Die Starken: Ein Athleten-Roman

Part 16

Chapter 163,670 wordsPublic domain

Gregor Kaufmann, halb ärgerlich, halb amüsiert, löste mit einer schroffen Bewegung die Umklammerung ihrer Hände und stieß die Tänzerin mit dem Fuße fort:

„Nein, Chrysée! Mein letztes Wort! -- Laß mich allein!“

Lejkin war in den kleinen Palmensaal zurückgekehrt. Es war Zeit zum Aufbruch nach der Stadt geworden. Aber vorher hatte der Generaldirektor noch das Bedürfnis, mit allen denen, die hier seine Gäste gewesen waren, auf ein Glück anzustoßen, welches doch sein innerstes Geheimnis war... Er ließ neuen Champagner kommen. Alle sollten ihre Gläser an seines klingen lassen, auch Therese, mit der er sich im Einverständnis glaubte, auch Roland, den er mit den zehntausend Rubeln erkauft zu haben meinte, auch Gregor Pawlowitsch, der Nuit d’étoiles nicht mehr ansah und der schönen Therese ungeniert ins Gesicht starrte.

„Keinen Trunk mehr aus den Gläsern nach diesem Trunk!“ schrie Lejkin in die Schar seiner Gäste hinein und schmetterte den kristallenen Kelch zu Boden. Die berauschten Gäste taten ihm jubelnd nach. Chrysée griff unsinnig nach den Scherben von Gregor Kaufmanns zerbrochenem Glase, zerschnitt sich die Finger und ein dünner, heller Blutstrom lief über ihre kleine Hand. Freidank griff sofort zu und drückte ihr die Schnittwunde fest zusammen. Chrysée, in wilder Erregung, wußte nicht mehr, was sie tat. Unter trunkenen, hysterischen Tränen warf sie sich Roland an den Hals und rief:

„O Roland, du bist gut zu mir! Ich liebe dich! Fahr’ mich nach Hause, Roland... fahr’ mit mir im Schlitten... Ich fürchte mich so sehr!“

„Tun Sie es ohne Sorge!“ rief Lejkin fröhlich. „Das gnädige Fräulein fährt gut und sicher in meinem Schlitten!“

Die ganze Gesellschaft fuhr unter großem Lärm und Jubel ab. Die Peitschen knallten, die vielen Schellen läuteten, und heim ging es unter Geschrei und Jauchzen durch die totenstille Wintersnacht. Nur das dumpfe Aufschlagen der Pferdehufe scholl matt durch die frostklare Luft, die den Schall nicht trug, nur der Klang der Schellen und das Kreischen der betrunkenen Zigeunerinnen.

Allen Schlitten vorauf flog Lejkins Prachtgespann. Jetzt saß der Generaldirektor allein neben der schönen Freundin des Ringkämpfers, aber er hatte sich diese erste Fahrt anders vorgestellt. Nicht einen Schritt kam sie seinem verliebten Begehren entgegen. Die süße, helle Sinnlichkeit, die wie Mittagssonnenschein auf ihrem Wesen und ihren Zügen geruht hatte, war ausgelöscht, und Therese schien wieder kühl und jungfräulich, wie eine Landschaft im Frühlicht. Lejkin versuchte sie um die Taille zu fassen und nahm mehrmals ihre Hand. Aber mit sanfter Entschiedenheit machte Therese sich jedesmal wieder frei:

„Heute nicht, Iwan Iwanowitsch. Wenn Sie es wirklich gut mit mir meinen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, bis morgen zu warten....“

Und dann schwieg sie wieder weite Strecken lang. Sie fühlte sich wie die erbärmlichste Kreatur, schlechter wie eine Verbrecherin, weil sie ihn belog, weil sie ihn in dem Glauben ließ, daß sie mit ihm nach Italien fahren würde, während sie fest entschlossen war, ihrem Freunde treu zu bleiben... obwohl sie Freidank bitter zürnte, daß er sie um schnöden Geldes willen zu dieser Komödie veranlaßt hatte... obwohl er vor allen Leuten Madame Chrysée in die Arme genommen hatte... Therese schlug den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, zurück und Lejkin blickte fortwährend mit Begeisterung auf ihr klares, kühnes Profil. War keine Hoffnung, sie schon heute abend zu entführen?

