Die Starken: Ein Athleten-Roman
Part 12
Dann kamen freundliche Tage und Abende voll Liebe und Heimlichkeit. Wenn Freidank und Therese sich in der Wohnung begegneten, sahen sie einander nur an und lächelten, ein liebes Lächeln des Einverständnisses. Zum ersten Male in ihrem Leben hatte Therese vor ihrer Mutter ein verliebtes Geheimnis. Zum ersten Male kam sie unregelmäßig aus dem Telephondienste nach Hause. Er holte sie aus dem Bureau ab und sie ging mit ihm spazieren, stolz von ihm am Arme geführt.
Einmal fragte sie ihn nach seinen Kollegen. In übermütiger Laune ging er mit ihr in das Kaffeehaus, wo die Athleten nachmittags saßen und Karten spielten. Einige spielten mit fremden Herren, reichen Kaufleuten, Offizieren in Zivil und Bankiers, die sich eine Ehre daraus machten, an die berühmten Champions Geld zu verlieren. Denn die Fremden verloren immer. Die Athleten spielten mit ihren Partnern Hazard mit zwei Spielen französischer Karten. Die Spielregeln waren, wie es den Anschein hatte, merkwürdig primitiv. Die Anfänger lachten darüber und behaupteten, das Spiel wäre harmloser wie Sechsundsechzig. Aber wenn sie einige Stunden gespielt hatten, waren sie auf die primitivste Weise ein kleines Vermögen losgeworden.
Thyssen spielte mit Kiesling. Sie haßten einander, aber die Leidenschaft für die Karten trieb sie immer wieder zusammen. Heute hatte Kiesling beharrlich Unglück. Seine schmalen Lippen waren fest aufeinander gepreßt, seine Augen waren ganz klein und von den Lidern fast bedeckt. Die Passion des Spiels hatte in das hübsche Gesicht des jungen Mannes tiefe, häßliche Furchen gezogen.
Roditscheff, der nur selten spielte, ging an Kiesling heran und sagte halblaut:
„Höre auf, Paul! Du weißt, daß du von ihm nichts erbst.“
Kiesling erwiderte mit einem schmalen, bitteren Lächeln:
„Deine Warnung kommt schon wieder zu spät. Ich bin bereits blank.“
In allen andern Dingen vernünftig und besonnen, konnte Kiesling der Spielwut nicht widerstehen. Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich selbst und fragte mit gezwungenem Lächeln:
„Würdest du mir Geld zu ein paar Revanchepartien bergen, Thyssen?“
Thyssen schob seinem Spielgegner wortlos, scheinbar ohne zu zählen, ein Häufchen Goldstücke zu, und das Spiel begann von neuem.
„Mit Verlaub!“ sagte Roditscheff, der seinen Freund willenlos in die Krallen des Spielteufels zurücksinken sah, und nahm an Eberhards Tische Platz.
„Sie spielen nicht?“ fragte Therese Ambrosius freundlich, nur um etwas zu sagen, als Eberhard den Tisch einmal verließ, um mit einem Herrn zu reden.
„Ich denke nicht daran,“ erwiderte Sergej verächtlich. „Ich nehme den Brüdern, die sich auf die Bekanntschaft mit Ringkämpfern etwas einbilden, ohne die bunten Blättchen und ohne alle Aufregung das Geld ab...“
„Das können Sie?“ fragte Therese naiv.
„Natürlich!“ lachte Sergej, „und wenn du es heute noch nicht kannst, so lernst du es noch, Thres’!“
Fräulein Ambrosius sah erstaunt auf. Sie glaubte nicht recht gehört zu haben. Da kehrte Freidank zurück und brach wenig später mit seiner Freundin auf. Draußen hängte sie sich fest an seinen Arm und sagte:
„Sie sind nicht wie du, du gehörst nicht zu ihnen...“
„Wer denn?“ fragte er lachend, „meine Kollegen? Sie sind nicht schlimm, Therese! Sie sind nur rauh... Sie sind so stark und glauben darum, sich über manches hinwegsetzen zu dürfen. Sie dürfen es auch. Man rechnet es ihnen nicht schwer an...“
Therese sprach von etwas anderem, aber der kleine Zwischenfall hatte sie doch nachdenklich gemacht. --
Zu schnell vergingen die Tage; die Scheidestunde rückte näher. Sie versuchten beide, sich den nahen Abschied aus dem Sinne zu schlagen, aber alle Sorglosigkeit konnte nichts daran ändern, daß am zehnten Januar die letzte Entscheidung fallen sollte. Thyssen, Roland, Kiesling, Roditscheff, Meinken und Gomez waren als die sechs Besten übriggeblieben; die Kämpfe des letzten Abends mußten die drei endgültigen Sieger ergeben.
