Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 16

Chapter 163,848 wordsPublic domain

Ein braunweißes Kalb hatten sie, das war ihr Stolz. Ihre beiden Milchschafe, erlesener friesischer Rasse, hatten je zwei Lämmer geworfen. Zehn Küken purzeln und trippeln und schießen herbei nach den Lockrufen der Mutter Henne. Zwei andere Hennen noch brüten in den Körben, feierlich in der gewölbten Ruhe ihres heißen, breit gefalteten Gefieders, heizend und erhitzt, böse die Augen gegen die Welt, von Halbschlaf benommen, versunken in das eigene geheimnisvolle Werk, scharlachrot von der Inbrunst des Schaffens der Kopf, der klein geworden ist gegen den machtvollen, lebenspendenden Leib.

Frau Tilde sieht alles, prüft alles und ist zufrieden. Glücklich macht Gisbert die Anerkennung. »Bienenstände müssen Sie noch haben, die gehören zu Ihrem Heideland.«

Und dann begleitet Gisbert die Freundin nach Hause. Die Herrin -- er fühlt sich ganz als ihr Wirtschaftseleve. Immer wird er Landmann bleiben, nie mehr wird die Stadt ihn sehen, in der die Menschen versteinern. Die Naturandacht sein Leben. Seines Daseins Licht diese Frau, die nicht müde wird, ihn zu beschenken. Nie mehr kann er von ihrer Seite gehen.

Sie blicken von der Höhe über das Land. Obstbäume blühen an dem Wege, der zum Moorhofer Herrenhause führt. Wie große weiße Blumensträuße stehen sie da, der Königin dieses Reiches ein Fest zu bereiten. Auf dem Hügel außerhalb der Parkmauer, der weite Ausschau gewährt, steht ein mächtiger Ahorn mit runder Bank. Da setzen sie sich nieder. Leuchtende Wolken, erhaben und schöpferisch bildhaft, ziehen ostwärts, von der sinkenden Sonne beleuchtet.

Sie schauen hinauf, plötzlich fragt Tilde: »Sind Sie sehr shakespearefest?«

»O nein, ganz und gar nicht.«

»Dann kann ich es wagen«, sagt sie und streicht sich ein mädchenhaftes Zagen aus der Stirn. »Ich denke an die Szene, wie Hamlet den Höflingen Rosenkranz und Güldenstern die Wolke zeigt -- sie nach dem Bilde fragt -- ihnen die Antwort in den Mund legt. Sieht sie nicht aus wie ein Kamel, wie ein Walfisch, wie ein Wiesel -- für die bestialische Reihenfolge wird keine Gewähr übernommen. Ich muß sagen, daß ich mit dieser Szene nie das Rechte habe anfangen können.«

»Weil die Wolken so vieldeutig sind --«

»Ja. Ganz gewiß für Menschen, die nichts miteinander gemein haben. Da die Wolkenumrisse so schnell zerfließen -- eine ganze wandernde Menagerie kann man einem Fremden suggerieren. Der darum noch gar nicht liebedienerisch ja zu sagen braucht. Menschen aber, die sich nahe sind und miteinander leben -- es ist überraschend, wie sie in den Wolken ganz zu gleicher Zeit dieselben Gesichte haben.«

Gisbert blickt in die Wolken, die sollen ein Bild ihm zeigen.

»Wie oft,« spricht Frau Tilde weiter, »haben wir als Kinder, mein Bruder Volker und ich, so den Himmel abgesucht. Dann fanden wir etwas -- gemeinsam -- faßten unsere Hände -- sagten es uns. Und immer war es dasselbe. Eine Walküre mit Flügelhelm und wallendem Haar -- ein alter Rabbi mit langem Bart -- ein Indianer auf der Büffeljagd -- ein buckeliger Pierrot -- eine knieende Beterin. So eng hingen wir beide zusammen.«

Durch Gisbert zieht ein stilles Leuchten. Und wir beide? Wie nahe bist Du mir -- und mir, ich weiß es, mir gibst auch Du Deine Nähe. »Ich fühle wie Sie« -- immer, immer fährt unter dieser Flagge mein Lebensschiff. Und was reichst Du täglich meinem Dasein an Geschenken!

