Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 7

Chapter 73,811 wordsPublic domain

»Wenn Sie mit der Kette auch so umgegangen sind wie mit mir, dann kann ich es ihr nicht verdenken, daß sie mit dem Messingleuchter durchging, denn Sie sind ein roher Patron. Aber für mich fängt das Leben erst an, und ich glaube, es wird ganz interessant werden. Ich mache Furore und sicher einmal eine gute Partie, eine glänzende Partie, wie es mir zukommt. Freilich, den ersten besten würde ich nicht nehmen.«

Schrumm! sagte es plötzlich. Ein dicker Käfer, angelockt durch das Licht der Kerze, war zum Fenster hereingeflogen und lag nun zu ihren Füßen. Er hatte große Bürsten an den Beinen, und damit strich er über seinen Schnurrbart und seine Frackflügel, denn er wußte, was sich schickt, wenn man einer Dame seinen Besuch macht. Er machte eine gar possierliche Figur, denn er war sehr dick, hatte einen kugelrunden Kopf und ganz kurze Beinchen. Er kribbelte langsam an dem Leuchter herum, machte ein paarmal seine Verbeugung und schien zu warten.

»Da kommt der erste Freier,« sagte die Lichtputzschere, »halten Sie sich zu, sonst schwirrt er wieder ab.«

»Pee,« meinte schnippisch die Kerze, »er ist mir zu dick und zu klein. Es wird noch ein anderer kommen. Ich habe Zeit, das Leben fängt ja erst an!«

Der Käfer kletterte inzwischen an der Kerze hoch, und als er dicht bei ihrem Flammengesicht war, knisterte sie so böse, daß er vor Schreck auf den Tisch herunterfiel und auf seinen runden Rücken zu liegen kam. Da lag er nun, strampelte unbeholfen mit den Beinen und konnte nicht wieder aufkommen, bis ihm die Schere einen Arm entgegenstreckte und ihm wieder auf die Beine half.

»Sehen Sie, Verehrtester, so geht es, wenn man auf Abenteuer ausgeht. Suchen Sie sich eine andere Flamme, denn diese hier will hoch hinaus, und man wird am besten mit ihr fertig, wenn man ihr den Zopf abbeißt.«

Der Käfer war ganz verstört. Schnurr, schnurr, sagte er, und dann flog er in die Gardinen.

Aber schon kam ein neuer Freier daher! Das war eine Pferdemücke. Entsetzlich dünn und langbeinig, eng geschnürt wie ein Gardeleutnant und mit roten Stielaugen im Kopfe. Sie schnurrte immer rundum um die Kerze und tat sehr verliebt.

»Herrgott,« sagte die, »was für ein dünner Schneider! Ein gräßlicher Kerl! Ich mag ihn nicht um einen Wald voll Affen! Da muß ein ganz anderer kommen!«

Die Pferdemücke war, geblendet durch die Flamme, in das Tintenfaß geraten, hatte sich die Flügel gefärbt und kroch nun über das Schreibpapier des Dichters, einen langen Strich mit Tinte hinter sich ziehend. Da wurde er ärgerlich und warf sie in weitem Bogen zum Fenster hinaus.

»Nun werden Sie eine alte Jungfer,« schnauzte die Schere. »Der eine ist Ihnen zu dick, der andere zu dünn. Ja, denken Sie vielleicht, es kommt ein Prinz?«

Aber wirklich, da kam ein Prinz! Ein niedlicher bunter Falter mit einem blauen Seidenmantel und schwarzem Samtkragen. Er hatte zarte Fühlhörnchen, umtanzte die Kerze und wisperte so fein, daß man es kaum hören konnte. Zudem war es eine fremde Sprache, die keines im Zimmer verstand. Der bunte Fremdling machte der strahlenden Kerze seine tiefsten Verbeugungen. Vielleicht hielt er sie wirklich für die Sonne. Ihr Licht und ihre Wärme lockten ihn, er war geblendet von ihrem Glanz und umschmeichelte sie mit seinen surrenden bunten Flügeln.

