Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 9

Chapter 93,733 wordsPublic domain

Die Ziegelei war im Betrieb. Der erste Ziegelstein war gebrannt. Wie eine Erstgeburt wurde er betrachtet und gefeiert, wie ein Täufling ging er von Hand zu Hand. Eine helle Freude gab das und ein strammes Hurra -- Muz kreiste singend um sich selbst und biß sich in den Schwanz, daß die Haare stoben.

Bauen, bauen -- war jetzt Losung und Feldgeschrei. In diesem Sommer noch sollte das erste Haus unter Dach kommen. Für das Fundament galt es, Findlingsblöcke zu sprengen, die reichlich im Gelände lagen. So erfrischte und befeuerte eine Tätigkeit die andere. Im Siedlerhaus war frohmütiges Wesen.

Dankwart hatte das Modell einer Mühle konstruiert, die die Kraft des Windes in Akkumulatoren aufspeichern sollte. Er hoffte auf ein Patent, das die Finanzen der Siedlung stärken würde. Mit denen stand es nicht zum besten. Aber auch die Sorgenfalten Mündners, ihres Rechnungsrats, bügelte die Frühlingssonne aus.

Die Sprengschüsse in der Felshalde lockten ein paar scheue Gestalten auf die Höhen -- Müßiggänger, Beobachter? Das Knallen war ihnen nicht behaglich, Ursache und Zweck schienen sie nicht völlig zu beruhigen.

»Was sind das da oben für lauernde Vögel?« fragte Kunz. »Was bedeutet ihr Erscheinen! Ich schließe auf Sturm.«

Und es ballten sich die Wolken. Die Provinzhauptstadt entsandte ihre »Agitatoren« und »Organisatoren«. Jetzt, wo es mit allen Händen an die Frühjahrsbestellung gehen sollte, ward gebohrt und gewühlt. Der Landarbeiterstreik kam ins Rollen.

Immer noch hatte Herr von Borkhus sein überlegen gläubiges Lächeln. Seine Leute waren wie immer. Still, gehorsam -- gehalten, zugeriegelt und ducknackig. Wär das nicht ihre Art gewesen, hätte es Verdacht wecken können. Aber so --! --

Da tritt eines Morgens sein langer, straffsehniger Inspektor bei ihm ein. Ein Herr sei unten. Einer von den Roten offenbar. Er wolle mit Herrn von Borkhus über die Lohnverhältnisse in Moorhof sprechen.

»Was? Der Hetzer mit mir -- über die Lohnverhältnisse meiner Leute? Sagen Sie dem Herrn, daß ich mit meinen Leuten über meine und ihre Angelegenheiten selber zu sprechen pflegte. Daß ich mir seine Vermittlung verbäte. Daß ich ihn ersuchte, meinen Hof -- nein, meinen Gutsbezirk sofort zu verlassen! Aber sofort!«

Schnaubend geht der Baron im Zimmer auf und ab. Der Inspektor setzt noch seinen eigenen Trumpf auf die Bestellung. Herr Knubart -- dies ist der abgewiesene Besucher -- zieht sich wohl ingrimmig vom Hofe zurück, auf dem die Leute gerade zur Mittagspause sich befinden. Aber von ihnen begleitet, macht er auf der Dorfstraße vor dem Hoftor halt, lehnt sich an die Mauer und spricht zu den Umstehenden mit einer Ruhe, in der es höhnisch und boshaft brodelt: »Euer Herr und Gebieter hat mich des Landes verwiesen. Wie es bei Herrn und Gebietern so Mode ist, wird er jetzt, wo ich hierbleibe, wohl die Hunde auf mich hetzen.«

Er kennt das Volk. Er kennt die springenden Funken. In den Jungen flammt es wild: »dat sall he maken!« Die Alten blicken düster und dumpf, auch in ihnen schwelt es.

»Vielleicht zeigt der Herr Baron mir aber,« so fährt der Sprecher fort, »wie ich Euch besuchen kann, ohne den Grund und Boden, den er sein Eigen nennt, zu betreten. Oder darf keiner zu Euch kommen, ohne seinen Willen? Seid Ihr Eingesperrte! Seid Ihr Sträflinge!«

»Dat wier noch beder!« Hier schreit etwas auf.

