Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 3

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Herr von Borkhus wurde von einem Arzt, der zur Stelle war, im Wohnzimmer des Wirtes verbunden. Horst, der Handreichung leistete, blieb an seiner Seite. Im Saal verliefen sich die Wasser. Ein Plätschern war es nur noch -- schon konnten sie über das Geschehene sprechen, das hinter ihnen und unter ihnen lag.

Der Wirt besah sich den Schaden, auf der Galerie, auf der Bühne, und drehte das Licht aus. Nur eine müde Flamme über dem Podium blieb brennen.

Und aus dem Dunkel, wie ein Spuk, schlürfte ein altes gebücktes Weib mit Scheuertuch und Eimer. Stieg keuchend auf die Bühne und wusch kopfschüttelnd und brummig das Blut von den Dielen.

Frei und gut ist dasselbe

Es war nicht weit von Mitternacht, als Herr von Borkhus mit Horst den Wagen wieder bestieg. Strempel mußte fahren.

Der Mond leuchtete die menschenleere Straße ab. In dem Torweg, dem Gasthof gegenüber stand eine Frauengestalt.

Ein junges schlankes Weib -- mehr konnte Horst nicht erkennen, zumal der Verwundete ihn in Anspruch nahm. Dann aber, da sie abfuhren, blitzte es ihm durch den Sinn: das ist deine Nachbarin, wer sonst! Was will sie hier! Und wieder: wer ist sie? Wollte sie sehen, wie es mit dem Verletzten stand? Um den sich sonst, im ganzen Orte niemand mehr kümmerte? Sie als die einzige -- was trieb sie dazu?

Borkhus hatte sich längst wiedergefunden. Die Schmerzen drückten ihn nicht nieder, sie hoben ihn. Daß er selber litt, daran wuchs seine Kraft, sein Trotz, das bannte den Schatten.

»Ich würde es immer wieder tun,« sagte er, »der Würger«, frei und stark. »Wer mir an die Offiziers- und Mannesehre geht -- wie ich ihn fasse, so muß er dran glauben! Immer tät ich es wieder!«

Jetzt dachte er an die vielen beschimpften, entehrten Kameraden. »Und das tat ich für euch alle!«

Horst sann nach und nickte düster und sprach: »Daß wir zum Symbol werden -- jeder nach seines Wesens Bestimmung -- das ist unseres Lebens Sinn!«

Borkhus nahm seine Hand. »Das ist das Wort! Zum Symbol werden! Wie ein Ruf erging es an mich! Welt gegen Welt! Und -- ich konnte gar nicht anders.«

Es war dann, als käme Müdigkeit über ihn. Wieder aber regte er sich lebhaft, und es klang fröhlich: »War ich nicht heute abend auch ein Sinnbild: zerschlagen von den Stuhlbeinen der Galerie! Gibt es was Erhabeneres? Hüten Sie mich Horst, daß ich nicht größenwahnsinnig werde!«

Doch jetzt brauchte er seine Ruhe und sprach nicht mehr.

Horst aber tauchte zurück in den Abend, mit Trauer, Schmerz, mit Zorn und mit Scham.

Deutschland -- machst du es deinen treuen Söhnen nicht allzu schwer? Sind deine Feinde, deine Folterknechte dir nicht blutig, nicht roh, nicht feige, nicht heimtückisch genug -- mußt du dir selbst der tückischste, der feigste Feind von allen sein!

Ein deutscher Mann spricht die selbstverständlichen deutschen Worte! Er sagt, daß du, Deutschland, deutsch bist und deutsch sein mußt. Was geschieht? Er wird aus dem Hinterhalt gemeuchelt!

In welchem Lande der Welt wäre so etwas denkbar -- dann vor allem denkbar, wenn die Feinde, schlimmer als es im Kriege geschieht, dieses Land zerfleischen und zertreten! In Guatemala nicht, bei keinem Stamme der Maoris!

Soll man sich immer wieder damit trösten, daß du das Land ohne Beispiel bist, ohnegleichen im Großen wie im Armseligen, im Guten wie im Verruchten? Und wie lange soll dieser Trost vorhalten?

