Die Starken: Ein Athleten-Roman
Part 6
Die Ringkämpfer verließen die Bühne, um sich in den Garderoben umzukleiden. Nur die sechs Ringer des Abends blieben auf der Bühne. Van Muyden und der Berliner mußten sofort zum Kampfe antreten, die übrigen vier hüllten sich in Laken und Bademäntel. Sie standen plaudernd beisammen und schimpften auf Englisch über die Kälte. Sala ben Brahim verstand nicht viel Englisch, aber er schimpfte mit. Thyssen, dem Mikita Zirkovitsch den hellen Mantel um die Schultern gelegt hatte, sprach noch einige Worte mit dem Serben und verabschiedete ihn dann durch eine einfache Kopfbewegung. Er stand nun allein, fest in seinen Mantel gewickelt, und sah schweigend hinter der ersten Kulisse dem Ringkampfe zwischen van Muyden und August Bluhm zu. Niemand sprach ihn an, und er schien niemanden zu sehen. Doch als Eberhard an ihm vorbeiging, fühlte er wieder, wie vor einigen Wochen im Theaterbureau, jenen ruhigen und dabei flammengleichen, unergründlichen Blick des Matadors auf sich gerichtet. Er spürte ihn noch, als er in die Garderobe trat, in der ein Teil der Athleten schon mit dem Umkleiden beschäftigt war, während andere noch plaudernd umherstanden.
Vittorino Cardo war seinem Bruder behilflich, das Obertrikot über den Kopf zu ziehen. Inzwischen fragte Giacomo mit knabenhaftem Lächeln:
„La réprésentation finie, où irons-nous?“
„Nach Hause,“ erwiderte der Ältere freundlich. Auf jede Bildungsmöglichkeit bedacht, sprach er mit Giacomo gern in der Sprache des Landes, wo sie jeweilig auftraten.
Giacomo sah ihn unglücklich und erschrocken an, und der Ausdruck seines Gesichtes war so entsetzt, so kindlich betrübt, daß Vittorino rasch sagte:
„Va, nous irons souper quelque part.... ou au café... ou même ce que tu voudras....“
Da war Giacomo wieder fröhlich und lachte wie ein zufriedengestelltes Kind. --
Manuel Gomez, der immer ungeduldig war, hatte sich eben durch seine rohen, heftigen Bewegungen das Trikotbeinkleid zerrissen. Nun besah er den Schaden und stieß auf Spanisch die gotteslästerlichsten Flüche aus, in denen allen Heiligen übel mitgespielt wurde und besonders „el culo de la Madona“ in unehrerbietiger Weise erwähnt wurde. Willi Lehmann sah dem Spanier zu, wie er über ein kleines Mißgeschick wütete, und mußte über Gomez’ Zorn und seine unanständigen Flüche so sehr lachen, daß er die Schnürbänder seiner Ringstiefel nicht aufknüpfen konnte. Immerfort lachend reichte er Eberhard, seinem Bekannten aus der Traininghalle André Leroux’, die Hand und erkundigte sich nach Fritzi. Eberhard erwiderte wortkarg, daß es ihr gut gehe, und brach sofort die Unterhaltung mit dem Zirkusathleten ab.
Eben kam ein Kellner in die Garderobe und fragte nach Herrn Binder. „Das bin ich,“ sagte Aloys Binder, „was willst du denn von mir?“ Er saß in Unterhosen auf einem Koffer und sah den hübschen Kellner frech und neugierig an. „Ich bringe Briefe,“ erwiderte der Kellner, „fünf Briefe -- bitte.“ „Weiter nichts?“ sagte der Ringkämpfer verdrießlich, „Briefe? -- Richtig, vier Briefe und ein Zettel! -- Natürlich von Weibern... Hat einer von euch vielleicht Verwendung für die Weiber?“ fragte er mit zynischem Lachen, indem er die Briefe in der Luft schwenkte.
