Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 6

Chapter 63,941 wordsPublic domain

Die Frau des Künstlers und seine Kinder hatten Johann den Wunderbaren schon einen Tag vorher zu sehen bekommen. Da stand nun die Figur, wegen der sie zwei Jahre lang so viel hatten leiden und dulden müssen. Johann der Wunderbare hatte einen bösen Zug um den Mund, und auf der Stirn hatte er eine düstere Falte. Dazu sein langer dunkler Bart ... ja, so kunstvoll er war, die Frau konnte keine Freude empfinden. Er kam ihr vor wie ein böser Dämon. Auch die Kinder fürchteten sich fast vor diesem künstlichen Menschen; am meisten aber Heinrich, des Meisters Jüngster. Er haßte diesen eisernen kalten Mann, wegen dessen die Mutter so viel geweint. »Er sieht so böse aus,« sagte Heinrich zur Mutter, »so wie ein Mensch, der kein Herz hat.« -- »Da hast du recht, mein Junge,« meinte die Mutter, »aber er hat ja auch kein Herz, und deshalb ist er auch kein richtiger Mensch. Aber wir dürfen dem Vater seinen Stolz und seine Freude über sein Werk nicht verderben. Gebe Gott, daß er uns wieder besseren Zeiten zuführe und Geld bringe und wieder Frieden im Hause.«

Da ging Jung-Heinrich wieder hinweg, um mit seinen beiden weißen Täubchen zu spielen, denn das war sein größtes Vergnügen auf der Welt, und er liebte nichts so wie diese Täubchen.

Die Menge vor dem Hause wuchs immer mehr. Endlich aber kamen in Begleitung des Bürgermeisters und der gelehrten Herren der Stadt die hohen fürstlichen Gäste an, und man benachrichtigte den Meister Cornelius, daß es an der Zeit sei.

Da tat sich die Tür auf, Meister Cornelius erschien, und hinter ihm kam langsam und bedächtig, sorgsam die Beine hebend und senkend, Johann der Wunderbare. Hurra, schrie die Menge, als sie seiner ansichtig wurde. Er legte ein paarmal die Hand an die Mütze, und dann lief er kerzengerade die glatte Straße hinunter. Vor ihm her ging sein Verfertiger. Weiter hinten folgten des Meisters Frau und die Kinder.

Im Winde wehte der dunkle Bart Johanns. Hin und wieder drehte er den Kopf nach rechts und nach links, und zuweilen hob er die Hand und grüßte.

Die Leute staunten und schrien durcheinander, und alle rühmten laut, wie er daherkam. Das Erstaunen wuchs aber, als Johann der Wunderbare im richtigen Augenblick linksum machte und um die Ecke bog, in die Seitenstraße, und der Jubel und das Verwundern nahm zu, als er richtig an der nächsten Ecke wieder einschwenkte und dann geradenwegs auf die große Halle zulief.

»Bei Gott, er ist wie ein lebendiger Mensch,« sagten die Leute, »hoffentlich betrügt uns der Meister Cornelius nicht, und es ist nicht wirklich ein Mensch, der nur eine Figur vortäuscht!«

Die vornehmen Leute aber sagten, es wäre »pyramidal«, und die Gelehrten meinten, es wäre »ein exorbitantes Phänomen«. Die kleinen Bürger, die das hörten, wußten zwar nicht, was das zu bedeuten hätte, aber sie bekamen noch mehr Respekt vor Johann dem Wunderbaren, über den die hohen Herren so seltene Worte sagten.

Mitten in der weiten Halle lag ein Teppich, und als der eiserne Mann diesen Platz erreicht hatte, machte er Halt. Nun setzten sich die Vornehmen auf Sesseln ringsum, und alles Volk füllte die weite Halle bis auf den letzten Platz.

Meister Cornelius hob die Hand, und alles wurde mäuschenstill.

