Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 12
»Ich hoffe, er lebt,« sagte der Freiherr ernst. »Ich sah ihn selbst nicht. Heute in der Frühe erhielt ich Botschaft: mein Neffe Raoul hatte gestern schon einen Ordonnanzoffizier gebeten, wenn er mich treffen sollte, mir diesen Zettel zu bringen.« Herr von Steinberg gab dem Meister einen Zettel, auf dem stand in eiliger Schrift: »Gottlieb Käsmodel liegt in einer Scheune links von Gohlis, drei Bäume stehen rechts, in der Nähe ist ein Wassertümpel. Wenn Sie nach Leipzig kommen, sagen Sie es, bitte, Meister Käsmodel, lieber Onkel. Raoul.«
»Und Raoul?« fragte der Meister zurück.
Der Freiherr zuckte die Achseln. »Ich habe nichts mehr von ihm gehört, der Zettel kam nur durch einen glücklichen Zufall in meine Hände. Sein Regiment soll große Verluste gehabt haben. Wer kann in diesem Wirrsal wissen, wo der ist und jener! Ich weiß auch nichts von meinem Sohn.«
»Einen Wagen kann ich wohl beschaffen,« sagte der Meister hastig, »aber werde ich hinauskommen?«
»Ich werde Sie begleiten, vielleicht gelingt es mir, uns Durchfahrt zu verschaffen.«
»Aber Sie sind verwundet, Herr Baron!«
»Was schadet das! Ein Streifschuß nur. Es war eine böse Sache heute am Grimmaischen Tor, nur« -- der Freiherr stockte -- »Hunger habe ich!«
»Hunger? Kommen Sie herein, schnell, schnell,« drängte der Meister, »meine Frau soll für Sie sorgen, und allweil schaffe ich einen Wagen herbei.«
Nach wenigen Minuten saß der Freiherr in der Backstube, in dem Raum, in dem seine Schwägerin so oft mit ihrem Sohn sich an kalten Winterabenden erwärmt hatte, und die Meisterin gab ihrem Gast, was sie nur hatte. Ihr flossen die Tränen im Leid um ihren Sohn, und die gemeinsame Sorge knüpfte rasch ein festes Band um die einfache Frau und ihren vornehmen Gast. Der sagte: »Ich kann's Raoul nicht verdenken, daß es ihm hier wohl war,« und die Meisterin gab schlicht zur Antwort: »Wir haben ihn alle lieb.«
»Is Raoul totgeschoßt?« fragte Minchen weinerlich am Knie der Mutter, und die seufzte schwer: »Wo mag er sein? Und wird mein Gottlieb noch leben?«
Nach einer Stunde kehrte der Meister zurück, es war ihm nicht leicht geworden, einen Wagen aufzutreiben, und als er ihn hatte, wäre er ihm noch beinahe auf der Straße von preußischen Soldaten fortgenommen worden; nur der Hinweis, der Wagen solle Verwundete holen, hatte geholfen.
Ein mühsames Fahren war es durch die überfüllten, schlecht beleuchteten Straßen. Am Halleschen Tor staute sich wieder die Menge, und wäre Herr von Steinberg nicht mit gewesen, dann hätte der Meister nie das Ziel erreicht. Endlich, die Nacht war schon hereingebrochen, gelang es den beiden, mit ihrem Wäglein hinauszukommen, und der Meister, der wegkundig war, fuhr in einem Bogen nach Gohlis hin. Es war eine schauervolle Fahrt. Noch glühte der Himmel rot, da und dort brannte es noch in weitem Umkreis in den Dörfern. Überall lagen Verwundete, Sterbende, Tote, Jammerrufe durchhallten die Nacht, und dann huschten Lichtlein hin und her, Wagen rasselten dumpf über die Felder, die Verwundeten wurden geborgen. Es war auch schwer, die Scheune nach Raouls Angaben zu finden in der Nacht: da war eine und da drei und da ein Trümmerhaufen, auch Bäume standen da und dort, und Verwundete lagen unter jedem Dach, und alle flehten um Wasser, baten mitgenommen zu werden.
