Die Starken: Ein Athleten-Roman

Part 5

Chapter 53,352 wordsPublic domain

Tagsüber ruht das Odeontheater stumm, grau, unschön und unzugänglich, wie ein ungastlicher, schlafender Koloß. Der Torweg, rechts und links von Sandsteinsäulen flankiert, ist mit einem schwarzen, gußeisernen Gitter verschlossen. Aber wenn die Dämmerung alle Konturen verwischt hat, beginnt hier und dort ein Licht aufzublitzen, dem bald ein anderes folgt. Es werden immer mehr der Lichter. An allen Enden des großen Eckhauses steht abendwaches Leben auf. Nun erscheint über dem gemeißelten Sandsteinportale inmitten eines blendendweißen Flammenkranzes elektrischer Lampen der Name „Odeon“ in hohen goldenen Buchstaben. Jetzt ist an dem großen Gebäude nichts mehr grau und trist. Alle Konturen, alle Linien, alle Ecken treten klar, scharf und glänzend aus dem hellen, freudigen Lichte hervor; alle Fenster spiegeln heiter und einladend den Glanz der Bogenlampen wieder. Das Leben blitzt und lacht und funkelt aus dem erleuchteten Hause heraus, und darüber breitet die Freude ihre starken, sieggewohnten Schwingen. --

Die ersten Theaterbesucher erscheinen an der Abendkasse und lösen ihre Karten. Sie kennen die guten Plätze, sie verhandeln mit dem Kassierer und erhalten, da sie zeitig genug erschienen sind, ihre Lieblingssitze. Dann wenden sie sich zur Rechten und treten mit ihrem galantesten Lächeln in das elegante Theaterrestaurant ein, wo Fräulein Krömer, die Schwester der Frau Direktor Immermann, in ihrer üppigen, reifen Brünettenschönheit selbst an dem Büfette thront und mit stolzem, nachsichtigem Lächeln die Huldigungen ihrer Verehrer entgegennimmt. Welcher Theaterbesucher verehrt sie nicht? Kein Herr aber darf sich rühmen, jemals von Fräulein Leonie Krömer mehr empfangen zu haben, als ein freundliches Wort und ihr berühmtes, zugleich pikantes und selbstbewußtes Lächeln, das Lächeln, welches sich niemals das geringste vergibt, das Lächeln, welches rot und stolz wie Julirosen blüht. --

Im Theater brannten, da es noch zeitig war, nur erst die Wandleuchter und die Öllämpchen in den Gängen. Im Orchester war noch alles finster. Zwei Theaterarbeiter kamen durch den Spalt im Vorhange auf die Bühne hinaus, bis nahe an die Rampe, und schraubten ein Loch in den Fußboden; dann krochen sie durch denselben Spalt wieder zurück.

Auf der Galerie am hinteren Ende des Saales, wo die Sitze nicht numeriert sind, erschienen die ersten Besucher, wurde halblaut geflüstert, raschelten Programme.

Die Zeit war da; die unerklärliche, erwartungsvolle, aufreizende Theaterstimmung kam, als die bronzenen Riesengirandolen, die an starken Ketten von der hellen, hohen Decke des Saales herniederhingen, mit einem Schlage im Lichte ihrer elektrischen Kerzen erglänzten.

Im Orchester wurde hinter den dunkelgrünen Schirmchen hier und da eins der Pultlichtchen angezündet; dann schwirrten leise, nervöse Töne auf beim Stimmen einer Violine.

