Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege

Part 3

Chapter 33,850 wordsPublic domain

Paul Neumann hatte es, trotzdem Raoul schwieg, doch bald herausbekommen, daß der Bube kein Kaiserbewunderer war. Seitdem quälte und peinigte er ihn noch mehr, als er es sonst getan hätte. Der lange Schreiber war wohl unendlich demütig zu denen, die über ihm standen, aber er ließ gleich alle seine Roheit aus an denen, über die er Gewalt hatte, denen er befehlen durfte. Er war in der Schreibstube der Erste, und es half Karl Wagner nicht viel, wenn er Raoul in Schutz nahm; nur ganz heimlich durfte er dem Knaben helfen. Sah Paul Neumann das Einverständnis, dann rächte er sich und jagte Raoul hin und her, namentlich in der Mittagsstunde, und es kam oft genug vor, daß dem Knaben nicht einmal so viel Zeit blieb, zur Mutter zu laufen und sein Mittagbrot zu essen.

Endlich kam aber doch der Tag, an dem Raoul seine ersten zwei Taler nach Hause tragen konnte. Aber gerade an diesem Abend hielt ihn Neumann mit allerlei Aufträgen zurück, und Minute auf Minute verrann. Raoul zitterte vor Ungeduld heimzukommen, und er atmete erlöst auf, als der Advokat selbst kam und noch einmal seinen ersten Schreiber sprechen wollte. Da entwischte Raoul, obwohl er wußte, daß er es morgen doppelt schwer haben würde. Wie der Wind jagte er die steilen Treppen hinunter, die Burgstraße entlang, durch die Gäßchen über den Marktplatz. Er jagte so, die beiden Taler krampfhaft in der Hand, daß er den dicken Metzgermeister Mayer, der just zu einem Abendschöpplein gehen wollte, beinahe über den Haufen rannte. Bums! stieß er an dessen Bauch, es dröhnte ordentlich, und wütend holte der Meister zu einer gewaltigen Ohrfeige aus, aber hui, ging die in die Luft, denn Raoul war schon fort, die dunklen Laubengänge des Rathauses verbargen ihn den zornigen Blicken des Meisters. Atemlos kam er oben an. Die letzten Stufen der steilen Treppe hastete er so empor, daß er beinahe wieder hinuntergefallen wäre, und dann stand er vor seiner Mutter und hielt ihr stumm, glückstrahlend die beiden Taler hin.

Frau von Steinberg nahm sie wortlos, und wortlos umschlang sie ihr Kind, und Raoul fühlte, wie heiße Tropfen auf seine Stirne niederrannen. »Mama,« flehte er bang, »Mama, freue dich doch!«

»Ich freue mich, mein lieber, tapferer Junge du,« hauchte die Frau, kaum fähig, sich noch aufrecht zu halten. Ein Schwindel überfiel sie, und der Knabe mußte sie stützen und auf ihren Stuhl zurückleiten. »Bist du wieder krank?« forschte er angstvoll, »soll ich die Frau Meisterin heraufholen?«

»Nein, nein, ich bin gesund, ganz gesund, nur die Freude war es -- allein die Freude,« murmelte die Mutter und strich liebkosend über ihres Kindes braunes Gelock. »Gott segne dich, mein Sohn, du mein Glück!«

Viel später dachte Raoul noch oft an diese Stunde zurück, an diesem Abend ließ die Freude, daß der erste Monat vorbei war, die ersten zwei Taler errungen waren, keine trüben Gedanken in ihm aufkommen. Er war sehr vergnügt, vergaß alle Quälereien des langen Schreibers und brachte mit seiner Heiterkeit zuletzt auch die Mutter zum Lachen. --

Weil es Frau von Steinberg jetzt so schwer fiel, die Treppen zu steigen, kam nach dem Abendbrot noch oft die Meisterin hinauf, mit einem Eimerchen glühender Holzkohlen beladen. »Weil es unten sonst unnütz verbrennt,« sagte sie jedesmal entschuldigend, damit die Hausgenossin nur ja nicht merken sollte, daß sie immer darnach trachtete, ihr eine warme Stube zu verschaffen. Auch Gottlieb folgte der Mutter an diesem Abend, und nach einem Weilchen tappte selbst Meister Käsmodel die Stiege herauf, und alle drei bewunderten ehrlich und herzlich den verdienten Reichtum.

