Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 11
»Wartet es doch wenigstens ab, bis man wirklich weiß, ob es losgeht,« bat die Meisterin, der jeder Tag Aufschub ein Geschenk schien; aber dann brachte Meister Koch eines Tages die Nachricht, daß die Hallenser Studenten wirklich nach Breslau zu ziehen gedächten. Da gab es kein Halten mehr. Gottlieb und Raoul eilten zu ihrem Konrektor und erbaten sich einen Empfehlungsbrief an dessen Neffen, und der redete nichts dagegen, sondern gab ihnen das Schreiben. Beim Abschied sagte er dann: »Ich glaube, Gottlieb, du wirst ein besserer Soldat als Lateiner werden, trotz deiner Jugend. Nun, Gott befohlen, ihr Jungen! Es wird eine heiße Zeit werden, und ich wollte, ich könnte euch erst wieder auf der Schulbank sehen, dann freute ich mich wohl selbst an deinem Fehlergewimmel, Gottlieb!«
Auch Meister Käsmodel hatte sich ein paar Empfehlungsschreiben verschafft, und so fuhr er selbst eines Morgens die beiden Knaben heimlich nach Halle. Es schien ihm gut und vernünftig, wenn die beiden sich den Hallenser Studenten anschlossen. Das war eine bitterschwere Abschiedsstunde in der kleinen Ladenstube. Die Meisterin hielt ihr Minchen an der Hand und schluchzte herzbrechend: »Nun bleibt mir nur das eine von meinen Kindern.«
»Ich komme wieder, Mutter, haben Sie keine Sorge,« flüsterte Gottlieb, dem nun doch der Abschied so schwer wurde, daß er die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu heulen. Er starrte immer geradeaus an der Mutter vorbei. Da lagen die Brote auf dem Schrank, eins, zwei, drei, vier, fünf, zählte er in Gedanken, eins, zwei, drei, vier -- er schluchzte auf und rannte plötzlich hinaus und kletterte auf den Wagen. Herrgott, das hätte er nicht gedacht, daß ein Abschied eine so schlimme Sache war!
Raoul war gefaßter, doch als er des Freundes Kampf, der Mutter Jammer sah, dachte er an die bitteren Abschiedsstunden, die er schon durchlitten hatte. »Frau Meisterin,« sagte er rasch und faßte die Hand der Frau, »ich halt' zu Gottlieb, wie's auch kommt!«
Da war's, als glitte ein schwaches Leuchten über das vergrämte Gesicht der guten Frau, und sie strich über des Knaben Haupt. »'s ist mir ein rechter Trost, daß du dabei bist,« murmelte sie. »Fahrt mit Gott!«
Ein letztes Winken und Grüßen, und wie damals, als er nach Hohensteinberg gefahren war, rasselte das Wäglein die Straße entlang, und Raoul warf einen letzten Blick auf das spitzgieblige Haus; nun eine Biegung, es war nicht mehr zu sehen. Gottlieb schaute sich nicht einmal um; er saß ganz zusammengekauert da, und erst als Leipzig weit, weit hinter ihm lag, richtete er sich auf und fragte ein wenig unsicher: »Glaubst du, Raoul, daß uns die Studenten auch mitnehmen?«
»Freilich,« antwortete der Freund sorglos, und auch der Meister meinte gewichtig: »Warum denn nicht? Ich habe gute Empfehlungsschreiben.«
Es gab auf dem Marktplatz zu Halle aber ein lautes Hallo und Geschrei, als der Leipziger Bäckermeister auf ein dort versammeltes Häuflein Studenten zutrat und sein Anliegen vorbrachte. »Sind wir Kindermuhmen, sind wir Magister, die kleine Buben in Zucht und Lehre nehmen?« schrie ein baumlanger Kerl in Samtrock, der aus einer Pfeife rauchte, die beinahe so lang wie Meister Käsmodel selbst war.