Eine Zuversicht hebt ihn, bis in den Himmel. Was die Wolken mir jetzt zeigen, ich weiß es, Du siehst es mit mir. Und wie er jetzt suchend wieder den Kopf aufrichtet, tut sie es auch. Leicht hebt er die Hand -- nun zittert er doch in allen Fasern, da die Gewißheit droht -- und leise ist sein Wort: »Ein Schwan --«

»Er fliegt. In die Sonne fliegt er.« Ihre Stimme hat den stillen Glanz des Selbstverständlichen. Sie sieht, was er sieht.

»Und auf dem Kopf --«

»Eine Krone.«

»Eine Krone von Gold.«

Sie sehen dasselbe, sie fühlen dasselbe, ein und dasselbe sind sie. In Gisbert braust es und jauchzt es. Mein gekröntes Glück! -- -- --

Vita und Kunz gingen über die Heide. Der Wind trug ihnen den herben Duft der Wacholderbüsche zu. Auf die Dünen zog es sie. Hartblau war die Flut. Sie spähten über die See.

»Wieder kein Schiff«, rief Vita klagend schrill.

»Und wär eins da, es wär kein deutsches.«

»Kommen Sie. Wenn man einmal nicht traurig oder zornig genug ist, geht man hierher. Aber meist ist man es ja.«

Zurück in die Heide. In Wolkenhöhe kreiste ein Raubvogel. »Kann man den schießen?« fragte Vita.

»Mit einer gewöhnlichen Jagdbüchse kaum.«

»Aber mit dem Armeegewehr?«

»Ja.«

»Würden Sie ihn treffen?«

»Schwerlich, ich bin kein Scharfschütze.«

»Aber ich möchte es werden. Ich will schießen lernen. Sie sollen mich mit auf die Jagd nehmen.«

»Es gibt jetzt bloß nichts zu jagen. Höchstens Raubzeug.«

»Um so besser.« Und die Augen sprühten ihre grünen Funken.

Kunz lächelte dazu. Was bist Du für ein Kind, dachte er. Wie lange muß ich noch auf Dich warten?

Dann aber gab es einen Riß, einen bedrohlichen fast. »Ihren Hund aber müssen Sie zu Hause lassen!« erklärte sie.

»Meinen Muz?«

»Hunde kann ich nicht leiden.«

Er starrte in ihre graugrünen Lichter. Bist Du es nun doch, eine Katze auf der Seelenwanderung! Dann sprach er beruhigt, mit siegender Gelassenheit: »Sie haben noch nie in ein Hundeauge gesehen.«

»Ich mag die Köter nun einmal nicht. Nicht ihren Geruch. Nicht ihr Schweifgewedel, nicht ihre geprügelte Treue.«

Kunz lehnte sich zurück, heftig, über das Gleichgewicht und taumelte ratlos benommen. Eine Rede der Verteidigung? Was nützt hier -- und anderswo -- alles reden. Erleben soll sie Dich, Muz. Und sich zu Dir bekehren. Aber seinen Stoß hatte er weg. Und seine Zärtlichkeit trug eine Wunde.

Die mußte erst ausheilen. Heute würde es nun doch nicht mehr das Rechte mit ihm und seinem Mädchen. Er war nicht trostlos, als der Pastor und Horst ihnen in den Wurf kamen, die nach Moordorf zuschritten. Lieferte das Kind an den Vater ab und zog allein seine Straße. Er sehnte sich nach Muz, nach seinem Auge. --

Allein wanderte dann auch Horst weiter. Zum Torfmeister und zu Lona ging sein Weg. Sein Schritt war langsam und schwer.

Mit Feldblumen hatte der Alte die Tote bedacht und besteckt. »Blumen aus dem Moor«, sagte er. »Im Tode haben die beiden sich gefunden.«

Er wirkte und wallte umher wie ein Priester. Von der Leiche trennte er sich nicht, er gab sie nicht her für Horst zu einsamer Andacht. Manchmal schoß auf den, wie auf einen Fremden, einen Eindringling, einen Feind, ein fast böser drohender Blick aus den roten Lidern.

