Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht
Part 14
So hart macht sie sich selbst, so bitter hart -- und sie spricht hastig, sich überstürzend die Antwort auf Knubarts trächtige Frage: »Herr Oldefeld hat bewirkt, daß ich in Moordorf die Orgel spielen darf -- er hat auch schon einmal zugehört. Wir haben einen gemeinsamen Freund, den alten Torfmeister. Bei dem auch er Sonntags nachmittags sich einzufinden pflegt --«
»Sonntag nachmittag«, wiederholt Knubart schwer. Und alle begreifen gleich.
Der Werkführer erklärt: »Dieser Sonntag -- um Neumond herum sind wir, dunkel ist es -- der Abend ist für den Sturm die gegebene Zeit. Der liebe Sonntag ist ja den lieben deutschen Seelen als Ruhetag in Fleisch und Blut übergegangen -- den Tag zum Biertrinken und Spazierengehen, den suchen wir uns aus. Und wenn der Führer dann auch bis zum späten Abend aus dem Hause ist --«
Weiter kein Wort. Ein Blick auf Lona, und sein Instinkt warnt ihn, mehr zu sagen. Sie alle fühlen es: kein Wort mehr. Sie kennen Lona -- ihre klare Härte -- die so spröde ist, wie das zarteste Kristall. Nichts von ihr, als was ihr Wesen selber ihr befiehlt, im Augenblick der klaren, harten Entscheidung. Blank und ehrlich ist nur die Tat.
Militärische Besprechungen schlossen die Tagung. Nachrichten aus den andern Lagern sollten abgewartet werden. In zwei Tagen mußte es sich endgültig entscheiden, ob der angesetzte Schlag Sonntag geführt werden sollte.
Dann kam es: die endgültige Entscheidung fiel auf den Sonntagabend. --
Gisbert war wieder in der Baracke. Er war noch nicht ganz genesen, aber wie aus Selbsterhaltungstrieb sehnte sich grade das Zerfließende seiner Art nach dem Bandeisen harter Arbeit.
Die Aufsicht über die Stallungen war ihm jetzt zuerteilt. Der Erste war er in der Frühe auf den Beinen, auch heute am Sonntag fand das Morgenrot ihn wach. Er ließ die Hühner aus dem Stall, sie stammten meistens aus Mönkhov, ein Geschenk von Frau Tilde. Es war seine Freude, für seine Gedanken, die längst bei ihr waren, in allem, was um ihn lebte, Trabanten, Pagen und Schleppenträger zu finden.
Jetzt ging er in die Heide. Auf einen ihrer Hügel stellte er sich. Seine Blicke beteten zur aufgehenden Sonne. Unwillkürlich breitete er die Hände aus, die Gnadenspende des Lichtes zu empfangen. Dann setzte er sich und lehnte sich hin. Und seine Sinne hoben sich in den wachsenden Schein. Sie gingen den Weg ins Tor der Unendlichkeit.
Ich suche das Ewige. In mir ist es und um mich ist es. Daß sich beides vereine und durchdringe ist des Lebens, ist meines Lebens Sinn.
Das Bewußtsein des Unendlichen in mir! Das gehört zu mir, wie das Licht zu der Flamme, die in mir brennt.
Der Unendlichkeit! Der ewigen Freude, ja der Freude, aus der alle Wesen geboren sind. Durch die sie erhalten werden. In die sie wieder eingehen.
So befreie ich mich aus dem Schmerz, dem Gefühl der Endlichkeit in die Güte des Alls. So löse ich mich in mein größeres Selbst.
Dahin trug Gisbert die Morgenandacht seiner Seele. Wir sind Nichts, was wir suchen ist Alles!
Und wie er zurückkehrte in die Welt körperlicher Gedanken, empfing ihn das Glück: ich suche ja nicht allein diese Straße des Lichts, Deine Sehnsucht, Du meine Freundin, geht denselben Weg.
In seinem Herzen, auf seinen Lippen formten sich die Worte seines Hohenliedes.