Die Kerze fühlte sich äußerst gehoben. Stolz stand sie da. Endlich ein eleganter junger Herr, dachte sie, und strahlte noch einmal so hell.

»Junger Mann,« brummte die Lichtputzschere, »hören Sie auf einen alten Knasterbart, der das Leben kennt, und machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst gibt's ein Unglück! Ich sah schon manchen Ihresgleichen ein Ende nehmen. Er verbrannte sich die Frackflügel an der Flamme und mußte zu Fuß nach Hause gehen, oder es ging ihm wie jenem dicken Nachtschwärmer, der an der Kerze hängen blieb und elend mit ihr versengte.«

Der kleine bunte Fremdling aber hörte nicht. Er taumelte um die Kerze, und sie lockte ihn mit ihrem Strahlenlächeln.

»Das Leben ist doch schön!« sagte sie. »Nun liebt mich auch jemand so, wie der junge Mann, der dort sitzt und Gedichte schreibt, das Fräulein liebt.«

Da zuckte sie plötzlich erschreckt zusammen. Es gab einen kleinen Puff, und der bunte Schmetterling fiel auf den Tisch nieder, gerade neben die Lichtputzschere. Er hatte die Kerze küssen wollen, und richtig verbrannte er sich dabei die Flügel. Da lag er nun und schnurrte unbeholfen, und das schöne Spiel war aus.

»Sehen Sie, junger Mann! Was habe ich Ihnen prophezeit!« schnarrte die Schere. »Übermut tut selten gut. Wer nicht hört, muß fühlen, und Jugend hat keine Tugend!«

»Es ist schade,« meinte die Flamme, »aber vielleicht kommt ein anderer.«

»Sie sind ein herzloses Frauenzimmer, und außerdem rauchen Sie schon wieder!« Mit diesen Worten sprang die Lichtputzschere empor, klappte das Maul auf und biß herzhaft ein Stück von dem brennenden Zopf ab. Sie konnte das tun, denn sie war von Eisen.

Die alte Uhr sagte zehn, und dann elf, und endlich zwölf. Die Kerze wurde kleiner und kleiner und die Schatten im Zimmer immer länger und länger. Alles tauchte immer mehr in Finsternis, und die Welt wurde so beängstigend stille. Der Bohrwurm in der Tischplatte schlief, und der kleine Schmetterling hatte sich traurig hinter den Büchern verkrochen. Auch die Schere war eingenickt. Als die alte Uhr zwölf gesagt hatte, brummte sie noch lange ganz leise vor sich hin, denn das war ihre größte Arbeit, und nun mußte sie wieder mit eins anfangen, aber dann schliefen die Leute schon, und keiner hörte zu.

Da erhob sich endlich der junge Mann, der das schöne Mädchen liebte. Er seufzte noch einmal, und dann ging er ganz leise hinaus, hinüber in sein Schlafzimmer. Aber der alte Gustav, sein Kammerdiener, hatte ihn doch gehört. Er stellte die Pantoffeln zurecht und den Stiefelknecht, und dann ging er hinüber in das Studierzimmer seines Herrn, um nach Ordnung zu sehen. Da stand die Kerze noch auf dem Tisch und brannte noch. Aber wie sah sie aus! Alt und häßlich! Ganz winzig klein war sie geworden und flackerte ängstlich hin und her. Ihr Spitzenkleid war angesengt. Sie weinte dicke, dicke Tränen und sagte einmal über das andere Mal: »Nun ist es aus! Wie ist das Leben so kurz!«

Der alte Gustav nahm den winzigen Kerzenstumpf mit der Schere aus dem Leuchter heraus. Aber seine alten zittrigen Finger zerdrückten ihn.

»Autsch!« sagte die Kerze, und dann verlöschte sie, und es war rabenschwarze Nacht. Das winzige Wachsstümpfchen rollte in die Ofenecke, und als der alte Gustav mit seinen Filzschuhen davongeschlurft war, kamen die kleinen Mäuse hinter dem Ofen vor, strichen ihre Schnurrbärte, schnupperten umher und verzehrten das Wachs. Nur den kleinen Zopf ließen sie liegen.

