Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht
Part 6
Und sie können es nun doch nicht lassen, sie sorgen schon wieder dafür, daß die Stille und Andacht nicht bleibt. Der Knabenhafte hat das Wort bekommen. Lange schon hat es in ihm gefressen. An dem Gedämpften, dem Ruhigen, Sanften erstickt er. Mit den Armen fährt er durch die Luft. Zwei brandrote Flecken leuchten auf den hageren Backen.
»Ja, Ihr sollt leben! Aber leben heißt kämpfen! Des sollt Ihr eingedenk sein, Tag und Nacht und zu jeder Stunde! Und Eurer Kampfgenossen sollt Ihr gedenken, in Treue bis zum Tod -- und in Zuversicht! Nie hat die Menschheit ein größeres Heer gesehen! Das Heer der Menschheit ist es! Verbrüdert als Eidgenossen alle Proletarier der Welt! Gibt es was Gewaltigeres? Wer kann uns widerstehen! So müssen wir fühlen -- und die Welt ist unser! Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt! Unser Vaterland ist die Erde!«
Seine Stimme schrillt wie eine zersprungene Saite. Junge Kehlen brüllen ihr Bravo. Durch Horst zuckt der Schmerz. Er kennt den Text und die Weise -- er will lächeln und es wird eine Grimasse.
In die Versammelten blickt er. Täuscht er sich? Rollt dort nicht ein Kopfschütteln durch die Reihe -- prägen sich hier nicht Unmutsfalten in alten ernsten Gesichtern?
Und jetzt -- eine mächtige Stimme rauscht auf in der Mitte des Saales -- langsam hat sich der Torfmeister erhoben -- formelle Einwände des Vorsitzenden orgelt er nieder -- er spricht, also hat er das Wort.
»Das hätte der kleine Mann da oben nicht sagen müssen, daß wir kein deutsches Vaterland kennen. Was kennen wir denn, wenn wir Deutschland nicht kennen? Bloß Deutschland kennen wir, und ein Stück deutsche Erde ist ja, was wir wollen! Kann man das Land auf den Nacken nehmen und rausschleppen in die weite Welt? Hier ist das Land, und hier sind wir! Bloß das geht uns was an, und das ist, wofür wir leben und streben! Gewiß, die Unterdrückung soll aufhören, die Knechtung und Unbill. Freie Männer wollen wir sein! Aber, wo können wir das anders sein, als auf einem eigenen Stück freier deutscher Erde!«
Horst fährt in die Höhe -- er wär am liebsten über all die Köpfe gesprungen, hätte den alten Moorriesen ans Herz gedrückt und sich alle Rippen an ihm verbogen.
Beifallsgemurmel in den Reihen. Die Schreier sind verdutzt. Dann aber neue Kampfrufe aus jungen Kehlen. »Vaterland -- quatsch!« -- »Proletarier aller Länder!« -- »Hoch die Internationale!«
Heißer wird das träge Blut, Feindschaften entbrennen, tiefer ziehen sich die Risse -- die Leiter sind auf der Wacht. Jetzt ist der Behäbige und Verschlafene, der Mann mit dem viereckigen Schädel, hell bei der Sache. Er stößt die Nase vor und spricht.
