Die Starken: Ein Athleten-Roman

Part 9

Chapter 93,529 wordsPublic domain

Sie wollte eine Erklärung haben, aber er ließ sie nicht zu Worte kommen, und als er eine Sekunde von ihr abließ, lief sie heulend, wie gehetzt, davon. Gustav tat einige Schritte hinter ihr her, kehrte aber alsbald wieder um. Wenigstens hatte er seine Rache an ihr gekühlt! „Gemeines, schamloses Frauenzimmer,“ murmelte er zwischen den Zähnen und kehrte in sein Zelt zurück. --

Binder hatte Fritzi inzwischen erspäht; sie stand schluchzend abseits und hielt das Taschentuch vors Gesicht.

„Was hast du denn?“ fragten die Athleten.

Fritzi antwortete nichts und weinte nur noch stärker. Roditscheff, mit seiner starken, lächelnden Gutmütigkeit, zog ihr die Hände weg. Sie sahen das niedliche Mädchengesicht von Tränen des Zornes und Schmerzes überströmt und die zarten Wangen geschwollen und brennend gerötet. Beide wußten sofort, was geschehen war und ahnten den Zusammenhang. „Na, Mäderl --!“ tröstete Aloys, „mach’ dir nichts aus dem frechen Kerl und höre auf zu weinen... Wenn ich ihn wieder treffe, spreche ich noch ein Wörtchen mit ihm; dann kann er sich die Ecke aussuchen, in die er fliegen will --! komm her, mein Kätzchen, sei wieder lustig! wir lassen uns zusammen photographieren! --“

Langsam beruhigte sie sich. Alle drei spazierten nach der Bude des Momentphotographen. Vorher machten sie an einer Würstelbude Station, und während sie mit Appetit mehrere Paar Würstchen verzehrte, fand die kleine, eitle Person noch Zeit, ein Pudernecessaire herauszuziehen und das Gesichtchen weiß zu pudern. Noch ein Strich mit dem roten Taschenstift über die zitternden Lippen; nun trug ihr Antlitz fast keine Spuren der Ohrfeigen und der hastig geweinten Tränen mehr. Sie lächelte schon wieder, als sie die Photographenbude betraten.

Sie stellten sich nebeneinander auf, Fritzi in der Mitte. Während der Photograph seinen Apparat einstellte, griff Aloys Binder der Chansonette von hinten um die Taille, suchte ihren Busen mit der Hand... In diesem Augenblicke flammte das Blitzlicht des Photographen auf. -- --

Es war für die Athleten Zeit geworden, sich zur Vorstellung in die Stadt zu begeben. Sie fuhren im geschlossenen Wagen, eng aneinandergedrängt. Schwül hing die Glut der Sinnlichkeit zwischen dem Athleten und dem jungen, lebensgierigen Weibe. Fritzi saß auf Binders Schoß. Er hatte ihr den Kopf mit dem zierlichen Pelzbarett weit hintenübergebeugt und drückte wilde Küsse auf ihren schmachtend geöffneten Mund. Fritzi hatte eine seltsame Empfindung, als ob sie in ein weiches, lauwarmes Meer hinabgleite. Immer tiefer, immer tiefer.... Jetzt gab es schon gar keinen Widerstand mehr...

Roditscheff pfiff leise die melancholische Melodie eines russischen Volksliedes durch die Zähne. Er hatte den Kopf von dem Paare abgewendet und betrachtete beim wechselnden Scheine der am Wagenfenster vorüberfliegenden Straßenlaternen nachdenklich das verräterische photographische Momentbild.

VIII.

Der akademische Verein Gryphius feierte Weihnachten. Es fehlten zwar noch drei Tage bis zum Feste, aber die jungen Herzen waren schon längst in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung. Am nächsten Morgen wollten dann mehrere der Mitglieder in die Heimat reisen.

Tönnies kam nachmittags zu Eberhard und hätte ihn am liebsten gleich mitgenommen.

„Sonst schwänzest du womöglich die Weihnachtskneipe,“ sagte er und sah seinen Freund forschend an.

