Die Spur

Part 2

Chapter 21,223 wordsPublic domain

Ihr Freunde, große Liebe War euch von mir geweiht. Ich ward zum Diebe An eurer Freundlichkeit.

Mein Herz in Händen bringend, Ein maßloses Geschenk, So kam ich Freundschaft zwingend. Was wart ihr eng!

Euch wie die Mörder hassen Lehrtet ihr mich zum Dank, Vergiftet und verlassen, Nach Sanftmut krank.

Mit allem meinem Gute Warft ihr dem Weib mich zu. An der ich blüh und blute, Sei gnädig du!

Unschuld

O die Unschuld des Genusses, Wenn ich dich genieße, Nimmermüde deines Kusses Und der Atemsüße.

Jede Nacht bringt neue Spiele, Spielglück ohne Ende. Unsre Lippen wissen viele Und die guten Hände.

Immer zarter, immer schöner, Seit uns Lust verschönte. Ich dein glücklicher Verwöhner, Glücklich die Verwöhnte.

Die Insel

Sprich nicht von dieser Insel, wo wir uns trafen In unsern Nächten. Das Blut rauscht rings um sie. Und keine Zeit geschah, Uranfang, Ende. Was wir sonst sind, vergessen und verscheucht. Nur diese Spiele, grausam wie Dämonen, Marter nach einem Glück, das anders Beseligt als das Brot, der Trunk, Die sonst die Lippen sättigen. Nein, ungesättigt Tobten wir, Bis schwer die Wimpern und die Lider schwer, Das Haupt ermattet, sinkend, abgebrochne Blüte, Der Tod kalt an die Stirnen tastend, Das Innre ausgehöhlt, ein leeres Haus Mit ausgehobnen Fenstern, ohne Dach. Oh, das Korallenrot der Lippen War mit rötrem Rot betaut Von unsrer Zähne Mordgier. Heilandsmale Auf diesen kühlen Händen, die gefiebert Im Suchen nach Entspannung, die nicht kam. Nein, Ekel kam, der Würger, Vom goldenen Tor der Lust uns scheuchend, Daß wir wie Schatten flohn. In unsern Adern Ebbte die Lust zurück, zum dunklen Schacht. Und nur ein Duft von ihr Blieb dem Verschmachten. Wie Irre hatten wir am harten Schloß gerüttelt, Die Gnade aufzusprengen. Aber nun, mit entnervten Knien, Müd wie Gerichtete, Schlichen wir einen bangen Weg zurück.

Und doch, du Köstliche, war nichts als Zärtlichkeit In meinem grausam Sein. Doch kniete ich huldigend Den Marterberg empor, Um nur den heißen süßen Hauch Zu pflücken, wenn die Lippe dir erblaßt. Um dir im Weh Die bebende Melodik zu entlocken. Um deinem Unbewußtsein nah zu sein, Als könnt ich fast bis an den Tod gelangen, Wo wir ganz nah sind. Und doch war mir, du Köstliche, Daß wir die Lust, Verschmachtende, verschmähten, Ein bessres noch als Glück, ein tieferes An-Wurzeln-Zerren, sie zu lockern, du! Mir sind sie heilig Diese Feste Der Qual -- Wenn wir auch fürchterlich erwachen. Sprich nie von dieser Insel, Die nur wir, Nur wenn wir Dämon sind, in uns betreten, Das Blut rauscht rings um sie. Was wir dort leben, Hat keinerlei Bezug mit andrem Leben, Nicht einmal unser Denken rühre dran Und kein Erinnern. Kein Name, Der sonst gebraucht wird, Wage sie zu nennen, Kein kleines und kein großes Wort. Nur Reue Ist tief genug, hinabzutauchen, Nur Angst so mächtig, um sie zu entdecken. Sie, die verschollen ist, Die dunkel-schöne, Vom Blut geborgene. Bis wieder wir, Ganz unvermutet Vom Dämon hingetragen, An ihr Ufer stranden. Du, Köstliche, Erst dann schön wie ein Gift, Und ich, der Trinker, Giftbereit.

Für die Nacht

Gebet für dich: daß deine Wange Sich möge weich ins Kissen schmiegen, Und durch die bange Nacht, die lange, Dein Atem sanft dich wiegen, wiegen.

Es halte dich dein warmes Leben In seine milde Kraft verschlossen. Erwachst du, seis, als ob du eben Im Traum das Seligste genossen.

Und wieder wirst du dann die Wange Dort, wo sie lag, ins Kissen schmiegen. Und wieder mag dein Atem lange Dich flüsternd wiegen, wiegen, wiegen.

Der Berg

Wir gingen, meine zarte Frau und ich, Den sichern Weg der großen Serpentine, Die frech an dem gewaltigen Berg sich hochschwingt, Mit seiner fürchterlichen Schichtung spielend.