„Wenn du se nich brauchen kannst --,“ sagte Willi Lehmann gierig, „denn zeig ma’ her... Ick könnte ja vielleicht eena oda zwee’n den Jefallen tun... Ick bin for die Weiber, aber ick jenieße se sehre mit Vorsicht!“
Und er griff nach den Briefen, die Aloys Binder ihm ohne weiteres zum Öffnen überließ. Eberhard staunte, wie gut der Zirkusringer sich dem Verkehrston der Champion-Athleten anpaßte. Jetzt riß er die Briefe auf; Binder, der immer noch in Unterhosen herumlief, und Lehmann lasen sie unter Gelächter durch und verkündeten ungeniert ihren Inhalt...
Diese Briefe, stammelnde, sinnlose Beteuerungen und Bitten voll Bewunderung und Leidenschaft, stammten seltener von jungen Mädchen, als von Frauen. Nur sehr blasierte junge Mädchen, die schon mancherlei Liebe genossen hatten, erlagen dem Zauber der athletischen Muskeln. Aber die jungen Frauen, jene, die an einen ungeliebten oder älteren Mann gekettet waren, jene, die in ihren Kreisen für keusch und unnahbar galten, sie brachen zusammen beim Anblick soviel starker, gesunder, muskulöser, wohltrainierter Männlichkeit. Die Flammen, die sie daheim unter Schweigen und Tränen, im verborgenen geweint, zu ersticken suchten, sie schlugen plötzlich auf und fraßen die natürliche Scham der Weiber auf, jene Scheu, die dem Weibe verwehrt, ihren Leib dem Manne selbst anzubieten. Dann verlangten sie, gleich im Theater, errötend, mit niedergeschlagenen Augen, Schreibzeug, spendeten dem Kellner, der ihr Liebesbote sein sollte, üppige Trinkgelder und warteten zitternd und verlangend auf den Starken, ob es ihm gefallen möchte, ihre Liebe anzunehmen...
Diesmal hatten die Schreiberinnen Glück. Willi Lehmann übernahm zwei der Briefe. An eine Dame wollte er schreiben, die andere hatte gleich einen Rendezvousort unweit des Theaters angegeben. Aloys Binder interessierte sich nur für eine Journalistin, die ihre Visitenkarte mit voller Adresse gesandt hatte. „Sowas habe ich gern,“ sagte er, „Malerinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, die machen Spaß... Die machen alles mit, kennen alles, sind nicht zimperlich und trotzdem nicht gerade gemein... Das einzige ist, sie zahlen nichts! Künstlerinnen zahlen nichts, und schenken auch nichts! Höchstens Bücher und solches Zeug! -- Aber diese kleine Zeitungsschreiberin, oder Dichterin, oder was sie ist, werde ich mir morgen mal ansehen. Schreibt, daß sie dreiundzwanzig Jahre alt ist. Wenn’s wahr ist....“ Dazwischen kam ihm ein Gedanke: „Hast du denn Geld genug bei dir?“ fragte er lauernd.
Willi Lehmann, der gerade vor einem halbblinden Spiegel seine grellfarbige Krawatte umband, drehte sich schnell um, als ob er schlecht gehört hätte:
„Jeld? -- Mensch, ist das dein Ernst? -- Wenn man von ’ne Donna injeladen wird, ooch noch wat bezahlen? -- Ach nee, Willi Lehmann nich! Da müss’n se de Zeche zahlen un außerdem noch orntlich blechen, die Weiber, wenn ick mir for ihr Vajniejen bemüh’n soll!“
Er setzte den runden, steifen Hut auf und verschwand. Gleich hinter ihm verließen Sergej Roditscheff und Paul Kiesling die Garderobe. An der Tür kehrte Kiesling noch einmal um. Er hatte bemerkt, das Roditscheff seinen Koffer nicht abgeschlossen hatte, ging zurück und steckte den Schlüssel zu sich.
