Die Starken: Ein Athleten-Roman
Part 10
Er ging mit schweren Schritten an dem Buchmacher, der ihm in ohnmächtiger Wut nachblickte, vorüber und trank am Büfett des Theaterrestaurants hastig mehrere Gläser Kognak aus, welche seiner Gedanken Qual so weit zerstreuten, daß er Binders Reden über Fritzi vergaß. Das Kind lag längst zu Hause im Schlafe, das war gewiß. Er hatte Fritzis Hausschlüssel in der Tasche. Aber warum die Geliebte im Schlafe stören? Besser, auf die Kneipe zu gehen....
Die Nacht war mild und dunkel. Warme Lüfte strichen über den Schnee hin und von den Dächern rieselten dünne Bächlein. Eberhards Schritte knirschten leise in dem tauenden Schnee, als er in die Linienstraße einbog, wo die Kneipe des Vereins Gryphius im ersten Stock eines Hinterhauses lag. Im zweiten Stock desselben Gebäudes hauste die „Munichia“, deren Angehörige den Gryphianern nicht besonders freundlich gesinnt waren. Man hielt offizielle Freundschaft, während man einander insgeheim nachspürte, um eine Veranlassung zum Abbrechen der freundschaftlichen Beziehungen zu finden.
Eberhard kam spät, aber die Freunde hatten fest auf sein Erscheinen gezählt. Der kleine, lustige Tönnies sprang sofort auf, drückte Eberhard herzlich beide Hände und zog ihn auf den Platz neben sich, den ein Fuchs alsbald räumen mußte. Es war kurz vor Beginn der Fidelitas. Frohe Gemeinsamkeit strahlte allen diesen jungen, enthusiastischen jungen Männern aus den Augen, gemeinschaftliche Interessen, gemeinschaftliche Hoffnungen zogen ihren Zauberring um den Jünglingskreis. Eberhard beantwortete heiter ein paar Fragen, tat den Freunden mit dem kühlen, schäumenden Bier Bescheid und lehnte sich dann, das Kneipcerevis auf dem Kopfe, behaglich hintenüber mit dem vollen Frohgefühl: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! --
In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum, der von den Füchsen scherzhaft und phantastisch herausgeputzt war. Zur Beleuchtung des Baumes hatte man zufällig starke, gelbe Wachskerzen gekauft, die ihren süßen, edlen Duft in feinen Wogen durch das Kneipzimmer sandten. Die Lichter knisterten leise; man hatte ein mechanisches Musikinstrument eingestellt, welches nun einen großen Kinderchor erklingen ließ. Wie aus weiter Ferne, aber dennoch deutlich, zogen die glücklich-naiven Worte dahin:
„O, du fröhliche, O, du selige, Gnadenbringende Weihnachtszeit!“
Von den Wänden grüßten die vertrauten Bilder alter Kommilitonen; das Bild Andreas Gryphius’ war von einer jungen, pietätvollen Hand mit grünen Tannenzweigen bekränzt worden. Die jungen Männer, der holden Kinderzeit noch nah und nicht entfremdet, wollten sämtlich unter Lachen und Necken ihre mildgerührte Stimmung verbergen und vermochten es nicht....
„Christ ist erschienen, Uns zu entsühnen. Freue dich, freue dich, o Christenheit!“
Der Kinderchor sang’s aus der Walze des leblosen Musikinstrumentes heraus. Und wieder einmal, wie so oft, träumte Eberhard von ernster Geistesarbeit und ehrlichen Erfolgen, von stillem Schaffen und Freude an erreichten Zielen....
-- Die Kneipe der Munichen im oberen Stockwerk war schon zu Ende.