»Euer Brot ist noch zu frischgebacken, wohllöblicher Bäckermeister,« spottete ein anderer und schaute lachend auf Gottlieb. Und ein dritter höhnte: »Schick den Backofen mit auf die Reise, damit die Büblein es gut warm haben.«
Heisa, da fuhr der Meister aus! Sein Gesicht glühte ihm wie ein gutgeheizter Backofen selbst, und seine Stimme dröhnte laut über die anderen hinweg. »Was schert es euch, ihr Herren, wenn den Buben ein paar Jährlein fehlen? Seid ihr der König von Preußen selbst? Sollte meinen, lang ist das allweil noch nicht her, als ihr selbst die Schulbänke drücktet! Nennt ihr das Vaterlandsliebe, aus langen Pfeifen schmauchen, in Samtkitteln einherlaufen und über ehrsame Bürgersleute spotten? Ein Paar junge Arme sind viel wert in dieser Zeit, und mein Gottlieb tut seine Sache vielleicht besser als so ein Bücherschnüffel, und mein Pflegesohn da, -- dem sein Vater selig, der ist bei Saalfeld gefallen, und sein Sohn wird ihm Ehre machen. Gehabt euch wohl, ich meinte, in der Zeit müßte einer wie'n Bruder zum andern stehen, aber mir scheint, ihr zieht auf den Tanzsaal mit Lust und Übermut und allweil nicht in den heiligen Krieg fürs Vaterland.«
Der dicke Meister wischte sich danach den Schweiß von der Stirn, die Rede war kein leichtes Stück gewesen, aber sie hatte eine gute Wirkung getan. Die Studenten sahen einander betroffen an, dann trat einer vor und sagte höflich: »Nichts für ungut, so arg war's nicht gemeint, und wenn der Herr Meister uns die Söhne anvertrauen will, ich will sie wohl mitnehmen.«
Die andern fielen ein, so sei es recht, und nach ein paar Minuten war der Friede geschlossen, und es wurde abgemacht, daß Raoul und Gottlieb mit ungefähr zwanzig Studenten am nächsten Morgen die Fahrt nach Breslau antreten sollten. Mit festem Handschlag wurde brüderliche Treue gelobt, und Gottlieb, der schlechte Lateiner, der unerbittliche Feind aller Grammatik und Orthographie, hatte in dieser Minute beinahe Respekt vor sich selbst, vor diesem Gottlieb Käsmodel, der ein Genosse der Studenten geworden war. »Raoul,« flüsterte er, »von der Schule aus brächte ich's nie so weit, wenn -- die nur nicht lateinisch reden.«
Aber daran dachten die Musensöhne nicht, sie redeten ein kräftiges, kernfestes Deutsch in dieser Zeit, und es zeigte sich bald, daß sie wirklich mit heiligem Ernst in den Krieg zogen. Der Meister wurde rasch gut Freund mit ihnen, und etliche versprachen ihm: »Wenn wir nach Frankreich marschieren und durch Leipzig kommen, dann vergessen wir es nicht, Meister, bei Ihnen Einkehr zu halten.«
»Das ist ein Wort,« rief der Meister, »aber so weit sind wir allweil noch nicht, und ehe ihr den Musjeh Bonaparte in seinem Frankreich selbst aufsuchen könnt, mag noch viel Wasser die Berge herabrennen.«
Mit schmetterndem Gesang ging es am nächsten Morgen frohgemut mit der Extrapost zur Stadt hinaus. Meister Käsmodel sah das Trüpplein davonfahren, und er lüftete ehrerbietig seine Kappe, als es stolz und froh in den kühlen Vorfrühlingsmorgen hinausschallte:
»Eine Ernte ist getreten Von dem Feinde in den Kot, Eh' ihn unsre Schwerter mähten, Doch wir wuchsen auch in Not. Eine Saat ist aufgestiegen, Drachenzähne setzt die Brut; Mag es brechen, will's nicht biegen, Jugend hat ein heißes Blut.« --