Im Theater war heute eine festlich gehobene Stimmung. Im Vestibül prangten drei große, breite Lorbeerkränze mit seidenen Schleifen in den Landesfarben, welche Direktor Immermann den Siegern spendete. Sportsleute und vornehme Freunde der Athleten hatten ebenfalls Kränze und silberne Geräte zur Ehrung der Sieger gesandt. Der herbe Lorbeerduft zog kräftig durch das ganze Haus.
Die Zuschauer fieberten auf die endgültige Entscheidung. Mancherlei Bande, sündige und ehrbare, verknüpften heute die Starken auf der Bühne mit ihren Bewunderern im Saal und in den Logen. Thyssen konnte seine Verehrer, Herren und Damen, nach Dutzenden zählen. Ihm, der unbesiegt war, sprach die allgemeine Erwartung den ersten Preis zu. -- Um Roditscheff zu sehen, waren viele vornehme Russen und Sportsleute der höheren Stände erschienen. Junge Männer aus den ersten Familien, darunter ein junger Erzherzog, hatten sich diese sechs Wochen lang um seine Gunst bemüht. Aber eine unberechenbare Laune hatte ihn, den Ungetreuen, diesmal an Fräulein Krömer gefesselt, welche ihm überdies freiwillig so kostbare Geschenke gemacht hatte, daß sein ausgeprägter Erwerbssinn völlig zufriedengestellt war.
Mama Ambrosius und ihre Tochter hatten Parkettplätze inne. Therese freute sich jetzt leidenschaftlich an der unverhüllten Schönheit ihres starken Freundes, während die Mama jedesmal von neuem indigniert war, ihren Mieter im prallsitzenden Trikot zu erblicken.
Er war heute in Grün gekleidet, die Kniee von grauem Gummistoff geschützt, die Füße mit hohen, weichen Lederstiefeln bekleidet. Sein blondes Haar war kurz geschoren, seine norddeutsche helle Haut leuchtete in Jugend und Gesundheit.
Er bildete mit Manuel Gomez das erste Paar. Seltsam stach seine blonde Schönheit von der düsteren Erscheinung des „Stiers von Granada“ ab, der mit seinem olivefarbigen Teint, dem schwarzen, häßlichen Lockenkopf und den einfarbig schwarzen Trikots wie ein Sohn der Nacht gegen ein Kind des Lichtes stand. Wer war unter den Tausenden von Zuschauern, welcher dem lichten Roland den Triumph mißgönnt hätte? Der „Stier von Granada“ wehrte sich erbittert, er geriet, wie es den Zuschauern schien, in tolle Kampfeswut. In Wahrheit wurde Manuel Gomez bei den großen Konkurrenzen nur engagiert, um durch die Geschicklichkeit, mit welcher er beim Ringkampf den wilden Mann spielte, Farbe in die Kämpfe zu bringen. Seine natürliche Roheit kam ihm bei diesen Mätzchen zustatten.
Heute, beim Entscheidungskampfe, versuchte er Roland in das Orchester hinabzuwerfen. Als ihm dies nicht gelang und die empörten Zuschauer heulend und stürmisch protestierten, überrannte der temperamentvolle Spanier den Preisrichtertisch im Hintergrunde der Bühne, so daß die entsetzten Unparteiischen sich am Boden überschlagen und von der Szene flüchten mußten, bis der „Toro de Granada,“ der in diesem Zustande wirklich einem wütenden Kampfstiere glich, sich beruhigt hatte und nun von Roland mit einem kunstgerechten Doppelnelson besiegt werden konnte.
