Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle
Part 9
Plötzlich war es mir, als erwache ich aus einem bleiernen Schlafe. Es pochte in dumpfen Schlägen über mir, und dann gab es einen ohrenbetäubenden Lärm, ein Krachen, als stürze ein Haus ein. Erst später begriff ich, was es war. Nils Nielsen war zu meiner Hilfe heruntergekommen. Er sah Luftschlauch und Signalleine in der Luke enden, sah die zugefallene schwere Klappe, über die sich beim Fallen noch ein schweres Eisenstück geschoben hatte, und begriff nun, weshalb ich gar keine Zeichen mehr nach oben gegeben hatte. Mit Mühe wälzte er die Hindernisse beiseite, warf im Wege liegendes Gerümpel fort, steckte eine Brechstange durch die Luke und vermochte sie so endlich zu öffnen. All diese Geräusche, durch die große Schallstärke unter Wasser hundertfach gesteigert, waren mir in halber Ohnmacht wie wildes Krachen erschienen.
Der gute Kamerad zog mich empor, befestigte das Aufzugtau an meinem Gürtel und gab das Signal, mich emporzuwinden. Die Tasche mit dem Eigentum der Kinder hielt ich mit starren Händen fest, als wollte sie mir jemand entreißen. Ich tat es unbewußt, aber es war in meinem müden Hirn wohl noch dieser letzte Gedanke, daß ich sie auf alle Fälle den Kindern bewahren müßte. -- So wurde ich langsam, ganz langsam höher gezogen, im Wasser auf dem Rücken treibend, wie ein gefühlloser Sack.
Diese Langsamkeit des Emporwindens war wieder eine verständige Maßnahme des alten Meisters Cook, denn ebensowenig wie man zu schnell in die Tiefe gehen darf, immer stärkerem Wasserdruck entgegen, darf man das Gebiet des Druckes, auf den sich inzwischen die Organe des Körpers eingestellt haben, schnell verlassen. So mancher Tiefseetaucher hat solche Unbedachtheit schwer gebüßt! Es treten dann Lähmungen aller Organe ein, ja es dringen Luftbläschen in Herz und Adern ein und führen den Tod herbei.
Endlich aber war ich doch oben, man zog mich über Bord, schraubte den Helm ab, legte mich lang in der Sonne auf die Planken des Schiffes, und schnell wie die Schwäche über mich gekommen, verschwand sie wieder. Da schien die liebe Sonne wieder, ein warmer Wind strich daher, köstliche, reine Luft strömte in die Lungen und Seevögel umschwirrten kreischend das Schiff. Neben mir hockte Oll Cook, und der Mann mit dem Zylinderhut und der Fensterscheibe vor dem Auge stand dabei und schien darüber nachzudenken, daß das Tauchen im Meer doch keine ganz einfache Sache sein müsse.
»Jung!« schrie Oll Cook und spuckte kunstvoll eine halbe Handvoll Kautabak über das Ankerspill hinweg, »wat in aller drei Deibel Namen machst du für verzwickte Geschichten. Dachten wir doch alle, der Haifisch habe John Dolland zum zweiten Frühstück auf der Speisekarte gehabt!«
»Habt Ihr die Papiere, Meister?« fragte zögernd der Portugiese.
Ich schüttelte den Kopf und erzählte dann in kurzen Worten, was sich zugetragen. Die Schiffskasse war oben, die Habseligkeiten der Mutter waren gerettet, nur die vertrackten Papiere waren noch drunten. Da ließ der alte Tauchermeister schleunigst eine Schiefertafel hinab zum Grund, auf der die Worte standen: »Nielsen, sucht die Papiere des Portugiesen.«
Ein Zug an der Signalleine von unten gab Kunde, daß der Kamerad, der jetzt in dem versunkenen Kasten umherstöberte, die Weisung richtig empfangen.
Ich hockte noch immer in meinem Taucherkleide am Boden und ließ mich von der Sonne bescheinen. Ja, schon hatte ich wieder Appetit auf meine Tabakspfeife.
