Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 21

Chapter 212,293 wordsPublic domain

Der französische Kapitän, geschniegelt, kokett, bewußt, der Rangälteste und Wortführer, greift sich mit den Blicken Horst heraus, den er gleich als die leitende Persönlichkeit erkennt. Mustert ihn, in seiner deutschen Offiziersuniform, mit unverschämten Blick, von Kopf zu Füßen. Erklärt dann in einer Art leutseligen Gesprächigkeit: sie hätten heute am Sonntag eigentlich nur einen Vergnügungsausflug vorgehabt -- _à votre océan_ -- und die Frechheit ist wieder obenauf. »_Mais maintenant votre noir-blanc-rouge nous a attiré. On revient toujours -- vous savez -- à ses premières amours!_« Horst steht kühl, aufrecht, in voller Höhe vor ihm und würdigt ihn keiner Antwort. Sein Blick ist dem Franzmann unangenehm. Er weicht ihm aus und spricht jetzt herrisch und giftig: da sie nun einmal hier wären, wollten sie »das Nützliche mit dem Angenehmen« verbinden -- er schlägt mit dem Handstock seine Ledergamasche -- und hier an Ort und Stelle gleich die Waffensuche vornehmen. »_S'il vous plaît_« -- wendet er sich an den Engländer, der schläfrig dasteht und aus seiner kurzen Shagpfeife pafft. Kaum hält er es für nötig, mit dem Kopf zu nicken oder ein »_yes_« zu kauen.

Der Franzose sieht sich im Kreise um, er mustert das Publikum bei diesem Schauspiel, dessen Hauptheld er ist, da trifft von den Goldbergen her ein Flimmern sein Auge. Das Flugzeugmodell blitzt in der Sonne.

Er setzt den Feldstecher an. »_Ah -- un modèle d'aéroplane! voilà des essais, qu'il faut surveiller avant tout!_« Er wendet sich an den englischen Hauptmann -- »_vous arrange -- t-il?_« -- und schreitet auf die Höhe zu. Der Englischmann grunzt und bleibt an seiner Seite. Die Sergeanten folgen.

Horst auf anderem Wege überholt sie. Dies alles geht ihn natürlich zuerst an. Kunz ist an seinen Fersen. Der eiserne Ring, der ihm um die Brust saß, ist gesprengt. Eine neue Tonart spielt das Leben. Er kann wieder Luft holen. Er trinkt sie tief in sich ein. Bis in den Hals schlägt ihm das Herz.

Mit Dankwart zusammen nehmen Horst und Kunz die Feinde in Empfang.

Die Menge ist an den Fuß der Goldberge geströmt. All die Köpfe sind gehoben, all die Gesichter, die Augen glänzen auf zu der Höhe. In allen Herzen klopft es: was wird geschehen? Daß hier etwas geschehen wird, sie fühlen, sie wissen, sie fordern es alle. Und so sind sie einig, geschlossen, eine große Gemeinschaft in diesem einen Gefühl. Von Pastor Waermann, dem Freiheitshelden, bis zu Stahlboom, dem Kommunisten -- in Frau Tilde, in Oberst Thorild, Ingeborg, dem Torfmeister, in allen Siedlern, allen Geladenen und Ungeladenen -- in allen, allen pulsen die Nerven denselben Takt.

Auch in den frommen Wallern, die heute wieder erschienen sind -- zuerst haben sie sich gesondert gehalten und ferne -- in scheuer Andacht -- wie eifersüchtig auf ihre Sehnsucht -- jetzt rücken sie näher -- und bald werden sie sich ganz dem großen Chore einverleibt haben. Ist nicht in allen dieselbe Not, dasselbe Gebet? Werden nicht die vielen vereinten Hände, geeinten Herzen am ersten das Wunder beschwören? Am ersten ein Zeichen erwirken? Ein Zeichen des Trostes, und wenn nur ein kleines, das Hoffnung gibt auf die Erlösung!

Da oben, eingespannt in den hellen, vollen, harten, wahrhaftigen Glanz der Sonne, stehen sie -- deutsche Offiziere -- feindliche Offiziere. Im Schmuck ihres Kleides, im Glanz ihrer Waffen, ihrer Ehren. Stehen sich gegenüber -- Welt gegen Welt. Was wird geschehen?

Was entspinnt sich da? Der Kapitän besichtigt das Modell. »_Instrument de guerre_«, erklärt er. »_Vous le briserez sur le champ moi présent!_«

Dankwart hat dafür kein Wort. Er wendet dem Heischenden den Rücken und legt beide Arme auf die Maschine.