»Genossen! Wir begehen den alten Fehler, daß wir an Worten uns erhitzen. Und daß unsere Gedanken uns so weit fortfliegen. Darin hat mein geschätzter Vorredner recht: Hier, wo wir sind, hat unsere Arbeit einzusetzen. Das Nächste ist Trumpf. Ich spreche nicht von Deutschland, ich gehe noch viel weiter. Oder richtiger, ich gehe ins Nähere und Engere. Von unserer Provinz rede ich. Von unserm Kreis. Über die Verhältnisse, gegen die wir hier anzukämpfen haben, will ich Euch ein Licht aufstecken. Mit Hilfe von Zahlen, die beweisen!«
Wozu hat man seine Statistik? Er nimmt ein Blatt aus seiner Mappe, und läßt seine Ziffern sprechen. Die Leute hören gläubig zu, Unmut und Zorn finden ihre Weide. Sie rufen »aha« und »pfui Deubel« und »nieder mit den Ausbeutern!«
»So also, Genossen, sieht die Welt hier aus. Und mit dieser Welt werden wir aufräumen. Das Frühjahr steht vor der Tür, der Frühling soll alles neu machen. Mit der Frühjahrsbestellung werden wir unsere eigene Saat säen, die Saat unserer gerechten Sache. Das soll heißen: werden die neuen Lohnsätze, über die wir uns noch verständigen müssen, nicht bewilligt, dann wird gestreikt!«
»Bravo! -- Bravo!«
»Dann sollen die Herren allein ihr Land bestellen! Wollen sehen, wie sie damit fertig werden! Paßt auf, sie kommen auf den Knieen zu uns angerutscht. Denn was ist ihr Land ohne uns! Ihr Land? Unser Land!«
»Bravo! -- Bravo! -- Bravo!«
»Dazu ist aber nötig, daß wir einig sind. Dafür ist die Organisation der Landarbeiter die Lebensbedingung. Sie wird heute geschaffen. Die Listen liegen hier aus. Ich weiß, daß Ihr Euch alle hier einzeichnet! Alle ohne Ausnahme! Geschlossen wird unsere Reihe sein. Und unsere Parole für den bevorstehenden Kampf: Der Frühling macht alles neu!«
Sie können's, das muß Horst sich wieder und wieder bestätigen. Er sieht den Zug, der zu den Listen sich drängt. Einige stehen gesondert, zaudern, blicken sich ins Gesicht aus schweren, aus scheuen, aus widerspenstigen Augen. Dann zieht die Masse sie an, und sie fügen sich ein. Wenige nur schleichen sich abseits, ein paar gehen frei, hart und stolz aus dem Saal, ihren eigenen Weg.
Als Horst auf die Straße kam, stand da der Torfmeister mit Lona im Gespräch. Er schritt grüßend vorüber, da rief der Alte ihn an.
»Gehen Sie nach Hause?«
»Ja.«
»Wollen Sie mich mitnehmen?«
»Gern.« Horst blieb stehen.
»Sie Beide kennen sich ja wohl«, sagte der Torfmeister. Da sprach Horst zu Lona ein Wort, aus Artigkeit, doch auch von Herzen.
»Von dem, was Sie heute gesagt haben, könnte ich jedes Wort unterschreiben.«
In ihrem Auge stand ein brüskes: habe ich Sie gefragt! Aber ihr Ton war farblos, als sie zurückgab: »Und doch werden Sie, wenn es hier zum Klappen kommt, nicht auf der Seite der Bedrängten stehen.«
»Für mich gibt es nur eine Bedrängnis.«
»Deutschlands.« Der Hohn war müde, und dennoch, vielleicht gerade deshalb fraß er sich ihm bis ins Mark.
»Gewiß. Mein erster Gedanke ist, das Land vor Schaden zu bewahren.«
»Gut, daß es verschiedene -- Gedankenwelten gibt.« Sie verneigte sich, reichte dem Alten die Hand und wandte sich heimwärts.
Die drei Siedler waren unterwegs mit dem Moormeister. Er hatte sich schnell mit dem Balbutz angefreundet. Sie sprachen lebhaft. Horst und der heilige Josef wanderten still und versunken.
Horst ist bei Lona. Warum läßt diese Frau ihn nicht los? Was ist übler an ihr, ihre Geistesverfassung, ihre Gesinnung oder diese verstiegene Selbstüberhebung? Wie hat sie ihre »Gedankenwelt« betont, die hohe und weite, gegen sein enges, kümmerliches, »monomanes« -- so schilt man es ja wohl -- gegen sein deutsches Gedenken. Soll er nicht lachen und lachend sie abtun, ein für allemal? Was muß er immer wieder mit dem Erschütternden ihres Schicksals sie sich aufdrapieren!
Er will nicht in eigenen Erlebnissen wühlen. Wie viel Entsetzlicheres hat er selber gesehen. Warum nur läßt er von diesen Greueln sich nicht bannen, warum muß ihr Los das Bezwingende sein!
Was ist's, das ihn so lockt an dieser Frau! Daß er ihr Leben ergründen will, wissen und fühlen von ihrem Wesen, dem verborgenen. Ja, dem verborgenen. Hier sind Tiefen, in die er blicken muß -- er fühlt es, er weiß es, er wird es.
