Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht
Part 20
Ein Fischerboot, das mit klatschenden Segeln daliegt. Hat es den Ermüdeten aufgenommen? Ein letzter Schimmer --
Die Insassen, verschlafen, drusen dem Morgenwind entgegen. Von einem Schwimmer haben sie nichts bemerkt. Einen treibenden Körper haben sie nicht gesichtet.
Die Suchenden wenden und fahren zurück an Land. Jetzt ist es gewiß, die See hat ihn genommen. Wird sie seinen Leib wieder hergeben?
Gisbert ist tot! So pulst es in ihrem Herzen. Das ist der Takt ihres Ruderschlages. Gisbert ist tot. Sie starren in eine Leere. Jetzt ist die große Klage um sie und fügt sie zusammen. Und nichts kehrt sie gegen einander. Geschlossen, versöhnt der Unterschied, der Zwiespalt ihres Fühlens. Nur der Schmerz um den Freund bewegt ihre Seele. Gisbert ist tot. Wie klein sind alle Worte, die seiner gedenken wollen -- sie scheuen sich und schweigen.
Die Männer landeten wieder. Und da sie die harte Erde betraten, kamen Forderungen an sie. Gemeinsame, so dachte Kunz. Er mit seiner lebensfesten Hand nahm die Kleider auf, packte sie zu einem Bündel und wandte sich heim. Das »über Gräber vorwärts« lag ihm im Blut.
Er meinte nicht anders, als daß Horst mit ihm gehen würde. Der aber blieb, versonnen, versponnen. Kunz wartete -- dann ein fragender Blick, aber kein Wort -- dann etwas wie ein leichtes Achselzucken, in dem der alte Schmerz bebte: man lasse die Träumer den Träumen -- und er ging allein. Da war es wieder, was in ihm nagte: auch von Horst geht immer mehr verloren. Die Sorge um die Siedlung ließ ihn von jetzt ab nicht mehr los.
Wieder war der Mißklang zwischen den beiden, das Mißtrauen, das nun einmal gerufen war -- tiefer griff es in die Gemüter, die der Schmerz zart und feinfühlig gestimmt hatte. In der Empfindsamkeit des Grames fand es neue Nahrung.
Horst spürte es, er wußte, was in Kunz sich von ihm abwandte. Das riß an den gespannten Saiten, und wieder gab es den Zorn, die Bitterkeit, die eigene trotzige Abkehr und Selbstverschanzung.
Ich bin Euer Führer, ich hab Euch etwas geschaffen, etwas gegeben -- zum Lohn dafür haltet Ihr Gericht über mich, beobachtet mich, nehmt mich unter Aufsicht. So war es schon, und es mehrt sich zur Unleidlichkeit.
Ihr solltet wissen, daß ich das nicht ertrage. Ihr solltet mir meine Arbeit, die mir wahrlich nicht leicht fällt, nicht noch erschweren. Sie mir nicht verbittern! Kein besseres Mittel könnt Ihr dafür finden.
Wen hab ich nun noch in der Siedlung? Da Gisbert mir fehlt. Er, mit dem zarten, zerschlagenen, blutleeren Leib, der Wärmste, der Innigste von Euch allen. Und darum auch allen unentbehrlich, da er zwischen allen die seelischen Fäden wob. Allein steh ich jetzt. Er war es, der mich verband mit den Schwärmern, den blinden Heißspornen, den kühlen Rechnern, den Gleichmütigen, den Matten und Trägen. In ihm fanden sie sich alle, denn alle hatten ihn lieb. Ist mit ihm nicht das Licht der Siedlung erloschen? Ein blasses Licht, ja -- aber vielleicht, daß gerade die unirdische Blässe die Herzensandacht schuf!
Gewiß, es war allzuwenig von dem landläufig Gesunden in Dir, gar nichts Lebensstarkes und Robustes. Ein Kind noch warst Du, als Du ins Feld zogst. Die Pubertätsjahre verschlang der Krieg, nun kam, krankhaft verspätet, verfeinert und gesteigert die ganze Empfindsamkeit der Jünglingschaft über Dich -- und zerbrach an Weibesliebe. So fein und edel zart, wie es nur deutscher Jugend, die deutsches Leid versehrt, geschehen kann.