Der Meister hatte vorsorglich die letzten zwei Flaschen Wein, die er besaß, und Brot mitgenommen, und er teilte aus bis auf einen Rest. »Der muß für meinen Jungen bleiben, aber die da jammern, haben's allweil so nötig,« meinte er.
Schon graute leise der Morgen, als die beiden endlich die Scheune entdeckten, die drei Bäume daneben und ein paar Schritte weiter einen schmutzigen, kleinen Tümpel. »Dort ist's,« riefen beide zu gleicher Zeit, lenkten den Wagen darauf zu und sprangen ab. Seltsame Töne klangen ihnen entgegen, als sie die Scheune erreicht hatten, und unwillkürlich blieben beide stehen. Drinnen sangen zwei, eine helle, durchdringende Stimme war es und eine, die tiefer klang, und in den grauenden Tag hinaus tönte es:
»Doch Brüder sind wir allzusamm', Und das schwellt unsern Mut, Uns knüpft der Sprache heilig Band, Uns knüpft ein Gott, ein Vaterland, Ein treues deutsches Blut!«
»Das ist allweil mein Gottlieb, der singt,« schrie der Meister und stürzte voran. »Gottlieb, Junge, bist du's?« rief er in die dunkle Scheune hinein, und jubelnd klang es zurück: »Vater, Vater, hier!« Dann brach die Stimme jäh, und viel matter tönte es nach: »Wir versingen uns Schmerzen und Hunger!«
Mit seinem Laternchen leuchtete der Meister voran. Da kauerten zwei im Winkel, und einer lag stöhnend daneben. »Ist Raoul dabei?« rief Meister Käsmodel.
»Nein!« antwortete Gottlieb und richtete sich etwas auf, »der hat mich nur herausgehauen, aber feste! Vater, wär' ich der König, dreimal kriegte er das eiserne Kreuz. Am Abend hat er mich dann hierhergeschleppt, aber wo er jetzt ist, das weiß ich nicht,« fügte er leiser hinzu.
»Die Unseren sind weiter gezogen,« sagte der zweite, der im Winkel kauerte, und als der Meister ihm ins Gesicht leuchtete, erkannte er in ihm den einen der Hallenser Studenten. »Ich bin's, Herr Meister, und mein Bein ist zerschossen, aber Viktoria, wir haben gesiegt!«
»Das stimmt allweil,« brummte der Meister und hob sacht seinen Sohn auf, »aber jetzt gilt's die Glieder zusammenflicken. Komm, Junge, ich trag dich, Mutter wartet schon auf dich.«
»Aber meine Kameraden müssen mit,« bat Gottlieb ächzend, dem das Aufheben bittere Schmerzen bereitete, »zwei Tage und Nächte liegen wir schon zusammen, wir müssen zusammen bleiben.«
»Allweil, das versteht sich, Junge,« sagte der Meister und biß die Zähne zusammen, um seinem Sohn nicht zu zeigen, wie sehr der ihn jammerte.
Herr von Steinberg half, und bald lagen die drei im Wagen, und die beiden Männer schritten nebenher; das magere Pferdchen hatte schwer genug an den Verwundeten zu ziehen.
Der Rückweg über das Schlachtfeld und durch das erstürmte Tor war im Morgengrauen noch fürchterlicher, aber es ging nun schneller vorwärts, und ernst und schweigsam langte der Zug noch am Vormittag am Bäckerhause an. Die Mutter unterdrückte tapfer jede Klage, als sie ihren Sohn wiedersah. Der lachte sie aber trotz aller Schmerzen an: »Mutter, wir haben gesiegt, und das da heilt schon. Wenn ich nur wüßte, wo Raoul wäre!«
Vorläufig kam der lange Student in die Kammer und in Raouls Bett, der dritte wurde noch unten untergebracht; es war auch ein junger Bursch, doch ihn hatten die feindlichen Kugeln zu schwer getroffen, er war nur in das Haus gekommen zu einem friedlichen Sterben.