Die Lichtputzschere erwachte, riß das Maul auf und gähnte. Alles schon dunkel, dachte sie, die Jungfer Kerze ist inzwischen gestorben, wie es scheint. Ja, das Leben ist kurz. Schnedderengteng, die Welt ist eng! -- Einmal werde auch ich in die Grube fahren, ich spüre es doch schon in den Gelenken, daß ich hundert Jahre alt bin. Es ist das Zipperlein.

Der alte Tisch knackte, und da schwieg die Schere, denn sie wußte, er war ein alter Brummbär und liebte das Reden nicht.

Seht, Kinder,» sagte der alte Doktor Ulebuhle und stopfte noch eine Pfeife, «das war die Geschichte vom Zündholz und der Kerze. Die Kerze glaubte wunder wie langlebig sie sei, aber die Schere und der Tisch, die schon ein Jahrhundert lang im Dienste des Hauses waren, für die war die Kerze so vergänglich wie das Zündhölzchen. Die Hauptsache ist, daß man sich schlecht und recht durchs Leben schlägt und seine Pflicht tut, damit einem die Lichtputzschere nicht fortwährend in den Zopf beißt.»

So sagte der schnurrige Alte, und dann nieste er, daß sein eigenes Puderzöpfchen mit der kleinen Schleife entsetzt einen Seitensprung tat, und schlurfte mit der Kerze uns voran, die alte steile Stiege hinab.

Der Weltuntergang

«Hier,» sagte der alte Ulebuhle und putzte seine mächtige Hornbrille, «ist das Allerwelts-Vergrößerungsglas, das die Leute ein Mikroskop nennen. Jetzt stellt euch alle um mich herum, und dann wollen wir hineinsehen. Seht, da steht ein Gläschen mit trübem Wasser, das hat die alte Christine aus dem kleinen Teich im Garten heraufgeholt, und nun wollen wir einen Tropfen von diesem Wasser unter das Vergrößerungsglas bringen und ihn viele hundert Male vergrößern.

Schaut her, das ist getan, und jetzt guckt hinein.

Oh, welch eine schnurrige Welt ist doch so ein Wassertropfen. Hui, wie es da wibbelt und kribbelt. Tausend winzige Tierchen schießen hin und her, tauchen auf und nieder, jagen sich und plagen sich, wirbeln durcheinander wie die Menschen in einer großen Stadt. Seht, da sind die winzigen Schiffchen, glasdurchsichtig sind sie alle. Mit ihren feinen Wimperhärchen rudern sie pfeilschnell dahin, als ob sie wer weiß was für wichtige Geschäfte zu vollführen hätten. Sie jagen nach Beute, sie hetzen einander, sie gebärden sich so närrisch wie die Menschen und sind für ihre kleine Welt vielleicht doch eben so gescheit wie die.

Da kommen andere, das sind die Rädertierchen. Sie haben am Kopfe so einen drolligen Kranz von winzigen Fingerchen, die sind in ständiger Bewegung, und es sieht aus, als ob es ein feines kleines Zahnrad wäre aus einer ganz kleinen Uhr. Wenn sie es drehen, so entsteht ein kleiner Wirbel im Wasser, und allerlei winziges Zeug wirbelt heran, gerade hinein in ihr aufgesperrtes Maul. Ja, so ist es, und die Rädchen müssen immer fleißig kreisen, sonst bleibt der Magen leer.

Seht, da ist mitten in der Wasserkugel eine Insel. Ein ganz kleines Teilchen eines verwesenden Blattes ist es, mit dem freien Auge kann man es gar nicht sehen, aber für diese kleine Welt ist es eine große Insel, und all die Wasserwichte, die so klein sind, daß ein paar Hundert von ihnen in einem Nähnadelöhr wohnen könnten, eilen aus allen Richtungen des Wassertropfens herbei, denn hier gibt es Nahrung für viele Tausende dieser schnurrigen Kerle. Seht ihr sie eilen, sich stoßen und drängen? Seht, da tanzen welche in einem wilden Knäuel umeinander herum, wie die Menschen auf einem Jahrmarkt, und es ist ein Gedränge bei der Nahrung spendenden Insel wie bei der Würstelbude auf dem Schützenfeste. Ha, welch eine wilde Jagd kommt daher! Seht, sie verfolgen einander, sie fliehen und jagen nach wie Räuber und Polizeisoldaten, quer durch die ganze Weltkugel von Wasser, vom Nordpol zum Südpol. Jetzt sind sie verschwunden am Rande des Glases, vielleicht untergetaucht in dem weiten Weltmeer des Wassertropfens.

