Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht
Part 18
»Natürlich wird er das. >Die Ersten sollen die Letzten sein!< wird er predigen. Wobei man sich immer fragt: wie lange, nachdem nun die Letzten die Ersten geworden sind! Und unser praktischer Maurer wird daraus die ihm genehme Forderung ziehen. Und mein Liebling, der Metzling, grinst als Abgesang seine sozialwissenschaftlichen Theorien herunter -- hol der Deixer den Feixer! Aber, Du lieber Gott -- was wollen die! Horst hat ja doch schließlich alles in der Hand.«
»Ja. Wenn er die Hand noch hätte! Überall und auch hier kommt erst mal das Geistige -- früher hätte er so gesprochen!«
»Das wird er ihnen auch heute sagen. Und das wollen sie ja hören. Sie sehnen sich danach, gerade die am meisten, die ihre armselige Materie herauskehren. Führerschaft ist, was sie wollen! Was sie brauchen!«
»Bloß Horst -- will er denn noch seine eigene Führerschaft?«
»Wie kannst Du das sagen! Er hat sich doch längst wieder beisammen.«
»Nein, Kunz, das hat er eben nicht. Und das kriegt er auch nicht. Und darum kriegt er auch uns hier nicht mehr zusammen. Du wirst es ja sehen. Und nun laß mich. Ich hab die eine Schraube noch nicht.«
Er arbeitete an einem Flugzeugmodell mit ganz neuem Propeller-System und zog sinnend über die Heide. Und Kunz blieb allein. Nie waren seine Gedanken so schwer über Liebe und Leben. Aber stecken blieb er nicht in dem zähen Brei. Es gab etwas zu tun. Über Horst zu reden, das lag ihm weniger. Mit Horst wollte er sprechen, frei von der Leber.
Horst saß in dem engen Verschlag, der sich Bureau nannte, über den Rechnungsbüchern.
»Nun, wie stehen die Papiere?« fragte Kunz.
»Kümmerlich.«
»Wie können sie hier anders als kümmern. Zum Rechnen gehört auch ein genius loci. Hier aber ist mehr locus als genius. Im neuen Haus wirst Du den angemessenen Raum haben.«
»Ich -- im neuen Haus? Und einen Bureauraum! Die Stimmung ist anders.« Er sagte es dumpf und unfroh.
»Stimmung -- was Stimmung! Stimmung wird gemacht und Du wirst sie machen!«
Horst sah ihn an mit großen Augen. Sie waren nicht ganz bei der Sache. Ihr Ausdruck war müde. Dann sprach er still und fest: »Gerade hier will ich nicht eingreifen. Es geht Dir um Selbstverständliches -- mir im Grunde auch. Aber eben deshalb lasse ich die Sache an mich herankommen. Ein Führer braucht etwas, was ihn trägt.«
Weiter war er nicht zu sprechen, der Rechnungsabschluß drängte. Kunz aber fragte sich: ist das ein Wort, ein Manneswort? Ist es einer Ausrede ähnlich? Wie schlimm, daß solches Mißtrauen an einem schmarutzt! Aber -- hat Dankwart nicht recht und bleibt es nicht dabei, daß Horst nicht mehr der Alte ist? --
Sitzung der Siedler. In vierzehn Tagen etwa steht das Richtfest des Hauses bevor. Sie wollen sich heute schlüssig werden, wer es beziehen soll. Für zwei Familien ist es berechnet. Darum ist auch Familie das Merkwort für die Geister.
Horst nimmt vorher die Freunde beiseite. »Wir wollen die Leute ruhig sich ausdenken und ausreden lassen.«
Kunz erhebt Einwand. »Ausreden, Du lieber Gott! Soll hier jeder wieder seinen Ochsenmaulsalat bereiten! Gut -- wir sind hier an Mehrheitsbeschlüsse gebunden. Wir sind in der Politik. In der Politik aber gilt die Agitation und nichts Dümmeres gibt es hier als die spröde Vornehmheit.«
Doch der Wunsch von Horst bleibt bestehen. Soviel Kunz auch schilt: nun horstet er wieder in seiner Erhabenheit. Und es kommt im wesentlichen, wie Dankwart es angekündigt hat.
