Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 15

Chapter 153,836 wordsPublic domain

Sie nahmen Abschied von dem Alten. Zärtlicher als sonst umfaßte sie ihn, daß er wie ein Betrunkener taumelte und grunzte und herumfuhrwerkte. Dann ging sie mit Horst.

»Bis zur Mühle nehmen Sie mich mit, nicht wahr?« fragte er. »Wir wollen hier auf dem Waldweg bleiben.«

So ließen sie die Baracke weit ab liegen. Lona machte eine Bewegung, dann aber folgte sie seiner Führung.

Lind und still ist um sie der Abenddämmer. Die Luft schweigt. Nur von fernher aus dem Innern des Waldes tönt das Gurren wilder Tauben, die ihre Schlafbäume aufsuchen, in den sanften Rhythmen wie märchenverloren.

Und es verliert sich der Raum in diesem grauen Rinnen und Rieseln, es verliert sich die Zeit. In Vergessenheit schreiten sie, in Wolken, in Schweigen. Wie Traumgestalten.

Ein Ausruhen ist es ihnen in Körperlosigkeit, wohltuend nach dem Ungestüm, den Zuckungen, den Brandungen, in die sie die Zeit geworfen.

Sie haben eine Scheu, dies Land zu verlassen, ängstigen sich vor dem leibhaftigen Wort, wandern weiter in Schweigen.

Die Welt von uns abtun -- alles da draußen versinken lassen -- vergessen die Zeit, die Bedrängnis des Geschehens -- nichts wollen, nichts denken -- nichts wissen -- --

Dann aber, da sie immer tiefer und gedankenloser hinabgleitet, geht durch ihn, durch sein wallendes Blut der leise Schlag des Erwachens.

Sie ist bei dir, allein sind wir miteinander. Um uns ist der gütige Abend. Kostbar ist die Zeit, kostbar und inhaltschwer. Jede Minute atmet schicksalsvoll, in jeder Sekunde pocht das Glück.

Ich bin ausgezogen, Dich zu gewinnen! Herüberholen will ich Dich zu mir! Gerade weil Du etwas Eigenes bist, mit eigenem starken Willen und Leben! Ob ich sonst um Dich werben würde?

So aber werbe ich um Dich!

Und sein Wort leuchtet sieghaft auf: »Ich kehre nicht um bei der Mühle, noch weiter gehe ich mit Ihnen, Lona!« Nun ist sie erschrocken wach.

»Ich will den Abend bei Ihnen sein!« drängt er weiter.

Bei mir -- nicht bei den Kameraden -- nicht auf Deinem Posten --! -- So habe ich Dich in der Hand. Und muß ich nicht -- muß ich Dich nicht in der Hand haben! Daß Du fern bleibst von Deinen Kameraden!

Unsere Feinde seid Ihr. Unschädlich sollt Ihr gemacht werden! Entwaffnet! Das soll und muß sein. Wenn etwas, liegt das in meinem Willen.

Nun sind sie eine Truppe ohne Führer. Das ist gut. Damit haben wir, wir das Spiel gewonnen.

Und daß ich die Macht über Dich habe! Sie auskosten, den Triumph durch alle Sinne sich flammen, sich jagen lassen, durch alle Nerven, alle Fasern!

Noch immer ist die Rache in mir, ungestillt! Und wenn etwas von Deinem Wesen ins Blut mir gehen will -- was bildest Du Dir ein! Träumst Du von zärtlicher Regung! Grausamkeit ist, was sich regt. Wie sie in den Krieg gehört! Grausamkeit, die Lust am Quälen! --! --

Denn Krieg ist und bleibt zwischen uns! Darum -- Dein Leben zerstören ist das nicht mir aufgegeben -- und mein Wille!

Und wie wird Dein Leben zerstört sein! Da der Schlag gegen Dein Haus geführt wird, Du hütest es nicht! Du hast Dich von ihm entfernt -- um eines Weibes willen. So wirst Du es Dir nennen, und wirst daran vergehen.

Und das Weib bin ich!

Uns hat etwas zueinander getrieben, machtvoll, hindurch durch die Fluten, die zwischen uns brausten. Was war es -- was ist es? Gleichviel, was es ist! Wir stehen im Kampf!