„Das traust du mir hoffentlich nicht zu,“ lächelte Eberhard. Er mußte sich abwenden, um die aufsteigende Röte zu verbergen. Der gutmütige, heitere Adolf aber, der Eberhard als weit überlegen empfand, hatte schon wieder das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen:

„Du wirst mir das doch nicht übelnehmen, Eberhard! -- Aber leider fehlst du jetzt so oft... Läßt die Kleine dich gar nicht von ihrer Seite?“

„Ach Gott -- das ist’s auch,“ sagte Freidank mit innerer Qual. „Man hat Zeiten, Tönnies, in denen man keinen Menschen sehen möchte... Keinen... Das geht wieder vorüber...“

„Hoffentlich,“ sprach Tönnies herzlich. „Du wirst kein Pessimist werden, Freidank. Das wäre nicht richtig, glaube mir... Nun, du wirst selbst wissen, was du zu tun hast! Ich weiß, du gehst deinen geraden Weg...“ „Ja,“ antwortete Eberhard fest, während sich in seinen Kopf der Gedanke einschlich, ob Tönnies sein Tun wohl für den geraden Weg halten würde....

„Also das ist sicher, du lässest uns nicht sitzen!“ mahnte Tönnies noch einmal beim Abschiednehmen. „Auf Wiedersehen!“ --

Im Theater war Eberhard heute der Held einer Sensation. Im Vestibül klebten riesige, rote Plakate und dem Programm waren gleichlautende Zettel beigegeben, welche besagten, daß Roland den Münchener Binder zu einem freien Revanchekampfe herausgefordert habe. Das Publikum versprach sich von diesem Kampfe einen besonderen Genuß; sollte doch ohne Pause bis zur Niederlage einer der beiden Athleten gerungen werden.

Eberhard runzelte die Stirne, als er die schreiend grellen Plakate erblickte. Das war wieder so ein Trick der Kampfleitung, das! Er selbst hatte nicht daran gedacht, Aloys Binder herauszufordern. Aber es mußte um jeden Preis eine Sensation in die Ringkämpfe hineingetragen werden. Jetzt, um die Weihnachtszeit, erwiesen sich nicht einmal die Entscheidungskämpfe, die gegen Mitte des Monats begonnen hatten, als genügend wirksamer Kassenmagnet. Darum wurden Extrakämpfe eingeschaltet, die, wie das Publikum glauben mußte, lediglich aus Ehrgeiz, außerhalb der Konkurrenz, zwischen einzelnen Ringern ausgetragen wurden.

Im Foyer blühte heute das Geschäft der Buchmacher. Bereits wurden allabendlich hohe Summen auf die endgültigen Sieger der Ringkämpfe gewettet. Aber die letzten Entscheidungen lagen noch in weitem Felde. Inzwischen wurde lustig auf die Extra-Kämpfe gewettet und verloren...

Als Eberhard das Vestibül durchschritt, hörte er hinter sich und zu beiden Seiten flüsternde Stimmen, die seinen Namen nannten. Er wendete sich nach niemand um und blickte finster gradeaus. Er hatte sich bereits jene düstere, abwehrende Haltung angewöhnt, mit der die großen Champions sich die unerwünschten Verehrer fern halten. Er wußte es selbst, es war eine theatralische Pose, aber dennoch hatte er nicht die Absicht, sie aufzugeben. Es war ein Leben des Scheins, ein Leben voller Scheinerfolge, welche aber ebenso bejubelt und so glänzend honoriert wurden, wie echte Erfolge. Die Kraft allein war echt....

Es war noch so zeitig, daß Eberhard hoffen konnte, in der Garderobe keinen Kollegen zu treffen. Aber Binder saß doch schon am Tische und versteckte bei Eberhards Eintritt einen Zettel.

„’n Abend,“ sagte Freidank, wider Willen unangenehm berührt. „Ach, ich habe Sie nicht stören wollen!“

„Sie stören mich nicht,“ sagte Aloys. „Ich schreibe nur ’ner Chansonette... einem hübschen, brünetten Pussel.... Sie sind auch für so was, Roland...!“

Hatte Eberhard recht gehört? Lag ein Unterton des Hohnes in Binders Worten oder witterte nur seine Abneigung gegen den Münchener Böses?