»Aus dem wird allweil noch mal was,« sagte der Meister schmunzelnd zu Frau von Steinberg, »das ist gute Art.«

Dankbar sah die Mutter zu dem biederen Manne auf; die Freude über ihren Sohn, die feste Zuversicht, daß er eines tüchtigen Vaters Ebenbild werden würde, ließ sie an diesem Abend heiterer in die Zukunft sehen. Ein heller Glanz kam in ihre Augen, ihr Lachen mischte sich leise und froh in das der anderen, und die Meisterin sagte nachher zu ihrem Mann: »Vielleicht irrt der Doktor sich doch, und Frau von Steinberg wird gesund.«

Daß nach einem frohen Abend nicht immer ein heiterer Morgen folgt, merkte Raoul am andern Tag. Als er ging, schien ihm die Mutter wieder schwächer und matter als sonst zu sein, und als er das Schreibzimmer betrat, kam es ihm auch noch düsterer und dumpfiger vor als sonst, denn draußen braute ein dicker Nebel, und nur karges Licht fiel in das Gemach. Grau wie der Nebel draußen war auch Herrn Paul Neumanns Laune: er war an diesem Morgen entschieden mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden. Die Magd, zu deren Tugenden die Ordnung nicht gehörte, hatte vor der Türe einen Wischlappen liegen lassen, über den stolperte der lange Schreiber in das Zimmer hinein, und bei dem Versuch, sich an einem Stuhl festzuhalten, plumpste er mit samt dem Stuhl um und rutschte, so lang er war, in das Zimmer hinein.

Diesem bösen Anfang folgte eine Flut von Schimpfworten, die alle Raoul galten. »He, er spitznasiger, eingebildeter Zierbengel er, warum ist er gestern abend weggelaufen, he? Er hat wohl die Faulkrankheit, was? Denkt wohl, so ein Sündengeld verdient man mit Herumvagabondieren?«

Raoul sagte kein Wort, er wußte genau, daß eine Widerrede oder der leiseste Versuch, sich zu verteidigen, nur die Sache verschlimmern würde.

»Laß ihn sich austoben,« hatte einmal Karl Wagner geraten, aber an diesem Morgen dauerte das Toben recht lange. Zum Unglück war der Herr Advokat selbst nicht da, so konnte der lange Schreiber schimpfen und schreien nach Herzenslust, und Raoul bekam so viele Schelte, so viele harte Worte zu hören, daß es ihm war, als prassele ein Hagelwetter auf ihn herab.

Endlich, endlich, nachdem er dies hatte tun müssen und jenes holen, konnte er sich an seinen Arbeitsplatz setzen. Eben setzte er an, um zierlich und fein geschnörkelt einen Satz zu beginnen, als Paul Neumann ihn unsanft an den Arm stieß. Ein Schrei, und über den großen Aktenbogen rann eine dunkle Tintenflut.

»Was hat er da wieder angerichtet, er Dummerjan?« schrie der Schreiber wütend, aber da klang plötzlich ganz ruhig in das Schreien hinein Karl Wagners Stimme: »Du hast ihn gestoßen, er kann nichts dafür!«

Der kleine Verwachsene hatte zwar schon oft die Erfahrung gemacht, daß seine Verteidigung dem armen Schreiberlein wenig nützte, er brachte es aber nicht fertig, zu dieser Ungerechtigkeit zu schweigen, und just wollte er noch etwas sagen, als eine mächtige Ohrfeige auf Raouls Wange herniedersauste. »Will doch sehen, ob der nicht Strafe bekommt, der sie verdient,« rief der Lange zornig.