Die Gesänge meiner Gedanken, solange sie atmen, suchen sie Dich! Ich grüße den Morgen, mit der Frohheit des Wachens -- mit den selig sachten Schatten der Müdigkeit grüß ich den Abend, den Vater der Nacht, mit seinen Enkeln, den Träumen. Meine Träume flüstern Deinen Namen und lauschen seinem Klange nach, und flüstern ihn wieder und lauschen -- und flüstern und lauschen. So ist meine Nacht beseelt von Deinem Wesen, wie mein Tag erfüllt ist von der Gewißheit Deiner Nähe, von der Seligkeit, daß Du bist --
Aber nun, all seine Sinne schwingen ein in den Rhythmus, und ihre Stimmen singen leise mit. Das Bild der geheiligten geliebten Frau zaubern sie herbei. Ihrer Augen tiefe Gewalt leuchtet auf, das weiche Haar fällt über die mädchenhaft versonnene Stirn, die feine Hand mit den seltsam festen Linien streicht es zurück. Ihre Hand -- wie oft, wie lange kann er still liegen und nur an ihre Hand denken -- in der ihre Seele ist und auch die Kraft ihres Schaffens. Diese Hand, so voll von Musik und doch für sichere Zügelführung begabt.
Und wie in seinen Träumen flüstern jetzt die wachen bewußten Lippen den Namen »Tilde« -- »Tilde« --
Ein Schritt pocht auf die Erde. Gisbert fährt zusammen -- wendet sich um. Kunz steuert auf ihn zu, in müdem Schlendern. Hockt sich dann neben ihn und gähnt sich erst einmal aus.
»So früh heute und das am Sonntag!« fragt Gisbert.
»Weiß der Frühling, was das mit mir ist! Mich flieht der Schlaf -- mich! Was liegt da in der Luft? Du mußt es wissen, der Du selbst in der Luft liegst, Du Ätherbewohner.« Er blickt um sich: »Ist das ein böses, rotes Licht da auf der Heide! Zeichendeuter wird man -- Geisterseher -- was hat man bloß!« Dann schlang er den Arm um den Freund und sah ihm herzlich ins Auge. »Du, lieber Junge, wirst nun allerdings immer magischer. Darf man Dich denn schon wieder frei herumlaufen lassen?«
»Warum nicht?«
»Man wird nun mal die Sorge um Dich nicht los. Sehr viel Blut hast Du nicht mehr herzugeben.« Er nahm seine blasse Hand. »Und dann --«
»Was noch?«
»Die Angst -- ich kann mir nicht helfen -- Du könntest Dich nun ganz -- drei Kreuze vor dem Wort und vor der Sache! -- im Pazifismus Dich verblutet haben.«
»Pazifismus -- ich fürchte mich nicht vor Worten, Kunz.«
Bei dem kam das Unwirsche seiner Morgenfrühe jetzt obenauf. »Ah! Wir wollen Siedler sein? Arbeiter eines Geistes an einem deutschen Werk? Eine politische Menagerie sind wir nächstens.« Wegwerfend schmiß er die Hand nach der Baracke zu. »Alle Gattungen findest Du jetzt in dieser Arche Noäh beisammen. Wenn ich nicht Schimpfworte vermiede, würde ich sagen, wir sind ein Parlament!«
Gisbert schwieg. Kunz bürstete weiter seinen Grimm. »Weltanschauungen! Haha! Was haben wir bloß für Weltanschauungen im deutschen Land! Alle, die es gibt und nicht gibt. Bloß die deutsche nicht. Seit Horst zum Universalgenie geworden ist, flattern wir nun alle lieblich im gütigen All. Leb wohl, deutsche Erde!«
Gisbert schwieg noch immer. Das machte Kunz nicht freundlicher. »Warum legen wir Siedlungsmönche denn nicht ehrlich und vorbildlich das Gelübde des Geprügeltwerdens ab! Warum kleben wir nicht das Wappen der friedfertigen Seligkeit an unser Haus, die geschwollene rechte und auch linke Backe! Ohrfeigengesichter wir, als Vorkämpfer des deutschen Pazifismus! Denn wenn es nichts mehr gibt, einen deutschen Pazifismus gibt es! Und weißt Du, wie der geht? Wir versöhnen uns, versöhnen uns mit den andern -- und die andern dreschen auf uns los! Das ist deutscher Pazifismus, nach unserem eigenen und der ganzen Welt Beschluß!«
Der zuckende Zorn lief durch seine Glieder. Gisbert wußte, wie er litt, er sprach jetzt mit seinen stillen, ein wenig hilflosen Worten: »Wir wollen ja dasselbe, Kunz. Nur auf anderem Wege wollen wir zu demselben Ziel. Es ist gut für Deutschland, daß es Euch gibt. Aber auch uns gibt es nun einmal. Und wir müssen uns ergänzen --«
»Müssen wir, was wir nicht können! Ergänzen heißt ganz machen! Ganz -- mit Euch, durch Euch, die Ihr uns zermürbt! Nihilisten seid Ihr, die passiven, die schlimmere Sorte! Was habt Ihr Euch in Asien herumzutreiben! Die wir heute mehr als je -- die wir heute nur und nur und immer und weiter nichts als zu uns selbst kommen müssen! Was nehmt Ihr uns die Heimat des Herzens! Was verdünnt Ihr uns bis zur Erschlaffung mit Euren dreimal vermaledeiten Wassern des Ganges unser ehrliches eisenhaltiges deutsches Herzblut!« Seine Hände packten ins Heidekraut, rissen die Büschel aus und warfen sie in die Luft.
