Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht
Part 17
Ein daseinsfrohes, daseinsstarkes, freies, gerades Menschenkind wie andere auch -- nur das Haar, das wundervolle, in dem das Licht alle Goldfarben aufklingen läßt, von der Waberlohe des Braungold bis zu dem stillen schweren Glanz des reifenden Weizens bleibt in märchenhafter Höhe.
Sie spricht, die Stimme ist hell, ein wenig hart für einen Mädchenmund. Das behutsame Schriftdeutsch, das zuerst etwas nach dem Fremdenführer schmeckt, hat nordischen Klang.
»Verzeihen Sie mir, mein Herr. Sind Sie bekannt in dieser Gegend?«
»O ja, wenn ich mich Ihnen zur Verfügung stellen darf.«
»Ich bin nun einmal so abscheulich pedantisch -- ich muß von allen Sachen den Namen wissen -- besonders in geographischen Dingen -- meine Freundinnen sagen, daß ich recht eigentlich nach Deutschland gehöre.«
»Wo alles so schrecklich pedantisch ist.«
Sie errötet und bekommt ein liebes verlegenes kindliches Gesicht. »Ich wollte damit sagen, weil es das Land der Geographie ist. Der großen Geographen und der Atlanten. Ich will nichts Böses sagen gegen Ihr Deutschland. Jetzt am allerwenigsten. Ich habe Deutschland lieb. Mehr, als viele Deutsche es haben.«
Nun fliegt Horst mit ganzem Herzen zu ihr. Ich habe Deutschland lieb!
Sie gehen auf den höchsten der Hügel. Er hört von ihr, daß sie Schwedin sei, mit ihrem Vater unterwegs, der eine Studienreise mache. Kriegsgeschichtler sei er -- also ein Fachgenosse, denkt Horst. Im Archiv der Kreisstadt seien wichtige Dokumente aus der Schwedenzeit. Auch im Pfarrarchiv von Moordorf. Sie hätten hier ein kleines Landhaus an der See gemietet und wollten wochenlang bleiben. Dann führen sie in ihrer Jacht wieder nach Hause.
Horst vergilt Offenheit mit Offenheit. Bald wissen sie voneinander wie alte Bekannte.
»Ich möchte, daß Sie Vater kennen lernten«, sagt Ingeborg Thorild. »Er ist zu dem Herrn Pfarrer nach Moordorf gegangen. Ich soll ihm entgegenkommen. Wollen Sie mich begleiten?«
Ob Horst das will! So geht er mit ihr den Weg zurück, den er gekommen ist in Düsternis. Jetzt ist Licht um ihn her, er kann aus seinem seelisch zerwühlten Gesicht in die Welt blicken wie ein glücklicher Knabe.
Sie mit ihrer jungen unbekümmerten Wichtigkeit führt das Gespräch. Erzählt von ihrer Heimat, die sie leidenschaftlich liebt. Auf einem alten halb verfallenen Edelsitz in Södermanland wohne sie. Ihr Vater mit seinem Bruder, beide alte Offiziere, haben ihn billig gekauft. Nun werde er so nach und nach wieder aufgebaut. Bis heute seien die bewohnbaren Räume fast ganz von der Bücherei ihres Vaters eingenommen. Die Gutswirtschaft führe ihr Onkel. Aber der sei kränklich, und der Arbeit sei es zu viel für ihn.
»Kennen Sie Schweden?«
»Nein.«
»Seltsam -- dieser Landstrich hier könnte auch bei uns sein. Die Heide, das Moor, die Findlingsblöcke. Nur haben wir mehr, und sie sind mächtiger. Und düsterer sind unsere Wälder.«
Sie kommen an dem Moor vorüber, das all seine goldenen Blumen entzündet hat. Die Abendfeuer sprühen über sie hin.
