Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von übermorgen
Part 8
Nach der Auflösung der Nationalversammlung beeilte sich Leo, mit Herrn Habietnik wieder in Fühlung zu kommen, und im Laufe der Unterhaltung fragte er ihn um seine Meinung über die künftige Entwicklung.
Herr Habietnik schüttelte sorgenvoll das Haupt:
»Also die Sozis arbeiten wieder mit Volldampf und werden die Stimmen, die sie das letztemal verloren hatten, zurückgewinnen. Die Christlichsozialen und Großdeutschen haben den Kopf verloren, sind mit ihrem Programm noch nicht herausgekommen, aber schließlich wird jeder, der nicht Sozialdemokrat ist, doch für eine der beiden Parteien stimmen müssen.«
»So daß also vielleicht gar das Judengesetz in Kraft bleiben wird?«
»Kann sein, wenn die Sozialisten nicht die Zweidrittelmehrheit, die zu jeder Verfassungsänderung notwendig ist, bekommen. Denn ich fürchte, daß die Christlichsozialen und Großdeutschen doch nicht den Mut haben werden, das Ausnahmsgesetz gegen die Juden aufzuheben. Das heißt, eigentlich müßte ich sagen, ich hoffe, denn wenn die Juden wieder kommen, so wird man mir am Ende gar das Geschäft wieder nehmen -- --.«
»Unsinn«, erklärte Leo energisch. »Was Sie haben, kann man Ihnen nicht mehr nehmen! Vielleicht, daß man es Ihnen abkaufen oder daß der frühere Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen würde. Die Hauptsache ist aber doch wohl, daß Sie die Jagerhütln und die Lodenröcke wieder hinausschmeißen und Ihre Auslagen so arrangieren können, wie sie einst waren.«
Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem Ton erwiderte er:
»Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, daß hier wieder einmal Leben und Luxus herrschen könnte, wie einst -- nein, das ist ein zu schöner Traum, um wahr zu sein.«
»Hören Sie, Herr Habietnik,« sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm des Kaufmannes legte, »Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen! Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das genügt, um eine bürgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwälten, Künstlern und Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole: Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute noch in Angriff, bilden Sie ein zwölfgliedriges Komitee, in dem drei Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit freiem, akademischem Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung zur Verfügung haben, zehntausend Plakate drucken, gründen Sie dann Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Straße zu Straße, von Haus zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne die Verhältnisse nicht so genau wie Sie, aber dafür bin ich objektiver und ich weiß ganz sicher, daß ein erheblicher Teil der Bevölkerung die neue Partei stürmisch begrüßen wird.«
Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten, Rechtsanwälte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur Verfügung stand.
Die neue Partei hieß »Partei der tätigen Bürger Oesterreichs«, stellte sich auf ein absolut bürgerlich-freisinniges Programm und begann mit einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Daß der Franzose Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfaßte, das wußte niemand als Herr Habietnik.
Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Früher war die Bevölkerung jedem Versuch, eine demokratische Bürgerpartei zu gründen, mit größtem Mißtrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die Juden vordrängten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit, die Namen der Parteiführer bürgten dafür, daß es sich nicht um eine von auswärtigen Juden angezettelte Verschwörung handelte, und alle die Leute, die durch das Judengesetz geschädigt worden waren, drängten sich in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stückmeister der großen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre Frauen mit, immer größer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und Mordiogeschreies der christlichsozialen Blätter. Die »Arbeiter-Zeitung« verhielt sich zurückhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich dort, daß zweifellos die Partei der tätigen Bürger den Sozialdemokraten Tausende von Stimmen entziehen würde, andererseits aber dorthin alle jene Stimmen strömen würden, die sonst sich der Wahl enthielten oder doch wieder den Christlichsozialen oder Großdeutschen zuliefen. Also beschränkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der Bürgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen.
Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren, rückte näher und näher, die ganze Welt begann sich für sie zu interessieren, die fremden Börsen nahmen eine abwartende Haltung ein und ließen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemächtigte sich zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bösartigen Tumulten führte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfügbaren Mittel: die antisemitischen schrien »Verrat!« und erzählten Schauergeschichten von der Verschwörung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevölkerung ausplündern und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue Bürgerpartei aber führte immer wieder auf riesengroßen Plakaten Ziffern auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der Ausweisung der Juden, wie Wien tatsächlich zu einem Riesendorf geworden, wie jeder Schwung und Zug ins Große geschwunden. Und immer wieder versicherte sie in allen Variationen und Tonarten:
»Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden muß aufgehoben werden, aber gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein, alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien seßhaft waren, fern zu halten, es sei denn, sie können vor einem zuständigen, aus Bürgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, daß sie willens und fähig sind, in Oesterreich nutzbringende, produktive, werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.«
Beim Bundeskanzler fanden täglich bis in die Nacht währende Sitzungen statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten könnte. Schwertfeger hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mußte ein neuer, mächtiger Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mußte steigen, die Bevölkerung erfahren, daß das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei -- dann würde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflösung des Hauses auf die Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren, um zu betteln und zu beschwören. Vergebens! Die großen christlichen Vereinigungen im Ausland, die französischen Antisemiten, die holländischen Christen -- sie alle hatten Worte des Mitempfindens und der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die Taschen fest zu. Die größte Enttäuschung bildete das Verhalten des amerikanischen Billionärs Mister Huxtable, auf den man am sichersten gerechnet hatte. Er ließ alle Telegramme und Bittschriften unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des Vertrauensmannes der österreichischen Regierung in Newyork, das folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte:
»Huxtable unnahbar. Hat sich heimlich mit einer jungen Jüdin aus Chicago vermählt. Beabsichtigt, den der österreichischen Regierung vor drei Jahren eingeräumten Kredit der jüdischen Großbank »Kuhn und Loeb« um ein Viertel zu verkaufen.«
Schwertfeger begann in Düsterkeit zu erstarren, die antisemitischen Häuptlinge verloren vollends den Kopf. Bürgermeister Laberl aber tat etwas, was die ungeheuerste Sensation erregte. Drei Tage vor den Wahlen trat er aus dem christlichsozialen Bürgerklub aus und der Partei der tätigen Bürger bei. Und seinem Beispiel folgte mehr als die Hälfte der Gemeinderäte.
An diesem Tage wehte ein warmer Wind die letzten Schneemassen von den Abhängen der Wiener Berge fort und oben im Atelier in der Billrothstraße hielten sich zwei junge Menschenkinder heiß und sehnsuchtsvoll umfangen. Und er flüsterte:
»Oh, wärst du schon mein!«
Und sie erwiderte traumverloren:
»Wenn du dir schon den Knebelbart abnehmen könntest; er kitzelt so arg!«
* * * * *
Die Wahlen vollzogen sich unter einer Beteiligung, wie sie kaum jemals auf der Welt erlebt worden. Greise, Kranke, Lahme kamen zu den Urnen, und nachmittags, als die Wahllokale geschlossen wurden, wußte man, daß in Wien 99 Prozent der Wahlberechtigten ihre Bürgerpflicht getan. Dann begann im ganzen Lande die Zählung der Stimmen, die bis in die frühen Morgenstunden währte, und vormittags verkündeten Extra-Ausgaben der »Arbeiter-Zeitung« und der »Weltpresse« das staunenswerte Resultat.
