Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 8

Chapter 83,741 wordsPublic domain

»Oll Cook,« sagte ich, »Ihr sprecht wie ein Advokat und würdet eine verlorene Seele aus dem Fegefeuer herausreden. Also gut! Die Kinder sollen sehen, daß ein Seemann noch mehr kann als Grog und Portwein trinken. So will ich also herunter zur >Isabella<, aber nur unter einer Bedingung, nämlich daß Ihr selbst auf dem Taucherschiff alle Arbeiten leitet, denn wenn nicht alles bis aufs I-Tüpfelchen seine Ordnung hat, riskiert man Kopf und Kragen bei dem Geschäft!«

»Selbstverständlich, Maat!« rief der Alte freudig und hieb mir mit seiner noch immer eisenfesten Pranke kräftig auf die Schulter. »Und nun, Jungens, schnell noch ein paar Augen voll Schlaf, denn morgen früh bei Sonnenaufgang geht's hinaus auf die See.«

Da trollten wir denn von dannen. Draußen war es dunkel und etwas neblig, aber die Kupfernase des alten Cook leuchtete wie eine Backbordlaterne durch die Finsternis.»

Doktor Ulebuhle unterbrach hier seine Erzählung, um sich eine frische Pfeife zu stopfen, und die alte Christine brachte Tee für uns Kinder und einen guten Abendtrunk für ihren Herrn. Dann stocherte sie noch ein wenig im Kamin herum und schlurfte wieder davon.

«So ein Taucher hat ein gefahrvolles Handwerk, Kinder,» hub der Alte wieder an. «Es ist keine Kleinigkeit, auf den Boden des Meeres hinabzusteigen, und das ist überhaupt nur für eine ganz geringe Tiefe möglich, so etwa bis auf rund sechzig bis siebzig Meter. Damals, als John Dolland tauchte, war das noch ein großes Wagnis, und man begreift, daß er keine Lust verspürte, das dreißig Faden, also fünfundfünfzig Meter tief liegende Schiff aufzusuchen.

Was aber ist es, das die Arbeit unter Wasser so schwierig macht? Nun, es ist der Druck der Wassermassen auf den menschlichen Körper! Seht, wir alle leben ja eigentlich auf dem Grunde eines Meeres, nämlich des Luftmeeres, und da die Luft viele Kilometer hoch emporreicht, so drückt sie auch auf uns, und wir könnten uns viel leichter bewegen, wenn der Raum um uns luftleer wäre, wie es auf dem Monde der Fall ist.

Das Wasser aber ist fast achthundertmal schwerer als die Luft, was ihr ja alle merkt, wenn ihr mit dem leeren Eimer, in dem nur Luft ist, nach dem Brunnen geht, und mit dem gefüllten Eimer zurückkommt. Steigt der Taucher nun ins Meer hinab, so drückt die Wassermasse mit immer größerer Wucht auf ihn, je tiefer er geht. Dieser Druck aber wirkt auf den menschlichen Körper, der eben nicht für das Meer, sondern für die Erdoberfläche gebaut ist, schädlich ein. Herz und Lungen werden in ihrer Tätigkeit sehr gestört. Bei alten Tauchern findet man zudem häufig Blindheit, fast immer aber Taubheit und allerlei Herzkrankheiten.

Läßt man eine leere Blechbüchse tief herab auf den Meeresgrund und zieht sie dann wieder herauf, so ist sie zusammengedrückt, und eine Kugel aus Kork wird fast so flach wie ein Taler. Aber das ist freilich erst in mehreren tausend Metern Tiefe möglich. Ja, ihr Buben, so tief ist das Meer. An manchen Stellen, bei den Japanischen Inseln, ist es neuntausend Meter tief, und wenn man da den höchsten Berg der Erde hineinstellen würde, der in Asien liegt und Gaurisankar heißt, dann guckte er nicht einmal mehr mit der Nasenspitze heraus, denn er ist nur achttausendachthundertvierzig Meter hoch.

