Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 5

Chapter 53,879 wordsPublic domain

»Je nun,« entgegnete mit feinem Lächeln der Baron von Diamant, »was kann ich für die Torheit der Menschen! Es gab einen Mordsskandal, die ganze Geschichte kam wieder in die Zeitungen, und ich wurde noch berühmter als vorher. Die schöne Tänzerin aber kam auch ins Unglück durch den Tod ihres Freundes; sie mußte fort von dem herrlichen Theater, mußte mich verkaufen, kam in Not und ging außer Landes, wo sie ganz verarmt gestorben ist. -- Schließlich aber kam ich zu meinem jetzigen Herrn, der mich in einen Ring fassen ließ, und da hat denn meine Geschichte ein Ende. Aber Sie sehen, die Welt hat mich geliebt und bewundert, und ich bin eine berühmte Person geworden und gehöre zu dem Vornehmsten, was es gibt.«

Der Bleistift antwortete nicht, er wußte nicht recht, was er sagen sollte, aber so recht ehrenhaft und _wirklich_ vornehm kam ihm der Baron von Diamant, dessen Frau eine geborene Gräfin Perle war, nicht vor. Plötzlich aber wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt, und auch der Herr von Diamant horchte erschrocken auf. Eine ziemlich grobe und harte Stimme sagte plötzlich aus der einen Ecke des Zimmers heraus:

»Lieber Herr, blasen Sie sich nicht auf, sonst zerspringen Sie noch! Das wäre zwar kein Unglück nach all dem Unheil, das Sie angerichtet haben, aber unser guter Herr würde sich vielleicht drüber ärgern!«

In der Ecke des Zimmers stand ein schöner Kamin mit blanken grünen Kacheln und vernickelten Türen, hinter denen man durch Marienglasscheiben die Kohlen glühen sah. Neben dem Kamin aber stand ein schönes Gefäß, in dem Steinkohlen lagen, und eine kleine Schaufel mit vernickeltem Griff lag dabei. Da merkten der Diamant und der Bleistift, daß es eine große, spiegelblanke Steinkohle war, die da gesprochen hatte. Und die fuhr fort:

»Drei Menschen sind Ihretwegen ums Leben gekommen, zwei andere ins Gefängnis und Unglück, und das alles wegen eines Nichtstuers und Tagediebes, denn das sind Sie, und wenn Sie noch so schön funkeln!«

»Mein Lieber, aus Ihnen spricht der Neid, daß ich einer vornehmen Familie entstamme und Sie ein Arbeiter sind, der Stuben heizen muß und einen schmierigen Rock anhat, so daß ihn selbst der Diener nur mit der Schaufel anfaßt!«

Die Steinkohle lachte im tiefsten Baß: »Hahaha! Sie eitler Wicht! _Ich stamme aus derselben Familie wie Sie und wie mein Freund da, der Bleistift, und wir drei sind leibliche Brüder._ Aber wir beide sind ehrliche Arbeiter geworden und Sie ein Müßiggänger, der die Eitelkeit der Menschen ausnützt!«

»_Brüder? Wieso Brüder?_« sagte unwillig der Diamant. »_Wie kann ein Diamant der Bruder einer Kohle und eines Bleistiftes sein?_«

»Ja, das ist aber so,« meinte der Brummbaß der Steinkohle, »wenn's Ihnen auch unangenehm ist. Wir alle drei stammen aus derselben Familie, unser aller Vater ist der _Kohlenstoff_. Sie sind nichts weiter als kristallisierter Kohlenstoff, und der Bleistift, der ja eigentlich _Graphit_ heißt, ist ebenfalls Kohlenstoff, genau so wie ich, nur daß in meinem Körper noch mancherlei andere Stoffe enthalten sind.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte der Diamant.