Ja, wer hätte das gedacht, daß so ein winziger Wassertropfen, nicht größer als eine halbe Erbse, eine ganz richtige Weltkugel ist, voll von Bewohnern, die ein Leben führen wie wir. Hätten wir nicht unser Vergrößerungsglas, wir wüßten gar nichts von ihrem Vorhandensein. Seht, Kinder, wenn die Leute, die auf den fernen Sternen leben, nicht ganz mächtige Vergrößerungsgläser haben, dann wissen sie gar nichts von der Erdkugel, und daß wir Menschen darauf leben. Ja, die kleine Erde ist unter den vielen Millionen Sternen auch nur so eine Art Wassertropfen.

Die kleinen Kerle in dem Wassertropfen wissen gar nicht, daß sie in unserer Hand sind, daß wir über ihnen thronen wie der liebe Gott über der ganzen Welt. Wenn wir mit dem Finger über das Glas wischen, dann, Schrumm! ist die ganze Herrlichkeit in dem Wassertropfen zu Ende, und er ist weggewischt und verschwunden. Ja, wenn die Bewohner des Tropfens uns sehen könnten und wüßten, daß sie von unserer Gnade abhängen, so glaubten sie wohl, wir wären der Herrgott selber.

Aber schaut her, es ist eine Veränderung mit der kleinen Welt vor sich gegangen! Ja, seht, sie ist kleiner geworden. Die Wärme des Zimmers hat langsam ein wenig von dem Wasser des Tropfens verdunstet. Es ist eine schlimme Geschichte. Nun müssen sich die Bewohner der Wasserwelt auf einen immer kleineren Raum zusammendrängen, die Welt ist für sie zu eng geworden, und es gibt Mord und Totschlag da unten. Ja, es würde auf Erden mit den Menschen nicht anders sein, wenn der Erdball plötzlich auf die Hälfte zusammenschrumpfte. Nun drängen sich die armen Teufel alle bei der kleinen Insel zusammen. Seht, wie sie kämpfen, wie sie einander verjagen. Alles strömt der Mitte des Tropfens zu, denn keiner will aufs Trockne geraten und sterben. Ja, es ist eine schlimme Geschichte, Krieg und Revolution ist in der Wasserwelt ausgebrochen.

Aber die Natur kümmert sich nicht um das Elend im Wassertropfen. Die Wärme trocknet den Tropfen immer mehr zusammen. Jetzt ist er nur noch ganz winzig. In einem wilden Knäuel wirbeln die Bewohner durcheinander, immer mehr sieht man eingetrocknet und bewegungslos als winzige Stäubchen am Rande im Trockenen liegen, indes die andern noch immer um ihr Leben ringen. Es hilft ihnen doch nichts, und wenn sie auch noch eine Minute länger im letzten Tümpelchen sich halten. Der Gevatter Tod hat auch hier in dem kleinen Wassertropfen Allmacht und erwischt sie alle, die flinken Schiffchen und die zierlichen Rädertiere.

Schluß und aus! Seht, das ist das Ende. Nun ist der Tropfen eingetrocknet. Nur ein graues Staubfleckchen sieht man noch im Allerwelts-Vergrößerungsglas. All die munteren Burschen, die da hausten, sind nur noch Stäubchen. Kein Schiffchen schießt mehr durch den Ozean des Wassertropfens, kein Rädchen kreist mehr und wirbelt Nahrung herbei. Es war ein kurzes Vergnügen.

Ja, da sahen wir nun einen Weltuntergang!

