Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
Part 10
»Und der Gottlieb, der Racker, schläft alleweil wie ein Bär,« rief der Meister. »Na, der wird morgen Augen machen. Kannst dich übrigens gleich in das Bett in seine Kammer legen. Der verflixte Bengel hat doch nicht geruht, das Bett mußte aufgestellt werden, noch an dem Tage, an dem der Herr Oheim geschrieben hat.«
Mit strahlenden Augen sah sich Raoul in der Backstube um. Der warme, kräftige Brotgeruch mutete ihn so heimatlich an, und daneben in dem Stübchen hatte er so oft mit der Mutter gesessen, wenn es oben in der Mansarde kalt gewesen war, und unwillkürlich sagte er laut: »Ich bin so froh, so froh!«
»Ist recht,« sagte der Meister, »und nun, Mutter, gib ihm mal was zu essen, und dann in die Federn. Den Gottlieb wecken wir heute nicht, der schreit uns sonst alleweil die ganze Nachbarschaft zusammen vor Freude.«
Ganz still kroch Raoul dann in des Freundes Kammer in das bereitstehende Bett, und Gottlob pustete und schnarchte und merkte nicht, daß der Ersehnte heimgekommen war. Der konnte freilich trotz seiner Müdigkeit nicht gleich einschlafen; wie ein wunderlich wirrer Traum lagen die letzten Wochen hinter ihm, und in alle Freude, endlich am Ziel zu sein, tönten ihm aber doch immer des Meisters Worte hinein, daß er es noch hätte aushalten sollen. Er meinte Gottliebes helles Lachen zu hören, ihr liebliches Gesicht zu sehen; vielleicht weinte sie um ihn, und die Tante war traurig, und Pfarrer Buschmann schüttelte bekümmert das Haupt über den entlaufenen Schüler. Aushalten, aushalten, nicht heimlich davonlaufen! klang es immer in ihm. Nun werden sie dich feige schelten und erst recht nicht für einen echten Steinberg halten. Da ballte er die Hände zur Faust in seinem Bett und sagte ganz leise zu sich wie ein festes, schweres Gelöbnis: »Sie sollen doch noch sehen, daß ich ein Steinberg bin.« Und in dem Schlummer, der nun endlich über ihn kam, sah er plötzlich Joachim vor sich stehen, der lachte spöttisch: »Bist doch kein echter Steinberg!« Halbwach fuhr Raoul noch einmal empor und murmelte drohend: »Warte nur, ich werde dir's doch beweisen!« -- --
Als Gottlieb Käsmodel am nächsten Morgen erwachte, reckte und dehnte er sich gähnend in seinem Bett herum und schaute erst die Wand an, dann in das Zimmer hinein. Da fuhr er plötzlich mit einem gellenden Schrei in seinem Bett empor. Mit einem Sprung war er drüben am andern Bett und zog Raoul mit einer solchen Kraft aus dem Bett, daß im nächsten Augenblick beide Jungen auf der Erde lagen.
»Er ist da, er ist da,« brüllte Gottlieb, sprang auf, setzte über Raoul hinweg, riß die Türe auf und brüllte wie besessen die Treppe hinab: »Er ist da, er ist da, huuh, huuh!« Ein wildes, schauerliches Freudengeheul erfolgte, und im Nu öffneten sich Türen, man hörte ängstliche Stimmen, jemand schrie: »Es brennt, es brennt!« und dann klappten Schritte, oben, unten, überall waren die Bewohner aufgeschreckt.
Raoul aber saß auf seinem Bett und lachte, lachte, und Gottlieb tanzte im Hemd im Zimmer herum und stieß solche Siegesschreie aus, daß selbst Bonaparte vor diesem Gebrüll vielleicht auf und davon gelaufen wäre.
