Die Siedler von Hohenmoor: Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Part 13

Chapter 133,692 wordsPublic domain

Dann brach er jäh und unwirsch ab. So was wie gemeinsames Rettungswerk widerstrebte ihm aufs tiefste. Und da er von Wandlungsmöglichkeiten sprach, verriet er hier nicht heimliche Hoffnungen?

Kunz mit Vita ließ seinem Unmut die Zügel frei. Längst hatte er vor ihr keine Geheimnisse mehr. Eine selbstverständliche Vertraulichkeit band die jungen Herzen. »Horst orgelt sich da selbst in etwas hinein. Solche innere Mission färbt immer ab. Er soll die Finger davon lassen. Er braucht -- wir brauchen seine reinen Hände!«

Schwer ging seine Brust. Vita sah, wie er litt, an quälender Sorge. Sie nahm seinen Arm. Da durchrann ihn das Glück. Und er hob sich fröhlicher. »Das Siedlungswerk soll nicht untergehen! Deutsche Augen -- deutscher Glaube sind auf uns gewandt. Wenn Horst uns versagt -- er darf es nicht, denn alles hängt an ihm -- aber wenn, wenn -- Dankwart ist zu sonnenlos und Gisbert, der jetzt kaum noch was Irdisches hat, schwimmt in seinen Unendlichkeiten. Dann muß ich -- ich wachsen an meinen Pflichten!«

Sie blickte zu ihm empor. Alles Kindliche, Spielerische fiel von den beiden ab. Eine Weihe der Kraft schloß die jungen Menschen zusammen.

Heimweh

Horst brachte Lona den Kirchenschlüssel. Sie hatte die Erlaubnis, morgen Montag zu einer ihr genehmen Stunde auf der Moordorfer Orgel zu spielen.

Sein Lohn wurde ihm zugesichert, er sollte, wenn sein Tagewerk beendet wäre, am späten Nachmittag -- diese Stunde wählte sie -- ihr zuhören.

Horst war hinterm Pfluge gegangen. Er hatte Furchen gezogen durch deutsche Erde, der Duft der umbrochenen Schollen hing ihm im Haar, lebte noch in seinen Lungen und stählte ihm das Herz. Er fühlte sich sicher und reich. Wie ein Gebender erschien er sich, nicht als einer, der suchte und beschenkt werden sollte, da er den Weg zur Moordorfer Kirche antrat.

Die Luft prickelte und schäumte wie Wein von den Kräften und Säften des Frühlings. Dann und wann -- wie ein Mädchenlachen, keck und spröde zugleich, zitterte es stoßend und kurz, höhnend und befeuernd durch den schweren seidenen Glanz des sinkenden Nachmittags.

Er dachte an Lonas Lippen, die vollen, farbigen, denen die schmerzverbissenen Kiefer so schwer zu schaffen machten, die so bitter in weher Ironie sich spannten. Hatte er jemals ein Lächeln, ein weiches, vergessenes Lächeln um diesen Mund gesehen? Und war doch der rote, blühende, lebensheiße Mund eines jungen Weibes.

Er warf die Arme. Ist es nicht aller Weisheit Anfang und Ende, nicht die Erlösung aus allen Nöten: die Sprache Mund auf Mund -- gibt es eine andere zwischen Mann und Weib? Durch seine Sinne rieselte es. Was gehen ihre Gedanken mich an, ihre Dogmatik, ihr Geistesleben, ihr politisches Toben!

Vom Verstehen habe ich immer gesprochen, in so schönen Worten theoretischer Gesinnung. Was schwatz ich mich so herum um die einzige Verständnismöglichkeit, die gegebene, die gebotene, die notwendige? Die einzig wahrhaftige, von der all die verlogenen Mätzchen wie weggeblasen werden! Gibt es Waffenstillstand für uns, warum sollen diese Stunden sich nicht füllen mit allen Gaben der guten Lebensgeister? Die gut sind, weil sie nur fühlen, nicht denken. Macht nicht das Denken erst böse?

Und er summte und träumte im Frühlingsrausch.

Wie er sie beim Torfmeister fand, war sie anders als das Bild seiner Wünsche. Auf ihrem Gesicht eine krankhafte Blässe, sie sprach wieder von schlafloser Nacht, und daß sie das Moor nicht vertrage.