„Heute abend? O nein!“ sagte Therese und ihre Augen blitzten zornig auf. „Wir haben von morgen gesprochen, nicht von heute...“

Lejkin mußte sich fügen. Sie waren nicht mehr fern vom Hotel. Der Generaldirektor sah das Mädchen, das ihm kaum einen Blick schenkte, mit sehr herzlichen Gefühlen an und sprach ernsthaft:

„Ich begreife, daß Sie ihm noch diese Stunden schenken wollen... wenn er kommt, Therese. Wenn er nicht bei der trostbedürftigen Nuit d’étoiles....“

„Nein! o nein! das kann er nicht! das darf er nicht!“ rief Therese zum erstenmal in heller Verzweiflung. Was sie selbst gefürchtet hatte, hatte sie dennoch nicht einmal vor sich selbst in Worte kleiden mögen...

Lejkin sprach über diese Sache kein Wort mehr und fuhr fort:

„Wann Sie kommen, Therese, sind Sie erwartet und willkommen. Sie sollen nichts haben, Sie sollen nichts mitbringen. Am Nachmittage fahren wir aus und kaufen alles, was Sie zur Reise brauchen... Und haben Sie Vertrauen zu mir, Therese!“ sagte er beschwörend. „Ich werde Sie glücklich machen, soweit es in der Macht eines Menschen, dem Manches zugänglich ist, liegt...“

„Auf Wiedersehen, Iwan Iwanowitsch...“ flüsterte Therese, sprang aus dem Schlitten und eilte die Treppe des Hotels hinauf, ohne sich umzusehen...

Dann brannten in dem Hotelzimmer die elektrischen Birnen und verbreiteten Tageshelle, aber in Thereses Seele war schwarze Nacht. Eberhard kam nicht. --

Er kam nicht! -- Er hatte sich nicht von der Tänzerin trennen können, die schmachtend und girrend an seinem Halse gehangen und um seine Liebe gebettelt hatte. Und das hatte er gerade an dem Abende getan, wo sie ihrer Liebe das größte Opfer gebracht hatte. --

Er kam nicht. -- Sie ging nicht zu Bett. Sie wartete, bis die Nacht grau und blaß wurde und der Morgen zu dämmern begann. Da verblaßte allmählich auch ihre nächtliche Verzweiflung und wurde zu spöttischer Abkehr von dem Freunde ihres Herzens.

Zur gewohnten Stunde brachte man das Frühstück. Sie fror und trank eine Tasse Tee, aber sie konnte keinen Bissen von dem Brote genießen. Sie wettete zornig und stolz mit sich selber: „Eine halbe Stunde werde ich noch auf ihn warten. Wenn er dann nicht hier ist.....“ Als er dann noch nicht da war, gab sie wieder Zeit zu....

Um zwölf Uhr wurde sie von unsäglicher Wut gepackt. Sie schellte nach Schreibzeug und schrieb hastig auf den Bogen:

„Du hast mir keine Enttäuschung bereitet. Nachdem Du mir gestern abend im Ernst eine so unwürdige Verstellung zugemutet hast, mache ich nun Ernst -- ganz ohne Verstellung. Du darfst nicht denken, daß ich Dir zürne, o nein. Ich wundere mich nicht einmal. Du hast dein Geld, ich habe einen reichen Verehrer gewonnen: wir haben beide von dem Handel profitiert. Viel Vergnügen, mein teurer Freund! Th. A.“

Sie kleidete sich zum Ausfahren an, bestieg einen der vor dem Hotel haltenden Mietsschlitten und fuhr in die Wohnung des Generaldirektors Lejkin. Er war in aller Frühe noch einmal in seinem Bureau gewesen und sehr bald zurückgekehrt, um Therese nicht eine Minute warten zu lassen. Nun wartete er, das kleine, intelligente Gesicht in finstere Falten gelegt, voll Unruhe und einer Sehnsucht, die ihm bisher fremd gewesen war. Er hatte in seinem Leben schon auf viele Frauen gewartet, aber so unruhig, mit soviel Zweifeln und Wünschen auf keine...

