Die Starken: Ein Athleten-Roman

Part 7

Chapter 73,675 wordsPublic domain

Hermann Thyssen wendete sich nach dem eintretenden Eberhard um, noch mit dem heiteren Licht in seinen sonst so hochmütigen Augen, den reizenden, klassischen Mund vom liebenswürdigsten Lächeln verschönt. Eberhard begriff plötzlich die wilden Leidenschaften, die der schöne Champion diesseits und jenseits des Ozeans entfesselt hatte, und die Geste, mit der er den Hut zog, war mehr als ein einfacher Gruß. „Ah, Roland!“ sagte Thyssen kollegial, „Sie finden die andern im Klavierzimmer!“

Das Klavierzimmer war sehr klein für die Menge von Menschen, die darin Platz gefunden hatten. Man hatte mehrere der weißgescheuerten Tische zusammengerückt und sich rundum gesetzt. Hermann Thyssens Platz war leer. Am Tische saßen Mansur mit seiner Frau, der molligen Wienerin, Bernhard Meinken, Emil Jolly, Jan van Muyden, Giacomo Petrocchi und Vittorio Cardo, Aloys Binder mit seiner Freundin Celeste, der dickköpfige Pierre le Forgeron mit einem hübschen, jungen Dinge, welches er vorhin im Hausflur entdeckt und gleich mit hineingenommen hatte, Paul Kiesling, Sergej Roditscheff, August Bluhm und Zirkovitsch. An einem Extratisch beim Fenster saßen zwei schweigsame Zecher, die sich von den andern abgesondert hatten, Sala ben Brahim und der Stier von Granada. Der Türke, in einem phantastischen Gewande, in grobem Hemd, besticktem Jäckchen, Pluderhosen und breitem Gürtel, in dem ein Dolch steckte, den Fez auf dem schwarzen, spärlichen Haar, soff trotz dem Koran und starrte gleichgültig in sein Glas. Manuel Gomez saß faul hintenübergelehnt, in einer unglaublich nachlässigen Stellung, die großen Füße weit von sich gestreckt. Er war zum ersten Male in Berlin, hatte aber als findiger Zecher, der sich an allen berauschenden Getränken, die auf Erden erzeugt werden, schon betrunken hatte, sofort den Landwehrtopf entdeckt und handhabte ihn geschickt, wie ein geborener Berliner. Sein häßliches, olivenfarbiges Gesicht mit der breiten Nase und den finster beschatteten Augen drückte die äußerste Indolenz aus. Er verriet durch kein Zeichen Teilnahme an dem, was um ihn vorging, und bewegte sich nur, um mit seiner enormen Tatze den Landwehrtopf zum Munde zu führen oder um von Zeit zu Zeit eine neue Zigarette zu entzünden.

Am Tische war man guter Dinge. Frau Anna, die Gattin des schwarzen Mansur, war in der besten Laune und sprudelte in ihrer allerliebsten Mundart die drolligsten Einfälle heraus. Die kleine, runde Frau hatte einen losen, kecken Mund und ein vorzügliches Gedächtnis und hatte sich, wie es schien, alle Schnurren und Anekdoten gemerkt, die sie jemals hatte erzählen hören. Die erzählte sie nun, eine nach der andern, in unerschöpflicher Folge. Ihr Mann verstand nicht viel davon; er sprach fast nur Englisch und begnügte sich damit, verklärten Gesichtes dazusitzen. Sobald er aber den Mund auftat, schlug sie ihm mit der kleinen, fetten Hand auf die wulstigen Negerlippen und forderte:

„Still bist, Mansurl! Nöt an anzig’smal läßt dein rechtmäßig’s Weiberl zu an Wort kommen! -- Da fallt mir noch a G’schichten ein -- -- --“