Ist es zu verwundern, wenn man schließlich da landet, wo diese rätselhafte Fremde sich angebaut hat? Wie sagte sie doch, höhnend und hart: »Deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff!«

International also -- pazifistisch -- eine Kommunistin offenbar. Freilich, er hatte sich die »Petrolösen« anders gedacht.

Ob sie in der Stadt ansässig war? In der, wie er wußte, seit geraumer Zeit ein Agitationsherd brannte, mit lichterlohen roten Flammen.

Ihr Gesicht wurde ihm lebendig. In diesem reizvollen Gegensatz zwischen seinem Vorn und der Seite. Diese fast derbe, sinnlich grausame Leidenschaftlichkeit der vollen Züge -- so viel feine spröde Geistigkeit im Profil. Und in dem Ausdruck des Ganzen ein Schmerzliches -- zu der flammenden Anklage eine stille Klage.

Jetzt war er dicht daran, sich auszulachen. Faselt dir nicht deine Fantasie was vor? Deine Weibentwöhntheit treibt mit dir ihren Schabernack, den sie als »weiberfest« dich rühmen.

Zum Teufel mit dem ganzen Weiberkram! Daß der sich immer wieder ungerufen melden muß! Und ist doch kein Platz für ihn, jetzt in dem Siedlungswerk.

Er denkt an die Genossen, die heute auch dabei waren -- die sich wieder mal einsetzten mit Leib und Leben, wenige gegen viele. Daß man an diesen deutschen Jungen seine Freude hat, ist das nicht der Inbegriff!

Wäre es nur nicht deutsch gegen deutsch gegangen! Gegen undeutsch, ja! Aber gegen dieses Undeutsch, das nun einmal so verteufelt deutsch ist! War so und wird so sein! Ist unser Fluch! Und stammt aus unseres Wesens Tiefe!

Und wieder schlug ihn der große Schmerz. Und der Schmerz schlug ihn hart.

So heißt es aus dem Fluch Segen bereiten! Vielleicht, daß wir sonst einschlafen würden und in Faulheit ersticken! Nun heißt es für uns, nimmer müde sein! Wachen und schaffen! Und schaffen und wachen! So heißt es! Und so soll es sein!

Horst fand die Freunde und die ganze Mannschaft noch auf den Beinen. Fast gleichzeitig mit ihm waren die Fußgänger eingetroffen. Jetzt ging es an ein Erzählen. Horst ließ mit Bedacht den Genossen das Wort.

Der Balbutz übernimmt freudig den Bericht. Schildert mit einer Anschaulichkeit, die keine falschen Farben nötig hat, der Handlung Verlauf. Bemüht sich sachlich zu bleiben, bis der Schluß mit seiner Klopffechterei ihm Gemüt und Stil bewegt und die Schleusen seines Wortschatzes zieht.

Die »feigen Halunken« und »elenden Hundeseelen« -- diese Ausrufe seines Zornes wecken Widerspruch. Mulitz, der Maurer, schüttelt den breiten Kopf, in den eckigen Augen zuckt etwas auf. »Das mußt nicht sagen, Balbutz! Ein paar hatten einen Mordsschneid! Und -- Gesinnung ist schließlich Gesinnung.«

»Gesinnung -- Stuhlbeine -- viele gegen einen -- der ahnungslos und wehrlos ist -- das ist Gesinnung? Schweinkram ist es!«

Fünf stimmen ihm lebhaft zu. Andere nicken gelassener. Einer ruft: »der heilige Josef soll reden!« Bei dem geht es ins Höhere und Tiefere, aber sowas wollen sie jetzt.

Gustav Elbenfried errötet wie ein Mädchen. »Ich soll --«

»Ja, du sollst«, rufen jetzt viele.

Der also Bestellte rudert mächtig mit den Armen durch die Luft, wie ein großer Vogel, dem der Aufflug nicht gelingt. Dann erst kommt er in Schwung, und seine Kinderaugen leuchten innig auf.