»Es war ein schweres Stück Arbeit, Jung,« sagte der Alte, »und Ihr habt es zum größten Teil geleistet. Wäre die verdammte Klappe nicht zugefallen, sicher wären die Papiere jetzt in unseren Händen, aber der Deibel hält seine Krallen drauf, wie es scheint, und wenn der Eisenriegel nicht gewesen wäre, so wäret Ihr ein toter Mann und rauchtet jetzt Eure Gipspfeife droben bei den Engeln, kalkulier ich. Der alte Cook aber könnte gar nicht genug Rum auftreiben, um auf Eure ewige Seligkeit zu trinken.« So schwatzte Oll Cook noch eine Weile in seiner lustigen Art, ich aber fing an ein wenig einzunicken bei dem dumpfen, eintönigen Geräusch der Luftpumpe, die unserem Nils Nielsen den Lebensodem auf dem Meeresgrunde in Gang erhielt.
Ich mochte etwa ein Viertelstündchen geträumt haben, als ich durch hastiges Laufen und erregte Stimmen aufgeweckt wurde. Ich hörte die Stimme des Tauchermeisters. »Der vermaledeite Dreideibel muß heut sein Spiel haben,« schrie er, »ich wundere mich schon lange, daß Nielsen es da unten so tapfer aushält, aber da er gar keine Signale gibt, zieh ich endlich selbst dreimal am Seil, und nichts antwortet. Ich zieh noch einmal und noch einmal, doch kein Antwortzeichen kommt. Es muß Nielsen nicht gut gehen in dem vertrackten Kasten da unten, Maate! Ist es zu glauben, die beiden besten Taucher zwischen den Wendekreisen holt der Geier bei dieser Geschichte. Aber der alte Cook läßt seine Jungens nicht stecken, er wird seine alten Knochen selbst noch einmal in den Wasserfrack stecken, und wenn er dabei das Atmen vergißt. Reicht mir schleunigst den dritten und letzten Taucheranzug, Maate, schnell, schnell, sonst hat es keinen Zweck mehr!«
Aber schon sprang ich empor. »Cook,« sagte ich, »laßt den Unfug sein. Ihr seid ein altes Uhrwerk und Eure Räder stehen still, ehe Ihr noch halb unten seid. Muß noch einer hinunter, so bin ich der Mann, denn Nils Nielsen sprang mir bei, und so ist es Seemannspflicht, ihm gleiches mit gleichem zu vergelten. Nur gut, daß ich das Gelump noch am Leibe habe. Den Helm her, und in einer Minute bin ich im Wasser.«
Die anderen stimmten mir bei. Oll Cook gefährde nur zwecklos sein Leben. Es sei sein sicherer Tod, und wenn John Dolland fühle, daß er wieder bei Kräften sei, so mag er's wohl ein zweites Mal auf einige Minuten nur wagen. -- Schon brachte man mir den Helm, ich nahm all meine Energie zusammen. Zwei Minuten später war ich bereits im Wasser und glitt, noch langsamer als das erstemal, in die Tiefe. Ich kam gut unten an, stieg an Bord, kletterte durch die Luke und fand Nils Nielsen zusammengesunken in einer Ecke des Ganges zu den Kabinen. Ich schüttelte ihn, er rührte sich nicht. Ob er ohnmächtig sei oder gar bereits ein toter Mann, konnte ich nicht erkennen. Mit großer Anstrengung schleppte ich ihn nach oben, ließ ihn emporziehen, wie er es mit mir vor kaum einer halben Stunde getan, denn nur droben in der frischen Luft konnte ihm Hilfe werden, wenn dem alten Kameraden solche noch nützen mochte. Sollte Nils Nielsen, der herabgestiegen war, um mir beizustehen, wirklich sein Leben verloren haben? Der Gedanke ließ mich nicht los und stimmte mich natürlich so traurig, daß ich kaum fähig war, noch das letzte Werk hier unten zu tun. Dennoch durchschritt ich eilig die Kajüten, denn ich gedachte nicht länger als zehn Minuten auf Grund zu verweilen, selbst wenn ich die Staatspapiere der Herren in Lissabon nicht nach oben bringen konnte. Und ich fand jenen Senor Cabrella in der Tat in der vornehmsten Kabine. Er lag zwischen Sessel und Stühlen, alles war umgestürzt in dem wilden Wirrwarr, da der Mann in der Dunkelheit von den hereinbrechenden Wassermassen aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich erkannte ihn nach dem Bilde, das man mir gezeigt. Auch trug er einen Ordensstern auf der Brust. -- Nach längerem Suchen fand ich endlich eine dicke, versiegelte, schweinslederne Tasche in seinen Kleidern, die wohl jene Papiere enthielt. In der Tat hat man sie dann darin gefunden.