Horst spricht die einleitenden Worte: es sei davon die Rede gewesen, zu losen. Aber dies blöde, blinde Ungefähr sei ihrer nicht würdig. Wählen wollten sie. Er bitte um Vorschläge.
Maurer Mulitz ist treulich zur Stelle. Sie hätten sich das durch den Kopf gehen lassen. Zwei Kameraden wären so gut wie Familienhäupter. Zuerst Lüders, der mit einer Witfrau, Mutter von zwei Kindern, verlobt wäre. Und dann Hofmann, dessen Braut ein Kind erwarte. Beides Kameraden, gegen die niemand etwas einzuwenden hätte. Sie, so wäre die Meinung, hätten die erste Anwartschaft auf das neue Siedlerhaus.
Ist die Begründung für alle zwingend? Aber Meinung ist jedenfalls Meinung. Und Klassensinn bleibt Klassensinn.
Gegenvorschläge tragen ihr Mal an der Stirn. Und Kunz, der sie macht, befindet sich schon deshalb im Nachteil, weil er zornig ist. »Ich habe ja gewiß nichts gegen Lüders und Hoffmann einzuwenden. Auch für Bräute und Witwen mit und ohne Kinder habe ich eine fühlende Brust. Aber bei jedem Werk ist nun mal die Leitung die Hauptsache, und der Kopf muß besser und höher liegen als die Beine. Darum und um dessentwillen: unser erstes Haus gehört zuerst einmal dem Gründer und Führer unserer Siedlerschaft für seine Arbeit an unserem Werk. Da er nicht alle Räume für sich braucht, mag er sich seinen oder seine Hausgenossen aussuchen!«
In den Worten, deren Ton mühselig die Grenze wahrt, schnaubt seine Erregung. Und die ist es, die Widerhall und Widerstand erweckt. Die Meinung steift sich gegen ihn, in dem sattsam gehegten und gepflegten Zeichen des Sozialen. Und der schlaue Metzling weiß wohl, was er spricht: »Wir möchten, daß Herr Oldefeld sich selbst hierzu äußert. Wenn es sein ausdrücklicher Wunsch ist --« Die Pause ist inhaltschwer.
Darauf Horst sehr gehalten: »Ich soll hier einen Wunsch aussprechen, der von mir ausgesprochen kein Wunsch mehr ist.«
Kunz schlägt sich aufs Knie und blickt zuckend zu Dankwart hinüber. Nun hat er sich von dem Feixer auf den Leim locken lassen und spricht Feinheiten. Und noch schlimmer, empfindet sie. Die andern aber haben es nicht nötig, sie zu verstehen. Wenn sie überhaupt Sinn dafür haben. Um so bereitwilliger fliegt ihr Verständnis den letzten Worten von Horst entgegen: »Im übrigen bin ich dadurch, daß ich an der Spitze stehe, bevorzugt genug. Und dieser Vorzug nimmt gern die kleinen Unbequemlichkeiten in Kauf. Außerdem sollen bei uns ganz gewiß auch die Rangverhältnisse des Bedarfes und der Bedürftigkeit gelten. Die beiden Kameraden brauchen zuerst ein Nest -- sie sollen es haben.«
In den Worten, die immer bestimmter wurden, fehlte etwas von dem alten Herzenston, der sonst die Gemüter zwang. Aber die Wirkung blieb nicht aus, die Augen leuchteten ihm zu.
Dankwarts harte Dürftigkeit grollte: Ist er jetzt wie einer, der bei der Masse sich schustern will! Immer schwerer, aus ihm klug zu werden!
Gisbert, treu bei der Sache, sobald er seine Gedanken in die Erdenbahn gezwungen, stand lebhaft auf und drückte Horst die Hand. Kunz aber stöhnte laut auf zu diesem lebenden Bild, zu solcher politischen Gruppe. Nun ist er bei der Lotosblume angelangt, jetzt wird er mit dem Hinduknaben sich weiter zerpflücken und zerfasern. Sein Grimm, der Scheltworte brauchte, benannte die beiden vor Dankwart »die Indiafaserkompagnie«, und der quittierte mit gezerrtem Lachen. Und Kunz klagte sich aus: so bleibt also wieder mal die Empfindsamkeit Trumpf, und wie ist sie uns so not, so bitter not, die gesunde Rohheit unserer Urnatur!