Den Christlichsozialen und Großdeutschen waren nur die Landbewohner treu geblieben, Wien hatte fast ausschließlich die Kandidaten der Sozialisten und der Bürgervereinigung gewählt, ebenso die kleinen Städte und das österreichische Industriegebiet. Und so setzte sich denn das neue Parlament folgendermaßen zusammen: Siebzig Sozialdemokraten, sechsunddreißig Mitglieder der Vereinigung der tätigen Bürger, dreißig Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen für die Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden, vierundfünfzig für die Aufrechterhaltung. Und damit schien der schöne Traum Leos, der freisinnigen Bürger und Sozialdemokraten zerstört, denn es fehlte ihnen genau eine Stimme zur Zweidrittelmajorität, ohne die eine Aenderung der Verfassung nicht vorgenommen werden konnte. Trotz ihrer vernichtenden Niederlage, trotz der Tatsache, daß die Regierung sofort demissionieren und einer sozialistisch-demokratischen weichen mußte, jubelten die Antisemiten, sie veranstalteten Kundgebungen unter der Parole »Die Juden bleiben draußen!«
Eine einzige Angst beherrschte die besiegten Sieger: Die Mehrheit hatte verkündet, daß sie schon in der zweiten Sitzung des neugewählten Hauses, die in acht Tagen stattzufinden hatte, den Dringlichkeitsantrag auf Aufhebung des Judengesetzes und Wiederherstellung der Freizügigkeit für jedermann stellen würde. Wie nun, wenn ein Christlichsozialer oder großdeutscher Nationalrat der Sitzung fernbleiben würde? An ein beabsichtigtes Fernbleiben war nicht zu denken, aber schließlich konnte einer der Abgeordneten vom Lande krank werden oder einen Unfall erleiden und dieser eine würde den Gegnern die Zweidrittelmajorität sichern. Die unterlegenen Parteien ließen daher für sämtliche gewählte Nationalräte aus ihrem Lager am Tage vor dem Zusammentritt des Hauses Extrazüge mit je einem begleitenden Arzt bereitstellen. Auf diese Weise glaubten sie sich vor jedem verhängnisvollen Zwischenfall sicher. Für Wien selbst waren Vorsichtsmaßregeln nicht notwendig, denn in Wien war einzig und allein der Häuseragent Herr Wenzel Krötzl von den Weinbauern und Wirten des neunzehnten Bezirkes, denen es in dem judenreinen Wien sehr gut ging, gewählt worden. Seiner war man in jeder Beziehung sicher und er erfreute sich einer vorzüglichen Gesundheit.
Dieser Herr Krötzl bildete nun die einzige und letzte Hoffnung Leos, während Lotte unter der schweren Enttäuschung fast zusammenbrach. Sie weinte den ganzen Tag, kaum daß sie noch die Energie aufbrachte, täglich zu Leo zu eilen, der sich vergebens bemühte, ihr Mut und Hoffnung einzuflößen. Hofrat Spineder, der selbst durch den Fortbestand des Judengesetzes schwer gekränkt und enttäuscht wurde, kannte sich in seiner Tochter nicht mehr aus und begann ernstlich an ihrem Verstand zu zweifeln. Sorgenvoll besprach er ihr merkwürdiges Verhalten mit seiner Gattin.
»Was soll das alles heißen? Hat Leo vergessen, verbringt halbe Tage mit einem neuen Verlobten, diesem Franzosen, den ich zu hassen beginne, ohne ihn zu kennen, läßt sich von ihm beschenken, erklärt plötzlich, daß sie am liebsten beide, den Leo und den Dufresne, nehmen würde, und nun, da Leo nicht zurückkommen kann, sitzt sie da und weint sich die Augen aus dem Kopf. Ich glaube, das Mädel ist übergeschnappt!«
Frau Spineder seufzte tief.
»Mein Lieber, ich kenne selbst mein Kind nicht mehr und habe keine Ahnung, was in seinem Herzen vorgeht. Jedenfalls müssen wir, wenn sich zeigt, daß das Judengesetz bestehen bleibt, darauf dringen, diesen Herrn Dufresne kennen zu lernen.«
Hofrat Spineder nickte.
»Jawohl! Und sollte sich Lotte abermals weigern oder die Sache hinauszuschieben versuchen, so schicken wir sie zu Tante Minna nach Klagenfurt!«
Leo überlegte Tag und Nacht und hatte schließlich einen festen Plan gefaßt, einen Plan, der entscheiden sollte, ob er weiterhin mit offenem Visier in Wien bleiben konnte oder zurück nach Paris mußte. Fiel das Gesetz nicht, so wurde seine Rückreise zwingende Notwendigkeit, da sein Freund Henry Dufresne, dessen Namen er führte, jetzt selbst aus Südfrankreich wieder nach Paris übersiedeln wollte und von da an die Gefahr einer Aufdeckung seines verwegenen Spiels vorlag.