Man hatte sie ihr Kneipzimmer verlassen und die Treppe hinabsteigen hören. Dann trat Tönnies einmal zufällig auf den Treppenflur hinaus und lief gegen einen Munichen an, der gerade die dunkle Treppe herabkam. Er entschuldigte sich höflich und bat den Munichen, ein Weilchen Gast der Gryphianer zu sein. Gemeinsam traten beide junge Männer ein. Die Türe blieb offen stehen. Ein kalter Luftzug fuhr Freidank ins Gesicht; er drehte sich um:
„Tönnies, bitte, schließe die Tür!“
Der Muniche sah Freidank ins Gesicht, fragend, erschrocken, unsicher... Aber er hatte keine Zeit, irgendwelche Zweifel oder Vermutungen auszusprechen, da er von dem Kneippräsiden begrüßt und gastfrei aufgenommen wurde. Eine halbe Stunde flog dahin in munterem Gespräch. Und dann, jäh, zwingend, wie das Grauen sich immer zu nahen pflegt, trat plötzlich ein unsichtbarer, eisiger Gast in den Kreis der jungen Männer, lähmte die plaudernden Lippen, hielt den Schlag der Herzen zurück. Das Schweigen breitete sich aus, jeder fühlte es, obwohl es keiner sah, ohne Grund richteten alle Augen sich auf Eberhard Freidank....
Aber der Präside sprang auf; mit einem Schwerthieb wollte er das Grauen töten, entzweischneiden, in Nichts auflösen:
„Freidank! Kommilitone Freidank! von Herrn Höpfner-Munichiae ist soeben eine -- ganz -- erstaunliche -- Beschuldigung gegen dich erhoben worden....“
Die Stimme des jungen Mannes bebte, die jungen, zuckenden Lippen wollten den Dienst versagen. Zu ungeheuerlich erschien ihm die Behauptung des Munichen, zu phantastisch die Idee.... Er rang nach Haltung und fuhr fort:
„Du sollst -- im Odeontheater -- einer der Konkurrenzathleten sein, du sollst -- heute abend -- mit einem -- gerungen haben.... Freidank, sage, daß es nicht wahr ist......“
Unser Leben ist ein Würfelspiel; wir heben die Würfelbecher, betrachten die Würfel, zählen die Augen, wägen unsere Chancen.... Aber manchmal nimmt uns Einer den Becher aus der Hand, schüttelt ihn und schleudert den Inhalt heraus, daß wir das Aufklirren der beinernen Würfel hören. Ich habe es in schrecklichen Stunden gehört, und vielleicht auch du, und du kennst vielleicht das Grauen jener Sekunden, in denen die Schicksalswürfel dröhnend niederfallen. --
Eberhard Freidank stand auf und sagte leise und ernsthaft:
„Ja, das ist wahr.“
In schweigender Erschütterung blickten die jungen Männer vor sich nieder. Alle hatten sich erhoben. Der Muniche stand blaß und abgewendet, selbst ergriffen von der Wirkung seiner Anklage.
Freidank machte eine unwillkürliche Bewegung, um das Zimmer zu verlassen. Da faßte sich der Präside und sagte, ohne seinen Schmerz zu verhehlen:
„Freidank, das tut mir weh, -- bei Gott, -- als ob’s mein eigener Bruder wäre... Du warst uns wie ein Bruder, Freidank.... Aber... daß man das sagen muß! -- Freidank, so leid es uns allen tut... aber.... Mit der blanken Waffe.... ist das nicht auszutragen....“
„Ich weiß schon,“ sagte Freidank erschöpft. „Lebt wohl! Und es soll euch im Leben gut gehn, und ihr sollt erreichen, was ihr erstrebt.“
Und er wendete sich zur Türe. Keiner hielt ihn zurück. Im Flur gab der Vereinsdiener ihm den Mantel um und reichte ihm die Pelzmütze. Da kam ihm einer nach: das war Tönnies.
„Verzeih,“ sagte Adolf Tönnies gedrückt, „ich schuldete dir noch fünf Mark, Freidank... Erlaube, daß ich diese Schuld berichtige....“
Alles, was vorhergegangen war, war nichts gegen diesen Schmerz. Adolf brachte ihm fünf Mark zurück, die er wohl von dem Studenten hatte leihen können, von dem Ringkämpfer aber nicht...
„Deshalb bist du mir nachgegangen, Tönnies?.....“
„Pardon --, ja, deshalb! Denn ich fürchte, daß ich in Zukunft dazu keine Gelegenheit mehr haben Werde, in Anbetracht deiner neuen Karriere....“
Freidank ließ das Silberstück fallen, daß es klirrend fortrollte. --
Die meisten Straßenlaternen waren ausgelöscht; die Straße war noch finsterer. Tauwind flog über die Stadt, fraß die letzten Schneereste und glitt weich durch die Haare des Ausgestoßenen. Eberhard hatte keinen Gedanken....
