Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 5

Chapter 53,792 wordsPublic domain

Und dann strömte auch ihr Fühlen und ihr Gespräch in die große deutsche Not. Der Torfmeister hatte seine festen Gedanken. Dies war kein grader Krieg -- schief kam er und aus der Ecke! Was ging uns um Haut und Haar das an, was da unten bei den Mausefallenhändlern passierte! Ich war 66 und 70 dabei -- da wußten wir, was wir wollten! Aber hier wußten wir nicht mal, was die anderen wollten. Und darum, es war krumm und dumm von vornherein. Und doch krümmer und dümmer, was wir all die Jahre vorher angestellt haben, uns all die vielen Feinde aufzuhalsen.

Hierüber brauchten die beiden sich nun nicht weiter zu verständigen. Sie landeten jetzt bei dem Heute, bei dem, was diesem Landstrich beschieden war.

Hier hat es schon vor dem Kriege gezuckt und getuckt, sagte der Alte. Gewiß, vieles, was so von Leuteschinderei geredet werde, sei Hetze und Geschwätze. Aber mancher Gutsherr habe doch sein Teil auf dem Kerbholz. Das Volk wäre ducknackig und trüge viel, aber es fräße alles in sich hinein, und vergäße nie. Da hätte sich also schon was angesammelt. Und jetzt, wo die Funken durchs Land flögen --!

Wie es in Moorhof aussehe?

Herr von Borkhus gehöre nun gewiß nicht zu den Gewaltherrn. Er habe ein Herz für die Arbeiter. Aber er behandele sie nicht gleichmäßig. Leicht risse sein heißes Herrenblut ihn fort -- hinterher täte es ihm leid, und überschwenglich verwöhnte er dann die Leute. So aber bekäme man sie nicht in die Hand.

»Sie meinen also auch, uns steht hier noch verschiedenes bevor?«

»Ganz gewiß. Wo jetzt die heftigen Brüder von auswärts kommen und das, was hier glimmt, mit vollen Backen anblasen.«

»In der Stadt hat sich ja jetzt was zusammengetan.«

»Ja. Seit da nun noch der rote Magistrat die Fuchtel schwingt.«

Und nun ist Horst wieder bei seiner Revolutionärin. »Sagen Sie mal, Sie sind doch auch der Friedhofswärter?«

»Ja -- und?«

»Wissen Sie, daß da eben eine Dame eingesperrt war?«

»Nein. Wer?«

Horst beschreibt sie. Und jetzt kommt eine fliegende Erregung über den grauen Riesen. Das sei Lona Grahl gewesen! Seine kleine Freundin! Die habe das Grab ihres Geliebten besucht! Und nun müßte er, der Alte, mit seinem kranken Beinwerk gerade den Schlüssel nicht haben! Die Küsterdirn, die dumme, die sich vor Gespenstern fürchte, habe natürlich in dem Nebel vor Abend schon blindlings zugeschlossen und danach spornstreichs Reißaus genommen. »Aber sonst pflegte Lona doch immer nach ihrem Kirchhofsbesuch bei mir einzusehen! Sollten Sie sie mir vergrämt haben!«

Fast zornig flammte es aus den alten jungen Augen gegen Horst.

Der erhebt sich. »Es tut mir leid. Sie weiß, daß ich politisch ihr Todfeind bin. Sie weiß auch um meine freundschaftliche Gesinnung für Herrn von Borkhus.«

Die schwere Pranke des Alten legt sich auf den Arm seines Gastes. Die Aufwallung reut ihn.