Vorbei an greisen Felsenköpfen, Gepreßten Klötzen, bösen Zacken Und grimmigen Kronen.

Wo Wasser, Stein-Blut, aussickert, Eisiges Blut. Wo jeder Samen lautlos seufzend umkommt.

Wo hoch über allen Sommern Schnee sich anhäuft, Zu hell für Augen, die ans Tal gewöhnt sind Und an die vielen Farben alle. Schneeflug auf Schneeflug, Schneekorn dicht an Schneekorn.

Wo ein Schweigen tönt, All unsere Musik, die hurtig plaudernde, Mit frierender Monotonie belächelnd -- Als wäre ein Jahrtausend hier ein Takt.

Und wir auf unsrer sichern Serpentine, »Spürst du es,« sagte ich, »Wie nahe wir jetzt einem _Großen_ sind!« Die Frau lächelte Zum Berge hin.

Da nahm der Berg mit einem wüsten Griff Mir meine zarte Frau, Riß sie mir weg und schwang sie, schwang sie, Hoch, höher, hoch beim höchsten Schnee -- Und wollte sie fallen lassen, Sie über Steine tanzen lassen, stürzen lassen Rasenden Wurfs in eine Todesschlucht kopfunter.

Ganz leise schrie sie: »Ach!«, Ganz ohne Kraft.

Und ich, wahnsinnig, Umschlang sie jetzt mit beiden Armen, Allen Wunsch In meine beiden Arme pressend.

Und küßte der Ohnmächtigen, der Geretteten, Den Tropfen Blut weg, der an ihrer Nüster stand.

Gloria

O süßes Leben, du bist mein! In deinem reinsten Licht zu sein, Ihr Blut die Helden gaben, Die sich geopfert haben.

Es starb für dich der treue Christ, Dir jedes Lied erklungen ist. Soll ich nicht hoffen, glauben? Kein Schicksal wird mirs rauben.

Wohl war ich in der Mutter Lust, Um ihren Schmerz hab ich gewußt. Vom Lieben und vom Leiden Mag ich mich nimmer scheiden.

Gegeben in die ewige Huld, Gebunden durch die ewige Schuld, Den ewigen Tod zu Füßen: Will ich mein Leben grüßen.

Inhaltsverzeichnis

Widmung 5 Der Ort 6 Der kranke Knabe 8 Der Gut-Wetter-Wind 9 Schulstunde 10 Vanitas 11 Heilige Gruppe 12 Der schlafende Knabe 13 Gebet 14 Vorfrühling 16 Einsiedler 17 Die Freude 18 Die Nähe 19 Vor dem Einschlafen 20 In der Nacht 21 Die Stadt 22 Pferderennen 23 Szene 24 Einsam 25 Begegnung 26 Bauernpferde 27 Die Schlafende 28 Der Selbstmord 30 Ein Kuß 31 Der Morgen 32 Der Heller 33 Die Heimkehrende 35 Verfinsterung 36 Spaziergang in der Nacht 38 Die Unerbittlichkeit 39 Einem edlen Jüngling 40 Liebe 41 Die Spielende 42 Ein Brief 43 Abschied 44 Auch du 45 Schnee 46 Bitte an die Geliebte 47 Ihr Freunde 48 Unschuld 49 Die Insel 50 Für die Nacht 53 Der Berg 54 Gloria 56

KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG (FRÜHER ERNST ROWOHLT VERLAG)

WALTER HASENCLEVER

DER JÜNGLING

Geheftet Mark 2.50 Gebunden Mark 3.50

_Richard Dehmel:_ Nehmen Sie meinen besten Glückwunsch zu Ihrem Buch. Was mich vor allem fesselte, ist die Lebenskunst, die aus Ihrer Dichtkunst spricht. Gerade heute entstehen wenig Bücher, die in hohem Sinne epikureisch sind. Ich glaube, Ihr »Jüngling« kann auch reifen Männern eine lächelnde Anleitung geben, das Schicksal als eine Angelegenheit geistigen Genusses aufzufassen; ich wünsche Ihnen solche männliche Leser!

_Deutsche Montagszeitung:_ Eine neue Gesellschaftsdichtung im Sinne Beethoven-Schillers und der IX. Symphonie.

FRANZ WERFEL

WIR SIND

NEUE GEDICHTE

Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.--

Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50

Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl aller Menschheit näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Stärke und Verkündigung eines neuen Ethos.

URTEILE ÜBER FRANZ WERFEL:

_Wilhelm Herzog_ im »Berliner Tageblatt«: ». . . ein ganz junger, ganz großer Dichter. Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«

_Frankfurter Zeitung:_ ». . . ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste sei das gesagt.«