Daß sie so zur Sphinx ihm wird -- oh, mit dem vollen Grusel, dem rieselnden vor der tötlichen Rätselhaftigkeit -- sind es nicht bloß die Sinne, die dieses Bild ihm schaffen und schmücken? Die Sinne, die großen Lügner dieses Lebens. Ist es in seiner weibverlassenen Einöde dieser junge schöne Leib, was ihn betört?
Kunz hat ihn den Eisheiligen getauft, weil er kein Schürzenjäger ist. Was weiß der von seinem Eis, von seiner Heiligkeit.
Ja, ja -- warum sich selbst was erzählen! In seine Sinne sind die Funken geflogen. Ihr Wesen -- was ist an dem weiter zu enträtseln? Es offenbart sich ja. Es wirkt, es strömt. Es geht ihm ins Blut.
Was wollen ihre Augen? Was will ihr Mund, mit dem heißen Rot von ihm? Was will er -- er von ihren schwellenden Lippen?
Er ist ins Laufen geraten. Der heilige Josef, sein Begleiter, trottet brav neben ihm her. Schweigend wie er.
Der Alte kann nicht mit. Weit bleibt das andere Paar hinter ihnen zurück. Da rollt ein Wagen des Wegs, er hält, der beinmüde Torfmeister steigt auf und fährt nun grüßend an ihnen vorüber.
Horst hat jetzt die beiden Kameraden an seiner Seite. Nun ist er in einer anderen Welt. Der heilige Josef trägt an etwas, seine Hände schnappen in die Luft, er findet noch nicht die Sprache.
»Nun, Elbenfried?« fragte Horst, ihn zu beflügeln.
»Ich hatte so vieles auf der Seele und hab es nicht gesagt -- immer diese Trägheit des Geistes -- diese Feigheit des Herzens. Eine Schuld ist das! Denn wir sollen Zeugnis ablegen -- immer wieder! Bekennen sollen wir und immer wieder bekennen!«
»Aber wir sollen auch nicht unsere Perlen vor die Säue werfen!« Fritz Eggert zeigt seine Bibelfestigkeit und möchte sich damit von weiteren pastoralen Ergüssen loskaufen.
Gustav schüttelt den schweren Apostelkopf. »Mit keinem Wort der Schrift betrügen wir uns mehr. Über nichts täuschen wir uns so sehr wie über das, was Perlen, und das, was Säue sind.«
»Ganz gewiß«, ermuntert ihn Horst.
»Ich hätte sprechen müssen. Immer und immer wieder muß man das Licht entzünden. Schließlich leuchtet es doch durch all den Rauch. Und der eine und andere brennt sich sein eigenes Licht daran an. Von Brüdern sprechen sie. Nur in diesem Kreise sprechen sie von Brüdern. Aber hinwiederum, Brüder sind nur und nur die Proletarier. Und es wird eine Brüderschaft des Hasses. Warum können sie sich den Blick nicht weiter machen und nicht das Herz! Warum können sie die Hände nicht herausreichen über die Hecke, hinter die sie sich einsperren! Und wenn diese Hände hundertmal leer zurückkommen -- schließlich werden sie doch einmal ergriffen, und der Bund der Geister nimmt seinen Anfang.«
»Nun ja -- auf den Anfang kommt es an. Aber wer soll anfangen? Immer sagt der andere, daß es der eine sein muß!«
»Daß der Haß so leicht ist und die Liebe so schwer! Wie soll man sprechen, was soll man tun, daß die Herzen sich öffnen! Wie soll man die Augen erheben, die immer nur die Not des Leibes sehen! Nicht die Seelennot aller gequälten Geschöpfe! Wie sie führen, daß sie in der großen Liebe die Heilung suchen auch für die kleinen Leiden.«
»Sie verlangen viel, Gustav Elbenfried.«
»Wir sollen viel verlangen«, spricht er in Verzückung. »Wir müssen das Höchste wollen, nur so werden wir des Niederen Herr!«
Sie schweigen. In diesem Bekenntnis lebt das Beste von ihnen allen.