»Bleiben Sie noch sitzen. Die Kleine steht mir nahe. Ich hab sie als Kind auf dem Arm gehabt. Sie stammt aus unserer Gegend. Ihr Vater war Pastor in Unkvitz. -- Sie sehen die Kirche südwärts vom Moor. Das war ein Mann -- was haben wir den geliebt! Zu dem gingen wir alle und nicht zu unserem Pastor hier. Jung war er und fröhlich -- und wenn man ihn bloß ansah, wurde man schon ein besserer Mensch. Und was konnte er die Orgel spielen! Jeden zweiten Sonntag gab er ein Kirchenkonzert. Was Beine hatte und Ohren drängte sich dazu. Und seine Frau sang, wie ein Engel aus dem Himmel sang sie. Die war eine berühmte Sängerin gewesen, aber ihren Mann hatte sie lieber als all ihren Ruhm. Und ganz plötzlich -- ich weiß nicht, was der Herrgott sich dabei gedacht hat -- plötzlich stirbt dieser Mann. Hatte an einem Krankenbett sich angesteckt. Die Frau wurde wahnsinnig. Verwandte holten das Kind. Es war damals zwei Jahr. Ich ging auch gerade zur Bahn. Da habe ich das Wurm den ganzen Tag getragen. Und das war der Anfang unserer Freundschaft. Dann habe ich die ganze Zeit nichts von ihr gesehen und gehört. Jetzt ist sie wieder aufgetaucht. Und schlimm genug ist das, was sie wieder in die Heimat geführt hat.«

Der Alte stöhnte und schwieg eine Weile.

»Als wir ihren Freund hier begruben -- sie war sein einziges Gefolge. Der Geistliche, der hier damals amtierte -- unser Pastor Wärmann lag noch verwundet im Lazarett -- na ja, er gab wohl her, was er konnte, aber schließlich -- der Tote ein Revolutionär. Und sie die Geliebte eines Revolutionärs. Die wahre Liebe und der wahre Trost war es nicht. Ich hab dann die Kleine mit nach Hause genommen. Und an meiner Brust hat sie sich ausgeweint.«

Horst hörte hingegeben zu. Und nun sah er sie hilfsbedürftig in den Armen dieses alten Mannes. Hilfsbedürftig -- das reimte sich ihm so wenig zu ihrer Art. Und ihre Augen in Tränen -- diese Augen mit ihren wilden Bränden und ihrer schaurigen Erloschenheit.

Er wollte mehr wissen, aber er brauchte nicht zu fragen. Der Torfmeister war mit dem Recht seiner Jahre redselig geworden.

»Jetzt will sie hier bleiben. Sie hat sich in der Stadt niedergelassen. Als Musiklehrerin. Aber die Musik -- na, vor allem macht sie jetzt hier die Musik der Revolutionsmänner mit. Ihr Freund war Maler, und sie kommt von der Musik her, und sie hat mir gesagt, was so die Jungen von der Kunst wären, die wären alle revolutionär -- oder sie wären taube Nüsse.«

»Wir haben auch noch eine andere Jugend!« sagte Horst lächelnd, mit Bedacht.

»Davon verstehe ich nichts. Aber -- bei alledem ist mir nicht behaglich. Sie bleibt nicht bloß hier, um das Grab zu pflegen. Sie hat noch etwas anderes im Sinn. Was manchmal in ihren Augen umgeht! Und wenn man daran denkt, daß ihre Mutter im Wahnsinn geendet hat --! --«

Horst packte zu. »Sie meinen, sie will sich rächen.«

Der Alte sah ihm ins Gesicht. Dann sprach er unumwunden: »Ja. Und wo hier jetzt die politischen Brandstifter herumwirken --«

Die beiden Männer schwiegen. Und das Grauen rührte an sie, das durch die deutschen Lande schlich.

Winternot

Der Februar brachte eine Bärenkälte. Was schimpfte Kunz in dem bereiften, vereisten Schuppen! Gisbert hatte seinen Ohrenschmaus.

»In Berlin haben sie vorgestern die hundertsiebenundsechzigste Tanzdiele aufgemacht! Und mir frieren hier die Zehen ab. Hat deshalb die Schöpfung in mir alle menschlichen Reize zusammengehäuft, daß ich zu Puppenlappen verfrieren muß!«

Gisbert blieb unanfechtbar, schwebend, über den Dingen.

»Und Du, sag mal, hast Du immer noch Lust, ins All aufzugehen? Der Natur -- von minus zwanzig Grad -- Dich einzuverleiben? Getreu Deinen Brüdern am Indus, Ganges und Brahmaputra? Die sich da in die Sonne hinlümmeln und sich die Bananen oder sonstwas in den Rachen wachsen lassen. Wir, die wir hier in Schneehütten und Erdhöhlen hausen, Herrgott -- wir müssen uns schon ganz in uns selbst hineinkonzentrieren! Daß wir wenigstens etwas Warmes in den Leib kriegen! Der Unterschied zweier Welten! Aber Du -- Du mit Deinem Astralgebein!«

Dann kam Tauwetter, eine Regenperiode mit niederträchtigen westlichen Winden. Und ein böser Gast fand in der Baracke sich ein, die Grippe. Fast alle lagen sie auf der Nase. Horst, der noch soeben an einer Lungenentzündung vorbeischrammte, blieb auf den Füßen, pflegte, half und gab das Steuer nicht aus der Hand.