„Pardon -- --,“ sagte er hart. „Ich möchte nicht... Sie verstehen...“

„Ach, Sie sind eifersüchtig!“ erwiderte der Münchener unvermittelt mit einem frechen Aufblick.

„O nein! Ich habe keine Ursache dazu!“ entgegnete Eberhard bestimmt und ging wieder hinaus. Im Artistenfoyer, einem langen, breiten Korridor, blieb er noch einmal lauschend stehen: war nicht ein höhnisches Lachen hinter ihm hergeklungen? Aber alles blieb still. Nur die Soubrette, Fräulein Coeur de Rose, strich wie eine verliebte Katze im Foyer herum. Sie war schon zur Vorstellung angekleidet und hatte ihren dekolletierten Busen mit einem durchsichtigen Schleiergewebe bedeckt, um den ärgsten Anschein der Koketterie zu vermeiden. Er wendete sich brüsk von dem geschminkten Weibe ab und ging durch das ganze Haus hindurch in das Theaterrestaurant.

Unwillkürlich suchten seine Blicke beim Eintritt Fräulein Leonie Krömer. Doch die schöne Brünette thronte nicht auf dem gewohnten Platz. Sie hatte endlich kapituliert und saß neben Sergej Roditscheff an einem der kleinen Tischchen von gelblichem Marmor. Das Bild prägte sich fest in Freidanks Gedächtnis ein: Leonie war verwirrt, rot und schön in ihrer Leidenschaft und ihrem Schuldbewußtsein. Roditscheff hatte sich ihrer Hand bemächtigt und spielte mit den Ringen an ihren schlanken Fingern. Er war blaß, lächelnd, ruhig und siegesbewußt, wie immer... Nur ein sehr geübtes Auge hätte ihm den letzten Zweifel an seinem Siege über diese Spröde vom Gesicht ablesen können. Denn Leonie schwankte noch, während Roditscheff sie zuversichtlich fragte:

„Gleich nach der Vorstellung kann ich dich abholen, Lona?“

„Um Gotteswillen, nein!“ erwiderte Leonie hastig flüsternd, „mein Schwager... und überhaupt...“

„Um zwei Uhr wird das Restaurant geschlossen,“ sagte Sergej, „also um zwei Uhr, Lona, um zwei Uhr, Lona...“

Unter seinen hellen, hypnotisierenden Blicken senkte Leonie Krömer den schwarzen Kopf....

Eberhard verbarg sich hinter der größten Zeitung, die er finden konnte. --

Von einem Tisch, an dem ziemlich viele lebhaft redende Männer saßen, löste sich jetzt ein Mann und begann ein Gespräch mit Freidank. Er war ein Buchmacher namens Goldschmidt, der mit großer Geschicklichkeit das Gespräch auf den Revanchekampf des heutigen Abends zu lenken wußte. Er redete in einem seltsamen Fachjargon, der aus jüdischen und sportlichen Redensarten bestand, allerlei krausen Unsinn, welcher schließlich in der vorsichtig umschriebenen Frage gipfelte, ob Roland oder Binder bei dem Ringkampfe Sieger bleiben würde?

„Zum Teufel, kann ich das wissen?“ fragte Freidank über die Zeitung hinweg.

„O, Herr Roland -- --! -- sagen Sie mir nicht so was! -- Ich bin nicht einer von ’s dumme Publikum... Ich wollte Ihnen vorschlagen ein gutes Geschäft, ein sicheres Geschäft ....“

Eberhard legte die Zeitung hin:

„Ich bitte, Herr Goldschmidt, sagen Sie klipp und klar, was Sie von mir wollen!“

Er wollte.... nun, Herr Roland sollte es nicht übel nehmen... Gegen seine Ehre ginge es ja nicht, -- und außerhalb der Konkurrenz... und ein glattes Geschäft wäre es...