Ein einsames Mädchen strich langsam vorbei; da fiel ihm Fritzi ein. „Zu Fritzi!“ sagte er sehr sanft vor sich hin, und ein liebeseliger Frieden zog in sein Herz ein, „zu Fritzi!“
Er kam an das Haus, wo Fritzi wohnte, stieg vorsichtig die Treppen hinauf und schloß die Türe auf. Er wollte das kranke Mädchen nur sehen, einen Kuß auf ihre weiße Stirn drücken und wieder von dannen gehen. Aber das Zimmer war leer, und Fritzi war nicht darin.
Er sah sich um, er griff an seine Stirn. Wahrhaftig, es war Fritzis Zimmer.... Das Bett war unberührt, das Mädchen war nicht heimgekommen. Er stand eine Weile am Fenster und sah zwecklos hinaus, dann fing er an, zu toben und zu fluchen. Das Dröhnen seiner Stimme lockte Frau Krichelmann, die Wirtin, herbei. Sie erschien in Nachtjacke und Unterrock und fragte entsetzt, was geschehen sei?
„Sie wissen es besser als ich!“ stöhnte Freidank, „wo ist Fritzi?“
„Das Fräulein Fritzi?“ Die Wirtin besann sich nach einer Lüge, „das Fräulein Fritzi ist, so viel ich weiß, zu Fräulein Liane gegangen....“
„Liane!“ sagte Eberhard bebend, „aber Liane ist nicht in Berlin... Fritzi ist anderswo... Wenn Sie keine Wahrheit wissen, so sagen Sie wenigstens keine offne Lüge....“
„Das dürfen Sie mir nicht ins Gesicht sagen!“ erwiderte Frau Krichelmann, „ich habe Fräulein Fritzi nicht zu hüten! Ich weiß nur, daß sie bei Fräulein Liane schlafen wollte! -- Sie zahlen pünktlich die Miete für Fräulein Fritzi, Sie sind mir ein lieber Mieter, Herr Freidank! aber ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm hier.... mitten in der Nacht....“
Freidank warf die Türe zu und jagte die Treppen hinunter. Er dachte daran, wie er sie vor drei Wochen unter tausend Zweifelschmerzen gesucht und nicht gefunden hatte und ihr dann selber untreu geworden war.... Er hatte nie den Mut gefunden, Fritzi zu fragen, wo sie jenen Abend verlebt hatte. Und heute? -- Ganz flüchtig kamen ihm Aloys Binders Reden in den Sinn. Aber das war nichts, konnte nichts sein, als haltlose Prahlerei. Seine Fritzi... und dieser rohe, tierische Mensch mit der niedrigen Stirn und dem steilen, borstigen Haar... Und dann -- bei dem Kampfe des heutigen Abends mochten Binder die Liebesgedanken für diese Nacht wohl gründlich vergangen sein. --
Eberhard lief durch die Straßen; ohne daß er eigentlich die Absicht hatte, gelangte er zu dem Hause, in dem Aloys Binder mit Madame Celeste wohnte. Die drei Fenster im ersten Stock, die dicht verhängt waren, gehörten zu Binders Zimmern. Schmale Lichtstreifen schimmerten durch die Ritzen. Jetzt wurde an einem Fenster der Vorhang aufgezogen und das Fenster geöffnet. Eine weibliche Gestalt beugte sich hinaus, sah den Himmel an, trat wieder zurück und schloß die Fenster. Eberhard hatte sie genau erkannt; es war Madame Celestes zarte, schlanke Silhouette. --
Die Nacht ging schon auf den Morgen zu. Ein dünner, warmer Regen floß grau aus schweren Wolken. Eberhard ging mit matter Seele und erschlafften Sinnen in das Kaffeehaus, in dem die Ringkämpfer den größten Teil ihrer Nächte zuzubringen pflegten. Jetzt erst gehörte er ganz zu ihnen....