Und wie eine Seuche liefen jetzt, wo sie ihre frische Arbeit nicht hatten, die Unlust, der Überdruß, die fahnenflüchtigen Gedanken durch die Reihen. Von Schimpfen, Stöhnen und Fluchen über das Barackendasein klang der Bau.

Wohl hatte Kunz das Instrument auf diesen Ton gestimmt. Und auch ihm kamen bitterliche Stunden, in denen er Horst sein Herz ausschüttete. »Ich mach nicht mehr mit, -- in diesem elenden Kasten -- wie ein Sarg ist er -- ein Bretterkahn ist er, der in den Orkus hineinfuhrwerkt -- ich steig aus! Nach der Großstadt will ich. Müll kutschieren will ich oder den Gummibesen über den Straßenasphalt schieben!«

»Du bist größenwahnsinnig«, erklärte Horst dazu.

Dann gab er sich. Er mochte auch nicht zu dem Chorus gehören. Und da Trübsal und Bitternis nicht abreißen wollten, warf er sich in seinen alten Übermut, hielt sein Lachen parat, zornig und rüttelnd, und wusch die Köpfe.

»Hat das bißchen Schnupfen uns zu Jammerlappen aufgeweicht?« Für die Braven und Zukunftsstarken schleppte er Rum herbei, ihnen braute er heilsamen Grog -- wen gab es da, der nicht zukunftsstark wäre?

Mit seiner Zupfgeige zigeunerte er an den Krankenbetten. Muz saß andächtig dabei und hatte gespitzte Ohren. Dichtete an seinen Liedern »vom heimlich-unheimlichen Suff« und sang sie ihnen.

Jetzt sing ich euch das Lied vom Muselmanne, er betete getreulich seine Suren, zuweilen aber kriegt er seine Touren, und flüchtete zu seiner Fuselkanne.

Oder er warf ihnen so aus dem Handgelenk ganze Bündel Singsangreimereien vor.

»Prost!«

Herrgott in unserm Schuppen, da ist der Deubel los, wir haben all den Schnuppen, wie leuchten unsre Kuppen, im Hals da sitzt 'n Kloß. Ich niese, du niesest, wir niesen, uns kriegen am Kragen die Krisen, und keiner und keiner sagt »prost«!

Der Arzt verordnet Suppen, er sagt, die ist famos. Der Kunz besorgt uns Druppen, die Schuppen-Schnuppen-Druppen, wir saufen sie aus Tubben, Das ist 'ne andre Schos. Der Alte mit der Hippe, das gierige Gerippe, und seine Zippe, die Grippe, die kamen angetost. Doch unsere Schnuppen-Druppen, die Schuppen-Schnuppen-Druppen, sie, die gesund uns schrubben, die schlagen dem Tod 'n Knubben! Wir schwingen unsre Tubben, er muß von dannen huppen, und alle brüll'n wir »prost!«

Den Rundreim faßte Muz jedesmal so auf, daß er sich um sich selbst zu drehen und nach seinem Schwanz zu jagen habe. Und er tats mit Lust.

Die Krankheit war erloschen. Aber eine Mattigkeit blieb, Unmut und Düsternis wichen nicht so bald. Heute kam einer von der Mannschaft zu Horst ins Schreibzimmer. »Ich möchte aus dem Verbande austreten,« erklärte er, still, gedrückt. Leicht wurde es ihm nicht, das zu sagen.

In Horst schrak etwas auf. Aber er blickte fest und gelassen. Er wollte den Mann halten -- wieviel kam darauf an, daß die Reihe, jetzt in den Anfängen, geschlossen blieb! Er mußte ihn halten! Dann aber, gerade darum, in seiner Sprödheit, in der Schamhaftigkeit seines Gemüts, verschmähte er jedes werbende Wort.