Horst stand vor der Toten. Nicht erlöst sind Deine Züge. Um Deinen Mund das Lächeln -- es hat nichts Verklärtes -- leidenschaftlich und leidend. Dein Los hat sich Dir nicht erfüllt. Sehr viel Sehnsucht trägst Du mit hinaus. Auf den dunklen Fittichen quälender Fragen bist Du emporgerauscht. Jetzt -- jetzt wandelst Du im Lichte der Antwort.

Der Alte zog herum und ließ ihm nicht die Stille. »Der Pastor soll sie nicht zum Begräbnis haben!« murmelte er drohend. »Eine Kriegstrompete ist er geworden. Was soll die hier? Hier bläst sie vorbei. Und er stört sie bloß. Und sie sollen Dich nicht stören! Alle haben sie Dich gequält. Deine Freunde, durch ihr Wüten, Deutsche gegen Deutsche! Und Deine Feinde -- dieselbe sinnlose Wut! In diese Brandung bist Du geraten, so bist Du verdorben!«

»Schuld seid Ihr ja« -- gegen Westen hob er jetzt in jähem Ruck die mächtige haarige Faust -- »Ihr Höllenhunde da drüben! Ihr mit all Euren Bundesgenossen, all Euresgleichen -- nur in Rudeln jagt das feige Gesindel -- Ihr habt heimtückisch Deutschland zur Strecke und in das Elend gebracht! Und in unserm Grauen kehrt unsere Wut sich gegen uns selbst. Auch mein Kind habt Ihr feige und tückisch gemordet. Es wird Euch heimgezahlt!«

Wie ein Seher und Rächer steht er da mit überweltlichen Augen! Horst zwingt es zu ihm hin. Er nimmt die furchtbar bebende Hand. Er grüßt den deutschen Herzschlag, der ihm selber die Adern sprengt.

Dann erlischt in den alten Augen die Flamme. Und ein Mißtrauen wehrt dem jungen Freund. »Du willst teilhaben an meinem Totenfest. Du hast sie lieb gehabt, meinst Du. Hast Du sie lieb gehabt, ohne etwas von ihr zu wollen? Ich aber liebte sie und wollte nichts von ihr, und darum ist meine Liebe größer als Deine. Darum bin ich mehr als Du und hab mehr Rechte als Du. Ich allein begrab sie mir.«

Und da Horst eine Bewegung macht -- »bist Du nicht als Feind im Kampf mit ihr gewesen! Hat eine von Euren Kugeln sie nicht getroffen! Hast Du -- Du sie nicht getötet! So gut wie mit eigener Hand! Da Du Feuer befohlen hast! Und Du willst sie mir streitig machen!«

Die Augen kreisen, Flammenräder einer eifersüchtigen Angst, eines eifersüchtigen Zornes. Die beschwichtigende Hand des Nebenbuhlers wird mit einem Kopfschütteln abgetan. Aber damit kehrt schon seine Ruhe wieder. Doch die Ruhe schärft und härtet sich.

Hoch richtet er sich auf. Die verkrampften Hände packen die Brust: »Ich, der Totengräber Lud Uhlenbrook -- der einzige, der diese Tote lieb gehabt hat -- und der einzige auch, den die Tote lieb gehabt hat -- nur mir gehört sie -- nur mir gehört ihr Begräbnis -- nur mir gehört ihr Grab. Allein bestatte ich sie. Niemand soll dabei sein. Mein Moor soll sie bewahren. Und die Stätte zeige ich keinem. Mein Moor balsamiert Deinen Körper ein und rettet Deine Schönheit. Das Moor läßt keine Würmer an Dich hinan. So gut wie lebendig bleibst Du mir. Mir -- die Du mir gehörst!«

Es wirft ihn nieder -- er kniet zu ihr hin, er legt die alten, blutroten, tränenblinden Augen auf ihre kalte Hand.

Horst hat die Stube verlassen. -- --

Zwischen den Findlingstrümmern, eine einsame Birke über sich -- wie duftete das junge Laub! -- saß Kunz mit Muz, seinem Tier, und sprach zu ihm. Steil gestellt waren die hohen spitzen Ohren, in den großen goldbraunen Augen war alle Klarheit, alle Weisheit, alle Güte, alle Wehmut der Welt versammelt.

Jemand hat Dich gelästert, mein Tier, und ich habe ihn nicht getötet. Ein Weib -- nein, ein Junge, ein Kind. Nein, eine Katze.