Nun denkt einmal an, daß die Taucher noch nicht einmal hundert Meter tief heruntersteigen können. Wie wenige Schiffe, die gesunken sind, liegen in so flachem Wasser! Auf ewig bleiben also die versunkenen Menschen und Schätze in diesen Tiefen unseren Augen verborgen. Sie liegen in der grausigen Finsternis da unten, wo ewiges Schweigen herrscht, denn weder das Sonnenlicht noch der Wellenschlag dringen hinab auf den Grund des Ozeans.

Aber nun will ich euch weiter berichten, was John Dolland der Taucher erzählte!

»Am andern Morgen, bei Sonnenaufgang,« so sagte er, »waren wir alle auf dem Taucherschiff versammelt. Der alte Cook, mein Kamerad Nils Nielsen, der Beamte der portugiesischen Regierung, der sogar ein Bild von dem ertrunkenen Gesandten mitgebracht hatte und alle Leute, die dienstlich bei der Taucharbeit zu tun hatten. Als wir eben nach Porto Santo hinausfahren wollten, kam noch eine fromme Schwester mit den beiden Kindern, deren Mutter mit der >Isabella< in die Tiefe ging, denn da nirgendwo ein Rettungsboot angekommen war, mußte man annehmen, daß das Unglück nächtlicherweile und urplötzlich erfolgt sei und niemand ihm entgangen war.

»Hier, ihr Kinder,« rief der alte Cook, »seht ihr den Mann, der hinabsteigen will zu eurer ertrunkenen Mutter! Er wird euch mit heraufbringen, was sie an Gütern bei sich trug. Wünscht ihm Glück und Gottes Schutz. Er ist ein tapferer Mann, und hauptsächlich um euch zu nützen, wird er tauchen!«

Die weinenden Kleinen flüsterten kaum hörbar ihre Bitten. Die fromme Schwester schlug ein Kreuz und betete für gutes Gelingen, und dann gingen wir unter Segel und verließen die Bucht von Funchal.

Wir wendeten nach Norden. Noch war es frisch; ein leichter Dunst lag auf dem Wasser, aus dem in der Ferne da und dort, wie weiße Schmetterlinge, ein paar Segler auftauchten. Ein schwacher Wind nur strich über das blaue, fast glatte Meer; zum Tauchen ein vortreffliches Wetter.

Bei Porto Santo kam der Leuchtturmwärter zu uns an Bord, um die Stelle zu zeigen, bei der etwa die >Isabella< gesunken sein mußte. Bald hatten wir diese dem Lande nahe Gegend erreicht. Wir ließen einen Anker bis fast zum Meeresgrunde herab und fuhren nun ganz langsam kreuz und quer, bis nach etwa einstündigem Suchen der Anker faßte. Wir zogen ihn empor und umfuhren das Hindernis von allen Seiten, immer wieder mit dem Anker seine Lage prüfend. Kein Zweifel, hier lag ein gesunkenes Schiff. Einmal saß der Anker fest, und als wir ihn losrissen und emporwanden, hing Takelwerk zwischen seinen Klauen. So hatten wir also die >Isabella< aufgefunden, schneller als wir erwartet hatten. Das Taucherschiff wurde nun mit mehreren Ankern festgelegt, und jetzt begannen die Vorbereitungen, die Oll Cook, der erprobte Tauchermeister, mit gewissenhafter Sorgfalt leitete.

Wir Taucher da drunten auf dem Meeresgrund sind ja mit Leib und Leben abhängig von der Luft, die uns von oben her durch den Schlauch zugepumpt wird. Geht der Schlauch entzwei oder die Luftpumpe, dann ist es mit der Herrlichkeit vorbei, wenn man nicht selber schnell nach oben kommt, was nicht immer möglich ist. Aber gottlob passiert es selten, daß die Apparate versagen. Die Druckpumpe, die mir die Luft zuführen sollte, wurde genau untersucht, zuverlässige Leute zu ihrer Bedienung wurden ausgewählt, und dann zog ich mir in aller Ruhe meinen Taucheranzug an, von Oll Cook unterstützt. Der Anzug war fast neu und vollkommen wasserdicht. Gummimanschetten schlossen ihn an den Hand- und Fußgelenken ab. Dann zog man mir die schweren Taucherstiefel an, mit den dicken Bleisohlen, die dafür sorgen, daß man im Wasser einen festen Stand hat und nicht umkippt wie ein leichtes Holzmännchen. Endlich kam die runde Kupferkugel des Helmes an die Reihe, die den Kopf umschließt. Sie wurde am kupfernen Halsring des Taucheranzuges festgeschraubt. Ein Gummistreifen schützte auch hier gegen das Eindringen des Wassers. Nun den Gürtel um, mit dem Dolchmesser, das gegen Haifische und andere gefährliche Burschen schützen kann, und wir sind soweit.