„Immer die Ordnung!“ sagte der Russe in seinem harten Deutsch halb anerkennend, halb spöttisch. Kiesling begnügte sich damit, die Achseln zu zucken, und Roditscheff fuhr fort:
„Wohin schleppst du mich jetzt, Paul? Ins Theaterrestaurant?“
„Höchstens, um dort zu essen,“ versetzte der Westfale, „hernach gehen wir zu Jolly!“
„Kennst du das?“ fragte Sergej, „gibt es dort nette Pummels?“
„Das nicht,“ erwiderte Paul lächelnd, „mußt du gleich am ersten Abend wieder Mädels haben? -- Aber ’n kleines Spielchen gibt es bei Jolly.“ --
Das war dem Russen auch recht, und sie gingen zusammen fort.
Aloys Binder wollte auch zu Jolly gehen; er verabredete sich mit Eberhard, daß man sich später dort treffen wollte. Manuel Gomez hatte sich mittlerweile unter schrecklichem Fluchen angekleidet. Er verstand Französisch und ließ sich ebenfalls die Adresse des Restaurants Jolly geben. Dann setzte er seine großkarrierte Schirmmütze auf den wilden, eckigen Lockenkopf und stampfte ohne Gruß hinaus.
Binder war endlich mit seiner Toilette fertig geworden. Er stand von seinem Koffer auf, reckte seine nervigen Arme aus und sagte mit einem tiefen Seufzer:
„Jetzt fängt mein Nachtdienst wieder an. Mein Drachen hat Ordre, vor dem Theater zu warten... Will mal sehen, vielleicht schicke ich sie direkt nach Hause... Ich kann Ihnen sagen, Roland, so’n Reisedrachen ist das schlimmste, was man sich auf den Hals laden kann!“
Eberhard wußte nicht, von wem der Athlet sprach, und fragte darum vorsichtig: „Wieso?“
„Wieso --?“ fragte Binder gedehnt, „das fragen Sie? Ein Frauenzimmer, das einem Tag und Nacht nicht vom Halse geht? Das einen wie ’n Schatten verfolgt? -- Und nimmt man sich mal irgend ’n andern hübschen Balg mit nach Hause, ist gleich der Teufel los mit Heulen und Vorwürfen .... Na, mein Drachen ist ja kusch! Die hat’s ja endlich gelernt.... Die ist so zahm geworden... Wenn ich mir ’n andres nettes Ding zum Besuch mitbringe, zieht sie ihr Schuhe und Strümpfe aus, wenn ich’s verlange, und bringt uns morgens den Kaffee ans Bett!.... Ja, das hat aber genug Hiebe gekostet!“
Eberhard Freidank war entsetzt. Wie zynisch renommierte dieser häßliche, rohe Münchener mit seiner perversen Verworfenheit! Zum Überflusse zog er jetzt die Brieftasche und nahm eine Photographie heraus, die er mit den Worten: „Da sehen Sie meinen Drachen!“ vor Eberhard auf den Tisch warf. Trotz seines Widerwillens konnte Freidank nicht anders, als das Bild ansehen.
Es war das Porträt einer unbeschreiblich lieblichen Dame, die acht- oder neunundzwanzig Jahre alt sein mochte. Das zarte, vornehme Gesicht hatte einen kindlichen, rührenden Reiz, die schmale Aristokratennase und die großen, zugleich unschuldigen und sehnsüchtigen Augen waren auffällig schön. Unter diesem Bilde stand: In Ewigkeit. Celeste.