Ich hielt mich keine Minute länger auf, denn schon brauste es wieder in meinen Ohren. Ich stieg zur Luke hinaus, ergriff ein schweres Eisenstück, schlug damit den Riegel an der Falltür, der mir das Leben gerettet, los, und gab das Aufstiegsignal. -- Langsam schwebte ich höher und höher, bis mein blanker Kupferhelm im Sonnenlicht der Meeresoberfläche glänzte.
Ich kletterte an Bord, man befreite mich von meiner Kleidung. Da lag der arme Nielsen als ein toter Mann in der Morgensonne auf den nassen Planken, von den Kameraden umgeben, die sich vergeblich abgemüht hatten, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Ein Herzschlag hatte ihn im dunklen Kajütengang des gesunkenen Seglers schnell und schmerzlos von allen Sorgen und Freuden der Zeitlichkeit befreit.
Was war zu tun! Der Seemann sieht den Tod oft an sich vorbeischreiten, und trifft seine Sense einen Kameraden, so zieht er seinen Ölhut, betet für das Seelenheil des Entschlafenen und gedenkt seiner noch lange, wenn er bei seiner Pfeife Tabak und seinem Grog von Wind und Wellen spricht und von alten Freunden, mit denen er so manches Mal gewirkt und fröhlich gezecht.
Das Meer ist grausam. Einmal fallen wir ihm alle zum Opfer, wenn wir nicht beizeiten unsere Gebeine auf dem Lande verstauen. Wir alle trauerten ehrlich um unsern Freund. Reiche Belohnung ward uns allen zuteil, und ich verwendete ein hübsches Sümmchen, um Nils Nielsen einen würdigen Grabstein zu setzen. Auf dem Friedhof zu Funchal, wo hohe Zypressen zum Wellenschlag des Meeres rauschen und die weißen Grabsteine weithin in der blendenden Sonne leuchten, schläft Nils Nielsen den langen Schlaf. Jene beiden Kinder, denen ich damals ihr Erbe aus dem gesunkenen Schiff heraufholte, und die noch einen guten Teil meiner Belohnung durch die portugiesische Regierung abbekamen, sind inzwischen große und verständige Menschen geworden. Noch heute schmücken sie am Jahrestage des Unterganges der >Isabella< das Grab des Tauchers, und auch mir haben sie ein treues Andenken bewahrt. Dann und wann kommt von da unten, wo die Sonne heißer ist und der Wein feuriger, eine Kiste herüber in die kalte, neblige Seestadt da oben an der deutschen Küste, wo ich nun hause, und allemal ist sie gefüllt mit einem Wein, der des alten John Dolland Herz wieder erwärmt. Dann fülle ich zwei Gläser, rücke zwei Sessel an den Tisch in meiner kleinen Stube und trinke und plaudere mit dem alten Nielsen, als ob er mir gegenüber säße!«
Damit schloß der Taucher seine Erzählung, und mein Vater stieß mit ihm an, und sie sprachen noch lange von Jugendtagen. Der eiserne Riegel aber blieb in unserem Hause. Nun habt ihr seine Geschichte gehört und wißt, warum ihn der alte Ulebuhle in seinem Raritätenkasten aufbewahrt. Menschenschicksale hängen daran. Ja, so ist es zuweilen mit den toten Dingen, Sie greifen ein in das Leben der Menschen, bringen Glück und Unglück, wie dieses rostige Eisenstück, für das der Lumpenmatz keinen Dreier zahlen würde!»