In der Garderobe gab es inzwischen eine peinliche Auseinandersetzung zwischen Kiesling und Thyssen. Kiesling verlangte seinen Schuldschein über die Spielschulden von Thyssen zurück. Thyssen behauptete, daß er den Schein nicht bei sich trage. Aber Kiesling blieb fest:
„Wenn du einen glatten Sieg haben willst, wie er dem ersten Preisträger zukommt, so rat’ ich dir, Hermann, schaffe den Schuldschein und vernichte ihn hier vor meinen Augen!“
„Findest du dein Verhalten fair?“ fragte der Champion erbost, „und meinst du übrigens, daß Roditscheff mir den Sieg sehr erschweren kann?“
„Fair oder unfair in deinen Augen ist mir einerlei!“ sagte Kiesling kühl, „und wenn du nicht glaubst, daß Roditscheff sich im Endkampfe mindestens zwei Stunden gegen dich behaupten kann, so riskier’ es doch. Riskier’ es doch!“ wiederholte er mit schwachem, aufreizendem Lächeln und ging auf die offene Bühne hinaus, um mit Bernhard Meinken zu ringen.
Thyssen sah ihm von der Kulisse aus zornig zu. Der Teufel steckte in diesem Kiesling, machte seinen gestählten Körper elastisch und biegsam, wie einen Schlangenleib! Keiner flog aus beliebiger Höhe so exakt in die Brücke, wie er, keiner schlug zum Entzücken der Zuschauer so elastische Pirouetten, keiner bot in jeder erdenklichen Stellung ein so vollendet schönes Bild. Er ließ auch Bernhard Meinken keinen regulären Sieg. Nachdem der Kampf eine volle Stunde gedauert hatte, warf er sich so geschickt hintenüber, daß er sich selbst den Fuß verstauchte. Durch diese Verletzung wurde er kampfunfähig. Meinken wurde als Sieger erklärt, aber die Zuschauer waren verstimmt, daß einer ihrer Favoriten Schaden genommen hatte.
„Wie denkst du über die Spielschuld?“ fragte Kiesling Thyssen, sobald er hinkend in die Garderobe zurückkehrte. „Roditscheff hält mit mir zusammen....“
„Ist das wahr? Du bist ebenso unfair, Sergej?“ fragte Thyssen zornig.
Roditscheff schnitt sich gerade die Fingernägel und zuckte nur die Achseln, ohne sich umzusehen.
„.... Eure Gage....,“ murmelte Thyssen, aber Kiesling unterbrach ihn:
„Spielschulden dürfen von der Gage nicht gekürzt werden .... Überdies waren wir so vorsichtig, uns unsere Gage vor zwei Stunden von Immermann auszahlen zu lassen. Halt’ dich damit an unsern Direktor....“
Thyssen sah ein, daß die beiden starrköpfigen, unbedenklichen Freunde ihm alle Waffen aus der Hand genommen hatten. Wortlos zog er den Schuldschein aus seinem Portefeuille und reichte ihn Kiesling, der ihn schweigend durchlas und ihn dann auf den kleinen, rotglühenden eisernen Ofen legte, wo er zu Asche verschwelte.
Kaum zehn Minuten später wurde Thyssen auf der Bühne als Sieger mit unendlichem Enthusiasmus bejubelt. Er hatte den langen, starken Russen mit einem herrlichen Untergriff hingelegt....
Da oben standen die Starken, groß und herrlich, wie Halbgötter, und nahmen ihre Lorbeerkränze in Empfang und die versiegelten Hüllen, in welchen die Geldpreise verschlossen waren; die silbernen Geräte wurden Roland, Meinken, Kiesling, Roditscheff und Gomez überreicht, und Thyssen bekam einen feuervergoldeten Pokal. Und die Musik blies Tusch, und schmetternde Fanfaren feierten die Starken...
In der Garderobe sagten die Ringkämpfer einander Lebewohl und Auf Wiedersehen. Ein Teil reiste nach Holland zu einer Konkurrenz ab, die Jan van Muyden unterdessen arrangiert hatte.