Die hohen Flügeltüren des großen, weiten, schönen Theatersaales standen weit offen, bereit, die Gäste aufzunehmen, die vorerst noch vor den Garderobespiegeln lächelnd ihr eigenes Bild bewunderten und heitere Blicke aufeinander warfen. Stets ist das Publikum der großen Variétés seltsam gemischt; heute aber hätte die Verschiedenheit dieser Gäste auch dem Unkundigsten auffallen müssen. Es gab da viele große, vierschrötige Männer mit herkulischem Körperbau und groben Gesichtszügen, Amateurathleten und Freunde des Kraftsports. Sie hätten, in so großer Zahl an einem Orte versammelt, zu jeder anderen Zeit Aufsehen erregt. Aber heute glitten die Blicke interesselos über sie hin, denn alles wartete auf die Starken, die erprobten, gefeierten Athleten.... In den Augen der Frauen glühte ein eigentümliches, heimliches Feuer. Es waren auffallend viele, schöne und elegante Frauen erschienen. Sie alle waren von einer Nervosität beherrscht, die sich hinter belanglosem Lächeln und kokett gesenkten Augenlidern verbergen wollte, und die heimlich fiebernde Unruhe zog ihre Blicke doch immer wieder auf die drei Meter hohen Plakate mit dem Bilde Hermann Thyssens, des Matadors, die den ganzen Raum dominierten. Auf blutrotem Grunde stand der Ringkämpfer, kampferbittert und siegessicher, und hielt seinen schwarzen Gegner kopfunter mit fürchterlichem Griffe hoch empor, bereit, ihn zu Boden zu werfen. Man sah die verzweifelte Gegenwehr des Negers, man sah die Anstrengung der starken Muskeln, den eisernen Griff der unwiderstehlichen Hände, die Energie der blauen Augen und des zusammengepreßten Mundes.... Sie lasen die Unterschrift: Hermann Thyssen, Champion of the World in Graeco-Roman Style -- und ihre verschleierten Blicke sagten lautlos und bebend: Champion... Herrscher... Herr... Herr....

„Was siehst du an dem Bilde?“ fragte Frau Ambrosius ihre Tochter, die nachdenklich vor dem Plakate stand. „Komme auf den Platz, Therese! Es hat schon geschellt.“

„Ja, gewiß,“ erwiderte Therese, „nur noch einen Augenblick, Mama!“

Das junge Mädchen konnte sich nicht versagen, noch einen eitlen Blick in den Spiegel zu werfen. Therese konnte zufrieden sein; die rosige Farbe der Erregung stand gut auf ihrem Gesichte, und die zierliche, weiße Bluse umhüllte eine anmutige und kräftige Mädchenbüste. Im nächsten Augenblicke aber schreckte sie leicht zusammen und wendete sich unwillkürlich um. Im Spiegel hatte sie Fritzi erblickt, Fritzi, deren Bilder in graziösen, lockenden Posen auf der Kommode in Eberhards Zimmer standen. Sie erkannte sie gleich so bestimmt, daß ihr kein Zweifel blieb. Das kecke, zierliche Geschöpf zupfte an ihrem Lockenscheitel, strich den prallsitzenden Rock noch glätter und hing sich dann wieder an den Arm ihres Begleiters, mit dem sie stolz durch das Vestibül in den Theatersaal hineinschritt.

Therese blickte dem Paare finster nach. Eine dumpfe, zornige Eifersucht stieg plötzlich in ihr auf. Diese kecke Chansonette mit dem schwarzen Haar und dem tänzelnden, spielerischen Schritte liebte Freidank... diese schmale, geschnürte Taille hatten seine starken Arme umfangen... Was war ihr Freidank, was konnte er ihr sein? Sie hätte es in dieser Stunde nicht sagen können; aber mit hellsehendem, weiblichem Instinkte faßte sie eine tiefe Abneigung gegen die andere...

„Kommst du nicht?“ fragte Frau Ambrosius ungeduldig, und dann, indem sie dem finstern Blick ihrer Tochter mit den Augen folgte:

„Wem siehst du dort nach? -- Wer ist denn das? -- Ach, ist das nicht Herrn Freidanks Dame?“

„Es scheint so,“ erwiderte Therese kühl.