Freilich, es war nur eine kleine Welt, nur ein Wassertropfen, aber für seine Bewohner war er doch die ganze Welt. Kein Hahn kräht danach, daß die Geschichte dieser Welt ein Ende genommen hat, aber wenn morgen die Erdkugel untergehen würde, dann würden sich die Menschen auf den anderen Sternen auch weiter nicht darum kümmern, denn die Erde ist auch nur eine kleine Welt, die Sonne ist viele millionenmal größer, und des Abends seht ihr viel hunderttausend Sterne und Erden da oben am Himmel blinken, mindestens soviele, wie es Wassertropfen gibt im Gartenteich. Der liebe Gott taucht einen Finger ein und spritzt einen neuen Erdenstern in den Himmelsraum, und wenn der alte Ulebuhle will, taucht er seinen Finger in das Kribbel-Krabbelwasser und tupft eine neue Wasserwelt unter das Vergrößerungsglas, aber das tut er nicht, denn ein Weltuntergang am Tage ist genug!»

John Dolland, der Taucher

Das Haus des alten Ulebuhle am Frankenberger Plan zu Goslar, das so putzig aussah mit seinem Jahrhunderte alten, spitzen Schieferdach, dem bunten Holzwerk und den kleinen Fensterchen, war wie ein Museum. Bücher und Instrumente und Sammlungen aller Art füllten es vom Keller bis zum hohen Giebel. Überall standen uralte Truhen mit eisernen Bändern und Messingschlössern, und sie waren angefüllt »mit tausend Schnurrpfeifereien«, wie die alte Christine sagte, aber die verstand nichts davon. Da gab es Kästen mit seltsamen Muscheln und Käfern, mit versteinerten Tieren, mit Totengebein und ausgestopften Vögeln. Alte Uhren und Seefahrerinstrumente, Vergrößerungsgläser, seltsame Münzen und Briefmarken, Eier von indischen Vögeln, Bogen, Pfeile und Messer wilder Völker füllten Kisten und Kasten.

Und noch ein ganz besonderer Schrank stand im Studierzimmer des seltsamen Alten. Hinter den Scheiben war eine grüne Gardine; man konnte die Dinge, die da lagen und standen, nicht sehen, aber zuweilen -- wenn wir Kinder kamen -- kramte der gelehrte Mann zwischen diesen Raritäten herum, und da sahen wir denn allerlei krauses Zeug. Ein paar ganz merkwürdige Tabakspfeifen, riesige Schlüssel, einen rostigen Säbel, eine zerbrochene bunte Tasse, eine reichverzierte Schnupftabaksdose, einen alten Gänsekiel, der früher als Schreibfeder gedient hatte, eine grüne Weste, eine leere braune Bouteille, Knochen, Metallteile von einem Sargdeckel, vergilbte Briefe, Lorbeerkränzlein und vieles andere.

«Das ist des Doktor Ulebuhle Erinnerungsschrein,» sagte die alte Christine, wenn wir sie fragten. «Ihr dürft ihn nicht stören, wenn er in dieser Raritätenkiste herumkramt, denn jedes Stück ist irgend ein Zeuge seltsamer Erlebnisse oder stammt von berühmten Männern, die längst im Grabe ruhen.»

Als wir eines Tages wieder bei ihm erschienen, stand er vor dem alten Schrein und betrachtete mit seiner mächtigen Hornbrille einen eisernen, rostigen Riegel. Wir standen still daneben, um ihn nicht zu erzürnen, und begriffen nicht, was es an dem alten Eisenstück zu sehen gäbe. Da drehte sich der Alte plötzlich um und sagte:

«Seht her, ihr Racker! Dieses Eisenstück ist weit her. Einst lag es auf dem Grunde des Meeres. Da hat es einem Menschen das Leben gerettet. Dieser Mensch war meines Vaters Freund. Er hieß John Dolland und war ein Taucher. Und weil ihr mir so brav von den Bergwiesen Kräuter gesammelt habt, will ich euch heute die Geschichte, die mit dem alten rostigen Riegel zusammenhängt, erzählen, so wie sie John Dolland uns selbst erzählte.»