»Meine hohen Herrschaften, hochgelehrte Herren, verehrtes Publikum,« sagte er und machte eine tiefe Verbeugung, »hier stelle ich Ihnen mein neuestes Kunstwerk vor, an dem ich zwei und ein halbes Jahr gearbeitet habe. Es ist etwas noch nie Dagewesenes, ein künstlicher Mensch. Ich darf mich rühmen, der erste Mensch auf Erden zu sein, dem es gelang, ein solches fast vollkommenes Wesen herzustellen. Der von mir geschaffene Johann der Wunderbare handelt so natürlich, daß vielleicht manche glauben, es sei ein wirklicher Mensch, und sie würden betrogen. Ich werde daher meinem Kunstwerk den Kopf abnehmen, werde seinen Körper öffnen, damit sich jeder überzeugen kann, daß es eine Maschine ist.«

Das tat der Meister dann, und alle sahen, es ist wirklich ein Kunstwerk. Dann brachte der Künstler sein Werk wieder in Ordnung, und als er abermals die Hand hob und Schweigen gebot, begann die Figur ihre Vorstellung. Sie machte eine kleine Verbeugung, legte die Hand an die Mütze und sagte mit deutlicher Stimme: »Guten Tag! Ich heiße Johann der Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius! Hatschi!! Es zieht, schließen Sie das Fenster!«

Erstaunen ging durch die Menge. Die Leute lachten vergnügt über den spaßigen Kerl, und einige schlossen wirklich das Fenster. Ja, das ist ein großes Kunstwerk, sagten die Leute. Die Vornehmen aber meinten, es wäre wirklich pyramidal, und die gelehrten Herren schüttelten die Köpfe und sagten einmal über das andere Mal: »In der Tat, ein exorbitantes Phänomen!«

Dann sang Johann der Wunderbare ein kleines Lied, und als die Leute klatschten, verbeugte er sich und sagte: »Ich danke, mir geht es sehr gut!«

»Jetzt,« meinte der Meister, »wird der künstliche Mann zeigen, daß er auch hören und verstehen kann. Einer von den Herrschaften wird ihm mit lauter Stimme etwas zurufen, und er wird es wiederholen.«

Einer der gelehrten Herren, der berühmte Professor Konfusemathesius, trat heran und sagte laut zu dem wunderbaren Johann: »Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?«

Der Meister, der neben der Figur stand, drückte auf den Knopf, der den Phonographen in Tätigkeit setzte, und so nahm er die Worte auf. »Johann,« sagte er dann, »was sagte der berühmte Professor Konfusemathesius zu dir?« Da schnurrte die Walze wieder ab, und die Figur sprach deutlich: »Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?«

Die Leute klatschten und waren ganz aus dem Häuschen. Inzwischen aber rief der Meister in das andere Ohrhinein: »Christoph Kolumbus.« Und als die Figur nun den Namen des Entdeckers Amerikas aussprach, da war alles des Lobes voll.

»Jetzt,« rief Meister Cornelius, »wird der künstliche Mann zeigen, daß er auch sehen kann. Er wird an das Fenster treten, Sie werden ihm irgend etwas zeigen, und nachher werde ich Ihnen sagen, was Sie ihm gezeigt haben. Ich aber werde hier ruhig stehen bleiben, Sie sollen mir die Augen verbinden, damit ich es selbst nicht sehen kann, was meiner Figur vorgeführt wird.«

Man verband dem Künstler fest die Augen und führte ihn in eine dunkle Ecke. Johann stand am Fenster. Draußen auf dem Platz standen zwei Schimmel. Man setzte auf jeden einen Knaben und führte die Pferde vor das Fenster. Dann führte man sie wieder weit fort und nahm dem Meister die Binden ab. Er brachte sein Kunstwerk wieder auf den Teppich zurück, griff hinein in das Hinterhaupt, zog den photographischen Film hervor, ging in eine dunkle Ecke, goß eine Flüssigkeit darüber, die das Bild sichtbar machte, und kam wieder zurück.

»Man hat Johann dem Wunderbaren zwei Schimmel vorgeführt. Knaben saßen darauf. Einer hatte eine Fahne in der Hand. Ja, er hat das alles deutlich gesehen und mir verraten.«

Eine Bewegung ging durch die Menge. Viele sagten, daß es eine tolle Sache sei, eine Art Hexerei, und ein paar Frauen meinten, es sei unheimlich, und man könnte sich fürchten vor dem eisernen Kerl mit dem schwarzen Bart.