Oll Cook schraubte bereits den Luftschlauch, der von der Luftpumpe kommt, an meinem Helm fest, und Nielsen hatte schon das Verschlußstück des Helmes, mit dem dicken Glasfenster, in der Hand, um mich ganz von der Außenwelt abzuschließen, aber ich nahm noch einmal schnell meine geliebte alte Tabakspfeife, um einige Züge zu tun. »Nils,« sagte ich, »alter Bursche, man kann nie wissen, was der Teufel mit einem vorhat, und ob man noch einmal einen Gipskopf voll Kanaster in die Luft paffen kann, und darum soll man's beizeiten tun!«

»Richtig,« sagte der alte Cook. »Das habe ich auch immer so gehalten, Maate. Und noch eins, mein Junge! Für die Schiffskasse und die Schiffspapiere bekommen wir einen ganz hübschen Batzen extra, der für jeden mindestens ein Stückfaß vom besten Rum und eine Klafterkiste voll Holländer Tabak ausmacht! Sieh zu, daß du den Krempel heraufbringst.«

Da trat auch der Portugiese heran, der bisher neugierig zugeschaut hatte, wie ich in meinen Wasseranzug schlüpfte. Er hatte ein viereckiges Glasstück, mit einer seidenen Schnur daran, in das eine Auge geklemmt und trug einen hohen Zylinderhut, der uns Teerjacken ringsum sehr komisch vorkam. »Seht noch einmal das Bild des Senor Cabrella an, Meister Dolland. Tausend Peseten in Gold zahlt meine Regierung für die Papiere, die er bei sich trug. Geht ans Werk und die heilige Jungfrau sei mit Euch!«

Ich nickte und versprach zu tun, was sich ermöglichen ließ. Tausend Peseten -- hörte ich Oll Cook brummen. Und sicher berechnete er im Kopfe, wieviel Stückfässer Rum man dafür kaufen könne, denn sein roter Riechhaken schnupperte verdächtig in der Luft herum.

»Fertig!« rief ich.

Man schraubte das Helmfenster zu. Die Männer an der Luftpumpe traten in Tätigkeit, Cook befestigte die Signalleine, mit der der Taucher durch ein- oder mehrmaliges Ziehen von unten sein Zeichen gibt, an meinem Gürtel, und dann schlurfte ich mit meinen schweren Bleischuhen der Strickleiter zu, die über Bord hing.

Das Letzte, was ich sah, war der Zylinderhut des Mannes mit dem Glasscherben im Auge, dann war ich unter Wasser, und Kühle drang zu mir. Am Ende der Strickleiter ergriff ich das Seil und zog kräftig daran. Da ließ man mich an ihm langsam und vorsichtig hinab, tiefer und tiefer. -- Um mich war die grünliche, klare Flut. Über mir, der dunkle Schatten, war der Boden des Taucherschiffes.

Ganz langsam glitt ich tiefer und tiefer, hin und wieder hing ich mal eine Weile unbeweglich am gleichen Ort, denn es ist von großer Wichtigkeit, daß der Taucher seinem Herzen und seinen Lungen Zeit gibt, sich an den veränderten Wasserdruck zu gewöhnen, ehe er in immer größere Tiefen hinuntertaucht. Das Wasser war von gläserner Durchsichtigkeit, und weithin konnte ich kleine, zierliche Fischchen blinken sehen. Unter mir gewahrte ich nach einiger Zeit auf gelblichem Grunde undeutlich eine verschwommene dunkle Masse; offenbar war es das gesunkene Schiff, doch war ich noch nicht tief genug, um Einzelheiten zu erkennen.