Wieder blickte er auf seine Taschenuhr; sie zeigte halb Eins....

Sein Diener Alexander klopfte an, trat ein:

„Gnädiger Herr... die Dame, welche der gnädige Herr erwarten, ist soeben gekommen. Sie beliebt im Bibliothekzimmer zu sein...“

Der Generaldirektor schritt an dem ehrfurchtsvoll dastehenden Bedienten so hastig vorbei, daß der Diener ihm nicht einmal mehr die Zimmertür öffnen konnte. In der Bibliothek stand Therese, das stolze Profil hell beleuchtet.

„Therese --!“ sagte er und bedeckte ihre Hände mit Küssen.

Von einem der großen Magazine aus gelang es ihr, unbemerkt von Lejkin, der nicht mehr von ihrer Seite wich, noch einmal in das Hotel zu telephonieren, wo sie mit Freidank logierte. -- Herr Roland sei noch nicht gekommen, wohl aber habe er vom Hotel de Suède aus telephonisch sagen lassen, daß er mit Geschäftsfreunden zusammengetroffen sei und daß Madame ihn nicht zum Diner erwarten möge...

Um acht Uhr trug der Luxus-Expreß Therese und Lejkin in die sonnige Ferne.

XIV.

Möchten dir und mir die Schmerzen erspart bleiben, die Freidanks Brust durchwühlten, als er müde, reuevoll und wie zerschlagen gegen Anbruch der Dämmerung heimkehrte und Theresen nicht fand! Im Rausche, in jenem wunderlichen Taumel, den Wein und Habgier im Verein erzeugt hatten, war er, wie mancher Samson vor ihm, dem süßen Girren einer buhlerischen Dalila erlegen. Therese war von ihm gegangen und hatte ihm nicht einmal ein Abschiedswort, aus dem Schmerz oder Empörung schrie, hinterlassen. Mit Verachtung hatte sie sich von dem Treulosen gewendet! --

Im ersten Schmerze kehrte sich seine Wut gegen Nuit d’étoiles. Ach, hätte er sie gegenwärtig gehabt! Er hätte sie niedergeschlagen! Dann fiel dem Reuevollen ein, daß er, der hätte stark sein sollen, dem schwächlichen, zärtlichen Geschöpfe mit seinen naiv animalischen Trieben keinen Vorwurf machen durfte.

Aber die Natur in ihrem milden, weisen Walten läßt nicht eines ihrer starken Kinder an einem unmäßigen Kummer zugrunde gehen. Sie sänftigt, sie lindert und heilt zuletzt, bis von der heißen Verzweiflung nur die ernste, reuige Trauer bleibt.

Roland war, mit dem Ehrennamen des „Champions von Sankt Petersburg“ geschmückt, nach Deutschland zurückgekehrt und hatte selbst eine Ringkampfkonkurrenz veranstaltet. Mit der Größe und der Kraft seines jungen, unverbrauchten Körpers riß er ohne Mühe den Ruhm an sich und dazu den silbernen Eichenkranz, der dem Sieger als Ehrenpreis winkte.

Jedes weitere Auftreten band den Ruhm fester an seinen Namen. Materielle Erfolge blieben nicht aus. In seinem Portefeuille häuften sich die bunten Scheine, deren jeder eine Handvoll Goldstücke wert ist, und es kam ein Tag, da er bei einem großen Bankhause einen nennenswerten Kredit besaß. Roland, der Ringkämpfer, schien plötzlich in der Lotterie des Lebens das große Los gezogen zu haben...

Er fragte nicht viel danach. Er rang nicht nur um des Ruhmes willen und nicht allein dem Reichtum zuliebe. Er liebte nur noch seinen eigenen Körper, seine Kraft, seine Frische, seine Gesundheit. Seine Lebensweise fing an, für die Ringkämpfer vorbildlich zu werden. Wer mied, wie er, den Alkohol, das unnütze Durchwachen der Nächte, das entnervende Glücksspiel und den leichtfertigen Umgang mit Frauen? Wer stand, wie Roland, jeden Morgen frisch beim Training? Er füllte fast den ganzen Tag mit der Pflege seiner Gesundheit aus. Dies alles heilte seine Seele nicht, aber es brachte ihre Schmerzen und ihre Vorwürfe zum Schweigen.