»Ihr hört von mir immer das alte Lied. Was ist Schuld an dieser Tücke, an diesem bösartigen Haß? Das, was die ganze Welt krank macht und verdirbt. Das Geld ist es, der Reichtum. Vom Geld kommt deshalb alles Üble, weil es das Lieblose ist. Darum macht es die Menschen böse. Christus wußte schon, was er vom Reichtum sprach. Was hat die Kirche, die selber Schätze sammelt -- was hat sie von je gerade hieran herumgedeutet! Aber dies Wort müssen sie doch lassen stahn!«

Gisbert ist zu dem heiligen Josef getreten. Er sieht in der einen Ecke, wo der Schreiber Metzling sitzt, so etwas wie mißtrauische Blicke. Unterschicht -- Oberschicht. Als ob die Offiziere schwiegen, um die Leute auszuhorchen. Nun nimmt er selbst das Wort. Er spricht schlecht, aber in dem, was er sagt, ist seine Seele.

Daß Elbenfried recht habe! In Reichtum und Macht kann niemals der Mensch sich ausleben, sich ausstrahlen, sich verwirklichen! In seinem Besitz, in seinen Genüssen, ist er auf sich selbst beschränkt, sein eigener Gefangener. Und so verdorrt er. Darum -- er muß, muß heraus aus seinem Selbst. Nur so wird er frei, nur so wird er gut -- denn frei und gut ist dasselbe. Und so befreit, in selbstloser Hingabe und Güte, gehören wir nicht uns, gehören wir allen. So erst sind die Kerkermauern unserer Endlichkeit durchbrochen. So erst haben wir teil an dem All, so erst sind wir vereinigt mit dem Wirken des Ewigen.

Dankwart rückt auf dem Stuhl, als brenne Feuer darunter, in seinem schweren Augenlid wettert es mit Macht.

Kunz aber springt in die Höhe. Seine Glieder fliegen. Etwas Ungebändigtes zittert in seinen heißen Augen. »Alle und das All -- wollen wir herumhampeln im luftleeren Raum! Wollen wir im Äther vereisen! Deutschland ist das All! Wißt ihr, daß wir die Feinde im Lande haben -- den Franzmann im Lande haben! Daß er uns das Mark aus den Knochen zieht! Und daß wir wehrlos sind! Entwaffnet! Entwaffnete deutsche Männer! Könnt ihr das aus- und zu Ende fühlen! Wollt ihr darüber eure südasiatische Weisheit kleistern! Das eine will ich jetzt wissen, ist ein einziger unter uns, der heut und morgen, so lange er lebt und leibt, nicht mit Jubel und Hurra und Hosianna dem Landesfeind an den Kragen geht, sobald der Tag der Erlösung naht! Und sich darauf freut! Das sollt ihr mir jetzt sagen -- Du, Gisbert -- und Gust Elbenfried, Du -- und Du, Maurer Mulitz. Seid ihr bereit und freut ihr euch darauf?«

Die Antworten waren ehrlich und schnell. »Das ist ja ganz was anderes!« -- »Selbstverständlich ist das!« -- »Und natürlich freut sich jeder darauf!«

»Gut,« sagte Kunz und wischte sich die zornig feuchten Augen, und es löste sich aus ihm wie ein Schluchzen. »Nach eurer Religionsphilosophie brauchte ich das. Ich mußte das hören! Ich wäre sonst nicht einen Tag länger in der Gemeinschaft geblieben.«

Frau Tilde

Mit dem Morgengrauen waren sie wieder alle Mann beim Bäumefällen. Auch Gisbert tat heute hier Arbeit, und er tat fast des Guten zu viel. Was seine feinen Glieder hergeben wollten, holte er heraus. So leidenschaftlich war er am Werk, mehr als einmal mußte Elbenfried, der Arbeitsführer, ihm Ruhepause auferlegen. Sie wußten alle -- und alle waren ihm herzlich zugetan -- wie sehr er noch immer seine Kräfte zu schonen hatte.

Kunz war schlecht gelaunt. Er war heute beim Mundausspülen zu kurz gekommen. Denn mühsamer als je war das Weckeramt von Gisbert und Muz verlaufen. Unruhige Träume hatten ihn allzu schwer heimgesucht.

»Dir verdanke ich das,« so klagte er Gisbert an, »Dir und Deinem Hindutum. Die ganze Nacht habe ich es mit der Seelenwanderung gehabt. Und Muz, der auf nächtiger Insektenjagd mit den Schenkeln die Diele klopfte, gab den Takt dazu. Wisse es: meine Seele fuhr in einen Floh.«

»Oh!« echote Gisbert munter.