Ich glitt, immer wieder meine Fahrt unterbrechend, tiefer und tiefer hinab, und langsam wurde es dunkler um mich her. Selbst in sehr klarem Wasser ist es in dreißig Metern Tiefe am hellen Mittag schon schummrig, wie droben auf dem festen Lande zur Zeit der Abenddämmerung, und nun gar dreißig Faden oder fünfundfünfzig Meter tief kann man nicht mehr viel sehen, denn soweit dringt das Sonnenlicht nur in günstigsten Fällen. Hier aber lag heller Sand am Grunde, und er war bedeckt mit Millionen silbrig schimmernden Muscheln und Muschelsplittern, und so ging es einigermaßen. Außerdem sind wir Taucher an das Arbeiten bei dieser Beleuchtung gewöhnt und sehen, wie die Maulwürfe, fast noch im Dunkeln.

Nicht überall ist der Meeresgrund so günstig. Ich tauchte an Stellen, wo er mit einem zähen Schlamm bedeckt war, in dem man leicht versank. Das war freilich an der englischen Küste, in der Nähe der Einmündung eines großen Flusses, der viel Sand und Schlamm am Grunde ablagert. An anderen Orten wieder sah der Boden wie ein wilder Wald aus, bedeckt mit einem Gewirr von Schlingpflanzen, worin man sich fortwährend verhedderte und aller paar Minuten auf der Nase lag. Dann aber gibt es auch Stellen, da ist es bergig. Es geht auf und ab, Schluchten und Felswände stehen da, oder Korallenriffe steigen aus der finsteren Tiefe auf.

Der alte Cook machte seine Sache wirklich vorsichtig! Nach acht Minuten berührte mein Fuß den Grund. Ich gab durch Ziehen an der Leine Nachricht, daß ich drunten angekommen.

Zwanzig Schritt von mir entfernt hob sich vom Grunde die dunkle Masse der >Isabella< ab. Sie lag schräg gegen eine Sandwelle, ihre Masten ragten gespenstisch aufwärts, und Segel und Tauwerk hingen in abenteuerlichen Formen hernieder. -- Unten bist du nun, alter Knabe, sagte ich zu mir, jetzt nimm dich zusammen, daß du auch wieder gut nach oben kommst. Eile mit Weile. Abrackern darf man sich in solcher Tiefe nicht, sonst ist man in fünf Minuten so erschöpft, daß man schleunigst das Aufzugsignal geben muß, wenn man nicht ein schlimmes Ende nehmen will. Langsam und bedächtig kletterte ich an über Bord hängendem Tauwerk hinauf auf Deck. An zwei Stellen sah ich Seeleute liegen, aber ich hielt mich nicht auf, denn zu helfen war den armen Teufeln ja nicht mehr, und hier unten sind die Minuten kostbar. Eine Viertelstunde konnte ich es wohl aushalten, aber was sollte in dieser Zeit alles geschehen!

Hier oben war weder etwas vom Kapitän noch von dem Gesandten noch von der Mutter jener Waisen zu sehen. Sicher befanden sie sich unter Deck. Vorsichtig, immer meinen Luftschlauch und meine Signalleine vor Verwicklungen mit dem Segelwerk schützend, wandte ich mich zu der Treppe, die hinabführt zum Schiffsinnern, zu den Kajüten. Aber da war nicht durchzukommen. Die >Isabella< war ein alter, unmoderner Kasten. Die Tür am Ende der Treppe war durch einige Fässer und Balken, die im Augenblick des Sinkens ins Rollen gekommen waren und sich vor die Tür gelegt hatten, gesperrt. Bald entdeckte ich aber einen zweiten Eingang, eine einfache Öffnung, die mit einer Falltür zu verschließen war. Eine steile Stiege führte hinunter, und ich kroch vorsichtig hinein.