Und jetzt steh ich allein. Die Kameradschaft durchlöchert und im Verfall. Argwohn -- Übelwollen. Jetzt, wo alles sich ergeben sein müßte auf Leben und Tod! Und die Jungen haben sie mir verwehrt! Neue Ketten schmieden sie. Die Luft im Bagno -- wie soll ich sie länger atmen! Und wär nicht die ganze deutsche Luft verpestet -- verpestet von Verrat! Rein muß ich atmen können! Ich ersticke hier, ich verderbe in dem Dunst -- ich will nicht verderben!
Und wieder suchen seine Blicke die Landzunge. Da steht sie noch immer die weiße Gestalt und schaut auf die See. Jetzt haben die Augen das sichere Bild. Kein Trug -- Ingeborg ist es. Zu ihr will ich! In ihrem Schein gesund mich atmen.
Er wandert mit eiligen, mit festlichen Schritten. Sein Leuchtfeuer zieht ihn, ruft ihn, grüßt ihn. Er steigt die Dünen hinan, klimmt dann den Abhang empor.
Da oben steht sie. Und sie sieht ihm entgegen, als habe sie ihn erwartet. Sie streckt ihm die Hand zu. Die Freude ihres Blickes trübt sich, da sie von seinen Zügen das Unheil abliest. Und er sagt ihr, was geschehen ist. Dann, da er seinen Trost findet in dem treuen Druck ihrer Finger, in dem feuchten Glanz ihrer Augen, schüttet er sein Herz ihr aus.
Immer mehr löst sich von mir, eins nach dem andern fällt von mir ab, vereinsamt bin ich in meinem Heimatland, kraftlos -- was bin ich ihm nutz? Kann ich so dem Vaterlande dienen?
Und immer klarer spricht er so zu sich selbst. Ich brauche meine Kraft! Wo kann ich sie wiederfinden -- wo als in der nordischen Gastfreundschaft! Da werd ich gesund und stark, von da werd ich zurückkehren mit ungetrübtem Wikingermut. Frei von allem, was mich hier lähmt -- selbst frei und ein Befreier!
Sie sitzen beieinander, Ingeborg und Horst. Die helle Zaubernacht ist um sie. Er birgt sich in den Glanz ihrer Flechten, wie in einen Goldpanzer hüllt er sich, allem Trüben, allem Düstern, allem Üblen und Niedern eine Wehr. Er nimmt ihre Hand. »Wenn Sie wollen, höre ich nun doch noch in diesem Sommer das Summen unter Ihren Linden.« Da sind ihre Augen voll Seligkeit.
Das Richtfest
Den Feinden der Siedlung war das neue Haus ein Dorn im Auge. Es schwoll ihr Zorn, je höher es wuchs.
»Steinerne Zwingburgen errichten sie«, so lärmten die Schlagwörter in dem Konvent. »Und Zwingburgen werden niedergelegt!« forderte die Nutzanwendung.
Es war ihnen bekannt, das eine hochnotpeinliche Waffensuche unter Aufsicht von Ententeoffizieren den Kreis bedrohte.
»So wissen wir also, wo wir unsere Handgranaten zu verwenden haben -- ehe sie uns genommen werden!« rief Kittel, der Buchbinder, und gellend pfiff der Atem aus seiner schmalen keuchenden Brust.
Stahlboom wandte sich dagegen. Er wollte alle Waffen aufgespart haben für die große Aktion, die bevorstand. Die Suche gälte auch nicht ihnen, den Proletariern, sondern den monarchistischen, den reaktionären Banditen. Sie selbst dürften beruhigt sein. Da sprach einer ein Wort furchtbarer Wahrheit: »Wenn die Verräter nicht wären! Wer ist jetzt in Deutschland vor Verrat sicher?« Und das Grausige, das hier aufschrie, verwilderte wiederum die Gemüter.
Die Wüsten waren nicht zu bändigen. Das Richtfest am nächsten Sonntag -- sie wollten ihren Trumpf daraufsetzen, es sollte den Siedlern gesegnet werden! Und der schwarze, der blutige Sonntag vom Mai würde seine Sühne finden.