Da Gisbert ihn unbeirrt ansah -- »Du verzeihst mir, mit Deinen Gazellenaugen. Gütig seid Ihr und liebevoll, aber nur aus Schwäche seid Ihr es. So geschieht's, daß Ihr für alles Verzeihung habt, nur nicht für Tugenden, für männliche! Nur nicht für Kraft! Und darum -- gefährlich mögt Ihr sein, aber an den Kern unseres Wesens, nein, an den rührt Ihr uns nicht!«
Nun hatte Kunz sich vollends wieder. »Ihr haltet unsereinen für dumm. An unserer Dummheit liegt es dann wohl, daß Eure Klugheit uns nicht aufgehen will. Herrgott, ist das eine baumwollene Weisheit, die Ihr aus dem Lande der Baumwolle bezieht! Phrasen! Nichts als Redensarten von platzend hohler Allgemeinheit! An ihrer Spitze die große Heilslehre: »Gutsein heißt das Leben aller Leben!« Oder die erlösende Antwort auf die ewige Frage: welches ist der Weg zur Wahrheit? »Die wechselseitige Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen!« O verfluchter Tiefsinn heiliger Abstraktion! Was soll ich damit? Wo ist hier Leben, Wärme, Licht, wo ist hier Liebe? Und Ihr wollt uns das »verbrauchte« Christentum ersetzen! Gebt mir, so gebt mir doch aus Eurer Fülle! Habt Ihr etwas, in dem großen heimatlosen Weltraum Eurer leer leuchtenden Unendlichkeit, was gegen den kümmerlichsten Lichtstumpf des ärmsten Tannenbaums in deutscher Hütte nicht hilflos verblaßt und erlischt und erstirbt!«
»Alles Licht leuchtet dem Einen --«
»Alles -- ja -- wo nichts ist, da sagt man alles! Und fühlt sich gerettet. Luft -- Luft gebt Ihr statt Brot. Und wär diese Luft nicht noch mit Getöse erfüllt! Ihr Stillen des ewigen Friedens, gut, Ihr habt wenigstens Stil. Aber diese Brüller des Pazifismus! Die mit furchtbar krampfhaften Verrenkungen des Leibes, der Seele und des Worts, Schaum vorm Munde und in ihren Versen, ihre Flüche und ihr Wehe schreien! Schnaubende Racheengel, tosende Kriegsfurien der Friedfertigkeit! O Du Grundgütiger! Wer einen Bauch hat, hält ihn sich!«
Gisbert blickte still in den Freund hinein. »Du nennst mich überschwenglich, Kunz -- bist Du es nicht auch? Und wenn nun unser Überschwang aus einer Quelle fließt --«
»Verallgemeinere mich nicht!« stöhnte Kunz zornig.
»Verallgemeinern --? Ist es so schlimm für Dich, wenn ich uns beide zusammenspanne?«
Gisbert hatte den reinen Herzenston. Kunz war bezwungen. »Kerl -- wenn Du nicht so ein unwahrscheinlich anständiger Mensch wärst! Hauen möchte man Dich manchmal -- und haut dann lieber sich selbst. Herrgott -- laß Dich meinetwegen schaukeln von der Rhythmik der Ewigkeit, aber brauch auch die Fäuste, die Dir Gott verliehen hat! Du darfst nicht so viel mit Dir selbst zusammenhocken! Mit Dir und mit Deiner Gesinnungsgenossin! Dieser herrlichen Frau von Mönkhov! Sie ist herrlich -- aber Eure Seelennähe schadet Dir.«
»Kunz --« man hörte in Gisbert die feinsten Saiten schwirren.
