Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von übermorgen

Part 9

Chapter 92,262 wordsPublic domain

Wolters wies darauf hin, daß er und seine Parteikollegen schon vor fast drei Jahren gegen das Gesetz gewesen seien, das einen Faustschlag gegen die Menschenrechte, einen Rückfall in das finstere Mittelalter bedeutete. Damals sei die Opposition niedergeschrieen, beschimpft und aus dem Saal gedrängt worden, heute aber habe das verführte und berauschte Volk sie in solcher Zahl zurückgeführt, daß nunmehr die Macht in ihren und den Händen anderer freisinniger Männer liege. Wolters entwickelte dann die Ereignisse der letzten Jahre, wies den furchtbaren Zusammenbruch Oesterreichs nach, führte schlagende Ziffern an und schloß mit den Worten:

»Das kühne, allzukühne Werk des Mannes, der sich göttliche Macht anmaßte und nun nicht einmal mehr einen Sitz in diesem Hause bekommen konnte, ist zusammengebrochen, und draußen warten hunderttausend Arbeitslose und mit ihnen alle tätigen, zur Verzweiflung getriebenen Kräfte, daß das neue Haus einer neuen Zukunft die Tore öffne und unseren jüdischen Mitbürgern die Möglichkeit gebe, wieder an unserer Seite nicht gegen uns, sondern mit uns ihre Intelligenz, ihre Emsigkeit und schöpferische Arbeitskraft im Interesse des schwergeprüften und fast ruinierten Landes zu betätigen.«

Nachdem der Beifallssturm, an dem sich auch die Galerie beteiligte, verklungen war, ergriff der zweite Pro-Redner, Herr Habietnik, der von den Geschäftsleuten der Inneren Stadt sein Mandat bekommen hatte, das Wort. In launiger, oft durch schallende Heiterkeit unterbrochener Rede schilderte er das verarmte, verdorfte Wien von heute, gab die Erfahrungen im eigenen Betriebe zum besten und sagte:

»Posemukel ist eine Großstadt im Vergleiche zu Wien von heute. Wien ist ein ungeheures Dorf mit anderthalb Millionen Einwohnern geworden, und wenn wir die Juden nicht wieder hereinlassen, so werden wir es demnächst erleben, daß statt vornehmer Geschäfte in der Kärntnerstraße Jahrmarktsbuden stehen und auf dem Stephansplatz Viehmärkte werden abgehalten werden. Die Wiener sind in ihrem Tiefinnersten in Verzweiflung über diese Rückentwicklung, die sie nicht aufhalten können und nicht zuletzt haben die Wiener Frauen und Mädchen, indem sie die christlichsoziale Partei im Stich ließen, gezeigt, daß sie wieder ein blühendes, lustiges Wien voll Luxus, auch wenn es mitunter einen orientalischen Anstrich hat, haben wollen.«

Die weiteren Ausführungen Habietniks gingen in einer seltsamen Unruhe verloren, die sich über das Haus verbreitete. Was war geschehen? Nun, man hatte endlich auf der rechten Seite des Hauses entdeckt, daß der Nationalrat Krötzl nicht anwesend war, und eine Katastrophenstimmung bemächtigte sich der Christlichsozialen und Großdeutschen. Sie hörten nicht einmal ihren eigenen Kontra-Redner an, die Diener wurden mit Automobilen ausgeschickt, um Krötzl aus seinem Bureau in der Inneren Stadt oder aus der Wohnung in der Billrothstraße zu holen.

Noch wäre vielleicht die Situation zu retten gewesen, wenn man die Geistesgegenwart gehabt hatte, den Kontra-Redner zu veranlassen, stundenlang bis zum Eintreffen Krötzls zu sprechen. Aber man hatte total den Kopf verloren, der christlichsoziale Redner, Herr Wurm, kürzte, als er die Unruhe bemerkte und seine Genossen verschwinden sah, seine Rede sogar ab, und schon war ein bürgerlicher Antrag auf Schluß der Debatte und Abkürzung der weiteren Redezeiten auf fünf Minuten mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.