Das junge Ding an Pierre le Forgerons Seite, eine kleine Näherin, war fast außer Atem vor Lachen. Sie kümmerte sich gar nicht um den „Champion von Paris,“ der sie hereingeführt hatte und nicht mit ihr sprach, weil er kein Deutsch konnte; sie hörte nur der lustigen Wienerin zu. Jan van Muyden, der Frau Annas Anekdoten längst kannte, begann unterdessen ein verliebtes Spiel mit der niedlichen Schneiderin. Er saß ihr gerade gegenüber, trat ihr unter dem Tisch auf die Füße und versuchte, seine Kniee ihren schmächtigen Mädchenknieen zu nähern. Aber er hatte keinen Erfolg. Endlich fühlte sie das Knie des Holländers und blickte überrascht zu ihm hinüber. Jan van Muyden hatte die Zigarre aus dem Munde genommen und gähnte eben in ungenierter Weise. „Ach!“ rief das kleine Fräulein ihn an, „ach Sie!! -- Sie sollten schlafen gehen, wenn Sie so müde sind!“ Van Muyden fuhr polternd auf: „Halte dein Maul, du freches Ding! Was denkst du denn, wen du vor dir hast?“ „Die Fräul’n denkt, s’ ist besser dran mit aan’, der wo scho’ müd’ ist!“ rief die zungenfertige Anna spitzig. „Fräul’n, der Forgeron geht auch bald z’Haus!“ -- Pierre le Forgeron hatte nichts verstanden; er hatte nur begriffen, daß seine Dame beleidigt war. Sein Kopf wurde dunkelrot bis unter die pomadeglänzenden Locken, er sprang mit solcher Vehemenz auf, daß mehrere Biergläser ihren Inhalt über den Tisch und die Umsitzenden ergossen und wollte dem Holländer durchaus zu Leibe gehen. Paul Kiesling gab sich Mühe, zu vermitteln. Er wollte keinen Streit. Sein schmales, hartes Gesicht sah indigniert aus; er war gekommen, um Karten zu spielen und mußte nun ohnehin die allgemeine Unterhaltung über sich ergehen lassen. Er riß den wütenden Franzosen mit einer Hand, die tödlich erschrockene Näherin mit der andern Hand vom Tische weg, zur Türe hinaus in das Billardzimmer hinein. Jan van Muyden wollte nach. Da schlug der friedliebende Westfale kurz entschlossen die Verbindungstüre zu, gab dem jungen Mädchen ihren Schal, dem Franzosen Mütze und Paletot in die Hand und drängte alle beide ruhig und energisch zum Restaurant hinaus, indem er abwechselnd auf beide einredete:

„Tu t’en vas, Pierre, avec ta petite dame, c’est entendu! -- Allons marsch, du dummes Ding, nimm ihn mit oder macht, was ihr wollt, aber schert euch fort! -- --“ Wenige Sekunden später war der Champion von Paris, die „rote Nelke,“ samt seiner Schönen ins Freie befördert. Paul Kiesling wendete sich um; seine schmalen Lippen umspielte ein flüchtiges Lächeln.

„Was war denn das, Paul?“ fragte Thyssen, der immer noch bei der hübschen Frau Jolly an dem Schenktische stand.

„Nichts,“ versetzte der Westfale ruhig, „du weißt, ich kann Radau absolut nicht leiden... Ein Spielchen wäre mir lieber...“

„O Gott!“ schrie die Wirtin unter Lachen, „Sie sind mir einer.... Wie Sie das Mädchen am Arm hatten, grade wie eine junge Katze...“

„Genau so,“ sagte Kiesling ernsthaft. „Die Mädchen müssen ihren Herrn spüren, dann sind sie leichter zu behandeln, wie junge Katzen.“

Er blieb noch einige Minuten am Büfett stehen und trank einen Schnaps, den er sich aus Wermut und Sherrybrandy selber mischte. Dann ging er in das Klavierzimmer zurück.

Jan van Muyden hatte schon zu viel getrunken. Er kokettierte jetzt mit der Geliebten Aloys Binders, Madame Celeste. Er hatte den leergewordenen Platz des Franzosen eingenommen und redete leise auf die schlanke, schöne Frau ein. Celeste saß in ihrer weißseidenen Theaterrobe stumm da, hatte die wunderschönen, feinen Hände im Schoße gefaltet und blickte mit weitoffenen, sehnsüchtigen Kinderaugen vor sich hin. Sie hatte noch kein Wort gesprochen und lehnte Jan van Muydens Reden nur mit traurigem, stillem Kopfschütteln ab. Zum Glück hatte Binder, der mit Eberhard in ein eifriges Gespräch gekommen war, noch nichts bemerkt, denn wenn seine Eifersucht einmal erregt gewesen wäre, hätte niemand mehr eine furchtbare Szene aufhalten können. Paul Kiesling übersah mit einem Blick die Situation. Er legte dem Münchener die Hand auf die Schulter und sagte:

