Chapter 4
Gräfin. Die Liebe eines Officiers, Marie--eines Menschen, der an jede Art von Ausschweifung, von Veränderung gewöhnt ist, der ein braver Soldat zu sein aufhört, sobald er ein treuer Liebhaber wird, der dem König schwört, es nicht zu sein, und sich dafür von ihm bezahlen läßt. Und Sie glaubten, die einzige Person auf der Welt zu sein, die ihn, trotz des Zorns seiner Eltern, trotz des Hochmuts seiner Familie, trotz seines Schwurs, trotz seines Charakters, trotz der ganzen Welt, treu erhalten wollten? Das heißt, Sie wollten die Welt umkehren.--Und da Sie nun sehen, daß es fehlgeschlagen hat, so glauben Sie, bei andern Ihren Plan auszuführen, und sehen nicht, daß das, was Sie für Liebe bei den Leuten halten, nichts als Mitleiden mit Ihrer Geschichte, oder gar was Schlimmers ist. (Marie fällt vor ihr auf die Knie, verbirgt ihr Gesicht in ihren Schoß, und schluchzt.) Entschließ dich, bestes Kind! unglückliches Mädchen, noch ist es Zeit, noch ist der Abgrund zu vermeiden, ich will sterben, wenn ich dich nicht herausziehe. Lassen Sie sich alle Anschläge auf meinen Sohn vergehen, er ist versprochen, die Fräulein Anklam hat seine Hand und sein Herz. Aber kommen Sie mit in mein Haus, Ihre Ehre hat einen großen Stoß gelitten, das ist der einzige Weg, sie wiederherzustellen. Werden Sie meine Gesellschafterin, und machen Sie sich gefaßt, in einem Jahr keine Mannsperson zu sehen. Sie sollen mir meine Tochter erziehen helfen--kommen Sie, wir wollen gleich zu Ihrer Mutter gehen, und sie um Erlaubnis bitten, daß Sie mit mir fahren dürfen.
Marie (hebt den Kopf rührend aus ihrem Schoß auf). Gnädige Frau--es ist zu spät.
Gräfin (hastig). Es ist nie zu spät, vernünftig zu werden. Ich setze Ihnen tausend Taler zur Aussteuer aus, ich weiß, daß Ihre Eltern Schulden haben.
Marie (noch immer auf den Knien halb rückwärts fallend, mit gefaltenen Händen). Ach, gnädige Frau, erlauben Sie mir, daß ich mich drüber bedenke--daß ich alles das meiner Mutter vorstelle.
Gräfin. Gut, liebes Kind, tun Sie Ihr Bestes--Sie sollen Zeitvertreib genug bei mir haben, ich will Sie im Zeichnen, Tanzen und Singen unterrichten lassen.
Marie (fällt auf ihr Gesicht). O gar zu, gar zu gnädige Frau!
Gräfin. Ich muß fort--Ihre Mutter würde mich in einem wunderlichen Zustand antreffen. (Geht schnell ab, sieht noch durch die Tür hinein nach Marien, die noch immer wie im Gebet liegt.) Adieu, Kind!
(Ab.)
Vierter Akt
Erste Szene
Mary. Stolzius.
Mary. Soll ich dir aufrichtig sagen, Stolzius, wenn der Desportes das MÄdchen nicht heuratet, so heurate ich's. Ich bin zum Rasendwerden verliebt in sie. Ich habe schon versucht, mir die Gedanken zu zerstreuen, du weißt wohl, mit der DÜval, und denn gefällt mir die Wirtschaft mit dem Grafen gar nicht, und daß die Gräfin sie nun gar ins Haus genommen hat, aber alles das--verschlägt doch nichts, ich kann mir die Narrheit nicht aus dem Kopf bringen.
Stolzius. Schreibt denn der Desportes gar nicht mehr?
Mary. Ei freilich schreibt er. Sein Vater hat ihn neulich wollen zu einer Heurat zwingen, und ihn vierzehn Tage bei Wasser und Brot eingesperrt--(Sich an den Kopf schlagend.) Und wenn ich noch so denke, wie sie neulich im Mondschein mit mir spazierenging, und mir ihre Not klagte, wie sie manchmal mitten in der Nacht aufspränge, wenn ihr die schwermütigen Gedanken einkämen, und nach einem Messer suchte.