Nun drehst Du den Kopf. Das Wort geht Dir ins Blut. Dies Wort verstehst Du, sagen die Einfältigen. Als ob Du nicht jedes Wort verstündest, das ich zu Dir spreche.

Nur, daß Du mir nicht antworten kannst in unserer Sprache. In der Sprache der Menschen, diesem größten von allen unseren Mysterien. Unsere Freiheit, in der wir geknechtet sind, unser Glück, daran wir gekreuzigt, der Segen, zu dem wir verdammt worden, die Wahrheit, die uns mit Lüge schlägt.

Was da in Deinem Auge, dem unermeßlich tiefen, dem unermeßlich scheuen vor der eigenen unergründlichen schwermütigen Klarheit, was da spricht und schweigt -- heißt das: ich klage und traure, daß ich nicht Worte habe wie ihr, euch zu antworten, wie ihr mich fragt?

Oder heißt es ganz anders! Ist es Dein Schmerz, daß wir, wir mit der Sprache gesegnete Verfluchten nicht Deine Augen haben! In denen die Seele ist, die wir auf die Zunge heben und so veräußerlichen! Die wir in leeren Schall zerflattern lassen!

Heilig sind Deine Augen, fromm machen Deine Augen! Sie soll hineinblicken, das Weib, das Kind und Katze ist. Und soll niederknien!

Das ist ja wahr, Muz, außer Deinen Augen bist Du noch so mancherlei. Eine Bestie, ein Bandit, ein Herumtreiber, ein Hund mit einem Wort. Ein Lumpenhund von einem Hund!

Von Deinen Liebeshändeln will ich nichts sagen, obwohl sie heftig dazu herausfordern. Aber -- hast Du mir nicht vorgestern erst aus meiner ahnungslosen Jacke, die bei der Arbeit sich mit der Maiensonne nicht vertrug, mein Frühstück gestohlen! Das Papier mit Zähnen und Pfote weggefetzt und die Stulle verputzt! Meine, Deines Herrn und Gebieters Frühstücksstulle. Der redlich und rechtschaffen hungrig war. Amerikanisches Schmalz war darauf -- Du lieber Gott, in der Not frißt der Deubel Amerikaner. Du fraßest, und mich ließest Du den Daumen lutschen, Du ungetreuestes aller Mistviecher Du.

Aber Deine Augen -- und wieder und immer wieder Deine Augen! Heilig, heilig sind sie und Andacht sollen sie lehren das Weib, das ein Kind, ein Junge und eine Katze ist!

Muz, Muz, Du kennst meine Vita. Du hast sie gesehen, freilich nur aus der Ferne. Denn Du drängst Dich denen nicht auf, die Dich nicht wollen. Ist sie nicht ein verschlossen und verzaubert Köstliches!

Vita, noch schläft alles Leben in Dir! Ich will es mir wecken, mir sollst Du einmal auferstehen. Eine Knospe bist Du, hart und spitz. Und die Knospe sticht. Die mir, mir ihre Blüte verheißt und bewahrt.

Einfältig bist Du, ja, so einfältig kannst Du sein, daß man manchmal Rad schlägt vor Schreck und vor Freude -- wie wirst Du Dich mir entfalten! Ein dummer Junge oft -- ich ruf es mir wach, das liebe kluge Mädchen! Ich küss' es mir auf!

Und Kunz schlägt die Arme um sich und umarmt die Luft. Entsetzt fährt Muz in die Höhe -- zum Tierarzt! ist sein erster Gedanke. Der Mann ist verrückt!

Aber schon ist der Mann wieder friedsam geworden, kauert sich zu dem Hund, läßt die samtenen Ohren sich durch die Hände gehen und erzählt ihm weiter.

Ja, mein Tier -- Dir sag ich alles. Du verstehst jedes Wort und birgst es in der Seele. Du willst nicht alles besser wissen und schwätzest nicht dazwischen, wie diese entsetzlichen Klookschieter von Menschen!

Froh bin ich, Muz, und kann lachen. Und hab klug reden, wenn die andern auf unseren Stall schimpfen und gern ausreißen möchten. Wo mein Glück hier neben mir wohnt!