Schon von Mitte Februar an zogen in Breslau die ersten freiwilligen Kämpfer ein, und als nach einer Fahrt, mit mancherlei List und Vorsicht, denn noch gab es überall französische Besatzungen, die Hallenser mit Raoul und Gottlieb an einem Märztage ihr Ziel erreichten, da herrschte auf den engen Straßen schon ein ungewöhnliches Leben. In Scharen kamen die Freiwilligen an, jeder hatte sich ausstaffiert, wie es gerade ging, und manch einer trug noch einen alten Säbel, den sein Vorfahre schon unter des großen Fritzen siegreichen Fahnen geschwungen hatte. Die Uniformen waren wunderlich zusammengestoppelt: ein bunter Kragen auf dem Alltagsrock -- das war manchmal das einzige Zeichen, welchem Regiment einer zugehörte. Auch Gottlieb und Raoul waren noch nicht ausgerüstet, sie liefen in ihren Schulkleidern mit, als die Studenten sich einschreiben ließen. In dem großen Saal, in der Menschenmasse, den vielen höheren Offizieren gegenüber wurde es den Buben dann seltsam beklommen zumute. »Sie nehmen uns nicht,« flüsterte Gottlieb entmutigt, aber Raoul beharrte: »Sie müssen uns nehmen, ich muß mitziehen.«
In einer Ecke des großen Saales standen einige ältere Offiziere zusammen in eifrigem Gespräch. Ein hochgewachsener Mann in der Uniform der preußischen Landwehr erzählte lebhaft, wie es droben in Ostpreußen aussehe, und die andern lauschten aufmerksam seinen Schilderungen. Nur manchmal warf einer einen Blick auf die Schar der eben angekommenen Freiwilligen, von denen einer nach dem andern vortrat und seinen Namen und Stand nannte. Doch plötzlich horchten alle auf, das Stimmengewirr hatte sich jäh gelegt, und in die Stille hinein gellte eine helle Knabenstimme: »Ich muß mit, ich muß mit! Nehmen Sie mich doch, ich bin stark genug! Ich heiße Steinberg, und mein Vater fiel bei Saalfeld.«
»Steinberg, hören Sie, da ist einer Ihres Namens,« wandte sich ein General an den stattlichen Mann in preußischer Landwehruniform, und der drehte sich blitzschnell um. »Ein Steinberg, wo?« Da traf sein Blick Raoul, der blaß, hochaufgerichtet vor dem Tisch stand, auf dem die Listen der Eingeschriebenen lagen. Senkrecht grub sich in die Stirn des Knaben die tiefe Falte, und seine Augen sprühten und blitzten, eine so feste Entschlossenheit lag in dem jungen Gesicht, daß der General unwillkürlich sagte: »Donnerwetter, um den wär's schade!«
»Raoul!« Der Freiherr von Steinberg war rasch vorgetreten, da stand er, der verlorene Neffe, der Knabe, der so eigenmächtig sein Schicksal in die Hand genommen hatte. »Raoul, du hier?«
O diese Stimme! Raoul wandte sich jäh um und stand nun seinem Oheim Auge in Auge gegenüber. Eine tiefe Glut überflog sein Gesicht, aber seine Augen hielten doch den Blick des Oheims aus, und dem war es, als schaute er durch diese dunklen, ernsten Augen hindurch auf einen lichten, reinen Grund. Er legte seine Hand auf des Knaben Haupt: »Was ist's denn mit dir?«
»Ich bin zu jung, Gottlieb und ich sind zu jung,« rief Raoul, der jetzt nur an die Gegenwart dachte, rasch des Freundes Hand ergreifend, der einen Schritt hinter ihm stand.
»Zu jung, zu jung! Erst fünfzehn Jahre. Siebzehn müssen es sein,« sagte der Protokollführer und wiegte bedauernd den Kopf.
»Tretet zurück,« sagte Herr von Steinberg, »ich werde sehen, was sich tun läßt,« und ohne ein Wort weiter zu sagen, schob er Raoul vor sich her, stellte ihn vor den General hin und sagte: »Mein Neffe, der Sohn meines Bruders, der bei Saalfeld fiel, und noch ein Steinberg, der mit will. Mein Sohn, der auch noch nicht seine siebzehn hat, zieht auch mit. Ein Steinberg kann nicht daheim bleiben in dieser Zeit.«
Der General musterte Raoul von Kopf bis zu Füßen. »Ein wackerer Bursche,« sagte er anerkennend, »und ein Steinberg, das ist ein guter Empfehlungsbrief. Ich denke, wir können hier auch über die fünfzehn hinwegkommen. Aber was ist der andere?«
»Mein Freund Gottlieb Käsmodel aus Leipzig,« sagte Raoul, denn Gottlieb war ganz verstummt. »Wir sind zusammen gekommen.«
»Auch nicht älter?«
»Nein!«
»Na, dann muß der schon heimziehen, nur Jungen können wir doch nicht gebrauchen. Ist er ein einziger Sohn? Was ist sein Vater?«
»Ja, sein Vater ist Bäckermeister in Leipzig.«
»Ein gutes Gewerbe! Zieh heim, mein Sohn, und hilf dem Vater ordentlich,« sagte der General freundlich.