Stolzius (zittert).
Mary. Ich fragte, ob sie mich auch liebte. Sie sagte, sie liebte mich zärtlicher, als alle ihre Freunde und Verwandten, und drückte meine Hand gegen ihre Brust.
Stolzius (wendet sein Gesicht gegen die Wand).
Mary. Und als ich sie um ein Schmätzchen bat, so sagte sie, wenn es in ihrer Gewalt stünde, mich glücklich zu machen, so täte sie es gewiß. So aber müßte ich erst die Erlaubnis vom Desportes haben. --(Faßt Stolzius hastig an.) Kerl, der Teufel soll mich holen, wenn ich sie nicht heurate, wenn der Desportes sie sitzenläßt.
Stolzius (sehr kalt). Sie soll doch recht gut mit der Gräfin sein.
Mary. Wenn ich nur wüßte, wie man sie zu sprechen bekommen kÖnnte. Erkundige dich doch.
Zweite Szene
In Armentieres. Desportes in der Prison. Haudy bei ihm.
Desportes. Es ist mir recht lieb, daß ich in Prison itzt bin, so erfährt kein Mensch, daß ich hier sei.
Haudy. Ich will den Kameraden allen verbieten, es zu sagen.
Desportes. Vor allen Dingen, daß es nur der Mary nicht erfährt.
Haudy. Und der Rammler. Der ohnedem so ein großer Freund von dir sein will, und sagt, er ist mit Fleiß darum ein paar Wochen später zum Regiment gekommen, um dir die Anciennität zu lassen.
Desportes. Der Narr!
Haudy. O hör, neulich ist wieder ein Streich mit ihm gewesen, der zum Fressen ist. Du weißt, der Gilbert logiert bei einer alten krummen schielenden Witwe, bloß um ihrer schönen Cousine willen, nun gibt er alle Wochen der zu Gefallen ein Konzert im Hause, einmal besäuft sich mein Rammler, und weil er meint, die Cousine schläft dort, so schleicht er sich vom Nachtessen weg, und nach seiner gewöhnlichen Politik oben auf in der Witwe Schlafzimmer, zieht sich aus, und legt sich zu Bette. Die Witwe, die sich auch den Kopf etwas warm gemacht hat, bringt noch erst ihre Cousine, die auf der Nachbarschaft wohnt, mit der Laterne nach Hause, wir meinen, unser Rammler ist nach Hause gegangen, sie steigt hernach in ihr Zimmer herauf, will sich zu Bett legen, und find't meinen Monsieur da, der in der äußersten Konfusion ist. Er entschuldigt sich, er habe die Gelegenheit vom Hause nicht gewußt, sie transportiert ihn ohne viele Mühe wieder herunter, und wir lachen uns über den Mißverstand die Bäuche fast entzwei. Er bittet sie und uns alle um Gottes willen, doch keinem Menschen was von der Historie zu sagen. Du weißt nun aber, wie der Gilbert ist, der hat's nun alles dem Mädel wiedererzählt, und die hat dem alten Weibe steif und fest in den Kopf gesetzt, Rammler wäre verliebt in sie. In der Tat hat er auch ein Zimmer in dem Hause gemietet, vielleicht um sie zu bewegen, nicht Lärm davon zu machen. Nun solltest du aber dein Himmelsgaudium haben, ihn und das alte Mensch in Gesellschaft beisammen zu sehen. Sie minaudiert und liebäugelt, und verzerrt ihr schiefes runzlichtes Gesicht gegen ihn, daß man sterben möchte, und er mit seiner roten Habichtsnase und den stieren erschrocknen Augen--siehst du, es ist ein Anblick, an den man nicht denken kann, ohne zu zerspringen.
Desportes. Wenn ich wieder frei werde, soll doch mein erster Gang zu Gilbert sein. Meine Mutter wird nächstens an den Obristen schreiben, das Regiment soll für meine Schulden gut sagen.
Dritte Szene
In Lille. Ein Gärtchen an der Gräfin La Roche Hause.
Die Gräfin (in einer Allee). Was das Mädchen haben mag, daß es so spät in den Garten hinausgegangen ist. Ich fürchte, ich fürchte, es ist etwas Abgered'tes. Sie zeichnet zerstreut, spielt die Harfe zerstreut, ist immer abwesend, wenn ihr der Sprachmeister was vorsagt--still, hör ich nicht jemand--ja, sie ist oben im Lusthause, und von der Straße antwortet ihr jemand. (Lehnt ihr Ohr an die grüne Wand des Gartens.)