* * * * *
Am Tage der Eröffnung der Nationalversammlung, also einen Tag vor der ersten entscheidenden Sitzung, besorgte Leo Strakosch, mit einem Handkoffer bewaffnet, allerlei Einkäufe. Bei Sacher kaufte er für einen phantastischen Preis, für den man einmal ein ganzes Ringstraßenhaus bekommen hätte, eine Straßburger Gänseleberpastete in der Terrine, im Hotel Imperial ließ er sich drei Flaschen eines köstlichen weißen Burgunders, drei Flaschen des schwersten und kostbarsten Bordeauxweines geben, außerdem eine Flasche uralten französischen Kognaks. Abends lauerte er dann vor dem Haustor dem Herrn Krötzl auf, der sich gerade nach der feierlichen Eröffnungssitzung des Hauses ins Wirtshaus begeben wollte, gratulierte ihm herzlich zu seiner Wiederwahl und sagte:
»Lieber Herr Nationalrat, ich möchte morgen auch der historischen Tagung des Hauses beiwohnen. Um elf ist der Beginn der Sitzung, also werde ich auf zehn Uhr mein Auto bestellen und Sie, wenn es Ihnen recht ist, mitnehmen.«
Herr Krötzl fühlte sich durch die Liebenswürdigkeit des vornehmen und, wie es schien, sehr reichen jungen Franzosen höchst geschmeichelt, er nahm die Einladung dankend an und fügte hinzu:
»Bin Ihnen sogar sehr verbunden, wenn Sie um zehn Uhr zu mir kommen, weil i' dann net riskier', zu verschlafen. Meine Wirtschafterin, das dumme Luder, vergißt am End' noch, mich zu wecken, und i' hab' an so schweren Schlaf, daß i die Weckuhr net hör'. Dös wär' aber a schöne G'schicht', wann i morgen verschlafen tät. Nachher hätten mir in vierundzwanzig Stunden die Saujuden, die verfluchten, wieder in Wien!«
Henry Dufresne nahm die übernommene Pflicht, Oesterreich vor den Juden zu schützen, sehr ernst, denn er läutete schon um halb zehn Uhr bei Herrn Krötzl an. Ein schlumpiges, zwar ungewaschenes, aber noch geschminktes junges Ding öffnete ihm und ließ den ihr wohlbekannten hübschen Franzosen, der eine mächtige Schachtel trug, ohneweiters ein, ein wenig enttäuscht, daß er ihr und ihren reichlichen Blößen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, sondern sich damit begnügte, ihr eine Banknote zu geben und sie zu bitten, gleich die Morgenblätter aus der Trafik zu holen.
Leo packte im Vorzimmer umständlich die Schachtel aus, dann, als das Mädchen gegangen war, um seinen Auftrag auszuführen, begab er sich rasch in die Küche, rückte den Stundenzeiger der Kuckucksuhr um eine volle Stunde zurück, schlich sich auf den Zehenspitzen in das Wohnzimmer, bearbeitete dort die große Pendeluhr in gleicher Weise und öffnete schließlich, ohne anzuklopfen, leise die Türe zum Schlafzimmer des Herrn Nationalrates. Richtig lag dieser mit offenem Maul sägend und schnarchend in seinem Bett und auf dem Nachtkästchen erblickte Leo sofort die goldene Taschenuhr, die eben auf ein viertel vor zehn wies. Blitzschnell war auch sie auf ein viertel vor neun gestellt und dann machte sich der Franzose an die unerquickliche Arbeit, Herrn Krötzl, das Wiener Postament der christlichsozialen Partei, zu wecken. Es dauerte geraume Zeit, bevor Krötzl endlich die verquollenen Aeuglein aufschlug und die Situation begriff.