Raoul atmete tief auf, dann trat er einen Schritt vor, und seine dunklen Augen unverwandt auf den General gerichtet, rief er: »Wir müssen beide mit. Der Gottlieb ist mein Freund, ich hab's ihm gelobt, zusammen oder -- nicht.« Seine Stimme schwankte. »Er hat noch mehr Kräfte als ich, wir halten's beide ganz bestimmt gut aus!«
Nun irrte sein flehender Blick zu seinem Oheim hin, und dessen Herz schlug.
So war seines Bruders Sohn, so treu, so tapfer! Er trat an den General heran und erzählte ihm leise kurz des Neffen Geschichte, und immer wohlwollender ruhten die hellen Reiteraugen des Generals auf den beiden Knaben. »Uns wird's nicht fehlen, Kameraden,« sagte er zu den umstehenden Offizieren, »wenn solche Jugend für des Vaterlandes Freiheit ficht. Tretet jetzt zurück und wartet draußen, ihr beiden, ich werde an eure Sache denken.«
Und nebeneinander, Raoul größer, schlanker, Gottlieb kleiner und untersetzter, mit brennenden Wangen und strahlenden Augen gingen beide durch den Saal und harrten dann vor der Türe in Zuversicht, daß sich ihr Schicksal entscheiden werde. »Der Oheim zürnt nicht,« sagte Raoul leise, froh.
»Jetzt begreif' ich's allweil nicht,« flüsterte Gottlieb, des Vaters Lieblingswort unwillkürlich gebrauchend, »warum du da ausgerissen bist. Aber gut war's, denn ohne dich schickten sie mich heim.«
Sie saßen beide auf einem Holzbänkchen im Winkel, und es dauerte lange, ehe der Freiherr herauskam. »Das ist er,« flüsterte Raoul und schnellte in die Höhe, und kerzengerade, viel größer geworden in dem einen Jahr der Trennung, stand er vor seinem Oheim. »Junge, Junge,« rief der mit bewegter Stimme, »weißt du denn nicht, welche Sorge du uns gemacht hast? Ahnst du nicht, wie wir uns gegrämt haben um dich?«
»Es war eine Dummheit,« bekannte Raoul offenherzig, »es war unrecht.«
Da zog der Mann ihn an seine Brust. »Sieh von jetzt ab deinen Vater in mir, und wenn wir heimkehren, dann soll dir Hohensteinberg wirklich eine Heimat sein!«
Raoul drückte nur fest des Oheims Hand, er konnte nicht sprechen, und Gottlieb zog ein Gesicht, als wäre er dabei, eine Literflasche voll Essig auszutrinken. Da wandte sich der Freiherr zu ihm: »Du bist also der Gottlieb, von dem meine Mariell, deine Namensschwester, mir so viel erzählt hat! Schau nicht so finster drein, ich will dir den Freund nicht nehmen, so gute Freundschaft hält, meine ich, das ganze Leben. Gib mir die Hand, Gottlieb, auf gute Freundschaft auch zwischen uns zweien. Deinen Eltern und dir bin ich viel Dank schuldig für das, was ihr an meines Bruders Sohn getan habt!«
Gottlieb war puterrot geworden. Er hätte gern etwas recht Kluges, Feierliches gesagt, aber eine große Verlegenheit schnürte ihm fast die Kehle zusammen. Er trat von einem Bein auf das andere und platzte endlich heraus: »Raoul, warst du'n Esel! Vor so'nem Oheim wär' ich doch nicht davongelaufen!«
Der Freiherr lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, und herzhaft schüttelte er immer wieder die feste Bubenhand. »Du bist ein Prachtkerl, Junge!« sagte er. »Nun aber kommt noch hinein, es ist mir gelungen, eure Aufnahme durchzusetzen, da es euer Wille ist und deine Eltern, Gottlieb, doch einverstanden sind?«
»Freilich,« rief der und gab Raoul einen Puff. »Erzähl, wie's war!« Und Raoul erzählte dem Oheim kurz, wie sie hergekommen waren, und daß Meister Käsmodel sie selbst nach Halle gebracht hatte.