Ingeborg bleibt stehen. »Jetzt fängt wohl auch mein Moor zu blühen an. Als wir abfuhren, schlief es noch.« Es ist eine Zärtlichkeit in den Worten, und Horst, in dem ein Dunkles aufsteigt, fragt: »Sie haben zu Ihrem Moor ein besonderes Verhältnis?«
»Ja, das hab ich. Es ist wie ein alter Freund. Niemand erzählt mir so schöne Geschichten.«
Jetzt denkt Horst an die Frau, die hier im Moorgrund liegt. Die immer nur Schauer vor dem Moore erlebt hat. Wie sagte der Alte damals? Wer vorm Moore bangt, wird von ihm gelangt! An diese leuchtende, lachende Nordländerin rührt solches Grauen nicht. Wie gut habt Ihrs gehabt, weitab von Kriegsnot und Friedensleid, daran unsere deutschen Frauen vergehen.
Ihr habt gut Lachen und Leuchten, Ihr Fremden -- ja, Ihr Fremden! Und eine Absage, ein Widerstand, fast eine Feindschaft erhebt sich in Horst gegen dieses vom Glück gepflegte Mädchen. Bei Lona sind seine Gedanken, der deutschen Frau, die das deutsche Schicksal zerschlug und zerbrach.
Was gehst Du mich an, Du Fremde, in Deinem Glanz? Kalt ist er mir, kalter und ferner Nordlandschein.
Und der alte Herr, der uns da entgegenkommt -- ja lauf ihm nur in die Arme! Was kümmert Ihr mich, Ihr beide!
Dokumente »aus der Schwedenzeit« will er hier aufstöbern. Und sie sagt das mit ihrem strahlenden Gleichmut. Die Schwedenzeit! Wißt Ihr nicht, daß sie ein Brandmal ist und ein Schandmal! Für uns das eine, das andere für Euch. Wie habt Ihr die deutschen Lande gebrandschatzt, ihre Bewohner gefoltert, die deutschen Seelen gepeinigt und verheert. Was habt Ihr als Raubgut über die Ostsee verfrachtet! Das ausgeplünderte Deutschland, Eure Schlösser, Eure Geschlechter hat es reich gemacht.
Und nun kommst Du, der Erforscher dieser verruchten und verfluchten Zeit -- fast so verrucht und verflucht wie die unsere! Kommst Du nicht mit einem Kopf daher, der wie geschnitten ist aus einem Bild jener zehnfach vermaledeiten Tage! Den Du noch barhaupt trägst, mit dem Hut in der Hand, ihn besonders zu bekräftigen!
Das graue Haar hängt lang bis auf den breiten Klappkragen hinab -- warum ist es kein Spitzenkragen? Der paßte schon zu dem betonten Knebelbart! Und der Reiterobrist in Baners oder Torstensons Heerschar wäre fertig. Weht an dem grauen Schlapphut nicht die Straußenfeder?
Will dieser Mann einen alten Schweden uns vormimen? Will er uns höhnen mit dem dreißigjährigen Krieg, will er -- was noch schlimmer wäre -- unsere heutige höllenböse Zeit mit ihm trösten?
Gewappnet tritt Horst dem Herrn entgegen. Aber, wie er ihm in die Augen sieht, machen die ihn wehrlos. Von so junger, fast jungenhafter Treuherzigkeit sind sie und von so inniger Kraft reifen Denkens und ehrlichen Glaubens. Hier ist nichts von Schaustellung, von Pose und Geste. Ganz natürlich ist das Gepräge des Gesichts hineingewachsen in die Zeit, in die seine Arbeit sich vertieft. Der vornehme Kopf eines ernsten Forschers neigt sich grüßend von der hohen, sehnigen Gestalt zu Horst herüber.
Das gemeinsame Fachgebiet führt sie gleich enger zusammen. Mitteilsam, wie seine Tochter, erzählt Oberst Thorild, daß er hier den Spuren Bauers nachgehe, dessen Leben und Kriegskunst seine letzten Untersuchungen behandeln.
Wie frei und froh sie sich aussprechen, diese glücklichen, unberührten, von Krieg und Not und Schmach nicht zu Tode geschundenen Menschen! Was hat das Elend, die Unehre, die Schande aus uns gemacht! Was sind wir karg und schweigsam geworden, mürrisch, mißtrauisch, verschlossen und verkrochen! Und mit Neid blickt er die beiden an, und wieder mit einem Zorn.
Dann aber, als auch der Vater sein Bekenntnis für Deutschland ablegt, hebt sich sein Sinn wieder höher und flammt und schlägt dem Bekenner entgegen.