Dem Torfmeister ging es besser, morgen wollte sie in die Stadt zurück.

Nun wanderten die zwei zum Dorf. Eine Befangenheit war um sie. Beide empfanden sie stärker als je das Ungewöhnliche ihres Beisammenseins. Eine Heimlichkeit vor den Freunden -- und auch eine Heimlichkeit vor ihnen selbst, vor ihrem eigenen Wollen, ihren Kämpfen, ihren Lebenszielen. Wie ein Verbotenes, wie eine Schuld. Und wieder mit allen Reizen des Heimlichen und Schuldhaften.

So suchten und mieden sich verstohlene Blicke und Wünsche in wachsender Scheu. Kaum, daß sie ein Wort miteinander sprachen.

An der Kirchentür erwartete sie ein halbtauber Junge, der die Bälge treten sollte. Nun gingen sie in das Gotteshaus, darin schon die Abendschatten geisterten. Die rostige Stimme der Uhr mahnte sie mürrisch: es ist schon sechs! Der geduckte, karge Raum mit seinen gedrungenen Säulen und der düsteren Täflung gab den Eindruck einer trotzigen verbissenen Frömmigkeit.

Horst setzte sich in einen der schweren Stühle, Lona ging die Treppe zur Orgel hinauf -- es war ein Instrument mit freistehendem Spieltisch -- und machte sich bereit. Die Windladen füllten sich. Liebevoll legten sich die dankbaren Finger auf die Tasten.

Leise, im Hauch spielte Lona ein paar Passagen -- die Töne waren ungleich, viele grau, alt und quäkend. In trockener, starrer, linearer Kühle fügte sich Ton an Ton -- dürr klang es, mechanisch, wie wenn Letter an Letter gesetzt wird zu einem mühsam dürftigen Wortgebilde. Jetzt aber fand sie es, die Orgel hatte doch Seele, sie konnte lebendig werden, konnte sprechen und Zeugnis geben.

Um Horst aber schauerte die Andacht seiner Sehnsucht.

Und es begann. Ein dumpfes Rauschen begann es, aus weiter Ferne, gebändigt von Nacht und Finsternis. Wolken schoben sich, ballten sich, formten sich gespenstisch. Ein Chaos wie von sich selber träumend, kaum seiner selbst sich bewußt. Und es wird ein Schein -- ein Wollen, eine Kraft, ein Licht. Und das Licht schafft sich Schatten, die ihm dienen müssen -- die vor ihm fliehen wollen -- die sich auflehnen im Kampf -- die Feuerodem dem Lichte entreißen -- und mit ihm sich beseelen. Körper, Wesen, Lebende, Leidende, aus Licht und Finsternis geworden. Menschen. Da sie leben wollten, sind sie dem Tode verfallen. In den Wolken, auf schwarzen Fittichen rüttelnd, steht der Würgengel. Unter ihm die Kreatur, sie verkriecht sich in Klüften, sie winselt, sie schreit. Und auf wen der Würgengel stößt, in dem erlischt das Licht, er wird wieder zum Schatten. Nun aber, da er gelebt, ist er schuldbeladen -- und des Schattens wartet das letzte Gericht, furchtbarer noch als der düstere Todesengel. Von Grauen gepeitscht sind die Seelen -- Gewitterstürme donnern hernieder über das Weltmeer -- Blitze zerreißen die Finsternisse der Himmel -- an die Ränder der Wolken klammern sich die gehetzten Schatten -- es gibt einen Tod noch über dem Tod -- und was ist das Leben -- was ist sein Sinn -- was ist es mit dem guten Sinn des Lebens? Ein Hohngelächter in tausendfachem Echo gellt von den irdischen Abgründen zu den zerklüfteten Wolken -- entsetzte Seelenschatten flattern durch den erbarmungslosen Raum --

Horst erfror vor dem erhabenen Grauen dieser trostlos verzweifelten Visionen. Sie alle getaucht in die schreienden Tinten ihrer neuen Kunst. Kosmisches Urweltgestammel über allem. Und doch ein gewaltiges Ringen in und zur Wahrhaftigkeit, ein Sichselbstzerwühlen nach den letzten Offenbarungen des Ich.