„Das war ’n jutes Debüt, allright?“ sprach Thyssen liebenswürdig zu Roland, indem er die kornblumenblauen, wollenen Trikotbeinkleider abstreifte. Einen Augenblick nur stand er nackt in seiner reifen Schönheit da, denn schon kam Mikita Zirkovitch, der dem Champion fanatisch ergeben war, um ihm den Mantel aus Kräuselstoff umzugoben.
Freidank konnte sich nicht mehr zurückhalten. Das kühle, reservierte Benehmen des Weltmeisters ließ nur selten eine Annäherung zu. Jetzt war er mit Thyssen allein; nur Zirkovitch, der wenig Deutsch verstand, befand sich mit ihnen in der Garderobe. Eberhard streckte dem Rheinländer erschüttert beide Hände hin und sagte mit schwerer Zunge:
„Das kann ich Ihnen nie danken... das werde ich Ihnen nie vergessen....“
„Auf gute Freundschaft!“ sagte Hermann Thyssen mit einem Lächeln, welches sein schönes, ernstes Gesicht unvergleichlich erhellte, „und auf’s Du, Roland!.... Von Dank kann keine Rede sein. Aber Gott weiß, daß du an mir immer einen guten Kameraden finden wirst, wenn du nicht mein Feind wirst... wie die andern... wie die meisten....“
* * *
Auf gute Freundschaft! Das sagte auch Therese dem Ringkämpfer, als sie ihn weinend beim Abschiednehmen umarmte.
Eberhard hatte sich von dem schönen Mädchen nicht trennen mögen, ohne vorher ein gutes, bindendes Wort gesprochen und gehört zu haben. Darum hatte er am Morgen nach Beendigung der Konkurrenz Besuchstoilette angelegt, Frau Ambrosius eine offizielle Visite gemacht und um Thereses Hand gebeten.
Wider alle Erwartung hatte Frau Ambrosius ihre mütterliche Einwilligung versagt.
„Es tut mir herzlich leid, Herr Freidank, daß eine solche Erörterung zwischen uns stattfinden muß! Aber es sind schwerwiegende Gründe, die mich zwingen, Ihren Antrag nicht anzunehmen. Und Therese ist eine viel zu gute Tochter, um gegen meinen Willen...“
Freidank gab das Mädchen nicht kampflos auf; er bat um Gründe, wollte sein Einkommen darlegen, seine sportlichen Chancen...
„Ich glaube Ihnen, Herr Freidank,“ hatte Frau Ambrosius geantwortet, „daß Sie nicht um eine Dame anhalten würden, wenn Sie nicht wüßten, daß Sie sie ernähren können. Aber -- wie peinlich mir das ist! -- ich kann nicht Ja sagen, weil Sie durch Ihren jetzigen Beruf doch gewissermaßen -- aus Ihren Kreisen herausgetreten sind. Mein verstorbener Gatte, Herr Freidank, war Amtsrichter. Wenn er lebte, er würde niemals zugeben, daß...“
„Daß seine Tochter einen Ringkämpfer liebt,“ sagte Freidank bitter.
„Sie sagen es selbst,“ erwiderte Frau Ambrosius verlegen. „Wer, wie Sie in Zukunft tun wollen, von Ort zu Ort reist... sich auf der Bühne oder im Zirkus mehr oder minder -- preisgibt, kann -- nach meinem Ermessen -- eine Frau nicht dauernd glücklich machen... Nehmen Sie mir dieses Wort nicht übel, Herr Freidank! und versuchen Sie, meine Gefühle als Mutter zu verstehen....“
Thereses Neigung war noch nicht stark und unbedenklich genug, um der Mutter mit Überzeugung gegenüber zu treten. Erziehung und Gewohnheit stritten noch mit ihrer Liebe. Liebte sie ihn denn wirklich? fragte Eberhard sich in Zorn und Schmerz. Oder hatte ein Rausch der Sinne sie umgarnt, wie so viele Frauen, die den bejubelten Athleten ihre Ehre und ihre Leidenschaft ohne Besinnen hinwarfen, die aber niemals mit ihnen vor den Altar treten würden? Nein, Therese Ambrosius war nicht so!