„Bestimmt!“ sagte Frau Ambrosius lebhaft. „Aber mit wem geht sie da, Therese? -- Man kann von diesem Manne doch nur sagen: ein Kerl! -- Ist das vielleicht ’n Bruder von ihr? Oder ’n Vetter? Ich habe ja immer gesagt, sie ist ’n ganz gewöhnliches Frauenzimmer!“

„Ich habe es nie bezweifelt. Übrigens geht sie uns gar nichts an, Muttchen,“ sagte Therese mit absichtlicher Gleichgültigkeit. Doch ihr Zorn gegen Fritzi verstärkte sich, da sie nun ihren Begleiter ins Auge faßte. Es war ein kräftiger, grobknochiger junger Mann mit ordinären, hübschen Gesichtszügen, aus denen Energie und Sinnlichkeit sprach. Fritzi lehnte sich kokett an ihn an, verschwendete ihr süßestes Lächeln an den Athleten und grüßte dazwischen mit blitzenden Augen ihre anderen Bekannten aus André Leroux’ Training-Hall, welche den hübschen Budenringer sämtlich um diese Eroberung hinter dem Rücken Freidanks beneideten....

„Ekelhaft,“ sprach Mama Ambrosius halb neugierig, halb entrüstet. Und dann eilten beide Damen, ihre Plätze zu erreichen; denn das dritte Klingelzeichen war soeben ertönt, und die Musik setzte mit einem schmetternden Marsche ein. --

Auf der Bühne zogen in farbigem Wechsel eine Sängerin, ein Akrobatenpaar, ein Hundedresseur vorüber; andere Artisten folgten; dann eine Pause... Und wieder Musik, und neue Menschen auf der Bühne. Man spielte eine Posse voll derber Komik. Aber je weiter der Abend vorschritt, desto mehr erlahmte das Interesse der Männer und Frauen, die den Zuschauerraum füllten und die tollen Witze da oben mit müder Gleichgültigkeit anhörten. -- Nur zu Ende, zu Ende, daß die Ringkämpfer erscheinen konnten, die Ringkämpfer.

O, die Ringkämpfer --!

Blaß und schweigsam saßen die Frauen da. Sie wagten nicht, ihren Gatten, ihren Bräutigamen, ihren Vätern, ihren Brüdern, die sie ins Theater geführt hatten, ins Angesicht zu sehen, aus Furcht, ihre Ungeduld zu verraten, die grausame, schmerzhafte Erwartung, die ihre Nerven auf die Folter spannte. Auf mancher Mädchenstirn perlten Schweißtropfen, bleiche Lippen wurden nervös zernagt und hungerige Blicke irrten immer wieder von der Bühne auf knisternde Programme, dahin, wo die stolzen Namen der vierundzwanzig Ringkämpfer verzeichnet standen. Und mit wollüstigem Grauen studierten die Frauen und Mädchen die Kampfregeln, deren technische Ausdrücke so unverständlich und doch süß brutal klangen....

Wie mit bleibeschwerten Flügeln zogen die Minuten der Erwartung über den menschengefüllten Saal hin. Als endlich das letzte Wort der Komödie gesprochen war, brach ein jubelnder, exzentrischer Beifall los, ein hysterisches Toben und Händeklatschen... O -- es war zu Ende, o... die Ringkämpfer.... Könnte man die Minuten peitschen!

Noch eine Pause...

Aber als man sich nun auf die Plätze zurückbegab, gingen die Mädchen und die Frauen wie mit federnden Schritten; auf ihren Stirnen thronte die heitere Weihe naher Seligkeit, ihre Lippen, in welche die Farbe zurückgekehrt war, waren im Lächeln geöffnet, aus ihren Augen leuchteten Sterne der Liebe... Ja, nun war die Zeit gekommen!

Aus dem Orchester sprang mit aufreizenden, feurigen Trompetenklängen der Ringkämpfermarsch, der überall gespielt wurde, wo Hermann Thyssen, der Matador, im Trikot zum Kampfe trat, und dann schwebte langsam der Vorhang empor.

Im Halbkreis standen sie da, die Vierundzwanzig, die Erwählten, die Halbgötter, die Starken!