Aber die Kollegen waren zum größten Teil schon fortgegangen; nur Manuel Gomez und der stille Türke waren noch anwesend. Der unverträgliche Spanier fand keinen Zechgenossen mehr außer dem Türken, mit dem er sich in keiner Sprache verständigen konnte. Faul, fast unbeweglich, lagen sie auf den Stühlen und betranken sich schweigend.
Eberhard ging aufs Geratewohl in ein anderes Kaffeehaus hinein. Dort saßen, vor neugierigen Blicken durch einen Vorhang ein wenig geschützt, Kiesling, Roditscheff und Leonie Krömer. Leonie erschrak, als sie Freidank erblickte, aber Kiesling beruhigte sie:
„Der spricht nicht, Fräulein, er ist ein honetter Kerl! ... Am besten, wir holen ihn an unsern Tisch und lassen ihn merken, daß er zu schweigen hat....“
Eberhard kam. Er hatte die Situation schnell begriffen. Leonie saß mit dem Russen auf dem kleinen, roten Ecksofa und hielt die schönen Augen auf den Maiglöckchenstrauß gesenkt, den Roditscheff ihr gebracht hatte. Ihre letzte Widerstandskraft war zerbrochen. Von Zeit zu Zeit zuckte es leise um ihren Mund, ein Lächeln schamvoller Verlegenheit. Aber ihre Seele hatte sich dem riesigen, helläugigen Ringkämpfer schon ergeben. Leonie wartete in Scham und Sehnsucht, bis Sergej sie an der Hand nehmen und im Triumphe als sein Eigentum und sein Liebchen nach Hause führen würde....
„Hatten Sie ein Stelldichein hier, Roland?“ fragte Kiesling mit seinem flüchtigen, schmalen Lächeln. „Alsdann ist Ihnen die Dame ausgerückt, wie mir scheint.“
Freidank kämpfte mit sich. Sollte er sprechen und Fritzi kompromittieren? Aber die beiden, die von ihm Verschwiegenheit über Fräulein Krömer erwarteten, konnten ihn vielleicht aufklären, konnten vielleicht die zermalmende Ungewißheit lösen.
„Kein Stelldichein,“ sagte er, und seine Stimme klang rauh. „Ich suchte meine -- Freundin... Fräulein Fritzi .... Sie ist nicht zu Hause....“
Freidank sah den Blick des Einverständnisses, den Kiesling und Roditscheff wechselten. Also sie wußten... wußten mehr, wie er selber wußte....
Kiesling war ein verschwiegener Mensch und konnte Skandalgeschichten nicht leiden. Aber in diesem Augenblicke hielt er es für eine natürliche Anstandspflicht, Freidank zu warnen:
„Hören Sie, Roland --! Meine Affaire ist es nicht.... Aber, wenn Sie klug sind, so ziehen Sie Ihre Hände zurück ..... Wir sprechen doch, nicht wahr, von Fräulein Fritzi l’Alouette, der Chansonette. Fräulein Fritzi l’Alouette ist heute abend beim Binder.“
Und er nickte ernsthaft mit dem Kopfe. --
Freidank ließ die Faust auf den Tisch fallen. Das Blut war aus seinen Lippen gewichen, seine Augen wurden starr:
„Das wissen Sie? -- das ist sicher und wahrhaftig, und nicht nur eine von den vielen Klatschgeschichten aus der Garderobe, daß es der Binder mit meiner Fritzi hat?“ --
„.... Also zeig’s ihm, Sergej,“ sagte Kiesling.
Der Russe zog ein juchtenes Portefeuille und sah mit nachdenklichem Gesicht eine Anzahl Bilder durch. Einen Augenblick hielt er das Momentbild aus der Photographenbude vom Rummelplatze zwischen den Fingern und legte es dann schweigend vor Eberhard auf den Tisch.
Das Bild stellte Fritzi inmitten ihrer beiden Begleiter dar. Sie war gar nicht zu verkennen. Den Lockenkopf mit dem kecken Pelzmützchen hatte sie zärtlich an Binders Schulter gelehnt, und Binder hielt sie fest im Arm, die Hand auf ihre zierliche Taille gepreßt....