»Wenn es Ihr klarer Wille ist --«

»Ich kann eine gute Stelle in einem Bankgeschäft bekommen. Man darf doch seinem Glück nicht im Wege stehen.«

»Das darf man nicht.«

Es war einer von den Lauen, von den Strohfeuermännern, von den weichen Tieren. Aber einer der Geschicktesten und Arbeitsamsten, auch im Schreibwerk zu Hause.

Kunz trat darüber zu, der heute Bureaudienst hatte. Der das hören und ohne jede Schamhaftigkeit den Mann sich vornehmen! »Das dürfen Sie nicht, Radatz, und das tun Sie auch nicht. Gewiß, wir haben hier kein Mönchsgelübde abgelegt -- aber wir wollen was zustande bringen. Man hat die Augen auf uns gerichtet. Man glaubt an uns. Und -- was die Hauptsache ist -- wir glauben an uns selbst. Darum gibt es bei uns kein Abbröckeln. Gibt es nicht. Unsere ganze Siedlung ist ein Beispiel -- und so ist jeder einzelne von uns ein Beispiel. Sie, Radatz, wie wir alle. Und was wollen Sie jetzt wohl für ein Beispiel geben?«

Kunz, der sonst so wortfreudige, sprach nüchtern und trocken. Der also Bedachte schielte nach einer befreienden Ausgelassenheit und fand sich gefangen in dem harten zwingenden Ernst. Es gab weiß Gott für Kunz auch etwas, worin nicht mit ihm zu spaßen war.

»Glauben Sie, daß sich uns andern nicht auch Aussichten auftun? Vor allem unserm Baas, Herrn Oldefeld, der vier lebende Sprachen spricht und darum, wie schon Napoleon sagte, allein so viel ist wie vier Menschen --«

Horst winkte heftig ab.

»Nun ja, das alles erzählen Sie sich am besten selbst. Und jetzt werden Sie tun, was Sie wollen. Sie werden also bleiben!«

Der Mann bedachte sich nicht lang. »Ich will nicht der erste sein, der hier abbaut. So bleibe ich denn.«

»Hab ichs nicht gesagt. Und jetzt ziehen Sie sich mal Ihren Sonntagsnachmittagschen wieder aus und vertreten Sie mich heute im Büro. Ich will uns auf der See 'n paar Wasservögel schießen -- Jürgens und Wendland nehme ich heute mit. Es soll genug werden für den ganzen Tisch. Rekonvaleszenten haben Anspruch auf Geflügel.«

Radatz empfahl sich.

»So wie Du, hätte ich nun eigentlich sprechen müssen,« meinte Horst. »Im Grunde bist Du mehr Führer als ich.«

»Jetzt fängt der auch an!«

»Freilich muß ich wieder fragen: wird es vorhalten? Und hat es überhaupt Zweck?«

»Zweck -- ja willst Du bloß Unsterblichkeiten? Vorläufig haben wir den Mann wieder.«

Horst strich sich über die Stirn. »Daß mir das so in die Glieder gefahren ist! Herrgott, man bleibt doch der alte dumme Junge mit seinen Illusionen. Natürlich werden wir mit diesem und jenem unserer Bundesbrüder noch manches erleben. Wenn nur nicht in einem selbst etwas abbröckelt --« es klang müde und verzagt.

»Horst!«

»Hast recht. Man hat wohl noch von dem Krankheitsgift im Leibe. Vielleicht ist man doch dichter dran gewesen, als man dachte. Der Hades hat abgefärbt. Der macht immer sensibel.« --

Die drei Jäger kamen am Abend mit erklecklicher Jagdbeute heim. Elf Enten brachten sie und vier Hasen.

Horst musterte die Vierfüßler mit strengem Blick. »Wasserwild --? --« fragte er mißbilligend.

»Hast Du nie von Seehasen gehört?« Aber mit seinen Witzen kam Kunz hier nicht durch.

»Du weißt, wie ich über Wildern denke.«

»Drück mal 'n Auge zu. Die Viecher sind aus dem Dünengelände. Über die Jagdberechtigung streiten sich seit Anno Priemtobak Stadt und Staat. Wem habe ich sie also weggeknallt? Keinem. Die Jagd ist strittig -- die Hasen sind es nicht. Habemus.«

Lona und die Landarbeiter

Die Roten legten sich kräftig ins Zeug. Zur Gründung eines Landarbeiterbundes wurde in dem zweiten großen Saale der Stadt eine Versammlung abgehalten. Horst ließ es sich nicht nehmen, sie zu besuchen. Der heilige Josef und der Balbutz begleiteten ihn.