Herr von Steinberg mußte, so voll das Haus schon war, im Bäckerhause im Quartier bleiben, bis seine leichte Wunde geheilt war. Er war froh darüber, denn alles war überfüllt, und es war schwer, nur ein Bett zu finden. Er benutzte die Zeit, um nach seinem Sohn und nach Raoul zu forschen. Joachim sei gefallen, sagten ihm seine Kameraden; das Regiment aber, bei dem Raoul stand, war wirklich, wie der Student gesagt hatte, weitergezogen. Jemand in den Lazaretten während dieser schlimmen Tage zu suchen, war fast unmöglich, Meister Käsmodel aber wußte einen guten Führer. Karl Wagner, der um seines Gebrechens willen nicht hatte mitziehen können, hatte sich als Pfleger gemeldet. Der kleine Schreiber war auch einer von jenen, deren stilles Heldentum unbemerkt bleibt; ihm dankte nur mancher erlöste Blick der Verwundeten, deren Leiden er nach Kräften milderte. Mit Hilfe dieses treuen Freundes von Raoul gelang es dem Freiherrn wirklich, seinen Sohn zu finden. Er lag mit vielen andern in der Kirche von St. Nikolai, er hatte eine schwere Wunde im Rücken erhalten. Mit einer kleinen Abteilung war er bereits am Morgen des 16. Oktober in einen Hinterhalt gefallen und von rücklings niedergeschossen worden, die große Schlacht war dann an ihm vorübergerauscht, er war gar nicht zum Kampf gekommen.
»Ich habe nicht einmal meinen Säbel gezogen, Vater,« klagte er bitter, als der Freiherr ihn fand, »so mußte ich fallen, so, ich, ein Steinberg, so ruhmlos untergehen.«
»Es kann in dieser Zeit nicht jeder sich als Held hervortun, mein Junge,« tröstete ihn der Vater, »du hast deine Pflicht getan, was willst du mehr? Bist du ausgezogen um des Ruhmes willen, oder weil des Vaterlandes Not dich bewegte?«
Da schwieg Joachim, nur sein schweres Stöhnen verriet dem Vater, wie sehr doch das heiße, junge, ehrgeizige Herz litt.
Im Bäckerhause war inzwischen Platz geworden, und Meister Käsmodel holte sich eines Tages selbst Joachim aus dem Spital, und Herr von Steinberg dankte es ihm warm, denn in den Spitälern rafften Fieber und andere ansteckende Krankheiten viele hinweg, und Joachims Wunde war schwer, sie bedurfte langer, sorgsamer Pflege. Joachim sträubte sich nicht, er fühlte wohl, wie gut es ihm war, daß er aus der kalten, von Fieberdünsten erfüllten Kirche herauskam, aber als er dann in Raouls Kammer, in des Vetters Bett lag, Gottlieb Käsmodel als Stubengenossen, da brach er in ein wildes Weinen aus. Er kam sich auf einmal tief, tief gedemütigt vor: er, der von Heldentaten geträumt hatte, mußte hier in dem Hause liegen, über dessen Bewohner er oft so hochmütig gespottet hatte, und die ihm nun so viel Liebe und Güte erwiesen.
Die Meisterin wollte mitleidig trösten, der Freiherr bat sie aber: »Lassen Sie ihn jetzt allein, er wird schon zu sich kommen.« Das klang schmerzlich, und Joachim hörte es wohl, und er schämte sich seiner kleinlichen Empfindungen, er wurde aber wieder einmal nicht Herr über sich selbst.