»Sein Grund und Boden. Auf dem stehen wir ja allerdings. Und daran ist nichts zu ändern. Wenn Ihr nichts daran ändert.«

Da ist er wieder, der große, berauschende Fernblick. Die Sinne taumeln. Und das Feld ist wohl bereitet, als der Baron jetzt mit dem Inspektor hier draußen erscheint.

»Ich dulde es nicht,« so tritt er dem Führer entgegen, der ihn blaß, aber in eiskalter Gelassenheit erwartet, »ich dulde es nicht, daß Sie hier auf meinem Gutsboden mir meine Leute aufputschen! Sie werden sich auf der Stelle entfernen.«

»Ich werde es, sobald die Leute sich nicht mehr mit mir zu unterhalten wünschen. Wir befinden uns hier auf einer öffentlichen Straße --«

»Über die ich aber die Polizeigewalt habe! Und die ich zu politischen Hetzereien und zu politischen Ansammlungen nicht mißbrauchen lasse!«

»Von politischer Versammlung ist mir nichts bekannt.« Und jetzt gab er der Sache die gehörige Wendung. »Wollt Ihr Leute, daß ich, der ich Euer Gast bin und Euch meinen Rat erteilen möchte, noch mit Euch zusammenbleibe --?« --

»Ja! Ja! Hierbleiben! Wi sünd noch nich farig!«

Herr von Borkhus hatte das Spiel verloren. Alles krampfte sich in ihm zusammen -- er konnte nicht auf die Leute einreden, konnte die alten Bande nicht schürzen, konnte nicht um ihre Seelen werben -- auch wenn sein Stolz es nicht verschmäht hätte, die Sprache hätte ihm versagt.

Aber, daß es um ihre Seelen zu werben galt -- gegen den Fremden, den Volksverführer -- daß seine Mannen von ihm abfallen wollten -- wie hatte er auf ihre Treue gepocht vor sich und den andern -- wie hatte er eine Welt aufgebaut auf dieser Treue -- nun lag diese Welt in Trümmern.

Der Inspektor aber -- ihm dankte der Herr einen großen Teil der Abtrünnigkeit seiner Leute -- wollte die Karre nicht im Dreck stehen lassen. Hier konnte nur ein Lachen helfen. Und er rief grinsend: »Volksbelustigung! Wanderprediger! Kurpfuscher! Anreißer und Hausierer gehören auf die Landstraße! Unsere Leute wissen schon, was sie von dem Schwindel zu halten haben.«

Er führte mit heldenhafter Miene den Baron, der mühsam sich aufstützte, nach dem Herrenhaus zurück. Die anderen fühlten den Sieg. Das erhitzte ihnen das Blut. Knubart aber wußte, daß er das Eisen zu schmieden hatte. Und er schwang den Hammer.

Nach einer Viertelstunde hatte er sie soweit. Sie faßten den Beschluß -- die paar Alten, die Scheuen oder Hartnäckigen wurden verängstigt oder überrannt -- zwei sollten als Abordnung zu dem Gutsherrn gehen und verlangen, daß er Knubart als ihren Vertrauensmann empfinge und mit ihm die Verhandlung führte. Weigerte er sich: Ausstand mit dem Glockenschlag!

Und so geschah es. Die Abordnung, zwei von den jüngsten Schreiern, flog hinaus, am Nachmittag ging niemand mehr zur Arbeit.

Herr von Borkhus saß allein und grübelte dumpf vor sich hin. Die wirtschaftlichen Gedanken, mit denen der Inspektor ihn überschüttete, hatte er von sich getan. Seinem Leben hing er nach.

Was war ihm noch geblieben? Das Vaterland in Schutt gelegt, und jetzt sein eigenes Haus, das Reich seines eigenen Schaffens unterhöhlt und im Verfall. Ein Krüppel war er! Die Arme, die ach so müden und doch immer noch hoffnungsvollen -- waren sie ihm nicht glatt vom Leibe gehauen! Ein Stumpf war er, nutzlos -- nur daß das Herz noch in ihm schlug, und in dem Herz schlug der tödliche Gram.