Sie kamen spät und fanden in einer Ecke noch notdürftig Platz. Hier walteten keinerlei Gedanken an ein Rauchverbot. Höllenkräuter waren entbrannt. Verzweifelt kämpften Nase und Augen und erlagen ehrenvoll.

Es saßen fast nur Männer im Saal. Die wenigen Frauen duckten und verkrochen sich, als wären sie auf gefährlichen Abwegen. Auch von den Männern hockten einige Alte da wie ein Haufen Unglück. Ganz unheimlich war ihnen diese Staatsaktion. Mehr als einer bangte wohl um Kopf und Kragen.

An einem Tisch hatten sie sich erst Mut trinken müssen, zu so schauerlicher Verschwörung. Und befreiten sich mit sachten Witzen aus ihrer Beklemmung. »Korl Du moest betahlen. Ick häw mien Portmonee to Huus vergeten -- wiel nicks in is!«

Auf einen alten unanfechtbaren Sinnierer redeten Jüngere glaubenseifrig ein: »Nu sast sehn, Vadder Jahn -- nu wad allens ümrührt, un denn wad 't anners in de Welt.«

Er schüttelte den Kopf. »Anners? Rührt ji so veel ji willt. Fett schwemmt ümmer baben!«

Munter lärmend aber gaben sich die Jungen. Sie hatten ihre politische Weisheit aus dem Schützengraben mit nach Hause gebracht und fühlten jeder Lage sich gewachsen.

Jetzt erscheinen durch eine Nebentür die Einberufer der Versammlung und nehmen auf der Empore Platz. Lona ist unter ihnen.

Es sind ihrer fünf. Der Vorsitzende, ein schlanker, aufrechter Mann mit scharfen wie gemeißelten Zügen, mit eigentümlich grellen und packenden Raubvogelaugen. Der Führer steht ihm im Gesicht geschrieben. Er ist aus der Hauptstadt gekommen. Rechts von ihm sitzt Lona, links der Koch. Er hat nichts Gemästetes, ist trocken und kantig, der Schädel ist oben kahl, nur in der Mitte, über der Stirn, brennt eine einsame rothaarige Flocke. Die Augen stechen und sind heiß. Sein Nachbar ist der zierliche knabenhafte Mann, der auf der Borkhus-Versammlung die kurze Brandrede hielt, und den der Bierfahrer vom Tisch heruntersetzte. Er hat ein hektisches und verbittertes Frauengesicht. Alle Glieder sind bei ihm in fiebernder Bewegung, in den Augen tobt die Unruhe. Lona hat zu ihrer anderen Seite einen sehr behäbigen, angegrauten, breitstirnigen Herrn, der offenbar nicht ausgeschlafen hat, und sich ein paarmal die Hand vor den gähnenden Mund hält. Zwischendurch tiefsinnig vor sich hinblickt und mit den Elementen der Fingernägelpflege sich befaßt. Aber in den kleinen lauernden Augen ist etwas, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. So oft er sich regt, stößt er die Nase vor wie ein witterndes Wild.

Lona blickt unter halbgesenkten Lidern über die Versammelten. Dann starrt sie -- Horst hat sich eben seitwärts zum Balbutz gewandt -- jetzt wird er in die Bahn ihrer Augen gezwungen, die in seine Ecke, die auf ihn geheftet sind.

Sie beugt sich ans Ohr des Vorsitzenden, das Falkenauge stößt jetzt auch auf ihn -- dann erhebt sich der Mann sofort. Klingelt kurz. Stille.

Durch Horst zuckt es hin: wollt Ihr mir zuleibe? Gut, ihr Leute! Kommt an!

»Arbeiter und Arbeiterinnen,« so spricht der Vorsitzende, »das ist meine Anrede -- Ehre, wem Ehre gebührt! Die Einladung zu dieser Versammlung ist lediglich an Euch ergangen. Eure Angelegenheiten sollen hier besprochen und geordnet werden. Die Anwesenheit von Leuten, die nicht darauf Anspruch erheben können, Landarbeiter zu sein, ist nicht erwünscht.«

Ich bin auch Landarbeiter auf meine Art, denkt Horst mit innerem Schmunzeln. Er soll mir schon deutlicher kommen.