Du bist ehrlich gegen mich gewesen, offenherzig, weitherzig und warm, ganz anders wie Deine Gesinnungsgenossen sind. Und es gab einen Klang zwischen uns. Gleichviel -- wir stehen im Kampf. Soll ich meine Freunde verraten um Deinetwillen! Meinen Glauben! Der erste wärst Du, der mich verachtete!

Der mich verachtete -- und wenn ich nun weiter mit Dir wandere durch den Abend in die Nacht -- bedachtsam -- da ich weiß, was Euch bevorsteht -- und Dich fortschaffe von dem Geschehnis, in das Du gehörst mit Blut und Leben -- wird das, was übrig bleibt, nicht der Fluch sein auf mich und -- meine Tücke.

Tücke! Darf ich unser Geheimnis Dir preisgeben! Die Freunde soll ich in Eure Hände liefern! Soll den Tod über sie bringen -- um Deinetwillen! Wahnsinn!

Es braust in ihren Ohren. Sie hört nicht die Worte, mit denen Horst sie jetzt umfängt. Aber sie fühlt seine Hand, wie sie ihre Finger nimmt mit festem Druck.

Was ist es, daß sie sie ihm läßt! Muß sie ihre Rolle weiterspielen? Oder hält sie ehrlich ein ehrliches Geschenk, das sie freut, ein Gefühl, dem sie sich neigt im Gleichklang der Sinne und der Seele?

Immer war Waffenstillstand zwischen uns, immer der Friede. Wir waren über unserem Kampf. Können wirs nicht bleiben? Vergessen die andern -- die Welt -- alles da draußen vergessen. Allein sein miteinander -- allein auf der Welt --

Da -- wie seine Hand ihren Arm greift, bäumt sie sich zurück -- ist es der Widerstand des Weibes, die Furcht vor dem Erliegen -- kurz, hastig, wie bellend stößt sie hervor: »Sie sollten heute abend lieber in der Baracke sein -- und nicht hier bei mir!«

Horst steht und starrt, betäubt. Dann -- ein Blitz zerreißt die Wolken. Er sieht das Geschehen -- er fliegt in die Höhe, als wolle er durch die Luft. Und dann in wilden Sprüngen stürmt er -- über den Sturzacker -- in die Heide --

Und Lona, wie im Ertrinken, greift nach dem Gedanken: so ist nun ehrlich die Fehde zwischen uns angesagt -- ich will zu den Freunden!

Blut auf der Heide

Gradenwegs rennt Horst nach seinem Ziel. Vom Abendhimmel fällt jetzt ein leichter Schein. Wind hat sich aufgemacht, hat die Wolken ausgesponnen, durch den Dunst schimmert es von der feinen Mondsichel und dem helljubelnden Liebesstern.

Einzelne Gestalten -- wie Indianer auf dem Kriegspfad -- heben sich vom westlichen Horizont -- war das da hinten nicht ein kleiner geschlossener Trupp --? Und in dem schwarzen Kieferngehölz -- ein paar mächtige Glühwürmchen zucken hin und her -- Taschenlampen -- das Waldstück ist besetzt. Die Baracke wird planmäßig eingekreist.

Horst fliegt über die Heide. Bricht ein paarmal in die Knie. Da -- Männer vor der Baracke -- Kameraden -- sie sind auf der Wacht.

Keuchend wankt er vor sie hin. »Raus mit den Maschinen!«

»Gott sei Dank!« begrüßen sie ihn. Dankwart, Kunz, Gisbert sind da. In Kunz ist das harte Feuer: »Wir werden ihnen die Reißzähne zeigen!«

Jeder bewaffnet sich für alle Fälle mit Pistole und Gewehr. Horst befiehlt: »Warnungsschüsse natürlich. Nur Warnungsschüsse. Bis zum letzten.« Und noch einmal schärft er ihnen ein: »Bis zum letzten.«

»Heißt, bis die andern uns mit 'ner Kugel holen!« knurrt Dankwart.

»Schad nix. Sterben wir in Schönheit!« knurrt Kunz zurück. »An unserer Sisasentimentalität.«

Die Feinde zögern. »Blockhaus -- Rothäute. Ganz nickkartermäßig wird einem zu Mut.«

Zu lange zögern die Feinde. Die diesige Luft klärt sich auf. Der Himmel gibt Sternenschein. Jetzt sind nur noch zwei Seiten gefährlich. Das weite Schußfeld der Heide vor ihnen bietet keine Überrumpelungs-, keine Angriffsmöglichkeiten mehr. Wenn die Feinde stürmen, kommen sie den Hang herunter und brechen aus den Knickbüschen zur Rechten.