»Das ist aber ganz einfach,« antwortete die Kohle. »Sehen Sie, da vor Ihnen auf dem Tisch stehen Blumen im Wasser, und da an der Fensterscheibe sitzt Eis, und da draußen fährt eben eine Lokomotive vorbei, aus der weiße Wasserdampfwolken aufsteigen. Nun, das sind _auch drei Brüder_ wie wir. Da im Glase ist _flüssiges Wasser_, am Fenster ist zu _Eis kristallisiertes Wasser_, und die weiße Lokomotivwolke ist _verdampftes Wasser_. Aber aus Wasser bestehen sie alle drei, und genau so bestehen wir drei hier aus _Kohlenstoff_ und sind also Brüder!«

»So, so,« meinte der vornehme Mann schon recht kleinlaut, aber doch noch immer von oben herab, »_dann müßte ich doch aber genau so im Feuer verbrennen wie Sie, und dann müßte man doch aus Kohlen Diamanten herstellen können!_«

»Ei freilich, Sie vornehmer Bruder, das kann man auch, und die Menschen haben es auch schon getan! In einer sehr heißen Flamme verbrennen Sie genau so wie ich, mein Lieber, und man hat auch schon aus Kohle _kleine künstliche Diamanten hergestellt_, wenn das auch sehr schwierig ist, denn die Menschen haben das Küchenkochbuch der Natur, die uns alle drei gebraut hat, noch nicht gefunden. -- Ja sehn Sie, so ist es mit Ihrer Vornehmheit. Wenn man genau hinsieht, ist sie eine windige Sache, und auf alle Fälle sind Sie höchst unnütz. Nur einer aus Ihrer Sippe ist ein braver und fleißiger Mann, das ist der Diamant, mit dem der _Glaser_ seine Scheiben zerschneidet, und der ist eine ganz biedere gemütliche Seele. Er riecht zwar immer ein bißchen nach Fensterkitt, und Sie würden ihn sicher nicht als Ihren Bruder anerkennen, aber mir ist er lieber als Sie!«

»Nun,« entgegnete der schwerbeleidigte Baron von Diamant, »Sie mögen ja über die Verwandtschaftsverhältnisse in meiner Familie besser unterrichtet sein als ich, aber wenn wir selbst so ganz weitläufig miteinander eine Stammesgenossenschaft bilden sollten, eins können Sie doch nicht bestreiten, nämlich daß ich eben der Vornehmste unserer Familie bin und bleibe!«

»Bester Herr,« meinte gutmütig brummend der schwarze Arbeiter da vom Kamin her, »glauben Sie ja nicht, daß es ein Vergnügen ist, mit Ihnen verwandt zu sein. Schöner sind Sie gewiß als ich und mein Bruder, der Bleistift, aber Sie sind eine höchst anrüchige Person, die in üble Mord- und Raubtaten verwickelt worden ist, und ich lege keinen Wert darauf, mit Ihnen verwandt zu sein. Ob ich aber trotz meines schwarzen Rockes nicht in Wahrheit doch vornehmer bin als Sie, das ist noch sehr die Frage, denn ohne uns Steinkohlen ginge bei den Menschen alles zum Teufel, und wenn wir auch nur einen Tag streiken würden, verlöre unser Herr zehnmal mehr, als Sie samt Ihrer Frau, der geborenen Gräfin Perle, wert sind. Wir treiben mit unserer Kraft die tausend Fabriken, beleuchten und heizen die Riesenstädte der Menschen, wir ziehen die unablässig ein- und ausfahrenden Eisenbahnzüge von Land zu Land, wir sind es, die die Schiffe durch die Wasserwüste des Ozeans treiben. Kaiser und Könige, Herren und Knechte, Millionäre und Bettler sind auf unsere Kraft angewiesen, alles stände still, wenn _wir_ feiern würden. -- Wenn man aber heute alle Diamanten der Welt ins Wasser werfen würde, nun, dann wäre auch weiter nichts, und kein Rädchen in der Welt drehte sich deshalb schneller oder langsamer. -- Aber still jetzt, ich höre unsern Herrn kommen, und der liebt das Schwätzen nicht. Leben Sie wohl, Sie eitler Fratz, und grüßen Sie Ihre Frau von mir, die geborene Gräfin Perle!«