Im Anfange seiner Laufbahn hatte es ihn über die Maßen gekränkt, bei seinen Kollegen so wenig von dem zu finden, was er als Student geistige Regsamkeit genannt hatte. Jetzt wußte er, daß die meisten Menschen sich um kleine, unbedeutende Bruchstücke des Wissens abmühen und ihnen unruhevoll nachjagen, wie ein Knabe, der einem Schmetterlinge nacheilt und dabei die blühenden Beete zertritt. Rolands Leben war reich, einfach und kräftig geworden. Er spürte nicht mehr in heißer, nächtlicher Denkarbeit den Goldadern des Geistes nach, die mühselig aufzugraben sind und sich oft genug, wie oft! in taubem Gestein verlieren. Ihm war, als wäre er einst mit seinem schmerzlichen Ehrgeiz und aller Sehnsucht, aus toten Steinen Gold der Gedanken zu graben, in finsterer Nacht gewandelt. Er hatte an die Tore der Kunst geklopft, aber sie hatten sich ihm nicht auftun wollen; er hatte die Wissenschaften gefragt, aber auch was der Gelehrteste weiß, ist nur Stückwerk und nur ein Teil des Wissens, also daß keiner die Tiefen des Wissens je durchdringen kann. Da hatte er sich der guten, einfachen Natur ergeben; und da wuchs er nun, wie eine große, schöne, unschuldige Pflanze Gottes, sog die frischen Lüfte und den Sonnenschein der Erde in sich ein und strahlte sie in Kraft und Gesundheit wieder aus.

* * *

Die Fédération des Sociétés françaises de lutte hatte die Weltmeisterschaft im Ringkampfe ausgeschrieben. Von jeher pflegte Lutetia, die Stadt des Lichtes, die Hauptstadt aller Freude und Schönheit, auch die Helden der Kraft in ihren Mauern zu versammeln. Im Theater Folies-Bergère sollte der Wettstreit ausgetragen werden. Auch Roland mit einem Teil seiner Ringer war eingeladen, an den Kämpfen teilzunehmen. Er kam, und der Ruf, der ihm vorausgeeilt war, wurde durch den Eindruck seiner Persönlichkeit noch übertroffen. Er war so blond, sein Gesicht war so jung, sein Wuchs so schlank, seine Muskeln so stark, und er stand im Kampfe so ruhig! Paris war entzückt und vergab ihm seine deutsche Herkunft. Und ... wahrhaftig! es gab sogar Pariser und Pariserinnen, die dem blonden deutschen Riesen lieber den Sieg gegönnt hätten als ihrem eigenen Landsmanne Claude le Titan, der unter allen französischen Ringkämpfern die meisten Aussichten auf den Endsieg hatte.

Die Kämpfe sollten einen ganzen Monat lang dauern. In den Sportklubs, in Kaffeehäusern und Werkstätten, besonders aber im Theater Folies-Bergère, wurden schon nach dem Ablaufen der zweiten Woche Wetten abgeschlossen. Da stellte es sich heraus, daß die Mehrzahl der Wettenden doch lieber auf ihren französischen Champion halten wollte, als auf Roland. Nach einem ungeschriebenen Gesetze gewann fast niemals ein Fremder das „Championat du Monde“ zu Paris. Warum also sollte es diesem Deutschen, so groß und schön er war, gelingen, die heißumstrittene Weltmeisterschaft an sich zu reißen?