Aber den Meister Cornelius, den das Staunen über sein Werk immer hoffärtiger machte, plagte der Teufel. Er wollte immer mehr und mehr von ihm zeigen.

»Geben Sie Obacht,« rief er, und sein Gesicht war vor Eifer feuerrot, »jetzt wird sich Johann der Wunderbare als Kunstschütze produzieren. Dort vor dem Fenster ist ein Pfahl aufgestellt, und auf ihm ist eine Taube angebunden, die wird er herabschießen. Er ist ein treffsicherer Schütze.«

Damit schraubte er seinem Mann eine Pistole in die Hand und drehte ihn dem Fenster zu. Richtig, da draußen war ein Pfahl, und auf dem Pfahl saß, an einem Band befestigt, das ihr Davonfliegen verhinderte, eine niedliche weiße Taube. Die machte Gurr-Gurr und langweilte sich, denn sie war gewöhnt, mit ihrer Schwester zu spielen und auf der Schulter des kleinen Knaben zu sitzen, der Erbsen in der Tasche hatte und auch kleine süße Kuchen. Sie liebte den kleinen Knaben, und er liebte sie. Sie pickte mit ihrem rosa Schnäbelchen vorsichtig Erbsen von seinen Lippen, sie saß oft mit ihrer Schwester stundenlang auf seiner Schulter, wenn er in seinen Märchenbüchern las.

Heut aber war er nicht gekommen, sie aus ihrem Wohnkäfig zu befreien. Ein harter Mann kam, der fest zufaßte und sie in einen Sack steckte. Nun saß sie hier auf der Stange, sagte unablässig Gurr-Gurr, denn sie hatte Sehnsucht nach der Schwester, nach dem kleinen Jungen und nach Erbsen und Wasser.

Johann der Wunderbare stand mit finsterem Gesicht und starren Augen da. Sein schwarzer Bart stand weit ab vom Kinn, sein Mund schien zu lächeln, es war, als läge ein böser Zug auf seinem Antlitz. Er hatte den Arm erhoben und zielte auf das Täubchen.

Es entstand ein Murmeln in der Menge. Einige Kinder und Frauen sagten, es sei schade um das niedliche Täubchen, und es sei nicht recht, es von dem Eisernen töten zu lassen. Plötzlich drängte sich ein kleiner Knabe vor. Jung-Heinrich war es. Er hatte ganz hinten mit der Mutter und den Geschwistern gestanden, und nun drangen die Worte vom Schießen und von dem Täubchen an sein Ohr. Da packte ihn ein düsteres Ahnen. Sollte es gar sein Täubchen sein? Er zwängte sich durch die Menschen hindurch, um das Fenster und den Pfahl sehen zu können und erblickte seinen Liebling mit dem blauen Band um den weißen Hals. Ein heftiger Zorn faßte ihn. Er sprang vor, geradewegs auf den eisernen Menschen zu, der ihm so großen Schmerz antun wollte. Er sah den Vater kaum, er stand plötzlich neben Johann dem Wunderbaren auf dem Teppich, und viele tausend Menschen blickten erstaunt auf ihn.

»Was willst du tun, eiserner Mann?« schrie er. »Warum willst du mein Täubchen töten? Du bist ein böser Mensch, du hast kein Herz, du bist ein grausamer Mensch, ein herzloser Mensch!«

Aber schon hatte der Vater auf den Mechanismus gedrückt, der den Schuß auslöste, und als der Knall verhallt war, sah man das Täubchen an der Schnur niederfallen. Johann hatte gut getroffen, oh, er war ein trefflicher Schütze, ja er war wirklich ein Kunstwerk.

Es ging ein Murren durch die Menge.