Die beiden, Horst und Gisbert, gingen in den Abend hinein. Mit ganzer Zärtlichkeit umfing Horst den jungen Freund. Er fand in dessen Augen, die sonst so gläubig sich verklärten, die Tiefen einer dunklen Angst. Er ahnte wohl, was ihn so quälte und umtrieb. Aber war dies nicht zarter und feiner, als daß hieran selbst Gedanken rühren durften!
Sie wanderten still. Horst war auf dem Wege zu dem Landhaus der Schweden, wo er den Abend verbringen sollte. Er dachte nicht anders, als daß Gisberts Ziel das Moorhofer Herrenhaus sei. Aber wie ihre Wege sich trennten, ging er die Höhen hinauf, nach den Dünen zu, an die See.
Sie alle badeten am Tage, meist in der Morgenfrühe. Er war der einzige, der den Abend dazu wählte. Wie alles bei ihm Naturandacht war, so auch sein Schwimmen.
Hineintauchen in die Dunkelheit, mit dem weißen Leib die schwarze Flut beseelen, der Lichtbahn eines Sterns sich hingeben, dem Staub der Erde entfliehen, aufgehen in das schweigende, sternenhohe, gütig verhüllte, gnädig sich entschleiernde selige All -- das war seines Schwimmens heilige Lust.
Er hatte wie keiner die Kunst, sich auf die Flut zu legen, sich von ihr tragen zu lassen, ohne daß er ein Glied rührte, auszuruhen auf ihr in Schlaf und Traum. Wie eine Mutter hielt ihn das Meer in den Armen.
Noch war es ihm zu früh für sein Bad. Auf einem der Hügel ließ er sich nieder, hier sah Horst ihn sitzen, die Hände verschränkt um die Knie, und mit zurückgebeugtem Antlitz in den Abendstern, den der Osten emportrug, sich hineinheben.
Der Abendstern, der Morgenstern, der Liebesstern -- aller Zeiten der Stern bist Du!
Und Du, Gisbert, flüchtest Du Dich nicht bewußt aus der Sinnenwelt in diesen Sternenglanz?
Lange noch sah Horst die Silhouette gegen den Abendhimmel -- die feine überschlanke Gestalt, diese zarten in die Dämmerung gestrichelten, mit der Dämmerung sich lösenden Linien, die schon nichts Körperliches mehr hatten.
Und Horst stockte der Fuß auf seinem Weg. Da geh ich nun zu den Fremden -- und Gisbert, mein lieber Junge, schwindet uns hier unter den Händen. Muß ich -- ich vor den andern ihn nicht halten und hegen!
Wär nicht diese Scheu um ihn, diese sprödeste Wehr, und in ihm dies Rührmichnichtan, das vor jedem Wort versteinert, das schon vor einem Ahnen des andern zusammenschauert. Was hat es zu leiden, das deutsche Blut!
Wie kann er dem Freunde helfen, da er nur erschrecken und wehtun würde. Und ist in ihm selbst nicht diese Scheu? Dieses Heiligtum der Schweigsamkeit, das niemand betreten darf?
Jetzt führt ihn sein Weg zu den Fremden, denen aufs neue er widerstrebt. Was will er bei ihnen, was soll er bei ihnen? Blutsverwandte ja -- aber wie weit blieben sie vom Schuß! Diese lieben germanischen Neutralen! Wie haben sie sich gepflegt, da die Not uns verzehrte, wie wohl lassen sie es jetzt sich sein, da Elend und Schande uns zerfressen. Was soll ich bei diesen Menschen mit den wohlig satten Muskeln und den gut genährten Gehirnen?
Freunde in der Not
In Freundschaft aber löste dieser Abend allen Unmut und Unwillen.
Eine Flut von Licht empfing ihn, in dem einfachen hellen Landhaus mit seinen strahlenden Birkenmöbeln. Alle Lampen brannten, auch die in den unbenutzten Räumen. Das liebte Herr Thorild so. Wieder bei Horst so etwas wie Zorn: nun ja, sie haben es und können es, denn sie haben die Valuta.