Das Herz und die Taschenuhr
«Seht,» sagte der alte Ulebuhle, «da lag ein reicher Mann auf seinem Sofa und hielt sein Mittagsschläfchen. Er hatte den Mund weit geöffnet und scharrte und rasselte wie ein Sägewerk. Sonst aber war es so still im Zimmer, daß man die Fliegen summen hören konnte. Sie tranken mit ihren kleinen Rüsseln von dem Weinrest, der im Glase stand, und machten sich über die Kuchenkrümchen her, die auf dem zarten Porzellantellerchen lagen. Ja, hier war es gut sein, aber deshalb tanzten sie dem Manne, bei dem sie ungeladen zu Gaste waren, dennoch auf der Nase herum, denn Undank ist der Welt Lohn.
Aber in der Brust und auf der Brust des Schläfers war es lebendig. Wenn man genau hinhörte, so hörte man es leise und geschwätzig wispern: »Ticktickticktick-Ticktickticktick,« und von drinnen antwortete es dumpf und taktfest: »Poch-Poch-Poch-Poch!« Die Taschenuhr war es und das Herz. Sie lagen dicht beieinander, und jedes tat seine Arbeit.
»Unser Herr schläft,« sagte das Herz, »ich darf nicht schlafen, ich schlafe niemals, dann wenn ich einschlafen wollte, würde mein Herr nie wieder aufwachen!«
»Was machen Sie eigentlich da drinnen?« fragte die Taschenuhr.
»Ich halte den ganzen Krempel in Schwung. Ich bin ein großes Pumpwerk und pumpe das Blut durch die Adern meines Herrn. Ja, das ist keine Kleinigkeit. Wenn ich auch nur eine Minute aussetzen wollte, dann könnte sich mein Herr begraben lassen. Seit fünfzig Jahren arbeite ich nun ununterbrochen, aber Dank hat man nicht davon. Sehen Sie, fünfzig Jahre, das sind achtzehntausendundzweihundertsechzig Tage oder mehr als vierhundertachtunddreißigtausend Stunden. Es sind also über sechsundzwanzig Millionen Minuten vergangen, seit mein Herr geboren wurde, und seitdem ich unablässig das Blut durch seinen Körper pumpe. Wenn Sie nun aufpassen, so werden Sie leicht zählen können, daß ich in jeder Minute siebzig Schläge mache, ich habe also in den fünfzig Jahren achtzehnhundertvierzigmillionenmal geschlagen, ohne auch nur einmal auszuruhen!«
»Ja, das ist wirklich ein Stück Arbeit, das sich sehen lassen kann,« meinte die Uhr. »Das sind treue Dienste, und Ihr Herr müßte Sie fürstlich belohnen.«
»Ach du lieber Gott,« brummte das Herz, »er ist noch unzufrieden obendrein! Neulich ist er in der größten Hitze mit mir auf einen hohen Berg hinaufgerannt. Es war eine schreckliche Geschichte, und ich habe mich abgerackert, daß ich glaubte, es gehe mit mir zu Ende. Schließlich ging es aber nicht mehr, und als er immer schneller lief und immer mehr von mir verlangte, da setzte ich einen einzigen Schlag aus. Da wurde mein Herr ganz furchtbar aufgeregt und schimpfte immerfort, daß er ein so schlechtes Herz habe. Da sehen Sie, daß es ein undankbarer Herr ist.«
»Sind Sie auch aus Metall?« fragte die Uhr.