Und als Freidank gelangweilt die Stirne furchte, erklärte er ihm das beabsichtigte Geschäft. Von den Wettenden -- und es wurden sehr hohe Wetten heute abend abgeschlossen -- hielten die meisten auf Roland, obwohl er schon von Binder besiegt worden war. Es waren Gerüchte von „Schiebungen“ durchgesickert, die das Publikum lebhaft erregt hatten. Den heutigen „Revanchekampf“ hielten die Leute aber für echt. Hohe Summen waren auf den Sieg Rolands gesetzt worden, die im Falle von Rolands Niederlage dem Buchmacher zufielen. Mit der Kunst der Überredung und mit der Zusicherung eines hohen Gewinnanteils suchte Herr Goldschmidt Eberhard nun zu bewegen, Aloys Binder den Sieg zu lassen. --

Eberhard mußte über die Unverfrorenheit lachen, mit welcher der Buchmacher ihm dieses Geschäft anbot. Aber Goldschmidt verlor keine Zeit; er zog schnell einen Hundertmarkschein aus der Tasche, den er unauffällig in Eberhards Rocktasche beförderte.

„Schön! Herr Roland!“ sagte er dabei mit vergnügtem Lächeln, „wir sind einig, nicht wahr? Das ist die Anzahlung ... Den Rest zahle ich Ihnen nach der Vorstellung ... Es bleibt dabei... Ein gutes Geschäft für Sie, ein ausgezeichnetes Geschäft!“

Strahlend vor Vergnügen kehrte er zu seiner Gesellschaft zurück und versicherte seinen Wettlustigen, daß sie unbedingt gewinnen würden, denn Roland würde natürlich Sieger!

Eberhard trank sein Bier aus und dachte kaum mehr an den Zwischenfall, als er die Ringkämpfergarderobe betrat. Alsbald brachte ihm der Kellner ein Briefchen, in dem Fritzi ihm in ihren kindlichen, ungeübten Schriftzügen mitteilte, daß sie nicht ganz wohl sei und darum’ früh nach Hause gehen würde, um auszuschlafen. Während er den Zettel las, fühlte er Binders höhnisch funkelnde Blicke auf seinem Gesichte. Aufblickend, gewahrte er auch ein fatales Lächeln des Müncheners, der in seiner Lieblingsstellung in Unterhosen auf einem Koffer hockte.

„Was haben Sie?“ fragte Eberhard, indem er sich mühsam beherrschte.

„Ich? -- Zehn Rendezvous, zwanzig Liebesanträge!“ lächelte Binder, „und Sie haben wahrscheinlich einen Brief von Ihrer Dulcinea... Ich kenne das... Na, lassen Sie sie schießen! Ich trete Ihnen als Ersatz gern meinen Reisedrachen ab... Celeste, die Sie im stillen anschmachtet..“

Eberhard sagte zornig: „Ich danke.“ Er ging mit schweren Tritten an seinen Koffer und kleidete sich an, während er ohne Unterlaß an Fritzi dachte, an Fritzi, die krank war, während er auf die Weihnachtskneipe mußte. In dieser Stunde verfluchte er sich selbst, sein Leben, seinen neuen Beruf und seine Zukunft. Er verfluchte seine Kollegen, die unter läppischen Gesprächen herumstanden und sich zur Vorstellung ankleideten. Er wußte selbst nicht recht, was er heute abend gegen die Ringkämpfer hatte. Sie kamen ihm sämtlich so ordinär vor, so brutal, so gemein... Oder war daran nur dieser Kerl, der Binder, schuld? Binder erzählte laut und schamlos von seiner Freundin Celeste, während er mit ruckweisen Bewegungen die Trikots anlegte:

„Sollte man es denken, Kiesling? -- Vorgestern wurde sie frech. Ich kam abends mit ’nem Weib nach Hause; Celeste saß am Tisch und wartete auf mich. Das Weib war ’ne Dame, müßt ihr wissen, darum ließ ich sie erst im Korridor warten, schob meine Celeste in die Wohnstube und sperrte die Tür zu. Dann holte ich meine Dame herein. Kaum wird die Dame etwas warm, kriegt der Drachen nebenan einen Weinkrampf... heult... schreit... poltert gegen die Türe... Die Dame bekommt einen Mordsschreck und will wissen, wer da lärmt. Ach, eine dumme Chansonette, die ich mir aus dem vorigen Engagement mitgenommen habe, weiter nichts, sage ich. Aber trotzdem ließ die Dame sich nicht mehr beruhigen und lief mitten in der Nacht davon!“

„Und?“ fragte Kiesling ohne besonderes Interesse.