Findet sie keinen Trost, keinen Ausblick, keine Helle? Wo ist das Licht, das doch sein muß, damit die Schatten sein können!

Jetzt -- fügte sich, baute sich, wölbte sich nicht etwas in ihren Tönen? Über den weichenden Wolken? Die große Kuppel, das Firmament, der Himmelsdom. Und Sterne gebiert die Nacht -- sie leuchten, sie künden, sie loben.

Wie ein Ausruhen ging es jetzt durch ihr Spiel, wie ein Aufatmen, ein Erinnern. Regten sie sich, die Klänge des Heimwehs? Wollte die Kindheit lebendig werden -- und der Kindheit gläubige Traumwelt?

Ein Gebetlallen in stammelnder Torheit, gedankenlos verloren, glückhaft versunken -- und dann die wachsende Klarheit, wie ein Sonnenaufgang der Zuversicht --

Tiefe Klänge aus Bachschen Messen und Kantaten, die eine leuchtende Lichtspur ziehen -- und schon jauchzt es auf in dem atemlos gebannten Horst: sie findet sich -- sie findet zurück -- sie findet heim --

Plötzlich aber -- was züngelt in die Himmelsklarheit der Töne? Ein Überdruß -- ein Spott -- ein Hohn --?

Und Horst stöhnt auf. Fängt sie nicht an, Bach zu travestieren? Ihm das Käppchen der Selbstgefälligkeit aufzusetzen? Verzerrt sie nicht die Frömmigkeit zur Frömmelei, die Herzenseinfalt in ein kokett bigottes Schmachten? Läßt sie die pausbäckigen Engelsjungen sich nicht sich selber verlachen und Koboldsfratzen schneiden --

Und dann ein Schluchzen -- ein wildes Weinen -- die Verzweiflung des Zweifels -- ich kann nicht -- ich komm nicht auf -- ich muß wieder versinken -- ich bleib in der Tiefe. Und ein Trotz -- eine wilde Bitterkeit -- und wieder das Schluchzen.

Und plötzlich das tonlose Verhauchen -- das Ersterben in Nichts -- das Verstummen. Das Schweigen.

Horst kauert im Gestühl, niedergezwungen von seiner Erschütterung. Langsam löst er sich -- er wartet auf Lona -- sie kommt nicht -- da geht er, wie tastend erst, die Treppe zur Orgel hinauf -- sie ist über die Klaviatur hingesunken und liegt in Ohnmacht.

»Lona« -- flüstert er an ihrem Ohr, er nimmt ihre Schulter, er richtet sie auf -- da kommt sie langsam zu sich. Ein Blick seltsam trauriger Hingebung bricht aus ihrem Auge -- dann aber aus seiner Verlorenheit findet er die alte feste Richtung seines Ausdrucks. Und nun preßt sie ihre Schläfen, sie schüttelt den Kopf und stellt sich auf die Füße.

»Es spielt sich so schwer -- das Pedal bringt einen um -- ich bin einfach müde zusammengeklappt.« Unwahres sprach sie. Horst aber rührte nicht an ihre Zerrissenheit.

Es war ein Anfang -- und alles in allem, ein Schein ist aufgegangen. In qualvollem Ringen. Ein Frühschein soll es sein -- es soll, es soll! Nur diesem mühsam glimmenden Licht nicht zu nahe kommen. Daß die zarteste Hoffnung nicht erlischt. Und heute nur daran denken, mit welcher Macht die Kunst in ihr braust! Dankbar daran denken!

Wie hat es ihn geworfen zwischen Himmel und Hölle! Welch eine Windsbraut hat ihn als Weltenwanderer getragen, entführt, gewirbelt, ihm die Fittiche gesträubt, das Hirn ihm betäubt. Daß Schwindel und Ohnmacht ihn selber packten!

Und er griff ihre Hand. »Was können Sie spielen! Ich selbst bin umhergeworfen -- von einem Weltenrausch --«

Er suchte nach Worten. Sie versagten sich ihm. Schweigend packte er noch einmal ihre Hand, in zügellos heftigem Druck.

Er hatte sie zum Torfmeister heimgebracht. Nun taumelte er durch den Abend.