Die Musik schwieg; -- ohne Ende hätte man schwelgen mögen im Anblick der riesigen, kraftvollen Gestalten, die so ruhig und massig nebeneinander auf der Bühne standen, die starken Arme auf den Rücken gelegt, die breite Brust mit der Schärpe in den Landesfarben eines jeden geschmückt. Ihre Gesichter blickten ernst und unbewegt, wie Gladiatoren. Nur wenige suchten mit den Augen irgend jemanden im Zuschauerraume, und unter denen, die ein vertrautes Antlitz suchten, war Freidank. Wen suchte er, wen? -- Therese erbleichte, Therese schlug zitternd die Augen nieder, -- aber Eberhard hatte nicht Therese gesucht, sondern Fritzi...

Fritzi, die vorn in der Loge saß, sprang entzückt auf, setzte sich sofort wieder nieder und wendete das pikante, gemalte Gesichtchen ihrem Begleiter zu:

„So sehen Sie doch nur! -- Sieht er nicht famos aus?“

„Warum sollte er nicht,“ sagte der junge Mensch, der Budenringer Gustav, verdrießlich, bemüht, seinen Neid nicht zu zeigen. „Hat mehr Jlück wie Vastand jehabt... Er kann jenau so ville wie wa alle kenn’, nich mehr und nich weniga... Jott weeß, mit was for Zicken er sich an Thyssen ranjeschlängelt hat...“

„Na, quatsch’ nicht, Justav!“ flüsterte die Chansonette ungeduldig und aufgeregt, „hör’ zu...“

Die Musik schwieg; Herr Markus, Thyssens Sekretär und Faktotum, durchbrach den geschlossenen Halbkreis der Athleten. Er war im Frack und in weißer Weste; seine Augen, die vor Hitze, Erregung und Bewußtsein seiner Wichtigkeit funkelten, wetteiferten an Glanz mit dem dicken, echten Solitär auf seiner Krawatte. Er machte, so gut es ihm gelang, eine Reverenz und begann in das atemlose Schweigen hinein mit lauter Stimme die Namen der Vierundzwanzig auszurufen:

„Jan van Muyden, Meisterringer von Holland...“

Ein dicker, hübscher Ringkämpfer mit rosigem Teint und kurzgeschorenem, ganz hellblondem Haar, ein echter Holländer, trat vor, ließ aus seinen grauen, stahlharten Augen einen großen Blick über die Menge schweifen und verbeugte sich kurz. Als er in den Halbkreis zurücktrat, sah man ein brutales Lächeln um seinen hübschen Mund spielen....

„... Pierre le Forgeron, genannt Oeillet rouge, die rote Nelke; Champion von Paris!“

Es hatte noch niemand Beifall geklatscht. Le Forgeron, der ehemalige Schmied, der sich ernsthaft, mit pariserischer Höflichkeit, verneigte, war nicht größer als hundertundachtzig Zentimeter, aber die cyklopische Gedrungenheit seines Körpers, die Riesenkraft seiner breiten Schmiedehände mochten ihn zu einem furchtbaren Gegner machen...

„Paul Kiesling, Meisterringer von Rheinland und Westfalen ...“

Paul Kiesling hatte einen ungemein proportionierten, sehnigen, schlanken und edelgebauten Körper. Einzig seine breite Brust und die stark ausgebildeten Muskeln der schönen Arme verrieten den Athleten. Seine Hände und Füße aber waren verhältnismäßig klein, und seine Gelenke nicht im mindesten plump. Er war stolz auf seinen schlanken Leib, und Tausende von Frauen in aller Welt hatten die herrliche Linie seiner schlanken Hüften angebetet...

„... Sergej Roditscheff, Rußland...“

Kiesling und Roditscheff wurden immer zusammen genannt. Seit zwei Jahren waren diese beiden Ringkämpfer unzertrennlich. Roditscheff galt als der Mann von morgen und übermorgen. Zwei Meter hoch, stark und ruhig, ein fairer Sportsmann, ein guter Kamerad, gleichmäßig verehrt von Männern und Frauen, hatte der junge, blonde Riese die Sicherheit einer glänzenden Zukunft in seinen starken Händen. Sergej Roditscheff begnügte sich nicht mit einer kurzen Verbeugung. Er trat mit gekreuzten Armen bis nah vor die Rampe, lächelte stolz und ließ seine schönen, fröhlichen Augen siegesbewußt auf der Menge ruhen. Ein stürmischer Beifall brach laut und jubelnd aus. Der große, schöne Jüngling lächelte noch stolzer, noch strahlender und trat mit zwei gewaltigen Schritten in die Reihe zurück....