Es war stockdunkel da unten. Ganz allmählich gewöhnte sich mein Auge an das schwache Licht, das durch die mit dicken Glasplatten bedeckten Bullaugen, den Oberlichtfenstern und Seitenfenstern, hineindrang. Gleich am Ende des schmalen Ganges lag die Kajüte des Kapitäns. Er selbst war nirgends zu sehen. Aber der eiserne Kasten unter dem Kartentisch enthielt sicher Schiffspapiere und Schiffskasse. Ich beschloß, erst einmal dieses eiserne Ungetüm nach oben zu bringen. Droben auf dem festen Lande hätten zwei starke Männer ihre ganze Kraft nötig gehabt, das schwere Ding zu bewegen, aber unter Wasser sind alle Gegenstände viel leichter. Es ist, als ob das Wasser den eingedrungenen Fremdling wieder nach oben drücken will, und dieser Druck bewirkt, daß wir ihn weitaus leichter halten und emporheben können. -- So schleifte ich denn den großen Kasten bis zur Luke und bugsierte ihn die steile Stiege hinauf. Endlich stand er oben, und ich gab das Signal, ein Seil herabzulassen. Nach einer Minute schwebte es, mit Eisenstücken beschwert, nahe bei mir. Die Kiste wurde befestigt, ein Zug am Tau, und langsam wurde die kostbare Last von den Kameraden droben emporgewunden. Sie entschwand meinen Augen im grünlichen Schimmer über mir.

Ich hatte mich inzwischen derart an das geringe Licht gewöhnt, daß ich deutlich das Leben des Meeres um mich her wahrnahm. In allerlei wunderlichen Formen schwammen seltsame Geschöpfe an mir vorüber. Manche standen wie lauschend still zwischen dem Takelwerk des gesunkenen Schiffes. Da zog lautlos ein Pelikan-Weitmaul heran, ein mißgestalteter Geselle, wohl einen halben Meter lang und nicht unähnlich einem großen Schöpflöffel, denn der ganze Bursche besteht fast nur aus einem Riesenmaul. Er war schwarz wie eine Katze und blickte blöde meinen kupfernen Helm an, bis er, sicherlich verwundert über das seltsame Wesen, das er hier traf, langsam in der Ferne verschwand. Liebliche, in allen Farben schillernde Seerosen und Medusen kamen angeschwommen, fast durchsichtig war ihr zarter Leib, und mit ihren zarten Armen flatterten sie hin und her, griffen nach unsichtbaren Dingen. Wie Spielzeuge aus Glas waren sie anzuschauen, bunt und zerbrechlich. Riesige Seesterne, mit fünf langen Armen glitten lautlos vorüber, gräßliche Tiefseekrebse mit starren Stielaugen, mit einem Gewirr von Beinen, Hörnchen, Fühlern folgten ihnen. Eine Seespinne stelzte unbeholfen auf hohen Beinen neben mir vorüber, ein Schwarm kleiner, silbern blinkender Fischlein spielte um mich her, wie Mücken um die Weide am Bach. Und wieder ein gräulicher Bursche! Ein Melancetus, ein Schlammbewohner, wie ein unförmiger Beutel anzuschauen. Vorn am Kopf trug er einen langen dünnen Fühler, wie der Zirkusklown eine Pfauenfeder balanziert. Das riesige Maul war angefüllt mit spitzen Zähnen. Er jagte einer Schar winziger Krebschen nach, die vor dem gefräßigen Beutel, der sie schlucken wollte, zu entkommen suchten. Auch leuchtende Tiefseebewohner, die in mattem, gelbgrünem Licht schimmerten wie alte Phosphorzündhölzer, sah man dann und wann. Es kribbelte und krabbelte um mich herum in seltsam abenteuerlichen Formen und Farben. Zerrbilder der Natur glitten vorüber und wundervolle Gebilde, die wie bunte Blumen anzuschauen waren.