»Verzeihung -- ich weiß -- _mulier taceat in ecclesia_ -- über die Frau schweigt man wie in der Kirche. Aber sieh, Freundschaft muß nun einmal reden. Und nun will ich Dir was sagen. Komm heute nachmittag mit mir ins Moordorfer Pfarrhaus.«
»Das will ich gern.«
»Du sollst Vita kennen lernen. Ihr werdet erschrecken voreinander. Du vor der fanatischen Enge ihres geistigen Ziellebens, vor der jungenhaft trainierten Muskulatur ihres vaterländischen Sinnes. Sie vor Deinem überweltlichen Sonnenkultus. Aber wenn Ihr beiden feindlichen Mächte -- wenn Ihr Euch gegenseitig einander in die Arme schrecktet --! --«
Er hielt inne, sein Atem setzte aus, seine Augen waren qualvoll. Gisbert ahnte, daß hier eine Leidenschaft sich grausam gegen sich selbst entflammte, er nahm wortlos Kunz bei der Hand. Und der Händedruck sagte: Dein liebes Mädchen ist sie, und ich bin Dein Freund -- und dann -- längst hat mein Geschick sich erfüllt.
Dankwart tauchte auf. Wandelte durch die Morgenluft, erfrischte seine Erfinderstirn. Er bog auf sie zu. »Wie sieht die Heide aus? Sie dampft in dem roten Schein. Blutdampf sagt man dazu bei uns zu Hause. Jede Heide hat Blut gesehen. Raucht sie so rot, gibt es neue Bluttaten.«
Die Heide, die seine Heimat war, machte ihn redselig und phantastisch. Er hatte seine Ahnungen, wie Kunz. Gisbert aber war mit seinem Geist über den irdischen Visionen, die aus dem Boden rauchen. Dankwart erzählte, der Balbutz war gestern in der Stadt. Er hat die feine Nase. Und hat sowas von Verschwörung gerochen -- Verschwörung gegen uns.
Es war dann an der Morgentafel davon die Rede. Die Anzeichen wurden geprüft. Horst nahm sie nicht schwer. Was sollte ihnen geschehen? Die Maschinengewehre bereitgestellt -- stets die nötige Mannschaft in oder bei der Baracke -- die andern immer in erreichbarer Nähe -- dann müßten die Angreifer schon zu Hunderten über sie einbrechen. Das aber sei der große Bürgerkrieg, und der komme nicht über Nacht.
Immerhin -- die Vorsicht wollten sie natürlich nicht außer acht lassen. Und je mehr heute am Sonntag häuslich blieben, um so besser.
Kampf
Horst ging am Nachmittag zum Torfmeister. Lona würde da sein. Käme sie nicht, würde das freilich zu denken geben. Wäre etwas gegen die Siedlung geplant, sie wüßte davon. Und niemals würde sie durch ihr Erscheinen ihn in Sicherheit wiegen.
Dann also hieß es auf der Hut sein. Aber erst dann.
Die Sonne hatte sich versteckt. Die Luft war still, grau und lustlos. Die Singvögel schwiegen und hielten sich verborgen. Von der Niederung her riefen grämlich unsichtbare Brachvögel. Ein Turmfalk rüttelte über der Heide.
Nach den Dünen wandte sich Horst. Er wollte einen Blick über die See werfen. Tückisch lag sie da, wie tot. Ein blinder Glanz war über sie gegossen, bleiern und giftig -- gebändigt, gefesselt, gestorben der freie Rhythmus des großen Wassers.
Das war keine Erhebung. Er kehrte schwer und traurig in die Heide zurück. Sonne hätte ich heute gebraucht und schäumende Wellen unter blauem Himmelslicht! Wie mit Asche bestreut ist die Welt. Wir büßen -- wir büßen --
Und er schritt dumpf und gebückt --
Dann hob er sich empor. So darfst Du nicht weiterschreiten. Du willst helfen und keuchst selbst trostlos unter Hilfsbedürftigkeit. Freimachen willst du und schleppst dich lahm an deinem Verzagen. Wenn irgendwo, brauchst du hier deine gläubige Kraft.