Dies, Kunz und Dankwart, konnte die Baracke nun nicht mir geben! Wißt Ihr, daß dies zu mir gehört, daß dies mir gehören muß, für mein Leben, mein Schaffen, mein Ziel! Ihr habt die Augen starr auf den einen Punkt gerichtet. Bewußt, stier und stur. Ich tadele euch nicht darum! Ihr seid gut für unser Land, ihr seid notwendig. Ich aber muß um mich blicken können, frei und weit. Und mit gestärkten, geschärften, vertieften Blicken suche ich dann wieder das Ziel, das meines wie euer, das unser ist! Ich muß mich umtun können im deutschen Land, im deutschen Geist, in allen Registern der deutschen Not und Qual. Und wenn ihr meint, ich erweiche mich so -- ich sage euch, eben so werde ich fest zu meinem Beruf.

Und wenn die, deren tiefsten Erschütterungen ich gelauscht habe, die um die Wahrheit ringt und an ihrer Wahrhaftigkeit leidet, mir das Herz bewegt -- um so kräftiger schlägt dieses Herz für unseres Lebens Sinn. Für des deutschen Lebens Inbegriff und Inbrunst. Alles, alles muß dem einen zum besten dienen.

So zog Horst ohne Scheu die Gehetzte, Gepeinigte, Zerwühlte, auch Verfehmte und Geschmähte an sich. Immer blieb ihr Auge bei ihm, wie es aus der Ohnmacht zu ihm erwachte, die erschrockene Zärtlichkeit, die schmerzliche Innigkeit -- wie lebte es davon in seinem Blut!

Er sah die Lichter des Moorhofer Gutshauses. Da lag sein Gisbert noch immer in Pflege. In diesen Tagen, morgen, übermorgen sollte er in die Baracke heimkehren. Es zog Horst zu dem Jungen. In dessen weiter Seele fand er den Widerhall, den die planmäßig verwahrte Enge von Dankwart und Kunz ihm versagte. Und das, was in ihm wuchs und ward, es mußte sich ausschwingen -- ohne Worte, nur in dem Beisammensein.

Gisbert saß mit Frau Tilde. Sie hatte als Gutsherrin schwer gearbeitet, nun lehnte sie müde im Sessel. Horst wurde herzlich begrüßt.

Sie sprach von dem Wiederaufbau der niedergebrannten Stallungen. Einen größeren Posten Balken und Bauholz habe sie bei Gelegenheit gekauft. Davon werde etwas übrig bleiben, das sollte die Siedlung bekommen für ihr erstes Haus.

Welch eine seltene Frau! Diese überirdischen Augen, die Zeugen ihres fernen, hohen Fluges -- und dabei doch die feste zugreifende Hand, und in ihrer überströmenden Güte die kluge Sorge für den Tag.

»Je eher sie an ein eigenes Haus die Hand legen, um so mehr frohe Sicherheit ist bei ihnen.«

Der Diener brachte eine Depesche. Sie öffnete sie, nach leiser Überwindung, mit zagender Hand. Um ihre Augen zog ein schwerer Schatten. Dann legte sie das Blatt beiseite.

Sie sprach weiter über den Bau, und wie die Seßhaftigkeit der Herren ihr ein Trost sei, deren Nachbarschaft ihr eine Hilfe und Freude. Dann zuckte es in ihrer Hand.

»Und da wir in einer Gemeinschaft stehen -- da wir mehr oder weniger aufeinander angewiesen sind, soll auch volle Offenheit zwischen uns sein. Dies hier« -- ihre Finger griffen wieder nach dem Telegramm -- »gehört so zu meinem Leben und zu meiner Tätigkeit, ich muß mit Ihnen darüber reden.«

Sie gab die Drahtnachricht an Horst. Er las: »Bin Amateur-Boxmeister von Deutschland. Gegner mit großer Technik, gutem Auge und ausgezeichnetem Linken landete mehrfach hart, wurde aber schließlich durch rechten Kinnhaken zu Boden gestreckt. Kampfdauer drei Minuten vierundvierzig Sekunden. Achim.«