Aber auch in diesen Menschen brannte alles Licht ihrer Herzlichkeit. Und sein Mißtrauen, das dagegen aufflackerte, als ob hier zuviel Güte und Mitleid wäre, war bald im Erlöschen.
Wie gut sprachen sie von Deutschland, wie gut verstanden sie deutsche Art, das deutsche Leid, die deutsche Schuld, das bresthafte deutsche Dasein.
Mehr als einmal schüttelte Oberst Thorild schwer den Kopf. »Daß Ihr aus der Parteizerrissenheit nicht herauskommt, nicht aus Eurer Selbstzerfleischung! Die Fremden peitschen Euch in Wut -- und Ihr geht Euch selber an die Gurgel. Nicht leicht ist es, Euch zu begreifen. Kein Land hat soviel Herz und Hirn -- kein Land, dank seiner Parteipolitik, so viel herzlose Rechner und hirnwütige Verbrecher.«
Horst nickte dazu mit düsteren Augen.
»Euer großer Physiker hat mit dem von ihm gefundenen Gesetz das deutsche Wesen auf die rechte Formel gebracht: innere Wärme entlädt sich in äußere Bewegung. Vielleicht ist es Euer Fluch, daß Ihr zu viel innere Wärme habt, daß die sich in zu viel äußere Bewegung umsetzt, die Euch so heillos in Fetzen zerreißt. Das Stillhalten freilich ist nie unsere, der Germanen Sache gewesen. Im Draufgehen waren wir groß und im Dulden klein -- schon Tacitus hat es uns bezeugt.«
In diesem »uns« war ein Bekenntnis.
Und dann schloß er diese Gedankenreihe: »Im Ertragen von Leiden sind Euch die Serben, die Franzosen und andere Völkerschaften nun schon überlegen. Die Franzosen zumal, das femininste aller Mischvölker, das in den Wehen sich schon eher zu Hause fühlt. So feminin sind Eure lieben Nachbarn, daß sie es nicht einmal fertiggebracht haben, für >Mann< ein Wort zu besitzen. Wo sie es nicht gut entbehren können, begnügen sie sich stolz wie immer mit dem nichtssagenden, bedeutungslosen >Mensch<!«
So sprach Ivar Thorild, der Schwede. Und der Deutsche Horst Oldefeld fühlte sich nicht veranlaßt, ihm zu widersprechen. So wenig, wie das alte Lied von Hysterie und weibischer Grausamkeit nun noch besonders anzustimmen.
»Daß Ihr jetzt, in der furchtbarsten Not, nicht zur Einigkeit gelangen könnt!« hob der schwedische Oberst wieder an. »Wir sind auch hier mitten in einer Schuldfrage. Denn es gibt auch eine Schuld nach dem Kriege. Und bürdet sie nicht dem Feindesbund auf, der Euch vergewaltigt! Hättet Ihr den Bund im eigenen Land, brauchtet Ihr Euch nicht knechten zu lassen. All die Schändungen und Verbrechen -- »Sanktionen« heißt der erhabene Name dafür -- ich sage nur Rheinland, Saargebiet, Oberschlesien -- die große heilige Zornwelle eines gewaltig sich erhebenden einigen Volkes hätte diesen Frevel hinweggespült! Aber, Ihr habt was Besseres zu tun, Ihr müßt Euch untereinander begeifern, abwürgen und zu Boden schlagen.«
Wahrheit, alte, immer neue, nicht oft genug zu predigende Wahrheit!
»Und jetzt die andere, die viel berufene Schuldfrage. Die bekannte große Schuldlüge. Hier beschränke ich mich nun nicht auf völkerpsychologische Glossen. Hier kann ich mit freundschaftlich praktischer Arbeit aufwarten. Ich bin nicht ganz unbeteiligt an der neutralen unparteiischen Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen. Sie hat demnächst an Herrn Poincaree einige Fragen zu richten, auf deren Beantwortung oder -- Nichtbeantwortung wir gespannt sind. Daß die deutsche Regierung nicht blankzieht, daß sie immer nur den Fälschern im eigenen Lager das Wort läßt, das ist wieder etwas, was wir nun und nimmer begreifen! Vielleicht ist dies das Unbegreiflichste von allem! Herrgott« -- und nun spricht der ehrliche Zorn des Blutsverwandten, den gemeinsame Sache bewegt -- »wollt Ihr denn das gemeinste und verlogenste Unrecht von der Welt stillschweigend dulden! Die Ihr überhaupt nicht zum Dulden erschaffen seid. Nicht dulden könnt! Und nicht dulden werdet! Unrecht am letzten! So bodenlos verlogenes Unrecht am letzten!«
In diesen Worten brauste ein Kampf- und Kriegsruf. Horst stimmte ein mit schmerzlich, freudig zuckendem Herzen. Von außen muß uns solches verkündet werden. Nicht bloß Feinde hat Deutschland auf Erden! Und noch mehr Freunde würden wir haben, wenn wir selbst noch mehr unsere Freunde wären, unsere starken, gläubigen, wagemutigen Freunde!