Der Alte schlurfte zu seinem hochlehnigen Sorgenstuhl, nahm umständlich eine Prise, nieste zweimal, wie es bei ihm alter Brauch, und dann begann er seine Geschichte.

«Damals, als John Dolland der Taucher zu uns kam, war ich selbst noch ein Bub. Mein Vater hatte ihn auf einer langen Seereise, die ihn als Arzt bis herunter nach Südafrika geführt, kennengelernt. Zu jener Zeit gab es noch keine Eisenbahnen und kein Dampfschiff und all das andere Teufelszeug, mit dem sich der moderne Mensch herumärgern muß, und allein die großen Segelschiffe fuhren nach fernen Ländern. -- John Dolland war ein echter rechter Seemann nach altem Schlag. Groß und breit und wetterhart. Blaue Augen saßen in dem braunen Gesicht, und im linken Ohrläppchen trug er einen Goldring. Das war ein alter Brauch.

Drei Tage und Nächte wohnte er in unserem Hause und erzählte mit meinem Vater von alten Seefahrten. Und eines Abends, als der Regen rauschte und der Wind durch die Schlüssellöcher winselte, als die gute Mutter bei uns saß und strickte, die Männer einen heißen Grog tranken, zog der Taucher den alten Eisenriegel hervor und wickelte sein Garn ab, wie die Seeleute sagen, wenn sie eine Geschichte erzählen.

»Herr Doktor,« sagte er, »ich habe Ihnen gestern versprochen, mein Erlebnis mit der >Isabella< zu erzählen. Heut, so kalkuliere ich, ist der rechte Augenblick dazu, und so will ich das Ding abrollen. Also das war im Jahr 1822, und ich trieb damals so zwischen Gibraltar und den Kap-Verdeschen Inseln mein Handwerk. Das war eine vielbefahrene Wasserstraße, und manches gute Schiff kam bei den Azoren, bei Madeira, den Kanarischen Inseln oder den Kap-Verden auf Grund, und ein guter Taucher konnte da immer einen Beutel Silberlinge verdienen. Eines Abends, ich arbeitete gerade im Hafen von Funchal auf der schönen Insel Madeira, wo unter Wasser an den Hafenanlagen große Ausbesserungen nötig waren, kam ein Bote zu mir, den der alte berühmte Tauchermeister Cook gesandt hatte. -- Ein großer Segler, der von Lissabon, der Hauptstadt Portugals, nach hier unterwegs war, sei draußen auf See, nordöstlich von Porto Santo in der Nacht untergegangen, und der alte Cook wolle mit mir über die Sache sprechen.

Ich saß mit meinen Kameraden bei einem guten Schluck Portwein in der uralten verräucherten Taverne >La Paloma<; wir spielten Karten und rauchten, daß die alte Ölfunzel an der Decke kaum noch durchdringen konnte. »Kinder,« sagte ich zu meinen Kumpanen, »der Mensch kann nicht mehr als ein ehrliches Stück Arbeit tun, und dann hat er seinen Schluck Wein und seine Pfeife Tabak verdient; Wenn der alte Wassermolch glaubt, daß ich zu dem weggesackten Kasten vor Porto Santo heruntersteige, dann hat er falsche Segel gesetzt. -- Sagt ihm das, Jüngling, und laßt Euch auf meine Kosten eine Pinte Roten vom Wirte geben.«

Der Bote tat so, und ging wieder mit starker Schlagseite unter Segel.

Als wir noch so ein Stündchen gespielt hatten, ging plötzlich die Tür auf, und aus dem dichten Tabakrauch tauchte Oll Cook auf, rund wie ein Oxhoft Wein.

»Jungens,« sagte er, »ich denke, wenn der Berg nicht zu Sankt Peter kommt, dann kommt Sankt Peter zum Berg.« Und damit ließ er sich schnaufend an dem breiten Eichentisch nieder.