„Und? --“ erwiderte Binder höhnisch lächelnd, „und Celeste hat zwei Tage nicht ausgehen können, so viel Schläge hat sie bekommen. Ich habe sie gehauen, bis sie freiwillig versprochen hat, zukünftig die Damen, die mich besuchen, wie eine Magd zu bedienen, wie eine Sklavin... auf den Knieen, wenn ich’s verlange...“

„Deine Sache...“ sagte Kiesling gelassen, und Binder fuhr fort:

„Ihr Geld reicht ohnehin nur noch ein paar Monate... Ihre Mitgift kann sie nicht angreifen; ich hab’ nur ihr persönliches Vermögen in den Händen... Wenn ihr Geld zu Ende ist, kann sie meinethalben zu ihrem Ehemann zurückkehren, dem sie mit mir davongelaufen ist!“

Mehrere Athleten lachten, andere, welche diese unnoble Handlungsweise nicht billigten, zuckten die Achseln. Niemand aber fand, daß diese Liebesaffäre des Ereiferns wert gewesen wäre. Mein Gott.... jeder nahm, was er bekommen konnte....

Als die Ringkämpfer die Bühne betraten, bemerkte Eberhard, daß Madame Celeste doch im Theater war. Sie hatte sich also von ihrem Schmerzenslager aufgerafft, nur um ihren Peiniger ringen zu sehen... Sie sah sehr blaß aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Freidank war es auch, als ob Celeste heute nicht anbetend, wie sonst, sondern mit einem eigentümlich entschlossenen, harten Ausdruck im Gesicht zu Binder hinaufsah. Er konnte nicht zum zweitenmal hinsehen, weil er nun seine ganze Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Aloys richten mußte.

Ein Pfiff gellte durch das stille Theater. Die beiden Athleten gingen schnell aufeinander los, Binder, nach seiner heimtückischen Art, mit gesenktem, vorgestrecktem Kopfe, Freidank mit äußerer Ruhe. Jeder hielt die Augen fest auf die Hände des andern gerichtet, jeder griff nach des Gegners Handgelenken und suchte den andern von Zeit zu Zeit durch einen schnellen, listig angebrachten Griff zu überrumpeln. Aber keiner bekam ein Übergewicht über den andern.

Das Theater lag in atemlosem Schweigen. Mit Herzklopfen verfolgten die Hunderte im Saal und in den Logen den Kampf, in dem die Kämpfer ihre besten Kräfte noch zurückhielten. Die Sekunden dehnten sich endlos lang, die Minuten wuchsen in die Ewigkeit hinein. Plötzlich, mit einem gewaltigen Schritt, waren beide Ringer dicht aneinander und umschlangen sich gegenseitig mit einem Griffe, der jedem gleiche Chancen bot und welchen die Ringer Zwiegriff nennen.

Und wieder ein herzbeklemmendes Zuwarten! welcher wird seine Chance ausnützen? -- Der Münchener! Er hob Roland wild, zornig, ruckweise auf und schleuderte ihn zu Boden. Beide wälzten sich übereinander, Roland hockte auf dem Teppich, und Binder bemühte sich mit aller Kraft vergebens, den unbeweglich Dasitzenden aus seiner Stellung zu bringen.

Der erste Gang war vorüber; die Ringer traten schweißbedeckt, mit verwirrten Haaren, von der Bühne ab und wurden mit rauhen Handtüchern abgetrocknet. Währenddessen trat Markus auf Freidank zu und flüsterte:

„Wie lange wollt Ihr ringen? Länger als dreißig Minuten?“

„Möglich --,“ sagte Eberhard mit einer unbestimmten Geste.

„Zum Teufel, Roland, das muß doch abgemacht sein!“ sagte der Manager ärgerlich, „hab’ ich ’ne Ahnung, wann ich abpfeifen soll?“

„Werden es schon merken,“ erwiderte Freidank kurz und ging wieder aus der Kulisse heraus, um weitere Fragen abzuschneiden.