Und weiter Herr Thorild: »Was laufen auf unserem Planeten für Geister zweibeinig herum! Daß sie die hirnverbrannteste aller Faseleien sich aufbinden lassen! Deutschland hat den Krieg vorbereitet. Nicht die anderen Großmächte der Erde haben Deutschland eingekreist, nein, Deutschland hat die Welt eingekreist -- Deutschland hat eingekreist! Ist es nicht zum Radschlagen! Aber grandios einfach die Genialität der politischen Scharlatane, die mit diesem beispiellosen schlechthin blödsinnigen Schwindel Geschichte -- und ihre Geschäfte machen. Derselbe unsägliche Schwindel, mit dem die edlen Franzosen jetzt nach dem Kriege vor sich und der Welt als die Sieger, als die Sieger schlechthin paradieren. Dieselbe Nation, die Ihr in ehrlichem Kampfe Volk gegen Volk derartig zusammengedroschen hättet, daß nichts von ihr übriggeblieben wäre -- nachdem sie in diesem schmachvollen Würgekrieg mit all den andern Mächten als Spießgesellen Euch durch das Massengewicht naturnotwendig erdrückt hat, o Glorie ohne Ende! -- diese Nation entblödet sich nicht, als die Siegerin sich in die Brust zu werfen! Da die andern soviel Schamgefühl besitzen, dieses Sieges sich nicht eben zu rühmen, darf sie allein das Maul vollnehmen von victoire und gloire! Daß selbst ihre Verbündeten für solche -- Bescheidenheit nur noch ein Lächeln haben.«
Auf all die schmerzlichen Erschütterungen, die durch Horst hinbebten, legte Ingeborg warm den vollen Glanz ihrer jungen lebensinnigen Augen. Welche Heilkraft strömte von diesem blonden, leuchtenden Mädchentum aus. Wie Genesung fühlte Horst es durch die wunden Nerven, durch die kranke Seele rinnen. Was sagt Kunz, der Lebenskundige? Gesundheit steckt an. Wann war Horst das Blut in so vollen, reichen, kräftigen, frisch brausenden Wogen durch die Adern geflutet!
Die Männer sprachen dann über ihre kriegsgeschichtlichen Forschungen. »Mein Material häuft sich bergehoch,« klagte Herr Thorild, »und ich werde mit meiner Arbeit nicht fertig. Einen Kompagnon brauche ich. Ich komme nicht einmal dazu, meine Bücherei zu ordnen --«
Hier rutschte Ingeborg auf ihrem Stuhl und machte ein längliches, wundervoll schelmisch gescholtenes Gesicht.
»Denn mehr als je hat mich, sobald es Frühling wurde, mein Famulus im Stich gelassen.«
»Vater -- nach dem langen Winter!«
»Dem Winter -- mit seinen Eissegelfahrten und seinem Schlittschuhlaufen!« lächelnd nahm der Vater ihr Kinn.
Horst sah sie in der farbenjauchzenden dalekarnischen Landestracht mit fliegenden Zöpfen über das Eis ihre Bogen schlagen! Welch ein Bild.
Er selbst war ein leidenschaftlicher und kunstvoller Eisläufer. Wieviel blanke blitzende Kindheits- und Jugenderinnerungen zuckten durch ihn hin. Wie fröhlich jung er wieder war! Was hatte er diesen beiden Menschen zu danken!