(Hinter der Szene.)
Marys Stimme. Ist das erlaubt, alle Freunde, alles, was Ihnen lieb war, so zu vergessen?
Mariens Stimme. Ach lieber Herr Mary, es tut mir leid genug, aber es muß schon so sein. Ich versichere Ihnen, die Frau Gräfin ist die scharmanteste Frau, die auf Gottes Erdboden ist.
Mary. Sie sind ja aber wie in einem Kloster da, wollen Sie denn gar nicht mehr in die Welt? Wissen Sie, daß Desportes geschrieben hat, er ist untröstlich, er will wissen, wo Sie sind, und warum Sie ihm nicht antworten?
Marie. So?--Ach ich muß ihn vergessen, sagen Sie ihm das, er soll mich nur auch vergessen.
Mary. Warum denn?--Grausame Mademoiselle! ist das erlaubt, Freunden so zu begegnen.
Marie. Es kann nun schon nicht anders sein--Ach Herr Gott, ich höre jemand im Garten unten. Adieu, Adieu--Flattieren Sie sich nur nicht--(Kommt herunter.)
Gräfin. So, Marie! ihr gebt euch Rendezvous?
Marie (äußerst erschrocken). Ach, gnädige Frau--es war ein Verwandter von mir--mein Vetter, und der hat nun erst erfahren, wo ich bin-Gräfin (sehr ernsthaft). Ich habe alles gehört.
Marie (halb auf den Knien). Ach Gott! so verzeihen Sie mir nur diesmal.
Gräfin. Mädchen, du bist wie das Bäumchen hier im Abendwinde, jeder Hauch verändert dich. Was denkst du denn, daß du hier unter meinen Augen den Faden mit dem Desportes wieder anzuspinnen denkst, dir Rendezvous mit seinen guten Freunden gibst. Hätt' ich das gewußt, ich hätte mich deiner nicht angenommen.
Marie. Verzeihen Sie mir nur diesmal!
Gräfin. Ich verzeih es dir niemals, wenn du wider dein eigen Glück handelst. Geh. (Marie geht ganz verzweiflungsvoll ab.)
Gräfin (allein). Ich weiß nicht, ob ich dem Mädchen ihren Roman fast mit gutem Gewissen nehmen darf. Was behält das Leben für Reiz übrig, wenn unsre Imagination nicht welchen hineinträgt, Essen, Trinken, Beschäftigungen ohne Aussicht, ohne sich selbst gebildetem Vergnügen sind nur ein gefristeter Tod. Das fühlt sie auch wohl, und stellt sich nur vergnügt. Wenn ich etwas ausfindig machen könnte, ihre Phantasei mit meiner Klugheit zu vereinigen, ihr Herz, nicht ihren Verstand zu zwingen, mir zu folgen.
Vierte Szene
In Armentieres.
Desportes (im Prison, hastig auf- und abgehend, einen Brief in der Hand). Wenn sie mir hierher kommt, ist mein ganzes Glück verdorben--zu Schand und Spott bei allen Kameraden. (Setzt sich und schreibt.)--Mein Vater darf sie auch nicht sehen-
Fünfte Szene
In Lille. Weseners Haus. Der alte Wesener. Ein Bedienter der Gräfin.
Wesener. Marie fortgelaufen--! Ich bin des Todes. (Läuft heraus. Der Bediente folgt ihm.)
Sechste Szene
Marys Wohnung. Mary. Stolzius, der ganz bleich und verwildert dasteht.
Mary. So laßt uns ihr nachsetzen zum tausend Element. Ich bin schuld an allem. Gleich lauf hin und bring Pferde her.
Stolzius. Wenn man nur wissen könnte, wohin-Mary. Nach Armentieres. Wo kann sie anders hin sein.
(Beide ab.)
Siebente Szene
Weseners Haus. Frau Wesener und Charlotte in Kappen. Wesener kommt wieder.
Wesener. Es ist alles umsonst. Sie ist nirgends ausfindig zu machen. (Schlägt in die Hände.) Gott!--wer weiß, wo sie sich ertränkt hat!