Der kleine Knabe aber brach in Tränen aus. Er war außer sich. Wütend sprang er auf den Verhaßten zu. »Herzloser, böser Mensch! Mörder, Mörder!« schrie er ihm zu, und dann stieß er mit der ganzen Kraft seines Körpers nach ihm. Die Figur, die den einen Arm weit vorgestreckt hielt und auf einer Kante des Teppichs stand, war nicht im Gleichgewicht. So wankte sie, drehte sich und es war, als ob sie den Knaben erschlagen wollte. Sie neigte sich vornüber, ihm zu, stürzte mit ihm, über ihn zu Boden.

Das ging alles so schnell, daß der Künstler, der verblüfft daneben stand, gar nicht Zeit hatte, einzugreifen.

Erschreckt drängten sich die Menschen hinzu, zogen den Knaben unter der eisernen Figur hervor. Es war ihm weiter nichts geschehen, nur eine blutige Schramme ging quer über die Stirn. Aber das Murmeln der Menge wuchs drohend an, es wurde zu wildem Schreien, zu brausendem Rufen.

»_Er hat kein Herz, nein, er hat kein Herz,_« so schrie es von allen Seiten. »Er kann Tiere und Menschen töten, er würde auch uns ohne Erbarmen töten, wenn es ihm befohlen wird. Er ist ein Bösewicht, ein Mörder!«

»Mörder, Mörder, herzloses Ungeheuer,« tobte die Menge. Man nahm den Knaben auf den Arm, führte ihn der Mutter zu, man versprach ihm neue Täubchen. Empört und wütend, schreiend und tobend schob und drängte sich die Menge aus der Halle.

»Ja,« sagten die Vornehmen, »er ist ein pyramidales Kunstwerk, aber ein Herz, nein, ein Herz hat er nicht!« -- »In der Tat, ein exorbitantes Phänomen,« sagten die Gelehrten und wiegten die Köpfe, »aber _cum venia_ zu sagen, gewissermaßen herzlos!« Darauf verschwanden auch sie.

»Er kann alles,« brüllten die erregten Massen, »er kann sich bewegen wie wir, er kann sehen und hören, sprechen und singen, aber er tötet, _denn er hat kein Herz, kein Herz, kein Herz_!«

In der Ferne verlor sich das Toben und Schreien, schließlich war es nur noch ein fernes Brausen, und dann wurde es ganz stille.

Einsam stand in der weiten Halle Cornelius der Künstler. Er war leichenblaß. Unheimlich funkelten seine Augen. Neben ihm lag sein Werk. Da faßte ihn eine namenlose Wut. Er ergriff eine schwere eiserne Stange, die in der Ecke der. Halle lehnte, er hieb wie ein Rasender mit wuchtigen Schlägen auf den wunderbaren Johann ein, der ihn mit starren Augen und offenem Munde höhnisch anblickte. Er zerschmetterte ihn mit wahnsinnigem Eifer, er trat mit den Füßen in das kunstvolle Gewirr von Rädern und Hebeln, Walzen und Gelenken, Drähten und Federn, bis alles ein wüster Trümmerhaufen war.

Dann hüllte er sich in seinen Mantel, und als der Abend hereinbrach, eilte er aus der Stadt, wanderte ohne Ruh und Rast durch Wälder und Felder in die unbekannte Ferne.

Man hat ihn nie wieder gesehen.»

Das Zündholz und die Kerze

Einmal ging eine böse Krankheit durch die Stadt. Auf leisen Sohlen schlich sie heimtückisch in alle Häuser, zu den Armen und zu den Reichen, und der Wagen des alten Doktor Horn klapperte von früh bis spät durch die winkligen Gassen mit den schnurrig-schiefen Häuschen; aber weder die bittere Medizin noch die lustigen Scherze des Alten vom Theresienhof wollten diesmal helfen. Der Tod, der überall im Lande reiche Ernte hielt, wollte auch aus der Bergstadt Goslar seinen Zehnten haben, und war kein Kraut gegen ihn gewachsen.

Eines Tages starben zu gleicher Stunde der alte Bergmann Klaus, der achtzig Sommer gehen und kommen sah, und sein Enkelchen Friedel, das mit uns auf der Schulbank saß und mit zum Märchenkreis des alten Ulebuhle gehörte.