Eberhard gab schweigend die Photographie zurück. Er wußte nicht, wie er die zynischen Reden des Athleten mit diesem Porträt des lieblichsten Engels in Einklang bringen sollte. Übrigens kamen eben Jan van Muyden und August Bluhm von der Bühne zurück, wo sie eine halbe Stunde miteinander gerungen hatten, ohne daß einer von ihnen gesiegt hatte. Von einer Gegnerschaft der Beiden war nichts zu bemerken. Sie trockneten sich den Schweiß ab und rieben sich dann gegenseitig den Oberkörper mit wollenen Frottiertüchern. Wenige Minuten später erschienen auch Lanfrey und Frank Argyll. Der kleine, braune Neger war von dem langen Irländer zwei Minuten nach Beginn des Kampfes besiegt worden. Er schüttelte wehmütig sein häßliches, braunes Köpfchen und erklärte melancholisch, daß Lanfrey nicht nötig gehabt hätte, ihn mit so viel Wucht über die Schulter zu werfen; er hätte ihn doch besiegt, no doubt... Und er schüttelte fortwährend den Kopf. Lanfrey hörte gar nicht auf die Vorwürfe Argylls in dem schlechten Neger-Englisch. Er war Temperenzler, hielt alle übrigen Menschen für Säufer und verachtete sie wegen ihrer Trunksucht tief. --
„Guten Abend!“ sagte Eberhard energisch. Er sehnte sich, ins Freie zu kommen. Das kindische und sinnlose Treiben seiner Kollegen in der Garderobe widerte ihn an. Die Bühne war augenblicklich ganz leer, da Thyssen vorne mit Sala ben Brahim rang. Dabei duldete der Weltmeister niemanden in den Kulissen. Eberhard trat aus dem Bühnenraum durch eine kleine Tür, die auf den schmalen Gang hinter den Logen führte. Er suchte seine Freundin Fritzi. Zu seiner Überraschung war Fritzi nicht mehr da. Sollte sie schon nach Hause gegangen sein? Er fragte den Schließer, der nur wußte, daß eine kleine brünette Dame mit einem Herrn fortgegangen war... Eberhard dankte; das konnte also Fritzi nicht sein. Wo aber war sie dann? --
Er stieg die Treppe hinunter und gelangte in den Theatersaal. Dort war das Fieber der Sportleidenschaft aufs Höchste gestiegen. Auf der Bühne rangen, balgten und wälzten sich die ineinander verschlungenen Leiber Thyssens und des Türken. Eben gab der Manager dem Orchesterdirigenten einen Wink; die Musik mußte schweigen. Bisher hatte der laute Marsch das Geräusch des Ringkampfes übertönt und immer noch ein wenig die Aufmerksamkeit abgelenkt. Nun breitete sich herzbeklemmend eine aufregende Stille aus und nur von der Bühne drang das heftige, animalische Stöhnen des Türken. Der mattbraune Leib Sala ben Brahims war schon ganz mit Schweiß bedeckt. Der Schiedsrichter pfiff und unterbrach die Ringer auf eine Minute, während welcher die Gegner abgetrocknet werden sollten. Der Türke verschwand; Hermann Thyssen blieb mit ruhigem, hochmütigem Gesicht nahe an der Kulisse stehen, fing ein ihm zugeworfenes Handtuch auf und trocknete flüchtig über Arme und Hände. Seine zähe Germanenkraft war noch lange nicht erschöpft.
Dann trat Sala wieder auf, eine Hand an dem Amulett, welches er selbst beim Ringkampfe nicht vom Halse ließ. Ein Pfiff, und wieder gingen die Ringer hart aufeinander los. Thyssen machte jetzt Ernst. Der Türke, in seiner blinden Wut, stieß heulende, gurgelnde Töne aus; schon wieder war er in Schweiß gebadet, und man meinte das Dampfen seiner Flanken zu sehen und den bitteren Duft seines erhitzten braunen Leibes zu spüren. Da warf ihn Thyssen zu Boden; und ehe der Türke sich von der Matte erheben konnte, war sein Gegner blitzschnell neben ihn getreten, hatte den langen, dampfenden, widerstrebenden Körper um den Gürtel hochgehoben, so daß die Beine über seinem Kopf zappelten, und ließ den gänzlich Wehrlosen kopfunter zu Boden gleiten...
Es war der vollkommene Triumph der intelligenten, gebändigten Technik über die tierische Naturkraft. Und, durch einen Zufall, bot dieser Ausgang des Kampfes genau dasselbe Bild, wie das Plakat, welches noch in den Gedanken aller war. Ein wahnsinniger Beifallstaumel erhob sich; Männer und Jünglinge klatschten hingerissen dröhnend in die Hände, sprangen von den Sitzen auf, stürmten auf die Bühne, falteten die Hände und riefen in exaltierter Verzückung Thyssens Namen... Eine Demimondäne, eine allerliebste Blondine, die keine Blume zu werfen hatte, löste ihr Brillantarmband und schleuderte es nach dem Gefeierten; eine reife, schöne Frau von vielleicht vierzig Jahren sank ohnmächtig in die Arme ihres korrekten Gatten. Es war ein tosender Jubel, wie das Branden und Wogen eines großen Meeres, das zu Füßen des Athleten rauschte und tobte und über alle Ufer strömte. Es fehlte nur der Raum, daß alle die verzückten, außer sich geratenen Menschen vor ihrem Idol auf die Kniee gestürzt wären, um ihm göttliche Ehren zu erweisen.