Besuch in der Baracke
Es ging auf den März zu. Nach Erde roch es und zerfließendem Schnee. Vom Frühling schwirrte und klirrte schon dies zitternde Ahnen durch die Luft, dieses Surren, in dem die Nerven schwingen und das Blut singt.
Jetzt wurde der Siedlerbaracke ein sonderlicher Festtag beschieden, Frau Tilde machte ihr den versprochenen Besuch. Es war gegen Mittag, da kam sie mit dem Vater die Höhe herabgeschritten.
Die Siedler marschierten von den Räumungsarbeiten auf der Ziegelei die Chaussee daher -- Gisbert in dem Arbeitstrott wandelte plötzlich mit gestreckten Armen wie auf eine Erscheinung zu, er hatte sie zuerst gesehen. Kunz spürte, wie er ihnen entrückt wurde, und ging seinen Blicken nach. Und jetzt lief es durch die Reihen: »Damenbesuch«. Alles war befeuert, hob sich und spannte sich.
Viel Staat war ja nicht mit ihnen zu machen. Wie die Müllkutscher sahen sie alle aus, und den eitlen unter ihnen war das peinlich. Gisbert dachte nicht an sein Kleid, Kunz schon eher, er zog und ordnete und bürstete unwillkürlich mit den Händen. Als aber die Augen dieser Frau vor ihnen aufleuchteten, da flog jedwedes Äußerliche über alle Berge, und sie atmeten wie in einer Lichtflut.
Es geschah von selbst, daß Gisbert gleich an ihrer Seite war. Und sie nahm ihn auf, ganz so, als gehöre er zu ihr. Er mußte ihr all die Herrlichkeiten zeigen -- denn Herrlichkeiten waren es, da ihre Augen darauf fielen. Er und sie -- Mitläufer die anderen.
Die Stallungen kamen zuerst an die Reihe. Sie waren ein Teil der Baracke, alles lag unter einem Dach, wie bei einem niederdeutschen Bauernhaus. Die Ställe hatten längst noch nicht die ihnen zugedachten Bewohner. Sie besaßen bisher ein Pferd, ein alter Fliegenschimmel war es, wehmütig aber treu. Dann zwei Kühe und sieben ganz kleine Ferkel. Diese sieben die junge Fröhlichkeit des Baues, mit denen Muz seine ausgelassenen Spiele trieb, von dem Quieken und den frohlockenden Ringelschwänzchen zu immer neuen Tollheiten begeistert.
Nebenan aber thronte etwas erschütternd Einsames. Hier in dem Hühnerstall saß nichts als ein großer schwarzer Hahn in der tragischen Erhabenheit seines verlorenen Schicksals.
Gibt es was Jammervolleres als einen Hahn ohne Hühner?
Muz konnte keinen Blick in diesen Stall tun, ohne mit gesenkten Ohren trostlos winselnd zu verzagen.
Kunz, der als »Conferencier« sich in erreichbarer Nähe hielt, mußte nun doch sein Sprüchlein hersagen. »Dies ist nun unser heiliges Tier.« Den Zusatz aber, der ihm auf die Zunge wollte: das Wappentier unserer Barackenaskese -- den tat er angesichts der Besucherin doch lieber in seine Sparbüchse.
Frau Tilde aber war auch ohne irgendwelche Erörterungen reichlich bewegt. »Der arme Kerl -- in Einzelhaft -- was hat denn der nur verbrochen! Er soll Gesellschaft haben.« Und sie versprach als Stiftung sieben Hennen von der Mönkhover Zucht, die im Lande berühmt war.
»Zum Lohn dafür aber müssen Sie mich heute zu Mittag einladen«, sagte sie munter.
»Das paßt großartig!« rief Kunz. »Es gibt Kartoffelsuppe.«
Die verleugnete nun ihre »Blutsverwandtschaft mit der Wasserleitung« auch heute nicht. Aber wer achtete darauf? Die Wirte nicht und nicht die Gäste.