»Ich muß deshalb alle diejenigen, die nicht diesem Stande angehören, ersuchen, den Versammlungsraum zu verlassen.«

Seine Blicke geben aller Augen die Richtung. Viele sind aufgesprungen, alle stieren sie in die bezeichnete Ecke. Horst rührt sich nicht. Erst recht nicht, da jetzt in Lonas Züge ein häßlich Feindseliges sich einwühlt.

Falkenauge aber läßt nicht locker. »Wie ich höre, ist der Leiter der Hohenmoorer Siedlung hier anwesend.«

Jetzt erhebt sich Horst.

»Spitzel!« ruft ein Zwanzigjähriger. Mit diesem Wort dünkt der Junge sich auf der Höhe und blickt stolz um sich her.

»Wollen Sie mir ein paar Worte gestatten«, beginnt Horst.

»Bitte.«

»Wir Mitglieder der Siedlung arbeiten genossenschaftlich gemeinsam an unserem Werk. Ich selbst bin unter allen Umständen Siedler oder, wie man sonst sagt, Kolonist. Ich mach ein Stück Land urbar, ich helfe Neuland schaffen. Wenn einer sich Landarbeiter nennen darf, sind es meine Genossen und ich.« Kurz und bündig.

In die Gesellschaft ist Bewegung gekommen, es wird dafür und dagegen gemurmelt. Horst sieht den grauen Schopf des Torfmeisters wackeln und hört seine gedämpfte Stimme wie schweres unterirdisches Rollen.

Falkenauge holt zum zweiten Schlage aus. »Diese Einwendungen sind doch sehr anfechtbar. Die Siedlung ist ein Unternehmen. Ihr Leiter ein Arbeitgeber. Und wenn diese Persönlichkeit nun noch aus dem -- jetzt glücklicherweise abgeschafften -- Offizierstande herkommt und vor allem mit dem Besitzer von Moorhof, der uns hier in mehr als einer Hinsicht beschäftigt, in freundschaftlicher Beziehung steht --! --«

Dies soll das Henkerbeil sein. Horst aber hält mit dem Nacken ganz und gar nicht still. »Darf ich noch einmal?«

»Bitte.« Doch diese Gewähr sieht schon einer schroffen Ablehnung gleich.

Horst schmunzelt innerlich. Meine Klinge will ich wenigstens schlagen! »Was einer früher war, kann heute und hier doch unmöglich in Frage kommen -- ebensowenig wie der Umgang und Verkehr jedes einzelnen der hier Erschienenen zur Untersuchung steht. Es handelt sich doch ganz ausschließlich um den jetzigen Beruf. Und wenn ich für meine Person gefragt werde, welchen Beruf ich heute ausübe, habe ich gar keine Möglichkeit etwas anderes zu sagen als: ich bin Landarbeiter, Landarbeiter in einem genossenschaftlichen Arbeiterverbande, der, wenn Arbeitgeber, doch sein eigener Arbeitgeber und in demselben Maße sein eigener Arbeitnehmer ist. Der Herr Vorsitzende hat die Erklärung abgegeben, daß die Anwesenheit von Leuten, die nicht Landarbeiter sind, nicht erwünscht wäre. Wenn hiernach wirklich verfahren wird, müßten, so weit ich über den Stand und Beruf der Herrschaften unterrichtet bin, die da oben am Tisch der Versammlungsleitung sitzen, diese zunächst einmal samt und sonders ihre Sachen zusammenpacken und den Saal verlassen.«

Ohorufe, erst einzeln, dann anschwellend, werden laut zu diesem umgedrehten Spieß. Aber viele denken: ein verfluchter Kerl, und manch einer grient im Stillen. Horst aber hat sein unbändiges Behagen an dem Flammentanz auf den Gesichtern da oben -- auch die viereckige Stirn des Phlegmatikers droht -- an dem furioso in den Augen der Musiklehrerin.