Und nun -- sie brechen aus den Knickbüschen. Horst durchzuckt es: nur von der einen Seite -- nicht auch zugleich von den Hügeln -- soll das eine Kriegslist sein?

Es war eine List. Diese kleine Schar sollte ablenken. Der Hauptstoß sollte von oben erfolgen --

Tak -- tak -- tak -- tak -- tak -- das Maschinengewehr gegen die Stürmenden. Dieses tödlich unheimliche Tacken -- der scharfe Pendelschlag des Verderbens -- die Herzen stocken -- die Reihen wanken -- Rufe -- Schreie -- gereckte Arme -- wirbelnde Glieder -- fliehend stieben sie auseinander.

Jetzt das Gros von der Höhe -- mit wildem Hurra -- das Brüllen soll das Tak-Tak übertönen. Aber scharf reißen diese Todestaktschläge hindurch -- zwei Maschinen auf dieser Seite -- sie arbeiten gegeneinander auf -- überbieten sich -- wetteifern im Verderben --

Wer kann dagegen an! Auch hier stocken die Reihen -- wogen durcheinander -- fluten zurück -- zerflattern in rasender Flucht -- über ihnen pfeifen die Kugeln --

Nur ein kleiner Stoßtrupp, fünf, sechs Mann sind mutig vorgestürmt -- zwei Handgranaten fliegen -- Knall, Rauch, sprühender Sand, Fetzen von Erde -- Handgemenge -- mit einem Kolbenschlag wirft Horst den nieder, der gegen ihn anspringt.

Die andern werden überwältigt und entwaffnet. Vier Siedler sind getroffen, nicht schwer. Der Gegner von Horst liegt besinnungslos. Die Entwaffneten stehen dumpf, geduckt, verbissen. »Geht nach Haus und grüßt Eure Großmutter!« sagt ihnen Kunz.

»Wir wollen -- unsern Genossen mitnehmen!« fordert der eine.

Horst hat Umschau gehalten. Von den Feinden ist nichts mehr zu sehen. Sie fluten nach der Stadt zurück. Von denen ist nichts mehr zu besorgen.

Jetzt trat er ruhig zu dem Besinnungslosen. »Ich glaube nicht, daß er transportfähig ist«, sagte er bestimmt. »Sie müssen ihn schon hierlassen.«

»Er soll mit. Wir tragen ihn --« erklärten die Genossen.

»Was jetzt soll, sage ich hier. Nicht Sie. Er bleibt. Ich hoffe, er ist zu retten. Aber nur so. Einer von Ihnen kann ja seine Pflege mit übernehmen.«

Die Männer berieten. »Wir müssen uns fügen.«

»Ja, das müssen Sie.« So blieb einer zurück, ein Krauskopf mit Mulattengesicht. Die andern gingen wortlos von dannen. Kunz aber, der Abschiedsworte liebte: »Wir bedanken uns auch bei Euch! Daß Ihr uns nicht in Pflege zu nehmen braucht!«

Horst war mit Sellmann, ihrem tüchtigen Sanitäter um den Liegenden beschäftigt. »Schwere Gehirnerschütterung«, sagte der Medizinmann. »Der Schädel ist offenbar ganz geblieben.« Sie trugen ihn hinein.

»Wir werden das Feld jetzt noch absuchen, zur Sicherung«, beorderte Horst. »Und dann -- hoch genug haben wir ja gehalten -- aber vielleicht ist doch noch diesem oder jenem etwas geschehen.«

Kunz führte die Streife. Horst ging in seinen Raum. Er warf sich lang auf sein Bett. Ein paar Minuten Ruhe! Seine Nerven flogen.

Der rasende Lauf durch das Gelände -- dann der Kampf -- und nicht weniger als dies der jähe Sturz aus der Traumwelt, in der er gewandelt -- Lona -- von Deiner Seite in den blutigen Kampf mit Deinen Brüdern, Mann gegen Mann!

Und Du warst es, die mich warnte. Mich, der ich wie blind neben Dir herlief. Der ich mit Dir weiterwandern wollte, hinein in die Stadt. Um bei Dir zu sein, die Du mir lieb geworden bist!