Wer von den Zuschauern den Ringkampf für ein Spiel gehalten hatte, der wurde an diesem Abende inne, daß es auch Kämpfe von blutigem Ernst gibt. Die Spannung und Erbitterung der beiden Athleten, die einander lauernd gegenüberstanden, teilte sich langsam dem Theater mit. Die verhaltene Kraft, die scharfe Anspannung aller Sinne trieb den Kämpfern den Schweiß aus allen Poren, jagte ihr Blut in rotem Wirbel durch die Adern. Wenn sie einander gewaltsam anpackten, schallte das Klatschen der grob gefaßten Griffe bis in die hintersten Winkel des weitläufigen Theaters.

Wieder einmal waren beide blitzschnell vom Boden aufgesprungen und standen sich gegenüber; da packte Binder Freidanks rechten Daumen mit der Linken und schlug ihm mit der Rechten gegen den Ellenbogen. Freidank aber hatte die tückische Absicht gemerkt, sprang wie ein Löwe herum und riß den Bayer zu Boden. Er hielt ihn fest und flüsterte ihm zähneknirschend zu:

„Was fällt dir ein? Willst du disqualifiziert werden?“

„Nein!“ flüsterte Binder frech zurück, „aber heute geht’s im Ernst.... Um die kleine Katze, die Fritzi....“

Eine Sekunde lang sah Freidank alles rot, dann faßte er sich:

„Also um Tod oder Leben.... um dein oder mein Leben....“ „Immer tragisch!“ höhnte der Münchener, der unter Eberhard lag, ein wenig keuchend. „Ums Leben ja gerade nicht, aber meinethalben um die Fritzi... die Fritzi ist mir ja doch sicher...“

Eberhard hörte nichts mehr. In Berserkerwut stürzte er sich über den Gegner. Das, was ihn ergriffen hatte, war nicht mehr bloße Kampflust. Es war Mordlust...

Und mit dieser Mordgier in dem fiebernden Blute stand er vor Hunderten von Zuschauern und war gezwungen, den Kampf nach seinen Regeln, mit allen Finessen, die das Publikum entzücken, zu Ende zu führen...

Die Zuschauer waren von jenem leidenschaftlichen Taumel ergriffen, der sich seit Jahrtausenden gewaltigen Menschenmassen mitteilt, sobald zwei feindliche Kräfte sich vor ihren Augen messen. Genau so verfolgten einst die Griechen die Kämpfe ihrer Ringer im Stadion, so und nicht anders saß das alte Rom rund um die Arena und blickte gebannt und gespannt, mit fieberndem Parteinehmen und grausamer, zitternder Lust, auf Siegen oder Unterliegen.

Die ersten drei Gänge, jeder zehn Minuten lang, waren längst vorüber. Jetzt ging es weiter ohne Pause, bis einer von beiden am Ende seiner Kräfte war. Das pfeifende Keuchen harter Atemzüge rang sich mühsam von den Lippen der Ringer; es kam aus den schwer arbeitenden Tiefen ihrer Brust, es erfüllte mit leisem, aber deutlichem, aufreizendem Geräusch das ganze Theater. Keine Wollust ist so groß, als die Wollust des Zuschauers beim mörderischen Kampfe..

Eberhard spannte seine letzten Kräfte an, und Binder ließ alle Rücksichten fallen. Er stieß und schlug, wo die Gelegenheit sich bot, sinnlos auf seinen Gegner ein. Bereits war er zweimal verwarnt worden, versuchte aber zum drittenmal, Roland mit einem rohen Halsgriffe die Luft abzuschneiden. Er stand tiefgebeugt, den Rücken gebogen, den Kopf gesenkt, heimtückisch, wie ein Raubtier vor dem Sprunge. Da, als er sich noch tiefer duckte, griff Eberhard zu, langte mit den starken, weißen Armen über Binders Kopf hinweg, umschlang den Feind an den Hüften und hob ihn rücklings auf. Binder, der kopfüber in der Luft hing, merkte, daß er verloren war. In den Armen des Starken zappelnd, blickte er Freidank haßerfüllt an und flüsterte mit erlöschender Kraft:

„Die Fritzi ist mir doch sicher...“

Eberhard hob ihn noch höher und schleuderte ihn von bedeutender Höhe herab mit brutaler Wucht auf den Boden.