Der alte Herr hält sich tapfer zurück. Nicht zu viel seines Mitgefühls gibt er mit einem Male her, um das Bejammernswerte nicht allzu schmerzlich hervorzukehren. Dafür muß erst noch ihre Freundschaft wachsen.
Ermutigendes spricht er. In dem Siedlungswerk sieht er ein Heil. Auch bei ihnen in Schweden sei es not, neue Wohnungs- und Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen und die Menschen bodenständig zu machen, zu erdfesten eigenen Herren. Er selbst sei in der Siedlungsbewegung tätig und habe eigenes Land hergegeben. Gern würde er sich einmal die Hohenmoorer Niederlassung ansehen. Dann bat er Horst, sie in ihrem nahen Landhause zu besuchen. Und Ingeborg fügte hinzu: »Nicht wahr, Sie kommen bald!«
So klang in dem Lebensakkord von Horst ein neuer Ton auf. Die Freunde hoben den Kopf, als er heute abend heimkam. Kunz, dem Gisbert immer mehr entglitt, schnaufte fröhlich vor sich hin. Man gewöhnte sich schon daran, unter Schemen und Gespenstern hinzugleiten -- wollen wir jetzt wieder an unsere Blutwärme glauben, an unsere Muskeln?
Und nun weiter zum Krieg gegen die Friedensnot! Freudig hart werde unser Sinn, hart wie unsere Hände!
Die Liebenden
Gisbert war auf dem Wege nach Moorhof zu Frau Tilde. Er hatte heute wieder schwer gearbeitet, bei dem Neubau des Hauses. Seine Frauenhände waren voller Schwielen, aber sein Sinn wurde nicht hart, nicht so, wie Kunz es wollte.
Auf Tildes Schultern lag die ganze Last zweier Gutswirtschaften. Mit dem Morgengrauen war sie auf den Beinen und des Abends rechtschaffen müde. Manch stille Stunde saßen die beiden Menschen zusammen und ruhten ineinander aus. Sie waren sich so nahe und vertraut, daß in ihrem Schweigen die tiefsten Harmonien klangen.
Heute traf Gisbert eine Gutsnachbarin bei ihr, die umfangreichste Dame des Umkreises, seelisch angefüllt von Viehpreisen und Fragen der Milchwirtschaft. Zum Glück war sie im Begriff zu gehen.
Als sie hinausgewuchtet war, sann Frau Tilde der Masse nach, schüttelte den Kopf und sprach still vor sich hin: »Das Goethewort: Materie nie ohne Geist!« Das war scherzhaft milde gemeint, und doch horchte Gisbert auf. Denn zum ersten Mal fand er so etwas wie Bitterkeit und Schärfe in Wort und Wesen der vergötterten Frau. Und seine Knabenaugen starrten ratlos auf die leise Unruhe, in der sie bebte.
Immer nur hatte sein eigenes Glück ihm geschienen, immer hatte er in dessen Widerschein die Herrin gesehen. Immer war das Gefühl der Gemeinsamkeit über ihm -- was er selbst empfand, ließ er auch sie empfinden. Wollte der Dienende sein, und ließ nur sein Eigenleben leuchten. Hatte er je den feinen Schattierungen ihres Fühlens nachgespürt? Wieviel an Schicksal trug doch diese Frau.
Und nun -- an einer leisen Regung bei ihr -- ward es ihm bewußt, wie sehr ihr Leben Mangel litt, und er mußte sich fragen: was habe ich, ich ihr zu geben? Was kann die Blässe meines Gedankentums ihr sein?
Vor dieser Frage aber erschrak er tief. In seine junge Ahnungslosigkeit griff das Grauen: werde ich sie halten können, muß ich sie nicht verlieren? Sie halten? Wer war er! Hatte er ein Recht auf sie? Ihr Knecht war er, ihr treuer Fridolin, in Stücke ließ er sich für sie zerhauen. Und wenn der Geistesflug in gleiche Bahnen sie führte, blieb er nicht auch hier nur als Knappe ihr zur Seite?
Unbarmherzig sah er das Leben, strich die Schwärmerei aus Augen und Sinnen und packte die harte Wirklichkeit an.