»Donnerwetter, ja!« mit diesem Ruf war Meister Käsmodel aus seinem süßen Morgenschlummer aufgefahren. Er wollte hinaus, aber dann besann er sich noch zur rechten Zeit und rief nur: »Mutter, halt doch dem Bengel, unserem Gottlieb, mal den Schnabel zu; der Junge bringt ja die Nachbarschaft in Aufregung. Nee, wenn der mal so backen kann wie schreien, dann wird er Obermeister oder gar Hofbäcker.«
Oben legte sich schon der Lärm, denn Gottlieb war von der unbezwinglichen Sehnsucht erfaßt worden, des Freundes Schicksale zu hören, und an diesem Tage verwünschte er die Schule noch mehr als sonst, und nur der Gedanke vermochte ihn zu trösten, daß künftig der Freund mit ihm die Plage teilen würde.
In der Mittagsstunde stand dann Raoul wie einst in der Burggasse, stand und wartete auf Karl Wagner, dessen Freude beim Anblick seines ehemaligen Schreibgenossen freilich nicht so laut und stürmisch war wie die von Gottlieb Käsmodel.
Die klaren Augen ruhten aber so warm und doch so ernst fragend auf dem Knaben, daß der den Kopf senkte. Es war ihm, als schaute der kleine Schreiber ihm tief auf den Grund der Seele. »Ich bin ausgerissen,« sagte er leise, »es war nicht recht, ich hätte aushalten sollen, aber --«
»Du bist froh, daß du hier bist, mein Junge. Nun, wir begehen alle Torheiten im Leben, und es kommen auch schon Stunden, in denen man gut machen und Fehler sühnen kann. Doch Gott zum Gruß, daß du wieder da bist, daran wollen wir uns heute freuen. Ich hab' es erwartet. Gottlieb hat mir erst gestern gesagt, du kämst so gewiß wie seine Vier in der nächsten lateinischen Arbeit!«
»Das stimmt,« rief Raoul, »er hat sie heute bekommen,« und mit einem strahlenden Lachen sah er zu Karl Wagner auf: »Ich bin so froh, so froh!« --
Das Bäckerhaus, das sich dem heimatlosen Knaben so bereitwillig geöffnet hatte, wurde ihm bald wieder eine liebe Heimat. Jetzt, da er freiwillig die Verwandten verlassen hatte, betrachtete ihn Meister Käsmodel als seinen Sohn und handelte wie ein guter, treuer Vater an ihm. Mit Gottlieb besuchte Raoul zusammen das Gymnasium, und mit seiner Hilfe umschiffte Gottlieb die Klippen der lateinischen Sprache, nahm sicherer die bösen Gräben der Orthographie, und schaute fortan die Schule nicht mehr wie einen Käfig an, in dem ein Raubtier eingesperrt werden soll.
Raoul hatte den Adel ablegen müssen, Meister Käsmodel meinte, es würde zu viel Gefrage drum geben. »Bleib nur adlig im Herzen, mein Junge, das ist die Hauptsache. Nachher, wenn du was Rechtes geworden bist, allweil kannst du dich wieder mit dem alten Namen nennen.« Der biedere Meister fürchtete immer, Graf Turaillon könnte doch wieder dem Neffen nachforschen, und nach Frankreich hätte er den Pflegesohn nur bitter schwer ziehen lassen. Zu seiner großen Beruhigung war der lange Schreiber Neumann aber wirklich aus Leipzig fortgezogen, der konnte also Raouls Anwesenheit nicht mehr verraten.
Es kam in diesem ersten Sommer aber noch einmal ein Briefchen aus Hohensteinberg ins Bäckerhaus, Gottliebe hatte es geschrieben. Sie schrieb darin, sie glaube bestimmt, daß Raoul da ist, und sie bat gar lieb und herzlich, der Vetter möchte zurückkehren. Da wurde dem Knaben das Herz doch schwer, und wenn er jetzt an alles dachte, was er in Hohensteinberg erlebt hatte, da fühlte er immer mehr und mehr, daß seine Flucht zu rasch, zu unüberlegt gewesen war. Aber zurückkehren wollte er doch nicht, und so schwer es ihm auch wurde, er ließ Gottliebes Brief unbeantwortet. Das Bäslein im fernen Osten weinte manche Träne darum, als der Brief, auf den sie gewartet hatte, ausblieb; sie hoffte und hoffte, und erst als der Winter kam, schwand ihre Hoffnung, und sie dachte nun auch wie die andern, Raoul sei untergegangen oder nach Frankreich zu seiner Mutter Bruder entwichen.