„Es ist nicht richtig, Aloys, daß Madame sich den ganzen Abend langweilen muß... Sieh her, sie schläft fast ein... Du, Jan, ich mache dir einen Vorschlag: mache mit mir und dem Sergej ein Spielchen! Wir haben noch genug Zeit....“

Das war dem Holländer recht. Auch Roditscheff stand auf, und die drei Athleten gingen ins Büfettzimmer, wo sie nahe dem Ofen sich um den runden Tisch setzten. Roditscheff zog ein neues Spiel aus der Tasche und begann die Karten zu mischen. Inzwischen öffneten Kiesling und van Muyden ihre Geldbörsen und legten jeder ein Häufchen Gold- und Silbermünzen vor sich auf den Tisch. Der harte Zug um Kieslings Mund vertiefte sich, seine stahlfarbigen Augen blitzten. Liebe und Karten gingen ihm über alles in der Welt; aber noch lieber als die reizendsten Frauen waren ihm diese bunten Blättchen....

An den Tisch war der Friede zurückgekehrt. Man unterhielt sich freundschaftlich in fünf verschiedenen Sprachen, trank helles Bier aus geeichten Gläsern, und einige rauchten. Hermann Thyssen stand immer noch bei der appetitlichen Wirtin am Schenktische und zählte die Knöpfe an Frau Jollys schwarzseidener Taille, indem er mit dem Finger auf die Knöpfe tupfte, die in enger Reihe vom Halse über die volle Brust gingen. Plötzlich hielt draußen mit großem Lärm ein Automobil, und dann hörte man den Tritt von flinken Frauenfüßen und ausgelassenes Mädchenlachen; die Türe wurde aufgerissen, und herein wirbelten und flogen fünf lachende Geschöpfe in eleganten Toiletten und prächtigen Hüten, die den frischen Hauch der nächtlichen Schneeluft und teure, starkduftende Parfüms in ihren Röcken mitbrachten. Hinter ihnen erschien Willi Lehmann, der heute abend seinem Prinzip, sich in Zukunft nur noch von anständigen Damen verehren zu lassen, untreu geworden war. Die gelbseidne Adele, seine Freundin aus früherer Zeit, stieß einen lauten Freudenschrei aus, als sie die vielen Athleten im Nebenzimmer erblickte, warf Hut und Pelzcape in eine Ecke, raffte ihre Röcke mit einem sichern Griffe bis über die Kniee hoch und sprang Eberhard Freidank ohne weiteres auf den Schoß.

„Heißt du nicht Roland?“ rief sie unter Küssen, „ja, siehst du, Dicker, ich habe mir sogar deinen Namen gemerkt!“

Nun kamen die andern Mädchen auch herbei. Es war ein allgemeiner großer Aufstand, mit dem jeder einverstanden war. Im Klavierzimmer stand ein altväterisches Ledersofa, mit altmodischen, weißen Porzellanknöpfen genagelt. Auf dieses Möbel ließen sich zwei der lustigen Frauenzimmer kreischend niederfallen, die Tische wurden herangerückt, die Athleten mit den beiden Damen rückten nach; ein Mädchen setzte sich neben Petrocchi, die kleine Blondine, die das Brillantarmband nach Thyssen geworfen hatte, nahm zwischen dem „Apollo von Berlin“, den sie früher als Modell gekannt hatte, und Mikita Zirkovitsch Platz, und die gelbseidne Adele blieb auf Freidanks Schoße sitzen. Die Mädchen schrien und lachten durcheinander und ließen einander nicht zu Worte kommen; Willi Lehmann erzählte gleichfalls schreiend von seinem Rendezvous, welches nur sehr kurze Zeit gedauert hatte, denn seine Dame, eine Rechtsanwaltsfrau, hatte ihn nur auf morgen in ihre Wohnung bestellen wollen; glücklicherweise kam gerade, als er der Dame die Hand zum Abschied reichte, die gelbe Adele mit ihren Freundinnen daher, die Mädchen umringten den alten Bekannten mit lärmendem Entzücken, Adele hängte sich in seinen rechten Arm ein, ihre Busenfreundin Magdalene Leblanc in den linken, und so waren seine Grundsätze kraftlos geworden... Alle fünf Mädchen hatten heute abend ihre Verehrer und ihr Gewerbe im Stich gelassen um des ordinären, häßlichen Athleten willen; die tolle Schar war mit ihm durch eine ganze Anzahl von Halbweltlokalen gestürmt, um den plumpen Menschen mit der Mongolenfarbe und den struppigen, schwarzen Borstenhaaren im Triumphe zu zeigen. Endlich war es Adele plötzlich in den Sinn gekommen, zu Jolly zu gehen; sofort waren alle sechs in ein Automobil gesprungen, und da waren sie...