Was ist das Los dieser reichsten, herrlichsten, innigsten der Frauen? Mit einem gemütskranken Mann muß sie das Leben teilen. Und lag nicht das Unglück auf all ihren Wegen? Sind nicht alle von ihr gegangen? Um die ihre Liebe sich schlang?
Wo ist die Hand, die in ein neues Dasein sie reißt! Die kraftvolle Männerhand, die sie erlöst! Ins Glück sie erlöst! Nur so, nur so kann ihr Leben sich erfüllen! Und schonungslos betrachtete er sich selbst, wie wenig er selber hatte von kraftvoller Hand, von einem Erfüller und Vollender.
Dann wieder regte es sich gläubig in seinem jungen Herzen. Bin ich nicht noch im Werden, im Wachsen! Und wie kann ich wachsen, gerade am Wesen dieser Frau! Und eben in diesem jungen Herzen sprühten jetzt die Funken: wie schön ist sie! Und die Flammen erschreckten ihn, er mußte sie zerdrücken und austilgen mit allen Kräften seiner Seele.
Es war eine Rettung, daß Frau Tilde von ihrer fleischigen Nachbarin zu reden anfing. Die hätte, über ihre Buttermaschinen hinaus, ihr die Einladung zu einer spiritistischen Sitzung gebracht. Nun lachte Gisbert hell auf. Frau Tilde, aus den Höhen und Weihen ihrer spirituellen Einsamkeit, der allein sich das Übersinnliche auftun konnte, hineinversetzt in die beklagenswerte Runde tischrückender Sekten!
Beklagenswert -- das war der Grundton in Tildes Betrachtung. Diese armen Menschen! Und dieser armen Menschen arme Geister! Die auf Tischbeinen einherspazieren und die übelsten Trivialitäten den verzückten Gläubigen in die offenen Münder fliegen lassen.
Wer nicht den innersten Trieb hat mit seinen Geistern allein zu sein, wer ein Gesellschaftsspiel mit ihnen vollführt, wer sie sich erst durch die Hirne anderer, ob krankhaft ob nicht, hindurchfiltrieren lassen muß, wie unsagbar traurig sieht es in solchen Seelen aus!
Mir allein gehören meine Geister, zu mir allein sprechen sie, nie werden sie die anderen vernehmen lassen, was uns verbindet. Nicht nur meine Träume, die nur meine sind, führen sie zu mir, nicht nur die Andacht meiner Nächte, auch die dürstende, »an der Sphäre saugende« Sehnsucht meiner wachen Stunden. Und sie kommen zu mir, im Waldesschatten, im Quellengemurmel, aus den Sonnenkreisen des Buchengrundes steigen sie auf, von den lichtumsäumten Wolkenbildern schweben sie zu mir nieder. Und sie sprechen zu mir, nur zu mir, denn nur ich verstehe ihre Sprache. Und ich weiß, daß sie sind -- so wahr ich bin und so wahr ich sein werde wie sie.
Nun aber, nach diesem milden Bedauern, stieg ein ehrlicher Zorn auf. Mein Mitleid allen dumpfen Gehirnen, die nur im Dunst des Herdentums ihre Regungen haben! Duldung auch den gutgläubigen Priestern und Hohenpriestern dieses für mich armseligsten und schwachsinnigsten aller Kulte. Was aber soll man zu den Ausbeutern sagen, die sich hier eine Macht und eine Industrie aus geistig Bedürftigen bereiten! Gewiß, trübe Neurastheniker zum Teil, die sich suggerieren, sie glauben das, was sie die andern glauben machen wollen. Die vielen aber unsaubere Scharlatane von Beruf, die mit Bewußtsein die Seelen und Börsen in ihre schmierigen Erpresserhände nehmen und froh sind, sich ins Unkontrollierbare gerettet zu haben.
So Frau Tilde. Nie hatte Gisbert solch harte Worte von ihr gehört. Waren es eigene Erlebnisse, die so steil und spitz sie aufrichteten? Und wieder, an ihrem Zorn wie vorhin an ihrer Bitterkeit, empfand er etwas von der Lücke, die durch ihr Leben ging.