Am Abend, als sie zu Grabe getragen wurden, das uralte Menschenkind und das ganz junge, saßen wir betrübt beim Doktor Ulebuhle, und da erzählte er die Geschichte vom Zündholz und der Kerze, vom kurzen und vom langen Leben.

«Kinder,» sagte er, «kurz und lang, das ist Menschenwitz. Für den Herrn der Welt ist es eins. Ihm lebt der Maikäfer so lange wie der Elefant, obgleich der ein paar hundert Jahre alt werden kann, denn für die Ewigkeit ist die Minute so lang wie das Jahrhundert. Seht, da stand eine Kerze auf dem Tisch eines jungen Mannes und ein Zündholz lag dabei. Die Kerze war schön weiß und hatte noch nie geleuchtet, denn die Magd hatte sie erst am Morgen vom Krämer gekauft. Das Zündholz hatte einen ganz roten Kopf. Es war ein Bullerjahn, wie alle aus seiner Familie, und immer gleich Feuer und Flamme und immer auf dem Sprunge, sich an allem und jedem zu reiben. Die Kerze tat sehr steif und vornehm und war von ihrem Beruf ungemein eingenommen. Oben hatte sie einen kleinen Zopf und unten ein Spitzenkleid aus Papier; ihr Fuß steckte in einem Porzellanschuh, und dicht daneben lag das Zündhölzchen in einer kleinen hölzernen Bettlade ganz allein, denn es war das letzte Glied einer kinderreichen Familie.

Ein Sonnenstrahl drang durch die Fensterladen und fiel auf die beiden. Das Zündhölzchen erwachte, besah sich eine Weile die Kerze und sagte plötzlich:

»Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Zündholz ist mein Name. Ich stamme aus Schweden. Meine Mutter war eine geborene Tanne, die erst mit einem Herrn Schwefel und nachher mit Herrn Phosphor verheiratet war. Entschuldigen Sie, daß ich im Liegen spreche. Wenn man ein Holzbein hat --, Sie begreifen! Ich bin der Letzte meines Stammes. Wir sind ein kurzlebiges Geschlecht.«

Die Kerze schwieg eine Weile und überlegte, ob sie dem kleinen rotköpfigen Wicht überhaupt antworten sollte. Endlich aber sagte sie mit fettiger Stimme:

»Ich heiße Kerze. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich nicht auf vertraulichem Fuße mit Ihnen verkehren kann, denn Sie sind als mein Diener hier angestellt. Mein Vater war der Baron von Rindertalg, und meine Mutter stammt aus der reichen Kaufmannsfamilie Baumwolle. Ein Verwandter von mir ist ein hervorragendes Kirchenlicht, und einer meiner Brüder stand an der Spitze des Christbaumes, dicht neben dem Weihnachtsengel. Sie unterhielten so enge Beziehungen, und der wundervolle Engel verliebte sich derart in meinen Bruder, daß er vor Sehnsucht zerfloß, denn er war eine wachsweiche Natur.«

»Das ist alles sehr interessant,« meinte das Zündholz, »aber Ihr Diener bin ich denn doch nicht!«

»Aber freilich, Verehrtester, Sie sind ja nur meinetwegen hierher gelegt und werden mich heut abend entzünden! Was meinen Sie wohl, welche Rolle ich hier im Hause spiele! Ich bringe Licht in die ganze Geschichte. Ich ersetze die Sonne, bin ihr Stellvertreter auf Erden. Ohne mich könnte der junge Herr gar nicht seine schönen Gedichte zu Papier bringen, denn das tut er nur des Nachts, und dann seufzt er, denn er liebt eine schöne Dame.«

»Sehr interessant,« meinte der kleine Mann mit dem Holzbein wieder, »aber wenn ich nicht wäre, dann könnten Sie gar nicht leuchten, denn ich muß durch mein Feuer Sie erst entzünden. Seien Sie nicht so hochmütig! Wenn ich auch nur klein bin und nur ein Holzbein habe, bin ich doch ein tüchtiger Kerl, denn ich habe es im Kopfe.«