In diesem Jahre waren die exotischen Ringkämpfer in der Mode. Aus der Türkei, aus Afrika, aus Amerika, aus Persien und Japan waren Athleten gekommen, die indessen außer ihrer fremdartigen Erscheinung nicht viel an geschulter Kraft und Gewandtheit in die Wagschale zu werfen hatten. Jeder Ringer, der viermal besiegt worden war, schied aus der Reihe der Teilnehmer aus. So waren die Fremdlinge, die nur der Schaulust dienten, bald ausgeschieden und die ernsten Entscheidungskämpfe begannen. --

Schon nach den Gesängen Homers erhielten die Sieger im Ringkampf blühende Mädchen als Siegespreis und Lohn. Süß ist es für den Sieger, in weichen, zärtlichen Armen auszuruhen. Aber geschwächt und entnervt wird der Kämpfer, der auch mitten im Kampf nicht dem Locken der Sirenen widerstehen kann...

Claude le Titan widerstand nicht. Zu viele weiche, kleine Hände streckten sich lockend nach ihm aus, zu viele Frauenlippen dürsteten nach seinem Munde. Warum sollte er die Rosen nicht pflücken, die so nahe an seinem Wege blühten? Er fühlte sich ja ganz sicher. Mit den bedeutenden Teilnehmern der Konkurrenz hatte Claude le Titan geheime Abmachungen getroffen, nach denen er, der populärste Champion Frankreichs, der endgültige Sieger bleiben mußte. Und da Roland, der Deutsche, übrigens der einzige unter den Ringern war, der ihm ernstlich gefährlich werden konnte, so sollte Roland der zweite Sieger sein.

Freidank hatte bis zum letzten Abende nicht an die Möglichkeit gedacht, daß es anders sein könnte. Er wußte sich frei von dem Verlangen, den goldenen Gürtel von Frankreich, die berühmte „Ceinture d’or“, um seine Hüften zu legen. Am Morgen des Entscheidungskampfes kam ein großer Buchmacher zu ihm ins Hotel. Er zeigte dem deutschen Champion Zeitungsartikel und Briefe, die sich mit den Aussichten der beiden Favoriten, Claude Titan und Roland, beschäftigten. Mehrere Zeitungen empfahlen ihren wettenden Lesern, auf den Franzosen zu halten. Die Eingeweihten wußten doch genau, daß Claude le Titan sich mit der Ceinture d’or umgürten würde.... Nun kam der Buchmacher und stellte Roland vor, daß es für ihn vielleicht möglich sein würde, den französischen Champion im Endkampfe zu werfen. Freilich: das Publikum würde wüten, wenn der Franzose fiel. Aber was lag daran? Die Hauptsache war doch, daß man bei dem gerechten und doch illoyalen eventuellen Siege das Geld aus den Wetten einstrich. Der Totalisator war nicht öffentlich, sondern geheim, und dieses allbekannte Geheimnis reizte auch Leute zum Wetten, die sich an einem öffentlichen Totalisator vielleicht nie beteiligt hätten. Natürlich sollte Roland einen erheblichen Teil des Gewinnes einstreichen!

Als der Buchmacher vertraulich und geheimnisvoll seine Vorschläge gemacht hatte, mußte Roland herzlich lachen. In aller Welt erlebte man Ähnliches! Just so, fast mit denselben Worten, hatte ihn damals ein Buchmacher überreden wollen, sich von Aloys Binder im Revanchekampfe besiegen zu lassen. Und dann war es recht wunderlich gekommen, also daß er über Binder im bittersten Ernst Sieger geworden war... als es um Fritzi l’Alouette ging.... Er wurde in der Erinnerung einen Augenblick lang ernst und dann doch wieder heiter, und halb im Scherz sagte er dem Buchmacher zu, er würde Claude le Titan werfen... Der Buchmacher wollte einen schriftlichen Kontrakt machen und ihm schwarz auf weiß eine hohe Summe für seinen Sieg zusichern. Da wurde Roland verdrießlich. Er sagte, was vereinbart wäre, gelte auch ohne Papier und Tinte, nahm Hut und Überzieher und ging ins Theater, um seine Briefe in Empfang zu nehmen.