»Na, dann kommt!« sagte der Freiherr und betrat mit den beiden nochmals den Saal. Sie wurden eingeschrieben, und mancher wohlwollende Blick traf die beiden Jungen, und mancher dachte auch wie Herr von Steinberg: »Wie wird ihr Schicksal sein? Werden sie heimkommen aus diesem harten Kampf, der vor uns steht?«
Am nächsten Tage schon trennte die Unruhe der Zeit den Freiherrn von den beiden Knaben: er mußte nach Ostpreußen zurück, die Jungen aber blieben in Breslau. Es war ein kurzer Abschied. Auf Wiedersehen riefen die Knaben hoffnungsfroh, aber der besonnene Mann setzte ernst hinzu: »Gott gebe es uns, daß wir uns als Sieger wiedersehen.«
Elftes Kapitel.
Fürs Vaterland war es auch.
Der Sturm, der am Ende des Jahres 1812 durch Deutschland zu brausen begann, wurde stärker, sein Tosen gellte lauter und lauter, und immer höher schlugen die Flammen der Begeisterung. Als am 17. März König Friedrich Wilhelms »Aufruf an mein Volk« erschien, da strömten die Freiwilligen in immer größeren Scharen dem preußischen Adler zu, und es gab wohl kaum eine Familie, die nicht an Blut und Gut ihr Opfer dem Vaterland darbrachte. Und ein hartes, schweres Ringen um die Freiheit hub an. Die Völker vereinten sich, um Napoleons Joch abzuschütteln, doch der hatte nach der russischen Niederlage rasch neue Kräfte gesammelt. Ihn kümmerte es wenig, daß Frankreich selbst kriegsmüde und tief erschöpft war, er wollte nur seinen maßlosen Ehrgeiz befriedigen. Überall ließ er neue Soldaten ausheben, blutjunge Burschen mußten eintreten, und viele, viele Deutsche wurden wieder zum Kampf gegen die deutschen Brüder gezwungen. Das unglückliche Sachsen wurde zum Schauplatz des Krieges, sein König mußte Napoleons Bundesgenosse bleiben, der in Dresden residierte. Das Volk mußte namenlose Opfer aufbringen, das Landvolk namentlich war ganz der Willkür der Franzosen preisgegeben, und in Dresden und Leipzig lagen nach den Schlachten bei Großgörschen und Bautzen Tausende von Verwundeten. Die Lebensmittel wurden immer knapper, immer teurer, und in vielen Häusern, in denen einst blühender Wohlstand geherrscht hatte, war bittere Not eingekehrt.
Auch in dem Hause Meister Käsmodels sah es trübselig genug aus, und der Meister sagte manchmal: »Es ist keine Freude, Bäcker zu sein, wenn das Brot so sündhaft teuer ist.« Die Meisterin ging still und bedrückt einher. Sie zagte und bangte um den fernen Sohn. »Er steht bei den Feinden,« klagte sie oft.
»Er kämpft für die gerechte Sache,« sagte der Mann dagegen. Dieser einfache, schlichte Mann erkannte in dieser Zeit klarer als mancher gelehrte Würdenträger, wo das Heil für Deutschland lag, und so sorgenbeschwert ihm auch das Herz war, er hoffte doch unverzagt und gläubig, daß es den Verbündeten gelingen würde, das Land von der Fremdherrschaft zu erlösen.