Er hatte, wenn er sie nicht bei der Arbeit sah, sie versenkt gefunden in ihre gläubige Güte, erhoben in ein abgeklärtes Schauen. Jetzt, wo die Erregung sie durchpulste und in ihren Augen Feuer zuckten, floß es heiß durch ihn selber hin und seine Sinne loderten. Wieder die singenden Flammen!
Und wie er heimwärts schritt, sang das Feuer in ihm weiter. Und über ihm immer die eine Frage. Meine Herrin darbt und ist in Not. Sie friert in ihrer Höhe. Läutet nicht irdisches Sehnen auch in ihrem jungen Herzen? Was kann ich ihr sein? Was kann ich ihr geben?
Dann wies er diese Frage, diese rohe Frage von sich. Die alles in das Elend der werbenden Sinne zog. Und er hob sich empor auf den Schwingen seiner alten selig reinen Liebesweise.
Ich lebe in dem Gedanken, daß Du bist. Ich atme die Gewißheit Deiner Nähe. Meine Träume flüstern Deinen Namen -- beseelt ist mein Dasein von Deinem Wesen -- --
Aber das Lied verklang im Entstehen, seine Melodien starben hin, seine Macht ging unter in dem Rauschen des Blutes.
Und bei ihm blieb das große Grauen, wie schön sie war. --
In Gisberts und Kunzens Verschlag flatterten diese Nacht flügelschwere Träume.
Kunz hatte von der Jagdstreife mit seiner Vita ein blutunterlaufenes Auge nach Hause getragen.
Dies eine war ihm gleich das erstemal aufgegangen: mit seinem Mädchen als Scharfschütz war es nichts und konnte es nichts werden. Schon auf dem Scheibenstand hatten Auge und Hand versagt. »Die Pappe ist nichts für mich!« war ihre Ausrede, und die grünen Augen gleißten, »jagdbares Wild muß ich vor dem Lauf haben!«
Kunz nickte ihr zu, listig und anfeuernd. »Dann soll es aber auch gleich einen Massenmord geben! Wir wollen uns die Kaninchen beibiegen, die da oben in der Kiefernschonung wimmeln. Kommen Sie, Vita. Herrin über den Tod.«
In ihrem Auge war Zorn. Scherzreden vertrug sie nicht, weil sie unsicher war.
Durch Hochwald müssen sie, durch Eichen, Buchen, Edeltannen. Still schmiegt sich das Sonnenlicht um die unbewegten Wipfel. Da, ein Schaukeln in den Zweigen, ein Rauschen. Sie blicken auf. Vita sieht nur die geschnellten Äste. »Holen Sie sich den!« ruft Kunz. Sie weiß noch nicht, was er meint. Endlich, da sie seinem Finger folgt, gewahrt auch sie das Eichhörnchen.
»Das soll ich schießen?«
»Natürlich.«
Sie nimmt die Büchsflinte an die Backe -- zielt -- schlägt an -- und fehlt. Schnalzend hüpft das Tier weiter. Hohn sind diese Zungenlaute. Die Jägerin stampft mit dem Fuß auf.
So neugierig still hat der Nager gesessen. Besser hätte es ihr gar nicht werden können. Sie weiß es selbst, schielt nach Kunz, der sich nichts merken läßt, und gerade so reizt er ihre Wut. Und sie spricht Unbedachtes. »Es war ein Seelisches dabei.«
»So.«
»Ich hab die Eichkätzchen so gern.«
»Versteh ich. Obschon sie die mordgierigsten aller Waldräuber sind.«
»Gleichviel. Ich lieb sie. Und wenn es keine bestimmte Absicht war, daß ich vorbeischoß -- eine innere Stimme sprach mit.«
»Nun, bei den Kaninchen wird keine innere Stimme mitsprechen.« Er sieht todernst aus, feierlich. Und Vita haßt ihn.
Sie nähern sich dem Kiefernbestand, den sandigen Anhöhen. Da hoppeln schon ein paar von den »gottvergessenen Grauen« über die Schneise. Vom Wege her, der die Schonung umsäumt, leuchten die Goldtupfen der blühenden Ginstersträuche ihnen zu.