Und wie lieb muß ich Dir sein, daß Du mich wecktest aus meiner Gedankenlosigkeit und auf den Weg meiner Pflicht mich führtest. Meine Pflicht -- die gegen Deine Sache streiten, die ihr die Wunde schlagen mußte! Meine Pflicht, gegen die Deine eigene Pflicht sich erhob.

So hast Du mir Dich aufgeopfert! Und hast Du so Deine Welt nicht hinter Dir gelassen? Keine Heimat gibt sie Dir mehr. Die Fäden sind zerrissen. Du gehörst uns. In mein Leben gehörst Du. Eigenes Heimweh hat in meine Welt, hat zu mir Dich gezogen -- nun halt ich Dich fest! Nun bist Du mein!

Hohl klingt ein Murmeln an die Wand des Schuppens. Wälzt sich dumpf, düster und schwer. Legt sich ihm auf die Brust wie ein Mar. Was friert ihm so ins Blut? Was schauert ihm so durch die Seele?

Er springt auf und tritt hinaus in den Gang, tritt vor die Tür. Die Streife kehrt zurück. Sie tragen jemanden. Kunz geht voran. Horst ist bei ihm. »Eine Frau«, sagt Kunz, weiter nichts. Seine Augen sagen mehr. Horst aber weiß es längst, was er jetzt sieht. Lona. Und sie ist ohne Leben.

Er weiß es, er sieht es -- und glaubt es wieder nicht. Seine Hände irren über ihr eisiges Gesicht -- sie wollen sich irren -- sie rühren, sie fassen den Tod.

»Lo-na.« Seine Zähne klappern. »Lo-na.« Zerrissen ihr Name. Ihr Wesen zerfallen. Zerbrochen ihre Form. Ihre Seele entflogen.

Ein Schuß mitten durchs Herz.

Und jetzt die Fragen der andern: War sie selbst unter den Stürmenden gewesen? Dann am alleräußersten Flügel. Oder hatte sie als Zuschauerin abseits gestanden? Kugeln irren sich so gern.

Horst hatte seine Antwort. Hergeworfen -- hergewirbelt hat es Dich -- nicht ein Gefühl allein -- Du mußtest dabei sein -- nicht bloß sehen, es mit erleben -- ein Schuldbewußtsein flocht Dich in die Reihen der Genossen -- und doch Deine Gedanken flogen ihnen voraus. Sie waren bei mir -- sie suchten mich -- in schmerzlichem Verlangen --

So war es. Steht es nicht so in Deinem Gesicht geschrieben? Ist all das Zerwühlte nicht zur Ruhe gebracht? Schwebt darüber nicht etwas wie die weiche, bebende, sorgende Zärtlichkeit des Weibes?

In der Halle war die Leiche niedergelegt. Horst hielt bei ihr die Totenwacht.

Unwirklich war ihm noch alles. Wie trunken machte ihn der Schmerz. Seine Fieber taumelten wie in den Visionen einer Dichtung.

So umgeisterte ihn alles, was er mit Lona erlebt hatte -- seit der ersten Stunde, da sie sich fanden. Wie er sie das schöne, böse Raubtier sich nannte, in der Versammlung -- als sie zum Sprunge gegen Herrn Borkhus sich duckte, den Zerbrecher ihres jungen Glücks. Wie sie ihre überhitzte Schulmeinung ihm ins Gesicht sprühte: deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff! Blieb sie in der Öde solcher Verstiegenheit? Fing sie nicht an, auf ihre heimatlichen Wurzeln sich zu besinnen? Langsam -- Geduld mußte man mit ihr haben --

Als er aus der Kirchhofshaft sie befreite, da starrte sie noch in Waffen gegen ihn. Aber wie der alte Lud dann ihr Wesen ihm gedeutet hatte -- je mehr er sie begriff, um so näher rückte sie ihm, um so näher rückte er ihr. Was sie auf der Landarbeiterversammlung sprach, Klänge aus der Tiefe, die in ihm widerhallten. Und wie sie beide bei Lud sich fanden, sich etwas zu sagen und zu geben hatten -- bis sie in der großen Offenbarung ihres Orgelspiels mit allem, was in ihrer Seele flutete und brauste und kämpfte, verzweifelte und zum Licht sich aufbäumte, mit den schmerzvoll heiligen Feuern ihrer Seele ihn überwältigte.