»Jessas, der Herr Dufresne, is' schon so spät?« Und dann, mit einem Blick auf die Taschenuhr, brummend: »Noch net amal Neun is'! Da hätt' i' noch a ganze Stund' schlafen können!«
»Jawohl,« sagte Leo lachend, »wenn ich nicht eine bessere Unterhaltung für Sie und mich wüßte. Stellen Sie sich nur vor, wie ich gestern nacht nach Hause komme, finde ich ein Postpaket aus Paris vor mit den besten Weinen, die Frankreich besitzt. Na, und weil ich mich wirklich über Ihren Sieg von ganzem Herzen freue, denke ich, daß wir, bevor wir ins Parlament fahren, noch eine kleine Siegesfeier unter uns veranstalten können. Sie sind ja Kenner, Herr Nationalrat, und werden sehr bald zugeben, einen solchen Wein, wie ich ihn Ihnen kredenze, im Leben noch nicht genossen zu haben.«
Wie elektrisiert sprang Herr Krötzl aus dem Bett, zog sich notdürftig an und streichelte dann bewundernd die eine der sechs Weinflaschen nach der anderen, die mit allen Zeichen des ehrwürdigen Alters vor ihm standen. Weißbrot war vorhanden, die Straßburger Pastete entlockte Herrn Krötzl ein rülpsendes Grunzen, das sich in einen Jubelhymnus verwandelte, als das erste Glas des goldgelben Burgunders durch seine Kehle rann.
»A so a Weinerl! Wann man den immer hätt', dann tät' man an anderer Mensch wer'n! Ka Wunder, wenn die Franzosen so an Schick zum Leben haben, wo 's so an Wein bei ihnen gibt!«
Das zweite Glas wurde auf den Sieg des Herrn Krötzl geleert, das dritte auf »Nieder mit den Juden«, das vierte auf »Hoch die schöne, judenreine Stadt Wien«. Dann wurde einer Flasche des blutroten Bordeaux der Hals gebrochen, und als sie zur Neige ging und Leo die dritte Flasche entkorkte, trug ihm Krötzl die Bruderschaft an. Bei der vierten Flasche machte er den Franzosen mit den Geheimnissen seines Sexuallebens bekannt und erklärte, daß Frauenzimmer über vierzehn eigentlich alte Weiber seien. Die sechste Flasche wurde von Leo, ohne daß Krötzl, dem sich die Welt vor den Augen zu drehen begann, es merkte, zur Hälfte mit Kognak gemischt, und nun hieß es -- Schluß machen, weil der Herr Nationalrat sonst überhaupt nicht mehr die Treppen hinuntergebracht hätte werden können und die richtiggehende Uhr auf zwölf ging, also die Gefahr bestand, daß jeden Augenblick die Parteigenossen Krötzls nach ihm fahnden würden. Daß Leo bei solcher Zecherei selbst vollständig nüchtern geblieben war, verdankte er lediglich dem Umstand, daß er den Inhalt seines Glases regelmäßig unter den Tisch auf den schönen Perserteppich gegossen hatte.
Mit ungeheurer Anstrengung beendigte Leo die Toilettierung des Nationalrates, dann trug er ihn fast die vielen Treppen hinunter und beförderte ihn mit Hilfe des Chauffeurs in das Innere des geschlossenen Automobils. Grinsend hatte der Chauffeur dem Franzosen, den er oft zu führen pflegte, zugenickt. Leo stieg ein, setzte sich neben Krötzl, der schon als halbe Weinleiche in der Ecke lag, und in mäßigem Tempo ging es vorwärts.
Am Tage vorher hatte Leo mit dem Chauffeur eine wichtige Unterredung gehabt, die mit der Frage begann:
»Wollen Sie hundert französische Francs verdienen?«
Der Chauffeur hatte ungeheure Augen gemacht, war blutrot geworden und erwiderte keuchend:
»Herr, für hundert Francs führ' ich Sie auf den Mond!«
Aber der Franzose erwies sich als wesentlich bescheidener. Er erklärte, daß es sich um eine Wette handle und er nichts weiter zu tun habe, als vor dem Haus in der Billrothstraße zu warten, bis er, Monsieur Dufresne, mit einem voraussichtlich schwergeladenen Herrn einsteigen werde. Daraufhin habe das Auto stadtwärts bis zur Volksoper zu fahren, wo er aussteigen werde. Nunmehr müsse die Fahrt weiter bis zur großen Irrenanstalt am Steinhof, die weit außerhalb im Südwesten der Stadt liegt, gehen. Dort müsse der Chauffeur so lange stehen bleiben, bis sein betrunkener Gast sich melde. Und dann folgten weitere ausführliche Instruktionen für den intelligenten, lustigen Chauffeur.