Der Franzose zischt wie eine Natter -- packt Dankwarts Schulter -- der schüttelt ihn ab, daß er taumelt.

Da, in maßloser Wut hebt der Franzose den Stock und schlägt Dankwart über den Kopf! Dankwart, den Krüppel!

Ein dumpfer Aufschrei preßt sich aus all den Herzen, den Kehlen --

Horst -- schon hat er den Burschen am Kragen -- holt ihn sich hintenüber -- reißt ihm den Stock aus der Hand -- legt ihn sich übers Knie und läßt seine Hiebe auf ihn hageln.

Blitzschnell das alles. Der Engländer steht regungslos. Die Sergeanten wollen zuspringen. Die Hand mit der Shagpfeife weist sie zurück. »_Fair play!_« Um den breiten Mund ist das Lächeln einer ehrlichen kleinen Teufelei.

Blitzschnell ist es vorüber. Atemlos, im Bann, in verzücktem Schweigen -- so haben all die Herzen, die Hirne das Bild getrunken. Sie haben es, sie halten es, verwachsen ist es mit ihnen.

Jetzt, da Horst den Gezüchtigten beiseite geschmissen hat -- da dieser mit schäumendem Mund und irrem Auge die Pistole aus dem Gürtel reißt -- mit donnerndem Hurra sind all die Siedler den Berg hinaufgestürmt.

Der englische Hauptmann hat den Arm des Verstörten genommen. Sein »_we shall see!_« kaut er und führt ihn gemessen den Berg hinunter, zu ihrem Auto.

Ein Jubel hat sich aufgemacht wie eine Windsbraut. Das große Meer des Zornes eines edlen, mächtigen, geknechteten, geschändeten Volkes -- hier schlägt es seine Wellen empor, himmelan. Sie klatschen in die Hände, sie umarmen sich, sie brausen, sie taumeln unter Weinen und Lachen. Muz wie ein Feuerrad rast um sich selbst -- man sieht nur ein tosendes Rund und sprühende Funken. Ein donnerndes Rollen steigt zum Firmament. Lud Uhlenbrook lacht und lacht aus vollem Herzen -- so brüllt das Glück. Außer Rand und Band ist die ganze sonnenselige Welt. Das blanke hohe Himmelszelt spannt sich zum Zerspringen -- zerreißt es nicht -- bricht nicht ein Blitz aus dem Blau -- ein Gottesantlitz?

Horst über ihnen allen, strahlend wie Michael, die Augen geweitet, die Nüstern gebläht, ein unergründlich glückliches Lächeln um den Mund. Noch meiden sie ihn, wie ein Höheres, ein Heiliges.

Dann aber stürzen die Jungen zu ihm. Fritz Röder -- will es schreien -- und erstickt an seiner Seligkeit -- und stößt es dann mühsam aus verschluckten Tränen hervor -- »ich hab es geknipst!« Und zwei andere stammeln »ich auch!« Und Fritz verkündet es heiser, lallend, zusammenbrechend -- »ein Bild ist das -- ein Titelbild -- für die Geschichte -- in alle Lande, in alle Städte, in alle Dörfer soll es fliegen -- für die Weltgeschichte -- für die deutsche Geschichte -- ein Titelbild -- ich hab es geknipst --«

Wie ein vom Strick Losgeschnittener steht Kunz. Zu heftig hat sich die hohle Stelle in seinem Brägen wieder gefüllt. Noch blickt er verblödet.

Da schleicht von hinten etwas zu ihm, springt ihn an, drückt ihm die Lider zu mit kindlichen Händen -- wer ist es? -- was fragt er, da er es fühlt?

Und sein Mädchen schenkt ihm der deutsche Jubel! In seinen Armen hängt Vita und küßt ihn mit fast mänadenhafter Glut. Daß er aufs neue verblödet. Aber plötzlich ist er so hell und gescheit wie noch nie in seinem Leben und packt zu und hält fest. Und ist der bedeutendste und mächtigste aller Menschen.

Und ist wieder der Junge, ganz der Junge -- schreit auf wie ein Verrückter -- schlägt Purzelbäume, sieben hintereinander und brüllt zwischendurch zu seiner Vita hinüber: »Bin ich dick?«

Dann bleibt er besinnlich im Grase sitzen. Ist das ein Tag -- eine Tat. Ich muß sie besingen. Die Welt erwartet es von mir. Ein Heldenepos! Ich hab auch schon einen Titel: der Büchsenspanner Seiner Majestät des deutschen Volkes. Nein, ein Volkslied muß es werden. Ein Kutschkelied. Und soll noch von den Enkeln gesungen werden in allen Gauen.