Die Siedler arbeiteten mit verdoppelter Kraft. Zu früh war der Termin für die Richtung des Hauses angesetzt worden -- es war ihr Ehrgeiz, ihn inne zu halten. Alles, was die Seelen bewegte und erregte, der Tod Gisberts, Horst in seiner Verschlossenheit, die zur Abkehr und Abweisung sich schärfte und anfing böses Blut zu machen, die Reibungen, Quertreibereien, Scheidungen und Zerwürfnisse innerhalb der Baracke -- alles ward dem einen Gedanken untertan, dem Gedanken an das Haus und seine Vollendung.
Ein großer Tag sollte es werden. Alle, denen das Siedlungswerk etwas bedeutete, sollten mit feiern. Was einer an Freundschaft hatte, wollte er bitten, jeder Biedermann sollte geladen sein. Ein Volksfest! Mit eifriger Hingabe sie alle bei der Vorbereitung. Kein Wort gab es, das nicht von der Richtfeier sprach. Wie Kinder vor dem Weihnachtsfest waren die Männer.
Horst berief Dankwart und Kunz zu einer Unterredung. Er sprach ohne Umschweif, mutig und frei. Die schweren Worte wurden von einer harten, hellen Entschlußkraft wie emporgeschnellt. »Ich gebe mit dem Richtfest das Siedlungswerk in Eure Hände. Ich hab mit der Gründung meine Kraft aufgebraucht. Ich kann hier nicht mehr wirken, nichts mehr leisten, ich bin nur noch im Wege. Erst muß ich mich selbst erneuern. Das kann ich nicht in dieser Luft. Darum will ich eine Zeitlang außer Landes gehen. Meine neuen schwedischen Freunde haben mich eingeladen. Ich fahre mit ihnen.«
So weit war er also! Die Kameraden hatten ja sein Wanken gespürt. Daß er jetzt ganz von ihnen wich, daß er sie und seine Sache verlassen wollte -- wenn sie es auch in dunklen Stunden gefürchtet hatten, jetzt traf es sie wie ein jäher Schlag. Keinem von den beiden lag es, zu klagen, zu jammern, zu bitten, ob sie gleich wußten, was über die Siedlung hereinbrach. Waren sich auch wohl klar darüber, daß mit Flehen und Winseln hier nichts zu schaffen sei.
Dankwart, finster, sprach in sich versunken ein klanglos leeres Wort: »Das ist sehr zu beklagen.« Kunz, beweglicher, weiter greifend, heftiger: »Dann können wir hier also einpacken!«
»Was heißt das!« Horst lehnte sich dem entgegen. »Das Werk bleibt. Und wenn ich nicht bleibe -- jeder ist zu ersetzen. Vielleicht ist es meine Sache, etwas anzuregen, etwas in die Wege zu leiten. Aber es fest an der Hand zu halten -- das ist mir offenbar nicht gegeben. Ihr seid die Stetigen, die Beharrlichen, die Harten -- führt Ihr das Werk weiter.«
Kunz war in die Höhe gesprungen. »Ob das wahr ist, ob das falsch ist -- ich habe die eine Frage, die Du immer gestellt hast! Wo bleibt das Beispiel, frage ich! Bist Du es nicht, auf den alles blickt!«
»Man blickt auf mich, sagst Du -- nun, so wie ich bin, darf ich mich nicht länger zeigen. Ich muß wieder anders werden -- ehrlich will ich mich darum mühen. Ich will ja auch nicht für immer fort.« Und nun schlugen seine Arme wie gehemmte, verschnittene Flügel. »Nur ein Ausflug soll es sein -- aber ich brauche den Flug!«
Darauf Kunz, seine Stimme pfiff wie eine Klinge: »Horst -- Du kommst nicht wieder.« Hierin war soviel Klage, soviel Zorn, soviel Schmerz, die Männer zuckten zusammen, alle drei. Und ein Schweigen schloß sie ein.
Horst riß sich auf. Eine leichtere Haltung gab er sich, einen lächelnden Ton. »Wenn Du es sagst --! --« Aber es zersprang etwas in ihm. Ein Schmerz schnitt ihm durchs Mark. Und brüchig ward, was er weiter sprach, aber er gab nicht nach. »Dies das Hauptsächliche. Meinen Entschluß kennt Ihr. Das einzelne besprechen wir noch.«
Er hatte Bestimmungen zu treffen, der Tagesdienst holte ihn. Dankwart und Kunz blieben allein.