Was aber wird aus Horst? Jetzt, wo die Frau aus seinem Leben genommen ist, die auf andere Bahnen ihn zog -- auf verschlungene Pfade, die abseits lagen von unserer geraden Straße. Wird er den Weg zurückfinden? Wird sie als Geist ihn weiter bannen? Haben sich nicht die Schatten zu tief in ihn eingefressen? Kann er uns wieder der Alte sein in alter Helle?

Anfällig Horst auch Du -- seid Ihr nicht alle krank geworden am deutschen Leid? Bin ich nicht der einzige gesund geblieben, ich, der Dickfellige, in bekömmlicher Gedankenarmut!

Auch Gesundheit steckt an! Nicht müde werden will ich, Euch mit meinem Gesundheitsstoff zu infizieren! Dich, Horst, Dich, Gisbert, und Dankwart, auch Dich! Du Mann mit dem verlorenen Lachen. Lachen sollst Du wieder können oder doch lächeln. Denn, wenn wir nicht lachen, wir Wachen im deutschen Lande, so schaffen wir es nun und nimmermehr.

Ingeborg

Bitterlich zu kämpfen gilt es ja um das Lachen.

Am andern Tage, die Maisonne jubelte grausam, kam aus der Provinzialhauptstadt ein hoher Beamter mit militärischer Begleitung. Er und der Offizier Männer mit den schmerzweiten Augen, wie sie durch Deutschland klagen -- beide nur an Bord geblieben, damit das Schiff nicht ohne Mannschaft sei, abgeneigt der Führung des Fahrzeuges, ohne Vertrauen zu seiner Steuerung und doch gehalten von der Disziplin des Gehorsams, der dem Vaterlande gilt. Mit halbem Herzen führten sie den Auftrag aus. Nur das Nötigste wurde gesprochen. »Vier Maschinengewehre sind hier am Sonntag abend in Tätigkeit gewesen. Die Maschinengewehre gehören dem Staat. Sie haben sie abzuliefern. Wir sind hier, sie in Empfang zu nehmen.«

Horst sagte ein ruhiges: »Bitte.«

»Weiter möchte ich Sie ersuchen, mir über die Vorgänge am Sonntag abend Auskunft zu geben. Ich muß sie zu Protokoll nehmen.« Horst berichtete, was er wußte.

»Wo befindet sich die Tote?«

»Im Hause des Torfmeisters zu Moordorf.«

Kein überflüssiges Wort. Was man fühlte, wurde in Schweigen eingesargt. Wenige waren dabei. Kunz als der Waffenmeister, drei von den Siedlern, die Hausdienst hatten. Die andern waren beim Bau und auf den Feldern.

An der Mittagstafel natürlich bewegte dies die Geister aufs tiefste. »Unsere Burg ist geschleift«, sagte Kunz. Das war der Grundton.

»Wir sind und bleiben Soldaten!« rief einer. »Und ein Soldat ohne Waffen -- was ist das? Die Hunde heben das Bein dagegen auf!«

Es ging ihnen nicht bloß an den Stolz, an die Ehre der Wehrhaftigkeit. An das Gefühl der Sicherheit griff es. »Jetzt können sie uns mit Knüppeln totschlagen.«

Metzling, der Grundsätzliche, versuchte eine Rede. Der Zorn der andern wäre ja gerade durch die Maschinengewehre erregt worden. Sie empfanden es als Ungerechtigkeit, daß wir welche hatten und sie nicht --

»Und als Gerechtigkeit hätten sie es dann empfunden, wenn sie sie gekriegt hätten und gingen uns damit zu Leibe!« Ein Einwurf, den das Lachen der meisten billigte und trug. Für die Minderheit aber, die theoretischen Schwärmer, wurde die Gerechtigkeit nun doch zum Kampfruf. Gleiche Waffen -- gleiche Waffenlosigkeit. Nur so kann der Bruderkrieg aufhören, nur so eine Möglichkeit der Verständigung und Eintracht.

O Ihr weichen Seelen -- schalt Kunz dagegen -- o Ihr erweichten Hirne!

Mit der Idee kam die Erhitzung in die Gemüter, es gab Streit und Zerklüftung. Zum erstenmal grub sich ein tieferer Riß durch die Siedlerschaft.

Und wieder an Horst hängten sich die Augen. Er hatte finster dagesessen, wie abgekehrt, bewegungslos und ehern. Jetzt belebte er sich. Und nahm das Steuer in die Hand.