»Da sprach der Horst, das ist mir Worst, Und haut ihm, daß die Hose borst.«

Ingeborg ist bei Horst. Sie läßt das Glück ihrer Augen leuchten, wenn es auch schwer dahinter dämmert. Sie packt seine Hand mit beiden Händen. Das wiegt alle Worte auf. Dann spricht sie leise: »Aber nun wird Ihnen hier Schweres bevorstehen.«

»Wer das nicht fröhlich auf sich nimmt --!« Gleichwohl schweifen ihre Blicke zur See hinunter und etwas in ihnen spricht: da liegt unsere Jacht segelfertig. Du tust gut, Gras wachsen zu lassen über das, was hier geschehen ist! Komm jetzt! Fahr mit uns! Mit mir!

Doch, wie sie das Auge wieder voll zu ihm wendet, erschrickt sie vor diesem eigenen versteckten Denken und Wünschen. Ich würde es selbst nicht wollen, daß Du Dich von hier entfernst! Daß Du mit uns fährst. Ich würde Dich selbst so nicht wollen! Und ein harter reiner Schmerz bändigt ihre Flammen.

Oberst Thorild tritt hinzu. »Ein Wahrzeichen -- ein Wappen -- eine Fahne sind Sie geworden!« Seine Augen sind voll Feuer.

»So darf man denn das -- Abgedroschene, das Triviale gelten lassen, weil es die stärkste Anschaulichkeit, die größte Bildkraft hat. Dafür werden die Abstrakten im Lande Zeter über mich schreien.«

»Die lassen Sie nur.«

»Und die nützlich Ängstlichen noch mehr. Ich hör es schon in ihren Blättern rauschen. Kostspielig wird die Sache -- schädlich verbrecherisch ist Deine Tat! Nur ein Volksfeind konnte so handeln!«

»Die lassen Sie erst recht. Ich sag Ihnen, noch ein Dutzend solcher symbolischen Handlungen, und das Volksgewissen bekommt sein Mousseux, seinen Aufstieg. Ich glaube es lohnt, in diesem Volksgewissen zu leben! Dafür aber, mein Freund -- so darf ich Sie nennen -- sind wir, Ingeborg und ich, jetzt die Leidtragenden. Da Sie jetzt nicht mit uns fahren.«

»Ich denke, wir werden uns damit nicht verlieren.«

»Niemals. So wie wir uns gefunden haben! Aber jetzt müssen wir Sie mit Ihren Kameraden allein lassen. Leben Sie wohl!«

Mit starkem Händedruck nehmen sie Abschied voneinander. Lange liegt Ingeborgs Hand in der seinen. Dann bleiben ihre Augen nicht mehr fest, und sie wendet sich jäh von ihm.

Horst blickt den Schreitenden nach. Oft noch dreht Ingeborg sich um und winkt mit dem Tuch. Er muß bitter hart die Zähne aufeinander beißen. Wieder ist eine Kraft von ihm gegangen. Wieder eine Saite in ihm zersprungen. Aber, was er noch hat, treu muß er es bewahren, denn es gehört nicht ihm allein.

Und wie er jetzt die Kameraden sucht, da tritt jemand vor ihn hin, ein Unerwarteter. Stahlboom, der Kommunist. Der Feind, mit dem er gekämpft auf Leben und Tod. Der Feind -- der Landsmann jetzt, der Deutsche. Reicht ihm die Hand, schnell, hastig -- aber Hand ruht doch in Hand. Ob heimlich, wie beiläufig, ärgerlich fast -- die Hände haben sich doch gefunden! Wahrhaftig und notwendig! Die Hände und die Herzen! In diesem Zeichen wachsen sie zusammen.

Da leuchtet es nun erst über Horst hin -- der Lichtstrahl der glückhaften Erfüllung! Die deutsche Einheit -- die Front ihrer Streiter -- sie ist kein Traum -- sie kann sein -- sie wird sein -- sie ist! Nur braucht sie ihr Signal! Die rechte Fahne muß wehen! Dafür leben und sterben!

Horst ist mit den Kameraden zusammen. »Ja,« sagt Horst, »ob Ihr mich bei Euch behaltet? Ob Ihr nicht die Suppe, die ich auch Euch eingebrockt habe, mich lieber allein auslöffeln laßt --! --« Da lachen all die Siedler laut hinweg, was er sonst noch hätte sagen können.