„... Aloys Binder, München, Meisterringer von Bayern....“

Aloys Binder war der Meistgeliebte. Ihm flogen die Frauen zu, und er verhöhnte sie, spielte mit ihnen, trat sie buchstäblich mit Füßen. In jeder Stadt, wohin er kam, hatte er bereits am zweiten Tage eine Schar demütiger Verehrerinnen, die er alle insgesamt wie Sklavinnen traktierte, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Baroninnen und Cocotten, Kellnerinnen, Bürgerdamen und jungen, feinen Mädchen. Sein Äußeres war nicht einmal verführerisch. Die Roheit stand ihm auf der niedrigen Stirn geschrieben. Er trug die starken, braunen Haare steil hochgekämmt. Seine kleinen, meist halbgeschlossenen Augen funkelten böse und mißtrauisch. Am unsympathischsten aber war die untere Hälfte seines Gesichts, das spitze und doch starke Kinn, das auffällig weit vorgeschoben war und seinem Ausdruck etwas Tierisches gab. Tierisch waren auch seine Bewegungen, sprunghaft und raubtiergleich. Er warf einen hochmütigen Blick in das Parkett, wo in der ersten Reihe eine zarte, liebliche Dame im feinen, weißseidenen Gewande saß und anbetend zu ihm emporblickte. Unter seinem frechen Besitzerblicke errötete die junge Frau bis unter die schwarzen Scheitel...

„... Giacomo Petrocchi, Matador von Sizilien...“

Petrocchi lächelte selig, wie ein gutes, dickes Kind. Er war ganz ungeheuerlich dick und stark. In aller seiner dicken Gutmütigkeit aber war er ein fürchterlicher, fast unbesieglicher Gegner. Lächelnd, gleichmütig, ohne aus der Ruhe zu geraten, ließ er seinen Partner sich müde arbeiten, ohne andern als passiven Widerstand zu leisten. Mitunter glaubte man ihn verloren, wenn man ihn fallen sah. Aber er fiel nie, wenn er nicht wollte, denn er fiel immer in die Brücke. Sein gewaltiger Hals von mehr als fünfzig Zentimeter Umfang hielt jeden Druck aus; er hätte eine halbe Stunde unerschüttert in der Brücke bleiben können. Dann stand er plötzlich auf und machte seinen ermatteten Gegner rasch nieder, ohne daß das glückselige Kinderlächeln einen Augenblick von seinem dicken Gesichte gewichen war....

„... Vittorino Cardo, Messina...“

Das war der Bruder des dicken, hübschen Giacomo. Vittorino war von ganz anderer Art, ein schlanker, rassiger Italiener. Er war Ingenieur gewesen und hatte eine hohe Bildung genossen. Dann hatte er der sterbenden Mutter der beiden versprochen, über ihren Liebling Giacomo zu wachen. Von demselben Tage an verließ er alles, wurde ein Ringkämpfer und pflegte und hätschelte den um zehn Jahre jüngeren Bruder mit Mutterliebe und Muttertreue. Giacomo hing wie ein zärtliches Kind an seinem Vittorino... Es war ein unendlich inniges Verhältnis zwischen den Brüdern, ein zartes, rührendes Idyll unter den rauhen und brutalen Athleten. Vittorino hatte dem Jüngeren alles geopfert, alles, sogar seinen Ehrgeiz; denn er, der erst im Alter von siebenundzwanzig Jahren ringen gelernt hatte, war nur ein mittelmäßiger Ringkämpfer geworden und hatte jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, keine Chancen und keine Wünsche mehr, als den ihm anvertrauten Liebling seiner schwärmerisch geliebten toten Mutter reich und glücklich werden zu sehen...