»So geraten wir uns also selbst in die Haare. Wollt Ihr einander dies eine Euch klarmachen. Sie haben uns die Waffen genommen. Sie sagen, daß die nicht uns, daß die dem Staate gehören. Dem Staat -- wir wollen sie nicht fragen, wer das ist. Aber bleiben sie dem Staat? Liefert der sie nicht an unsere Feinde aus? Daran denkt! Und denkt daran, wie nicht bloß unsere Waffen, wie auch unsere Arbeit dem Feinde ausgeliefert wird. Alles, was wir schaffen, alle Werte, die wir erzeugen. Unser Haus -- auch das bauen wir für die Feinde. Es wird kein deutsches, es wird ein französisches Haus. Wenn wir nicht einig sind! Wenn wir nicht einig und groß uns erheben! Daran denkt, nur daran! Alles -- alles hat dem zu dienen.«

Es ist der alte Klang in seinem Wort, der alte Führergeist in seiner Rede Tat. Und seine Augen haben den Mut seiner Worte. Dem beugen sich alle, dem folgen sie alle. Und in Kunz glüht es: er hat die Höhe, er hat auch die Hand. Daß er den Willen behalte und die Kraft!

Sie gehen an ihr Tagewerk. Wir fronen nicht! Wer unsere Gedanken hat, unseren Willen, unseren Mut, der arbeitet frei an freiem deutschen Werk, Deutschland zur Ehr, Deutschland zur Wehr!

Wir weben am Schicksal des Vaterlands. Schicksal -- was ist Schicksal? Was wir schaffen ist Schicksal! So bändigen unsere Hände das Geschick, unsere Zuversicht, die Kraft unserer Sehnsucht, unseres begeisterten Willens schafft eine neue Wirklichkeit.

Dieser Glaube, von Horst bezeugt, dem Führer, dem Propheten, lebte in ihrer Arbeit. Ihr Werk gedieh und stärkte sie durch sein Wachstum.

Horst aber -- und Kunz wurde seines Mißtrauens nicht Herr -- blieb wie zugeriegelt und suchte die Einsamkeit.

Der alte Hüne im Moor hatte sein Kind allein begraben. Niemand hatte die Stunde gewußt, niemand erfuhr die Stelle. Die Genossen hatten eine große Leichenfeier gewollt. Die Blutzeugin für die große Sache! Wie konnte die Straße ihrer entbehren! Sie kamen zu dem Alten und forderten. Er wies sie ab. Sie drohten, da jagte er sie zum Teufel.

Und als sie zum drittenmal anrückten, mit Verfügungen der Behörde, da war es zu spät, da war die Tote nicht mehr über der Erde. Die Behörde hatte wichtigeres zu tun, als gegen den »alten Narren« gesetzlich vorzugehen. So behielt Lud Uhlenbrook recht, und das Moor behielt Lona, sein Kind.

Fremd war der Alte für Horst geworden. Er und sein Moor. Da sie den letzten Abschied von Lona, von Lonas Bild ihm versagt hatten. Den Gräberkult hatte der Krieg ihm abgewöhnt, er brauchte auch hier keine Stätte des Gedenkens. Aber die Gesinnung des Alten, sein eifersüchtiger Haß -- er konnte das böse Auge des wilden Druiden nicht vergessen -- war nicht ein Feindseliges darin?

Bald würde er ja dafür sein Lächeln haben, aber noch schwärte etwas. Vielleicht, weil er den Riesen so gut begriff, wie ein Verwandtes. Weil er sich sagte, ich hätte es auch getan -- hätte es auch tun mögen.

Er trug nun mal die leere Stelle in sich, da Lona von ihm gegangen war. Weit voneinander standen die Pfeiler unseres Glaubens. Aber da sie wuchsen aneinander, aufstrebten gegen einander, wölbten sie sich nicht einander entgegen? Hätten sie nicht zu einem Kuppelbau helfen können für das eine große deutsche Wollen?

Von mir zu Dir sollte die große Einheitslinie reichen. Gewiß, wärest Du nicht ein Weib gewesen, mir ein Wohlgefallen und eine Sehnsucht, meine Blicke hätten nicht immer und immer zu Dir den Weg genommen, unbeirrt, hinüber über all die Fluten, die zwischen uns und gegen uns brandeten.