Charlotte. Wer weiß aber noch, Papa-Wesener. Nichts. Die Boten der Frau Gräfin sind wiedergekommen, und es ist noch keine halbe Stunde, daß man sie vermißt hat. Zu jedem Tor ist einer herausgeritten, und sie kann doch nicht aus der Welt sein in so kurzer Zeit.
Achte Szene
In Philippeville.
Desportes' Jäger (einen Brief von seinem Herrn in der Hand). Oh! da kommt mir ja ein schönes Stück Wildpret recht ins Garn hereingelaufen. Sie hat meinem Herrn geschrieben, sie würde grad' nach Philippeville zu ihm kommen, (sieht in den Brief.) zu Fuß--o das arme Kind--ich will dich erfrischen.
Neunte Szene
In Armentieres. Ein Konzert im Hause der Frau Bischof. Verschiedene Damen im Kreise um das Orchester, unter denen auch Frau Bischof und ihre Cousine. Verschiedene Officiere, unter denen auch Haudy, Rammler, Mary, Desportes, Gilbert, stehen vor ihnen und unterhalten die Damen.
Mademoiselle Bischof (zu Rammler). Und Sie sind auch hier eingezogen, Herr Baron?
Rammler (verbeugt sich stillschweigend, und wird rot über und über).
Haudy. Er hat sein Logis im zweiten Stock genommen, grad' gegenüber Ihrer Frau Base Schlafkammer.
Mademoiselle Bischof. Das hab ich gehört. Ich wünsche meiner Base viel Glück.
Madame Bischof (schielt und lächelt auf eine kokette Art). He, he, he, der Herr Baron wäre wohl nicht eingezogen, wenn ihm nicht der Herr von Gilbert mein Haus so rekommandiert hätte. Und zum andern begegne ich allen meinen Herren auf eine solche Art, daß sie sich nicht über mich werden zu beklagen haben.
Mademoiselle Bischof. Das glaub ich, Sie werden sich gut miteinander vertragen.
Gilbert. Es ist mit alledem so ein kleiner Haken unter den beiden, sonst wäre Rammler nicht hier eingezogen.
Madame Bischof. So? (Hält den Fächer vorm Gesicht.) He he he, seiter wenn denn, meinten Sie Herr von Gilbert, seiter wenn denn?
Haudy. Seit dem letzten Konzertabend, wissen Sie wohl, Madame.
Rammler (zupft Haudy). Haudy!
Madame Bischof (schlägt ihn mit dem Fächer). Unartiger Herr Major! müssen Sie denn auch alles gleich herausplappern.
Rammler. Madame! ich weiß gar nicht, wie wir so familiär miteinander sollten geworden sein, ich bitte mir's aus-Madame Bischof (sehr böse). So, Herr? und Sie wollen sich noch mausig machen, und zum andern müßten Sie sich das noch für eine große Ehre halten, wenn eine Frau von meinem Alter und von meinem Charakter sich familiär mit Ihnen gemacht hätte, und denk doch einmal, was er sich nicht einbild't, der junge Herr.
Alle Officiers. Ach Rammler--Pfui Rammler--das ist doch nicht recht, wie du der Madam begegnest.
Rammler. Madame, halten Sie das Maul, oder ich brech Ihnen Arm und Bein entzwei, und werf Sie zum Fenster hinaus.
Madame Bischof (steht wütend auf). Herr, komm Er--(faßt ihn an Arm) den Augenblick komm Er, probier Er, mir was Leids zu tun.
Alle. In die Schlafkammer, Rammler, sie fodert dich heraus.
Madame Bischof. Wenn Er sich noch breitmacht, so werf ich Ihn zum Hause heraus, weiß Er das. Und der Weg zum Kommendanten ist nicht weit. (Fängt an zu weinen.) Denk doch, mir in meinem eigenen Hause Impertinenzien zu sagen, der impertinente Flegel-Mademoiselle Bischof. Nun still doch, Bäslein, der Herr Baron hat es ja so übel nicht gemeint. Er hat ja nur gespaßt, so sei Sie doch ruhig.
Gilbert. Rammler, sei vernünftig, ich bitte dich. Was für Ehre hast du davon, ein alt Weib zu beleidigen.
Rammler. Ihr könnt mir alle--(Läuft heraus.)
Mary. Ist das nicht lustig, Desportes? Was fehlt dir? Du lachst ja nicht.