Vergebens schrieen die überrumpelten Antisemiten Zeter und Mordio, der sozialistische Präsident waltete mit eiserner Energie seines Amtes, entzog jedem der wenigen schon vorgemerkten Redner nach fünf Minuten das Wort und unter enormer Spannung und allgemeiner Aufregung strömten die Abgeordneten wieder in den Saal, um bei der kommenden namentlichen Abstimmung anwesend zu sein.

Herr Krötzl war noch immer nicht da, die Diener konnten nur berichten, daß er in seinem Bureau überhaupt nicht gewesen und sein Wohnhaus in Begleitung eines anderen Herrn vormittags, ersichtlich angeheitert, verlassen habe.

Ein Großdeutscher machte den letzten Rettungsversuch. Er erbat und erhielt das Wort, um zur Geschäftsordnung zu sprechen und sagte:

»Der Nationalrat Herr Krötzl ist nicht anwesend und wir haben Anzeichen dafür, daß er mit Gewalt ferne gehalten wird, ja wir haben begründeten Anlaß zur Befürchtung, daß er das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Unter solchen Umständen kann unmöglich über ein Gesetz abgestimmt werden, das über das Schicksal des Landes entscheiden wird. Wenn auf Seite der neuen Mehrheit dieses Hauses auch nur ein Funken Anstandsgefühl herrscht, so wird sie mit mir darin übereinstimmen, daß wir uns zunächst auf zwei Stunden vertagen. Bis dahin werden wir wohl Klarheit darüber haben, ob unser hochverehrter Kollege, Herr Nationalrat Krötzl, überhaupt noch unter den Lebenden weilt.«

Totenstille entstand nach diesen Worten, die nicht zurückzuweisen waren.

Sollte Krötzl wirklich mit Gewalt verhindert worden sein, an der Sitzung teilzunehmen, so mußte man wohl oder übel warten.

In diesem höchst kritischen Augenblick schlich sich ein Herr mit Knebelbart unbeobachtet in den Sitzungssaal, winkte Herrn Habietnik zu sich heran und flüsterte vor Aufregung keuchend mit ihm, worauf sich Herr Habietnik zum Worte meldete.

»Ich kann dem Hohen Haus auf Ehr' und Gewissen versichern, daß Herr Krötzl nicht ermordet und auf keinerlei gewaltsame Weise verhindert wurde, dieser so überaus wichtigen Sitzung beizuwohnen. Herr Krötzl befindet sich irgendwo in einem Automobil, in dem er einen Kanonenrausch, von dem ihn der Chauffeur nicht erwecken kann, ausschläft. Der sehr ehrenwerte Herr Krötzl, diese einzige Wiener Zierde der christlichsozialen Partei, hat nämlich schon am frühen Morgen in Gesellschaft eines lustigen Kumpanen, seines Wohnungsnachbars, eine kleine Siegesfeier begangen und entschieden mehr getrunken, als er verträgt. Sein Nachbar, der mir diese Mitteilung macht und den ich persönlich als zuverlässigen Ehrenmann kenne, fuhr dann mit Krötzl in einem Autotaxi hieher, mußte aber vorzeitig aussteigen, weil er den Gestank im Wagen nicht aushielt. Herr Krötzl gehört nämlich zu jener alten Garde, die sich lieber übergibt als stirbt. Wo sich in diesem Augenblick die springlebendige Leiche des Herrn Krötzl befindet, weiß ich nicht, aber das geht uns auch nichts an und man wird unmöglich verlangen, daß wir uns vertagen, bis Herr Krötzl nüchtern geworden ist.«

Tosende Heiterkeit erfüllte das Haus und es wurde nunmehr nach der Anordnung des Präsidenten zur Abstimmung geschritten. Hundertundsechs Nationalräte stimmten für die Eliminierung des Ausnahmsgesetzes, dreiundfünfzig dagegen -- das Gesetz war gefallen! Und die hunderttausend Menschen, die sich auf der Straße vor dem Parlament angesammelt hatten, riefen diesmal nicht »Heil!«, sondern »Hurra!« Sie waren nicht so begeistert wie vor drei Jahren, sondern ein wenig beschämt, hatten aber wieder ihren Humor gefunden und schon begannen Witze in der Luft zu schwirren.