Es war die strahlende Kraft dieser Frauenseele, was sie alle emportrug über die Dinge. Sie hatte ihren Platz zwischen dem heiligen Josef und dem Balbutz, und Weltkind wie Prophet sahen zu ihr auf als wie zu unserer lieben Frau. Sie hatte so viel Freude an all diesen braven Jungen. Sie meinte, daß in dieser harten, ernsten und stillen Arbeitsgemeinschaft so etwas wie das Herz Deutschlands schlage. Und leid tat es ihr, daß sie wie die Sträflinge hausten, in dieser lieblosen Kahlheit, dieser Farblosigkeit und dürftigen Enge.
Hier wollten ihre Hände schmücken und beseelen. Wohnlicher sollt Ihr es haben, Ihr armen Verwaisten und Heimatlosen! Diese traurigleeren Fenster, die wie tote Augen starrten -- sie hatte Stoff zu Vorhängen, mit denen wollte sie anfangen, das tote Bretterhaus zu beleben.
»Und Blumen sollen Sie jetzt im Frühling haben. Einen kleinen Vorgarten legen wir uns an. Mit Tausendschönchen, Priemeln, Stiefmütterchen. Daß etwas Leuchtendes Sie in Empfang nimmt, wenn Sie von Ihrer schweren Arbeit nach Hause kommen.«
Und all die Blicke der Männer und ihre Herzen erbauten sich an einer Lichtgestalt. Um den feinen zarten Kopf mit diesen tiefen, versunkenen Augen, die aus ihrer Versunkenheit ihre Schätze hoben, stand es wie ein Schein, dieses wunderbar Festliche und Frauliche zugleich -- ein Schein, vor dem man andächtig ward.
Herr von Borkhus indessen ließ sich von Horst über die Arbeiterversammlung berichten. »Natürlich, sie wetzen die Messer. Wir sollen das Schleifen hören, und wir hören es. Vielleicht, daß es mehr ist als Drohung. Haben auch die meisten von uns ein gutes Gewissen -- manch einer hier im Kreise rutscht doch mit der Hose ganz gehörig auf Grundeis. Hier wird die Rechnung präsentiert werden und -- wie die Sache nun einmal liegt -- nicht hier allein. Da nun schon -- wer hat es gesagt -- Frauen, Dummköpfe und politische Bewegungen zu verallgemeinern lieben.«
»Den Organisierten wird ja auch nichts anderes übrig bleiben«, bemerkte Horst.
Die müden Züge des Herrn von Borkhus -- sie erschienen Horst noch nie so schmerzlich abgespannt -- erhellte jetzt die junge gläubige Phantastik seiner Augen. »Ich weiß, auch von meinen Leuten hat der größere Teil sich eingeschrieben. Überzeugungen glauben nun einmal erst dann an sich selber, wenn sie abgestempelt sind. Jeder muß nun mal seinen Schein haben -- wie könnte er sonst auf ihm bestehen! Aber, wenn es ernst wird, dann sind solche Scheine Papier. Der Herzschlag ist dann der Ton, der die Musik macht. Und -- ich kenne meine Leute, so gut wie sie mich kennen!«
Er warf den Kopf zurück, nun ganz ein froher, sieghafter Führer. Sein Gesicht belebte sich frisch, dunkler und heißer leuchteten die Augen. Hier frohlockte eine Zuversicht, die aus der Tiefe seines Wesens quoll, aus der glückhaft frohen Treue seines eigenen Fühlens.
Zagend, mit leiser Sorge blickte Horst in diesen Überschwang feuriger Gewißheit. Er hatte seinen Argwohn, und er fühlte, daß Enttäuschungen hier ins Leben greifen müßten. In dieses Leben, getragen von dem Selbstvertrauen des Häuptlings, das durch Geschlechter angezüchtet war.
Selbstgewißheit! Und kommt es nicht darauf an? Ist das nicht der Kern alles Wesens, alles Werdens, alles Schaffens! Ist das nicht die lebendige Urkraft, die schließlich ins Ewige uns finden läßt und zu Gott -- die Gewißheit, das Gewissen! Beides dasselbe! Des Glaubens Inbegriff! Des Menschen Seele!
War ihm, Horst, genug von dieser Urkraft gegeben, genug zur Führerschaft? Immer wieder die Zweifel. Und die Gefahr des Zerbröckelns. Ja, wir sind mürbe geworden. Verwittert haben uns die Zeitenstürme. Hab ich selbst noch so viel innern Halt, den anderen ein Halt zu sein?