An dem Nachmittage, ehe Freidank nach Amsterdam abreisen wollte, ging Frau Ambrosius aus. Sie fühlte dunkel, daß sie die Verpflichtung hatte, den beiden jungen Leuten eine ungestörte Abschiedsstunde zu gewähren.
„Wir wollen Freunde bleiben!“ schluchzte Therese Ambrosius, an Eberhards Halse hängend.
„Du hattest mir mehr sein sollen, meine Geliebte! meine Süße,“ sagte er flüsternd und küßte ihr braunes Haar. „O! die Achtung vor den Frauen, die ich verloren habe, du solltest sie mir wiedergeben, du stolzes Weib. Ein Vorurteil trennt uns, eine Marotte... Ich werde darüber hinwegkommen!“ fügte er mit einem Anfluge von Hochmut hinzu.
„Aber ich nicht! Niemals!“ weinte das junge Mädchen. „Du wirst fortgehen, Eberhard; du wirst andere Frauen lieben, die dir den Hof machen... die dich verehren... nur weil Du als Athlet vor ihnen stehst... Und ich werde hier bleiben, einsam... O, wie ich dich liebe! -- Wie ich mich nach dir gesehnt habe... Tage lang -- Nächte lang...!“
Nächtelang! hatte sie gesagt, nächtelang! -- Das halblaut gesprochene Wort drang in seine Seele, wie Trompetenstöße. Nächtelang! Es brauste mit hellem Klang in seinen Ohren. Das war der Ruf der Leidenschaft, der ihm noch niemals erklungen war, das war das brünstige Locken des Weibchens, welches nach dem Gatten schrie. Und das war nicht spielerisch gesagt und nicht unkeusch. Das war in reiner, überwältigender Sinnlichkeit herausgestoßen, wie der naive Naturlaut eines Tieres. Nie hatte Fritzi l’Alouette, die mit der Liebe spielte, ihm gesagt, daß sie sich nach ihm gesehnt hatte -- Nächte lang. --
Er sprang auf, er packte sie an beiden Schultern:
„Was hast du damit gesagt, Therese? Was -- hast du -- damit -- gemeint?“
Seine Blicke bohrten sich in ihre Augen, wie Schwerter. Klar war es zwischen ihnen, als sei ein Blitz niedergefallen. Und der junge Mann warf sich auf die Kniee nieder, schlang die Arme um ihre Hüften, preßte sie wild und stöhnte zu ihr hinauf, wie zu einem Heiligenbild:
„Um Gottes willen, Therese, sag: was hast du damit gemeint?“
Sein heißer Atem schlug ihr ins Gesicht, seine lodernde Leidenschaft fuhr wie der Samum über ihre jungfräuliche Seele. Sie wollte sagen „gar nichts hab’ ich gemeint --“ aber ihre verdorrten Lippen blieben hilflos offen stehen und ihr Kopf bog sich nach hinten über, wie das Haupt einer welkenden Blume.
Er sprang von den Knieen auf, er küßte ihre trockenen Lippen mit wilden, rücksichtslosen Küssen, er riß sie in die Höhe und stöhnte, während er sie fest umklammert hatte, unter den heftigsten Küssen:
„Was hast du gemeint, Therese?“
Sie wußte, er hatte sie recht verstanden. Oh -- nein! schrie ihre Sittsamkeit -- um Gotteswillen, ja! schrie das Verlangen ihrer Jugend. Und da flog in ihre Herzensangst und Leidenschaft hinein eine jähe, wahnsinnige Hoffnung: Wenn er bliebe? Wenn es möglich wäre, den Starken, den Geliebten zu halten?
„Liebst du mich, Therese?“ stammelte Eberhard, „Therese, liebst du mich?“
Feuer schien aus seinen Augen zu springen. Er rang mit Therese, sie wehrte sich. Seine Kraft war groß, aber ihre Geschmeidigkeit, die noch einen Rest von Besonnenheit bewahrt hatte, war noch größer.
„Therese, liebst du mich?“ --
Sie riß sich plötzlich von ihm los, kreuzte die Arme über der jungen, vollen Brust und flüsterte lockend und geheimnisvoll:
„Wenn du nicht abreist... wenn du bei mir bleibst...“
„Dann tust du mir alles zu Liebe?“
„.... Ja,“ sagte sie und schlug die Augen nieder.