Er vernahm nicht mehr das ausbrechende Beifallsgeheul der leidenschaftlichen Menge, die seinem Siege zujubelte, er wollte in die Garderobe stürzen. Markus lief ihm nach, zerrte ihn am Trikot auf die Bühne, stieß ihn hinaus; er mußte sich verbeugen, zweimal, dreimal, während das wilde Rauschen des Beifalls ihn umtobte, wie ein Meer im Sturme.

Seit dem Augenblicke, wo sie sich als Abschiedsgruß auf der Bühne die Hände gereicht hatten, kümmerte sich keiner der Kämpfer mehr um den andern. In der Garderobe halfen Kameraden den zu Tode Erschöpften aus den Trikots und rieben ihnen die zuckenden Glieder mit Branntwein ein. Dann lagen sie beide blaß, mit geschlossenen Augen, auf harten Matratzen und kehrten langsam zum normalen Atmen zurück. Ihre Lungen waren bis zum letzten Atemzuge ausgepumpt. Sie hatten nahezu zwei Stunden gerungen.

Thyssen erschien unter der offenen Türe, beide Hände in den Taschen, und blickte schweigend die ermatteten Ringer an. Sein heller, scharfer Geist hatte in dem grauenvollen Kampf des Abends eine Tragödie gespürt, für die es vorher nicht einmal die leiseste Andeutung gegeben hatte. Er ließ seine dunklen, zwingenden Augen auf Eberhard ruhen und fragte:

„Warum habt Ihr nicht aufgehört, als Markus euch das Zeichen gab? Was habt ihr miteinander vor?“

Eberhard richtete sich halb auf. Das Unausgesprochene, es sollte niemals ausgesprochen werden, Fritzis Name sollte unversehrt bleiben, die Tragödie sollte in Schweigen erstickt werden. Vielleicht war sie zurückzuhalten... vielleicht war die rollende Lawine in ihrem Laufe zu hemmen....

Er blickte Binder, der möglicherweise eine hämische Bemerkung auf den Lippen hatte, stahlhart an und erwiderte, ohne die Augen von seinem besiegten Gegner zu lassen:

„Sie irren sich, Herr Thyssen. Es ist nichts.“

„Dann ist es gut,“ sagte der Weltmeister langsam...

Eberhard stand auf. Seine Glieder schmerzten, seine Gelenke brannten. Nur schlafen -- schlafen! Aber er mußte ja auf die Weihnachtskneipe....

Im Vestibül, welches Eberhard durchschreiten mußte, wartete Herr Goldschmidt, der Buchmacher. Als er den Ringkämpfer kommen sah, sprang er mit rotem Kopf auf ihn los und fauchte ihn zornig an:

„Was haben Sie gemacht? War das nach unserer Verabredung gehandelt? Was stellen Sie sich vor unter einem Geschäft? Und meine Anzahlung?“

„Verabredung! Geschäft! Anzahlung!“ sagte Freidank erbittert, „was wollen Sie eigentlich von mir, Sie....? Sie....?“

„Sie behaupten, daß Sie das nicht mehr wissen?“ zischte der Buchmacher, „Sie leugnen, daß ich Ihnen hundert Mark auf Ihre Niederlage angezahlt habe? Das leugnen Sie, Herr....?“

„Reden Sie keinen Blödsinn!“ sprach Eberhard zornmütig von oben herab, „ich habe den Kerl geschmissen... Der Kerl hat es nicht besser verdient... Lassen Sie mich in Ruhe! Ein anständiger Mensch bietet nicht solche Geschäfte an... Ihre sogenannte Anzahlung, Herr... Goldschmidt,“ Eberhard lachte den bebenden Hebräer hochmütig und höhnisch an, „um Ihre Anzahlung wiederzubekommen, dürfen Sie mich verklagen... Ich schmeiße, wen ich will, und nicht, wen Sie wollen!“