Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 13
»Ich bleib' dabei,« rief Liebe schelmisch und warf ihrem guten Kameraden und Namensvetter eine Bohne an die Nase, »daß es auf dem Lande am schönsten ist. Puh, gräßlich muß es sein, in einer dunklen Stadt zu wohnen. Da rennt man immer an die Häuser an, sieht nie Feld und Wald, und wenn man Brot essen will, muß man erst zu Herrn Meister Käsmodel gehen und eins kaufen; wir backen es uns allein!«
»Das ist gerade fein,« rief Gottlobe, »da kann man nicht unversehens einen Scheffel Mehl über den Kopf bekommen, wie ihn mir neulich Jungfer Rosalie übergestülpt hatte. Ich möchte gleich in einer Stadt wohnen.«
»Der Herr Pfarrer soll entscheiden, ob es in der Stadt besser ist als auf dem Lande,« rief Gottliebe und wandte sich bittend dem alten Freunde und Lehrer zu, der just zu ihnen trat. Ihm war das Haar völlig gebleicht in den letzten Jahren, wie Silber lag es aus seinem Haupt, seine Augen blickten mild und gütig wie immer auf die Jugend, die so heiter, den blühenden Blumen gleich, im Sommersonnenglanz dreinsah. »Ich werde nichts vom Lande und nichts von der Stadt sagen,« antwortete der Pfarrer fröhlich, »denn in einer Minute würdet ihr mir doch alle nicht mehr zuhören. Wollt ihr nicht sehen, wer dort kommt?«
Aller Blicke wandten sich der Allee zu. »Raoul!« schrie Gottliebe auf, und die Bohnenschüssel fiel krachend zu Boden, und »Raoul!« tönte es vielstimmig nach. Gottliebe aber raste dem jungen Offizier, der mit raschen Schritten den schattigen Weg entlang kam, entgegen. Doch plötzlich blieb sie betroffen stehen und fragte fast zaghaft: »Bist du das wirklich, Raoul?«
Der ergriff lachend des Bäsleins beide Hände. »Ich bin's, aber fast möchte ich fragen, bist du's, Gottliebe? Du siehst ja beinahe wie -- eine junge Dame aus.«
Da hing sich Gottliebe lachend an seinen Arm. »Damit hat's noch gute Wege, aber weißt du, ich freue mich zum Platzen, daß du da bist.«
Raoul kam nicht dazu, ihr eine Antwort zu geben, die andern umdrängten ihn. Der Onkel zog ihn in seine Arme, Frau Maria küßte ihn liebevoll wie einen Sohn, Pfarrer Buschmann schüttelte ihm die Hand, Gottlobe wollte es auch tun, und Gottlieb schrie jauchzend: »Viktoria, Viktoria, er ist da, der Sieger ist da!«
Die Großmutter war still auf der Bank sitzen geblieben. Joachim stand neben ihr, und beide dachten unwillkürlich: Er muß erst die anderen begrüßen. Doch Raoul hatte die Großmutter schon von weitem gesehen, sie zuerst; sie war viel älter geworden und saß nicht mehr so aufrecht wie früher da, und es trieb ihn zu ihr hin. »Großmutter,« sagte er rasch und kniete neben ihr nieder, »verzeihen Sie mir!«
»Raoul, mein Kind, mein liebes, liebes Kind!« Die alte Frau zog des Enkels Kopf an sich. »O, daß ich dich wiedersehen kann, daß mir Gott diese Freude noch gab!« Und ganz leise, nur dem Jüngling verständlich, flüsterte sie: »Verzeih du mir, ich tat unrecht.«
»Das ist ja wie in der Kirche,« brummte Gottlieb vor sich hin. Er schnitt ein wütendes Gesicht vor lauter Rührung und wäre am liebsten davongelaufen, doch etwas hielt ihn, eine Art von Bangigkeit war's: Wie wird er Joachim begrüßen? Er hatte den einstigen Feind seines Freundes so lieb gewonnen, daß er den Gedanken schon unerträglich fand, die beiden könnten sich nicht verstehen.
Es war, als hätte die Großmutter seine Sehnsucht geahnt, sie ergriff Joachims Hand und legte die Hände der Enkelsöhne ineinander. »Ihr habt als Brüder für das Vaterland gekämpft, seid nun auch Brüder im Frieden!«
Raoul sprang auf, und sekundenlang standen die Jünglinge sich Auge in Auge gegenüber. Nur ein kurzes, stummes Zögern und Fragen war's nach alter Feindschaft, altem Haß, dann lagen sie sich in den Armen, und jeder rief froh des andern Namen, daß beide zusammenklangen wie ein Wort.
»Viktoria!« schrie Gottlieb wieder, und Liebe und Lobe fielen jauchzend ein. Aber trotz des Freudenrufes war Gottlieb das Herz auf einmal zentnerschwer geworden: nun gehörte Raoul, sein Raoul, ganz den Steinbergs an, und er hatte ihn verloren. Er wollte sich heimlich davonschleichen, aber Gottliebe sah es und hielt ihn fest. »Lauf doch nicht fort, du gehörst doch jetzt hierher. Was soll denn Raoul denken, wenn du nicht dabei bist?«
Da blieb Gottlieb und merkte es dann bald, daß er den Freund nicht verloren hatte, und daß der mit alter Liebe und Treue an ihm hing. Er brachte ihm Grüße von seinen Eltern und der kleinen Schwester, von Karl Wagner und etlichen Schulgenossen. Meister Käsmodel hatte es schwer in dieser Zeit. Auch ihn hatte der Krieg fast zum armen Manne gemacht, aber er sah darum doch unverzagt und froh der Zukunft entgegen. »Die Hauptsache ist, daß wir frei sind von all der Fremdherrschaft,« hatte er gesagt.