Und jetzt schlug der Oberst schlankweg auf den Tisch. »Wie wär es, Herr Oldefeld, wenn Sie hier einmal Atem holten. Wenn Sie sich einmal unser Land ansähen, Ihrer Urväter Heimat. Und mein kleines Landgut, mein Haus, meine Bücherei. Sie sollen auch kein müßiger Zuschauer sein. Ja, als Lehrmeister brauche ich Sie! Ich sagte Ihnen, daß wir auch siedeln wollen. Die Gedanken, die Sie mir entwickelt haben, und an denen Sie hier arbeiten -- vorzüglich! Ich brauche Sie, Herr Oldefeld! Und wäre Ihnen herzlich dankbar für Ihre Hilfe. Und Sie würden vielleicht neue Kraft sammeln für Ihren schweren Dienst -- an ihrem Lande.«
Jetzt fiel auch Ingeborg ein, und wie klang ihrer Worte Melodie! »Sie fahren mit uns, nicht wahr? Sie kommen in unsere schönste Zeit. Das Summen unter unseren Sommerlinden sollen Sie erleben. Lindheim heißt unser Gut. Nirgendwo auf der Welt gibt es solche Linden. Nur noch in der Heldensage findet man ihresgleichen.«
Horst konnte nur leise, mit hochatmender Brust den Kopf schütteln zu so herzbetörender Lockung. »Es soll ja noch heute nicht sein«, sagte er tonlos, gehalten zwischen Wehmut und Sehnsucht, sich selbst zu leisem Trost.
»In vierzehn Tagen bin ich hier fertig«, erklärte der Oberst.
»Nun inzwischen werden wir uns ja hoffentlich noch öfter sehen!« Horst bat die beiden, doch einmal die Siedlung zu besuchen. Ob Sie nicht am Sonntag kommen möchten? Dann wären auch seine jungen Freunde aus der Stadt da. Kriegsspiele würde es geben. Die Schlacht bei Großgörschen wäre an der Reihe.
»Ei der Tausend! Da kommen wir natürlich mit doppelter Freude.« --
Am Sonntag, da die Schüler nach Hohenmoor hinauszogen, trug nicht die alte Freude ihre Schritte. Ihre Mienen und ihre Lieder waren voll Trotz.
Dr. Georg Stumps ehrliche Bulldoggenaugen waren blutunterlaufen, so hatte er sich gebost. Auf den Stachelspitzen seiner Haare tanzten Elmsfeuer. Das Provinzialschulkollegium hatte eine Verfügung erlassen und dem gesinnungstüchtigen Direx des Gymnasiums die entschlossene Direktive gegeben. Alle militärischen oder »den militärischen ähnlichen« Übungen der Schüler waren streng verboten. Aber immerhin, Singen und Turnen durften sie noch -- wie lange freilich, das weiß kein Mensch! Und so mußte es draußen, am Fuße der Goldberge, vorläufig bei Turnspielen bleiben.
Auch Horst ballt zu dem Ukas die Fäuste. Welch eine Beschämung vor den schwedischen Gästen! In diesem Sklavenland -- wie soll man das Leben weiter und auf die Dauer ertragen!
Mit einigen der Jungen, die technische Neigungen haben, ist Dankwart angefreundet. Sie besuchen ihn in seiner Werkstatt. Über neue Flugzeugprobleme belehrt er sie, zukunftsgläubig vor diesen jungen Augen. Für die nächste Zeit schon verheißt er ihnen den Probeflug seines neuen kleinen Modells.
Ingeborg kommt, zunächst ohne den Vater, der noch dem Moordorfer Pfarrarchiv einen Besuch zu machen hat. Wie erfrischend diese nordische Ungezwungenheit und Unbefangenheit, mit der sie unter all die Männer tritt.
Kunz, der Wächter von Horstens Seele, gibt sich überwunden und gefangen. Dankwart verschanzt sich, angstvoller noch und mißtrauischer als vor Frau Tilde hinter dem Eisenwerk seiner Konstruktionen -- welch eine Huldigung für die Frau! Und auch in Gisberts weltflüchtigen Augen lehnt sich etwas an die warme, licht- und farbenprächtige Erdennähe.