»Nein,« entgegnete das Herz, »und es ist ein Glück, denn da wäre ich schon lange hin. Ich bin aus lauter Muskeln und Häuten zusammengesetzt, die halten besser wie Stahl und Eisen!«
»Aber wenn Sie nun einmal repariert werden müssen!« meinte die Taschenuhr. »Wenn Sie zum Uhrmacher müssen, der Ihre Räder ausbürstet und eine neue Feder einsetzt, was macht Ihr Herr dann?«
»Alles nicht nötig,« brummte das Herz, »Räder und Federn habe ich nicht, und ich repariere mich ganz allein. Einmal aber war mein Herr mit mir bei einem Manne, der Menschen reparieren kann. Er hatte eine große Brille auf der Nase und sagte meinem Herrn auf lateinisch, was ihm fehle. Dann horchte er mit einem Rohr auf meinen Schlag, und mein Herr mußte eine große Flasche voll bitterer Tropfen trinken. Der Magen war sehr ärgerlich darüber, denn er sagte, ihn gehe die ganze Geschichte gar nichts an.«
»Seien Sie froh,« sagte die Uhr, »daß der Uhrmacher nichts mit Ihnen zu tun hat. Es ist eine schreckliche Geschichte. Alle Glieder werden einem da auseinandergerissen, man kommt unter die Bürste, sie stochern mit eisernen Haken in den Eingeweiden herum, zwicken und zwacken, und ein scharfes Ding kratzt an einem herum, daß die Späne fliegen. Der Herr bezahlte drei harte Taler und schimpfte, und der Doktor sagte, ich sei eine alte Knarre und hätte einen verbeulten Zylinder.«
»Pumpen Sie auch Blut?« sagte das Herz.
»Gott soll mich bewahren,« wisperte erschreckt die Uhr. »Ich bin aus purem Golde, aber das ist nicht die Hauptsache, das ist nur eine Äußerlichkeit. Ich habe ein reiches Innenleben. In mir geht es zu wie in einer Mühle. Da dreht ein Rad das andere, und die Hauptsache ist, daß ich pünktlich bin. Pünktlichkeit ist die beste Höflichkeit, sagt mein Herr, und er wird fuchsteufelswütend, wenn ich mich mal verspätet habe. Ich bin aber so gewissenhaft und laufe dafür am nächsten Tage wieder etwas schneller, aber das ist ihm _auch_ wieder nicht recht. Die Menschen sind undankbar und wissen nicht, was sie wollen.«
»Was mahlen Sie denn in Ihrer Mühle?« fragte das Herz.
»Gar nichts mahle ich, ich mache Zeit!«
»Zeit? Zeit?« fragte verwundert das Pumpwerk in der Brust, »was ist das für ein Ding?«
»Ja,« wisperte die Uhr, »genau weiß ich es auch nicht, aber es ist eine kostbare Sache, denn mein Herr sagt, Zeit ist Geld und Geld regiert die Welt. -- Ich spiele eine wichtige Rolle im Leben. Kaiser und Könige richten sich nach mir, und bei allen wichtigen Geschäften werde ich zu Rate gezogen. Dennoch sind die Menschen zu mir nicht dankbarer als zu Ihnen. Sehn Sie, ich bin nun schon zwanzig Jahre im Dienste meines Herrn, und das will etwas heißen. In einer Sekunde ticke ich fünfmal, also achtzehntausendmal in der Stunde und vierhundertzweiunddreißigtausendmal am Tage. Einhundertachtundfünfzigmillionenmal im Jahr. Tag und Nacht arbeite ich ununterbrochen. Mein Schwungrädchen ist nicht größer als ein Fingernagel meines Herrn, es dreht sich blitzschnell seit Jahren und Tagen hin und her, so schnell, daß man es kaum sehen kann. Würde es immer geradeaus rollen, so legte es in einem Tage sechsunddreißig Kilometer zurück, und in drei Jahren hätte es einmal die ganze Erdkugel umwandert. Dabei ist alles an mir zart und fein, ich habe Achsen so dünn wie ein Haar und eine winzige kleine Feder. Ich esse nichts und trinke nichts, brauche nur alle paar Jahre ein kleines Tröpfchen Öl, aber die Menschen sind trotzdem undankbar, und man kann es ihnen nicht recht machen. Wenn ich könnte, so ginge ich weit fort in die Welt, aber ich liege hier an der Kette wie ein Bullenbeißer.«