Zehntes Kapitel.
Nach langer Not zum heiligen Krieg.
In dem Sommer von 1812 hatte in Preußen keiner die rechte Freude an aller Sommerlust, an Sonnenglanz, blühenden, grünenden Wiesen und kühlem Waldesschatten gehabt, und als sich der Winter früh meldete, da klagte niemand dem Sommer nach. Mit Schnee und Eis, mit frostklaren Tagen und Nächten kamen zugleich über die Grenze Nachrichten geflogen, die jedes vaterlandstreue Herz erbeben ließen. Napoleon sei geschlagen, raunte es erst leise, bis dann die gewisse Kunde kam von dem Untergang der großen Armee. Im Wintersturm flohen die letzten Reste des einst so glanzvollen Heeres aus dem unbesiegten Lande.
Da hob ein Singen und Klingen in viel tausend deutschen Herzen an, und überall blühte die Hoffnung empor, daß der Freiheitskampf, nach dem sich alle sehnten, der sie vom Joch der Fremdherrschaft erlösen sollte, nun beginnen würde. Wie ein Gottesgericht erschien ihnen allen der furchtbare Schlag, der die übermütigen Eroberer getroffen hatte, aber die Freude zeigte sich nicht, als in kleineren Trupps, manchmal gar nur zu zweien und dreien, die letzten Überlebenden der großen Armee über die russische Grenze kamen. »Man muß sie vernichten,« hatte mancher gerufen, wenn er an die Härten des Sommers dachte, der mancher Familie den letzten Wohlstand geraubt hatte. Doch als die Flüchtlinge kamen, wahre Jammergestalten, da schwieg der Haß, und das Mitleid regte sich.
Durch Hohensteinberg kam an einem der ersten Tage des Jahres auch ein Trupp Flüchtlinge, und Joachim in seinem überschäumenden Knabenhaß rief, als er von ihrem Nahen hörte: »Man darf sie nicht aufnehmen, es sind Feinde!«
Nachher stand er neben seinem Vater auf dem Hof und sah das Trüpplein vor sich. Wohl fünfzehn Männer waren es; von Hunger, Kälte, dem langen Marsch und Krankheiten waren sie so erschöpft, daß nur ein paar noch klare Antwort geben konnten über ihre Schicksale, die andern starrten dumpf vor sich nieder, ein paar waren kraftlos in den Schnee gesunken. Die Knechte, Mägde, die Dorfleute, alle waren herbeigeeilt und umstanden in finsterem Schweigen die Unglücklichen, und der Freiherr fragte nach den Namen, der Herkunft. Da klang ein deutscher Name nach dem andern an sein Ohr: die Leute waren alle Süddeutsche, sie alle hatten den französischen Fahnen folgen müssen.
Die Hausfrau hatte die Flüchtlinge kommen sehen. Sie hatte nicht viel geforscht und überlegt, nicht viel nach Namen und Art gefragt, sondern sie war selbst in die Küche gegangen und hatte mit Jungfer Rosalie eine kräftige Mehlsuppe gekocht, und bald kamen aus dem Haus die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden, und alle trugen Töpfe voll dampfender Suppe und Körbe voll Brot.
Ein Schreien, ein gieriges Schreien gellte auf, die erloschenen Augen der Flüchtlinge blitzten, zitternd streckten sie die Hände aus: Essen, warmes Essen nach so vielen langen, langen Tagen wieder!
Die Frauen mußten mahnen: »Ihr verbrennt euch, nicht so hastig!« Doch die Flüchtlinge rissen ihnen die heißen Töpfe fast aus den Händen, sie schluchzten, schlangen, und manch einem Mann rannen die Tränen über das hohlwangige Gesicht. Essen, Essen, eine warme Suppe, wie wohl das tat!