Kunz packt seine Hand und reißt ihn zur Seite. Und mit einem unbeschreiblichen Blick, in dem ein Bekenntnis liegt voll aller Düsternis und aller Helle dieser Welt, mit seinem lächelnden Knabenmund: »Ich dank Dir auch, Horst -- dank Dir, daß ich Dich nicht hab um die Ecke zu bringen brauchen.«

Horst blickt in diese Tiefen und versteht den Freund, und ihre Freundschaft ist geheiligt.

»Und jetzt weihen wir unser Haus! Ihr Jungen, singt Deutschland Euer junges Lied! Wir stimmen mit ein.«

Und zur Sonne empor braust es:

Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft, jede Faser gestrafft und gerafft, wir sind die Jungen, wir sind die Frohen, siehst du die nächtigen Wolken lohen? Wir sind des Frührots lachender Schein! Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen! Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen! Unter die Füße den tückischen Haß, seine Ketten zerspringen wie Glas. Unser Gebet, unser Feldgeschrei: Frei sollst du sein! Wir machen dich frei!

Vom gleichen Verfasser erschienen in demselben Verlag

Die Ecke der Welt

Eine Erzählung. -- 5. Tausend.

»Mit _großer dichterischer Kraft_ hat Dreyer hier die Geschichte von einer Frau und drei Männern erzählt, und er erweist sich auch jetzt wieder als ein _Meister der Epik_, als unerschrockener Seelenkünder. Das ganze Geschehen ist von der herben Landschaftsstimmung des nordischen Küstenlandes umhüllt; im knappen Aufbau der Erzählung verrät sich die dramatische Schulung und die Schilderung erreicht eine seltene Farbigkeit und psychologische Klarheit, die Gabe eines unserer _feinsten Dichter_.«

(Hamburger Nachrichten)

*

Die Insel

Geschichten aus dem Winkel. -- 5. Tausend.

»Sieben _feine, kleine Geschichten_, anmutig in ihrer schlichten, zu Herzen gehenden Art, eine Insel, auf die wir uns flüchten wollen in den Wirren dieser Zeit. Die Naturschilderungen, die nicht breit und platznehmend, dennoch vielfach im Vordergrund stehen, sind von _schöner Kraft_. Die Skizzen sind _liebevoll ausgeführt_ und haben zumeist einen Humor, der welterkennend lächelnd über den Dingen steht.«

(Eva Duncker im »Abendblatt«, Berlin)

*

Nachwuchs

Roman. -- 5. Tausend.

»In eigenartiger Weise behandelt Max Dreyers neues Buch das Problem, das nach einem an Blutopfern überreichen Kriege für jedes Volk das wichtigste ist: Die Frage nach dem Ersatz für alle die Jünglinge und Männer, die ihr Leben dem Vaterlande hingegeben haben. _Kräftiger Realismus vermählt sich in dem packend geschriebenen Roman mit einer den feinsten Seelenregungen nachspürenden psychologischen Kunst._«

(Hannov. Courier, Hannover)

Vom gleichen Verfasser erschienen früher in demselben Verlag

Der deutsche Morgen

Das Leben eines Mannes 15. Tausend.

*

Ohm Peter

Roman 18. Tausend.

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Lautes und Leises

Ein Geschichtenbuch 11. Tausend.

*

Strand

Ein Geschichtenbuch 3. Auflage.

Einen ausführlichen Prospekt über die Werke von _Max Dreyer_ liefert jede Buchhandlung oder der Verlag kostenlos.

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 20]: ... ihn unter den Brüdern seinen Wert und sein Gepräge. ... ... ihm unter den Brüdern seinen Wert und sein Gepräge. ...

[S. 27]: ... warm. In diesem und jenen Frauenauge glänzte es ... ... warm. In diesem und jenem Frauenauge glänzte es ...

[S. 51]: ... -- es löste sich ihm all in die lichte Unendlichkeit dieser ... ... -- es löste sich ihm alles in die lichte Unendlichkeit dieser ...

[S. 94]: ... Die Widersprüche stürzen nur so über ihn. Er blieb ... ... Die Widersprüche stürzten nur so über ihn. Er blieb ...

[S. 98]: ... Diener -- der ihm ein Vermögen kostet -- ist ein alter ... ... Diener -- der ihn ein Vermögen kostet -- ist ein alter ...

[S. 102]: ... auch nichts getan«, fragt sie sorgend und hilfsbereit. ... ... auch nichts getan?«, fragt sie sorgend und hilfsbereit. ...

[S. 237]: ... in dieser Gegend.« ... ... in dieser Gegend?« ...

[S. 298]: ... ich hab es geknipst --« ... ... -- ich hab es geknipst --« ...