Es war ein Brief aus Deutschland dabei, der viele Stempel trug und der ihm an alle Orte nachgereist war, die er besucht hatte, seit er Berlin verlassen hatte. Der Brief aber lautete:

„Lieber Herr Freidank! Es ist nun über den ärgerlichen Abend, da unser armes Paar Filippo und Lavinia so energisch ausgepfiffen wurden, schönes, dichtes Gras gewachsen und ich kann es zuversichtlich wagen, meinen Gästen das wunderhübsche Lustspiel vorzusetzen, welches Sie damals nach meiner Idee geschrieben hatten. In der ersten Aufwallung über unser gemeinsames Mißgeschick wollte ich Ihnen das Lustspiel zurückschicken; aber Sie waren plötzlich verschwunden. Dann habe ich es nochmals durchstudiert, und nun hoffe ich, daß es einen Erfolg bringen soll. Kommen Sie, lieber Freidank, zur Première am 29. Oktober! Wenn es an irgend etwas mangeln sollte -- Sie verstehen mich schon -- so schreiben Sie es ruhig. Diesmal wird es kein Mißerfolg, das ist mir ganz klar. Meine Idee damals war doch brillant....“

Eberhard griff an seinen Kopf. Niemals mehr hatte er sich an dieses Stück erinnert, welches er einst in Unlust und Eile nach einem fremden Plane zurechtgezimmert hatte. Unwillkürlich sah er auf den Abreißkalender, der an der Wand hing. Es war der Einunddreißigste. Zwei Tage zuvor war in Berlin ein Lustspiel mit seinem Namen aufgeführt worden... Natürlich, es mußte noch schlimmer aufgenommen worden sein, als das Drama. Doch, was ging es ihn heute an? Er hatte sein Leben auf eine andere Grundlage gestellt, als auf das Spiel der Worte, das Spiel der Gedanken, das heute gefeiert und morgen verhöhnt werden kann. Zum Teufel, was ging ihn das Lustspiel an? -- Und doch -- dennoch weckte der Brief schlummernde Gefühle und schlummernde Schmerzen. Denn es war eine Erinnerung und ein Zeichen aus jener toten, holden Zeit voll Hoffnungen und voll Liebe...

Er lief in das Café de la Paix, wo deutsche Zeitungen liegen und las mit unendlichem Staunen, daß das schlechte Lustspiel vor den Zuschauern Gnade gefunden, ja: daß es einen großen, lärmenden Erfolg errungen habe! Er verlor ein wenig seine Fassung. Sollte er nach Berlin telegraphieren, sollte er... ja, was sollte er? Jedenfalls doch durfte er heute nichts tun, sich nicht aufregen, da ihm am Abende ein anstrengender Kampf mit Claude le Titan bevorstand. Zuerst kamen doch Beruf und Pflicht! Er hatte ohnehin das Morgentraining versäumt. Er gab sich Mühe, sich das schlechte Lustspiel aus dem Sinne zu schlagen und fuhr zum Speisen. Dann machte er einen kurzen Spaziergang und kehrte in das Hotel zurück, um einige Stunden zu schlafen. Vor dem Ringkampfe tat die Ruhe gut.

Als er aufwachte, fühlte er sich frisch und gestärkt. Alle Zweifel waren verflogen, alle Bedenken besiegt. Was zog ihn zurück in das Ägypten, das er verlassen hatte? Hier war Klarheit, hier war Gesundheit und Natur, hier konnte jeder nach seiner Kraft sich durchsetzen und behaupten. Jeder galt hier so viel, wie er wert war. Hier war die Kraft...

Er wanderte langsam durch die hellerleuchteten Straßen dem Theater zu. Alle Plätze waren ausverkauft. Roland trat in das Theater ein und hörte eine Weile den Künstlern auf der Bühne zu. Ein berühmter Tenor, ein Kind der Provence, sang schöne französische Liebeslieder. Gerade beendete er ein heiteres Liedchen mit dem Schlußrefrain:

„A nos dames donnez le prix!“

Die Zuhörer jubelten; die hübschen, koketten Pariserinnen klatschten entzückt in die Hände und ihre schwarzen Augen in den gepuderten Gesichtchen funkelten vor Vergnügen ...