Die Steinkohle lachte im tiefen Baß >Hahaha<, der spitzige Bleistift kicherte schadenfroh >Hihihi<, und der Baron von Diamant konnte vor Wut kein Wort herausbringen. Dann war er mäuschenstill. Die Gebrüder Kohlenstoff schwiegen.

Da ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat ins Zimmer. Er rief seinen Diener. »Legen Sie noch Kohlen auf,« sagte er, »es ist kalt, und ich habe noch lange zu arbeiten!« Und dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm den Bleistift und fing an emsig zu schreiben.

Den Diamantring aber schob er achtlos beiseite. _Den brauchte er nicht!_

Seht Kinder,» meinte der alte Ulebuhle, «so ist es in der Welt, und darum merkt euch den Spruch: Es kommt nicht auf das Röcklein an, man frage stets: Was _kann_ der Mann?»

Der alte Baum

«Höret nun die Geschichte von dem alten Baum, ihr Kinder, der da wohl ein Jahrhundert im stillen Walde stand und ein merkwürdiges Ende nahm.

Kerzengerade war er gewachsen, denn das ist für eine rechtschaffene Fichte eine Ehrensache. Sein dunkelgrünes Nadelkleid war dicht und voll, und wenn der Wind durch den Wald fuhr, dann rauschte er durch das Geäst des alten Baumes und klapperte mit dürren Zweigen wie ein Storch mit seinem Schnabel. Die kleinen Vögel saßen auf den breiten Fächern von Nadeln, die so schön nach Harz dufteten, und sangen ihre Lieder. Der Specht hämmerte, daß ihm der Kopf brummte, und die Eichkätzchen jagten auf und nieder und spielten Verstecken in dem Dunkel des dichten Geästes.

Im Winter lagen mächtige Schneewuchten auf den breiten Armen der Fichte, und im Frost knackten ihre mit tausend Diamanten behangenen Zweige, daß man es weithin schallen hörte. Dann kamen Hirsche und Rehe und schnoberten an der Rinde, denn sie litten Hunger. Reineke, der Fuchs, schnürte mit gespitzten Ohren vorüber, wartete hinter dem breiten Stamm auf Lampe, den Hasen, und nachts saß zuweilen eine Eule auf dem Wipfel und schrie und miauzte wie ein Wickelkind.

Aber am schönsten war es doch im Sommer, wenn die Sonne so warm schien und die Vögel sangen. Einmal kam ein alter Mann und ein altes Mütterchen. Sie gingen Hand in Hand. Sie blieben vor dem alten Baum stehen.

»Dieser war es,« sagte der alte Mann und putzte seine Brille.

Und dann suchte er ringsum am Stamm und betastete die rissige Rinde.

»Ja,« rief er plötzlich fröhlich, »da ist es! Oh, wie lange ist es her, und wie jung waren wir damals!«

Richtig, da war ein Herz in die Rinde des alten Baumes eingeschnitten, und zwei Buchstaben standen darunter, aber man konnte sie kaum noch lesen, denn die Zeit hatte sie zernagt und verwischt. Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und so lange war es her, daß der alte Mann, der damals ein ganz junger war, die Zeichen hier eingegraben in die Rinde. -- Lange standen die beiden Alten vor dem Baum und redeten kein Wort, und dann gingen sie Hand in Hand weiter.

Ja, so ein alter Baum ist wie ein treuer Freund, und der junge Jäger, der oft in seinem Schatten ruhte, wenn die Mittagshitze über der Welt lag, liebte ihn wie einen Menschen.