Mit einem Schrei war Raoul emporgefahren, Tränen der Wut und Scham entstürzten seinen Augen. »Ich lasse mich nicht schlagen,« schrie er, »ein Steinberg läßt sich nicht schlagen!« In leidenschaftlichem Zorn wollte er sich auf seinen Peiniger stürzen, aber da fühlte er sich von hinten festgehalten, und Karl Wagners ernste, graue Augen sahen ihn mahnend, liebevoll an. »Sei ruhig!« und ganz leise, nur ihm verständlich, klang es an sein Ohr: »Denk an deine Mutter!«

Stumm senkte Raoul den Kopf. Die Mutter, ihre Freude gestern, sein Stolz, seine Hoffnung, ihr immer mehr eine Stütze werden zu können, -- alles fiel ihm ein. Er mußte still sein, aushalten, sein Amt durfte er nicht verlieren.

»Die Madame läßt sagen, das wär'n Lärm wie auf der Messe und nicht wie in 'ne anständige Schreibstube, und sie würd's dem Herrn berichten,« kreischte mit einemmal die Magd in das Zimmer hinein, und schwapp krachte sie die Türe mit solcher Gewalt wieder zu, daß leise der Kalk von den Wänden herabrieselte.

»Da sieht er's, was er angerichtet hat,« knurrte Neumann, dem es sehr unangenehm war, daß man drinnen in der Wohnung des Advokaten den Lärm gehört hatte. Herr Schnabel pflegte in solchen Fällen nicht ihn allein nach dem Grund zu fragen, und daß Karl Wagner nicht auf seiner Seite stand, fühlte er. Darum hielt er es für besser zu schweigen, der Blick aber, den er Raoul zuwarf, verhieß nichts Gutes für die Zukunft.

Als der arme, kleine Schreiber zu Mittag heimeilen wollte, -- die Schreibstube war trotz des Langen Zorn zu rechter Zeit geschlossen worden, -- hielt Karl Wagner ihn fest. »Komm mit mir,« sagte er freundlich. »Hast du ein paar Minuten Zeit?«

Raoul nickte nur, er konnte nicht sprechen, die gewaltsam unterdrückten Tränen erstickten ihn fast, und der Gedanke, so niedergeschlagen und gedemütigt vor seine Mutter treten zu müssen, lastete schwer auf ihm. Er war zum erstenmal froh, daß der Heimweg hinausgeschoben wurde, und willig folgte er Karl Wagner in die nahe Thomaskirche, die dieser durch eine Seitenpforte betrat.

Die Kirche war völlig leer. Das trübe Licht des Nebeltages fiel nur matt durch die bunten Fenster in den gewölbten Raum, den ein schönes, sanftes Klingen durchrauschte. Jemand spielte die Orgel, der Kantor von Sankt Thomas, Herr Müller, war es, wie Karl Wagner leise seinem Schützling zuflüsterte. Vorsichtig, den Schall der Schritte dämpfend, gingen die beiden bis in das Mittelschiff und setzten sich dort nieder.

Raoul war noch nie in einer leeren Kirche gewesen, er hatte auch noch nie ein so wundervolles Orgelspiel gehört.

»Den Anfang, Mitt' und Ende, ach Herr, zum besten wende,« sang Karl Wagner ganz leise die Worte des Liedes nach, das oben der Kantor spielte.

Immer rauschender und voller, wie Bittgesang und Dankesjauchzen tönte es durch die Kirche, und ganz wundersam feierlich wurde es dem armen, geplagten Schreiberlein ums Herz. Sein Kopf sank leise an die Schulter des Verwachsenen, und die schmerzlichen Tränen, die er vorher krampfhaft herabgeschluckt hatte, rannen und rannen, und als sie endlich versiegt waren, da konnte er den Kopf wieder heben und wieder frei und mutig um sich schauen. Er dachte an seine Mutter, an ihre Freude gestern abend, und auf einmal schien ihm alles nicht mehr so schwer zu sein. Ich ertrag's schon, dachte er mutig, es muß gehen, Mama darf nichts merken!

Ein Weilchen saßen die beiden Schreibgenossen noch still zusammen, bis die letzten Töne verhallt waren und ein Klappen und Schließen oben anzeigte, daß auch der fromme Spieler heimging. »Vielen Dank,« sagte Raoul draußen und schüttelte herzhaft Karl Wagner die Hand, »es war schön!«

»Kannst du nun zur Mutter gehen?« fragte der Schreiber freundlich.