»Auf Muzens Fell trieb ich mich um, und in was für einer Gesellschaft -- was für schwarze Seelen waren da beisammen! Weibliche zumeist. Da war die Frau Potiphar und Herodias und Messalina und die Maintenon und Ninon de Lenclos, Lola Montez und die Pepita. Die faßten sich an und tanzten um mich herum im Ringelreihn. Und die dicke Messalina zog mich beiseite. >Was bist Du für ein nüdlicher kleiner Flohhengst<, sagte sie, >aber so schüchtern! So schüchtern!< Und weiß Gott, ich wurde verlegen. Floh sein ist schon nicht so leicht. Aber ich sag euch, ein Floh in Verlegenheit --! --«

Die zuhörten, mußten lachen. Auch Muz freute sich. Und tat, was er dann immer tat. Er drehte sich um sich selbst im Wirbel und spielte Greif mit seinem Schwanz.

Gisbert aber hatte genug. Er spähte, wo er sonst Hand anlegen konnte, und brachte sich auf Hörweite in Sicherheit.

»Du -- Gisbert -- das Wahre kommt ja erst!« rief Kunz ihm nach. Aber Gisbert schlug schon mit der Axt, und die Späne sprangen.

Kunz sägte mit dem Balbutz. Da waren die richtigen Kumpane beisammen, doch die Arbeit flog.

»So sind sie nun, die Bramaputraleute.« Kunz schnob vor sich hin. »Jedes Lebewesen ist heilig! hat er mir eingeprägt. Und wiederum hat er mir eingeprägt: in jedem unserer Träume ist eine Wahrheit. Nun also! Und jetzt nimmt er Reißaus vor seiner eigenen Glaubenslehre.«

Gisbert ließ im Arbeitseifer nicht nach. Eben weil sie ihn für einen Träumer hielten -- wie gern nannte Kunz ihn die Lotosblume -- eben deshalb wollte er hier seinen Mann stehen.

Horst nahm sich den heiligen Josef vor. »Wir müssen uns nach dem Befinden unseres Patrons erkundigen. Wollen wir nicht unseren Gisbert dazu bestimmen! Er ist ja wie im Fieber und schuftet sich hier glatt zuschanden.«

Gisbert zuckte mit den Brauen bei dem Auftrag -- er fühlte eine Bevorzugung und Entlastung. Aber die Disziplin saß ihm im Blut. Das Wort des Werkführers galt. Nun war er auf dem Weg nach dem Gutshaus. Bald, nach einer kleinen Stunde schon, kam er zurück. Wie schreitet er bloß, dachte Kunz. Als ob er auf Wolken wandele. Und weiter forschte Kunz, der ihn so gut kannte: Was hat er in den Augen? Ist das nicht wie ein großer seliger Schreck?

Und dann bestellte Gisbert, dem Herrn von Borkhus ginge es gut, seine Tochter, Frau von Mönkhov wäre gekommen. Beide bäten Horst, Dankwart, Kunz und ihn selber, abends eine Tasse Tee im Gutshaus zu trinken.

Die Tochter des Herrn von Borkhus -- nun wußte Kunz, wovon sein Gisbert so selig, bis in die Seele erschrocken war. --

Sie machten sich fein zu dem Abend, Horst, Gisbert und Kunz. Dankwart konnte von seinen Modellen und Tabellen nicht fort.

Borkhus war auf den Beinen und empfing sie. Seine schweren Augen leuchteten gesund unter dem weißen Turban des Verbandes.

»Der Aderlaß hat mir gut getan«, sagte er. »Meine Ischias hat sich verblutet. Ich kann laufen wie ein besserer Faßbinder.«

Und dann hatte er seine Tilde bei sich, seine Tochter.

Sie hatte etwas still Verhaltenes, fast mädchenhaft Scheues, diese schlanke, zarte, großäugige Frau, als sie den Herren gegenübertrat. Mit kindlich verlegener Bewegung strich sie die Strähne zurück, die aus ihrem reichen hellbraunen Haar sich löste.

»Was sagt die Welt,« so erklärte der alte Herr die Sachlage, »die wildesten Gerüchte über mich verheeren das Land! Setzt sich dieses Mädchen nicht -- und sie soll Haus und Hof hüten, denn ihr Mann ist nicht daheim -- setzt sie sich nicht vor Morgengrauen in den Schlitten und läßt die Traber glattweg die fünfzig Kilometer fressen!«

»Es ist eine glänzende Bahn«, entschuldigte sich Frau Tilde. »Und auch, wenn wir die nicht hätten --« sie faßte still ihres Vaters Hand.