Hermann Thyssen bequemte sich jetzt auch, seinen Platz am Tische wieder aufzusuchen. Er hatte die kokette Sprödigkeit der Wirtin lange genug genossen, und der schwüle Chypreduft der Demimondänen stieg ihm freundlich und verheißungsvoll in die Nase. Langsam, mit stolzem, liebenswürdigem Lächeln, den Hohenzollernschnurrbart steil aufgerichtet, kam er näher. Magdalene Leblanc, die auf dem Kanapee saß, flog auf, wie der Pfeil vom Bogen, und zog den Weltmeister mit verliebter Gewalt zu sich heran. Er mußte zwischen ihr und der roten Alli sitzen. Er sah sich nun seine beiden Nachbarinnen an. Magdalene war eine blasse Brünette mit lilienschlankem Körper und einem perversen lüsternen Gesicht, aus dem die dunkeln, schwarzumränderten Augen wie meerestiefe Fragen blickten. Der schlanke, lasterhafte Leib trug mit aparter Grazie ein feuerrotes Prinzeßkleid, das bis unter die Hüften eng wie eine Schlangenhaut anlag und erst bei den Knieen in weichen Falten auseinanderfloß. Die rote Alli war ein bequemes, üppiges Frauenzimmer mit phlegmatischen Gesten und gutbürgerlichen Manieren, deren Spezialität darin bestand, ganz unsäglich gemeine Geschichten zu erzählen, über die selbst Lebemänner erröten konnten. Alli besann sich nicht lange und begann sofort voll Behaglichkeit ihre gepfefferten Gemeinheiten vorzutragen. Hermann Thyssen saß zurückgelehnt, von den schlanken Armen der lasterhaften Magdalene zärtlich umrankt, und war fast außer sich vor Vergnügen. Im Leben hatte er noch nicht so gemeine Redensarten aus dem Munde eines weiblichen Wesens, selbst wenn es eine Dirne war, vernommen. Und diese hier erzählte ihre schamlosen Eindeutigkeiten mit freundlicher Seelenruhe, als ob sie aus der Zeitung vorläse....

„Jolly!“ rief Hermann Thyssen schallend durch das Zimmer, „Jolly, was hast du für Wein? -- Ihr seid alle meine Gäste -- --!“

Der Wein wurde gebracht; wie Hochwasser stieg die Fröhlichkeit und schwoll zu immer lauterem Jubel an. Einmal ärgerte sich Roditscheff, der noch mit Kiesling und van Muyden am Spieltisch war, daß er nichts von der Gesellschaft der Weiber haben sollte, und während Paul die Karten mischte, ging er an den Tisch hinüber und bändelte mit der roten Alli an:

„Na, Pummel, wie ist’s? Kommst du mit mir?“

Das Mädchen fühlte sich beleidigt; sie hielt die Anrede des Ringkämpfers für eine Anspielung auf ihre phlegmatische Wohlbeleibtheit, und gerade die haßte sie; denn sie wollte durchaus als schlank gelten. Sie erwiderte giftig:

„Ich denke nicht daran! -- dein Genre liegt mir nicht! Ich bleibe bei Thyssen... Wenn du mit Thyssen zum Ringen kommst, fliegst du doch auf den Hintern!“ --

„Du bist gut unterrichtet, mir scheint! --“ rief Kiesling, der die Karten ausgegeben hatte, hinüber. „Komm her, Sergej, und laß die freche, rote Wanze sitzen!“

Sergej ging zum Spiele zurück. --

Längst hatte Emil Jolly die Außentür des Lokals geschlossen.