Sie tritt Horst zur Seite, als gehöre sie zu ihm. Gleich fühlt sie, daß eine neue Wunde ihn brennt. »Was ist?« fragt sie leise und vertraut.
Er schüttelt leicht den Kopf. »Die Erniedrigungen nehmen kein Ende.«
Und schon tritt ein Gendarm auf den Plan, Bitterkeit in dem hellen Auge, Schwermut in dem hängenden Schnauzbart. Sein Auftrag kommt ihm selbst hart genug an. Sein eigener Schmerz ist mehr als all die subalterne Wichtigkeit.
Er macht vor Horst militärische Ehrenbezeugung. Befehl der Regierung. Soll Herrn Hauptmann Oldefeld darauf hinweisen, daß die militärischen Übungen mit den Gymnasiasten der Kreisstadt unliebsames Aufsehen erregt haben und nicht zulässig seien. Soll darüber wachen, daß der heutige Sonntag nicht wieder zu solchen »unerlaubten Veranstaltungen« benutzt werde.
Jetzt also unter Polizeiaufsicht. Auf wessen Geheiß? Horst hat eine Ahnung. »Wollen und können Sie mir sagen, wem wir hier »unliebsam« geworden sind?«
Der Beamte besinnt sich eine Weile. Dann spricht er offen, ein Gleichgesinnter, und seine Brauen ziehen sich zusammen. »Die Ententekommission hat sich an die Regierung gewandt.« Jetzt stockt er, und mühselig kommt es über die zusammengezogenen Lippen. »Bei den Feinden ist von unserer eigenen Bevölkerung hier Anzeige eingelaufen.«
Die Männer sehen sich an, schmerzlich bohren sich ihre Augen ineinander. Sie schweigen tief und lange. Dann sagt Horst gehalten: »Ihr Dienst ist wahrhaftig nicht leicht. Ich will ihn Ihnen ganz gewiß nicht erschweren. Es wird hier heute nichts Verbotenes geschehen. Darf ich Sie bitten, in der Baracke unser Gast zu sein.«
Nun, da er mit Ingeborg allein ist, rüttelt der ganze Schmerz an ihm. Dazu die tiefe Demütigung, daß sie, die Ausländerin, von diesem unsäglichen deutschen Schandwerk hören mußte! Daß Deutsche bei den Landesfeinden Deutsche denunzieren! Der Denunziant -- an sich schon der größte Schuft im ganzen Land! Aber auf die eigenen Volksgenossen die Fronvögte hetzen! Die eigenen Brüder den Folterknechten ans Messer liefern!
Und gerade in dieser Stunde wird sie ihm erst recht wie ein Freund, und in der Vertraulichkeit kommen ihm die schmerzensreichsten aller Worte: »O Deutschland! Deutschland!«
Sie sieht, wie er leidet, sie greift mit der Hand nach seinem Arm. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie nah mir das alles geht.«
»Ja -- manchmal ist es einem wirklich, als müßte man den Verstand verlieren!«
Die Verzweiflung gräbt sich in seine zerspannten Züge, die Augen starren leer und verlassen. Sie aber, von ihrem Mitgefühl durchflutet und hilfreich beseelt, gewinnt ihn lieber und lieber. Und zärtlicher neigt sie sich zu ihm hin.
Da gibt es ein Blühen in seinem Blut und ein Frohlocken in seinem Herzen. Warum reiß ich sie nicht an mich, dieses liebreizendste aller Geschöpfe -- als meinen Halt, meine Rettung, meine Genesung, meine Kraft, meine Seligkeit!
Er fühlt es: wenn ich Dich nehme, gehörst Du mir! Und Du willst, daß ich Dich nehmen soll.
Aber dann klingt in ihm der Ruf aus der dunklen Tiefe -- Deutschland, o Deutschland! Und wie gegen eine Verführerin wendet er sich gegen das junge, das herrliche Weib, die Fremde, mit der lockenden Ferne, die ihn heimatlos, die ihn untreu machen will.
Ein weher Schreck durchfährt ihre Hand, von der er sich löst, und es klagt auf in ihren Blicken. Da gibt er ihr ein liebes Wort. »Ich denke so viel an den Platz unter Ihren Linden.«
»Er wartet auf Sie. Und nicht wahr -- Sie lassen ihn nicht warten!«