»Jeder hat seinen Ärger,« meinte das Herz. »Ich muß aufpassen, daß die ganze Geschichte hier drinnen in Schwung bleibt. Mein Herr hat vierzehn Liter Blut in seinen Adern, und die pumpe ich in einem Tage sechshundertmal rundum. Ja, es ist ein schönes Stück Arbeit, und anstatt mir die zu erleichtern, macht mich mein Herr fast krank mit seinem ewigen Weintrinken und Zigarrenrauchen. Dazu der Ärger mit den einzelnen Gliedern! Bald ist zuviel Blut im Kopf, und der hat Schmerzen, bald setzt sich mein Herr so ungeschickt, daß er die Adern zudrückt und ihm die Beine einschlafen, weil das Blut nicht durch die Leitungsröhren hindurch kann, und ein anderes Mal wieder beschweren sich die Hände, daß sie zu wenig Blut bekommen und frieren. Immer hab ich die Schuld!«
»Ich,« meinte die Taschenuhr, »lebe in einem langjährigen Kriege mit den Gebrüdern Zeiger. Sie denken, sie wären das Wichtigste, weil der Herr nur auf sie schaut, aber wenn das Räderwerk sie nicht dreht, so sind sie zu nichts nütze. Ewig leben sie miteinander in Hader. Der kleine dicke ärgert sich, daß der lange dünne ihn immer überholt, und so hängt er sich zuweilen an seine Frackschöße und geht mit ihm, so daß die ganze Zeigerei beim Teufel ist. Am übelsten aber ist der ganz kleine, der sich nur immer in einem engen Kreise herumschwingt wie ein Zirkuspferd. Er möchte so gern auch weit herum, wo all die großen dicken Zahlen stehen, und so klammert er sich fortwährend an den langen dünnen oder schleift vor Ärger auf dem Zifferblatt, bis die ganze Geschichte stillsteht. Dann nimmt mich der Herr wutschnaubend und klopft mich hart gegen die Tischkante, daß mir die Eingeweide durcheinanderzufallen drohen, und dann schimpft er greuliche Worte, behauptet, ich wäre eine niederträchtige Zwiebel, und wenn ich nicht von Gold wäre, würde er mich zum Fenster hinauswerfen.«
»Pssst!« machte das Herz, »er erwacht!«
Richtig, er erwachte, machte laut »Uäh! -- Aah! Huaaaa!« und dann sprang er mit beiden Beinen herab von seinem Ruhebett. Er zog die Uhr. »Halb fünf!« sagte er. »Hoffentlich geht die alte Pfeffermühle richtig!«
»Ja, ja,« seufzte die Uhr, »Undank ist der Welt Lohn!«»
Ein Tag auf dem Monde
«Kinder» -- sagte der Doktor Ulebuhle an einem schönen Sommerabend, als der Mond wie ein Wächterhorn über den hohen Tannen stand -- «ihr seid allesamt große Rüpel und Taugenichtse und werdet eines Tages ein übles Ende nehmen, aber ich habe es euch versprochen, und was man verspricht, das muß man halten, und so will ich euch denn den Mond durch mein großes Fernrohr zeigen!»
«Au fein, Ulebuhle! Wenn Ihr das tut, dann sammeln wir auch wieder Kräuter für Euch im Bergwald und Moos für Eure Käfer!»
«Nun gut, das läßt sich hören!» brummte der Alte, löste einen mächtigen Schlüssel von seinem Bund und trat mit uns hinaus auf den Vorflur, wo die Treppe hinaufführte zum schiefergedeckten Turm, in dem das große Fernrohr stand.
