein Schatten. Ihre Hände, die auf dem Schoß gefaltet lagen, zitterten leise, aber sie beherrschte sich, und die Postmeisterin bekam eine gnädige Nachfrage, wie es ihr gehe, und ob ihr der Tee, den sie jüngst vom Gute geholt, auch gegen den Brustkrampf geholfen habe.
Die Auskunft lautete befriedigend, die dicke Frau Postmeisterin sah auch blühend und gesund aus, trotzdem seufzte sie herzbrechend, als die Kammerherrin sie fragte, wie es sonst noch gehe.
»Unsereins kann ja nicht klagen,« sagte sie mit ehrlicher Betrübnis, »bisher hat's immer noch in unserem Hause zugelangt, aber bei den armen Leuten und draußen auf dem Lande, wie es da im Winter werden soll, das weiß unser lieber Herrgott!«
Ihr Mann, der wieder aus dem Hause trat, hatte die letzten Worte gehört, und sein sonst so freundliches Gesicht verdüsterte sich. »Der gnädigen Frau Kammerherrin braucht man nichts zu klagen, sie weiß, wie groß die Not im Lande ist,« sagte er bitter, »und ehe wir nicht die Franzosenwirtschaft los werden, gibt's keine Besserung.«
»Mann,« schrie seine Frau erschrocken, »du redest dich noch um Kopf und Amt.«
Frau von Steinberg aber reichte dem Postmeister die Hand. »Wie er, denkt heute jeder ehrliche deutsche Mann, ob er es sagt oder bei sich behält.«
Das Schelmenlächeln auf den Gesichtern der drei Basen, die mit dem Minettchen Blicke getauscht hatten, erstarb jäh bei diesem ernsten Gespräch, und alle drei schauten den Postmeister ehrfürchtig an: ein Lob aus Großmutters Munde, das bedeutete noch etwas.
Der Postmeister hatte die Blicke der jungen Mädchen bemerkt; er räusperte sich ein wenig verlegen und reichte mit einer abermaligen Verbeugung das vielfach versiegelte Päckchen in den Wagen hinein.
»Vielleicht ist es ein Almanach, der etliche neue Modekupfer bringt, an denen die gnädigen Demoiselles die neuen Moden, die man jetzo trägt, adorieren können,« sagte er mit verschnörkelter, altmodischer Höflichkeit. Er meinte, diese Art sei gar fein den vornehmen Damen gegenüber, aber grob schnitt ihm die Kammerherrin die Rede ab: »Halt er den Mund! Red er doch Deutsch, wie sein Schnabel gewachsen ist, und setz' er den drei Gänsen, meinen Enkeltöchtern, nicht Flausen in die Köpfe; sie sind schon eitel genug und denken mehr an Putz und Tand, als es sich für die heutige Zeit gebührt. Und sie, Frau Postmeisterin, lebe sie wohl; wenn sie Wurstgewürze braucht, dann kann sie sich welches holen lassen. Schick' sie mir ihr Minettchen, sie soll sich aber ja nicht wieder so aufputzen wie das vorige Mal; sie sah aus, als ginge sie zum Erntekranz. Putz und Tanz sind unserer Zeit unwürdig. Und nun Gott befohlen!«
Die Pferde zogen an, und der Wagen rasselte davon; etwas verdutzt sahen die Eheleute ihm nach. »Ja, ja, so ist sie einmal, immer rasch und streng; aber gut ist sie doch dabei, und in der Not kann man sich immer an die Steinbergs wenden, das ist was wert. Das Minettchen aber soll mir nicht mehr mit den vielen Firlefanzbändern herumlaufen, ich leid's nicht,« brummte der Herr Postmeister und ging wieder in seine Schreibstube. Seine Frau kehrte in das Wohnzimmer zurück, und das ahnungslose Minettchen bekam dort brühwarm die Schelte der Frau Kammerherrin zu hören. Sehr beschämt beugte es sich über seine Näharbeit und schickte dem verbotenen Putz manch heimlichen Seufzer nach.
Der Wagen rollte unterdessen auf dem Landwege dahin, der das Rittergut Hohensteinberg mit dem Städtchen Langenstein verband. Hell strahlte die Sonne auf kahle Felder herab, und der links an der Straße sich hinziehende Laubwald schillerte in lichtem Goldgelb.
In dem Wagen herrschte Schweigen, und die Großmutter sah düster auf die Stoppelfelder am Wegrand; ach, sie hatten nur spärliche Frucht in diesem Jahre getragen, so spärlich, daß das Gespenst des Hungers schon vor vielen Türen stand, um sich mit dem Winter zugleich einzuschleichen. Die drei Enkelinnen aber kämpften noch mit ihrem Ärger über die großmütterlichen »Gänse«.
Karoline von Prillwitz, deren Eltern in Königsberg lebten, -- ihre Mutter war die einzige Tochter der Kammerherrin, -- verstand weniger die Gedanken, die die Großmutter bewegten, als Gottliebe und Gottlobe, die tagtäglich all das bittere Klagen um den ausgebliebenen Erntesegen angehört hatten. Sie fand darum das tiefe Schweigen auch recht langweilig. Sie seufzte einigemal, nicht zu sehr, damit es die Großmutter nicht hörte, und spähte eifrig die Straße entlang. Kam denn nichts und niemand des Weges daher? Als ein Bauer ankam und ehrfurchtsvoll grüßte, schaute sich die neugierige kleine Städterin so lange nach ihm um, als sie seine Gestalt noch verfolgen konnte: dabei übersah sie fast einen schlanken, blassen Jungen, der an einer Wegbiegung stand und träumend in die Weite blickte.
»Heda,« rief der Kutscher, »aus dem Wege!«
Der Knabe sprang zur Seite, er grüßte höflich, und in dem Blick seiner Augen lag eine Frage: es war, als wollte er vortreten und sprechen.