Beide starrten sie, dumpf, hohl, düster. Dann stieß Kunz rauh und krächzend hervor: »Wie die Siedlung erschlagen ward. Kein Heldenlied ist dies.«
»Gut.« Dankwart hat sich schmerzlich fest wieder beisammen. »Wir stehen auf verlorenem Posten. Aber Posten ist Posten. Und wir halten ihn. Bis in uns nichts mehr hält!«
Jetzt ist Kunz an seiner Seite. »Ja, Dankwart, ja. Die Sache will es. Wir wollen es. Und so geschieht's! Mag denn die alte Siedlung zusammenbrechen -- eine neue gilt es zu schaffen. Und dann also lustig! Mit dem Großreinemachen zu Hause fangen wir an.«
Auch Dankwart rief es zu der Arbeit. Sein letztes Wort, heiser und bitter, war das: »Und auch hier wieder ein Weib!«
Ingeborg -- der Gedanke war bei Kunz gekommen und gegangen. Jetzt saß er fest bei ihm. Natürlich war sie es, die den Ausschlag gab.
Und seine eigene Liebesnot packte ihn immer grausamer an. Hatte er nicht sein Mädchen verloren! Verloren, da er nicht gleich den Weg zu ihr gefunden, da die Stunden, die ungenutzten, immer mehr Hindernisse aufgebaut, immer mehr an Trotz und Scheu. Konnten sie beide noch hinüber -- und wollten sie es noch? Das war ja das Schlimmste: wollten sie es noch? War nicht das Köstliche gestorben?
Und gegen Horst wandte sich seine Wut. Du verstehst es, Dir es besser zu bereiten. Was habe ich früher gefabelt von Deiner Weiberfestigkeit, Deinem Weiberstolz -- alles, alles bitt ich Dir ab! Wer so wie Du Gelegenheiten wahrnimmt! Wer wie Du in allen möglichen Sätteln gerecht ist!
Wie hast Du um Lona Dich angestellt! Und jetzt, wo das schöne blonde Schwedenmädchen Dir in den Wurf kommt -- dieses weiße, blonde, und dieses reiche, dieses reiche, ja!
Er suchte sein Ventil, in seine Reimereien giftete er sich hinein:
Den einen nahm der Brahmaputra -- Den andern langt sich die Valuta.
Und entgiftete sich wieder, denn hier erschrak er nun doch vor sich selbst, vor des Hasses Häßlichkeit.
Nein, Horst -- das ist es nicht. Soweit ist es nun doch nicht mit Dir. Aber ist es nicht weit genug? Und kommt nicht eins zum andern!
Ist es nicht genug, daß Du von uns gehen willst! Uns im Stich lassen -- ja, ja, so nenn ich es! Uns untreu werden und Dir selber.
Wie habe ich immer zu Dir aufgeschaut! Und was bist Du mir gewesen! Wohl, nicht immer war, was Du tatst und ließest, mir nach dem Herzen. Aber die große Linie Deines Wesens -- wie zwang sie mich immer wieder zu Dir hin. So gut wie sie alle bezwang, wie sie all unseren Kräften die Richtung gab, das gemeinsam starke, gemeinsam freudige Ziel.
Nun ist sie verbogen, geknickt, gebrochen. Da Du Dein eigenes Werk verläßt und verrätst. Ja, und tausendmal ja, verrätst! Ein Fahnenflüchtiger bist Du! Nichts wird hier beschönigt, verschleiert, bemäntelt. Ein Verräter bist Du! Und Dein Werk geht an Dir zugrunde.
Dankwart und ich, die wir bleiben -- er hat es richtig bezeichnet, auf verlorenem Posten stehen wir. Und das Beste unseres Lebens wird hier zerschellen.