Aber einen Augenblick nur wandte ich meine Aufmerksamkeit auf das Schauspiel, meine Zeit war knapp. Ich stieg wieder zur Luke hinein, glitt aber plötzlich auf der steilen Hühnerleiter aus und riß ein wenig an dem Seil. Da gab es plötzlich über mir einen dumpfen Ton, es wurde noch etwas dunkler, und erschreckt nach oben blickend sehe ich, wie die Falltür zugeschlagen ist. -- Mein Herz pocht gewaltig, eine Hitzewelle und ein Kältestrom schießt durch meinen Körper, jeden Augenblick glaube ich, daß die Luftzufuhr unterbrochen wird, denn offenbar hat die zugefallene Klappe den Schlauch zugeklemmt. Ich haste die Treppe wieder hinauf, stemme mich mit aller Kraft gegen die Klappe, immer und immer wieder, aber sie wankt nicht. Es ist, als säße der Teufel oben drauf. Indessen, nach wie vor funktioniert die Luftzufuhr. Wie ich näher hinschaue, sehe ich, daß ein eiserner Riegel das vollkommene Zuschlagen der Falltür verhindert hat. Es ist noch eine daumendicke Spalte offen, und so ist der Luftschlauch vor dem Zusammendrücken bewahrt geblieben. Wäre es anders, ich müßte elend ersticken, aber so lebe ich in meinem unterseeischen Gefängnis und kann auf Rettung hoffen. Freilich, die Signalleine sitzt fest. Sie muß bei meinem Ausgleiten die Tür niedergerissen haben. Zeichen nach oben kann ich nun nicht mehr geben und bin ganz abhängig von der Aufmerksamkeit der Kameraden droben. Eine verteufelte und sehr ungemütliche Geschichte, denn lange kann ich es nicht mehr aushalten unter Wasser. Ein Pochen in den Schläfen, ein Summen im Ohr zeigt bereits an, daß der Körper dem Wasserdruck nicht gewachsen ist. -- -- -- --

Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «in Erinnerung an diese gefahrvolle Lage fand es der Taucher für nötig, sich ein neues Glas Grog zu mischen. Er machte ihn sehr nördlich, will sagen mit wenig Zucker und Wasser und viel Rum. Ich aber war damals noch ein kleiner Tunichtgut wie jetzt ihr und saß dabei und sperrte vor Erwartung den Mund so weit auf wie der Hannes da drüben, der aussieht, als wollte er sich die Ohren abbeißen. Der Taucher stopfte umständlich eine frische Pfeife, und hätte, in Gedanken versunken, beinahe in die Stube gespuckt, besann sich aber noch rechtzeitig, daß er nicht an Bord war, und erzählte weiter:

»Manches Gefährliche habe ich vorher erlebt und auch manches nachher, aber das war doch der bitterste Augenblick meines Lebens. Ich starrte lange den Eisenriegel an, meinen Lebensretter, und beschloß, ihn -- wenn ich wieder herauskommen sollte aus der üblen Lage -- abzuschlagen und mitzunehmen. Es konnte lange dauern, bis die Leute oben merkten, daß etwas nicht in Ordnung war, und schließlich war es fraglich, ob Nils Nielsen, der einzige, der es wagen durfte so tief zu tauchen, mich befreien konnte. Allerlei traurige Bilder stiegen vor meiner Phantasie auf. Ich erinnerte mich verschiedener Kollegen, die elend durch ähnliche Begebenheiten umgekommen waren. Da hatte sich der eine mit dem Kopf in eine Tauschlinge verwickelt, und als seine Kameraden ihn hochzogen, schnürten sie ihm die Luft ab, so daß er erstickte. Viel später erst merkte man oben, daß der Mann da drunten offenbar nicht mehr am Leben war, und ein zweiter Taucher brachte ihn tot nach oben.