„Ich danke Ihnen,“ sagte Freidank heiser. „Ich danke Ihnen vielmals. Ja, das ist Fritzi.“ --
IX.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht kam Aloys Binder aus dem Odeontheater und traf an der nächsten Straßenecke Fräulein Fritzi l’Alouette. Fritzi ging bereits seit einer vollen Stunde an dem Platze auf und ab und dachte daran, daß Eberhard sie niemals hatte warten lassen. Nur flüchtig kam ihr indessen der Gedanke, heim zu gehen und den Ringkämpfer im Stiche zu lassen. Sie fürchtete sich vor diesem Menschen, der doch gegen sie bisher nur sanft und freundlich gewesen war. So wartete sie mit einem seltsamen Gemisch von Zorn und Demut im Herzen. Als Binder endlich kam, machte Fritzi ihm nachträglich Vorwürfe. Er hörte sie schweigend an und sagte nach mehreren Minuten:
„Es wird Tauwetter, du kleine Katze!“
„Was hat das mit meinem Warten zu tun?“ fragte Fritzi verblüfft.
„Nichts!“ erwiderte Binder lächelnd, indem er die Zähne zeigte, „wie lange du gewartet hast, ist mir höchst gleichgültig, du schwarzes Kätzchen! Du mußt auf mich fünf Stunden warten, wenn es mir paßt, zehn Stunden, die ganze Nacht! -- Oder würdest du nicht warten?“ fügte er drohend hinzu.
„Ja....“ sagte sie eingeschüchtert und blieb nahe an seiner Seite, während er weiterging. Sie trippelte schlank und zierlich neben ihm, dann hängte sie sich an seinen Arm:
„Sag’, wohin führst du mich, Aloys?“
„Zu mir, nach Hause!“ sagte der Mann inniger, als er sonst sprach, und preßte die kleine Mädchengestalt fest und inbrünstig an seinen starken Körper.
„In kein Lokal? In kein Café?“
Sie zwitscherte, wie ein zutrauliches Vöglein, sie war so kindlich-schlau, so naiv-kokett, daß der Athlet nicht imstande war, sie grob zu behandeln.
„Mein Kind,“ sagte er freundlich, „wir würden von Roland gesehen werden, darum mußt du mit mir kommen!“
„O, Aloys! -- bist du ihm böse wegen deiner Niederlage? Ich habe das Publikum darüber sprechen hören, als es das Theater verließ! -- Aber dein Fall war doch vorher ausgemacht?“
„Laß das, Fritzi,“ sagte der Ringkämpfer finster. „Natürlich war es ausgemacht... Meinst du, Roland wirft mich im Ernst?“
„Dich nicht,“ erwiderte Fritzi eifrig, „so viel verstehe ich auch schon davon!“
„Gar nichts verstehst du, du kleine Katze,“ beschloß Binder die Unterhaltung und gab seiner Begleiterin einen Kuß.
Sie standen vor der Haustür. Binder führte das Mädchen ins Haus. Fritzi überwand eine letzte Bangigkeit und flüsterte:
„Ist niemand oben? Werden wir ganz allein sein?“
Der Ringkämpfer würdigte sie einer Antwort:
„Celeste ist natürlich oben. Du kennst sie ja, Fritzi!“
Madame Celeste? Sie, die doch nur Binders Geliebte war, sie war Fritzi immerhin als ein Bild alles Reinen und Hohen erschienen. Die kleine, leichtfertige Chansonette, welche das zermalmende, brutale Leben noch nicht in all seiner Raffiniertheit und Roheit kennen gelernt hatte, zitterte unwillkürlich bei dem Gedanken, als eine Sünderin vor den ernsthaften, reinen Augen Madame Celestes zu stehen. Binder aber, in dem alle niedrigen Instinkte wieder munter geworden waren, als er mit Fritzi durch das dunkle Treppenhaus schritt, verstand ihr Zittern falsch:
„Sie tut dir nichts, mein schwarzes Kätzchen! O nein!“ er lachte höhnisch, „im Gegenteil! -- Bedienen wird sie dich, Fritzi, sie wird tun, was du verlangst....“
Zwar war er seiner Sache nicht ganz sicher, betrat aber doch mit herrischer, siegesgewisser Miene an Fritzis Seite den kleinen Ecksalon. Er war leer, aber das Glühlicht der mehrarmigen Lampe leuchtete über einem weißgedeckten Tische mit freundlich angerichteten Erfrischungen.