So also wurden die Starken geehrt...
-- Eberhard ging schnell aus dem Theater. Er war doch bewegt von der imponierenden Szene, gewaltig durch die Einmütigkeit der Massen, der er soeben beigewohnt hatte. Als er in den Vorraum trat, wo die kalte Nachtluft ihm entgegenschlug, fiel ihm wieder ein, daß er Fritzi suchen wollte.
Er ging durch das Theaterrestaurant. Fritzi war nicht da. Er bestellte ein Glas Bier, um den Kellner unauffällig fragen zu können. Indessen besann er sich anders und fragte nicht. --
Am Nebentische saß Paul Kiesling und verzehrte ohne Hast sein Abendbrot. Sergej Roditscheffs Suppe stand auch auf dem Tische und wurde kalt. Denn der Russe lehnte an dem Büfette und plauderte mit der schönen Leonie. War es ohnehin ein Wunder, daß Fräulein Krömer sich so lange mit einem Herrn unterhielt, so verlangte der Ringkämpfer erst recht Unmögliches von ihr. Sie sollte von ihrem Thron an dem Büfette hinabsteigen und sich mit Roditscheff und Kiesling an den Tisch setzen. Die schöne Brünette konnte vor Lachen kaum zu Worte kommen. Mein Gott, hatte schon jemals ein Mensch ein solches Ansinnen an sie gestellt? Sie war doch keine Kellnerin? Dieser Athlet war wirklich unglaublich!
„Schade,“ sagte der Russe halb lachend, halb bedauernd. „Ein anderes Mal werden Sie bei uns sitzen, das weiß ich heute schon... Sie sind nur heute so stolz, Fräulein... Wie heißen Sie übrigens, Täubchen!“
„Leonie Krömer,“ sagte die Schwägerin des Direktors.
„Lona also,“ versetzte Roditscheff lächelnd und zeigte seine schönen, breiten Zähne. „Ich sage Lona zu dir... Das erlaubst du doch? -- Jetzt merke dir, Lona: ich kann nicht leiden, wenn die Mädel zu stolz sein wollen! -- Also vielleicht morgen, Lona!“
Er reichte ihr die Hand, in die sie zögernd einschlug, und ging mit seinem hohen, charakteristischen Gange zu seinem Freunde Kiesling an den Tisch. Fräulein Krömer sah ihm sprachlos nach mit merkwürdig brennenden Augen, Siegerin und doch besiegt...
Ein Schwarm der Gäste drang in das Restaurant. Eberhard ging hinaus. Eine fieberhafte Unruhe um Fritzi hatte ihn ergriffen. Er rief eine Droschke an und fuhr nach Fritzis Wohnung.
In dem Wagen, bei dem gleichgültigen Rollen der Räder, stieg all das Dumpfe, Zweifelvolle in ihm langsam empor, welches er in den letzten Wochen beständig unterdrückt hatte. Es war das: er vertraute ihr nicht mehr. Das ist ein schreckliches Ding, das Mißtrauen. Das bohrt und wühlt -- und dann wird es wieder beschwichtigt. Man schließt die Augen, man tröstet sich selbst, man belügt sich selbst. Man glaubt, das schreckliche Ding ist tot und hat nie gelebt und hatte überhaupt kein Recht, zu leben. Und dann ist es mit einem Male wieder da, ganz groß und lebendig und wild, und bohrt und wühlt und wütet weiter...