Du suchtest den Weg, der Dir verschüttet war -- Du fandest ihn über Trümmer, einen schmalen Pfad -- ich durfte die Hand Dir entgegenstrecken, Du wolltest sie ergreifen --

Und jetzt abgestürzt -- zerschmettert -- zerbrochen --

Und nicht mehr rollten die Bilder an ihm vorüber, wie Szenen eines Schauspiels, das ihm als Zuschauer den Atem versetzte -- die Wirklichkeit riß ihn aus dem Rausch der Todesnähe, das Leben, sein Leben packte ihn an -- ein Teil von seinem Leben war ihr Tod. Ein Teil von ihm war mit ihr gestorben.

»Lona« -- er umspannte ihre kalten, welken Finger. Vor ein paar Stunden hatte er sie noch gehalten -- wie pulsten sie in seiner Hand, wie pochte ihr Blut an das seine! Jetzt ist der große Abgrund zwischen uns, über den nur die Todesfittiche tragen. Und Du bist auf der geistigen Seite.

Du blasse Lona -- nicht mehr das schöne, böse Raubtier -- o nein -- ein schöner, guter, verklärter Geist -- nicht mehr ans Irdische gefesselt, nicht mehr dem Körper verhaftet, jetzt hast Du Dir das Jenseits erobert, das Dich so quälte. Jetzt sind die Schleier gefallen, die Geheimnisse enthüllt -- jetzt siehst Du den Sinn der Welt. Des Lebens! Des Lebens vor dem Leben. Des Lebens nach dem Sterben.

Und hat das alles seinen Sinn -- was ist sinnvoll anders als gut? Der gute Sinn, der große gute Sinn des Lebens, der große gute Sinn der Welt.

Kann der Tod ihn uns verdunkeln? Führt er nicht gerade, was in uns, den Überlebenden, stark und echt und treu ist an Liebe und Kraft, an Fühlen, Denken und Wollen, empor zu der Höhe eines Gelöbnisses!

Sich treu bleiben! Seinem Fühlen und Willen treu bleiben! In seinem Fühlen und Willen sich klären! In seinem Fühlen und Willen sich vollenden!

Wieviele Kameraden hat Horst begraben! Vor jedem Toten hat er so gestanden, gehoben, gesteigert, beflügelt in seinem Wesen, gefestigt in einem Schwur. So strömt uns neue Kraft zu von unseren Toten. So sind die für uns gestorben, die uns lieb waren.

So bist auch Du für mich gestorben, Lona. Die Du mir feind warst, die ich Dich lieb gewonnen. Tränen schauerten durch ihn hin. Da machte er sich hart.

Sich treu bleiben, seinem Fühlen, seinem Willen treu bleiben. Und so in die Höhe wachsen, aus sich, in sich, zu sich selbst empor! Er stand aufrecht und frei, von seiner Andacht geweiht.

Kunz kam herein. Er berichtete, der Verletzte wäre zu sich gekommen, finge an zu toben, wollte nicht länger bleiben.

Horst ging zu ihm. Er lag, den Oberkörper aufgerichtet, die Hände krampfhaft aufgestemmt -- das wirre Haar hing ihm in irre Augen -- »ich laß mich nicht einsperren -- schlagt mich tot -- ich laß mich nicht quälen --!«

Jeder sah, daß an ein Fortschaffen nicht zu denken war. Auch der Mulatte schüttelte den kugelrunden Kopf.

Horst sprach ruhig auf ihn ein. »Sie sind krank und hilfsbedürftig -- wer wird Ihnen was zuleide tun! Sie werden hier gesund gepflegt. Wenn Sie sich ruhig verhalten, können Sie vielleicht morgen schon nach Hause.«

Ruhiger wurde er, von den Worten, von dem Stimmklang. Aber in den Augen ging es noch weiter um. Dann sah und erkannte er den Genossen. »Was tust Du hier? Bist Du auch gefangen -- schämst Dich nicht -- kannst rumlaufen -- ich -- den schweren Kopf -- den -- schweren -- Kopf --«

Jetzt sank er zurück, zuckte noch, und dann kam der Schlaf über ihn.