Und wenn er nicht so ein Tor gewesen wäre! Ein Narr! Ein Kinderspott! »Meine Leute! Wie verwachsen sind sie mit mir!« Und nun dieser hergelaufene Fremde, dieser kaltäugige, kaltschnäuzige Gesell, lehnt sich an die Hofmauer, und von oben hin zieht er all die Männer an der Nase zu sich her. Läßt sie tanzen, wie er pfeift. Alle, all die Getreuen ihres Herrn!

Nach Horst, dem jungen Freunde, ruft seine Seele. Vor dem hat er am meisten sich gerühmt. Aber der ist ihm gut gesonnen, vor dem braucht er sich nicht zu schämen.

Horst findet Strempel, den schrägäugigen, bei dem Baron. Mit seinem »komplett« hat er aufs neue der Meinung und dem Willen des Herrn sich zugeschworen. Eine kleine Genugtuung ist das. Und die Dumpfheit ist wenigstens im weichen. Horst aber findet, daß in den schiefen Lidern und all den Falten des verkniffenen Gesichtes etwas lauert. Darf er es sagen?

Die Herren sitzen beisammen. »Ja, Horst, ich gehöre nicht mehr in die Zeit. Abgetan -- spurlos. Mitleidlos. Nun selbst zum Schutt, zu den Scherben geworfen.«

Horst kam von der Zyklopenarbeit des Felsenrückens. Seine Muskeln zitterten. Sie wußten von Männerkraft und Männerglauben.

»Ein glatter Überfall ist dies. Krieg um des Krieges willen. Die Verständigung planmäßig hintertrieben. Sie wollen den Bruderkampf. Wir müssen ihnen das Handwerk legen.«

Auch hier gelte es, ein Beispiel zu liefern! Und den Arbeiterführern, die die Welt unter sich zu verteilen anfingen, sollte denn doch um ihre Gottähnlichkeit bange werden.

Horst stellte dem Baron seine Siedler als Nothelfer zur Verfügung. Alle würden sie Hand anlegen, die meisten von ihnen wären mit der Landwirtschaft vertraut. Die Frühjahrsarbeit sollte weitergehen -- und lange Gesichter würden ihr zuschauen!

Und in die großen schweren Augen des Barons kehrte ein Leuchten zurück, abendlich und weh, aber sie hatten doch wieder lebendigen Schein. Die alte Kampfnatur reckte sich in die Höhe. Er gab als Herr seine Anordnungen für den folgenden Tag.

Horst brachte in seiner Körperschaft die Angelegenheit zur Sprache. Helle Hilfsbereitschaft leuchtete auf. Nur in Mulitz, dem Maurer, und in Metzling regten sich genossenschaftliche Widerstände. Aber die Einmütigkeit verschlang sie. Schon in der Nacht fanden die ersten Siedler auf dem Hof sich ein, das Vieh zu besorgen. Mit dem Morgengrauen war die Mannschaft auf den Kartoffeläckern. Die Pflanzmaschinen waren in Betrieb gesetzt, fröhlich ging die Arbeit von statten. Am Wegrand zeigten sich verdrossene und drohende Gesichter. Streikende Landarbeiter, denen ihre Macht aus den Händen geschlagen war.

Kunz sang ihnen lustige Kartoffellieder vor. Wie Knollen flogen die knolligen Reime ihnen um die Ohren. Wütend schlichen sie beiseite.

Dann rotteten sie sich zu Hauf. Den Siedlern, diesen »gottverdammten Hunden« sollte es ans Leder gehen. Die Hitzigsten wollten auf der Stelle gegen sie losbrechen. Den Bedächtigen gelang es, den Sturm zu beschwören. Aber am Abend, in der Dunkelheit, sollte es den Heimkehrenden eingetränkt werden! Daß sie das Wiederkommen vergäßen!

Horst hatte die Augen und Ohren überall. Er ahnte nichts Gutes. Wilde Drohworte flogen ihnen zu. Er mußte auch um die Baracke sorgen. Ein »giftiges Geschwür« hatte sie einer genannt, tobend mit geiferndem Mund -- ein Geschwür, das »ausgebrannt« werden müßte!

Die wachsende Wut verhieß auch dem Hof übles für die Nacht. Da bestimmte Horst, daß die Maschinengewehre hervorgeholt würden. Zwei kamen nach dem Gut, zwei wurden vor der Baracke aufgestellt. Die Arbeiter schäumten.

Die Siedler waren bewaffnet, als sie abends heimzogen. In der Dämmerung, aus dem Knickbusch wurden sie beschossen. Kunz, der den Zug führte, ließ sofort das Feuer erwidern, dann den Busch stürmen. Die Meuchler hatten sich in dem Dunkel zerstreut. Von ein paar Streifschüssen war Blut geflossen. Das Blut gab jetzt dem Groll die Überhand und der Kampfbegier.

Feurio

Gisbert war mit einem Schutztrupp auf dem Hofe zurückgeblieben. Verdächtige Gestalten schlichen um die Mauer. Dankwart fand sich ein und richtete vor dem Maschinengebäude aus altem Material einen Scheinwerfer her. Es war Krieg.

Ruhig verliefen die Nachtstunden. Die Mannschaft wurde schläfrig, da es auf den Morgen zuging. Der Himmel sternenlos, dunstig die Luft und schwül, unheimlich warm für die Jahreszeit. Kein Hauch regte sich.

Da zuckt etwas durch die Nacht. Ein leichter Windstoß. Tastend, wie fragend. Und wieder ein leiser Ruck. Und dann ein kurzes Schnauben. Und wieder Stille. Und dann holt der Wind tief Atem, und nun pustet er vor sich hin. Erst noch gemächlich, wie zum Spaß und wie für sich selber. Dann aber bläst er mit voller Lunge, daß auch die andern was haben.

Noch ist es dunkel, noch wird er des Dunstes und der Wolken nicht Herr. Aber der Widerstand reizt ihn und jetzt faucht er zornig sie an. Ein junger Frühlingssturm braust in die Welt.

Da -- ein Bersten -- ein Krachen -- als wenn Granaten splittern -- was ist es, das sein Ungestüm zerbricht? Ist es an den Gebäuden, ist es an den Bäumen des Parkes?

Herrgott! Flammen schlagen auf! Da auf dem Strohdach der Scheune! Es sind wirklich Granaten gewesen.

»Feuer!« brüllt der Ruf. Alles ist gleich auf den Beinen. Nach dem Spritzenhaus!

In fressenden Streifen peitscht der Wind die Glut über das Dach.

Der Inspektor, halb angezogen, ist zur Stelle. Herr von Borkhus erscheint am Fenster -- hinkt eiligst zum Hof hinunter -- der Diener, im Hemd, folgt mit den Kleidern -- notdürftig zieht der Herr sich an.

Der Diener hat das Feuerhorn von der Wand im Flur gerissen. Nun bläst er von der Schwelle in die Nacht -- immer im weißen wehenden Hemd -- wie einer der Cherubim anzusehen.

In der Baracke hören sie den Ruf, der Torfmeister hört ihn, durch die Dorfstraße wälzt sich der Schall.

Helfer kommen. Die Spritze ist am Werk. Der Inspektor befiehlt.

In wilder Arbeit -- all die rotbegluteten Gestalten -- die feurigen Gesichter verzerrt in fiebernder Mühsal -- das Scheunendach eine prasselnde Flamme -- ganze Bündel Feuer reißt der Wind ihm aus -- und streut sie auf die Ställe -- die gilt es zu retten, auf ihre Dächer den Wasserstrahl! Pumpen! Pumpen!

Und das Vieh in Sicherheit bringen!

Wenn nur der Sturm nicht so mit Flugfeuer wütete.

Ungebärdig die Tiere. Die Pferde keilen und steigen. Angeschirrt sind sie, daß man sie halten kann. Wie die Wahnsinnigen toben sie in der Sturmflut des Lichtes und der Lohe, reißen an den Zügeln, wollen zurück in den Stall. Wie soll man sie bändigen?

Und der Sturm peitscht weiter die Feuer in fliegenden Fetzen --

Pumpen! Sie pumpen sich die Seele aus dem Leib.

Der Pferdestall ist der Scheune am nächsten. Schon siedeln sich Feuerkreise an auf seinem Dach. Wie lange noch wird der Strahl sie austilgen können? Das Wasser verdunstet im Gluthauch.

Und gewaltiger wird der Höllenschlund der brennenden Scheuer. Feuerwolken wallen aus ihr empor. Durch die glühenden leckenden Sparren. Das Getreide ist in Brand geraten und ballt und wirbelt seine Lohe nach oben. Wie soll man den Pferdestall schützen gegen diesen Orkan von fegenden Gluten?