Freilich der Sommer 1813 ging ins Land und wandelte sich zum Herbst, und noch immer schwankte die Wage hin und her. In einem langen Waffenstillstand suchte Napoleon von Dresden aus sein Heer zum entscheidenden Kampfe zu rüsten, aber seine Gegner waren in dieser Zeit nicht müßig gewesen: dem russisch preußischen Bündnis hatten sich Österreich und Schweden zugesellt. England gab Gelder her, und als sich im Oktober auf den weiten Ebenen um Leipzig herum die Völker zur entscheidenden Schlacht sammelten, da beseelte eine stolze Zuversicht die Führer der verbündeten Armeen.
Im grauen, feinen Regendunst sah Gottlieb Käsmodel seine Vaterstadt am Morgen des 16. Oktober zum erstenmal wieder. Als Feind stand er draußen vor den Toren, und wie er, so fragten sich zitternd die Bewohner der bedrohten Stadt: »Was wird unser Schicksal sein?«
Nebeneinander standen die Freunde an diesem Morgen. Der Frühling und Sommer dieses harten Jahres hatte in ihre jungen Gesichter tiefe Spuren gegraben, sie hatten im Schlachtenlärm gestanden, hatten Kameraden fallen sehen, hatten allen Jammer des Kriegs erlebt. Das hatte Gottlieb Käsmodels Knabenübermut gedämpft und Raoul noch stiller und ernster gemacht. »Wenn's zu einem Sturm auf Leipzig kommt!« murmelte Gottlieb und starrte in die Ferne, wo er ganz zart im Grau die vieltürmige Stadt liegen sah.
Raoul atmete schwer, auch seine Gedanken kreisten in dieser Stunde um das Bäckerhaus, in dem es ihm so wohl gewesen war. »Wir müssen unsere Pflicht tun,« sagte er herb und sah den Freund an. Der nickte: »Wir müssen durch -- wenn ich nur wüßte, wie's drinnen aussieht!«
Seit Wochen fehlte den beiden jede Nachricht von dort, und drinnen weinte um diese Stunde die Meisterin in nicht enden wollendem Leid. »Mein Gottlieb, mein Gottlieb, wie mag's ihm ergehen! Nun steht er wohl draußen als Feind.«
Das kleine Minchen, das mit seinen fünf Jahren noch nicht den Ernst der Stunden erfaßte, hob plötzlich sein Fingerchen: »Mutter, das bummst so! Der liebe Gott donnert.«
Dumpf dröhnte und hallte der Kanonendonner über Leipzig hin, und im weiten Kreis um die Stadt herum raste der Kampf. Am Mittag wurde es stiller, und dann plötzlich fingen von den Türmen die Glocken zu läuten an, Sieg, Sieg!
»Herrgott,« schrie der Meister Käsmodel verzweifelt auf, »der Bonaparte hat wieder gesiegt! Verloren die gerechte Sache!«
Doch das Siegesläuten verstummte; nur ein Scheinsieg war es gewesen, den die Franzosen allzu schnell verkündet hatten: der alte Löwe Blücher hatte Bonaparte seine Klauen gezeigt und ihm schwere Wunden beigebracht.
Es waren fürchterliche Tage für Leipzig. Blutrot flammte der Himmel über der Stadt: es war der Widerschein der brennenden Dörfer ringsum. Die Straßen hallten wider vom Wehgeschrei der Verwundeten, die in Scharen in die Stadt hineinströmten, und Geschützwagen rasselten eilig dazwischen. Die öffentlichen Gebäude und Kirchen waren in Spitäler verwandelt worden. Am 17. Oktober, einem Sonntag, riefen die Glocken nicht wie sonst die Bewohner zur Kirche. In dumpfer Angst blieben alle in ihren Häusern. Wer nicht mußte, wagte sich nicht auf die Straße hinaus, viele verkrochen sich in die Keller und verrammelten Türen und Fenster ihrer Häuser. Am 18. Oktober stieg die Sonne in feuriger Glut über der Stadt und der weiten Ebene empor und bestrahlte den mörderischen Kampf dieses Tages. Zu Tausenden bedeckten Sterbende, Tote, Verwundete die Felder um Leipzig, wie Fackeln brannten die Dörfer, das Rollen und Donnern der Geschütze tönte unablässig fort, und die Bewohner von Leipzig sahen in dumpfer Verzweiflung ihrem völligen Untergang entgegen.