In der Baracke ging man zur Ruhe. Ein guter Teil der Nacht war vorüber. Horst mit zwei Kameraden hatte die Wache bis zur Frühe übernommen. Die beiden machten es sich im Eingang bequem. Er, im Mantel, setzte sich auf die Bank vor der Tür und wartete den Morgen entgegen.

Müde gingen seine Gedanken ein in die große Sternenstille. Müde und demütig. Ihr Sterne, ich kann Euch nicht einmal zählen. Wie soll ich Euch begreifen? Funken der Ewigkeit ihr --! --

Mein Erdenschicksal -- ein Staubkorn nur dieser kleinen Erde und mir so wichtig und schwer --

Und doch -- ich bin nicht verloren -- ich bin in der Unendlichkeit -- und darum die Unendlichkeit ist in mir -- in mir das Ewige -- den Stolz des Lebens, ich darf ihn fühlen. So darf ich in die unermessene Höhe sehen, ohne zu verzagen. Darf an ihr wachsen, in sie wachsen, denn sie ist mein.

Im Osten zog sich ein fahler Streif, an dem die Sterne verblaßten. Der Morgen rieb sich die Augen. Vom Westen her, wo das nächtige Dunkel noch fest lag, schob sich langsam eine mächtige Gestalt. Ein dumpfes Murmeln, gebändigt und doch ein Donnerrollen, verkündete ihr Nahen. Nur einer konnte so brummen -- und jetzt kam er in Sicht -- Horst stand auf, ihn zu empfangen. Lud Uhlenbrook war es.

Konnte er wissen, was geschehen war? Zog ihn nur dunkle Ahnung her? Es war Ungewißheit, was ihn quälte. Froh packte er Horstens Hand. »Was hab ich bloß zurecht geträumt -- von Schlacht und Schießerei. Hin und her hat es mich gewälzt. Gut, daß ich Sie finde!«

Nun stutzte er über des Freundes Haltung. Der sagte dann still: »Sie haben nicht geträumt.«

»Und ist was passiert?«

»Ja.« Dies eine Wort, so schwer von dem Geschehenen, öffnete ihm den Blick.

»Was mit Lona?«

»Wir haben sie hier.«

Der alte Mann sank vornüber -- seine gewaltigen Hände jappten hilflos wie zwei Riesenfischköpfe auf Land. Dann trottete er ächzend ins Haus. Horst ihm nach führte ihn in die Halle. Der Morgendämmer zeigte ihm die Tote.

Lud Uhlenbrook stöhnte auf, einmal -- dann summte es in ihm, so wie der Wind in hohen Drahtleitungen summt -- dann ward er selbst totenstill.

Und jetzt, mit einer urlangsamen Selbstverständlichkeit nahm er die Tote wie eine Puppe auf den Arm. Nichts Wildes war dabei, nichts Wirres. Nur die große Sicherheit seines Tuns.

Wortlos trug er sie hinaus. Trug sie über die Heide. Fahl und wie klagend zog der Morgenschein hinter ihm her -- den übermenschlichen, gespenstigen Leichenträger.

In Horst lehnte es sich auf. Mein Eigen -- ich laß es mir nicht nehmen!

Ihm nachstürzen will er -- und erschrickt vor seiner Jachheit. Soll ich ihn niederwerfen -- ihn mit der Toten! Soll ich um sie mich balgen mit dem alten Mann!

Wallt er nicht dahin, so wie die Notwendigkeit schreitet! An die sich nicht rühren läßt --! Und ist hier nicht Liebe am Werk? So wollen wir in der Gemeinschaft bleiben, wir drei.

Recht ist ja, was Du fühlst und tust! Nicht in die Baracke gehört sie, die ihr verhaßt und die ihr feindlich gesinnt war -- in Dein stilles Haus, das ihr eine Heimat gewesen. Da soll sie aufgebahrt werden. Da wollen wir ihr die Totenfeier rüsten. --

An diesem Tage erholte sich der Betäubte so weit, daß er das Siedlerhaus verlassen konnte. Es war der Leiter des Überfalles selbst, der Werkführer Stahlboom.