Und die Liebe? -- --
-- Fritzi war nicht in ihrer Wohnung. Er hatte es sich gedacht. Und da kam ihm jählings ein süßer, liebreicher Gedanke: sollte Fritzi heimlich, gegen die Verabredung, in seine Wohnung geeilt sein, um ihn traulich zu empfangen? Sein Kopf sagte: nein. Aber die Liebe sprach: das törichte Kind, -- möglich wäre es... Die Droschke jagte nach seiner Wohnung. Er schloß leise, leise auf, daß Frau Ambrosius und Therese ihn nicht hörten. Es war alles dunkel und unverändert, wie bei seinem Fortgehen.
In sein Hirn bohrte sich der Gedanke ein: Ich muß sie finden. Durch die nächtlichen Straßen führte der eilende Wagen ihn in das Café Prätorius, wo er wohl hundertmal mit Fritzi gesessen hatte. Lauter fremde Gesichter; die Geliebte war nicht unter ihnen.
Und weiter fuhr er und blickte interesselos aus dem Wagenfenster. Draußen begann in linden Flocken der Schnee zu fallen. Die weichen, feinen Sternchen rieselten hernieder, tanzend, taumelnd, und glitten lautlos auf die Erde hinab. Eberhards Seele aber blieb dem sanften, beruhigenden Schauspiele des friedlichen, schimmernden Flockenfalles verschlossen. Seine Gedanken flogen dem dahineilenden Wagen voraus,... vielleicht, daß er Fritzi doch in dem Theaterrestaurant traf...
Direktor Immermann saß mit einer kleinen Gesellschaft um einen Tisch in der Nähe des Büfetts, wo er den ganzen Raum übersehen konnte. Als er Eberhard bemerkte, sprang er auf und lud ihn fröhlich und jovial an seinen Tisch ein. Eberhard, mit seinem Herzen voll Unruhe und Verzweiflung, konnte nicht anders, als der Einladung nachkommen. Immermann, behende und munter wie immer, zog den jungen Mann am Rockärmel heran und stellte ihn seiner Gesellschaft vor: „Herr Ringkämpfer Roland....“ Und er nannte die Namen der um den Tisch versammelten Personen. Es waren seine Gattin Adelheid, eine üppige, schönfrisierte Dame, ein Variétéagent, Fräulein Coeur de Rose, die Soubrette, ferner Thyssens Manager Herr Markus und Leonie Krömer. Roland mußte zwischen dem Direktor und seiner Frau sitzen. Er sagte der hübschen Dame einige Artigkeiten, über die sie höchst geschmeichelt mit charmantem Lächeln quittierte. Sie interessierte sich lebhaft für den jungen Riesen, von dessen romantischem Berufswechsel ihr Mann ihr erzählt hatte. Immermann selbst strahlte förmlich vor Bonhommie und vor Stolz, den neuen Athleten, der heute abend auf der Bühne eine äußerst stattliche Figur gemacht hatte, entdeckt zu haben. Auch Markus war von seiner Erscheinung eingenommen, obwohl er ihn noch nicht hatte ringen sehen. Auf viele Fragen mußte Eberhard aufmerksam Bescheid tun. Zum Überflusse fing jetzt auch noch Coeur de Rose an, mit ihm zu kokettieren. Da war seine ohnehin aufs höchste gespannte Geduld zu Ende. Er sagte hastig und überstürzt, daß er noch eine Verabredung habe, dankte für die Einladung Immermanns, noch ein Stündchen mit ihnen zu verbringen und stand auf, ohne den schmachtenden Blicken der galanten Soubrette Beachtung zu schenken. Während er mit Hilfe des Kellners in den Mantel fuhr, hörte er, wie Markus zu Immermann bemerkte: „Die Ringer sind einer wie der andere. Nein, es ist nicht leicht, mit ihnen auszukommen.“ Eberhard lachte grimmig; gut, mochte an diesem Abende, wo all sein Glück auf dem Spiele stand, nicht mit ihm auszukommen sein! Er verabschiedete sich vom Direktor und seiner Gattin, grüßte die übrige Gesellschaft durch eine rasche Verbeugung und eilte von dannen.