Wie hat es mich geworfen, als die erste Regung zur Fahnenflucht in unsere Reihen brach. War es ein Gefühl eigener Schuld? Hatte ich die Fahne nicht tapfer, nicht stark und treu genug getragen? Waren nicht meine eigenen Gedanken auf der Flucht gewesen? Wie oft hatte ich mich gesehnt -- ja gesehnt nach meinen Büchern, nach Forschung, nach Wissenschaft, nach geistigen Fernsichten. Nach Einsamkeit auch, nach den Freuden stiller Entdeckungen, nach den Verzückungen und Verzauberungen in ungestörten Träumen.
Ja -- wie an Ketten trug ich oft an meiner Pflicht. Und nur, weil ich selber schwankte und treulos werden konnte, kam dieses Wanken in die Reihe.
Ist es nicht eine erlesene Schar, die auf mich blickt? Ein Vorbild für mich, die ich ihr Vorbild sein soll. Und so ist es recht. Nur so ist die starke Gemeinschaft da. Wir haben sie. Hat Herr von Borkhus sie mit seinen Leuten? Ich fürchte, er träumt zu leicht. Hat er nicht ein reichliches Maß dieser lieben Leichtgläubigkeit, die so kindlich ist und ach, so deutsch!
Wie hat er sich selbst die Mannestreue des alten Strempel herausgeputzt, bei dem aus jeder Pore seines gelben Felles der kalte listige Gelegenheitsmacher schielt. Und richtig, jetzt ist der auch schon als Kronzeuge da.
»Lieber Horst, Sie kennen eigentlich von meinen Leuten nur den alten Strempel. Können Sie sich denken, daß der übermorgen zu mir sagt: >Sie müssen sich allein anspannen, ich fahre Sie nicht!< Können Sie sich das vorstellen?« In seinen Blicken war eine unauslöschliche Heiterkeit.
Horst mußte wenigstens soviel sagen: »Meine Vorstellungswelt ist nun mal ein wenig aus dem Gelenk wie die ganze Welt überhaupt --«
»Hier dürfen Sie sie getrost wieder einrenken.« Er winkte fast mitleidig mit der Hand. »Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Mich persönlich berührt ja der angeblich drohende Streik am wenigsten. Aus politischen Gründen aber habe ich die Herren aus dem Umkreis für heute nachmittag zu einer Besprechung gebeten. Sie waren auf der konstitutionellen Versammlung des Arbeiterverbandes -- Ihre Eindrücke sind uns von Wert.«
Die Gutsherren
Als Horst nach vollbrachtem Tagwerk in das Beratungszimmer trat, waren die Herren in voller Tätigkeit.
Junkerliches Ungestüm hatte zuerst die Erörterungen verwirrt. Nun war ein parlamentarisches System errichtet. Herr von Trent führte den Vorsitz.
Sein gelbes kränkliches Marquisgesicht blickte mit kummervoll wartenden Augen in die Weite. Aber er hielt die Zügel in kundigen Händen.
Zuerst hatten die Besorgnisse das Wort geführt. Allerdings in halben Tönen. Angstmeierei war gerade in diesem Kreise nicht eben daheim. Bald hatten Eigenwille und eine betonte Sprödigkeit gegen neue soziale Operationen gewonnenes Feld. Vergeblich bemühten sich die Nüchternen und Sachlichen um eine Gegenorganisation der Besitzer. Umsonst brach der Kabelsdorfer als Befürworter eines Landbundes seine letzte Lanze. Formlos, ungepflegt, ein bärtiger Mann mit klugen und warmen braunen Augen. Ein Bürgerlicher und manchem der Junker nicht nach der Mütze. Aber sicher einer von denen mit dem reinsten Gewissen.