»Da setzen wir uns hin«, sagt Kunz. »Dann haben wir eine ganze Kolonie dieses fidelen Gesindels vor uns.« Und sie kauern sich unter die Blütenpracht. Was ist Kunz das Jagen? Vita aber will töten. Und die Kreatur des Waldes läßt es an sich nicht fehlen.
Eine unterirdische Stadt der wühlenden Kobolde liegt ihnen gegenüber. Bei dem sonnigen Wetter sind viele vor den Toren, äsen, springen, spielen, punktieren mit den weißen Schwanzlichtern fröhlich den Waldesdämmer. Kunz lädt das Gewehr. »Jetzt wollen wir also Verhängnis sein.«
Diese dummen hohen Worte in der absichtlichen Tonlosigkeit -- weiß er nicht, wie sehr die sie stören, wie unsicher die sie machen! Ist das noch Freundschaft!
Trotzig reißt sie die Flinte an sich, schießt -- und macht wieder, mit all den Schrotkörnern, nur Löcher in die Luft. Die Tiere hat die gute Mutter Erde eingeschluckt.
Wie ein Lämmerschwanz schlägt ihr das kleine Herz. So heftig böse ist sie, zerbeißt sich die verschluckten Tränen im Munde und zischt sie von sich.
Kunz aber, der verkehrt Trostreiche, spricht: »Das war nun erstmal die Warnung! So sind wir, denn blindes Schicksal sind wir nicht. Nun soll aber den Ersten, den Frechsten, der sich wieder zeigt, das verdiente Los treffen.«
Wieder steckt er die Patrone in den Lauf. Sie lehnt in dem Ginstergold. Was da irisiert in ihren Augen -- ist nicht ein Schmerz dabei, eine Klage, ein Zagen, ein Bedürftiges, eine Demut? Aber hastig greift sie nach der geladenen Waffe, wie nach ihrem Recht, ihrer Rechtfertigung, ihrem Ausweis. Diesmal muß es gelingen!
Sie liegen auf der Lauer. Noch sind die Viecher vergrämt. Hier und da lugen ein paar scheue runde Augen aus den Erdröhren.
Da -- ein Neugierling hebt den Kopf zum Bau heraus -- dreht ihn und lugt -- hebt ihn weiter -- die Vorderfüße kommen nach -- nun steht der Bursche auf vier Beinen -- blickt sich noch einmal um und putzt sich dann sorglos die Nase.
Ein Knall --
Er bleibt sitzen, ganz erstaunte Frage. Macht seine Männchen zu Ende -- Vita hört die Bestie kichern -- und flitzt dann erst wieder in sein Erdloch.
Nun ist es mit der Jägerin aus und vorbei. Sie hat sich ins Gras geworfen, drückt das Gesicht in die Halme, und nur die trommelnden Beine führen eine beredte Sprache ihrer Herzensnot.
Hier ist jetzt der redliche Trost am Platz. Kunz redet ihr zu. »Liebe kleine Vita -- das Schießen fordert nun einmal eine gewisse plumpe Begabung -- wie das Bauchreden und das Mitdenohrenwackeln. Wer dies nicht kann oder das nicht kann -- braucht der sich der Verzweiflung zu ergeben?«
Und nun erzählt er und lügt er ihr vor aus dem Schatz seiner Unbildung. »Wissen Sie, daß Lykurgos, der große spartanische Kriegsheld, dem Titus Livius zufolge im Bogenschießen als Junge das Mitleid aller seiner Mitschüler in der Arena erregte? Karl der Große war auf der Jagd ein höchst mäßiger Speerwerfer, während Karl der Dicke nie ein Wild fehlte. Wenn Prinz Eugen eine Reiterpistole zur Hand nahm, duckte sich nicht bloß seine Umgebung, meilenweit in der Runde alle österreichischen Regimenter duckten sich. Und der alte Zieten kniff beim Zielen immer das verkehrte Auge zu.« Aber viel hilft das alles nicht, Vita bleibt verstockt in ihrem Schmerz, fühlt sich immer mehr gekränkt, je mehr er sie tröstet, und schließlich durch ihn gekränkt, den Tröster, der auch ihr Lehrmeister gewesen. Ein schöner Lehrmeister! An ihm liegt die Schuld!