Leo hatte nur die Abstimmung abgewartet, dann stürzte er aus dem Parlamentsgebäude, warf sich in ein Autotaxi und fuhr nach der Linken Wienzeile zur »Arbeiter-Zeitung«. Dort ließ er sich in dringender Angelegenheit beim Chefredakteur melden, mit dem er eine halbstündige Unterredung ohne Zeugen hatte. Als er sich verabschiedete, schüttelte ihm der Redakteur kräftig beide Hände und sagte lachend:

»Sie haben Außerordentliches geleistet und ich freue mich mit Ihnen von ganzem Herzen! Ihre Frechheit bewundere ich einfach! Man kann da wirklich nicht umhin, von --«

»Jüdischer Frechheit zu sprechen«, ergänzte Leo vergnügt und eilte die Treppen hinab.

* * * * *

Kaum waren die Extra-Ausgaben der Zeitungen erschienen, die das Ende der Judenverbannung verkündeten, als auch schon eine zweite Extraausgabe der »Arbeiter-Zeitung« ausgerufen wurde:

=Die Krone steigt!=

Zürich. Auf der hiesigen Börse wurden die drahtlich und telephonisch einlangenden Nachrichten von der entscheidenden Sitzung der Wiener Nationalversammlung mit fieberhaftem Interesse verfolgt. Kaum war das Fallen des Antijudengesetzes zur Gewißheit geworden, als auch schon umfangreiche Kronenankäufe, darunter solche von amerikanischen und englischen Finanzgruppen, erfolgten. Die österreichische gestempelte Krone ging sprunghaft auf das Doppelte, zum Börsenschluß sogar auf das Dreifache hinauf.

Um sechs Uhr abends erschien eine dritte Extra-Ausgabe, die in ganz Wien Aufsehen und mit Galgenhumor gemischte Heiterkeit hervorrief. Die Nachricht lautete:

=Ankunft des ersten Juden in Wien.=

Wie wir mitteilen können, ist soeben der erste Jude aus dem Exil nach Wien zurückgekehrt. Es ist dies der junge, aber bereits weltberühmte Maler und Radierer Leo Strakosch, der die ganze Zeit von Heimweh erfüllt in Paris verbracht und sich vorgestern von dort an die österreichisch-mährische Grenze nach Lundenburg begeben hatte. Als er telephonisch von der Nichtigkeitserklärung des Ausweisungsgesetzes erfuhr, begab er sich sofort per Automobil nach seiner Vaterstadt Wien. Er hält sich derzeit im Hause seines zukünftigen Schwiegervaters, des Hofrates Spineder, in der Kobenzlgasse auf, wo er nach jahrelanger bitterer Trennung die in Treue und Liebe seiner harrende Braut umarmt.

Diese Extra-Ausgabe bildete einen wohlwollend-boshaften Scherz des Chefredakteurs der »Arbeiter-Zeitung«. Gleich nach ihr erschien aber eine Extraausgabe der »Weltpresse« mit zwei sensationellen Nachrichten. In der einen wurde angekündigt, daß sich der ehemalige Bundeskanzler Doktor Schwertfeger in Verzweiflung über das Scheitern seines so groß und ehrlich gedachten Werkes durch einen Revolverschuß entleibt habe. Anknüpfend daran machte die »Weltpresse« die Mitteilung, daß sie, dem Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung Wiens folgend, vom heutigen Tage an als das Organ der neuen Partei der tätigen Bürger erscheinen werde.

* * * * *

Leo war von der Redaktion der »Arbeiter-Zeitung« aus tatsächlich direkt nach Grinzing gefahren. Lotte, die ebenso wie ihre Eltern von dem Verlauf der Parlamentssitzung bereits unterrichtet war, erwartete ihren Bräutigam am offenen Fenster im Parterregeschoß. Und als das Auto vorgefahren war und Leo sie erblickte, erschien ihm der Weg durch den Hausflur zu weitläufig, mit einem Satz schwang er sich auf das Fensterbrett und schon hielten die beiden jungen Leute einander lachend und weinend umschlungen. Da Leo aber trotz seiner turnerischen Gewandtheit bei seinem abgekürzten Eintrittsverfahren eine Fensterscheibe eingeschlagen hatte, was ein hörbares Klirren und Schmettern verursachte, kamen der Hofrat und seine Gattin aus dem nebengelegenen Wohnzimmer bestürzt herbei und blieben angesichts ihrer Tochter, die von einem fremden, knebelbärtigen Herrn unaufhörlich abgeküßt wurde, überrascht stehen. Bis der Hofrat so energisch zu husten begann, daß Lotte es vernahm und sich blutrot aus den Armen des Geliebten befreite, um ihn ihren Eltern vorzustellen:

»Papa, Mama, dies ist mein Bräutigam, Henry Dufresne...!«

»_Recte_ Leo Strakosch«, lautete die Ergänzung und Leo warf sich auch schon dem Hofrat und dann seiner zukünftigen Schwiegermutter in die Arme.