»Nur keinen Streit, mein Bester! Ich darf mich nicht erhitzen, das schadet meiner Figur, und ich habe noch ein langes Leben vor mir. Sie freilich, mit Ihrem Holzbein, sind schnell in Asche zerfallen, aber ich zehre von meinem Fett und überlebe Sie und alle Ihre Brüder.«

Der alte Tisch mit den seltsam verschnörkelten krummen Beinen, der schon länger als ein Jahrhundert in diesem Hause diente, knackte plötzlich laut, so daß die beiden erschraken und der Holzwurm, der in dem alten Möbel hauste, zu bohren aufhörte. Es war, als ob der Tisch irgend etwas knurrte, aber man konnte den alten Burschen nicht verstehen.

»Sie sind schrecklich aufgeblasen und hochmütig wie alle reichen Leute, die von ihrem Fett zehren,« meinte das Zündholz, »aber wenn Sie auch ein wenig länger leben als ich, sterben müssen Sie auch einmal, und ob Sie das in Ihrem letzten Stündlein so mutig tun werden wie ich, das ist noch die Frage, denn ich verschieße im letzten Moment mutig mein Pulver, wie ein alter Soldat, daß es zischt und pufft, und dann hat die liebe Seele Ruhe, ich habe meine Schuldigkeit getan, und damit Gott befohlen! Denn darauf kommt es im Leben allein an, daß man seine Schuldigkeit tut. Wir waren sechzig Schweden in einer Schachtel; alle taten ihre Pflicht; sie gaben Feuer und starben. Nur zwei waren Drückeberger; sie brachen zusammen, und der Herr schleuderte sie wütend ins Wasser und sagte: »Lumpenzeug!«

»Nun,« sagte die Kerze, »es wird sich alles finden. Wenn Sie mich nur heut abend nicht im Stich lassen und kräftig Feuer geben, denn dazu sind Sie hierher gelegt. Mein Zopf ist schön gedreht und gefettet. Noch ist er weiß, aber je älter ich werde, je länger ich leuchte, um so dunkler wird er. Es ist umgekehrt wie bei den Menschen. Die haben in der Jugend einen schwarzen Zopf und im Alter einen weißen! Schade, daß Sie mich nicht strahlen sehen können. Aber zu Herzen wird es mir doch gehen, und dann weine ich große Tropfen, die an meinem Kleide niederrollen. Ja, das Leben ist schwer!«

Der kleine hölzerne Gesell schwieg. Die Kerze war ihm zu hochnäsig und selbstgefällig. Da lag er in seiner winzigen hölzernen Bettlade und träumte vor sich hin.

Und dann ging die Sonne unter und die Nacht kam, und es war dunkel ringsum. Die Finken, die in den hohen Bäumen vor dem Hause gelärmt hatten, waren schlafen gegangen, und hinter dem mächtigen alten Kachelofen wisperten die Mäuse. Dann schlug die alte brummige Turmuhr neun, und da ging die Tür auf, und der junge Mann trat ins Zimmer.

Jetzt, dachte die Kerze und war so aufgeregt, daß sie an Herzschlag gestorben wäre, hätte sie eines besessen. Die Sonne ist schlafen gegangen, der Mond ist all diese Tage an Amerika verborgt, nun komme ich dran. Mein Licht allein leuchtet durch die Finsternis.

Da ergriff der junge Mann die hölzerne Lade mit dem Zündhölzchen. »Eines nur,« meinte er, »hoffentlich tut es seine Schuldigkeit!«

Der Mann mit dem Holzbein aber stand kerzengerade zu Befehl, wie ein braver, guter Soldat von anno dazumal, und mutig ließ er sein Leben für die Pflicht.

»Leben Sie wohl!« schrie er, als er mit seinem dicken Pulverkopf gegen die Reibfläche stieß, und dann puffte und zischte er und gab Feuer, denn das war sein Beruf. Schnell verkohlte er und zerfiel in Asche, aber die Kerze konnte das alles gar nicht beobachten, denn nun kam sie an die Reihe. Der junge Mann setzte ihr weißes Zöpfchen mit dem Zündholz in Brand, und das war der feierlichste Augenblick in ihrem Leben, denn nun strahlte sie ihr helles Licht aus und meinte, sie könne es mit der Sonne aufnehmen.