Und alles, was so in dem Köpfchen herumtanzt an Wirbel und Wolken, das schlägt sich dann nieder. Sie starrt in die Weite, sucht irgendeine Zuflucht, sehnsüchtig vertieft sich das Grün der Augen zu tiefstem Smaragd, und Perlen leuchten auf seinem Grunde, richtige Tränen.
Dies ist die Stunde, von Schönheit gesegnet, die letzte ihrer lieben lächerlichen Kinderschmerzen -- jetzt wird in ihr das Magedin geboren! Von jetzt an wird sie mein Mädchen sein.
Und Kunz zieht sich näher zu ihr hinan. Seine Hand nimmt innig ihre spitze Knabenschulter. Steil setzt sie sich hin, zur Abwehr und Gewähr. Kunz aber fackelt jetzt nicht lange. Ihren Nacken umschlingt er, ihren Kopf, ihre Lippen beugt er sich zu.
Da aber -- ein Schreck, glückhaft und furchtbar in seiner Seligkeit -- und dann ist alles phosphoreszierende Wildheit und fauchendes Ungestüm. Sie greift das Gewehr mit beiden Händen, hält es breit ihm entgegen, Schlagbaum, trennende Grenze soll es sein -- er achtet den Trennungsstrich nicht und dringt siegreich lachend auf sie ein -- da stößt sie blindlings den schweren Stab zwischen den beiden Fäusten ihm entgegen, hart trifft das Schloß das Stirnbein über dem Auge -- die Funken sprühen ihm -- unwillkürlich zuckt er zurück -- da springt sie auf und rennt von ihm -- kehrt halbwegs wieder um, zu sehen, was sie ihm getan -- und will ihm helfen und kann es nicht -- und stürzt in hohen Sprüngen waldeinwärts.
Und Kunz -- Kunz ist vor den Kopf geschlagen. Dann verfällt er in schweres Sinnen. Ich dachte, es wäre soweit. Und nun war es zu früh. Und was ich jetzt angerichtet habe! War ich ein Unhold gegen pastorale Sitten? Er faßt sich an den Kopf.
O du Penthesilea Mein Aug tut immer weha.
Wie hab ich von holdseligem Liebesleben geträumt! Aber für ein Liebesleben mit Dir muß man erst einen Kursus bei Achim, dem Knochenkrachim, nehmen.
Was wird nun werden? »Mädchenseelen sind von Kristall!« Er hört es in der Trompetenstimme seiner nunmehr antiker Form sich nähernden jungfräulichen Tante Olga, die es ganz gewiß wissen mußte. Hat er hier etwas zerschlagen und zersplittert?
Was wird nun werden? Und der nackenfeste Kunz schleicht doch jetzt etwas geduckt nach Hause.
O Kater Kunz, was hat Dein Kätzchen Dich gestriegelt! Und seine Träume sind voll Krallen.
Das Haus
Weidlich gezaust und gekraust wachte er am andern Morgen auf und war ganz in der Verfassung, mit Dankwart, dem Skeptiker, in den kommenden Tag sich hineinzugrimmen.
Dessen Gedanken waren wie ihrer aller bei dem Haus, das kräftig und frei und stolz in die Höhe ging, aber er hatte seine bösen Beklemmungen, die er los werden mußte. Stoßweise kam es hervor. »Das Haus -- wird man seiner recht froh? Wenn auch alle ihre frömmsten und kugelrundesten Augen dazu machen.«
»Das laß sie.« Kunz blies in dasselbe Horn. »Immer gefühlvoll -- wie können wir auch anders! Es gibt eine Franzosenkrankheit, und es gibt eine deutsche Krankheit -- und unsere ist die Sentimentalität. Das Haus -- die holde Stätte des Friedens. Und das eine ist selbstverständlich: jetzt kommt das Vielliebe auch über uns, sie, die ganze soziale Wonne.«
»Mit der Frage, wer dieses Haus beziehen soll.«
»Die eigentlich keine Frage ist.«
»Du meinst, Horst gehört da hinein.«
»Natürlich. Und Du mit Deiner Werkstatt. Und das Bureau.«
»Das meinst Du. Aber die andern meinen auch. Und sie meinen anders. Wird unser heiliger Zimmermann nicht predigen?«