Lona -- ja -- um Dich geht es jetzt. Ich weiß, daß Deine Starrheit von Dir abfallen will. Du selbst suchst, was Dein Dogma Dir nicht geben kann. Wärme brauchst Du -- Zärtlichkeit brauchst Du -- denn Du bist ein Weib, ein junges Weib. Und meine Zärtlichkeit wirbt um Dich.
Ich betrüge mich selbst nicht länger mit dem, was Dir längst kein Geheimnis mehr ist. Und was Du selbst nicht mehr von Dir weisest, ob Du zuerst ihm widerstrebtest. Wir wollen zueinander. Es ist etwas, was uns zueinander zwingt.
Und -- ist etwas, was Dich herausschauen läßt aus der Gedankenwelt, in der Du Dich verbarrikadiert hast mit dem Haßgefühl, das jetzt gestillt worden -- etwas, was Dich erhebt über die Mauern, das Schanzwerk -- etwas, was die Burggräben Dich überfliegen läßt. Du bist dabei, Deine Welt zu überwinden. Diese Welt, aus Papier gebaut, aus Gedanken gefügt. Ein System! Das Heimweh, das deutsche Heimweh ist in Dir.
Und an meiner Hand wirst Du hinausgeführt werden in das deutsche Leben! Ich will Dir helfen. Meine Sinne sollen sich bescheiden. Es gibt mehr in mir als Begehrlichkeit, die in den laschen Seelen das Starke ist -- Besseres, Machtvolleres. Erst die geistige Erfüllung soll auch den Sinnen das Glück bescheren.
Aber sie dürfen hoffen, sie dürfen wünschen. Sie leben und haben ihr Recht am Leben. So trug es jetzt seine Tritte. --
Kunz wollte mit Gisbert am Nachmittag im Moordorfer Pastorenhaus den Besuch machen. Da sah er etwas, was ihm nicht gefiel.
Einzelne Ausflügler aus der Stadt wurden auf den Goldbergen sichtbar. Beschauten sich die Gegend, zeigten sich dies und das. Betonten ihre Naturliebe, legten die schöne Aussicht sich wechselseitig ans Gemüt. Möglich, daß sie harmlos waren. Möglich auch, daß sie Kundschaft trieben. Halten wir die Augen offen! Warten wir, ob es einen Gang der Handlung geben wird.
Nun zwei Familien mit Kindern -- sogar ein Kinderwagen ist dabei -- steuern treuherzig auf die Baracke zu. Lagern sich unweit von ihr im Freien -- wozu es eigentlich noch zu kühl ist, da die Sonne fehlt. Holen ihre Atzung hervor, ziehen Thermophorflaschen aus den Kinderwagenkissen.
Die Kleinen laufen herum, sehen die Hühner und den vornehm wie ein ehernes Bildwerk ruhenden Muz. Zutraulich kommen sie näher, mit dem Hund möchten sie spielen. Der aber ist nicht kinderlieb und blickt sie nur wachsam unnahbar an. Mit den stumpfsinnigen Hühnern läßt sich keine Kameradschaft schließen -- die Kinder möchten wissen, was für Getier da hinter den Stallwänden sitzt. Sie drängen sich vertrauensvoll an die Bretter und hoffen auf eine Ritze.
Jetzt treten die Erzeuger in Tätigkeit. Sie kommen die Anhöhe herunter. »Dürft ihr denn das?« Und dann wenden sie sich höflich zu Kunz, der zum Ausgehen fertig vor der Baracke sitzt und auf Gisbert wartet. Er faßt sie ins Auge -- Arbeiter aus der Stadt offenbar -- anständig gekleidet, gewandt.