Die drei jungen Männer musterten sich. Wie verändert sie waren! Welch ein Glanz auf ihnen lag, welche Farben sie trugen -- von dem Wesen der Frau. Sie, die das harte, graue, lichtlose, lustlose Barackenleben einschloß. Nun rieselte es über sie von der hellen Wonne.

Und listig lauerte auch wohl jeder, wie die anderen ihre eigenen Farben spielen ließen, zum Werben. Nur daß Gisbert sich schnell und ganz begrub in die Märchenferne dieser Frauenaugen.

Worüber sprachen sie bei Tisch? Über Deutschlands Wunden, in der Andacht ihres Schmerzes. Von ihrer Unfreiheit, ihrer Knechtschaft, ihrer Schmach. Frau von Mönkhov sagte: »Nun haben wir es nicht mehr, das stolze Wort: mein Haus ist meine Burg. Jetzt müssen wir uns schon an Meister Ekkart halten, der uns lehrt, daß unsere Seele unser Bürglein sei.«

Wie schwang und klang es in Gisbert auf. Welch ein Lichtband schlang sich um ihn und diese innige Frau.

Horst aber gab seine harte Zweckmäßigkeit darein: »Nur sollen in diesem Bürglein nicht zu viel der frommen Träume umgehen.«

»Ihnen ist es ums Schaffen. Mir auch. Aber das bleibt nun die Wahrheit: produktiv sind wir nur solange als wir religiös sind.«

Kunz aber kaute schon wieder an seinem Zorn. Daß wir uns vor lauter Geistigkeit nicht zu lassen wissen, das ist unser Verderb!

Und der alte Herr, in einer Art mitleidiger Angst, meinte: »Gut, daß Achim, Dein Mann, Dich nicht hört!« -- Für den war Religion das rote Tuch. »Religion, so nennen die Menschen ihre Alterserscheinung --!«

Mit Achim von Mönkhov kamen sie zu den Tagesereignissen. Er hatte seinen Koch auf den Schub gebracht, und der spielte jetzt in der Kreisstadt unter den Radikalsten eine Hauptrolle.

Der Vater wollte Einzelheiten hören. Hier griff die Politik in die Familie. Zögernd und ungern erzählte Frau Tilde. Der Mann sei von Tag zu Tag aufsässiger geworden, bedrohlich zuletzt. Da habe ihn Achim kurzerhand hinten am Rockkragen genommen, ihn vor sich her immer mit steifem Arm, zum Hause hinaus über den Hof bis zum Tor geschoben. Und ihm unterwegs in seiner eiskalten Ruhe gesagt: »Zum Lohn für Ihre unvergessenen Wildpasteten besorge ich dieses eigenhändig.«

Die Zuhörer wollten dies als ein sehr sauberes Stücklein gelten lassen. Tilde aber schüttelte ablehnend den Kopf. »Nichts auf der Welt macht so böses Blut wie diese üblen Handgreiflichkeiten. Und wollen wir uns untereinander denn immer mehr erbittern!«

Ihre Augen möchten der Märtyrerkrone ihres Vaters liebes erweisen. Aber dann erschrak sie vor dem Schatten in seinem Blick. Und der Gedanke an seine eigene schwere Tat trübte ihr den Sinn. War es nicht die wildeste aller Handgreiflichkeiten, was auf ihm selber lastete?

Aber schon war Kunz zur Stelle. »Gnädige Frau, es gibt einen alten niedersächsischen Spruch:

»Wur all dat anner beden nich düest, dor beden am besten de beiden Füest.«

Diese betenden beiden Fäuste -- sie gehören nun einmal zum Inventar der deutschen Welt. Und für mich gibt es keine Religion ohne die. Mir soll nun einmal keiner den Christus nehmen, der das Schwert gebracht hat und dem seine Mannen Heeresfolge leisteten! So wenig wie den Gott, der Eisen wachsen ließ.«

Sie sah den Sprechenden an mit ihren weiten Augen, nicht verweisend, nicht zustimmend, gütig und doch fern. »Vielleicht bin ich zu müde geworden für das alles.« Sie mußte wohl diesem lohenden Kreise die Blässe erklären, die sie selber fühlte. »Vielleicht habe ich mich erst zu erholen von den vier langen Jahren der Angst. Um die vier, die ich im Felde hatte. Von denen zwei nicht wiedergekommen sind.«

Die zwei waren ihre Brüder. Der Vater legte die Hand auf ihren Arm. Sie strich sich das Haar aus der Stirn. Ihre Augen blieben tapfer.