Die gelbseidene Adele saß frech und verführerisch auf Eberhard Freidanks Knieen und trank mit ihm aus einem Glase. Die gesuchte Demimondäne trug eine tiefausgeschnittene Robe von schwarzen Spitzen über gelbem Atlas. Ihr heißer Körper lehnte sich an seine Schultern, und mit jedem Atemzuge trank er den üppigen Duft des eleganten Frauenzimmers, fortwährend sah er den weißen, gepuderten Hals dicht vor sich. „Dir scheint ja furchtbar warm zu sein, Roland!“ sagte Adele, „macht das meine Nähe? -- Warte, ich knöpfe dir den Kragen ab!“ Mit großer Geschwindigkeit befreite sie ihn von der Krawatte und dem Halskragen, legte ihren Arm um seinen nackten Hals, suchte mit der Hand seine breiten Schultern...

Frau Anna, die energische Wienerin, stand auf und nahm ihren Mann mit, der sehr ungern ging. Da herrschte Aloys Binder seine Freundin an: „Du ziehst dich an, Celeste, und gehst mit Frau Helu nach Hause! -- Mußt ohnedies bei unserer Wohnung vorbei! Schnell, marsch, nach Hause mit Dir!“ Celeste gehorchte ohne Widerrede, und alle drei entfernten sich...

Die rote Alli hatte Appetit bekommen; Emil Jolly mußte herbeischaffen, was das Lokal um diese Stunde bot. Unter Freudengeschrei verzehrte die ganze Gesellschaft eine Dose Rollmöpse, kalte Schweinskoteletts, einige Endchen Wurst, eine Büchse Sardinen und eingemachte Pfeffergurken. Alle speisten ohne Messer und Gabeln, ohne Teller und Tischtuch von dem rohen, reichlich mit Bier und Wein begossenen Tische.

Die Gegenwart der wohlgepflegten, eleganten Dirnen entflammte in allen diesen berauschten, starken Männern die wildesten Triebe. Ihre Wünsche wurden immer rückhaltloser, ihre Zärtlichkeiten immer verwegener. Aber die Frauenzimmer hatten sich mit dem eigensinnigen Wohlgefallen der Freudenmädchen, die einmal selbst wählen konnten, bestimmte Ringkämpfer herausgesucht. Die Polenkascha, eine starke, sinnliche Slavin, küßte fortwährend den dicken Giacomo Petrocchi ab, ohne für einen andern ein Auge zu haben; die kleine, blonde Brillantenfrieda hatte ihr Herz für diese Nacht an August Bluhm, den Apollo von Berlin, verloren, und Hermann Thyssen hatte sich längst mit Magdalene und Alli verständigt; er wollte die originelle Lasterhaftigkeit von allen beiden genießen... Und die gelbseidene Adele, die Willi Lehmann endgültig untreu geworden war, herzte Eberhard ohne Pause. Sie sprang hinter seinen Stuhl und legte ihm ihre vollen, weichen Arme um den Hals, hüpfte wieder auf seinen Schoß und ließ sich von ihm füttern. Sie neigte ihren Mund zu seinem Ohre und flüsterte verlockende Worte hinein... „Ja -- --,“ flüsterte Eberhard mit heiserer, erstickter Stimme zurück. Er ging in den Korridor hinaus, um seinen Mantel zu holen; als er zurückkehrte, stand Adele schon in Hut und Pelzcape da. Jetzt erst bemerkten die anderen ihren Aufbruch; man wollte sie zurückhalten, man rief ihnen rohe Zweideutigkeiten zu, aber nicht einmal die neuerwachte Passion Willi Lehmanns, ihres ehemaligen Zuhälters, der an seine alten Rechte erinnern wollte, vermochte sie zu halten. Eberhard Freidank rief mit starker Stimme: „Gute Nacht!“ und ging schnell davon; ihm nach, mit pikant hochgehobenen Röcken, unter denen die duftenden Jupons knisternd rauschten, flog die gelbseidene Adele. -- --

VII.