„... Karl van dem Domhoff, Champion der Normandie; -- William H. Lanfrey, Irland....“

Das Publikum nahm die Ankündigung der beiden ruhig hin, ohne zu applaudieren. Sie waren beide unschön und erweckten keine Sympathie, der fuchshaarige Holländer und der lange, hagere englische Boxer mit dem unnatürlich kleinen Kopfe und den großen, knochigen Boxerhänden. Herr Markus war ein gewandter Sprecher; er witterte es sofort, wenn ein Ringkämpfer dem Publikum gefiel, und wußte mit Geschicklichkeit Beifallspausen zu machen oder weiterzugehen. Jetzt ließ er ein prachtvolles Dekorationsstück unter den Athleten vortreten:

„... Mansur, the Lion of the Sudan, der sudanesische Löwe!“

Mansur, der große, dicke Sudanneger mit den lachenden Wulstlippen, der platten Nase und den kleinen Ohren, an denen massive Ringe baumelten, erregte leidenschaftlichen Beifall. Sein mächtiger, tiefschwarzer Körper war in ein zartrosa Trikot gepreßt, welches die verschwenderische Fülle seiner Muskeln in herausfordernder Weise markierte. Die breiten Lenden, die enormen Schenkel des Schwarzen mußten die Wünsche der Weiber bis zur heulenden Gier aufstacheln ...

„... Kasimir Zabolotny, der Riese von Polen! -- Mikita Zirkovitsch, Serbien! -- Bernhard Meinken, Hamburg, Champion der drei Freien Reichsstädte, Meisterringer von Europa!“

Bernhard Meinkens Name war einer der gefeiertsten in der Sportwelt. Stark, ruhig, klug, schön und proportioniert, hatte er sich schon als Jüngling dem großen Abs als Freund und Schüler angeschlossen und von ihm, dem die Athletik Kunst und Lebensinhalt war, die große Ringkunst der antiken Welt, der Griechen und Römer, mit allen ihren Feinheiten erlernt. Dann kam das tragische Ende des großen Abs, dem seine Kraft eines Übermenschen zum Schicksal wurde. Bernhard Meinken hatte den schmerzlichen Verlust seines Freundes und Meisters nie ganz überwinden können. Eine ruhige Melancholie war in ihm geblieben, die selbst in den heitersten Stunden dunkel in seinen Augen stand. Seine Berühmtheit und seine fürstlichen Einnahmen hatten ihn niemals berauscht. Er hatte ein zartes, feines, blondes Fräulein, die Tochter eines dänischen Etatsrats, geheiratet, hatte ihr eine Villa in Uhlenhorst erbaut und die vier Monate des Jahres, die er bei seiner holden, kindlichen Gattin und seiner immer noch schönen Schwiegermutter, der Etatsrätin, die sich längst mit der Ringkämpferheirat ihrer Tochter ausgesöhnt hatte, zubrachte, waren eine Zeit voll des reinsten, intimsten Familienglückes.

„... Jimmy Holyhead, Australien! -- Frank Argyll, Texas! Sala ben Brahim, Champion der Türkei! -- François à la Crinière, der Herkules von Frankreich! -- Raymond Poing de Fer, Lutteur-Matador der Provence! -- Willi Lehmann, Berlin!....“