„Aber Therese, ach Therese! das ist ja unmöglich....“
„Das ist schon möglich....“
Und wieder rang er mit ihr, versuchte, die schöne Beute mit Gewalt zu nehmen. Sie sprühte vor Leidenschaft, Trotz und Abwehr, sie entwand sich ihm mit ungeahnter Kraft...
„Und wenn ich bleibe, Therese, dann.....?“
„Dann....“
„Jetzt, Therese, in dieser Stunde, in dieser Minute...?“
„Jetzt.......“
„Therese, ich bleibe -- -- -- -- --!“
-- -- O du uralte, lockende Eva-Macht! O du schillernde Schlange des Paradieses! -- O du Apfel in der Hand des Weibes, welcher den Hungernden, den Dürstenden reizt und den Leidenschafterschöpften im seligsten Rausche erquickt! -- -- -- --
In dieser Stunde wurde Therese Eberhards Geliebte und seine verlobte Braut. --
Als Mama Ambrosius nach Hause zurückkehrte, fand sie die Liebenden Hand in Hand am Fenster des Wohnzimmers sitzen. Sie hatten schon von der Zukunft gesprochen, und beide strahlten von jugendlicher Zuversicht.
„Ich liebe ihn, Mutter!“ sagte Therese fröhlich, „und er bleibt hier, er geht nicht fort... Er ist so begabt! Er wird sein Drama schreiben, er wird Erfolg haben...“
Frau Ambrosius lächelte mütterlich:
„Ja, so -- so ist es etwas anderes, lieber -- Schwiegersohn! -- Sie sind beide jung, Sie können warten, bis Sie... Die Geistesarbeit wird Ihnen eine andere Karriere gewähren, als diese, diese....,“ sie schüttelte sich ein wenig, „als diese Kraftmeierei!“
XI.
Als Eberhard der Kraft untreu wurde und sich dem Geiste zuwendete, war er auf einige Monate hinaus vor quälenden Nahrungssorgen geschützt. Während der letzten drei Wochen der Konkurrenz, seit Beginn der Entscheidungskämpfe, hatte er täglich fünfzig Mark verdient, seine einfache Lebensweise aber nicht geändert, so daß er an siebenhundert Mark Ersparnisse besaß.
Als Thereses Bräutigam hatte er von Mama Ambrosius fortziehen müssen und nicht gar zu weit ein neues Logis gefunden. Nun gehörten seine Tage, wie vordem, der Arbeit und der Liebe. Die sechs Wochen voll von Triumphen, Erfahrungen und Leidenschaften lagen hinter ihm wie ein Traum. Er wollte auch nicht mehr denken an den Traum. Jedesmal, wenn sein Blick auf seine Hanteln traf, oder auf ein Stück seiner Bühnenkleidung, oder auf ein Bild, das ihn im Dreß darstellte, furchte sich seine Stirne und er hatte ein leise schmerzendes, bitteres Gefühl, als ob er einem guten Engel aus dem Wege gegangen sei. Wenn aber Therese ihm zur Seite war, ihre Augen ihn klug und freundlich ansahen und ihr Mund gescheit und lieblich plauderte, zerstob der kleine Schmerz.
Er schrieb ein Drama, und er stürzte sich mit temperamentvollem Eifer auf die Arbeit, als gelte es, das Werk in der allerkürzesten Zeit zu schaffen. Nach einigen Tagen besann er sich, daß sein Werk nicht vor dem Ende des Sommers aufgeführt werden könnte. Nun teilte er die Arbeit ein, schrieb ruhig und planmäßig. Tagelang arbeitete er in Bibliotheken, um seinem Werke das richtige Kolorit und die lebendigen Züge des Zeitalters geben zu können.
War seine Kraft gewachsen? Hatte die Liebe ihn umgewandelt, daß alles, was er schrieb, unter seinen schaffenden Händen feste Formen annahm?
„Besinnen Sie sich auf Ihre Kraft!“ hatte ihm -- es war ungefähr ein Jahr her! -- ein erfahrener Theaterdirektor gesagt.