Es war anderthalb Wochen später, des Vormittags um elf. Fritzi war gerade aufgewacht. Sie lag auf der Seite, mit dem Kopf auf ihrem rechten Arm, und betrachtete blinzelnd die Tapete an der Wand. Sie überlegte, ob sie endgültig aufwachen oder versuchen sollte, noch einmal einzuschlafen. Da ging die Türe auf und wurde wieder geschlossen. Die Chansonette sah sich gar nicht erst um, denn das Klirren der Kaffeetasse auf einem Tablett verriet ihr, daß die Wirtin ins Zimmer getreten war. Und Fritzi war so faul!

„Fräulein!“ sagte die Witwe strengen Tones, „Fräulein, sind Sie schon munter?“

Das junge Mädchen zog vor, abzuwarten, ob sie für die Hausfrau schon aufgewacht sein sollte oder nicht und blieb unbeweglich liegen. Die Wirtin wartete den Erfolg ihrer Anrede ab und begann wieder:

„Ich meine Ihnen, Fräulein! Geben Sie doch Antwort, wenn man mit Sie redet! -- Ich wollte Ihnen nur sagen: ich dulde es nicht länger, und es ist mir mit Sie schon längst zu dumm geworden! Nein, es paßt mir nicht mehr!“

Die Frau hätte noch lange weiterreden können, aber jetzt konnte die Chansonette zu ihrem Leidwesen das Lachen nicht mehr verhalten. Langsam und behaglich schob sie sich im Bette herum, dehnte sich und fragte, während sie sich mit beiden Fäustchen den Schlaf aus den Augen rieb, vergnügt:

„Was denn, Frau Krichelmann?“

„Was?“ versetzte entrüstet die Hausfrau, „das fragen Sie noch? Na, wenn Sie es durchaus hören wollen: Ihr Lebenswandel ist mir zu bunt! -- Als der Herr Freidank die Stube für Ihn’ mietete, sagte er: „Meine Braut ist ein sehr anständiges junges Mädchen.“ Gut, sagte ich, soll mir lieb sein. Wenn ’n junges Mädchen ihren Bräutigam hat, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich sage nichts gegen den Herrn Freidank, o nein! Der ist sehr anständig! Er hat mir Ihre Miete immer pünktlich bezahlt! -- Aber mit Ihnen, Fräulein... Finden Sie das anständig, so oft Besuch zu kriegen und mitzubringen? -- Und was bringen Sie sich alles mit! Ich habe gestern abend aufgepaßt... Einen Menschen, wie ’n Steinträger, anders nicht... Das müßte Ihr Bräut’jam wissen! -- Ich sage Ihnen, es ist mir zu dumm, Fräulein. Ich will mein Haus rein halten! -- Ich sage es Herrn Freidank, und Sie müssen ziehen! Für dreißig Mark werde ich meine Stube jeden Tag mit Kußhand los!“ --

Fritzi hatte den Redestrom nicht unterbrochen. Jetzt hörte sie endlich auf, in ihren Augen zu reiben, schüttelte die Locken, die sich wie lustige schwarze Schlangen um ihre Stirn ringelten, zurück und sagte mit strahlendem Lächeln nichts als:

„Ach nee?!“

„Das sagen Sie!“ erwiderte Frau Krichelmann empört, „aber ich sage: ach ja! -- Was denken Sie von mich und meinem Haus? Ich habe eine anständige Pension und keinen Taubenschlag! Und darum bleibt es dabei, Sie ziehen!“

„Nun seien Sie mal gemütlich, Olleken!“ sagte die Chansonette mit ihrem niedlichen Kinderlächeln, indem sie die spitzigen Mäusezähnchen zeigte. „Ich gehe ohnehin bald fort, wenn Eberhard nach auswärts ins Engagement geht!... Aber bis dahin nicht! Ich habe Sie grade fragen wollen, ob Sie mir nicht lieber das Vorderzimmer vermieten wollen. Das ist ja leer geworden. Ich habe heute grade Zeit, meine Sachen umzuräumen!“

„Die Stube mit dem Flureingang?“ fragte die Hausfrau milder, „ja, die kostet aber sechszig Mark ins Monat! Das wird Herr Freidank wohl nicht bezahlen wollen!“