»Entschuldigen Sie,« sagt der Kleinere und Lebhaftere, »wenn die Bengels Ihnen lästig fallen. Aber wenn sie Pferde riechen, sind sie nicht zu halten.«
»Das ist recht!« erklärt Kunz, und fröhlich leuchtet er ihnen ins Gesicht. »Die sollen einmal zur Kavallerie!«
Die Nasen in den gesinnungstüchtigen Gesichtern werden lang. Da riecht an! denkt Kunz, wie Eure Jungens an dem Pferdemist. Aber sie behalten sich in Zucht und haben offenbar noch etwas auf dem Herzen. Ist es unbefangene Wißbegier? Oder wollen sie tatsächlich spionieren?
Beginnen ein Gespräch. Wie nützlich das Siedlungswerk sei. Und die Baracke so praktisch angelegt. Hier Stallungen und die Wohnräume da. Aber schwere Arbeit! Und die Sonntagserholung, der Sonntagsausgang doppelt nötig.
Zwei Teufel streiten sich, die Kunz reiten möchten. Der eine, mehr von der guten Sorte, will da mit ihm hin: »Seht euch ihn mal an, unsern Bau! Kommt mal mit herein! Die meisten Siedler tun, was sie immer Sonntag nachmittags tun, nach ihrem schweren Alltagswerk. Sie liegen in ihren Kojen und schlafen. Sie sind und bleiben zu Haus. Und am Abend sind sie auf den Beinen. Hier auf den Gängen aber, da stehen unsere Maschinengewehre. Kampfbereit. Vier Stück. Für jede Himmelsrichtung eins. Und sind im Handumdrehen vor der Tür. Und wenn einer Lust hat, zu erleben, was Feuerbereich ist --!«
Und dann sitzt der andere, der sehr bösartige Teufel ihm im Genick und flüstert ihm ins Ohr: »Laßt die Bande doch herauskommen heute abend! Warn sie nicht, stör sie nicht! Sag ihnen, alle sind ausgegangen, sich zu amüsieren -- und kommen vor Morgengrauen nicht nach Hause. Du und Gisbert -- da kommt er gerade -- ihr seid nun die letzten, die gehen! Schließ vor ihren Augen die Haustür zu! Und wenn ihr unterwegs seid -- von den Goldbergen könnt ihr es sehen -- die marschieren schnurstracks mit Kind und Kegel in die Stadt und bringen den Genossen Nachricht! Und was dann am Abend wird --! --«
Solche Einflüsterung gibt Kunz dann freilich nicht an die Ausfrager weiter. Aber was sie nun damit anfangen, daß sie ihn, nachdem er sich nicht unfreundlich verabschiedet hat, mit Gisbert sich entfernen sehen, das bleibt ihre Sache.
Zum Pfarrhaus aber, so zaubermächtig es ihn zog, begaben sie sich doch nicht. Auf den Goldbergen, ihren heiligen Höhen, den weisenden, wissenden machten sie halt. Und als sie sich nach der Baracke umdrehten, gewahrten sie in der Tat, daß die Ausflügler, wie es schien, in beschleunigter Gangart heimwärts zogen.
Jetzt wurde Kunz hell und hart, ganz Verantwortung, ganz Dienst. »Wir bleiben zu Hause, Gisbert. Wenigstens ich. Vielleicht bekommen wir heute abend nun doch Besuch. Und Besuch -- will empfangen werden.« --
Horst fand den Torfmeister allein. Lud Uhlenbrook war wieder tapfer auf den Beinen. »Jedes Jahr acht Tage Lona, und ich sterbe überhaupt nicht!«
Der Alte wunderte sich, daß sie noch nicht da war. Sie wollten mit dem Kaffee auf sie warten -- Kaffee aus Moorwasser ist der beste, den es gibt -- kommen täte sie bestimmt. Auch vorgestern hätte sie sich verspätet. Sie hätten da in der Stadt offenbar wieder mit Sitzungen so viel zu tun. Dazu seufzte der Alte, daß der Dachfirst es spürte. Und er machte einen seiner grimmigen Witze: all die vielen Sitzungen in Deutschland seien Schuld, daß es nicht wieder aufstehe!
»Bravo, alter Lud!« sagte Horst und schlug ihm auf die Schulter, daß seine Hand an den Mammutknochen zerschellte.
Der Abend lugte schon in die graue, glasige Welt. Nebel zogen über das Moor, es deckte sich zu mit dem Flaum, es wollte schlafen. Die Männer waren schweigsam geworden. Sie lauschten auf den Schritt, der nicht hallen wollte.