In der Zeit, die zwischen damals und heute lag, hatte der ungelenke und zähe Niedersachse sich auf seine ganze Kraft besonnen. Jetzt wurden seine Gedanken präzis und logisch, jetzt rundeten sich seine Sätze zu Fülle und Wohlklang, jetzt blühten kräftige, energische Bilder unter den Händen auf, die starke Gegner mit kühnen Griffen erfaßt und niedergeschleudert hatten.
Ein Bild vor allem war ihm im Gedächtnisse geblieben und hatte seine Gedanken also durchdrungen, daß er es auch in seine Arbeit verwob: das Bild jener Mordnacht bei Aloys Binder. Jetzt, da er still am Tische saß, um sein Werk zu schaffen, trat der Anblick des Ermordeten greifbar aus den Schatten der Erinnerung hervor:
Der Mann, der tot und starr auf dem buhlerischen Lager ruhte und das Mädchen, welches mit schwarzen, entsetzten Augen auf die Leiche stierte -- und sich mit gedankenloser Lebenslust schon auf der Treppe wieder dem Lebendigen zuwendete, während der Tote oben allein in dem verschlossenen Zimmer schlief.
Und es stiegen Personen und Ereignisse aus der stolzen Zeit der italienischen Renaissance vor seinem Geiste auf. Welche Zeit war ein einziges Loblied auf die Kraft, wie diese? Wann hatten die Starken so selbstherrlich Gebrauch von ihrer Kraft gemacht, wie die Mächtigen zur Zeit der Borgia und der Colonna?
Die Kraft wollte er verherrlichen, die Starken wollte er preisen, die über Leichen in ihre Freudengemächer eingehen! -- Mit Therese besprach er Szene für Szene seines Stückes. Er arbeitete mit Fleiß und Inbrunst. Und als er dieses Mal das letzte Wort schrieb und nach ordentlicher Gewohnheit einen geraden Schlußstrich darunter zog, tat er es ohne Fieber und ohne Wildheit in dem ruhigen Bewußtsein, etwas Tüchtiges vollendet zu haben. --
Die Arbeit hatte ihm kaum Zeit gelassen, an die Unterbringung seines Stückes zu denken. Jetzt, da das Manuskript vollendet vor ihm lag, befiel ihn Schrecken über seine Sorglosigkeit, und sein Mut erschlaffte jählings. Wie? sollte auch dieses Werk nur geschrieben sein, um nach jedem Schritte vorwärts denselben Schritt nach rückwärts zu tun?
Therese war wieder die heitere, ermutigende Trösterin. Des Abends holte er sie vom Bureau ab und beide gingen Arm in Arm nach Hause, wo Mama Ambrosius sie mit dem bürgerlich bestellten Abendbrottische erwartete. Oft fühlte er sich müde, während ihre Augen trotz dem anstrengenden Dienst des ganzen Tages glänzten. Mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrer immer gleich bleibenden Zuversicht gewann sie langsam ein Übergewicht über den Mann, welches er lächelnd anerkannte.
„Ich bitte dich, Lieber,“ sagte sie, „geh selbst zu dem Theaterdirektor, der dich damals ermutigt hat, ihm später einmal ein neues Stück zu bringen.“
„Therese! Ich habe wenig Hoffnung. Anerkannte Größen arbeiten für seine Bühne. Wie käme er dazu, einen Neuen, Unbekannten einzuführen?“
„Hast du nicht auch bei Immermann Glück gehabt? Warst du als Athlet nicht ebenso unbekannt? Habe Mut, Eberhard! Wer soll denn das Glück zwingen, wenn es den Starken nicht gelingt!“
Therese behielt Recht mit ihrer hoffnungsvollen Zuversicht, daß dem Starken das Glück hold ist. Mit unruhigem Herzen kam Eberhard in die Theaterkanzlei und bat, zu dem Direktor vorgelassen zu werden.
„In welcher Angelegenheit?“ fragte der Sekretär gleichgültig und mechanisch.
„Um mein neues Drama vorzulegen,“ erwiderte der junge Mann und sagte seinen Namen.
Kurz darauf erschien der Sekretär unter den höflichsten Verbeugungen wieder und bat Eberhard, ihm zu dem Bühnenleiter zu folgen. --