„A nos dames donnez le prix...,“ wiederholte Roland heimlich für sich. „Ach, ich weiß eine Dame, eine schlanke Diana mit blondbraunem Haar, der ich viel lieber den Preis gäbe, als euch, ihr dunkelhaarigen, sprühenden Geschöpfchen ....“

Der Sänger sang ein neues Lied. Er spielte die Laute dazu, er stand wie ein Minstrel und sang herzlich rührend und innig den letzten Vers:

„Vous êtes si jolie, oh mon bel ange blond, Que mon amour pour vous est un amour profond, Que jamais l’on oublie. Pour vous plaire, la mort ne me serait qu’un jeu, Je deviendrais infâme et je renierais Dieu -- Vous êtes si jolie ....“

„Vous êtes si joli--e!“ klang die Melodie in ihm nach, als er die Ringkämpfergarderobe betrat, um sich umzukleiden. Er war ergriffen; er dachte rein und sehnsüchtig an Theresen.... „Pour vous plaire, la mort ne me serait qu’un jeu! Je deviendrais infâme.....“

Claude le Titan, der Champion, saß im Trikot an einem Tische und war vor einem Spiegel eifrig damit beschäftigt, sich zu schminken. Dabei erzählte er ein galantes Abenteuer, welches er gestern erlebt haben wollte und welches erst an dem eben verflossenen Nachmittage ein Ende gefunden hatte....

„Zu was schminkst du dich, Claude?“ fragte Pierre le Forgeron, die „rote Nelke“.

„Ich muß doch den Damen gefallen,“ erwiderte Titan mit ordinärem Lachen.

„Ach, heute abend gefällst du ihnen doch!“ meinte Oeillet rouge, „und wenn du noch so häßlich wärst... Dem Sieger laufen sie in jedem Falle nach....“

Ein Marsch erklang, und ein Pfiff; die wenigen übrig gebliebenen Ringkämpfer marschierten auf. Zum letzten Male wurden sie vorgestellt, und Beifallsgebrüll grüßte jeden einzelnen. Und noch einmal wurde das Ringkampfreglement verlesen.

Breitspurig, selbstbewußt und selbstgefällig standen die Ringkämpfer auf der Bühne, Claude Titan mit seinem eitlen Lächeln, Pierre le Forgeron in seiner ganzen, stumpfen Vierschrötigkeit, Syrin mit seiner lächelnden Frechheit eines frühreifen Knaben.

Roland ließ seine Blicke gleichgültig über das Theater schweifen, dann durch den Kranz der Logen, in denen geputzte Damen saßen, um die Starken zu bewundern und anzubeten.

Aber dort in der ersten Loge, ganz nahe der Bühne, saß eine Schlanke im hyazinthenblauen Kleide. Zwischen den weißen Spitzen, die den Ausschnitt umsäumten, blühte ein Strauß weißer Camelien. Das lichtbraune Haar ihres Hauptes lag wie ein Krönlein über dem stolzen Gesicht, die Hände hatte sie, ohne es zu wissen, auf ihre bebende Brust gepreßt....

Das war Therese Ambrosius.

* * *

Während auf der Bühne Pierre le Forgeron, die „rote Nelke,“ mit dem Kosaken Syrin rang, trat Freidank zu Claude le Titan und sprach gelassen:

„Dites-donc, Claude! -- bist du in Form?“

„Qu’importe?“ erwiderte der Champion nachlässig. Aber etwas im Tone seines deutschen Gegners, was wie verhaltenes Ungewitter klang, ließ ihn aufblicken, und er fügte hinzu:

„Ich bin immer in Form!“

„Dein Glück!“ sagte Eberhard mit ungewöhnlicher Ruhe. „Denn sonst könnte heute abend vielleicht etwas passieren, was viele Leute nicht voraussehen. Enfin -- es wäre kein übergroßes Unglück! Unter Kollegen gibt es bekanntlich nur ehrliche Rivalität. -- Wir haben ungefähr gleiches Hüftmaß. Die Ceinture d’or würde mir so gut passen, wie dir...“

Der dumme, ungebildete Mensch wußte noch nicht ganz genau, wo Freidank hinaus wollte; aber er hörte den Hohn aus seiner Stimme und begann sich plötzlich so unbehaglich zu fühlen, wie nie zuvor in seinem Leben:

„Du sagst doch nicht......?“ fragte er dumpf.

„Ich sage!“ antwortete Freidank scharf.