Man ließ ihn allein, nur Gottlieb schaute von seinem Bett aus unverwandt zu dem neuen Kameraden hinüber. Also das war der Joachim, auf den er aus lauter Freundschaft für Raoul oft heftig gescholten hatte! Jetzt fühlte er aber gar keinen Groll gegen ihn, und so sagte er aus tiefstem Herzen heraus: »Heul' nur feste weiter! Als Raoul mich in die Scheune geschleppt hatte, und ich von drinnen das Geknatter hörte, da habe ich auch geheult vor lauter Wut, weil ich nicht mehr dabei sein konnte, nachher habe ich aber gesungen!«
Joachim hob ein wenig den Kopf, ganz jäh überkam ihn plötzlich das Bewußtsein, daß er nur einer unter vielen war, daß Tausende litten wie er. »Du bist Gottlieb,« murmelte er und fand das brüderliche Du, das Gottlieb angeschlagen hatte, selbstverständlich. »Wie bist du verwundet worden?«
Gottlieb stützte sich ein wenig auf seinen Arm und erzählte. »Ich hatte ja gedacht, mich würde der Blücher mindestens selbst loben; aber weißt du, ich hab's schon in Breslau gemerkt, daß man auch nicht mehr ist wie -- wie 'n einzelnes Brot im vollen Backofen.«
Ein Lächeln ging über Joachims bleiches Gesicht, dann schloß er aufseufzend die Augen: der andere hatte recht, aber ja, er hatte auch gedacht, Blücher selbst oder York der Eiserne müßten seinen Heldenmut anerkennen.
Da klang wieder Gottliebs Stimme zu ihm herüber: »Erzähl' doch, wie war's bei dir, oder bist du zu schwach?«
»Nein,« murmelte Joachim sich zusammennehmend, »aber ich habe nicht viel zu erzählen. Immer habe ich einen Posten auf verlorener Stelle gehabt, habe Wache stehen müssen und dergleichen, habe alles nur von ferne gesehen. Nun sollten wir drankommen, hier bei Leipzig, sollten einen gefährlichen Ritt machen und einen wichtigen Punkt besetzen. Kaum sind wir ausgeritten, da fühle ich ein Sausen, einen heftigen Schmerz -- und schon lag ich am Boden; ich hörte nur Schreien, Schießen, dann verlor ich die Besinnung, auf einem Karren erwachte ich wieder. Das war alles!«
»Na, ich danke,« rief Gottlieb, »Wache stehen während einer Schlacht ist kein Zuckerbrot, und fallen muß jemand; wärst du's nicht gewesen, hätte es einen andern getroffen. Weißt du, als ich so fuchswild und wütend in der Scheune lag und mich nicht rühren konnte, da habe ich gedacht: Na, all die Wut, all die langen, langen Stunden, -- schließlich einer muß es leiden, da war ich es eben, und fürs Vaterland war es auch. Gesiegt haben wir doch, und dabei waren wir!«
»Erzähl mir von Raoul,« bat Joachim plötzlich, und dann lag er still mit geschlossenen Augen und ließ sich von dem Vetter erzählen, wie sich der so tapfer durchgeschlagen hatte als Schreiberlein und dann nicht nach Paris gewollt hatte. Wenn Gottlieb auf Raoul kam, dann fand er so leicht kein Ende, und er hätte wohl noch lange erzählt, wenn die Mutter nicht gekommen wäre und Ruhe geboten hätte.
»Kranke brauchen Schlaf,« sagte sie. Und Gottlieb schloß auch gehorsam die Augen. Er fand trotz der Wunde bald Ruhe; es lag sich so gut nach all den harten Kriegslagern in der stillen Kammer des Vaterhauses. Aber Joachim lag lange, lange noch wach; Fieber und Schmerzen peinigten ihn qualvoll, und doch dachte er zum erstenmal nicht an sein Leid, sondern an den großen errungenen Sieg, und eine tiefe, heilige Freude kam über ihn, und Gottliebs Wort klang in ihm nach: »Fürs Vaterland war es auch!«
Zwölftes Kapitel.
Ausklang.
Nach der großen, blutigen Schlacht auf Leipzigs Feldern kam der ersehnte Friede immer noch nicht über die Lande, nur zog sich der Krieg nach Frankreich hin. Der Marschall Vorwärts überschritt in der Neujahrsnacht den Rhein, und am 31. März zogen, nach mancher blutigen Schlacht auf Frankreichs Boden, die verbündeten Heere in Paris ein, und auch dort begrüßte das Volk den Kaiser von Rußland und den König von Preußen als seinen Befreier. Napoleon wurde seines Thrones für verlustig erklärt, nach Elba gebracht, und am 30. Mai kam der erste Friede von Paris zum Abschluß. Die Völker atmeten auf; für eine Weile war Ruhe eingekehrt, und niemand ahnte, daß noch ein schweres Ringen bevorstand, ehe sich für viele Jahre der Friede über die Lande breiten konnte.