Indessen, langsam fand ich mich in meine Lage. Wie Gott will, sagte ich mir. Und um die Zeit wenigstens nützlich auszufüllen, ging ich wieder an die Arbeit. Ich schnitt das Signalseil, das mich an der Falltür festband, durch und eilte in die Kajüten. In der dritten bereits fand ich die Mutter, die ihre Kinder zu sich holen wollte. Angekleidet lag sie, von den hereinbrechenden Wassern überrascht, an der Tür, eine Tasche, offenbar mit ihren wichtigsten Habseligkeiten, fest an sich drückend. Auch im Tode noch war ihr Gesicht freundlich, aber ein Zug von unendlicher Traurigkeit lag darauf, die Trauer um ihre Kinder. Auf dem Tisch fand ich ein Tagebuch. Reiseeindrücke und Betrachtungen über ihre Kinder hatte die Mutter da niedergeschrieben. Auf der letzten, aufgeschlagenen Seite aber stand; wenige Stunden vor ihrem Tode, angesichts des nahen Landes niedergeschrieben, ein kleines Gedicht:

Verglüht ist nun im Westen der Sonne letztes Gold, Horch, wie an ferner Küste der Schlag der Wogen grollt! Es schmiegt sich in die Segel ein warmer, sanfter Süd, Und stiller Abendfrieden hin durch den Dämmer zieht.

Wenn nun der junge Morgen umspielet unsren Kiel, Vor uns im Schmuck der Wälder liegt unsrer Sehnsucht Ziel; Laßt flattern dann im Winde der Segel blankes Weiß, Der Anker falle nieder, dem Herrn sei Lob und Preis!

Es wurde mir beim Anblick der Zeilen weh ums Herz, und meine eigene trübe Lage kam mir doppelt zum Bewußtsein. Die Mutter hatte den so nahen Hafen nicht erreicht. Wer wußte, ob auch ich ihn wiedersehen würde!

Plötzlich wurde ich aufgeschreckt! Was war das?! Laute Glockenschläge tönten an mein Ohr, und dann schnarrte etwas, und dröhnende Musik erfüllte den Raum. Ich war so entsetzt, daß ich alles um mich her vergaß und wie besessen hinausstürzte in den Gang, der Treppe zu. Allmählich kam ich wieder zum Bewußtsein. Eine lustige Tanzweise schallte noch immer laut zu mir herüber. Plötzlich schnarrte es wieder, und die Totenstille im versunkenen Schiff, die dem Lärm folgte, war nicht minder unheimlich. Ich lief zurück. Alter Junge, sagte ich mir, alles in der Welt geht natürlich zu. Es lebt hier außer dir niemand mehr, und ein Geisterkonzert kann es nicht gewesen sein. Ich blickte mich in der Damenkajüte um und entdeckte schnell über der Tür den Grund meines Schreckens. Da hing eine große Spieluhr, die noch ging und alle Stunden ein Stücklein zum Besten gab. Nun muß man wissen, daß das Wasser den Schall vielmals kräftiger und besser weiterleitet als die Luft. Da das ganze Schiff mit Wasser angefüllt war, so war die Schallwirkung inmitten der lautlosen Stille derart gewaltig, um so mehr, als kein Mensch hier Musik erwarten konnte, daß mich vor Schreck fast der Schlag getroffen hätte. Heute lache ich über die verrückte Geschichte, aber damals dachte ich, die Hölle wäre hinter mir her! Als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, ergriff ich das Tagebuch der Ertrunkenen, nahm ihre Reisetasche an mich und begab mich zur Treppe zurück, denn mir war fürchterlich elend zumute. Ich spürte es deutlich, meine Zeit hier unten war abgelaufen. Mein Schädel brummte wie eine Baßgeige, Blut sickerte mir aus der Nase, die Glieder wurden schwer. Ich ließ mich auf der Stiege nieder, nahe daran ohnmächtig zu werden. Alles um mich herum erschien in verschwimmendem, grünlichem Licht, es wallte und wogte wie ein Meer von wogenden grünen Halmen und Büscheln, und dazu summte eine sonderbare, klagende Melodie eintönig an mein Ohr. Es war nichts weiter als die verbrauchte Luft, die in Bläschen zischend am Ablaßhahn meines Kupferhelmes austrat, aber mein Denken war so verwirrt, daß ich das alles nicht mehr richtig auseinanderzuhalten wußte.