Horst gab auf ihre Bitte an Gisbert die Nachricht weiter. Dann sagte sie: »Es ist eine Eitelkeit in uns, die mit unserem Unglück Versteck spielt. Ich will mich ganz frei von ihr machen. Sie wissen ja ohnehin, daß ich meinen Mann schwer erkrankt aus dem Felde zurückbekommen habe. Man hofft immer wieder auf eine Wendung. Und immer geringer wird die Hoffnung.«

»Gnädige Frau,« sagte Gisbert, und seine Worte leuchteten wie seine Augen, »lassen Sie erst wieder mehr Sonne in Deutschland sein -- sie kommt auch zu ihm und erlöst auch ihn.«

»Mehr Sonne, Gisbert?« entgegnete sie, schmerzlich spannte sich ein Lächeln um ihren Mund. »Wir werden noch sehr viel mehr Finsternis in Deutschland haben. Und -- auch die Sonne kann Zerstörtes nicht wieder lebendigmachen.«

Gisbert und auch Horst suchten nach Zuspruch. Mit weher Klarheit fuhr sie fort. »Es ist nun mal alles Empfindungsleben in ihm zunichte geworden. Und -- was das Schlimmste ist -- man darf selbst auch nicht mit irgendeiner Empfindung ihm nahe kommen -- als ob sie Ansprüche auf einen Widerhall erhöbe, den es nun einmal nicht geben kann. Die erschreckten, gequälten, kranken Augen dann -- das Herz steht einem still. Und so ist er nun rettungslos versunken -- in diese rohe Spielbetäubung des Gladiatorentums.«

Ihre Hände nahmen wieder das Telegramm. »Dies ist nun eine Siegesnachricht. Ich soll an ihr teilhaben -- und darf doch auch wieder keinerlei Freude zeigen. Er weiß ja, daß sie nicht echt sein kann, und würde noch mißtrauischer werden. Und wenn ich ganz mich zurückhalte -- man sucht doch schließlich immer noch nach einem Rettungsfaden! Und wir gehören doch zusammen.« Unhörbar fast klang es aus.

Eine Freundschaft schloß das Leid dieser Frau um die drei. Daß sie aus ihrer leisesten Innigkeit sich so ihnen offenbarte, wie eine unsägliche Kostbarkeit empfanden die beiden Männer so viel Zuneigung und Vertrauen. In Gisberts blassem Gesicht fluteten die Blutwellen. Das Fieber seiner Augen hob und löste sich in der Verklärung eines unerhörten Glücks.

Mit ihrer stillen Tapferkeit war Frau Tilde schon wieder bei der Gutswirtschaft, sprach davon, daß sie den Siedlern noch eine Milchkuh überlassen könnte, und bat Gisbert, der in den letzten Tagen ihr als eine Art Privatsekretär bescheidene Dienste geleistet hatte, in den Büchern festzustellen, wie viel Thomasschlacke für das Siedlungsland übrig sei. Sie redete dann fachmännisch mit Horst über die Bestellung und versprach ihm, sie wolle sich selbst bald einmal nach der Ödlandkultur umsehen.

Dankbar nahm Horst von ihr Abschied. Welch ein Schicksal! dachte er. Wie klagt das deutsche Leid in immer neuen Weisen, an immer mehr versteckte deutsche Gräber stößt unser Fuß.

Und seine Gedanken gehen zu Lona. Kann hier der Schmerz dem Schmerz nicht helfen, würden diese beiden Frauen, die ungleichsten der Welt, sich nichts zu geben haben, beide so reich an seelischem Gut und beide so bedürftig! Würden sie den Weg nicht zueinander finden -- über den Abgrund, den das Leben zwischen ihnen aufgerissen hat?

Wenn ich Lona zu ihr führe! Dieser Gedanke, so kühn und doch so natürlich, so notwendig, läßt ihn nicht los. Ihr beide -- eben weil ihr aus verschiedenen Welten seid, um so mehr habt ihr euch zu offenbaren, und je tiefer ihr grabt, euch zu verstehen, um so mehr Schätze werdet ihr ans Licht heben. Ihr werdet euch verstehen und werdet mithelfen an der großen deutschen Versöhnung! Ihr aus den feindlichen Heerlagern -- und doch zwei deutsche Frauen!