Von den Steinbergs kam nur Raoul nach Paris. Sein Oheim blieb bei den Truppen im Lande, und Joachim konnte nicht mehr mitziehen. Raoul hatte sich tapfer geschlagen, hatte einige leichte Wunden davongetragen und war auf dem Schlachtfeld zum Leutnant befördert worden. Trotz allem Siegesjubel ringsum war ihm das Herz aber doch schwer, als er an einem der ersten Apriltage durch die Straßen von Paris ritt. Ihm fehlte jede Nachricht von den Freunden daheim, er wußte nicht, was aus Gottlieb geworden war, nichts von allem, was nach den heißen Tagen bei Leipzig geschehen war. Er hatte sich nach dem Palais des Grafen Turaillon, seines Oheims, erkundigt, denn auf einmal sehnte er sich darnach, das Haus zu sehen, in dem seine Mutter ein paar Kinderjahre verbracht hatte. Vor dem zierlichen, im Rokokostil erbauten Schlößchen, das inmitten eines weiten Gartens lag, dessen Wege von hohen Taxuswänden begrenzt wurden, stand ein preußischer Soldat Wache; ein paar hohe Offiziere bewohnten jetzt das Haus. Als Raoul einen vorbeieilenden Diener nach dem Besitzer fragte, erhielt er zur Antwort, daß der Graf schon lange auf dem Lande weile, er sei im Groll vom Hofe Napoleons geschieden.
Träumerisch schaute Raoul durch das offenstehende Tor in den Garten hinein und dachte: Ich könnte jetzt der Erbe von allem sein! Aber kein Bedauern überkam ihn, daß er es nicht war, und seine Armut dünkte ihn nicht schwer zu tragen. Er freute sich aber über des Onkels Scheiden von Napoleons Hof, und fast bedauerte er, daß er ihn nun nicht sehen konnte: er war doch der geliebten Mutter Bruder. Wie er so in Sinnen verloren stand, kamen zwei junge Offiziere aus dem Haus heraus. Sie schauten ihn prüfend an, und der eine rief überrascht: »Da ist er doch, wir haben hier doch recht gesucht!«
Erstaunt sah Raoul auf, und er mußte erst ein paar Sekunden nachsinnen, ehe er in dem langen, blonden Menschen Arnold von Berkow wiedererkannte. Er wich unwillkürlich zurück, ihm kam der Gedanke an die erlittenen Kränkungen, und sein Gesicht wurde finster. Doch der andere kümmerte sich nicht darum, er streckte ihm freimütig die Hand hin: »Wir haben dich gesucht, Raoul, wie eine Stecknadel, den ganzen Feldzug durch. Vor ein paar Tagen hatte ich von Achim einen --«
»Lebt er?« rief Raoul rasch.
»Ja, er lebt,« sagte Arnold von Berkow und schob seinen Arm in den Raouls. »Komm mit, ich erzähle dir alles. Laß die alte, dumme Feindschaft ruhen, wir Tugendbündler waren damals recht dumme Jungen, und Gottliebe hatte recht: du warst der Verständigste von uns allen, du wärst der beste Tugendbündler gewesen. Übrigens, ich trage seit Wochen einen Brief von Gottliebe an dich in der Tasche; die Mariellen denken, im Krieg trifft man sich wie auf den Gassen von Langenstein.«
»Und mich kennst du wohl gar nicht mehr?« fragte der andere, »war doch auch ein Tugendbündler!«
»Oswald Hippel,« rief Raoul, »doch wo ist Fritz --?«
»Der blieb bei Leipzig,« sagte Arnold trübe, »da sind so viele geblieben. Es ist fast ein Wunder, wenn man noch jemand wiederfindet. Aber dein Gottlieb lebt!«
»Er lebt?« Raouls Augen leuchteten. »Sag, woher du es weißt!«
»Kommt alles nach und nach, und Gottliebes Brief bekommst du auch. Die hat geschrieben, sie ist mir ewig böse, wenn ich dich nicht ausfindig mache. Aber was will der Kerl da?«
Ein hagerer, verkommen aussehender, zerlumpter Mensch drängte sich an die jungen Leute heran und flehte: »Ein armer Landsmann bin ich, halbverhungert.«
»Neumann,« rief Raoul von Steinberg und starrte dem Bettler ins Gesicht. Eine fliegende Röte huschte über dessen Wangen, scheu sah er den fremden Offizier an, es war ihm wohl nicht angenehm, bei seinem Namen genannt zu werden. »Paul Neumann,« sagte Raoul noch einmal, der seinen einstigen Peiniger gleich erkannt hatte.