Nicht steht es in unserer beider Macht, was Du vermochtest, als Du noch bei Dir und auch bei uns warst, das Auseinanderstrebende, das sich Widerstrebende zu binden! Gewiß, daß dies das Höhere, das Größere war! Wir beide, wir werden zerklüften, zerreißen -- der Kampf im eigenen Hause, das ist es, was wir bedeuten! Aber hast Du nicht selbst gesagt, ein Kleindeutschland soll dies hier sein! Nun, so sei es das auch ganz, mit der vollen Zerrüttung im Bruderzwist! Der Wahn eines wilden vernichtenden Hohnes brach aus seinen Augen.
Wir werden unterliegen, gewiß, denn die Masse siegt. Aber besser untergehen, als Masse sein! Die Mulitz und Metzling werden uns zu Boden treten -- sollen sie! Aber Dir werden wir es gedenken, denn dies alles danken wir Dir! Und wieder ruft es in ihm: Verräter! Wilder und wilder brausen in seinem Schädel die Flammen, der nur noch mühsam in seinen Nähten festsitzt. Von der Hirnwut, die durch die deutschen Lande rast, befällt es auch ihn. Und es wühlt sich etwas in ihn ein.
Sichtbar sind wir, wir haben die Pflicht der Höhe! Er hat es immer am meisten gepredigt, mit Brustton verkündet, er, der uns jetzt im Stich läßt. Der jetzt sich in Sicherheit bringt, der ins Ausland flüchtet, vor der wachsenden deutschen Not. Ein Verräter!
Und wir -- wer sind wir, die wir den Verrat in unseren Reihen dulden! Nein, nicht in unseren Reihen! Den Verrat unseres Führers! Sind wir damit nicht seiner wert! Sind wir damit nicht schuldig wie er!
Verräter wie er, wenn wir ihn ziehen lassen! Und es frißt sich ihm ins Blut: er darf nicht fort! Und wenn es auf Tod und Leben geht -- er darf nicht fort!
Was wär bei den Römern geschehen, was bei den alten Germanen! Sollen wir der Väter nicht würdig sein -- heut mehr als jemals! Sollen unseren Jungen nicht Vorbilder leuchten! Und sie blicken auf uns! Auf mich! Ich habe meine Sendung.
Das Unerbittliche brauchen wir. Das Unerbittliche. Jetzt, wo alles fließt in Deutschland, fließt und zerrinnt. Wenn nur einer hart ist und treu! Ein Kern nur -- ein Kern wird gebraucht -- und sei er noch so klein!
Richtfest ist am Sonntag. Das Wort brennt sich ihm in die Sinne. Richtfest -- Gerichtstag wird gehalten! Wir werden richten! Ich -- ich! Wie ein Wächter steht Kunz, ehern, in Gluten gehärtet. Das Herz leer, dem die Freundschaft starb, dem die Liebe verklang.
Die Siedlermannschaft erfuhr nichts von dem Entschluß des Führers. Nach der Einweihung sollten sie es hören. Daß etwas in der Luft lag, verspürten wohl die feineren Nasen. Aber man hing dem nicht nach. Die Festgedanken fieberten durch die Seelen.
Und jetzt zieht der festliche Sonntag auf. Noch die Nacht hindurch haben sie gearbeitet, das Morgenrot sieht den Rohbau mit dem Dachgerüst vollendet, der Tag gehört der Feier.
Laubgewinde wird gebunden, eine mächtige Krone wird geflochten und mit farbigen Bändern geziert.
Vier von den Männern schleichen geheimnisvoll abseits, verkriechen sich in das Dickicht und üben hier noch einmal das Quartett, mit dem sie die Gefährten überraschen wollen. Die tiefste Einsamkeit sucht Mulitz, der Maurerpolier, der die Kranzrede halten soll. Noch einmal memoriert er, was er mit Benutzung alter Sprüche für die Weihe des Hauses sich aufgesetzt hat.
Die Sonne segnet den Tag. Für die Bewirtung der geladenen Gäste werden noch Tische und Bänke im Freien gezimmert -- große Sprünge können die Siedler nicht machen, mehr als Bier wird nicht verzapft, und auch das schon reißt ein übergroßes Loch in die Finanzen. Aber was hilft es, Vornehmheit verpflichtet. Und heute wollen sie einmal alle Sorgen dem Wind vor die Füße schmeißen!