In tiefem Schweigen sahen die Männer und Frauen zu. Kein Schmähwort wurde laut, keine Hand ballte sich mehr zur Faust, vor diesem Jammer schwieg der Haß. Und als der Freiherr sich zu seinen Knechten wandte: »Räumt eine große Stube für die Leute aus, ihr könnt in den leeren Gastzimmern wohnen,« da boten sich eilig ein paar Bauern zur Hilfe an, und ein paar Frauen sagten, sie könnten wohl noch allerlei Sachen aus ihrem Vorrat hergeben.
Schweigend folgte auch Joachim den Knechten und half räumen und Strohlager herrichten, und manchmal streifte sein Blick die Flüchtlinge voll tiefen Mitleids, die, in Lumpen gehüllt, die Beine mit alten Fellen und Stroh umwickelt, auf dem Kopfe wohl Frauentücher und Hauben, in nichts mehr den siegesfrohen Kriegern des Sommers glichen. Und alle waren Deutsche. Des Jünglings Herz krampfte sich zusammen, und in dieser Stunde begriff er völlig die Schmach seines Vaterlandes.
Man hatte auf Hohensteinberg noch manchmal Gelegenheit, den Flüchtlingen zu helfen, und alle auf dem Schloß und im Dorfe taten es mit christlichem Erbarmen. Ein paar der Leute starben, andere wurden gesund, einige kehrten in die Heimat zurück, andere aber blieben, blieben, um in das preußische Heer einzutreten und für ihrer Brüder Freiheit zu kämpfen.
Es regte sich überall. Laut sprachen die, die bisher hatten schweigen müssen, von dem bevorstehenden Freiheitskampf, und keinem Krieg hatte man in Preußen so entgegengejubelt wie diesem, den der Frühling von 1813 bringen sollte und dessen Ausbruch man kaum erwarten konnte.
An einem Märztag, an dem es schon lenzlich sproßte und Büsche und Bäume im jungen Safte schwollen, gab es in Hohensteinberg eine bittere Abschiedsstunde. Vater und Sohn zogen beide in den heiligen Kampf, und aus dem Dorfe folgten ihnen alle Männer, die noch die Kraft in sich fühlten, mitzustreiten und mitzusiegen, denn Sieg war aller Gebet und Hoffnung.
Joachim wollte mit seinen Freunden, den Tugendbündlern, in das ganz aus Freiwilligen gebildete Reiterregiment, das Graf Lehndorf in Königsberg sammelte, eintreten. Daß nur Arnold von Berkow gerade die vorgeschriebenen siebzehn Jahre zählte, kümmerte sie alle nicht, sie hofften, niemand werde es so genau damit nehmen.
Es hatte in Hohensteinberg auch niemand daran gezweifelt, daß Joachim mitziehen würde, und Frau Maria, die bei aller Sanftmut doch eine starke, tapfere Frau war, brachte ohne Klagen das schwere Opfer. Die Frauen des Hauses trugen in dieser Zeit eine stille, gefaßte Miene zur Schau, keine wollte es den Scheidenden schwer machen. Als Gottlobe zuerst in Strömen von Tränen Trost suchte, hatte die Großmutter sie in der alten herben Art, von der seit Raouls Flucht nur wenig noch zu spüren war, angerufen: »Schweig! Eine Steinberg heult nicht.« Da war Gottlobe jäh verstummt, und nur der Schwester klagte sie. »O der furchtbare Krieg! Wenn doch kein Krieg käme!«
»Bist dumm,« erklärte Gottliebe, und in ihr weiches Gesichtchen grub sich die feste, harte Steinbergfalte, »ich wollte nur, ich könnte mit wie Joachim!« Gottlobes Entsetzen ließ die Schwester ungerührt, und es ahnte niemand, wie oft Gottliebe es wünschte, ein Junge zu sein.