Desportes. Ich hab erstaunende Stiche auf der Brust. Der Katarrh wird mich noch umbringen.
Mary. Ist das aber nicht zum Zerspringen mit dem Original? Sahst du, wie er braun und blau um die Nase ward für Ärgernis. Ein andrer würde sich lustig gemacht haben mit der alten Vettel.
(Stolzius kommt herein und zupft Mary.)
Mary. Was ist?
Stolzius. Nehmen Sie doch nicht ungnädig, Herr Lieutenant! wollen Sie nicht auf einen Augenblick in die Kammer kommen?
Mary. Was gibt's denn? Habt Ihr wo was erfahren?
Stolzius (schüttelt mit dem Kopf).
Mary. Nun denn--(geht etwas weiter vorwärts) so sagt nur hier.
Stolzius. Die Ratten haben die vorige Nacht Ihr bestes Antolagenhemd zerfressen, eben als ich den Wäschschrank aufmachte, sprangen mir zwei, drei entgegen.
Mary. Was ist daran gelegen?--Laßt Gift aussetzen.
Stolzius. Da muß ich ein versiegeltes Zettelchen von Ihnen haben.
Mary (unwillig). Warum kommt Ihr mir denn just jetzt?
Stolzius. Auf den Abend hab ich nicht Zeit, Herr Lieutenant--ich muß heute noch bei der Lieferung von den Montierungsstücken sein.
Mary. Da habt Ihr meine Uhr, Ihr könnt ja mit meinem Petschaft zusiegeln. (Stolzius geht ab--Mary tritt wieder zur Gesellschaft.) (Eine Symphonie hebt an.)
Desportes (der sich in einen Winkel gestellt hat, für sich). Ihr Bild steht unaufhörlich vor mir--Pfui Teufel! fort mit den Gedanken. Kann ich dafür, daß sie so eine wird. Sie hat's ja nicht besser haben wollen.
(Tritt wieder zur andern Gesellschaft, und hustet erbärmlich.)
Mary (steckt ihm ein Stück Lakritz in den Mund. Er erschrickt. Mary lacht).
Zehnte Szene
In Lille. Weseners Haus. Frau Wesener. Ein Bedienter der Gräfin.
Frau Wesener. Wie? Die Frau Gräfin haben sich zu Bett gelegt vor Alteration? Vermeld Er unsern untertänigsten Respekt der Frau Gräfin und der Fräulein, mein Mann ist nach Armentieres gereist, weil ihm die Leute alles im Hause haben versiegeln wollen wegen der Kaution, und er gehört hat, daß der Herr von Desportes beim Regiment sein soll. Und es tut uns herzlich leid, daß die Frau Gräfin sich unser Unglück so zu Herzen nimmt.
Eilfte Szene
In Armentieres.
Stolzius (geht vor einer Apothek' herum. Es regnet). Was zitterst du?--Meine Zunge ist so schwach, daß ich fürchte, ich werde kein einziges Wort hervorbringen können. Er wird mir's ansehen--Und müssen denn die zittern, die Unrecht leiden, und die allein fröhlich sein, die Unrecht tun!--Wer weiß, zwischen welchem Zaun sie jetzt verhungert. Herein, Stolzius. Wenn's nicht für ihn ist, so ist's doch für dich. Und das ist ja alles, was du wünschest--
(Geht hinein.)
FÜnfter Akt
Erste Szene
Auf dem Wege nach Armentieres.
Wesener (der ausruht). Nein, keine Post nehm ich nicht, und sollt' ich hier liegen bleiben. Mein armes Kind hat mich genug gekostet, eh' sie zu der GrÄfin kam, das mußte immer die Staatsdame gemacht sein, und Bruder und Schwester sollen's ihr nicht vorzuwerfen haben. Mein Handel hat auch nun schon zwei Jahr' gelegen--wer weiß, was Desportes mit ihr tut, was er mit uns allen tut--denn bei ihm ist sie doch gewiß. Man muß Gott vertrauen--
(Bleibt in tiefen Gedanken.)