»Wirt,« schrie ich, »einen großen Humpen, einen ganz großen Humpen vom Allerbesten für Seine Eminenz Oll Cook, die bravste Teerjacke zwischen den Wendekreisen.«

Da saßen wir denn und pokulierten und schmokten, daß einer den andern nicht mehr sah, aber so gegen Mitternacht meinte der alte Wassermolch plötzlich ganz ruhig: »So, und morgen früh fahren wir mit dem Taucherschiff raus und John Dolland sieht nach der gesunkenen >Isabella<. Sie liegt bei dreißig Faden[3] tief, und wenn John Dolland nicht heruntergeht, ein anderer kann's schon gar nicht; höchstens Nils Nielsen, aber der fühlt sich seit Tagen nicht so recht wohl, sein Magen, sagt er, muß kalfatert[4] werden.«

»Dreißig Faden,« sagte ich, »das ist ein hübsches Ende. Da kann einem die Puste bei wegbleiben. Da hab ich aber auch kein Quentchen Lust zu! Was ist es denn mit diesem Kasten von >Isabella<? Hatte er Goldbarren geladen?«

»Jung,« antwortete die alte Wasserratte, »hast du je erlebt, daß der alte Cook einem ehrlichen Christenmenschen ein Stück schwierige Arbeit andreht, wenn nicht auch eine anständige Seemannsmütze voll Zechinen dabei zu verdienen ist? Aber es kömmt noch was anderes bei in Betracht, und eine Extra-Belohnung von der portugiesischen Regierung!«

»Dunner Hagel, Oll Cook, dat ist ja eine ganz Handvoll!«

»Tja, dat is es auch. Und nun seid man still und hört genau zu, wie die Sache liegt. Also die >Isabella< kam von Lissabon, und an Bord war ein ganz hohes Tier von der Regierung, ein Gesandter oder so was, und er hatte wichtige Papiere bei sich, an den Gouverneur dieser Insel. Auch Waffen und Pulver für die Hafenkanonen waren an Bord. Es muß irgend ein Unglück damit geschehen sein, eine Explosion, denn sonst hätte das gute Schiff in der ruhigen und windstillen Nacht nicht plötzlich und schnell sinken können. Der Leuchtturmwächter bei Porto Santo hat auch draußen im Meer in der Nacht einen grellen Lichtschein und einen starken Knall wahrgenommen. Das hängt wohl mit dem Unglück zusammen. Die portugiesische Regierung zahlt einen hohen Preis für die Papiere. Ihr Vertreter war heut bei mir und hat mich gebeten, für einen zuverlässigen Taucher zu sorgen, und ich sagte ihm, daß dreißig Faden für einen Christenmenschen mit einem gewöhnlichen Herzen und Lungen, die nicht aus Büffelleder sind, zu viel wären. Ich kenne nur einen, der es versuchen könnte, und das ist John Dolland, aus dem der Herrgott eigentlich einen Zugochsen machen wollte und sich im Teig und in den Knochen vergriffen hat!«

»Einen Schluck zu Ehren Oll Cooks,« sagten lachend meine Freunde, »das ist ein wahres Wort!«

Ich war immer noch im Zweifel, ob ich das schwierige Stück Arbeit übernehmen sollte, aber da rückte der schlaue Fuchs noch mit einer neuen Geschichte heraus.

»Früher, als ich noch ein junger Kerl war, Maate, habe ich manches ähnliche Stück vollführt, und da waren die Taucheranzüge und die Luftpumpen noch nicht so gut wie heut, aber jetzt kann ich das nicht mehr. Indessen, beinahe würde ich es dennoch wagen, denn es befand sich an Bord der >Isabella< auch noch eine junge Frau, die ihre beiden Kinder von hier nach Spanien herüberholen wollte, in die Heimat. Ihr Gatte, ein Offizier, bei dem die Kinder hier lebten, starb vor kurzem. Nun ist auch sie mit dem Schiff zugrunde gegangen, und die armen Waisen standen den ganzen Tag am Leuchtturm und starrten weinend hinaus auf die See, die ihnen die Mutter nahm. Wahrscheinlich hat die Frau ihr Barvermögen bei sich. Auch das könnte man retten, und es wäre eine gute Tat, denn welcher Seemann hülfe Kindern nicht, die das nasse Element so schwer geschlagen!«