Und Dich Lona -- aus Deiner Einsamkeit gilt es, Dich zu befreien, aus Deiner Abgeschiedenheit von dem, darin Dein Leben seine Wurzeln hatte. Möchtest Du nicht selbst zurück? Schluchzte nicht leise die Sehnsucht auf in Deinem sturmgewaltigen Orgelspiel, das Heimweh? Mächtiger wird es über Dich werden! Und zwischen uns beiden, wird nicht bald mehr zwischen uns sein als dieser mühsame Waffenstillstand? Lona, Du rätselhaft liebe Du!

Er bebte in der Zärtlichkeit seines Blutes. Und es zogen durch ihn die Schatten, die das Schicksal wirft.

Zu Frau Tilde, zu Gisbert wollten seine Gedanken zurückkehren. Die Augen des Freundes lebten vor ihm auf, in ihrer unbegrenzten verlorenen Glückseligkeit. Auch hier zogen die Schatten --

Vor dem Sturm

Es war ein neuer Befehl der Regierung ergangen, daß alle Heereswaffen abgeliefert werden sollten. Militärische Kommandos gingen um und überwachten die Erfüllung.

Die Siedler hielten Rat. Und ähnlich wie früher sprach Horst: »Wer sind jetzt unsere Landpfleger?«

»Landpläger«, nannte sie Kunz.

»Wer sind sie heute, wer sind sie morgen? Sie selber wissen es nicht. Und ich kenne sie nicht. Und ehe ich nicht weiß, in wessen Hände ich meine Waffen liefere -- behalte ich sie lieber selbst.«

Sie stimmten ihm zu. Und -- die Waffensuche ging an ihnen vorüber.

In der Stadt war man sehr strenge gefahren. Aus mehreren Kellern, unter Fabrikarbeiterwohnungen, wurden Maschinengewehre ans Tageslicht gezogen.

Die Arbeiter wüteten. Man wußte, daß die Siedler ihre Maschinengewehre behalten hatten. Man zeigte sie an, bei dem Offizier, der das Kommando befehligte. Der hatte für die Denunzianten nur ein frostiges Schweigen.

Natürlich! Die Bande hält zusammen wie Pech und Schwefel! Das alte System! Wenn wir's leiden, verdienen wir's nicht besser!

Das Falkenauge ist wieder einmal in der Kreisstadt. Es gärt aufs neue, jetzt mit dem Frühling, in dem elend wunden und siechen deutschen Volkskörper. Die »betrogenen Proletarier« wollen endlich ihr Recht. Wollen Abrechnung mit den sozialreaktionären Verrätern. Im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland bereitet sich etwas vor. Überall im Lande müssen die Flammen auflodern! Je mehr Herde, um so besser. Um so sicherer der große Schlag und der Sieg.

Auch hier müssen wir zupacken! Unter dieser Parole tagten die Führer in Knubarts Wohnung hinter verschlossenen Türen. Das Falkenauge, Kittel der Buchbinder, Struk der Koch, ein Werkführer aus der Eisengießerei -- er war Feldwebelleutnant draußen und ist der Feldherr des Kreises -- und Lona. Auch sie ganz im Panzer ihrer Parteigesinnung.

Das Falkenauge hat die Gesamtlage umrissen. Einzelaktionen werden verlangt, überall. Hier mit der Stadt als Operationsbasis läßt sich ein Vorstoß machen. Hier kann das Heil für die ganze Provinz entzündet werden.

»Wenn uns die Siedler nicht als Pfahl im Fleisch säßen!« heißt es dagegen.

Stahlboom, der Werkführer, spricht. Er ist schlank und gut gewachsen, trägt sich kavaliermäßig, wenn auch mit der Nuance des Fadenscheins, hat im Blick etwas fraglos Mutiges und Befehlendes, unterstreicht aber unnötig sein Selbstbewußtsein und zeigt zu oft kriegerisch seine zementplombierten Zähne.