Binder selbst war bei diesem Anblicke betroffen. Celeste war also seinem kaum ernstgemeinten, frechen Befehle, ein kleines Abendessen für ihn und eine Dame herzurichten, nachgekommen? Und ihre Unterwerfung rührte ihn nicht, sondern machte ihn nur übermütiger. Er zog ein Pfeifchen, um Celeste wie einen Hund herbeizupfeifen. Ehe er aber den Pfiff ausgestoßen hatte, trat Celeste selbst über die Schwelle des Schlafzimmers und begrüßte Binder mit seiner Begleiterin, ohne daß das Lächeln von ihren Lippen wich...
Wahrhaftig, Madame Celeste lächelte! Das Lächeln hielt ihre schönen Lippen geöffnet, so daß die blanken, schmalen Zähne sichtbar wurden. Sie hatte die dunkeln Ringe unter ihren Augen mit Schminke überdeckt. Wie der weiße Hauch auf üppig reifen Früchten lag ein zarter Puderschleier über ihrer Haut. Sie hatte das schwarze Haar zu einer hohen Frisur anmutig aufgebaut. Ihr hoher, schlanker Leib war heute in ein rotseidenes Kleid gehüllt, halb Hauskleid und halb Festgewand. Jung, schön, bizarr und phantastisch sah Madame Celeste aus, eine reizende, geschmückte Sklavin...
Binder starrte ihr mit unverschämter Siegermiene ins Gesicht und sah ihr unveränderliches, seltsames Lächeln. Sie lächelte, so meinte er, aus Verlegenheit... aus Scham .... O, sie sollte noch verlegener werden! Sie sollte noch tiefer gedemütigt werden! Jetzt war er über ihre Seele Herr geworden, nachdem er längst ihres Leibes Herr geworden war. Jetzt hatte er die Macht, die feine, stolze Seele bis zur letzten Erniedrigung zu zertreten! --
„Wir setzen uns auf das Ecksofa, Fritzi,“ sagte Binder. „Du, Celeste, darfst dich mit uns zu Tisch setzen... vorausgesetzt, daß du uns dabei alles nett servieren kannst...“
„O, du wirst zufrieden sein!“ erwiderte Celeste und hörte nicht auf, zu lächeln. „Der Tee, Aloys, ist frisch und heiß, der Sekt steht auf Eis.... Was befiehlst du?“
„Erst Tee, später Sekt,“ sagte Binder. „Liebe Fritzi, greife zu, meine kleine Katze! Nimm von diesen Kaviarbrötchen, die Celeste uns bereitet hat....“
Er geriet in vortreffliche Stimmung. Den Arm um Fritzis Taille gelegt, wurde er fröhlich und begann, über seinen Kampf und seine Niederlage gegen Roland zu scherzen. Celeste, der ein natürliches Rot die Wangen färbte, hielt mit. Fritzi allein konnte sich von einem rätselhaften Grauen nicht frei machen. Denn Madame Celeste -- sie war schmiegsam und unterwürfig, lieblich ohne Koketterie, freundlich ohne Hohn, und sie lächelte, sie lächelte.... Ihr Lächeln war ein wenig starr, ein wenig seltsam, wie das Lächeln schöner Wachsköpfe. Aber immerhin: sie lächelte! --
Sie hatte längst den Teetisch abgeräumt. Nun goß sie den gelblichen, schäumenden Wein in die flachen Schalen.
„Ziehe doch den Kühler heran, Celeste!“ sagte der Ringkämpfer, „und fülle die Gläser auf dem Tische!“
„Verzeih!“ sagte Celeste lächelnd, „er ist zu schwer ... Ich kann ihn nicht allein heranschieben!“
„Auch gut,“ bemerkte Binder und wendete sich Fritzi wieder zu. Fritzi taute endlich auf; sie fing an zu schäkern, ließ die kleinen Künste ihrer Gefallsucht spielen und schlang die Arme mit allerliebster Zärtlichkeit um Binders Hals.