Am frühen Nachmittag soll die Feier beginnen. Als die ersten finden die Jungen aus der Stadt sich ein. Fragen, ob sie noch irgendwie helfen können. Fritz Röder und zwei andere noch haben ihre Kameras mitgebracht. Sie wollen alle Einzelheiten des Festes verewigen und viele Gruppenaufnahmen machen. Damit sind sie besonders willkommen.
Dankwart holt seine jungen Freunde zu sich herein. Sein Modell ist flugfertig. Es soll über dem Bau kreisen, wenn die Weiherede steigt. Ganz hingegeben erklärt er ihnen noch einmal das Neue der Konstruktion. Ebenso hingegeben hörten die jungen Köpfe zu. Wie freuen sich alle auf diese so hohe Überraschung. Wie sind sie getragen von dem Geheimnis, das sie feierlich bewahren.
Siedler empfangen ihre Eingeladenen. Im weiteren Umkreise werden Zuschauer sichtbar. Neugierige machen sich näher heran, andere lagern sich abseits im Heidekraut.
Von Moorhof her kommt eine Frau, schwarz gekleidet, in Begleitung von Pastor Waermann. Die Patronin der Siedlung ist es, Frau Tilde. Wie ein Flor wallt es um sie her. Ernst wird es allen zu Sinn. Verehrungsvoll verneigen sich die Männer. Einer macht sich gleich auf den Weg, Meldung an Horst auszurichten, der in seinem Raum immer noch mit der Ordnung von Schriftstücken beschäftigt ist. Er tritt sofort heraus, den erlesenen Besuch zu empfangen.
In voller Uniform mit Ordensschmuck ist er, dem Tage die Ehre zu geben, wie Dankwart und Kunz auch, wie die meisten der Siedler. Horst trägt nur das kurze Seitengewehr. Dankwart und Kunz haben auch die Pistole im Gürtel.
Horst reicht Tilde still die Hand, bei Gisbert sind ihrer beider Gedanken. Seit er ihr die Nachricht vom Tode des Freundes überbracht, haben sie sich nicht mehr gesehen. Edelsteinhart sind ihre Augen geworden, nur von Pflicht und Arbeit wissen sie. Um ihren beseelten Mund hat ein starrer Zug sich gegraben. Sie versteinert von dem Fluch der Einsamkeit, dem ihr Leben erliegt.
Kunz findet sich zur Begrüßung ein. Horst und er sehen sich heute zum erstenmal. Sie mustern sich wie zwei Kämpfer, kalt, feindlich. Seit Tagen ist kein Wort zwischen ihnen geredet.
Horst spricht mit Tilde, der Pastor mit Kunz. »Warum habe ich Sie so lange nicht gesehen?« fragt Waermann.
Kunz schweigt. Wo hast Du Vita? will es ihm auf die Lippen. Aber dann denkt er, wie gleichgültig ist dies. Gegen das, was hier geschieht. Und sein Blick greift zu Horst hinüber. Der Pastor sieht diesen Blick, und schrickt zusammen. Was ist mit Kunz? Hier ist mehr als Schmerz und Klage um den toten Freund. Etwas Wildes, grausam Gewaltsames züngelt hier. Etwas wahnhaft Verbohrtes wühlt hier. Und wieder gewahrt er das in dem Blick, mit dem Kunz die neuen Gäste, die Schweden aufnimmt. Was geht hier vor?
Oberst Thorild und seine Tochter sind dem Pastor bekannt, Frau Tilde werden sie vorgestellt. Kunz löst sich von der Gruppe, um die ein gemeinsames Gespräch sich schlingt. Er starrt vor sich hin, in seinem Gehirn ist eine leere tote Stelle.
Dann schweifen seine Augen mechanisch über die Versammelten ringsum. Er sieht ein paar Gesichter, die ihm nicht gefallen -- Bekannte, von dem Barackensturm her? Wie ein Schleier liegt es über allem.