»Uns hat man die Maschinengewehre genommen. Die Siedler haben sie behalten. Das erste muß sein, daß wir diese Maschinengewehre uns holen. Ehe wir die nicht haben, liegen wir im Wurstkessel und bleiben da liegen! Darum -- die Baracke wird gestürmt! Die nötigen Leute haben wir. Gewehre und Handgranaten sind noch da. Noch sage ich. Die nächste Waffensuche kann uns auch die nehmen, und was dann!«

»Sturm auf die Baracke!« fordert Kittel mit dem gellend pfeifenden Brand seiner Rede. Er war nur noch Feueratem und flammende Augen, sein Leib zerfallen, sein ganzes Wesen jetzt vollends von lauter Dynamitgängen ausgehöhlt.

»Machen wir uns das eine klar!« betont das Falkenauge -- er hat den Weitblick, die Zusammenhänge, das konsequente Denken, »mit diesem Sturm auf die Baracke ist es nicht getan. Wenn er gelingt, verpflichtet er zu der größeren Aktion. Mißlingt er aber, ist damit für unbestimmte Zeit unsere Unternehmungskraft hier zerschlagen.«

Sie berieten. Es wurde beschlossen, daß sie es wagen sollten. Stahlboom brachte den Plan in der Tasche mit. Am Abend sollte der Handstreich ausgeführt werden. In der Nacht würden sie dann das städtische Rathaus besetzen. Die Stadt wäre reif. Gäbe es einen Menschen in ihr, der zufrieden wäre? Und wäre es einer, wär er feige. Auf den Mut käme es an, auf die Tat! Nur die Tat zwingt die Herzen.

Vorbereitungen sind natürlich zu treffen. Aber diese Tage, die auch anderswo die Entscheidung bringen, müssen uns am Werke finden!

Vorbereitungen -- dazu redet Knubart, und er wittert bedachtsam. »Wir haben es mit einem gefährlichen Feind zu tun. Kerle sind sie alle, die Siedler. Und ihr Führer, der Hauptmann Oldefeld -- Lona, Sie kennen ihn ja persönlich.« In seinem Blick ist die lauernde Kälte.

Lona hebt frei die Augen. »Ja, er ist mir bekannt.«

»Sie kommen öfter mit ihm zusammen --«

Nun widerstrebt sie doch, wie einem Verhör. All die Augen, die sich auf sie wenden, gebärden die sich nicht wie Richter über sie?

Und ist in ihrem eigenen Gewissen nicht eine Stelle, darin etwas sich regt -- wie ein Argwohn gegen sich selber? Darf sie sich wundern, wenn in den andern, den Freunden, den Schwurgenossen ein Mißtrauen aufzieht?

Mißtrauen! Ich bin unserer Sache treu! Was mit mir verwachsen ist, durch mein Denken, mein Fühlen, mein Leben -- nichts von meinem heiligen Glauben habe ich verloren, nichts von ihm habe ich preisgegeben! Wie kann ich das, ohne mich selbst zu verlieren! Ich bin bei der Fahne, ich bin bei dem Schwert -- bei dem Schwert unserer Fehme, wie nur je ich es war! Ich kämpfe mit Euch, mein Leib und Leben für unseren Kampf!

Nur Schleichwege dürft Ihr mich nicht schicken wollen!

Aber in Knubarts trägem, laschem Auge ist die Tücke.

Man wartet auf ihre Antwort. Sie zwingt ihren Unmut nieder. Ohne Frage haben die Genossen Anspruch auf ihre Ehrlichkeit. Und wieder schließt sich etwas in ihr, wie um ein stilles Besitztum, das von allem Lauten entwertet wird. Das an jeder Berührung sterben muß -- das sie jetzt selbst berühren und zerstören soll!

Ein Heiligtum also! Zum Lachen! Es gibt für mich kein Heiligtum, außer meiner heiligen Sache! Deren Feind Du bist, Horst Oldefeld! Todfeinde wir! Todfeind -- man hat das Wort so oft gesprochen, wie eine abgegriffene Münze ist es, deren Schrift man kaum mehr kennt. Hier ist aber das Wort ehern ins Leben gegossen.

Eure Baracke wird von uns gestürmt! Hier hat nun jeder zu zeigen, wer er ist. Hier gibt es keine Empfindungsflausen, keine Gefühlskunststücke, keine Gedankenspreizungen im Rahmen unserer gutgespielten Friedenskomödie -- hier gelten jetzt die echten Sakramente: Leib und Blut!