Nachdem sich die erste Freude und Verwirrung gelegt, tat Herr Spineder das, was ein Hofrat in solcher Situation zu tun hatte. Er sagte:

»Nun, Kinder, erzählt mir einmal alles ordentlich der Reihe nach.«

Frau Spineder aber tat das, was jede andere ordentliche Hausfrau an ihrer Stelle getan hätte. Sie weinte, erklärte vor Aufregung nicht stehen und gehen zu können und lief nach der Küche, um für ein ordentliches Souper zu sorgen.

Die Unterhaltung zwischen dem Hofrat, Lotte und Leo spielte sich indessen im Badezimmer ab, wo Leo sich zuerst mit einer Papierschere den Knebelbart abschnitt, um sich dann zu rasieren und gleichzeitig zu erzählen. Und das war sehr gut so, denn gerade als er rasiert und wieder ein schöner, glatter junger Mann war, ereignete sich ganz Unerwartetes.

Ein Automobil mit Herrn Habietnik, einem sozialdemokratischen Nationalrat und einem bekehrten Gemeinderat fuhr vor und die Herren teilten Leo mit, daß er unbedingt mit ihnen zum Rathause fahren müsse, um sich der dort versammelten Menschenmenge zu zeigen und eine Ansprache des Bürgermeisters zu erdulden.

Sträuben nützte nichts, Leo mußte mit, aber Lotte, die die Garantie dafür übernahm, daß sie rechtzeitig zum Abendessen zurück sein würden, fuhr mit ihm.

Bis zum Schottentor verlief die Fahrt ganz glatt, dann stellte sich ein Hindernis ein. Die Menschenmassen standen hier so dicht aneinandergedrängt, daß das Auto nicht vorwärts kam. Worauf sich der Gemeinderat hinausbeugte und in bester Absicht, wenn auch mit wenig Zartgefühl den Leuten zuschrie:

»Laßt's uns durch! Der Herr Leo Strakosch, der erste Jud, der wieder in Wien ist, muß zum Rathaus!«

Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das Auto konnte zwar nicht durch, sondern mußte hier mit Lotte warten, aber Leo saß auch schon auf den Schultern zweier handfester Männer und wurde unter dem Jauchzen und Johlen und Hurra-Geschrei der Massen zum Rathaus getragen.

Das schöne Rathaus war wieder illuminiert, sah wieder wie eine brennende Fackel aus und mühsam nur konnten sich die Männer mit Leo auf den Schultern Bahn machen. Fanfarenklänge, Trompetentöne, der Bürgermeister von Wien, Herr Karl Maria Laberl, betrat den Balkon, streckte segnend seine Arme aus und hielt eine zündende Ansprache, die mit den Worten begann:

»Mein lieber Jude! -- --«

=Ende.=

»Corona«-Druck (G. Davis & Co.), Wien IX.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.

von einem halben Jahr gegeben. von einem halben Jahr gegeben.«

ist.«. ist.«

vereinigten sich hier und machte ihn absolut unerbittlich. vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.

»Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht

wollen. wollen.«

»Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die

zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. »Weißt du, ich zehnmal in allen Tonarten nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich

furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben 's furchtbares Gelächter entstanden, so daß ich aufgewacht bin! Glauben S'

nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat? nicht, Herr Mauler, daß der Traum was zu bedeuten hat?«

ausgewandert und wir sind richtig alle kapores! ausgewandert und wir sind richtig alle kapores!«

Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment in Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im

Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören sie nur, wie sie Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören Sie nur, wie sie

Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert und hielten die Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die

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Diese Worten waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das Diese Worte waren das Signal zu einem stürmischen Jubelschrei, und das

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