Zweite Szene
Marie (auf einem andern Wege nach Armentieres unter einem Baum ruhend, zieht ein Stück trockenes Brot aus der Tasche). Ich habe immer geglaubt, daß man von Brot und Wasser allein leben kÖnnte. (Nagt daran.) O hätt' ich nur einen Tropfen von dem Wein, den ich so oft aus dem Fenster geworfen--womit ich mir in der Hitze die Hände wusch--(Kontorsionen.) O das quält--nun ein Bettelmensch--(Sieht das Stück Brot an.) Ich kann's nicht essen, Gott weiß es. Besser verhungern. (Wirft das Stück Brot hin, und rafft sich auf.) Ich will kriechen, so weit ich komme, und fall ich um, desto besser.
Dritte Szene
In Armentieres. Marys Wohnung. Mary und Desportes sitzen beide ausgekleidet an einem kleinen gedeckten Tisch. Stolzius nimmt Servietten aus.
Desportes. Wie ich dir sage, es ist eine Hure vom Anfang an gewesen, und sie ist mir nur darum gut gewesen, weil ich ihr Präsente machte. Ich bin ja durch sie in Schulden gekommen, daß es erstaunend war, sie hätte mich um Haus und Hof gebracht, hätt' ich das Spiel länger getrieben. Kurzum, Herr Bruder, eh' ich's mich versehe, krieg ich einen Brief von dem Mädel, sie will zu mir kommen nach Philippeville. Nun stell dir das Spektakel vor, wenn mein Vater die hätte zu sehen gekriegt. (Stolzius wechselt einmal ums andere die Servietten um, um Gelegenheit zu haben, länger im Zimmer zu bleiben.) Was zu tun, ich schreib meinem Jäger, er soll sie empfangen, und ihr so lange Stubenarrest auf meinem Zimmer ankündigen, bis ich selber wieder nach Philippeville zurückkäme, und sie heimlich zum Regiment abholte. Denn sobald mein Vater sie zu sehen kriegte, wäre sie des Todes. Nun mein Jäger ist ein starker robuster Kerl, die Zeit wird ihnen schon lang werden auf einer Stube allein. Was der nun aus ihr macht, will ich abwarten, (lacht höhnisch) ich hab ihm unter der Hand zu verstehen gegeben, daß es mir nicht zuwider sein würde.
Mary. Hör, Desportes, das ist doch malhonett.
Desportes. Was malhonett, was willst du--Ist sie nicht versorgt genug, wenn mein Jäger sie heuratet? Und für so eine- Mary. Sie war doch sehr gut angeschrieben bei der Gräfin. Und hol mich der Teufel, Bruder, ich hätte sie geheuratet, wenn mir nicht der junge Graf in die Quer' gekommen wäre, denn der war auch verflucht gut bei ihr angeschrieben.
Desportes. Da hättest du ein schön Sauleder an den Hals bekommen.
(Stolzius geht heraus.)
Mary (ruft ihm nach). Macht, daß der Herr seine Weinsuppe bald bekommt--Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Mensch mit ihr bekannt ward, ich glaube gar, sie wollte mich eifersüchtig machen, denn ich hatte eben ein paar Tage her mit ihr gemault. Das hätt' alles noch nichts zu sagen gehabt, aber einmal kam ich hin, es war in den heißesten Hundstagen, und sie hatte eben wegen der Hitze nur ein dünnes, dünnes Röckchen von Nesseltuch an, durch das ihre schönen Beine durchschienen. Sooft sie durchs Zimmer ging, und das Röckchen ihr so nachflatterte--hör, ich hätte die Seligkeit drum geben mögen, die Nacht bei ihr zu schlafen. Nun stell dir vor, zu allem Unglück muß den Tag der Graf hinkommen, nun kennst du des Mädels Eitelkeit. Sie tat wie unsinnig mit ihm, ob nun mich zu schagrinieren, oder weil solche Mädchens gleich nicht wissen, woran sie sind, wenn ein Herr von hohem Stande sich herabläßt, Ihnen ein freundlich Gesicht zu weisen. (Stolzius kommt herein, trägt vor Desportes auf, und stellt sich totenbleich hinter seinen Stuhl.) Mir ging's wie dem überglühenden Eisen, das auf einmal kalt wie Eis wird. (Desportes schlingt die Suppe begierig in sich.) Aller Appetit zu ihr verging mir. Von der Zeit an hab ich ihr nie wieder recht gut werden können. Zwar wie ich hörte, daß sie von der Gräfin weggelaufen sei.