Nun riß es plötzlich an Horst. Eine Mahnung, ein Alarm, ein Kampfruf! »Sie kommt nicht mehr«, sprach er schrill. Dies war bedeutsam. Dies verkündete Unheil. Das hieß, ich muß jetzt gehen. Auf meinen Posten muß ich!
»Sie kommt«, sagte der Alte. Und Horst ließ sich noch einmal nieder. Aber es wogte und wirrte in ihm. Sie sprachen dies und das. Vom Torfstich, von der Bestellung des Ödlandes. Doch, es litt ihn nicht mehr. Diese Moornebel da draußen waren sein Tod.
Er sprang vom Stuhl. »Ich will jetzt doch nach Hause.« Da lauschten sie auf. Sie blickten in den Vorgarten. Lona war es.
»Ich komme spät«, sagte sie. In ihrer Stimme war ein gehaltener Klang.
»Was war denn?« fragte Lud.
»In der Kirche war ich --«
»Sie haben Orgel gespielt? --!« rief Horst schmerzlich.
»Es wurde mir schon dunkel in der Kirche. Wär ich erst hierhergegangen, hätte ich zuviel Zeit verloren. Und ich brauchte das Spiel heute so.«
»Und ich hab nicht dabei sein dürfen!« Darin war leidenschaftliche Klage.
»Hätten Sie es auch so nötig gehabt --« --
»Sie meinen, ich hätte es fühlen müssen, daß Sie da waren!« fiel er gleichgestimmt ein, mit hellen, brennenden Augen.
»Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen.« Sie sprach dann still mit Lud.
In Horst flog es. Was sie sagte -- und der Klang ihrer Worte -- zitterte nicht ein Vorwurf darin, ein Entbehren, eine Enttäuschung? Das Gefühl einer Zusammengehörigkeit -- es lebte in ihr, wie in ihm es lebte! Mehr noch in ihr, da seine Ahnung versagt hatte --? --
Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen! Sie hatte erwartet, daß er da sein würde. Ja, er gehörte dazu! Für ihn wollte sie spielen. Ganz gewiß nicht für sich allein.
Ich brauchte es so! Hieß das nicht auch, ich wollte Dich bei mir haben? Du solltest mich hören, ich wollte zu Dir sprechen! Wollte mich Dir offenbaren aus meines Wesens Tiefe! Dir -- der einzige bist Du, dem ich mich so bekenne. Denn wir sind uns nah.
Ich hab nach Dir gerufen -- und Du bist nicht gekommen. Wie schmerzlich-zärtlich wallte es in ihm auf unter dieser Klage. Das Gewissen peitschte sein Gefühl in heißen Wellen.
Du sollst nicht an mir zweifeln -- nicht an dem Zug meines Lebens, der mich zu Dir zwingt. Um so schmerzhaft inniger, da es jetzt wie eine Schuld auf mir liegt. Eine Schuld gegen Dein Empfinden.
Aber sieh, es sind so starke Störungen, die die Leitung hemmen und erschweren. Der Kampf, der Bruderzwist mit seinen Trübungen, seinem Wirrsal, seinem Argwohn und Verdacht. Von diesem Gewühl -- wann wird unser Gefühl sich davon losmachen?
Jetzt sind wir soweit, daß unsere Hände sich nehmen -- sie erschrecken nicht mehr voreinander. Und unsere Hände sollen sich halten und immer mehr sich beschenken. An einer Gabe soll die andere sich beseelen.
Wie still versonnen, wie mädchenhaft scheu hockte sie bei dem alten Lud. Dessen Augen in sie »wie in einen goldenen Becher« sahen, dessen schwere ehrliche Hand sich mit einer so heilig behutsamen Zärtlichkeit auf ihren Arm legte, voll dankbaren Glücks.
In die niedrige Stube bettete die Dunkelheit sich ein. Über dem Moor braute der Abend. Hohl rief ein Kauz aus dem Erlengestrüpp.
Da richtete Lona sich auf. »Jetzt ist es Zeit für mich.« Horst sah in ihrem Auge eine große Angst, die er nicht begriff, dann ein schmerzliches Irren, und wieder waren sie wie nach Innen gewandt. Und als sie dann wieder ins Leben blickten, hatten sie den kalten Schein, der ihm so schmerzlich war.