„O, der Sekt macht dich mobil, du kleine Katze!“ rief Aloys, „wir hätten zum Essen schon Sekt trinken sollen .... Holla, mein Kind, das geht ins Blut! Celeste, stoß’ mit uns an!“
Er sprang auf und riß Fritzi mit sich in die Höhe. Er hielt die Schale in zitternder Hand, er schwang sie über den Tisch und lachte brutal:
„Stoß’ an, Celeste, auf die Liebe! Und auf ein langes, lustiges Leben!“
„Auf ein langes, lustiges Leben!“ sprach ihm Celeste nach, setzte das Glas an die Lippen und trank. Und als sie ausgetrunken hatte, setzte sie das Glas zurück, so daß der schlanke Stiel zerbrach und der Trank über den Tisch hinfloß.
„Ungeschicktes Ding!“ rief Binder grob, aber Celeste hatte von dem Mißgeschick nichts bemerkt. Ihre Leidenschaft, ihre Verzweiflung brachen eine Minute lang durch die lächelnde Maske; sie riß Binders Kopf in ihre Hände und küßte ihn wütend und fassungslos zwischen die dunklen, starken Augenbrauen....
„Nein, heute nicht! heute nicht, Celeste!“ rief Aloys, „siehst du nicht diese kleine Katze hier, die schon müde wird? Meinst du, ich habe mir die Fritzi nur zum Soupieren mitgebracht? O nein... Sie wird müde... Das eine Glas Sekt, komisch! Aber ich werde auch schon müde... Merkwürdig, Celeste!.... Schenk’ uns ein, Celeste, schenk’ ein!“
Und die junge Frau mußte wieder und abermals die Schalen füllen. --
Aber ein Geier mit grauen Flügeln breitete seine weiten Schwingen über dem Zimmer aus, bis sich das Licht vor den Augen des zechenden Liebespaares verdunkelte. Wie? brannte das Glühlicht so trübe oder sanken den Verliebten die Lider immer wieder über die Augen? Wer wird so müde nach einigen Gläsern Champagner? Celeste trank doch auch! Aber ihre Augen wurden immer heller; ihre schwarzen Augen brannten, wie von einem inneren Licht verklärt. Sie lächelte noch immer, das Lächeln war um ihre Lippen geschmiedet ....
„Hol’s der Teufel, ich kann nicht länger wachen!“ rief Binder und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Der Halunke, der Roland, ist schuld daran. Anders kann ich mir’s nicht erklären! -- Aber wir wollen es wettmachen, wir wollen es ausgleichen.... wir wollen in seinem Revier pürschen... Wie, meine kleine Katze! mein kleiner Hase! bist du auch so müde wie ich? -- Celeste, kleide die Kleine aus!“
Celeste stand langsam auf. O, sie tat auch das noch. Viel war es ja nicht mehr....
„Wird’s bald?“ schrie der Ringkämpfer grob, „oder willst du mir erst die Peitsche bringen?“
„Aber, Liebling!“ erwiderte Celeste lächelnd, „aber, Liebling! Warum sollte ich dir nicht den Gefallen tun?“
„Recht so, Celeste! O, ich habe immer gewußt, daß du gehorchen lernst! -- Du bringst den kleinen Hasen auch zu Bett, Celeste!“
„Ja, ich bringe den kleinen Hasen auch zu Bett,“ wiederholte Celeste, „und dich bringe ich auch zu Bett, Aloys, dich auch!“
Diese Müdigkeit! Sie warf den starken Menschen einfach um. Aber ihm war pudelwohl dabei, so wohl! Blinzelnd sah er zu, wie Madame Celestes schlanke, gepflegte Hände die Chansonette auskleideten. Die schöne Aristokratin kniete ohne Zögern nieder, um Fritzis Knopfstiefel zu lösen, ihr die Strümpfe auszuziehen.... Sie holte eins von ihren eigenen Nachthemden aus mattweißer Waschseide herbei und zog es Fritzi l’Alouette an. Sie führte die Buhlerin ihres Geliebten selbst ins Schlafgemach ...
Fritzi blickte sich schlaftrunken, mit lüstern geöffnetem Mündchen, um:
„Und du, Aloys?“
„Ich komme,“ sagte Binder, „Celeste muß mir auch helfen... mich auch bedienen... Ich bin zu müde...“