Es war gruselig und dunkel auf der Stiege, aber dann zündete Ulebuhle sein Öllämpchen an, der Schlüssel drehte sich kreischend im Schloß, und knarrend öffnete sich die Turmtür, um uns einzulassen in den geheimnisvollen Raum. -- Da stand in der Mitte auf einer Säule ein großes Ding, wie eine Kanone, und so dick, daß die dünnsten von uns wohl hätten durch das Rohr hindurchkriechen können. Es blinkte daran von allerlei Schrauben und Griffen, von Stahl und Messing. Oben war ein großes Glas im Rohr, wohl wie ein Teller, und unten ein ganz winziges, durch das man hindurchschauen mußte. Und dann tickte da noch eine große Uhr in einem Glasgehäuse, mit einem langen Perpendikel, der mächtig vornehm und langsam hin und her schwang und unablässig ganz bedächtig sein »Tick-Tack ... Tick-Tack« sagte. -- Da waren auch noch allerlei Apparate in den Ecken und an den Wänden, und Bilder hingen da von Mond und Sternen, und dicke Bücher lagen in den Fächern. Aber wenn wir Ulebuhle nach all dem fragten, dann sagte er nur in seiner knurrigen Weise: «Schnickschnack und Finger davon! Das versteht ihr nicht!»
Im Dach des Turmes waren große Klappen, die konnte man öffnen, und dann schauten die Sterne hinein, so daß man sie im Fernrohr betrachten konnte. Ganz dunkel war es im Turm, nicht einmal die Lampen auf den Straßen drangen mit ihrem Licht hinein, aber dann schob Ulebuhle die Riegel von den Klappen zurück, öffnete sie, und das bleiche Licht des Mondes blinkerte auf den Instrumenten und warf unsere Schatten lang über den Boden.
Jetzt aber richtete der alte Gelehrte das große Rohr auf das silbern glänzende Gestirn der Nacht. Er drehte viele Schrauben und Hebel, schaute selbst hinein in die Himmelskanone, und dann durften wir eins nach dem anderen herzutreten und sahen vor uns viel hundertmal vergrößert die stille, ferne Welt des Mondes, mit allen ihren merkwürdigen Ländern und Bergen.
Wie war das seltsam, als man hindurchschaute! Man sah nur einen Teil des Mondes, ganz riesenhaft groß. Wie eine mächtige Gipsplatte erschien zunächst, was man bemerkte; eine Gipsplatte, die ganz grell beleuchtet ist. Da sah man große graue Flecke, von denen Ulebuhle sagte, daß es große Ebenen auf dem Monde wären, ungeheure Wüsten, die wahrscheinlich früher einmal vom Mondmeer bedeckt waren. Was aber besonders interessant war, das waren die Berge. Man sah da allerlei blinkende Berggipfel, und Ulebuhle erklärte uns, daß sie so hell im Sonnenlicht strahlten, denn der Mond wird genau so von der Sonne erleuchtet wie die Erde und ist eigentlich genau so dunkel wie sie. Die Berge warfen lange, spitze Schatten weithin über die Ebenen, und in den Tälern, wo das Sonnenlicht nicht hindringen konnte, lag tiefschwarze Nacht. Viel tausend kreisrunde Krater waren da zu sehen, und dann wieder lange Gebirgszüge, und alles war so wild zerrissen und zerklüftet, daß es im Glase aussah, als sei es ein großer Kuchen, in den die Mäuse Loch an Loch geknabbert.
So standen wir und schauten, und der alte Ulebuhle erzählte uns mancherlei über das, was wir sahen. Als wir aber immer wieder fragten, da wurde er wieder grimmig, schnaufte in sein großes buntes Taschentuch, rückte die Hornbrille zurecht und knurrte in seiner alten Weise:
«Still jetzt, ihr Racker! Und nicht alle durcheinander geschrien! Ihr habt den Mond gesehen und erfahren, daß er eine Weltkugel ist wie die Erde, aber eine erstorbene, auf der kein Mensch mehr lebt. Wollt ihr aber noch mehr wissen, dann will ich euch die Geschichte von dem kleinen Jungen erzählen, der einen Tag auf dem Monde zubrachte. Setzt euch hier ringsum und öffnet weit eure Lauscher!»
Und dann nahm Ulebuhle eine mächtige Prise aus der buntbemalten Dose, nieste zweimal gewaltig, so daß sein Zöpfchen erschrocken einen Satz über den Rockkragen tat, und dann erzählte er: