Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 7

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Unerschöpflich Neues trugen sie zusammen von den unaufhörlichen, täglich sich mehrenden Erpressungen, Blutsaugereien, Schändungen und Folterungen an dem wehrlosen deutschen Volk. Wie durch einen Wald rauschte der mächtige Zorn durch die versammelten Männer.

Einer saß stumm, wohl der Jüngste von ihnen. Horst hatte den Namen nicht verstanden. Aufgefallen waren ihm gleich die geradezu klassisch geprägten kraftvollen und edlen Züge des bartlosen Gesichts. Ebenso das wunderbare Ebenmaß des mittelgroßen Wuchses. Wie von Bronze die ganze Gestalt. Aber in den Augen, so fest und hart sie greifen konnten, war doch ein Verlorenes, Zerstörtes. Auch ein Gezeichneter der Zeit. Jetzt, wo ein Nachbar sich laut an ihn wandte, erfuhr Horst, wer er war -- Achim von Mönkhov, Frau Tildes Mann. Prüfend gingen die Gedanken von ihm zu ihr.

Nun sprach er. Etwas seltsam Graues, Trockenes, unwillig Starres hatte die Stimme. Wie Asche lag es auf all seinen Worten.

»Größer ist Deutschland niemals gewesen -- im Reden. Wie sieht dagegen unser Leben aus. In lauter armselige kleine egozentrische Kreise ist es zerfallen. Von großen Ideen ist nur eine geblieben: das große Einmaleins.«

Die Widersprüche stürzten nur so über ihn. Er blieb unbewegt. »Wollen uns doch nichts vormachen. Es gibt bei uns drei Sorten Menschen. Solche, die sich selbst betrügen, solche, die die anderen betrügen, und solche, die beides tun. Zu welch letzteren neunundneunzigdreiviertel Prozent gehören. Nun wollen wir uns jeder seinen Platz suchen und uns begraben lassen.«

Das alles in dem unerbittlich grauen Ton. War es der Nihilismus einer düsteren Stunde? War es das Weltbild eines erloschenen Lebens?

Herr von Trent, der wie ein müder Marquis aussah, hatte sich erhoben. Behutsam machte er ein paar Schritte -- er hatte Beine wie ein Rokokomöbel. Wandernd suchte er nach Worten, die Entrüstung zu beschwören, und er fand sie. »Wir wissen, daß unsere Moral reparaturbedürftig ist. Was die Moral übrigens zu allen Zeiten war -- was vielleicht recht eigentlich zum Wesen aller Moral gehört. Gewiß, unser Niveau ist gesunken. Aber die Anständigeren unter uns oder« -- mit einem Zucken des Lids zu Achim hinüber -- »die weniger Unanständigen unter uns werden dies Niveau wieder heben. Trotz Ihrer Verneinung, die absolut ist, wenn sie sich auch in der Abstufung hellschwarz, schwarz, dunkelschwarz gefällt. Um des Himmels willen nur hier die Loslösung von dem Losgelösten, dem Absoluten! In der Ethik hat schon immer die Relativitätstheorie gegolten. Und die Besseren unter uns -- so sage ich nach wie vor -- werden heute mehr als je an einer großen sittlichen Idee ihren Halt und ihren Mittelpunkt haben. An der Idee des Vaterlandes.«

»Und worauf läuft Ihre große sittliche Idee des Vaterlandes hinaus?« fragte Achim, und die Asche seiner Stimme beizte. »Auf die größte Unsittlichkeit, die Rache.«

Oho, dachte Horst. So ruft sich nun der Nihilismus den höchsten Positivismus zur Hilfe.

Jetzt ließ Herr von Borkhus sich vernehmen. »Die Rache ist mein, spricht der Herr. Gut, ihm wollen wir sie anvertrauen. Er unser Führer! Das Werkzeug seiner Rache sein, mehr wollen wir nicht. Aber Rache -- der Herr spricht ja selbst davon. Und wenn wir sie brauchen für unser Leben! Wenn sie unsere Rettung ist! Wenn wir elend verrecken -- im Dreck und in Schande -- ohne diese befreiende Hilfe! Ein Teil unseres Gottesglaubens ist diese Rache!«

Er hob sich wie ein Priester. Seine Brust keuchte, seine Augen kreisten in Flammen. Dann sank er zurück und blickte wieder dumpf vor sich hin, leidend und matt.

Horst wollte nicht länger schweigen. Doch hielt er sich mit Bedacht in niederer Flugbahn. »Wir haben ein Wort: >die Scharte auswetzen<. Gibt es ein Mannesleben ohne den treibenden Pulsschlag, Erfolg auf einen Mißerfolg zu setzen? Schimpf mit Ehre auszulöschen, Verachtung mit Ruhm? Und wie der Mann, so das Volk. Was ist die Schwungkraft, die die Geschichte der Völker bewegt? Vergeltung! Und immer wieder Vergeltung! Sofern wir überhaupt ein Volk sind, sofern wir nicht außerhalb der Geschichte stehen, wir uns selbst nicht außerhalb der Geschichte stellen -- so lange noch der leiseste Hauch eines lebendigen Atemzuges durch dieses Volk geht und noch ein Mannesherz aufzucken läßt, Vergeltung ist der Odem des Lebens! Vergeltung sein Wert und seine Höhe!«

Jetzt brausten die Geister und brausten ihm zu. Nur Achim blickte teilnahmlos und gefroren. Selbst der Tangentiner, der ein wenig abseits mit dem Saatkartoffelbaron der deutschen Seele auf dem Felde der Kartoffelpreisbildung nachzuspüren gedachte, ging steil empor. Wäre Alarm geblasen gegen den Landesfeind, der erste wäre er auf dem Gaul gewesen. Man mochte sagen gegen ihn, was man wollte -- aber jeder Zoll seines langen Leibes war Kurage.

Mit diesem Akkord klang die Besprechung aus. Mitteilungen von Horst über die Landarbeiterversammlung wurden nicht mehr verlangt. Zu politischen Entschlüssen war man nicht gekommen und würde man vorerst nicht kommen. Der Entwicklung der Dinge sah man mit geziemendem Männermut entgegen. Abwarten, Teetrinken! -- mit diesem deutschen Worte des Heils ging man auseinander.

Achim

Horst blieb noch mit Herrn von Borkhus und Achim zusammen.

»Nun ja,« sagte der alte Herr, »unser Hornburger Schießen müssen wir nun einmal haben. Aber es ist mir lieb, daß ich Sie mit den Herren bekannt machen konnte. Vielleicht wird doch der eine oder andere Hilfe nötig haben. Wenn es ernst wird.«

»Es wird ernst, Vater.«

»Achim --!« Er hob lächelnd die Hand. Das hieß: ein Schwarzseher wie Du.

»Zum Frühjahr haben wir hier den Ausstand. Wir werden von der Tücke der Bevölkerung was erleben.«

»Sie ist nicht tückisch, mein Junge. Wir haben sie nur nicht immer richtig behandelt.« Er sprach jetzt sehr schonend und mild mit ihm, wie mit einem Kranken.

Achim war schon nicht mehr bei der Sache. Er ging, sich nach seiner Frau umzusehen. Borkhus sprach mit Horst über ihn.

»Das Herz blutet einem. Was haben Krieg und Frieden aus dem Jungen gemacht. Man spricht manchmal bei mir von Vertrauensseligkeit --«

Horst nickte innerlich dazu.

»Seligkeit -- du lieber Gott --! Bei dem Jungen war es Seligkeit! So was von einem frohlockenden Zutrauen zu allem und jedem, das Himmel und Hölle bezwang! Das über jede Enttäuschung hellauf lachte, wie über Scherz und neue Lebenslust. Seine Augen hätten Sie sehen müssen! Und jetzt entfärbt, entseelt zu dieser griesen Kälte. Bleifarben. Und wie sieht es in ihm aus! Zum Heulen!«

Er hielt klagend inne. Horst rüttelte tröstend an ihm. »Ihr Sohn ist jung, er hat seine Tätigkeit, er hat Sie und hat die wundervolle Frau.«

»Das ist ja das Furchtbare. Man kommt nicht mehr zu ihm. Nichts von dem, was ihm lieb war, rührt noch an ihn. In uns allen ist ja etwas in Trümmer gegangen. Aber, daß in ihm nur noch Schutt liegt! Argwohn -- Ablehnung -- Gleichgültigkeit -- eine völlige Gefühlsumnachtung.«

»Ist Herr von Mönkhov schwer verwundet gewesen, schwer verletzt?«

»Seinem Körper ist nichts geschehen. Nicht die Haut ist ihm geritzt. Und er war vorne von Anfang bis zu Ende. Sein Körper -- er ist gewachsen wie ein Gott -- als ob die Kugeln den wie ein Heiligtum gescheut hätten. Dafür ist ihm nun die Seele in Fetzen gegangen. Die letzten Kämpfe haben ihm den Rest gegeben, da zwischen Aisne und Marne. Wie das Unglück hier herausbrach aus den Wäldern von Villers-Cotterets, das Verhängnis, das Verderben. Er wußte, jetzt ging es um Deutschlands Leben, um Deutschlands Tod. Überladen zum Zerspringen von der ganzen gewaltigen Inbrunst seines letzten Hoffens und Glaubens und Wollens -- und da zerriß es in ihm. Das Grauenhafteste hat er erlebt -- den Überlauf ganzer Scharen -- den Verrat der vielen! Wie ein Irrsinniger hat er vor sich hingelacht -- stundenlang. Er hat es gesehen mit eigenen ersterbenden Augen, wie Deutschland erschlagen, wie Deutschland gemeuchelt ward. Dies ist Achims Schicksal.«

Die Männer schwiegen, versunken, vergraben. Ein gut Teil ihres eigenen Lebens war so zerbrochen und verdorben.

»Und nun, Horst, müssen Sie auch noch mehr hören. In der Schlacht war es zum Handgemenge gekommen, mit Amerikanern. Mannschaften zerschossener Tanks. Gewehr und Pistole waren leer. Mit den Fäusten gehen Achim und ein amerikanischer Offizier auf einander los. Einen regelrechten Boxkampf liefern sie sich, in _fair play_. Inmitten der rasenden Hölle, des Feuerorkans, der tosenden Geiser und Wirbel giftiger Wolken auf der zerwühlten, zerrissenen, brüllenden, verzweifelt ihre Fetzen um sich werfenden Erde. Kämpfen wie auf dem Podium. Angestiert von der verblüfft glotzenden Umgebung. Die Amerikaner haben vielleicht gewettet. Und Achim schlägt den Gegner nieder. Der Amerikaner ist geworfen -- aber -- es gibt keine Symbole mehr -- Amerika wirft uns. Und jetzt passen Sie auf, von diesem sieghaften Zweikampf her hat er einen Lichtschein mitgenommen in seine Dämmerung. Der einzige, den er hat. Und er hütet ihn mit einer Leidenschaft. Er hat von jeher mit Hingabe Sport getrieben, am liebsten den, bei dem es ganz und allein auf die eigenen Glieder ankommt. Im Boxen war er immer ein Meister. Jetzt gibt es kaum für ihn etwas anderes auf der Welt. Sein Tagewerk beginnt mit stundenlangem Training. Immer hat er Besuch von »Professionals« und von »Amateuren«, mit denen er stundenlang übt. Auch sein Diener -- der ihn ein Vermögen kostet -- ist ein alter erfahrener Faustkämpfer von Beruf. Seines Geistes Nahrung: die Sportberichte und Sportzeitungen. Für die Wirtschaft bleibt so gut wie nichts übrig. Und -- das Leben meiner Tochter können Sie sich vorstellen.«

Frau Tilde mit ihrer zarten Geistigkeit, ihrer stillen Empfindungskraft und Tiefe! Wie vieles von der Klage ihrer Augen, von dem wehen Lächeln um ihren Mund ward Horst verständlich.

»Eine Leidenschaft -- wie die Spielerleidenschaft, die auch auf Trümmern wuchert. Und auch unausrottbar ist.« So schloß Herr von Borkhus, stark bewegt.

Das Ehepaar kam ins Zimmer. Sie wollten gleich nach Mönkhov zurückfahren. Frau Tilde begrüßte Horst in aller Freundschaft. »Es ist mir ein wahrer Trost, daß Vater Sie alle in der Nähe hat. Ihr seid hier am dichtesten bei der Stadt und hier wird es zuerst losgehen.«

Und wieder Herr von Borkhus mit seiner überlegenen Zuversicht: »Kinder, ich rat Euch sehr, an Euch selbst zu denken! Die Ihr mit Eurem Koch eine Brandfackel in diese Welt geworfen habt. Mir unter meinen Leuten kann und wird nichts geschehen.« Und in seinen Augen strahlte auf, was noch an Licht in ihnen war.

Märzenglanz -- Herzentanz

In die deutsche Not jubelte ein früher Frühling hinein. Ein zärtlicher Hauch läutete die Schalmeien der Primeln, der Leberblümchen und Anemonen. Über der Heide in Frohlocken taten die Lerchen ihren Sonnendienst. Knisternde Seide war die Luft. Wer an sie rührte, dem gingen prickelnde Schauer durchs Blut.

Ein Sonntag. Die jungen Siedler zogen nachmittags in die Stadt, auf die Dörfer zum Tanz und suchten sich was zum liebhaben.

Kunz in holdem Ungestüm dunkler Sehnsucht streifte durch die Welt. Ihm war's, es müßte ihm heut ein Wunder geschehen. Er schritt allein, ohne Muz -- auch der war heute auf Frühlingsabenteuer aus. Und nun sang er sich den Knickbusch entlang, der hier zwischen Wiese und Heide lief, träumte sich in Kinderspiele hinein und in Märchen.

So in gedankenlosem Stammeln und Dammeln geriet er auf die Dorfstraße. Und kam an dem Pfarrhausgarten vorüber. Wie er über die Rotdornhecke blickte, sah er etwas, was ihn stillstehen hieß.

Ein kleiner Turnplatz war hier eingerichtet. Eine Mädchengestalt, zum Entzücken geschmeidig, im Turnanzug, hing am Reck. Jetzt machte sie die Schwungstemme, leidlich. Sie war selbst nicht zufrieden und wiederholte die Übung.

Kunz hatte es nicht mehr draußen gelitten. Er war kurzen Fußes durch die Pforte eingetreten, stand schon im Sand der Arena und riet sachverständig, als die ihm abgekehrte zur zweiten Wiederholung sich anschickte: »Das Kreuz mehr durchdrücken. Und den Kopf weiter zurück.«

Sie sah hängend über die Schulter zu ihm hin, gar nicht erschreckt, fast ungestört. Machte den Aufschwung, um nach oben, auf ihre Stange und in die richtige Position gegen Eindringlinge und Unberufene zu gelangen. Setzte sich oben hin, den Arm um den Pfosten, und blickte vernichtend herab auf den Störenfried.

Er hatte geglaubt, ein Kind vor sich zu haben -- nun brach er zusammen vor so viel damenhafter Ablehnung und Unnahbarkeit.

Kunz war nur zweimal in seinem immerhin bewegten Leben verlegen gewesen. Dies war der dritte Fall. Und er fragte etwas, wie ein Schuljunge, wußte selbst nicht wonach: ob er hier zum Herrn Pastor käme?

Da oben der geschürzte Mund bewegte sich nicht, die Augen blieben drohend -- nur durch das rechte Bein ging ein kurzer Ruck, und die Fußspitze wies den Weg nach rechts.

Kunz wurde ratlos. Ratlosigkeit war ihm das Weltenfernste. So wurde er sinnverwirrt, und seine Haltung zerfiel. Er wollte lachen, aber es wurde nur so ein geohrfeigtes Lächeln, und eine Heftigkeit stieg ihm in die Kehle. So kam es denn stoßend heraus: »Sagen Sie mal, sind Sie stumm? Oder verbergen Sie einen Zungenfehler?«

Nun wurde aus dem eisigen Drohen da oben eine spitze Niederträchtigkeit. »O nein -- aber ich kann die dicken Menschen nicht leiden.«

Kunz, der Arme! Dieses war nun tödlich. Hier gab es keine Rettung. Jetzt lag er platt auf der Nase. Ein Kübel Eiswasser war ihm über den Schädel gegossen. Schauernd lief es ihm die Rückenrille hinunter. Bis in Mark und Seele fror es ihn aus. Nützten ihm die verzweifelten Hilferufe seiner Selbstgespräche? Dick -- dick! Ich bin nicht dick! Daß ich diesen unglückseligen Kartoffelkopp habe --! Aber meine Glieder -- könnt ich die zeigen! Ja -- geschlemmt hab ich ja wohl ein wenig -- in Wildbraten -- gewildertes schlägt besonders gut an -- aber dick -- um des Himmels willen -- dick --! --

Der Mantel ist schuld! Dieser elende Sack, den sein Vetter, der bauchige Generalstrebler, ihm vererbt hat!

Runter mit den Lumpen! Reißt den Mantel ab -- wirft die Mütze hin -- stürzt sich auf das Reck -- nur die eine Wiedergeburt seiner Ehre gibt es -- die schnippische Sylphide da oben flattert entsetzt auf und hängt dann bebend an dem einen eng umarmten Pfosten -- Kunz hat die Stange ergriffen -- schon fliegen die Beine hoch -- fliegen zurück -- und nun in tadellosem Riesenschwung schlägt der gestreckte Leib Rad durch die Luft -- einmal -- zweimal -- dreimal -- viermal --

Da aber, in dem wütenden Eifer, versagen die Hände -- sie gleiten von der glatten Stange -- in hohem Bogen wird der Körper weit fortgeschleudert und fällt schwer wie ein Klumpen in dem Gesträuch dumpf auf die Erde.

Mit geisterhaften Eulenaugen hockt die Turnerin da oben -- wie in eine Vision geschreckt und gebannt -- dann gleitet sie zu Boden in die Wirklichkeit -- jetzt weiß sie, was geschehen ist -- ein Unfall -- dem Gestürzten helfen --! --

Sie läuft in das Gebüsch -- da sitzt er, mitten in einem dornigen Stachelbeerstrauch -- die eine Backe ist blutig geritzt -- er fühlt mit den Fingern hin -- dann beschmiert er sich lustig indianermäßig das Gesicht mit Kringeln und Schleifen -- legt die Arme übereinander wie ein Götzenbild -- verbeugt sich im Sitzen vor der scheu sich Nahenden und verkündet hohl: »Mein Name ist Rutenberg.«

Dann lacht er laut und herzhaft mit seinem wunderhübschen Mund.

Da denkt sie, was ist das für ein lieber fröhlich verrückter Junge, und sie lacht zurück. »Haben Sie sich auch nichts getan?«, fragt sie sorgend und hilfsbereit.

Er schüttelt höchst munter den Kopf. »Aber den Seismographen in den Erdbebenwarten habe ich gehörig eins ausgewischt.«

Sein Platz scheint ihm immer noch zu gefallen. Er macht keine Miene, sich zu erheben, und spricht belehrend weiter: »In unserer Reiterhorde war ich wegen meines losen Sitzes berühmt. Jetzt weiß ich doch, daß ich auch im festen Sitz Vorbildliches leiste.« Und damit versucht er aufzustehen. Es geht langsam, aber dafür tut es weh.

Sie greift zu, ihn zu stützen, da gibt er sich einen gewaltigen Ruck, der ihm durch alle Knochen fährt. Doch damit hat er sich beisammen und ist wieder fest auf den Füßen.

Nun der Sorge um ihn ledig, sieht die Kleine die Stelle sich an, wo er so unsanft den Planeten erschüttert hat. Der Stachelbeerbusch ist heillos verwüstet. Da zieht sich ihr feines Gesicht in die Länge. »Oh, das ist einer von Vaters neuesten und besten -- im Jahre 17 gepflanzt, als er auf Urlaub hier war -- ein blood hound. Nun müssen wir hin zu ihm und ihm gleich alles sagen. Sonst geht es uns schlecht.«

Wir -- und uns -- so war die Freundschaft geschlossen zwischen Vita Waermann, dem Pfarrertöchterlein, und Kunz Rutenberg, dem Siedler und Soldaten, dem Wilderer und Turner, der eher die Erde zertrümmerte, als daß er dick sein wollte.

Und nun standen sie vor dem Pastor, einem geraden, schlank gewachsenen, helläugigen Mann, der viel eher soldatisch, als geistlich sich hielt. Er war zuerst als Feldprediger draußen gewesen, dann hatte er als Offizier in der Front gestanden. Jetzt ging er nach schwerer Verwundung am Stock. Erst vor acht Tagen hatte Vita ihn aus dem Genesungsheim abgeholt und seit heute, Sonntag, versah er wieder sein Amt.

Unter den Gottesgelehrten zählte er nicht zu den Gekrönten. Aber in der Obstzucht war er Baas und ein Vorkämpfer für die Fruchtweinkultur als eine fruchtbare Erwerbsquelle auf deutschem Boden. Berühmt war sein eigener Stachelbeerwein, so daß ein zungenfertiger Amtsbruder ihn also gefeiert hatte: »Ein Pastor und ein Wehrmann und auch ein Stachelbeermann.«

Diesen geradezu leidenschaftlich zärtlichen Vater seiner Sträucher mußte man schonend vorbereiten. Er vernahm alle Einzelheiten, wie das junge Freundespaar die Bekanntschaft geschlossen hatte -- das Außergewöhnliche sollte seine Vorstellung auflockern für Ungeahntes, Unsägliches. Aber die Katastrophe, die seinen Busch zerschlagen hatte, fuhr ihm doch ins Gekröse.

Spornstreichs stakte er los in den Garten. Die beiden blieben zurück, zwei gescholtene, zitternde Kinder -- blieben beieinander, miteinander, als trügen sie beide an der Schuld. Und durch Kunz strömte die Glückseligkeit der Gemeinschaft, die sie auf sich genommen hatte -- für ihn.

Der Vater Stachelbeermann kam kopfschüttelnd zurück. »Gerade auf den blood hound.« Vorwurfsvoll: »Und es ist doch so viel Platz im Garten! Aber, wenn Sie schon eine Sitzgelegenheit in meinen Ribitzeln suchten, warum haben Sie sich nicht lieber dem Schoße der Queen Mary oder der smiling beauty anvertraut?«

Hiermit ging es nun schon schalkhafter zu. Und jetzt flog das letzte des längst schon lächelnden Unmuts davon, und die Gastfreundschaft öffnete völlig und warm dem Besucher, der mit einem Riesenschwung in das Leben des Pfarrhauses sich befördert hatte, die Arme.

Kriegserinnerungen das erste und die leuchtenden Flammen -- und dann das würgende Grau der Friedensnot. Und jetzt Glaube und Wille und Gelöbnis. Wir werden sie zerbrechen, unsere Handschellen! Und dann -- ein gutes Werk werden unsere freien Hände verrichten -- gute deutsche Arbeit werden sie tun! Ja, ihr lieben Feinde Deutschlands -- die Zeit kommt -- sie kommt, sie kommt, und es fluscht mal wieder!

»Jetzt müssen wir wieder nach einem anderen Katechismus beten«, sagte Pastor Waermann. »Jetzt hol ich mir wieder meinen alten Ernst Moritz Arndt hervor.

»Wer Zwingherrn bekämpft, ist ein heiliger Mann! Wer Übermut steuert, tut Gottes Dienst! Das ist der Krieg, welcher dem Herrn gefällt! Das ist das Blut, dessen Tropfen Gott im Himmel zählt!« -- So der Alte und so jetzt wir Neuen. Dies, dies ist unsere Glaubenslehre. Und keine andere verkündige ich, bis der neue Tag anbricht.«

Kunz hätte ihm um den Hals fallen mögen. Mit großen, glücklichen Augen sitzt er da. Wir haben ihn, den Seelsorger, den wir brauchen! So Gutes ist uns Siedlern beschieden! Und ich habe ihn gefunden -- an der Hand des wonnesamsten Mägdeleins. Ich wußte ja, daß mir ein Frühlingswunder geschehen würde! O du gebenedeite, verunglückte Riesenwelle am Reck, die in diesen Lichtkreis mich fliegen ließ. Mich, den Entdecker, mich, den Boten des Heils für die Kameraden.

Vita, jetzt ganz als das Hausmütterchen angetan, das sie in ihrem Hauptberufe war, brachte den Kaffee. Was hat sie für wundervolle Augen, denkt Kunz. Nichts als Augen, Augen das ganze holdselige Gesicht. Graugrün sind sie, wach, hell, groß und weit, und sehen alles, sehen bis auf den Grund. Katzenaugen sind es, die schönsten der Welt.

Wie kräuselt sich dieses rotbraun flammende Haar in Löckchen, in goldigem Flaum um die schmale trotzige Stirn! Wieviel eigenwillige Kraft spannt sich um diese leicht geschwungenen, ein wenig höhnisch geschürzten Lippen.

Sehr ernst und verantwortungsvoll ist jetzt ihr Gesicht, ein wenig altklug wirkt so viel Würde, denn ihre Erscheinung hat immer noch etwas Kindliches trotz ihrer achtzehn Jahre.

Der Vater fährt ihr über die Stirn, die kraushaarige. »Meine Katz im Schürzenlatz! Ist das nun so schlimm?«

»Ach ja, Vater.«

»Dieses »ach ja« hat es in sich. Sie verwünscht ihr Geschlecht. Als es in den Krieg ging, wollte sie absolut mit. Vierzehn Jahre und ein Mädel. Festbinden mußte man sie.«

»Ich wär da draußen schon was nutz gewesen. Und hätte ich Euch bloß Kugeln in die ersten Reihen getragen. Wie die Johanna Stegen.«

»Ich trau Dir nicht. Du hättest mitgeschossen.«

»Vielleicht.« Und dann sagte sie: »Nun, das nächste Mal.«

Das nächste Mal. Dieses unheimlich große Wort -- in der kindlichen Leichtherzigkeit, die es sprach, war doch der Klang aus tiefster Qual. Die die Mädchenseele schlug, wie die Männerherzen.

Das nächste Mal! Wie ein Denkmal stand vor ihnen dieses Wort. Furchtbar und erhaben. Gebaut aus schwerster Not und düsterster Notwendigkeit und gekrönt mit Flammen.

Die Goldberge

Lud Uhlenbrook hatte ein Grab geschaufelt. Frühling der Mörder -- mit allem, was nur noch wenig Leben hat, macht er ohn Erbarmen kurzen Prozeß.

Auf dem Kirchhof war der Alte mit Lona zusammengetroffen. Sie begleitete ihn nach Hause. Es gab sonst in ihren Gesprächen keine Politik. Aber hier, wo die Luft und alles, was sie atmete, mit Hochspannung geladen war, sprach die Politik von selbst.

»Kommt nun der Streik?« fragte der Alte.

»Er kommt.«

»Hier auch?«

»Hier zuerst.«

»Und hier haben die Leute es noch am besten.«

»Eben deshalb zuerst hier.«

Da blickte der alte Lud nun doch in dunkle, ihm unbehagliche Gründe, und er schüttelte den Kopf. Aber er rührte nie an anderer Leute Glauben und Tun, und ließ sich selbst nicht daran rühren.

»So viel kann ich Euch sagen, ich mache nicht mit.«

»Lud« -- dies ungleiche Paar nannte sich beim Vornamen und duzte sich -- »hier gibt es nur ein entweder oder!«

»Dann also oder.«

»Und damit stehst Du auf der Seite der andern.«

»Ich steh für mich allein.«

»Das gibt es nicht. Ein Allein gibt es nicht. Denn hier ist Krieg, und hier ist Feind und Freund. Du aber bist unser Freund -- der Freund der Unterdrückten -- Du selbst ein Mißhandelter.«

Sie war nun anders, sie rührte schon an den Glauben anderer mit ihrem Fanatismus, der ganz von selbst Proselyten machen mußte. Und der Hochschwall der Propaganda brach über den Alten herein.

Er schüttelte Schopf und Fell und sprühte den Wasserfall wieder von sich. »Ich hab jetzt 'ne Arbeit, die mir Spaß macht. Und darum bleibe ich bei der Arbeit. Ich zeig den Siedlern, was Torf ist. Und die Jungs mag ich leiden.«

Sie rannte nicht mehr an gegen diesen eigenwilligen Zyklopen. Er hatte seine Höhle, die Einsamkeit. Wenn man ihn störte, kroch er in den Schlund. Aber ihre Wut durfte sie befeuern gegen die Siedler, sie, die gefährlichsten der Gegner, die festesten, die gewappneten und bewehrten.

In der letzten Zusammenkunft, als der Haß gegen diesen Trupp der Reaktion die Gemüter aufwühlte, hatte Genosse Knubart, der lauernd Schläfrige mit der viereckigen Stirn und der sichernden Nase, in seiner lässigen Art bemerkt: »Ihre Burg ist eine Holzbaracke. Und Holz brennt so leicht!«