Die Siedler hatten den ganzen Tag hart gearbeitet, auf dem Felde, in der Ziegelei, auf dem Moor. Gedenkreden auf den gestrigen Tag hatte das Schaffen befeuert. Man erzählte sich, daß die Angreifer mehrere Verwundete heimgeschleppt hätten. Das eine Maschinengewehr gegen den Abhang hatte nun doch nicht hoch genug gehalten. Wer hat auch in solchen Augenblicken Nerv und Hand so in der Gewalt? Der Tod hatte nur das eine Opfer sich geholt -- die Frau -- Lona.

Mehr als ein Auge suchte Horst wieder auf. Der war am Werk wie nur je, selbst der Fleißigste und Härteste. Daß sein Gesicht blaß war, daß die gerade Falte zwischen den Brauen sich tiefer prägte -- wer von ihnen trug nicht an dieser Nacht! Und enger waren sie aneinander gerückt, dichter war die Reihe geschlossen, Kameradschaft war Trumpf.

Wie sie Feierabend gemacht hatten, trafen sie den Pflegling bei Gehversuchen vor der Tür. Als der Anführer wußte er, was er sich schuldig war. Er wartete auf Horst, trat ihm in guter Haltung festen Auges entgegen und sagte klar: »Ich danke für Pflege und Quartier. Mein Wunsch ist, einmal -- Gleiches mit Gleichem zu vergelten.«

Es war nichts Verstecktes darin, kein lauernder Hohn, es hatte seine offene Bedeutung. Und Horst gefiel diese Art. Saubere, ehrliche Feindschaft! Damit ließ sich etwas anfangen. Darauf ließ sich sogar aufbauen. Nur das Heimtückische zerrüttet.

Feier

Und jetzt kam für die Siedler ein großer, freudenvoller Tag. Der Grundstein zum ersten Siedlungshaus wurde gelegt. Findlingsblöcke sein Fundament.

Es gab eine stille Feier, zu der Frau Tilde, Pastor Waermann und Vita sich einfanden. Horst sprach: »Auf Steinen wirst Du errichtet, Du unser erstes Haus, die der Norden uns zugeführt hat. Der Norden, die große Heimat der deutschen Stämme. Der harte, helle Norden, der noch heut die deutsche Art am treuesten hegt. Wo die Männer von je frei, stolz und ungebeugt den Nacken hielten. Keine Knechtschaft duldet der Nordlandschein. Reden sollt ihr, ihr Steine! Zeugen sollt ihr uns sein, Eidhelfer! Ein deutsches Haus sollt ihr tragen! Deutsche freie Männer sollen in ihm wohnen!«

Pastor Waermann sagte seinen Spruch: »Auf diesem Fels wollen wir eine Kirche bauen! Eine deutsche Kirche! Jede Andacht, jedes Gebet in ihr, jeder Gedanke, jeder Wille in ihr: die deutsche Freiheit!«

Und Frau Tilde weihte das Haus: »Über dem Altar der Spruch der Gemeinsamen: Ich lebe in Dir -- Du lebst in mir!«

Vita aber flammte empor: »Der Altar dieser Kirche soll ein Amboß sein! Schwerter zu schmieden!« Ihre Katzenaugen sprühten von funkelndem Phosphor, die Worte sprangen und splitterten in ihrer mutierenden Knabenstimme. Alle freuten sich ihres Überschwanges, der so kindlich war und doch aus schmerzlicher Tiefe loderte.

Die Maiensonne meinte es gut. Sie saßen zu einem kleinen Imbiß vor der Baracke im Freien nieder. Von dem Kampf sprachen sie, von Lonas Tod. Ein Schweigen ehrte die Heimgerufene. Keine Frage rührte an Horstens Versunkenheit. Jetzt gab Pastor Waermann zu bedenken: dieser Waffengang werde weithin alle Geister beschäftigen. Wollte die Siedlung ihre Maschinengewehre retten, müßte sie sie verstecken.

Kunz stimmte lebhaft zu. Er wußte die Plätze dafür -- zwischen den Steinplatten der Hünengräber, die wieder zugeschüttet würden -- in der Gruft bei Herrn von Borkhus, unter seinem Sarge.

Horst lehnte ab. »Wir verstecken die Waffen nicht.« Die Linie zwischen den Brauen gab Zeugnis.

Dankwart und Kunz schüttelten den Kopf. War Lonas Tod ein Gewinn?

Dann ließ es Frau Tilde sich nicht nehmen, in die Stallungen einen Blick zu tun. Gisbert, der hier Zuständige, übernahm die Führung.