Raoul nickte froh. »Sie soll nichts merken, bestimmt nicht. Ich schluck's hinunter!«

»So ist's recht, immer tapfer voran! Nach bösen Stunden kommen auch gute. Nun Gott befohlen! Am Nachmittag sind wir allein, da wollen wir zusammen fleißig sein und nachholen, was wir am bösen Morgen versäumt haben,« sagte Karl Wagner und wandte sich rasch dem kleinen Haus im Winkel des Thomaskirchhofes zu, in dem er wohnte.

Einen Herzschlag lang sah Raoul ihm noch dankbar nach, dann lief er eilig den vertrauten Weg entlang. Er flog fast, so geschwind ging es, und die frische Luft kühlte ihm die heißen Wangen und Augen. Er kam sehr vergnügt bei seiner Mutter an, und diese merkte nicht, wie schwer der Morgen gewesen war. Nur Gottlieb erfuhr am Abend den Auftritt in der Schreiberstube, und er geriet darüber in einen solchen Zorn, daß er seine lateinische Grammatik aus den Boden warf. »Man muß ihn verdreschen, aber feste,« schrie er.

»Den langen Neumann?« Raoul mußte doch lachen; sein kleiner, stämmiger Freund und der lange dünne Schreiber schienen ihm auch ein zu ungleiches Paar zu sein. »Wie wolltest du das anfangen?«

»Ach was, das krieg' ich schon fertig,« brummte Gottlieb, »David ist mit dem Goliath auch fertig geworden. Freilich, merken dürft' er's nicht, von wem die Dresche stammt, sonst geht dir's schlecht. Vater sagt, Lehrjahre sind nicht Herrenjahre, und Ohrfeigen gehören dazu, die müssen sein!«

»Wenn's aber ungerecht ist,« rief Raoul finster, »nur aus Niedertracht, dann« -- er seufzte, »ich muß doch still halten, um der Mutter willen!«

»Ja freilich,« stimmte Gottlieb kleinlaut zu, »aber -- seine Dresche kriegt er noch. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagte unser Geselle immer, wenn er nicht alles auf einmal essen konnte. Er kriegt sie noch, aber feste!«

Mit dieser düsteren Prophezeiung trennte sich Gottlieb Käsmodel von seinem bewunderten Freund. Wer dem was tat, dem war er gram, der sollte sich vor ihm in acht nehmen.

Drittes Kapitel.

Abschiedsstunden.

Leicht hatte es Raoul von Steinberg wirklich nicht als Schreiberlein mit zwei Talern Monatsgehalt im Dienst des Advokaten Schnabel. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle und Plackerei und Quälerei Tag für Tag. Der lange Neumann suchte alles heraus, womit er den Knaben peinigen konnte, und es kamen immer und immer wieder Stunden, in denen Raouls Mut zu sinken drohte. Dann redete ihm Karl Wagner gut zu, und daheim tröstete die Mutter zart und lind, denn es gelang dem Knaben doch nicht, ihr all seine Kümmernisse zu verbergen. Mutteraugen sehen zu tief und scharf, und Frau von Steinberg hatte lange gemerkt, ehe es ihr der Sohn gestand, daß er kein leichtes Amt übernommen hatte. Ihr einziger Trost war, daß es nur eine kurze Zeit dauern würde; sie meinte, die Verwandten würden und müßten ihr doch antworten, ihr ihre Bitte erfüllen.

Doch die Tage wurden länger, der Frühlingssturm raste über das Land, und schon hingen zarte, grüne Schleier über Busch und Baum, und so sehnsüchtig Frau von Steinberg auch hoffte und harrte, kein Brief, keine Antwort kam. Als der Sommer ins Land ging, erstarb endlich die Hoffnung. »Man will meinem Kinde nicht helfen,« dachte sie bitter. In dieser Zeit sprach sie einmal mit Meister Käsmodel, und nach dieser Unterredung wurde sie ruhiger; der treue Mann hatte ihr das Versprechen gegeben, nie ihren Sohn zu verlassen, wenn sich die Verwandten seiner nicht annahmen. --

Es war an einem milden, warmen Sommertag, als Raoul von Steinberg noch schwereren Herzens als sonst die Treppe hinabstieg, um nach der Schreibstube zu wandern. Die Mutter war heute so seltsam bleich gewesen, und so trat er, ehe er ging, noch an das Schiebefensterchen und bat die Frau Meisterin, doch recht bald einmal nach ihr zu sehen. Dabei huschte Gottlieb aus der Ladenstube heraus und schloß sich ihm an. »Ich begleite dich,« sagte er kurz.