„Bisher kostete die Stube fünfzig Mark,“ konstatierte Fritzi, „aber es ist mir einerlei, ich zahle auch sechszig... Nein, Freidank braucht das nicht zu wissen, sonst wird er am Ende neugierig, wozu ich einen eigenen Eingang brauche ... Na, seien Sie vernünftig, Olleken! Wer wird denn gleich am frühen Morgen ’n Krach machen?“

„Das ist also abgemacht,“ sagte die vorsichtige Hausfrau nun ganz besänftigt, „Sie nehmen von heute ab das Flurzimmer! Ist mir schon recht, wer über’n Flur geht, geht mich nichts an... Na, Sie verstehen mich, Fräulein Fritzichen! Von Krach ist nicht die Rede... Übrigens trinken Sie jetzt mal Kaffee, Kindchen! Warten Sie einen Augenblick, ich habe noch ’n Stückchen Napfkuchen von gestern; das hole ich Ihnen schnell!“

Sie war jetzt ganz Sorgfalt und mütterliche Fürsorge, brachte den Kuchen, goß Fritzi Kaffee ein, zog sich einen Stuhl ans Bett und während das junge Mädchen zu frühstücken begann, fragte Frau Krichelmann, den Oberkörper vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie gestüzt, vertraulich mit neugierigen Augen:

„Wer war denn nun der Herr von gestern Abend, Fräuleinchen?“

„Ach, Sie!“ sagte Fritzi mit ärgerlichem Lachen, indem sie den Kuchen in den Kaffee tauchte, „erst erzählen Sie mir was von Lebenswandel und so, und dann wollen Sie wieder alles wissen! --“

„Fritzichen!“ erwiderte die Wirtin, „mich kennen Sie doch! Ich nehme es doch einem hübschen, jungen Mädchen nicht übel, wenn sie sich amüsiert! Aber in meiner Wohnung .... Was nicht über meinen Korridor geht, sehe ich nicht! Davon weiß ich nichts! Sie wissen nicht, wie es mich freut, daß Sie das Zimmer zu sechszig genommen haben --! Na, nun erzählen Sie mal!“

„’n Ringkämpfer,“ sagte Fritzi einsilbig.

„Einer von Herrn Freidanks Bekannten aus’m Theater? Da nehmen Sie sich man in acht, Kindchen, daß Ihrer nicht dahinter kommt!“

„Nee, bloß aus der Ringkampfschule,“ vertraute das junge Mädchen nun der Wirtin an. „Er ringt in ’ner Bude, auf’m Rummel! Freidank kennt ihn aber! -- Ich kann gar nicht begreifen, Frau Krichelmann, daß mein Bräutigam nichts von allem bemerkt hat! -- Gestern war es ja ungefährlich; da ist er gleich nach der Vorstellung zu seinen Studenten auf die Kneipe gegangen. Seine Bekannten haben keine Ahnung, daß er jetzt Ringkämpfer ist! -- Ja, sonst müssen wir schlauer sein, Justav und ich! Denn am ersten Abend waren wir zu unvorsichtig... Da hat er mir im Theater so viel zugesetzt, bis ich mit ihm losgegangen bin, ehe die Vorstellung zu Ende war. Freidank wollte mich aus der Loge abholen, aber als er mich suchen kam, bin ich längst mit Justav’n auf und davon gewesen! -- Daß er davon nie ein Wort gesagt hat, nicht einmal gefragt, wo ich hingegangen war, das versteh’ ich nicht, Frau Krichelmann. Eberhard war an dem Abende zum ersten Male auf der Bühne, und das wollten wir doch zusammen feiern!“

„Vielleicht hat er sich selber an dem Abend etwas vorgenommen, was er Ihnen auch nicht sagen durfte!“ meinte die welterfahrene Wirtin nachdenklich. „Aber wie ist es denn mit Herrn Justav’n, bekommen Sie von dem auch was Reelles geschenkt?“

„Ach nein!“ lachte Fritzi belustigt. „Der tut so, als ob ich noch froh sein könnte, daß ich ihn überhaupt habe! -- Da ist mein Bankier freilich anders... Wenn ich den nicht hätte, Frau Krichelmann! Gestern hat er mir wieder drei seidne Blusen und einen Hut gekauft --!“