»Nehmen Sie es mir nicht übel, meine Herren -- von all den Dummheiten, die die Deutschen stammesmäßig begehen -- und wir Landleute fühlen uns ja als besonders gute Deutsche -- ist die größte die, daß wir von unseren Gegnern nichts lernen. Tun wir nicht und wollen wir nicht. Was erleben wir jetzt hier? Von denen, die sich in unseren Betrieben zum Kampfe gegen uns rüsten? Sie machen das, was das einzig Verständige ist. Müssen wir -- wir darum das einzig Unverständige machen? Nur geschlossen können wir der Geschlossenheit begegnen. Aber nein! Wir laufen ihnen zuliebe einzeln im Gelände herum, damit sie uns einzeln zur Strecke bringen und ihr fröhliches Halali haben!«
Der dicke Poggenhagener mit den schiefen Kalmückenaugen, der sticken mußte, wenn er seine Witze nicht loswurde, beugte sich zu seinem Nachbarn, dem Tangentiner. »Es heißt nicht lali, es heißt le lit, das fröhliche«, und er meckerte wie eine Bekassine.
Bei dem überlebenslangen, himmelan vertrockneten Ammoniakiter fand er indessen keine Gegenliebe. Der lachte nicht, denn Lachen war eine Ausgabe. Aber in solchen Unterhaltungen zeigte sich immerhin, wie wenig noch von einer gemeinsamen Aktion die Gemüter band.
Was hier noch an Ängstlichkeit herumkroch, nahm die Maske vor, versteckte sich hinter großen Worten und größeren Gesten. Und gerade die Schlotterhosen, die ganz wenigen, plusterten sich auf zu prunkender Forschheit.
Dies war die Stimmung, in die nun Horst hineingeriet. Lebhaft begrüßte man ihn. Ein Teil von den Herren hatte für das Siedlungswerk auf Betreiben des Herrn von Borkhus opferwillig Beiträge gezeichnet. Alle aber schenkten sie der Siedlung ihr Wohlwollen. In diesem Artikel kannte hier wie anderswo die Freigebigkeit keine Grenzen -- nur der Tangentiner hielt auch seine kostenlosen Regungen zu Rate.
Herr von Güldenbek, der Mann der Saatkartoffeln, strich durch seinen grauen, in konservativer Unbeschnittenheit wallenden Vollbart, legte die väterliche Hand auf Horstens Schulter und sprach gewinnend: »Solche Männer wie Sie braucht das Vaterland.« Und der Nebengedanke war bei ihm wie bei manchem andern: auch wir brauchen Dich, Deine Mannschaft und Eure Maschinengewehre, wenn es hier zum Ausstand und zu Unruhen kommen sollte.
Gleich wurde denn auch wie auf Stichwort der eben ergangene Regierungserlaß über die Waffenablieferung besprochen.
Horst erklärte: »Ich muß die Hände kennen, in die ich meine Waffen liefern soll. Ich kenne diese Hände nicht.« Da nickten ihm alle lebhaft zu, freudig und beruhigt.
Und dann wurde der sogenannten Regierung aufgespielt. Dies war die Weise, auf die man sich hier verstand. Wie oft hatte man auch dem alten geheiligten Regiment frondiert. Und nun dieses _régime de canaille_! »Den schiefen Absätzen dieser Usurpatoren den Nacken hinhalten --!« So sagte Herr von Seddewitz, und es funkelte sein scharfes, abgewetztes Gesicht.
Hoch gingen die Wellen. Teilnahmlos wie all die Stunden schon blieb Herr von Borkhus. Immer wieder waren durch seine tiefen Augen die Schatten gezogen. Dann sprach er leise: »Wie gleichgültig im Grunde, wer da oben sitzt -- wer die Satrapen sind über unserem Sklavenvolk.«
Damit ist die große Fuge der deutschen Passion angeschlagen. Und sie zittert durch die Seelen. All diese Männer -- ihrem Eigenwillen fehlt es gewiß nicht an Eigennutz. Von größter Unbefangenheit sie alle in der Bejahung ihres Besitzes, ihres Herrentums. Sie können gar nicht aus ihrer Haut. In der sie so grad gewachsen sitzen. Nicht alle haben sie die Hände reingehalten. Aber jeder von ihnen hat dem Vaterlande mit Leib und Leben gedient. Jeder von ihnen ist im Felde gewesen. Kaum einer, der nicht für Deutschland geblutet hat. Der deutsche Klang bebt in jedem Herzen. Selbst in dem, was von dem Tangentiner noch nicht ganz verdorrt ist, brennt es wund und tödlich schmerzhaft von Schande und Ingrimm.