»Die Stadt wird gestürmt, die Stadt wird geplündert! Nun müssen wir das Bündnis mit Frankreich büßen, an dem wir schon so viel gelitten haben,« klagten die Bürger.
Dann flog plötzlich der Ruf durch die Stadt, wie ein Erlösungsschrei klang es: »Die Sachsen sind zu den verbündeten Heeren übergegangen.« Und als der Abend kam, drängten die fliehenden Franzosen in Scharen in die Stadt hinein und flohen in wilder Hast dem Ranstädter Tore zu, und Napoleon ließ die andern Tore noch verteidigen, um den Resten seiner Armee den Rückzug zu decken.
Doch schon am nächsten Morgen drangen die Verbündeten von drei Seiten auf die Stadt ein. Laut brauste der Jubel der Einwohner ihnen entgegen. »Sieg, Sieg, Sieg!« hallte es durch die Straßen, jeder fühlte, daß der Sieg der Franzosen nur neues Leid, neue Schmerzen bedeutet hätte. »Sieg, Sieg, Sieg!« läuteten die Glocken und übertönten das Stöhnen und Ächzen der vielen Verwundeten, die, ein Obdach suchend, durch die Stadt irrten.
An alle Türen klopften Hilfesuchende, und bald war alles überfüllt. Auf den Straßen, den Friedhöfen lagerten die Unglücklichen, frierend, hungernd in der rauhen Luft des Oktobertages. Die Bürger nahmen auf, so viele sie konnten, aber Mangel und Not waren so groß, daß selbst die wohlhabenden Leute nur knapp zu essen hatten. Auch Meister Käsmodel hatte das Backen einstellen müssen; er war ein Bäcker ohne Mehl, nur für das eigene Hans gab es noch einen kümmerlichen Vorrat. Dafür lagen in den Stuben Verwundete, und die braven Meistersleute sorgten, so gut sie es vermochten, für die Unglücklichen. Nur Gottliebs und Raouls Kammer war unbesetzt, die Betten standen bereit. »Wenn die Jungen heimkommen, sollen sie doch ihr Unterkommen haben,« hatte die Meisterin gesagt.
Und bei jedem Klopfen an der Türe schraken Mann und Frau zusammen und liefen hinaus, und immer wieder kehrten sie enttäuscht zurück, -- die Erwarteten kamen nicht.
Gegen Abend des 19. Oktober klopfte es wieder laut an die Haustüre, und als der Meister hinauseilte, sah er einen hochgewachsenen preußischen Offizier draußen stehen. Er leuchtete ihm mit seinem Laternchen forschend ins Gesicht, der Offizier fragte: »Bin ich hier recht bei Meister Käsmodel?«
»Das stimmt,« sagte der Meister. »Wenn ich nur wüßte, wo ich das Gesicht schon sah!«
»Steinberg ist mein Name,« erwiderte der Fremde, »ich --«
»Daß mich das Mäuschen beißt, das ist doch alleweil der Oheim von unserm Raoul!«
»Sie haben mich also doch erkannt?« fragte Herr von Steinberg, der war es wirklich.
»Treten Sie ein, Herr Baron,« sagte der Meister. »Unsere Frau von Steinberg, Gott hab' sie selig, hatte ein Bild von ihrem Manne, dem gleichen Sie aufs Haar.« Er ließ den Gast vorangehen und schloß dann eilig wieder die Türe, denn schon drängten andere in den Lichtschimmer des Laternchens. Rasch prüfte des Meisters Blick den Freiherrn, der bleich und erschöpft aussah. »Mir scheint's, Sie brauchen Ruhe!«
Herr von Steinberg nickte. »Die brauchen wir wohl alle. Ich bin auch verwundet an der Schulter, es ist nicht arg; doch darum kam ich nicht. Ihr Sohn Gottlieb liegt verwundet in einer Scheune bei Gohlis, ich komme, Sie zur Hilfe holen.«
»Mein Junge,« schrie der Meister, »er ist verwundet, aber er lebt? Sagen Sie mir, daß er lebt!«