Desportes (im Essen). Was reden wir weiter von dem Knochen? Ich will dir sagen, Herr Bruder, du tust mir einen Gefallen, wenn du mir ihrer nicht mehr erwähnst. Es ennuyiert mich, wenn ich an sie denken soll.
(Schiebt die Schale weg.)
Stolzius (hinter dem Stuhl, mit verzerrtem Gesicht). Wirklich? (Beide sehen ihn an voll Verwunderung.)
Desportes (hält sich die Brust). Ich kriege Stiche--Aye!-Mary
(steif den Blick auf Stolzius geheftet, ohne ein Wort zu sagen).
Desportes (wirft sich in einen Lehnstuhl).--Aye!--(mit Kontorsionen.) Mary!-Stolzius (springt hinzu, faßt ihn an die Ohren, und heftet sein Gesicht auf das seinige. Mit fürchterlicher Stimme). Marie!--Marie! --Marie!
(Mary zieht den Degen, und will ihn durchbohren.)
Stolzius (kehrt sich kaltblütig um, und faßt ihm in den Degen).Geben Sie sich keine Mühe, es ist schon geschehen. Ich sterbe vergnügt, da ich den mitnehmen kann.
Mary (läßt ihm den Degen in der Hand, und läuft heraus). Hülfe! --Hülfe!-Desportes. Ich bin vergiftet.
Stolzius. Ja, Verräter, das bist du--und ich bin Stolzius, dessen Braut du zur Hure machtest. Sie war meine Braut. Wenn ihr nicht leben könnt, ohne Frauenzimmer unglücklich zu machen, warum wendet ihr euch an die, die euch nicht widerstehen können, die euch aufs erst Wort glauben.--Du bist gerochen, meine Marie! Gott kann mich nicht verdammen.
(Sinkt nieder.)
Desportes. Hülfe!
(Nach einigen Verzuckungen stirbt er gleichfalls)
Vierte Szene
Wesener spaziert an der Lys in tiefen Gedanken. Es ist Dämmerung. Eine verhüllte Weibsperson zupft ihn am Rock.
Wesener. Laß Sie mich--ich bin kein Liebhaber von solchen Sachen.
Die Weibsperson (mit halb unvernehmlicher Stimme). Um Gottes willen, ein klein Almosen, gnädiger Herr!
Wesener. Ins Arbeitshaus mit Euch. Es sind hier der lüderlichen Bälge die Menge, wenn man allen Almosen geben sollte, hätte man viel zu tun.
Weibsperson. Gnädiger Herr, ich bin drei Tage gewesen, ohne einen Bissen Brot in Mund zu stecken, haben Sie doch die Gnade, und führen mich in ein Wirtshaus, wo ich einen Schluck Wein tun kann.
Wesener. Ihr lüderliche Seele! schämt Ihr Euch nicht, einem honetten Mann das zuzumuten? Geht, lauft Euern Soldaten nach.
Weibsperson (geht fort, ohne zu antworten).
Wesener. Mich deucht, sie seufzte so tief. Das Herz wird mir so schwer. (Zieht den Beutel hervor.) Wer weiß, wo meine Tochter itzt Almosen heischt. (Läuft ihr nach, und reicht ihr zitternd ein Stück Geld.) Da hat Sie einen Gulden--aber bessere Sie sich.
Weibsperson (fängt an zu weinen). O Gott! (Nimmt das Geld und fällt halb ohnmächtig nieder.) Was kann mir das helfen?
Wesener (kehrt sich ab und wischt sich die Augen. Zu ihr ganz außer sich). Wo ist Sie her?
Weibsperson. Das darf ich nicht sagen--Aber ich bin eines honetten Mannes Tochter.
Wesener. War Ihr Vater ein Galanteriehändler?
Weibsperson (schweigt stille).
Wesener. Ihr Vater war ein honetter Mann?--Steh Sie auf, ich will Sie in mein Haus führen. (Sucht ihr aufzuhelfen.)
Wesener. Wohnt Ihr Vater nicht etwan in Lille--
(Beim letzten Wort fällt sie ihm um den Hals.)
Wesener (schreie laut). Ach meine Tochter!
Marie. Mein Vater! (Beide wälzen sich halbtot auf der Erde. Eine Menge Leute versammlen sich um sie, und tragen sie fort.)
Fünfte und letzte Szene