Dann suchten und fanden sie alle festen und gesunden Boden in dem Nächstliegenden, dem Siedlungswerk.

Frau von Mönkhov begann sich fast freudig zu beleben. Jeder Winkel des Geländes war ihr vertraut. Sie machte Horst noch besonders auf eine Mergelgrube aufmerksam, die längst nicht richtig ausgenutzt sei. Wobei ihr Vater das komisch lange Gesicht eines Getadelten aufsetzte.

Diese großen Augen der stillen Frau, sie waren jetzt heimgekehrt aus ihren Fernen, sie hatten einen nahen vertrauten Glanz gewonnen.

Gisbert saß wie ein Betender.

Und jetzt fragte sie fraulich, mütterlich nach dem Wohngelaß der Siedler.

»Wir haben es sehr gut«, sagte Horst.

»Wunderbar haben wir's!« erklärte Gisbert. Ihm hatte schon ihre bloße Frage aus dem Holzstall ein Feenschloß bereitet.

Nur Kunz machte ein beschauliches Gesicht. »Ich weiß nicht,« bemerkte er, »ob es fantastisch ist, bei einer Bettstatt an gehobelte Bretter zu denken. Ein so rühriger Schläfer, wie ich es nun einmal bin, darf getrost sein Fell nächstens einem Holzhändler zur Ausbeute überlassen.«

Frau Tilde, lächelnd, erkundigte sich jetzt nach der Beköstigung, nach der Küche.

»Unser Essen ist gut«, bestimmte Horst.

»Herrlich!« sang Gisbert aus seiner Höhe.

Kunz aber starrte wie entseelt vor sich hin.

Borkhus, dem er Spaß machte, weckte ihn und forderte genußsüchtig: »Sie müssen auch Ihr Sprüchlein sagen.«

»Soll ich? O Du mein! Unser Koch ist Installateur von Beruf. Die Wasserleitung ist sein Leben. Teekesselfett ist sein Element. An seiner unsterblichen Kartoffelsuppe hat er unverzagt solange gearbeitet, daß er jetzt imstande ist, sie sogar ohne Kartoffeln herzustellen.«

»Danach sehen Sie eigentlich nicht aus«, meinte Frau Tilde.

»Oh, wenn ich mir nicht dann und wann ein paar Gabelbissen zusammenwilderte --«

»Lassen Sie sich nicht dabei kriegen!« drohte Borkhus. »Und wer bereitet Ihnen wo diese Leckereien zu?«

»Das sag ich nicht.« Ein Schlingel verkroch sich in seinen Augenwinkeln.

»Aber erschrecklich unsozial ist das doch!« gab Frau Tilde darein, mit scherzendem Ernst.

Kunz schmunzelte: »Eine Krickente -- dreiundzwanzig Kostgänger -- und die soziale Frage! Da ess' ich den Vogel todesmutig allein. Aber ich werd mir jetzt alle Mühe geben, genossenschaftlicher zu schießen, und mir einen Hirsch langen.«

»Das wird Ihnen leid,« knurrte Borkhus, dem es jetzt doch über die Leber lief.

Seine Tochter aber wollte noch mehr von dem Barackenleben wissen, zumal von seinem geistigen Bau. Und Horst berichtete kurz von ihrem kleinen Staat. Ein Wahlkönig steht an der Spitze. Von den Mannen erkoren -- und absetzbar, sobald er versagt. Bei den einzelnen Arbeiten sachverständige Leiter. Im übrigen keine Rangunterschiede. Jeder hat den Wert seiner Kraft.

»Womit die Rangunterschiede gegeben sind!« knurrte der politische alte Herr.