Alles wickelte sich programmäßig ab. Bevor noch das Auto bei der Volksoper angelangt war, schlief Herr Krötzl, nachdem er sich heftig übergeben hatte, den Schlaf des gerechten Säufers und Leo konnte ungestört ausspringen. Während Leo nach dem Parlament eilte, setzte der Chauffeur die fast halbstündige Fahrt nach Steinhof fort, wo er auf offener Straße seelenruhig stehen blieb und eine der guten Zigaretten Leos nach der anderen rauchte. So wurde es schließlich nahezu zwei Uhr, als endlich Herr Krötzl mit schmerzendem Schädel erwachte. Minuten vergingen, bevor er die Situation begriff und sich endlich klar darüber war, daß er sich in total verunreinigtem Zustande allein in einem Automobil befand. Schließlich, nach weiteren Minuten, erkannte er sogar, daß er sich durchaus nicht vor dem Parlament, sondern in der unmittelbaren Nähe der Irrenanstalt am Steinhof aufhielt. Er sah verwirrt auf seine Uhr. Da sie zurückgerichtet war, wies sie auf eins. Entsetzt riß Krötzl den Wagenschlag auf, schimpfend und tobend drang er auf den Chauffeur ein, der gleichmütig erklärte, er habe als Fahrtziel Steinhof verstanden und der andere Herr sei unterwegs ausgestiegen. Mit den Fäusten fuhr sich Krötzl in die Haare, er weinte, schrie, bekam fast einen Tobsuchtsanfall, nannte den Chauffeur einen Staatsverbrecher, sprach von einer furchtbaren Verschwörung und Rache und flehte schließlich den Wagenlenker, der auch grob zu werden begann, an, er möge mit Windeseile nach dem Parlament fahren.
Tausend Meter etwa fuhr dann auch das Auto, dann blieb es weit und breit von jeder Behausung entfernt stehen, und achselzuckend erklärte der Chauffeur, daß etwas am Motor in Unordnung sei und er nicht weiter könne.
Im Galopp rannte der nüchtern gewordene Krötzl die tausend Meter nach der Irrenanstalt zurück. Dort benahm er sich dem Pförtner gegenüber so aufgeregt, daß dieser ihn für einen entsprungenen Insassen hielt und Wärter herbeirief. Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor Krötzl zu einem Fernsprecher geführt wurde, er bekam natürlich keine Verbindung mit dem Parlament, da dort alle Nummern besetzt waren, und als er endlich die Verbindung hatte und der Parteisekretär zur Stelle gebracht war, schrie ihm dieser in die Ohren, daß er ein besoffenes Schwein sei; ein von den Juden gekaufter Gauner und bereits alles vorbei wäre.
»Das Judengesetz ist gefallen!« Mit diesen Worten läutete er dem unglücklichen Nationalrat in die Ohren, der daraufhin in eine lange, wohltätige Ohnmacht fiel.
* * * * *
Als Leo das Parlamentsgebäude betrat, hatte der neugewählte Präsident eben die schon am Tage vorher an Stelle des zurückgetretenen Kabinetts gewählten Minister begrüßt und mitgeteilt, daß zwei Dringlichkeitsanträge eingebracht worden seien, dahingehend, den Paragraph 11 der Bundesverfassung, der den Juden und Judenabkömmlingen den Aufenthalt in Oesterreich untersagt, zu streichen.
Ein sozialdemokratischer Nationalrat erhob sich und stellte den Antrag, über die gestellten Dringlichkeitsanträge sofort zu verhandeln. Trotz des tosenden Lärmens der Christlichsozialen und Großdeutschen pflichtete die Mehrheit bei, worauf der Präsident dem Führer der Sozialdemokraten, Doktor Wolters, als erstem Proredner das Wort erteilte.