Das sagten viele mit dem braven Meister, wenn auch die fröhlichen, heiteren Friedenspläne, die an dem Tage von Raouls Heimkehr in Hohensteinberg geschmiedet wurden, nicht so bald in Erfüllung gingen. An diesem Tage wollte das Erzählen, Fragen, das Erinnern an vergangene Tage, das Pläneschmieden für künftige Zeiten kein Ende nehmen. Manchmal mahnten die Älteren: »Nun ist's genug! Alles muß nicht an einem Tage erzählt sein,« aber die Jugend fing immer wieder von neuem an mit »Weißt du noch?« und »Wie war dies und das?« So jubelnd, so herzenswarm hatte sich Raoul die Freude über seine Heimkehr nicht vorgestellt. Das Gefühl, so willkommen zu sein, tilgte an diesem Tage auch noch das letzte Restchen Bitterkeit aus seinem Herzen, und zuletzt erzählte er selbst mit lachendem Munde und strahlenden Augen die Geschichte seiner Flucht.
»Aber nun ist alles gut,« sagte Gottliebe leise, froh, »und nun ist Friede, und hoffentlich kommt nie, nie mehr Krieg!«
Doch Gottliebe mußte es erleben, daß noch einmal die Sturmglocken läuteten, daß noch einmal die Völker gegen Napoleon ziehen mußten. Wieder waren zwei Steinbergs dabei und kämpften tapfer. Raoul kehrte bald zurück, da er schon im ersten Gefecht verwundet wurde, Joachim aber konnte diesmal im siegreichen Heere mit in Paris einziehen und als Sieger heimkommen.
Raoul blieb nicht Offizier, wie es sein Oheim gedacht hatte. In dem harten, schweren Krieg, dem furchtbaren Ringen war er zur Erkenntnis gekommen, daß er besser für ein stilles Studium geeignet sei, daß es seiner Neigung mehr entsprach, Wunden zu heilen als Wunden zu schlagen. Er wurde Arzt, der erste der Steinbergs, der diesen Beruf erwählte, und obgleich des Neffen Studium ihm neue Sorgen aufbürdete, ließ ihn der Oheim gewähren. Die Steinbergs gehörten auch zu denen, die um vieles ärmer geworden waren in den langen Kriegsjahren, aber das störte nicht den fröhlichen Mut, mit dem alle schafften. Joachim blieb dem Lande treu. Ein Jahr nur studierte er in Berlin, und die beiden Vettern verlebten eine arbeitsfrohe, freudenreiche Zeit zusammen. Dann kehrte Joachim nach Hohensteinberg zurück. Raoul aber zog wieder einmal in das trauliche Bäckerhaus als willkommener Pflegesohn, um ein paar Semester an der Leipziger Universität zu studieren. Sein Freund Gottlieb schaffte schon tüchtig in der Backstube, und der rastlosen Arbeit von Vater und Sohn gelang es wieder zu erwerben, was der Krieg ihnen genommen hatte. Die verschiedenen Berufe trübten nicht die Freundschaft der beiden, sie blieben Zeit ihres Lebens in treuer Zuneigung verbunden, und als dritter im Bunde gesellte sich immer Karl Wagner zu ihnen, der neidlos sah, daß sein einstiger Schreibgenosse den Beruf erwählen konnte, auf den ^er^ hatte verzichten müssen.
Die Ferien verbrachte Raoul dann immer in Hohensteinberg, »zu Hause,« wie er oft dankbar sagte, wenn er wieder mit der Postkutsche über den Langensteiner Markt rollte und mit rüstigem Schritt den wohlbekannten Weg entlang lief.
Dann gab es auch einmal eine Hochzeit auf Hohensteinberg: Lobe wurde Oswald Hippels Frau und eine tüchtige, tätige Landwirtin. Sie behauptete nun kühnlich, auf dem Lande sei es doch am schönsten, sie hatte alle Stadtsehnsucht verloren. Liebe flocht der jüngeren Schwester frohgemut den Brautkranz, sie sah Helene von Berkow Joachims Braut werden und las voll Freude, daß der junge Meister Käsmodel in Leipzig sich eine junge Meisterin gesucht hatte.
Sie selbst blieb noch manches Jahr daheim, war des Hauses Sonnenstrahl, der Mutter erster Minister, des Vaters kluger kleiner Rat und der Geschwister treueste Freundin. Aber dann kam eines Tages Raoul und holte sich Gottliebe zur Frau, holte sie fort von Hohensteinberg gleich in die allergrößte Stadt Deutschlands, nach Berlin. Er hatte es mit unermüdlichem Eifer und Fleiß zu einem tüchtigen Arzt gebracht, sein Name wurde später weit über den Kreis seines Vaterlandes hinaus in hohen Ehren genannt. Doch weil Raoul sie holte, weil sie an Raouls Seite ging, erschien Gottliebe auch die fremde, große Stadt wie eine Heimat.
»Eine rechte Tugendbündlerin fürchtet sich auch nicht vor der Fremde,« sagte sie heiter. Und als Eltern und Geschwister sie fragten: »Wirst du denn wo anders als in Hohensteinberg glücklich sein?« erwiderte sie: »Mit Raoul immer und überall!«
»Raoul ist auch der einzige, dem ich dich gönne,« sagte Joachim am Hochzeitstag, und die Großmutter legte segnend die Hände auf der Enkelin blonden Scheitel: »Einen Besseren konntest du nicht finden!«
Notizen des Bearbeiters
Eingefügt: Hinweise auf Illustrationen am Ende des jew. Kapitels und am Anfang jeden Kapitels.
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