Auch der hatte nun Raoul erkannt. Erschrocken taumelte er zurück, und ganz plötzlich kehrte er sich um und rannte mit schnellen Schritten wie gejagt davon, die Straße entlang, um eine Ecke herum, und noch ehe die drei die Sache recht erfaßt hatten, war er verschwunden. »Ich erzähl' euch auch nachher von ihm,« sagte Raoul, »ihn trieb wohl sein schlechtes Gewissen weg. Er war einer von Napoleons Bewunderern, das scheint ihm aber nicht gut bekommen zu sein.«
»Nein,« meinte Oswald Hippel, »jämmerlich genug sah er aus!«
Die drei sprachen aber nicht weiter von der Begegnung, sie hatten sich Wichtigeres zu erzählen, und bald saßen sie so einträchtig wie nie vorher in Arnolds Quartier, und der berichtete, daß sie das Palais des Grafen bereits zum drittenmal aufgesucht hätten, weil sie hofften, Raoul würde sich dort nach seinem Oheim erkundigen. »So wunderbar ist unser Zusammentreffen also nicht,« sagte Arnold, »viel wunderbarer ist's, daß die Steinbergs und Käsmodels sich zusammengefunden haben, und daß Joachim in deinem Bett gesund geworden ist.«
»Joachim?« fragte Raoul überrascht, »ist er bei Leipzig verwundet worden?«
Arnold erzählte, in dem großen Wirrsal nach der Schlacht habe er Joachim nicht gesehen, aber später in Frankfurt Herrn von Steinberg getroffen und von diesem alles erfahren. Er habe auch vor kurzem erst Briefe aus der Heimat erhalten. Joachim war wieder in Hohensteinberg und Gottlieb mit ihm, sie mußten sich beide noch von einem sehr langen, schweren Siechtum erholen und hatten beide nicht mehr zu ihren Regimentern zurückkehren können.
Gottlieb in Hohensteinberg! Es kam Raoul fast wie ein Traum vor, und dann ergriff ihn eine solche Sehnsucht, alles zu wissen, von allem einzeln zu hören, daß er Arnold mit einer förmlichen Flut von Fragen überschüttete. Der rief in heller Verwunderung: »O Raoul, so hast du früher nie reden können!«
»Habt ihr mich denn reden lassen?« antwortete der halb lachend, halb traurig, »aber nun laß mich dafür nicht warten, erzähle, erzähle!«
»Ich glaube, du sagst wie Gottliebe, du platzt vor Neugier,« erwiderte Arnold und begann ausführlich zu erzählen, was er von den Steinbergs wußte, von Joachims Verwundung, auch wie Gottlieb aufgefunden wurde.