»Hast du denn heute keine Schule?« fragte Raoul.

»Nee, noch nicht, unser Lateiner ist krank, da fallen ein paar Stunden aus,« gab Gottlieb sehr vergnügt zur Antwort. »Du, ich muß dir aber ein Rätsel ausgeben: Wer ist der frechste Pferdedieb von Berlin?«

Raoul sah etwas verdutzt drein, und Gottlieb prustete vor Lachen, dann neigte er sich an das Ohr des Freundes und flüsterte: »Napoleon.«

»Aber Gottlieb!«

»Ja, det stimmt, sagt unser neuer Geselle, der ein Berliner ist, er hat mir's gestern erzählt; sie nennen ihn so, weil er die Siegesgöttin samt ihrem Wagen vom Brandenburger Tor weggemaust hat. Fein, was?«

»Sehr fein,« lobte Raoul anerkennend, »den Gesellen muß ich sehen!«

»Komm nur heute abend, der schimpft ordentlich auf den Pferdedieb.« Gottlieb quiekte vor Lachen. »Wenn ich Pferdedieb sage, weiß keiner, wen ich meine.«

»Tu's lieber nicht,« riet Raoul. »Karl Wagner sagt, es sei vernünftiger, seinen Mund zu halten, die Zeit sei noch nicht da.«

»Ist auch gut,« brummte Gottlieb und reckte seine Gestalt, »ich will erst so weit sein, um mal mitgehen zu können, denn wenn sie erst mal den Pferdedieb verhauen, dann lauf' ich nach Preußen rüber, wenn es hier stille bleibt.«

Da waren sie beide am Haus in der Burgstraße angelangt, und Raoul lief nach kurzem Abschied hastig hinauf, denn die Zeit war knapp, und wehe ihm, wenn er noch nicht ausgeräumt hatte, wenn der lange Neumann kam.

Gottlieb blieb vor dem Hause stehen. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und summte leise, ganz leise den Anfang eines Verses vor sich hin, den ihm sein neuer Freund, der Berliner Geselle, beigebracht hatte: »Warte, warte, Bonaparte!« Eigentlich meinte er just aber nicht den Kaiser der Franzosen mit seinem: »Warte, warte!« sondern vielmehr den langen Schreiber, seines Freundes Quälgeist. Als er den die Straße entlang kommen sah, verschwand er geschwind im dunklen Hausflur, drückte sich fest in eine Nische an der Haustüre und schob gerade in dem Augenblick, in dem Paul Neumann die Stufen überschreiten wollte, einen Stock vor. Der Lange stolpert, rutschte aus und fiel die Treppe mit ziemlichem Gekrach hinauf.

»Das bedeutet Glück,« schrie Gottlieb unten und entwischte so eilig, daß der lange Schreiber nicht einmal mehr sehen konnte, wer ihn zu Fall gebracht hatte. Der Bäckerbube ging sehr befriedigt zur Schule. Strafe muß sein, dachte er, und mußte dann seufzend diese Erfahrung an sich selbst machen, denn seinem Lehrer rutschte an diesem Tage beim zweiundzwanzigsten Fehler die Hand einmal ordentlich aus und klatschte derb auf Gottliebs Wange nieder. Das war bös und trübte beträchtlich die Morgenfreude.