Doch die wetterfeste politische Kultur der geschulten Volksmänner ist gleich an der Arbeit. Zuerst und vor allem nieder mit jeder Mißtrauensregung! Der Koch bittet ums Wort und spricht: »Ich bin anderer Meinung als unser verehrter Herr Vorsitzender. Er wünscht einen engen geschlossenen Kreis. Wir haben hier keine Geheimnisse. Im Gegenteil! Ich wünschte, es hätten sich hier recht viele von den Unternehmern, den Arbeitgebern, den Herren Gutsbesitzern eingefunden. Was sie hier zu hören kriegten -- ja, die Ohren würden ihnen schon davon gellen! Aber vielleicht würden sie uns dann der Arbeit überheben, einmal mit der Faust an ihre Tür klopfen zu müssen!«

Bravo! Jetzt ist der Wagen auf dem richtigen Gleis. Der Fall Horst liegt sacht in der Versenkung. Die Tagesordnung steigt.

Der Vorsitzende spricht über die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation. Die Landarbeiter, die einzigen, die bisher nicht organisiert wären. Rückständig wären sie. Arbeiter und rückständig, das gäbe es aber nicht! Das Rückständige wäre bei denen da oben zu Hause, und mit denen räumte die neue Zeit jetzt gründlich auf. Herren und Knechte -- das wäre deren Weisheit und Wille, aber das hätte aufgehört! »Menschenwürde!«

Horst fuhr zusammen. Wieder das Wort!

»Und in Eure eigenen Hände ist die Menschenwürde gelegt. Ihr habt jetzt dafür zu sorgen, daß hier auf dem Lande auch menschenwürdige Verhältnisse eintreten. Das erste ist höhere Löhne! Und wenn Ihr alle einig seid -- die, die auf den Kornsäcken und den Geldsäcken sitzen, können, werden und müssen sie zahlen!«

Dies ist der Faden. Und er hat sie an der Strippe.

Horst hörte helläugig zu. Der Mann ist ein Künstler in seiner Art, er hat die rechten Finger für das Masseninstrument.

Jetzt wird noch ein Stück in Moll gebraucht. Sie verstehen sich schon auf Konzertprogramme. Lona nimmt das Wort.

Zagend steht sie auf, aber dann entfaltet sich das, was sie spricht, wie eine Knospe zum Blühen und Glühen.

Sie sei ein Kind dieses Landes. Als Kind habe sie es verlassen. Nun, da sie wiedergekommen sei, habe es ihr den Sinn bewegt, wie wenig Menschen hier den Kopf hoch tragen. Kaum hebt einer den Blick vom Boden. Das ist es: sie tragen eine eigene Not und sie zieht eine eigene Sehnsucht. Von der Erde stammt ihre Not, und ihr Sehnen geht zu der Erde. Darum ist auf sie, ob sie's selber nicht wissen, ihr schwerer Blick gesenkt. Ein eigenes Stück Land, so brennt es in ihrem Herzen. Mit dem Boden sind sie verwachsen, durch ihr Schaffen sind sie ihm angetraut. Denn nur die Arbeit flicht den lebendigen Bund. Und sie arbeiten nicht für sich selbst. Sie dürfen es ja nicht. Ihnen gehört die Erde -- und sie gehört ihnen nicht. Das liegt auf ihnen wie ein Fluch. Diesen Fluch gilt es zu lösen. »Ihr sollt nicht mehr dulden um die Erde, Ihr sollt leben mit ihr, in ihr -- ja Ihr sollt leben!«

Das greift ihnen mit fester und doch linder Hand an die innersten Seiten, an ihre heiligen Wünsche. Das ist wie Musik, das ist Seele und Sieg. Sie sind alle bezwungen.

Auch über Horst geht ein Zauber. Von der Innigkeit eines wahren Fühlens, die wie ein Stern leuchtet durch den dicken Brodem der Versammlung.

Kaum hat er das in ihr gesucht. Nicht, daß dieser Schein aufsteigen könnte, dieser stille Schein aus den lohenden Flammen ihres Wesens.

Ein Unrecht bittet er ihr ab, daß er sie bei den wilden Schlagwörtern gesucht hat, bei den knalligen Feuerwerkern von Beruf mit ihren hohlen Kanonenschlägen, ihren verpuffenden Raketen und windigen Leuchtkugeln.