Männer sind aufs Dach gestiegen -- der heilige Josef sitzt zu oberst. Ein Junge ist der Handlanger. Gewandt wie ein Kletteraffe. Eimer werden gereicht. Sie gießen und gießen. Gießen sich selbst Wasser über den Kopf, über den Leib. Unerträglich ist die Hitze.

Sie müssen hinunter. Der Junge will nicht. Herunterzerren müssen sie ihn. Nun taumeln sie auf den Boden, ausgemergelt, welk, kraftlos, verdorrt. Auch der Stall ist verloren.

Die hellen Flammen sitzen auf dem Dach und die Männer pumpen, pumpen.

Ist hier nicht alles Tun umsonst? Gegen Sturm und Feuer im Bunde? Der Pferdestall -- er wird das Feuer in den Schafstall weitergeben -- von dem brausen die Flammen zum Kuhstall hinüber -- und diesem einen großen Meer von fressenden Gluten -- wird das Herrenhaus ihm widerstehen? Die Vernichtung bricht herein über Moorhof.

Herr von Borkhus steht selbst an der Pumpe -- auch der Torfmeister ist da -- auch der lahme Pastor Waermann. Man fragt nicht nacheinander, man sieht sich kaum. Man arbeitet nur -- man pumpt und pumpt --

Keiner auch spricht ein Wort, mit den keuchenden, ausgedörrten Lippen. Nur kurze, trockene Kommandos des Inspektors schallen, der als Brandmeister waltet.

Jetzt -- ein krachendes Getöse -- das Dach der Scheune bricht zusammen -- einen Höllentanz vollführen die aufgestöberten, befreiten Gluten in der tosenden Luft --

Zerstörung -- unaufhaltsame -- zu schwach sind sie, zu wenig -- kommt keine Hilfe -- von den andern Gütern -- von der Stadt?

Mehr Spritzen werden gebraucht. Weithin sichtbar das Feuer! Viele Meilen in der Runde! Aber auf den Gütern -- auch da wird gestreikt -- sind da die Mannschaften zur Stelle? Wagen es die Herren, ihre Feuerspritzen fortzuschicken? Droht nicht auch ihnen der rote Hahn? Der Farbenbruder, der Parteigänger und Verbündete der roten Gesellen?

Hufschläge auf dem Pflaster des Hofes -- ist das die fremde Hilfe? Nein -- Pferde, die sich losgerissen haben -- sie stürmen, voran ein mächtiger Fuchs, hinein in den brennenden Stall.

O Grauen! Die unglückseligen Geschöpfe! Es wogt durch die Männerreihen! Vielleicht ist es noch nicht zu spät --

Zwei Männer stürzen den Tieren nach. Nasse, wollene Halstücher um den Kopf geschlungen. Man kennt sie nicht gleich. Alle starren sie, von Grauen festgebannt.

Jetzt heißt es: Gisbert und der heilige Josef --

Auch zwei Menschen in dem brennenden Gebäude! Sie pumpen fieberhaft -- die Augen quellen ihnen aus den Höhlen -- die Gesichter sind rauchgeschwärzt -- wie büßende Dämonen sehen sie aus, wie verdammte Seelen --

Und starren alle auf die Tür des brennenden Stalles. Da -- ein Paar Tiere werden hinausgejagt -- ein Paar hinausgeführt von den beiden Männern, die sich nicht auf den Füßen halten -- sie brechen zusammen -- die Tiere haben sich losgerissen -- sie stürmen im Kreise und dann mit gesträubten Mähnen und selbst feuerschnaubend hinweg über die beiden hingesunkenen Männer wieder hinein in die Tür, die schon anfängt, Feuer zu speien -- wiehernd hinein in den Flammentod.

Jetzt sind Helfer bei den liegenden, überrannten, zertretenen Gefährten. Gust Elbenfried steht mühsam auf -- aber Gisbert -- was ist mit Gisbert? Aus tiefer Kopfwunde blutet er und ist besinnungslos.

Horst hält seinen Kopf. »Gisbert -- Du Freund aller Kreatur -- Du lieber, armer Junge -- und immer unser Sorgenkind --« --

Sie tragen ihn ins Haus. Ein Sanitäter verbindet ihn. Die Wunde ist böse.

Ein Arzt muß her zu meinem Jungen! Mag hier der Plunder verbrennen! Die Häuser -- das Vieh! Um Gisbert geht es!

Horst holt sich ein Pferd und jagt in die Stadt. An den Goldbergen galoppiert er vorüber. Zuschauer stehen auf den Höhen. Feindlich gesinnt, da sie nicht helfen. Voll böser Gedanken, mit Verwünschungen.

Dort auf dem einsamen Hünengrab, dem Hügel abseits, eine einzige Frauengestalt -- dunkel -- fahl beleuchtet von der fernen Feuersbrunst. Kauernd, vornübergebeugt, mit all ihren Sinnen, all ihrem Willen schürend in dem Feuerwerk der Vernichtung. Wie der böse Geist des nächtigen Unheils.

Vorüber! Was ist ihm das Weib! Nicht sich mit Gedanken beladen! Leicht und schnell in die Stadt -- und mit Hilfe zurück zum Jungen. Nur der -- nur der!

Der Gaul ist verstört von der Feuersbrunst -- so unruhig -- nur ein mächtiges Nervenbündel -- und er selbst -- auch ihm zucken alle Fasern -- sich zusammenhalten -- sich und das Tier -- --

* * * * *

Und jetzt auf dem Hof -- da Gisberts Blut strömte und die Pferde sich hinopferten -- als wäre das Schicksal versöhnt -- ein Wunder geschieht -- die Flammen brausen nicht mehr vorwärts -- sie steigen himmelan -- sie wenden sich -- der Wind hat sich gedreht -- ein großes, tiefes, freies Atmen geht durch all die stickenden Männerlungen -- beschworen das Unglück -- gerettet -- gerettet --

Nun donnern Wagen den Hof herauf. Die Feuerwehr aus der Stadt --

Sie ist willkommen. Ablösung ist not. Und der Brand ist noch längst nicht erloschen.

Auf der Diele des Herrenhauses ist ein Büfett hergerichtet. Hier werden jetzt Stärkungen ausgeschenkt. Strempel ist der Marketender und besser hier am Platz als da draußen.

Jetzt, wo die Gefahr bewältigt ist, kann der Baron als Wirt die Ehren machen. Noch fiebernd von dem Kampf, geschwärzt wie all die Kampfgenossen, gehoben durch die Gemeinschaft über alle Gedankennot. Er kippt mit dem Torfmeister einen kräftigen Korn. Und fast fröhlich bebt ihm der Sinn, als der Alte von selbst erzählt: junge Arbeiter aus der städtischen Eisengießerei wären hier mit Handgranaten im Gelände herumgeschlichen -- das wären die Brandstifter, nun und nimmermehr Moorhofer Leute!

Da drückte er die Flosse des Alten: »Ich wußt es. Und daß Du, Alter, bei mir bliebst! Und Strempel auch! Mit der Treue ist es wie mit dem Verstand -- sie ist immer nur bei wenigen gewesen.« Beruhigt blickte er.

Männer kamen und gingen, alle schwarz wie die Teufel. »Ein Negerdorf sind wir«, sagte Borkhus, und hatte Lust zu lachen.

Eben brachte Kunz einen Negerjungen herein -- der da oben auf dem Dachfirst des Pferdestalles für drei herumhantiert hatte -- und war doch ein Mädchen, Vita, das Pfarrertöchterlein im Turnanzug. Ihr Vater stelzte hinterher. Da gab es ein Erkennen und Lobsprüche, ungemessen, auf die Heldenjungfrau.

Ihr aber ging das nicht ein. »Ist das Heldentum, was einem Spaß macht? Heldentum ist, wenn ich Kaffee kochen muß.«

Kunz sprang zu Gisbert hinauf. Er brachte den traurigen Bescheid, daß die Besinnung immer noch nicht wiedergekehrt sei. Er werde sich mit Horst, der jetzt bei ihm sitze, in der Wache bei dem Freunde teilen. Und die Schatten der Todesnähe legten sich mit dunkler Ruhe über die aufgestörten noch immer nicht gesammelten Gemüter.

Heil dir, du deutsche Jugend!

Horst saß an Gisberts Lager und umfaßte seine Hand. Mit aller Inbrunst, die das Leben des zu Tode Getroffenen halten wollte. Der Schädel war angeschlagen und zersplittert, eine schwere Gehirnerschütterung hatte ihn in Nacht geworfen. Der Arzt gab leise Hoffnung.