Zu Herrn Knubart hätten sich von mir nicht diese Fäden gesponnen.

Nun, da Du hinsankst, ist die Brücke eingestürzt -- ob sie leicht war, von schönen Träumen gehalten, sie war doch, und fester wäre sie geworden, und einmal hätte sie getragen. Die Brücke ist zerstört und die Fluten branden weiter.

Hat es Sinn, gegen sie anzukämpfen, sie einzudämmen, mit neuen Brücken sie zu überspannen? Der innere Feind! Steht er nicht als Verhängnis in den Sternen uns geschrieben? Unser unabwendbares Verderben?

Das Tagewerk lag hinter ihm. Schwer und ehrlich hatten sie wieder gescharwerkt. Er ging an den jungen dem Ödland abgerungenen Feldern vorüber. Das Moorkorn, der Hafer, sproß, auch die Kartoffeln zeigten schon ihre kräftigen, bewußten, schwarzgrünen Schößlinge. Es lag wie ein Segen auf den Breiten, und er war nicht froh. Eine Kraft war nun einmal von ihm gegangen, ein Teil seines Lebens war verdorrt, und wieder warf das Verzagen ihn nieder.

Was können wir noch, was wollen wir noch? Haben die Ängste, die Nöte, die Qualen, die Schauer des Krieges und die schlimmeren des Friedens nicht unser Wesen welk und blaß unser Blut gemacht? Wir haben nichts und können uns nichts geben, so viel und heftig wir bei uns anpochen! Sind wir nicht die bekannten Bettler, die an eigenen Türen betteln? Kann von uns der Erlöser kommen?

Er wanderte nach Westen. Über den Himmel zog, da die Sonne sich neigte, der Perlmutterglanz eines brechenden Auges. Da vor ihm lag das Moor. Schatten schreckten über ihn hin, er kehrte sich um und ging zurück, den Goldbergen entgegen. Belastet schritt er und geduckt und blickte nicht auf.

Was huscht da, zuckt und zupft an seinen gesenkten Wimpern? Ein Lichtschein von Osten, da es Abend wird?

Augenflimmern eines überreizten Gehirns -- er hält es der Mühe nicht wert, die Lider zu heben. Aber das Licht pocht und klopft und fordert. Es ist, als wenn jemand das Sonnenlicht mit einer Spiegelscheibe auffängt und ihm schräg gegen den Sehnerv peitscht.

Nun muß er mit dem Blick in die Höhe und da -- oben auf den Goldbergen -- hier sprudelt des Glanzes Quell -- eine Lichtgestalt -- ein Strahlendiadem zu Häupten -- ein weibliches Wesen -- ist es erdgeboren?

Hoch und schlank und königlich -- nie hat auf Erden eine solche Haarkrone geleuchtet! Mit den Lichtern ihres Hauptes spielen die Sonnenstrahlen wie mit Schwestern.

Verzaubert in dem Lichtkegel steht Horst. Jetzt bewegt sich die Gestalt schreitet herab, in den Schatten, die Sonne löst sich aus den Flechten, der Strahlenbann erlischt, Horst ist wieder im Menschenland.

Er geht der hellen Frau entgegen, immer noch tastend, geblendet und unfrei. Sie aber ist die leuchtend junge Unbefangenheit und nimmt ihren Weg gradaus zu ihm.

Da sie vor ihm steht, atmet er erleichtert auf -- all dies Überirdische und Vollkommene hat sich zu einer annehmbaren Wirklichkeit gewandelt. Beruhigende Mängel zeigen sich, das Gesicht hat gar nichts Erhabenes und Verklärtes, die Züge sind nicht einmal schön, nur herzerfrischend offen, und die stahlblauen Augen nicht groß, nicht tief, aber daseinsinnig, die alles, was sie sehen, als eigenes mehr oder weniger selbstverständliches Geschenk an sich nehmen. Die Nase erscheint breiter als sie ist, weil ein kleiner Sattel von Sommersprossen sie deckt. Die prachtvollen, weitläufig gestellten Zähne in dem vollen Mund schlürfen die Lebensluft wie einen köstlichen Trank.