Wohin aber nun? --
Vor dem Theater war es dunkler geworden. Ein Teil der elektrischen Lampen war ausgelöscht. Der Schnee fiel immer noch, gleichmäßig, sanft und leise, und senkte sich auf die Erde nieder, wie große Flügel weißer Gottesengel. Nur die Seele des Mannes hatte keinen Frieden und war voll Bitterkeit und wilder Gefühle. Ihm war, als gleite er ins Bodenlose. Plötzlich fiel ihm die Verabredung bei Jolly ein. Also gut: gehen wir zu den Athleten! Und schließlich: wäre es denn so ganz unmöglich, daß Fritzi....
Eberhard schlug den Mantelkragen hoch, schob, mit einem Male unternehmend geworden, den Hut ziemlich weit auf den Hinterkopf, so daß ihm die Flocken auf Stirn und Schädel fielen, und schritt, beide Hände in den Taschen, zu Jolly. Er ging über die Spreebrücke und noch durch eine ganze Anzahl Straßen; er hatte die Straße, in der das Lokal sich befand, früher nie betreten. Es war eine alte Straße im Zentrum der Stadt, nicht weit von der Gertraudtenbrücke.
Das Restaurant Jolly sah äußerlich genau so aus, wie die meisten Berliner Wirtshäuser, in denen Kleinbürger und bessere Handwerker verkehren und abends ihre Partie Billard oder ihren Pfennigskat spielen. Das Wort „Sportrestaurant,“ welches sich auf dem Schilde zur Rechten der Tür befand, tat sich nicht besonders hervor. Es hieß Sportrestaurant, weil der Inhaber, ein ehemaliger Amateurathlet von gutem Rufe, es verstanden hatte, eine ganze Anzahl jüngerer Sportkollegen als Stammgäste seiner Wirtschaft heranzuziehen. Er hatte sie dann in einer Art Klub vereinigt und ihnen aus einem alten Lagerraum ein kleines, primitives Trainierlokal hergerichtet.
Heute, da die große Konkurrenz im Odeon eröffnet worden war und zwei Dutzend berühmter internationaler Champions der Kraft ihren Einzug in Berlin gehalten hatten, hatte das Restaurant Emil Jollys seinen großen Tag. Die Mitglieder des Amateurklubs Herkules, die sonst in diesen Räumen das Wort führten, sahen sich heute auf die Rolle der stummen, bewundernden, fast nur geduldeten Zuschauer angewiesen. Zu dieser späten Stunde -- es war ein Uhr des Nachts -- waren sie überhaupt schon fast sämtlich verschwunden; nur wenige der jugendlichen Herkulesse saßen und standen hier und dort schweigsam herum.
Eberhard schloß langsam die Türe und blickte sich um, indem er den Hut auf dem Kopfe behielt. Zur Linken des Einganges befand sich das Büfett, das von blankem Zinn und Messing glänzte. Aus kleinen, messingenen Brunnen sprudelte durch einen Hebeldruck das Bier. Auf hölzernen Zapfen standen viele Gläser, wie man sie für verschiedene Getränke braucht; ein hoher Likörschrank mit vier langen Reihen bunter, geschliffener Flaschen war in die Wand eingelassen. Dieses lustige Flaschenbataillon und die blanken, gelben Bierbrünnchen wurden von der Hausfrau selbst verwaltet. Frau Jolly, ein kräftiges, appetitliches junges Weib mit vollem, hochgeschnürtem Busen war sehr adrett und stattlich anzusehen im schwarzen, prallen Damastkleide mit der weißen Halsrüsche und dem weißen Tändelschürzchen, das chic und hausfraulich den runden Leib bedeckte. Und heute abend wurde ihrem frischen, rotbäckigen Charme die denkbar höchste Anerkennung zuteil, denn Hermann Thyssen, der Weltmeister, stand schön und würdevoll vor dem Büfette und beliebte mit der Hausfrau zu scherzen. Er, um dessen Huld sich die schönsten und elegantesten Frauen aller Länder bewarben, dem Prinzessinnen von Geburt und amerikanische Dollarladies zu Füßen lagen und an dessen breiter Brust, wie alle Welt wußte, eine leibhafte junge, anmutige, lebenslustige Königin geruht hatte!