Wenige Tage vor dem Aufbruch trat sie zu dem Vater in das Zimmer. Zu ungewohnter Zeit und ohne Erlaubnis wagten es die Kinder selten, des Vaters Zimmer zu betreten, und der Freiherr, der über Büchern und Rechnungen saß, schaute erstaunt auf sein Mädel. »Was willst du?«
»Vater!« Gottliebe preßte beide Hände an die Brust, und wie sie so vor dem Vater stand im schlichten, dunklen Kleid, ein weißes, feines Tuch um Hals und Brust geschlungen, das junge Gesicht von den blonden Locken umrahmt, sah sie unendlich lieblich aus, und des Vaters Augen freuten sich an der jungen Schönheit seines Kindes. »Nun,« fragte er noch einmal freundlich, als Gottliebe stockte, »was will mein Mariellchen?«
»Vater -- ich --« Purpurglut lief über das Gesichtchen, »ich -- will mich als Achims Bruder verkleiden, weißt du, als ob ich sein Bruder wäre und nicht seine Schwester, und mitziehen in den Krieg. Ich kann's, Vater, gewiß! Bitte, bitte, lachen Sie nicht, ich habe die Kraft und -- ich schäme mich, daß ich nichts, gar nichts für mein Vaterland tun kann, nur ein Mädchen bin.«
»Nur ein Mädchen!« Der Freiherr zog sein Kind an sich. »Meine Liebe, mein tapferes Kind, was sagst du da? Nur ein Mädchen -- ist es denn nicht etwas Schönes, ein Mädchen zu sein, eine Frau zu werden, zu sorgen und zu schaffen für der anderen Wohl? Ei, Liebe, was sollten wir Männer tun, wenn wir in den Krieg ziehen müssen und daheim nicht unsere Mütter, Frauen und Schwestern unsere Arbeit täten?«
»Es ist so wenig,« flüsterte Gottliebe, »es sind -- keine großen Taten.«
Ein ernstes Lächeln glitt über des Freiherrn Gesicht. »Keine großen Taten? Du Kind du! Auch wir, die wir in den Kampf ziehen, wissen nicht, ob uns das Schicksal für große Taten bestimmt hat. Es wird mancher an einem Zaun verbluten und sein Leben lassen, der ein Held war, und dessen Name nie jemand nennt. Sieh hinaus, meine Mariell, dort grünen die Saaten, dort wächst die Ernte des Jahres heran, und es würde schlimm darum bestellt sein, wenn die Frauen nicht den goldenen Segen hüten wollten, und unsere Ställe und Kornkammern würden leer sein ohne der Frauen Arbeit, und wer diese Arbeit leistet, der tut auch etwas für sein Vaterland. Ich ziehe fort und Joachim, und wir wissen nicht, wann wir wiederkehren, und ob wir noch einmal die Heimat sehen. Da lege ich denn auf deine Schultern einen Teil meiner Sorge und Last: du sollst deiner Mutter ein Segen, ein Trost sein, ihre Helferin in den Tagen der Mühe, die kommen werden. Es wird dir wenig Zeit für heitere Jugendlust bleiben, aber ich weiß, daß du treu an deiner Stelle stehen wirst, und an der Liebe für die Deinen, für das Vaterland wird deine Kraft, dein Wille erstarken. Gott hat jeden an seinen Platz gestellt, und es braucht keiner zu sagen: Ich bin nur dies, nur das! der seine Pflichten in Treue erfüllt. Die Frauen unseres Geschlechts waren immer tapfer und treu und verloren nicht ihren Mut in den Zeiten der Not. Sei auch du eine Steinberg, mein Kind, und draußen im Wirrsal des Krieges will ich froh denken: Meine Liebe schafft daheim, meine Tochter. Gott sei Dank, daß mir der Himmel zum Sohne auch Töchter gab!«
Gottliebe schmiegte sich bebend an den Vater an, sie fand keine Worte. Erst als der Vater sie prüfend anschauend fragte: »Willst du noch verkleidet mitziehen, und bist du nun noch traurig, nur ein Mädchen zu sein, meine kleine Tugendbündlerin?« da sagte sie leise, mit einem feierlichen, frommen Klang in der jungen Stimme: »Ich will daheim bleiben!«
Es wurde nicht viel geweint und keine Klagen ertönten, als ein paar Tage später die freiwilligen Kämpfer Abschied nahmen. Alle waren ernst und gefaßt, selbst die weichmütige Gottlobe versuchte, tapfer ihre Tränen zurückzudrängen; Gottliebe aber stand dabei mit einem so ernsten, reifen Ausdruck in dem Gesicht, daß der Vater diese Tochter noch einmal mit besonderer Liebe umfaßte. »Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann, mein Mädel,« sagte er ernst.