Dazu Horst: »Wer kann die Unterschiede aus der Welt schaffen? Die Unterschiede sind die Welt. Dafür wandeln sich ihre Grenzen und Übergänge. Gerade in ihrer Beweglichkeit sind sie das Lebendige und das Ewige. Und darum auch der Inbegriff aller Freiheit. Deren Tod ganz einfach die Gleichheit wäre.«

In Gisbert drängten seine Empfindungen zum Worte. Er wußte, wie schwer er die Rede meisterte. Die natürliche Scheu des Mannes, vor einer Frau -- und nun gar vor dieser Frau! -- seine Mängel zu zeigen, lag schwer genug auf ihm. Aber, was er fühlte, wollte ans Licht.

»Unterschiede -- warum sprechen wir so gerne von den Unterschieden? Warum nicht lieber von dem Gemeinsamen! Von der großen Sehnsucht, die in allen lebt. Und in der sich alle zusammenfinden. Wie alle Wasser zum Strome, wie alle Ströme zum Meere fließen. Derselbe Zug in uns allen. Suchende, Wandernde wir alle, die der Schmerz unserer Endlichkeit treibt. Warum uns stören, uns hindern und bekämpfen mit den armseligen Gegensätzen, statt die große Gemeinschaft uns tragen zu lassen! Zu unserer aller Ziel -- dem Gemeinsamen! Hinein in das Bewußtsein und den Besitz der Unendlichkeit!«

Er rang an den Worten, mit den Worten, in denen mehr war als das karge ihrer Allgemeinheit. Der Reichtum war in ihrem Klang, und dieser Klang war Seele von seiner Seele und war wie der Glanz seiner inbrünstigen Augen. Heilig war ihm, was er bekannte -- aber dann erschrak er, daß er bekannte. Und die kleinen Fragen kamen: wollten sie das hören -- und gehörte das hierher?

Und verlegen fühlte er sich zu Kunz zurück, dem Freunde, dem so anders beflügelten, aber dem Freunde doch. Der ihn liebevoll aufnahm mit offenen Augen, wenn auch der lächelnde Unmut nicht schwieg. Die Lotosblume! Kann das Leuchten nicht lassen!

Frau Tilde horchte in sich hinein. Da in der Tiefe läuteten dieselben Glocken. Sie hatte es bisher vermieden, in der Scheu vor dem Gleichgearteten, dessen sie auf den ersten Blick sich bewußt war, Gisbert die Arme aufzutun. Jetzt aber, wo der Gleichgestimmte Zeugnis ablegte, umfaßte sie ihn mit einer Art wehen Zärtlichkeit und blieb an seiner Seite.

»Ich fühle wie Sie«, sagte sie einfach und fest. »Und was die Zeit auch von uns fordert, es ist etwas da, was über der Zeit ist. Dahin schauen wir, dahin ziehen wir --«

Horst sprach: »Wir wollen uns die Sterne nicht nehmen lassen. Auch sie gehören zu der Erde. Aber der Festtag sind sie. Und heute, wenn wir unser Leben leben wollen -- auch den Festtag müssen wir zum Alltag machen! Es gibt keine Feste!« Hart, eng, unerbittlich und rauh wurde Ton und Gedanke. Er stockte und schwieg.

Kunz aber packte unter dem Tisch seine Hand. »Es gibt keine Sterne! Solange es kein Deutschland gibt, gibt es keine Sterne!«

Und das Zeugnis dieser Schwurgenossen, lauter, näher, trotziger als jene Seelenrufe und voll Bitternis, es blieb Herr über die Geister. Sie alle bannte es, denn in ihnen allen war das zitternde Schwingen der einen Not.

Herr von Borkhus brauchte Ruhe. Die Gäste brachen auf.

»Müßte ich nicht morgen wieder nach Hause,« so wandte sich Frau Tilde an Horst, »würde ich mir Ihren Bau einmal ansehen. Und Ihre Kartoffelsuppe probieren. Und Ihnen« -- jetzt kam Kunz an die Reihe -- »würde ich aus unserem Handwerkskasten einen Hobel mitbringen.«

»Für mein Fell oder für meine Seele?« gab der zurück und verbeugte sich lächelnd.

Gisbert bekam keine Munterkeit zu hören, ihm gab sie nur still die Hand.

Und nun schritten die drei Männer durch die Winternacht heimwärts.