Gottlieb Käsmodel ahnte nicht, daß er seinem Freund einen schlechten Streich gespielt hatte, denn der Fall auf der Treppe hatte Neumann ordentlich in Wut gebracht, und diese Wut mußte das jüngste Schreiberlein büßen. Beim Eintritt schalt er gleich, es sei nicht ordentlich aufgeräumt worden, dies sei nicht recht und das. Raoul mußte noch einmal kehren, dann mußte er auf alle Aktenschränke klettern und Staub wischen, und er atmete auf, als nebenan der Advokat eintrat. Da wurde es stiller, und er konnte sich endlich an das Pult setzen und schreiben. Er hatte ein endloses Aktenstück zu kopieren: zwei Nachbarn hatten sich um einen Apfelbaum gezankt, von dem jeder glaubte, er sei sein Eigentum. Nun waren die Männer alt und grau geworden, wußten aber immer noch nicht, wem der Apfelbaum gehörte. Der Knabe fand die ganze Sache herzlich langweilig, und trotz aller Mühe, die er sich gab, machten seine Gedanken allerhand Kreuz- und Quersprünge. Gottliebs Erzählung und seine Tat, denn er hatte schnell erraten, daß der Missetäter unten im Hausflur sein Freund gewesen war, hatten seine Gedanken abgelenkt; nun kehrten sie zur Mutter zurück, und eine bange Angst quälte ihn. Es war ihm so seltsam unruhig zumute, daß er unwillkürlich auf seinem Sessel hin und her rutschte.

»An was denkt er denn? Kann er nicht ruhig sitzen?« schrie Paul Neumann ihn plötzlich an. »So'n Trantiegel, so'n Tagedieb! Er schreibt ja, als wär' er 'ne Schnecke. Zeige er mal her, gewiß hat er hundert Fehler gemacht, und ich hab' nachher den Ärger.«

Paul Neumann schrie absichtlich laut, damit es der Advokat nebenan hören sollte, welchen Ärger ihm der Schreibbursche bereitete. Und da er wirklich in der Abschrift einen Fehler entdeckte, brüllte er, am liebsten möchte er die Arbeit dem Jungen um die Ohren schlagen; zur Strafe müsse er über Mittag dableiben und die Sache noch einmal abschreiben.

Raoul zuckte zusammen. Heute, gerade heute, wo die Mutter so gebeten hatte: »Komm schnell heim!« Er warf einen hilfesuchenden Blick auf Karl Wagner, und der nickte ihm ermunternd zu. Wieder wie damals in der Kirche, und seitdem oft in den Wochen, die vorübergegangen waren, fühlte sich Raoul durch den ernsten, stillen Blick des kleinen Verwachsenen getröstet. Der war ihm längst ein guter Freund geworden, dem er all seine Sorgen anvertraute. Etlichemal war Karl Wagner auch Sonntags bei Frau von Steinberg gewesen, und er, der einst ein Arzt hatte werden wollen, aber um seiner Armut willen das Studium hatte aufgeben müssen, wußte bald, daß seines kleinen Freundes Mutter kränker war, als alle ahnten. Er fragte darum besorgt, als der Lange nach einem Weilchen in das Zimmer des Advokaten gerufen wurde: »Was ist heute?«

»Mama geht es nicht gut, sie bat so sehr, ich möchte heimkommen,« flüsterte Raoul zurück.

»Es wird schon gehen,« tröstete der Freund, und dann stand er auf, als Neumann zurückkehrte, und klopfte an die Tür des Advokaten.

»Was soll's?« schrie der Lange, »was will er drinnen?«

Er erhielt keine Antwort auf seine grobe Frage. Still schloß sich die Tür hinter Karl Wagner, und nach einigen Minuten kam er heraus und sagte sanft: »Du sollst heimgehen, Raoul, hast heute frei, Herr Schnabel hat es erlaubt.«

»Da hört doch alles auf!« schrie Neumann empört. »Der faule Strick, der Trantiegel soll frei haben? Nein, das leid' ich nicht!« Er sprang wütend auf, aber Raoul hatte schon seine Sachen genommen und war blitzschnell, mit einem dankbaren Gruß für seinen Helfer, hinausgeflitzt. Er ahnte nicht, daß der kleine Schreiber es übernommen hatte, auch noch seine Arbeit auszuführen, und ihm seine knappen Freistunden opferte.