Der junge Mann, der die schöne Dame liebte, saß bis tief in die Nacht hinein und schrieb Gedichte, und dann seufzte er. Die Kerze aber wollte immer heller leuchten; ihr Zöpfchen wurde immer länger, und ihre Flamme flackerte. Da kam aber die große eiserne Lichtputzschere, sperrte ihren Rachen auf und sagte: »Nur keine Aufregung, Jungfer!« Dann biß sie ein Stück von dem Zopf ab, und die Kerze fand das so empörend, daß sie dicke Tränen weinte. Aber die Lichtputzschere kümmerte sich nicht darum. Sie hatte ein Gemüt wie ein Fleischerhund. Sie lag breitbeinig und mit offenem Rachen zu Füßen der Kerze und wartete auf den nächsten Biß.

»Sie sind äußerst unliebenswürdig und verstehen nicht, mit Damen umzugehen,« sagte die Kerze weinend, »hier zu meinen Füßen lag vorher ein alter Soldat; der ging für mich durchs Feuer und ließ sein Leben für mich. Aber Sie sind kein Kavalier.«

»Schnedderengteng! Hier herrscht Ordnung!« meinte die Schere und klappte das Maul auf. »Ich tue hier meine Pflicht und damit basta! Damen mit langen Zöpfen werden hier nicht geduldet. Ich liebe die langen Flammen nicht; mein Herr auch nicht. Damen dürfen nicht rauchen. Sie haben aber eben geraucht, gequalmt sogar, Verehrteste. Und nun hören Sie auf zu weinen, sonst kriegen Sie die Abzehrung und sterben bald.«

»Meine Verwandte war ein hohes Kirchenlicht, mein Bruder der ...«

»Hat den Weihnachtsengel geschmolzen! Haben Sie ja vorhin schon alles erzählt, Madame! Geben Sie Obacht auf Ihren Spitzenrock, den haben Sie mit Ihren dicken Tränen schon ganz betropft. Je mehr Sie heulen, je schneller geht es mit Ihnen zu Ende.«

»Ich lebe noch lange,« meinte die Kerze, »das Leben ist sehr interessant, und man lernt immer wieder etwas Neues.«

»Schnedderengteng! Es ist immer wieder dasselbe. Ich liege hier schon an die hundert Jahre und putze den Kerzen die langen Zöpfe, damit sie nicht die Bude vollqualmen, aber es ist immer dasselbe. Die jungen Damen denken immer, sie leben ewig und bleiben ewig strahlend schön und voll Wärme, und dann sind sie übermütig und wollen hoch hinaus und denken, es muß ein Prinz kommen, der sich in sie verliebt. Aber langsam werden sie alle klein und häßlich, weinen immer mehr und kriegen ganz absonderliche Figuren und dicke Füße. Lange Krokodilstränen hängen auf dem weißen Kleide, der Zopf fasert aus, sie gewöhnen sich das Rauchen an, und es fehlt nicht viel, so fangen sie noch an zu schnupfen wie der alte Gustav, der hier morgens immer alles ins reine bringt. Endlich aber sind sie so zusammengedörrt wie eine Backpflaume, klein und unansehnlich, und dann will sie keiner mehr, und die Geschichte hat ein Ende. Ich mag das ganze Weibsvolk nicht leiden. Ich war fünfundzwanzig Jahre mit einer gewissen Kette verheiratet. Ich hing an ihr mit all meiner Kraft. Wir standen in enger Verbindung mit einem sehr hohen Herrn, einem gewissen Messingleuchter. Was soll ich Ihnen sagen, eines Tages riß sie sich von mir los und ging mit dem Kerl auf und davon. Darum sage ich: Weg mit dem Weibervolk, mit der Liebe und den langen Zöpfen! Alles Schnedderengteng!« Sprach's und biß wieder ein Stück vom Zopf der Kerze ab, denn die war so empört von der Rede des alten Bullenbeißers, daß sie in hellem Zorn aufloderte.