Der Lokalpatriotismus brach in helle Begeisterung aus. Das heftigste Klatschen aber drang aus einer Loge zur Rechten, in der elegante Demimondänen in hochmodernen Roben und auffälligen Hüten saßen. Sie kannten ihn alle, den einstigen Freund der „gelbseidnen Adele“, den Matador sämtlicher Berliner Athletenklubs, den gefürchtetsten Zuhälter Berlins. Wie hatten sie die gelbseidene Adele um den gelbbraunen Athleten mit den schwarzen, borstigen, widerspenstigen Haaren beneidet! Er war Adelen ein strenger, furchtbarer Herr gewesen, aber er hatte sie gezwungen, Karriere zu machen. In einem Jahre war sie von einer gewöhnlichen Tanzbodendirne zu einer der gesuchtesten Demimondänen avanciert. Als er sie so weit gebracht hatte, war sie ihm plötzlich langweilig. Er wollte sogar wieder arbeiten, um sie los zu werden. Da wurde er als Zirkusathlet engagiert, reiste kurze Zeit mit Zirkussen, die ihn wegen seiner entsetzlichen Roheit immer gern wieder entließen, kam im Herbst auf gut Glück nach Berlin und beabsichtigte nichts, als seine Einnahmen aus dem Zirkus hier durchzubringen. Da traf ihn plötzlich das unerhörte Glück, in eine angesehene Konkurrenz eintreten zu können. Am Tage vor Beginn der Berliner Konkurrenz hatte Ola Carstensen telegraphisch abgesagt. Hermann Thyssen empfing das Telegramm in einer Athletenkneipe des Nordens, dessen Wirt er aus den Anfängen seiner Laufbahn kannte. Der Wirt, ein ehemaliger Ringer, winkte Willi Lehmann, der zufällig in der Nähe stand, herbei, und fragte Thyssen ohne Besinnen:

„Kannste nich den da statt dein’ ollen Schweden jebrauchen?“

Thyssen mußte über den „ollen Schweden“ lächeln, und fünf Minuten später war der Zirkusathlet für die bedeutendste und geachtetste Ringkampfkonkurrenz engagiert...

Nun folgte ein Schlager dem andern; jeder Name, der genannt wurde, entfesselte rasenden Enthusiasmus:

„.... Manuel Gomez, el Toro de Granada!“

Der „Stier von Granada“ hatte den olivenfarbigen Teint der Südspanier, einen häßlichen Gorillakopf mit wilden, schwarzen Locken, einen unwahrscheinlich breiten Brustkasten, unmäßig breite Schultern und die größten Hände, die man je gesehen hatte. Das waren wahrhaftig keine Hände, sondern die Tatzen eines großen, wilden Tieres. Dazu war sein Gesicht über alle Maßen häßlich, von einer Häßlichkeit, die fast schon wieder imponieren konnte. Der Toro de Granada klappte plump und grob zusammen, anstatt sich zu verbeugen... Jeder fühlte, daß man diesem olivegrünen menschlichen Stier gegenüber nicht würde unparteiisch bleiben können. Man würde wohl gegen ihn Partei nehmen, aber Partei nehmen in jedem Falle....

„... August Bluhm, der Apollo von Berlin --! -- Roland, Berlin!“

Das war Eberhard Freidank. Er hatte den Athletennamen „Roland“ gewählt. Fritzi schrie Hurra, Therese Ambrosius, von den widersprechendsten Gefühlen bewegt, fühlte sich einer Ohnmacht nahe....

Es gab noch eine Sehenswürdigkeit. Triumphierend verkündete Markus:

„Ingvar Mô, Meisterringer von Lappland!“

Und dann machte er eine Pause. Es war wie der Augenblick allerhöchster Spannung, wenn ein Todesmutiger im Zirkus die steile Fahrt durch den Todesring antritt, es war ein atembeklemmendes Schweigen, als wenn die Natur in Gewitterschwüle den ersten Donnerschlag erwartet....

„.... Hermann Thyssen, Weltmeisterringer.“

Und in den Jubel der Menge hinein bliesen die Trompeten, jauchzten alle diese leblosen Instrumente mit beseelten Stimmen....

Die Menge hatte sie gesehen, die Starken, die Spannung war gelöst; man konnte wieder atmen, wieder um sich blicken, wieder lachen! Die Ringkämpfer hatten die Bühne verlassen. Nun bekam man nur noch jene sechs zu sehen, die paarweise gegeneinander ringen sollten. Jan van Muyden, der blonde Holländer, gegen den Apollo von Berlin, der braune Argyll gegen den langen Irländer Lanfrey und zum Schluß der Türke gegen Thyssen.