Wächsern von dem Blutverlust war das feine Gesicht. Starr gestreckt, leblos lagen die edlen schlanken Hände. Frauenhände. Und hatten all die Zeit so schwer und treu gearbeitet an männlichem Werk.

Du darfst mir nicht sterben, Junge, Du lieber -- so grub und dachte Horst ohn Unterlaß. Sein Wille wühlte und flehte und zwang.

Draußen leuchtende Frühlingsmorgenlust. Durch den geöffneten Fensterspalt drangen die Lieder aus schmetternden Finkenkehlen.

Vom Hof her gedämpfte Menschenstimmen. Den Rauch und Ruch von der Brandstätte verwehte der Wind nach anderer Richtung. Das da draußen, der Ausstand, der Aufruhr -- wie fern lag das alles dem pflegenden Freund.

Bin ich ein Führer? Die Sache will mich -- die Mannschaft wartet meiner. Versunken die Sache, die Pflicht, der Beruf. Hier muß ich führen -- die gelöste Seele wieder ins Leben führen, das ist mein Amt.

In meiner Hand, die Dich hält, ist mein Wille -- und mein Wille hat seine Kraft -- Leben ist mein Wille -- in Deine entseelten Finger ström ich es ein --

Die Finken schmettern ohn Unterlaß in den aufleuchtenden Morgen -- stark ist das Leben und froh --

Zuversicht -- des Glaubens Frohheit ist des Willens Odem und Herzschlag -- ich will, daß Du lebst -- ich glaube, daß Du uns lebst -- Gisbert, Du geliebter Junge!

Und sieh -- ist da jetzt nicht ein leises Schwingen -- ganz leise unter der kalten Haut Deiner Finger -- nur meiner hütenden, Dir ganz ergebenen Hand vernehmbar -- aber es ist -- es ist!

Und da -- Hufschläge vor dem Haus -- ein leichter Wagen fährt auf die Rampe -- wenn es das ist, wenn eine Nähe mir hilft, Dich zu beleben -- eine Nähe, die Du ahnst, die Du fühlst -- die Dich zurückruft, zurückschmeichelt in das Diesseits --

Ja, eine neue Kraft ist erschienen -- ist ins Haus gekommen -- eine neue Hilfe, eine bessere, stärkere --

Steigt nicht ein leichtes Rot in Dein Gesicht? Beben nicht Deine Lippen? Zuckt es nicht in den gesenkten Lidern?

Jetzt -- die Tür tut sich auf -- Frau Tilde tritt ein -- jetzt weiß ich es, Du wirst gehalten, Du wirst gewahrt, Du wirst gerettet! In ihre Hand leg ich Deine Finger. Ihrer Sorge, ihrem Willen, ihrem Glauben überantworte ich Dich. Jetzt habe ich die Gewißheit, daß Du lebst!

Tilde ist allein mit Gisbert. Schon hat der Schlaf ihn in die Arme genommen, an das Leben ihn wieder auszuliefern. Der Atem fängt an, ruhig zu gehen. Der Puls setzt nicht mehr so bedrohlich aus.

Augen wachen über ihm, in die seines eigenen Daseins Licht sich eingesenkt hat. Seines Schicksals Sternenglanz bestrahlt ihn. Jetzt hebt und trägt es ihn diesem Schein entgegen.

Seine Lider zittern. Ein dünner Spalt -- scheu, angstvoll, ungläubig noch lugt der Blick hindurch in die entrückte, unfaßbare Wirklichkeit.

Aber jetzt träufelt und tropft es hinein von dem seligen Glanz -- ein glückhaftes Erschrecken -- groß im Offenbarungsschauer tut das Auge sich auf -- und jauchzt in den Schein -- und schließt sich dann wieder, müde von des Glückes Unendlichkeit.

So gaben Frau Tildes Augen dem todwunden Gisbert das Leben wieder.

Jetzt nach diesem Rettungswerk braucht auch der Vater ihre Hilfe. Von all den Erregungen und der krampfhaften Anspannung der Kräfte ist er doch zusammengeklappt. Tapfer gibt er sich. Aber die Tochter sieht tiefer.