Und dann doch die Frage: Was wollen die hier? Wie wach und hell hätte ihn früher dieser Gedanke gemacht. Wie hätte der all seine Kräfte angespannt. Jetzt schleichen sie träge. Nur, daß durch ihn das eine hinblitzt: führten sie doch etwas im Schilde! Käme es doch wieder zu blutigem Kampf! Nur Blut könnte hier heilen! Und würde hier alles zerstört und dem Boden gleich gemacht -- vielleicht das beste! Besser ein ganzes Nichts als dies halbe Dasein des kümmernden Werks! Und er selbst wird in dem Untergang begraben und ist frei und erlöst, ist ledig aller Pflichten -- aller Taten --
Ein Schleier liegt ihm über der Welt, ein rötlicher Dunst ist über den Dingen.
Der alte Torfmeister wuchtet zu ihm her -- spricht gewaltig auf ihn ein -- seine Ohren dröhnen, die leere Stelle in seinem Hirn füllt sich mit tosenden Schmerzen -- er nickt benommen zu allem, was er hört, und weiß von nichts und starrt in die verschleierte Welt. Den Schleier zu zerreißen -- mir liegt es ob!
Jetzt tritt Mulitz, der Polier, zum Bericht vor Horst. Es sei alles für die Feier vorbereitet. Wenn es recht sei, könne sie beginnen.
»Dann wollen wir also!« bestimmt Horst. Wie matte Bronze ist sein Gesicht, verbissen sein Mund, um seine Augen sind Schatten, aber er ist fest und bereit.
Und bereit ist auch Kunz.
Zwischen Ingeborg und Oberst Thorild geht Horst, da sie nun alle zum Neubau wandern. Die beiden wissen, wie Schweres er trägt. Es ist abgemacht, daß sie gleich nach der Feier abfahren. Die Segeljacht ist bereit. Ihre Koffer haben sie gepackt. Aber sie wollen nicht daran erinnern, nicht davon sprechen.
Doch Horst bringt selbst die Rede darauf. »Darf ich fragen, Herr Oberst, ob es bei dem Reisetermin bleibt?«
»Wenn Sie einen Aufschub wünschen --«
»Aber ich bitte. Meine Sachen sind geordnet. Ich bin freudig dabei.«
Ingeborgs Augen strahlen zu ihm empor.
Sein Führerblick übersieht den Kreis. Ganz dahinten -- eine besondere Gruppe fällt ihm auf. In ihr ist lebhafte Bewegung. Einer redet jetzt eben -- gestikuliert verzweifelt -- ein anderer beschwichtigt -- hält zurück -- bändigt -- beschwört. Die Köpfe sind nicht zu erkennen. Doch nach der Haltung, der Bewegung, der Gestalt -- der Bändiger, der Lange, ist das nicht Stahlboom? Die Kommunisten -- was wollen sie hier? Bereiten sie sowas wie einen Anschlag vor? Er behält sie im Auge.
Hat die schwarz-weiß-rote Fahne sie erregt, die eben über dem First des Neubaus an dem Flaggenmast in die Höhe steigt, von Sonne und Wind mit Jubel gegrüßt?
Von der Baracke her ist Dankwart mit den Jungen erschienen. Sie tragen sein Flugzeugmodell. Auf die Goldberge steigt er mit ihnen und bringt den Apparat in Stellung.
Vor dem Hause machen Mulitz und der heilige Josef die Ehren. Die Versammelten -- eine große Schar ist es geworden -- stellen im Halbkreis sich auf. Der Polier will ins Haus, will das Gerüst unter der Krone besteigen und die Kranzrede halten. Da, wie jetzt das Schweigen sich über sie breitet, knattert ein Automobil in der Nähe. Sie horchen auf. Kommt noch hoher Besuch?
Jetzt hört es sich an, als wolle es auf der Straße, die man von hier aus nicht sehen kann, vorüberfahren. Dann hält es. Dann nimmt es eine neue Richtung. Jetzt kommt es querfeldein über die Heide. Wen bringt es? Uniformen blitzen darin.
Das Gelände wird sandig und hüglig. Der Wagen stockt und steht. Die Insassen steigen aus. Ententeoffiziere. Ein französischer, ein englischer Hauptmann. Sie schreiten auf die Versammelten zu. Zwei französische Sergeanten hinter ihnen.
Ein Todesschweigen über all den Menschen. Eine Stille ringsum, als halte die Welt den Atem an. Als drehe die Erde sich nicht mehr. Nur die schwarz-weiß-rote Fahne rauscht im Winde.