Und die Zurückgebliebenen nahmen tapfer und willig die vermehrte Arbeitslast auf sich, und so emsig auch jeder schaffte, sie staunten in Hohensteinberg doch alle über Gottliebe. Mit einem Ernst, der ihre Jahre weit überragte, suchte sie sich selbst ihre Arbeit. Pfarrer Buschmann willigte ein, daß vorläufig die Stunden ausgesetzt wurden, und Gottliebe packte die Bücher fort, die sie so liebte; auch für heitere Mädchenlust und zärtliche Freundschaftsbriefe fand sie keine Zeit mehr. Schon nach etlichen Wochen nannte Frau Maria ihre älteste Tochter ihren kleinen Minister, und Jungfer Rosalie wollte fast eifersüchtig werden, aber die Freude über des jungen Mädchens ernsten Fleiß war größer als das kleinliche Gefühl der Eifersucht. Die weichere, schwärmerische Gottlobe ließ sich von der Schwester fortreißen, aber wenn Liebe schon vor Tau und Tag aufstand, um auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen, dehnte sie sich doch noch oft im Schlafe, und sie konnte auch das Seufzen und Klagen nicht ganz unterlassen; trotzdem wurde sie in dieser Zeit doch auch ein tüchtiges, pflichtgetreues Mädchen, eine rechte Tugendbündlerin, wie es die Schwester nannte. --
Und es wurde manche in dieser harten, schweren Zeit zur Heldin, manche Frau lernte das tapfere Aushalten, und für manches Mädchen gingen Jugendlust und Freude unter in dem ernsten Alltag. Das Gefühl, in einer großen, gewaltigen Zeit zu stehen, befreite viele von kleinlichem Kummer, kleinen Fehlern, kleinen Gedanken.
Eine große, eine wunderbare Zeit war es. Als Herr von Steinberg mit seinem Sohne, Freunden und Heimatgenossen nach Königsberg zog, da hatte der König von Preußen sein Volk noch gar nicht gerufen, aber doch strömten von überall her die Freiwilligen zu den Fahnen. Das Volk selbst forderte den heiligen Krieg, es forderte ihn so einmütig, mit solcher Opferwilligkeit, daß die meisten fühlten, nur Sieg oder ein völliger Untergang konnte das Ende sein. In Ostpreußen aber fühlte man es vielleicht am tiefsten, daß das herrliche, tapfere Preußenvolk nicht untergehen konnte.
Aber auch aus den andern Ländern deutscher Zunge außerhalb Preußens strömte die Jugend herbei, um dem Bruderlande zu helfen. Da litt mancher schwer, weil das engere Vaterland sich noch zu Frankreichs Bundesgenossen rechnete, und mancher kehrte dem kleinen Vaterland den Rücken und eilte über die Grenze nach Breslau, wo König Friedrich Wilhelm weilte, um unter dem preußischen Adler zu fechten. Sie fühlten, daß es diesmal für Preußen kämpfen für die deutsche Sache überhaupt kämpfen hieß.