»Armer Joachim,« sagte Raoul ernst, »er ersehnte den Ruhm und ist nun nie so recht dabei gewesen! Doch was schreibt Gottliebe? Du sagtest doch, es wäre ein Brief von ihr für mich da?«
»Da, du Nimmersatt!« Arnold reichte ihm den Brief, und Raoul erbrach ihn rasch und las: »Lieber, böser Raoul, das ist nun der dritte Brief, den ich an dich schreibe, immer denke ich, einen mußt du doch erhalten, und einmal mußt du mir antworten. Wir haben alle viel Sorge um dich, und Großmutter sagte oft, als sie jetzt krank war: Könnte ich Raoul nur einmal noch sehen! Jetzt reden wir noch mehr von dir, seit Joachim wieder da ist und Gottlieb mitgebracht hat. Achim sagte gestern zu mir: Ich wollte jetzt, Raoul wäre mein Freund. Es war sehr schlimm bei uns, weil alle Leute so arm sind und wir so viele, viele Sorgen hatten, aber als wir von den Siegen hörten, da wurden wir alle froh. Ich wollte aber doch, der Krieg wäre bald zu Ende und der Vater käme heim und du, Raoul, und es würde nie, nie mehr Krieg. Wenn Achim und Gottlieb davon erzählen, muß ich immer weinen, und weißt du, ich war einmal so dumm und wollte mitziehen, das hätte ich doch nicht fertig gebracht. Hier sind alle gesund, nur die Großmutter ist viel krank gewesen. Sie lassen dich alle grüßen, sie sehnen sich alle nach dir. Ich bete jeden Abend für dich. Ach Raoul, möchtest du doch gesund bleiben und bald wiederkommen!
Deine Base Gottliebe.«
Raoul war beim Lesen an das Fenster getreten, nun ließ er den Brief sinken und starrte auf die belebte Straße von Paris hinab. Er sah aber nichts von all dem bunten, fremdartigen Leben da unten, er war mit seinen Gedanken weit, weit weg, und eine große Sehnsucht überkam ihn nach dem Vaterland, nach den Menschen, die er lieb hatte. Er reckte sich und breitete die Arme aus: »Ach ja, es wäre gut, wenn es erst Frieden würde!«
»Und wir daheim,« rief Arnold von Berkow, und Oswald nickte: »Ich wär's zufrieden, bei Gott, es wäre gut.«
Die drei verlebten als gute Kameraden in Paris viele Stunden miteinander, bis endlich der Tag kam, da auch sie heimwärts ziehen konnten, zurück in das befreite Vaterland.
* * * * *
In Hohensteinberg war mit der Nachricht, daß endlich Friede geschlossen war, die rechte Sommerfreude eingekehrt. Endlich hatten sie alle wieder einmal Zeit, sich an dem Blühen, Wachsen und Reifen ringsum zu freuen, und auf den Feldern, über die vor zwei Jahren die Heere gestampft waren, wogte jetzt das Korn, und an den Rändern blühten rot und blau friedlich die Sommerblumen.
»Die Ernte steht gut,« sagte Herr von Steinberg froh, als er an einem sonnenhellen Junitag vom Felde heimkam, »es wird hoffentlich ein gutes Jahr werden.«
Die Seinen saßen alle vor dem Schloß und schauten, wie so oft in diesen Tagen, die schattige Allee entlang, und Gottliebe, die auf den Stufen vor dem Hause saß und mit nimmermüden Händen die ersten Frühbohnen schnitzte, sagte einmal wieder: »Ich könnte platzen vor Ungeduld. Warum Raoul nur noch immer nicht kommt!«
Arnold von Berkow und Oswald Hippel waren bereits heimgekehrt, Raoul aber war noch in Leipzig geblieben, und wurde nun jeden Tag auf Hohensteinberg erwartet. Des Posthalters Wäglein stand immer bereit, ihn gleich nach dem Gute hinauszufahren.
Gottlieb Käsmodel lachte. »Ja, mein Leipzig, das zieht halt den Raoul an sich!«
»Du mit deinem Leipzig,« rief Gottliebe schmollend, »sag es doch endlich einmal, daß es in Hohensteinberg schöner ist.«
»Nun geht der Streit schon wieder los. Ihr seid ja schlimmer als Bonaparte,« rief Joachim lachend. Der saß neben der Großmutter auf der Bank. Er war noch immer bleich, war noch immer nicht im Vollbesitz seiner Jugendkraft, aber seine Augen schauten viel heiterer drein, und nicht mehr wie einst überschattete so oft finstrer Trotz sein hübsches Gesicht.
Die andern lachten auch; der Streit zwischen Gottliebe und Gottlieb über die Vorzüge von Stadt und Land wollte nie ruhen, es gab immer wieder ein lustiges, neckendes Wortgeplänkel zwischen den beiden, das ihrer Freundschaft aber nie Abbruch tat.