Raoul überlegte überhaupt nicht viel an diesem Vormittag. Eine unerklärliche Unruhe trieb ihn vorwärts, und auf seinem kurzen Weg, den er wie immer im Trab zurücklegte, hatte er nur den einen Gedanken: Wie froh wird Mutter sein, daß ich komme!

Einen raschen Blick warf er unten durch das Schiebefensterchen in die Ladenstube. Niemand war drin, und eilig hastete er die Treppe hinauf. Oben wollte er stürmisch die Türe aufreißen mit dem Freudenruf: »Ich bin da!« aber dann öffnete er sie doch ganz zaghaft und leise; wieder war jene unerklärliche Angst über ihn gekommen.

Als er eintrat, sah er die Meisterin am Bett sitzen. Die wandte sich um, und nun sah er die Mutter.

Mit einem Schrei stürzte der Knabe vorwärts, so bleich, so verändert sah die Mutter aus. »Mama, o Gott, Mama,« flehte er, »was fehlt dir?«

»Mein Junge!« Weit öffneten sich die Augen der bleichen Frau, und ein Blick unendlicher Liebe, unendlichen Schmerzes traf den Knaben, der an ihrem Bett niedergesunken war. »Du kommst -- gottlob!« Zitternd tastete die Hand der Mutter nach ihres Kindes Haupt, schwer und kühl sank sie darauf nieder: »Werde wie dein Vater! Gott -- segne dich!«

Die letzten Worte klangen nur noch wie ein Hauch, aber Raoul hatte sie doch verstanden. Angstvoll umschlang er die Mutter und flehte jammernd: »Mama, Mama, ach, was fehlt dir?«

»Mußt nicht so schreien, mein armer Junge,« sagte die brave Meisterin, der dicke, dicke Tränen über die Wangen liefen, »sei tapfer und mach's deiner Mutter nicht so schwer!«

Raoul verstand nicht, was die Meisterin meinte, er hörte nur die Mahnung, tapfer zu sein um seiner Mutter willen, da bezwang er sich und streichelte nur zärtlich die weißen Hände. Unter diesem Streicheln schlief die Mutter sanft ein, um nicht mehr zu erwachen, sie war tot. -- -- --

Im dumpfen Schmerz der ersten Tage dachte Raoul gar nicht darüber nach, wie einsam und verlassen er nun auf der Welt war. Er saß unten im Bäckerstübchen. Gottlieb suchte ihn in seiner rauhen Art zu trösten, die Meisterin war gut zu ihm wie eine rechte Mutter, und dem Meister Käsmodel konnte es jeder, der ihn kannte, ansehen, daß er nur so ein grimmiges Gesicht machte, um nicht zu zeigen, wie leid ihm sein kleiner Hausgenosse tat. Er sorgte väterlich für den Knaben, ging selbst zu Herrn Schnabel und sprach mit diesem, und die beiden Männer kamen überein, es sei wohl am besten, wenn Raoul vorläufig weiter als Schreiber arbeitete, bis von den Verwandten eine Antwort gekommen sei.

»Ich schreib' selbst, schreib' ihnen aber mal richtig, wie sich die arme Frau gequält hat,« sagte der brave Meister. Er grollte dem Herrn von Steinberg von Herzen, weil er den Brief unbeantwortet gelassen, den ihm seine Schwägerin in ihrer Not geschrieben hatte.

Nach dem Begräbnis sprach Meister Käsmodel mit Raoul über seine Zukunft. »Du bleibst bei uns, bis eine Antwort von deinem Oheim kommt, und kommt keine, na, dann bleibst du alleweil erst recht, bleibst immer bei uns. Ich habe deiner Frau Mutter selig versprochen, dich nie zu verlassen, aber erst noch einmal an deinen Oheim zu schreiben. Sein Versprechen muß man halten, sonst hätte ich wahrhaftig kein Wort an die hochmütige Verwandtschaft da oben, wo sich die Füchse Gutenacht sagen, geschrieben. So, und nun beiß die Zähne zusammen, zeige, daß du ein Mann werden willst, so einer, wie dein Vater selig einer gewesen ist.«