* * * * *
Raoul von Steinberg träumte mit seinem Freunde Gottlieb auch viel von Kampf und Sieg, und in dem Ofenwinkel schmiedeten die zwei in den ersten Monaten des Jahres 1813 manchen kühnen Plan. Meister Käsmodel sagte nichts dagegen, wenn die Jungen laut von Kampf und Sieg sprachen; er war auch einer von denen, die voll Hoffnung auf den kommenden Sieg sahen, auch ihn bedrückte schwer die Schmach der deutschen Uneinigkeit, und er sagte manchmal: »Es ist wider die Natur, daß wir Sachsen Bonapartes Bundesgenossen sind. Herrgott, ich wollte, wir alle, die wir deutsch sprechen, hätten einen Kaiser, es wäre ein Reich.«
Das milde Klima des Pleißentales hatte in Leipzig schon im Februar hier und dort grüne Spitzen hervorgebracht, und es gab schon frühlingswarme Tage. Statt Schnee rann wohl auch der Regen in Strömen vom Himmel herunter, und an einem solchen platschenden, warmen Regentag kamen Raoul und Gottlieb mit einer solchen Eile, mit so viel Geschrei aus der Schule heim, daß ihr Rufen selbst das kleine blonde Minchen aus dem Puppenwinkel hervorlockte. Die Meisterin ließ den Kochherd im Stich, und der Meister kam mehlbestaubt aus der Backstube herbei. »Alleweil jetzt möcht' ich wissen, was das Geschrei soll, Bengels! Nächstens fällt noch unser guter, dicker Thomasturm um von eurem Geschrei.«
»Sie ziehen nach Breslau,« schrie Gottlieb und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, »und wir woll'n mit.«
»Wer -- was zieht nach Breslau? Junge, rede doch vernünftig!« brummte der Meister.
»Die Hallenser Studenten ziehen nach Breslau, um dort als Soldaten einzutreten,« sagte Raoul heiß und erregt. »Sie sagen alle, dort würden neue Regimenter gebildet, und der Herr Konrektor hat's selbst erzählt, in einigen Tagen schon reisen die Studenten ab, sein Neffe ist auch dabei, und da -- da -- wollen wir mit.«
»Seid doch keine Studenten,« rief die Meisterin ärgerlich, die um ihren Sohn bangte, -- »euch nehmen sie ja gar nicht, und die Studenten möchten sich schön umschauen, wenn so'n paar Dreikäsehochs mitwollten.«
»Hoho,« schrie Gottlieb empört, »wir sind fünfzehn Jahre, 'n paar Tage fehlen mir nur noch, sie nehmen uns schon.«
»Sie nehmen euch nicht! Mann, rede du doch etwas!« Die Meisterin sah bittend zu ihrem Manne hin. Sagte der denn kein Wort, redete der nicht den Buben den Unsinn aus?
Doch der Meister schwieg. Er sah von einem zum andern, und das Herz tat ihm weh, daß er die beiden Jungens aus dem Hause lassen sollte, aber -- er selbst hätte es wohl verlangt, wenn er in ihrem Alter gewesen wäre, er verstand, daß die Jugend vor Kampfeslust glühte. »Du bist unser Einziger,« sagte er zögernd, »da ist's wohl allweil besser --«
»Das sagt Raoul auch,« schrie Gottlieb, und sein Gesicht flammte, »aber ich bleib' nicht hinterm Ofen sitzen, ich schäm' mich halbtot.«
»Mein Himmel,« stammelte die Meisterin entsetzt, »der Junge ist ja außer Rand und Band und soll nun mal ein richtiger, gesetzter Bäckermeister werden! Mann, schaff Ordnung!«
Doch dem Meister gelang es nicht, Ordnung nach dem Sinne des zagenden, sorgenden Mutterherzens zu schaffen. Er redete den Knaben gütlich und ernst zu, aber Gottlieb merkte wohl das heimliche Zögern des Vaters, und daß der im Herzen ihm recht gab, und er bat, flehte, trotzte auf, und im Bäckerhaus gab es ein paar stürmische, tränenvolle Tage. Die Meisterin wollte und wollte nicht einsehen, daß gerade sie ihren Sohn ziehen lassen müßte, und dabei schaute sie doch immer mit heimlichem Stolz auf Gottlieb. Es war, als wüchse der in diesen Tagen; er streifte viel Kindisches, Törichtes von sich ab, sein heißes Wollen, die brennende Sehnsucht, die in ihm gärte, reifte ihn, und endlich gab die Mutter nach und fügte sich mit blutendem Herzen darein, den Sohn ziehen zu lassen. Um des Vaters Einwilligung brauchte Gottlieb nicht zu ringen.