Aber eines Tages nahm das alles ein Ende. Da kamen die Holzfäller mit blanker Säge und scharfer Axt, und viele Bäume mußten sterben. Der Förster kam und machte mit Kreide drei Kreuze an den Stamm der alten Fichte, und das war ihr Todesurteil.

»Es tut mir leid, alter Bursche,« sagte der Grünrock, »aber es ist nicht zu ändern, die Welt braucht Holz!«

Ach, es war nicht zu ändern! Da kamen die Männer und sägten den Stamm durch. Die Vögel hörten den alten Baum ächzen und stöhnen, erschreckt flogen sie weit fort. Der Star, der da oben im Wipfel eine Dachkammer bewohnt hatte, mußte schleunigst ausziehen. Er setzte sich auf den nächsten Baum und schnatterte und schimpfte stundenlang auf die Störer des Waldfriedens.

Dann legten die Männer ein Seil um den Baum, riefen ziehend »Hoh-Ruck ... Hoh-Ruck«, und krachend stürzte die Fichte nieder auf den moosigen Waldboden.

Äste und Zweige wurden abgeschlagen, die dicke braune Rinde abgelöst, und der lange, kahle Stamm lag wie ein Leichnam im Walde. Nach ein paar Tagen aber kam ein riesiger Wagen mit vier Pferden daher, und der Stamm wurde davongefahren, fort aus der grünen Heimat, herunter in die Stadt, zum Sägewerk.

Da kreischten die Sägen von früh bis spät, schnitten den Stamm in lauter kleine Scheiben, und dann hackte die Hackmaschine das alles in tausend Trümmer. Ja, das Sägewerk war schrecklich. Ganze Wälder hatte es schon gefressen, und die Leute, die den grünen Wald liebten, mochten die blanken Sägen mit ihren tausend Raubtierzähnen nicht leiden.

Als die beiden alten Leute nach Monaten, im Frühlingssonnenschein wieder durch den Wald schritten, da fanden sie den alten Baum nicht mehr. Nur ein breiter Stumpf ragte noch aus dem Boden. Lange standen sie da, und als sie fortgingen, glänzten Tränen im Auge des alten Mütterchens.

Der junge Jäger aber schimpfte und wetterte, als er seinen Liebling nicht mehr fand, und mißmutig warf er die Flinte über die Schulter und ging heimwärts.

Die Trümmer des Baumes waren inzwischen weiter gewandert. Sie kamen in eine große Fabrik, da machte man Papier. Man warf sie in mächtige Kessel, in denen kochte ein scharfer Teufelssaft, und schließlich wurde ein dicker Brei aus dem Holz der alten Fichte. Der Brei wurde weiß gefärbt, kam auf mächtige Siebe, das Wasser wurde verdampft, und da war ein dünner feuchter Filz aus dem Holzbrei geworden. Der ging dann durch viele Walzen und Pressen, wurde immer dünner und dünner, und endlich wurden schöne glatte Papierbogen daraus.

Ja, es ist eine tolle Geschichte, was die Menschen alles aus so einem alten Baume machen können! Aber was nutzt das ganze schöne Papier, wenn es nicht beschrieben oder bedruckt wird, sagten sich die Leute. Das sagte auch der langgelockte Dichtersmann, der da drinnen in der großen Stadt hauste, und so nahm er ein paar von den schönen weißen Bogen, tauchte die Feder in die Tinte und schrieb lauter Reime und Gedichte auf das Papier. Ja, da besang er den Wald mit seinen grünen Bäumen, und die Vögel, die da in den Zweigen wohnen, und sagte, daß es nichts Schöneres gebe in Gottes weiter Welt als den stillen Wald mit den rauschenden Wipfeln. -- Ach, er dachte nicht daran, daß der alte Baum sterben mußte, damit der Dichter auf dem Papier seine Lieder über den Wald niederschreiben konnte.

Aber das meiste Papier, das aus dem Fichtenstamm entstanden, kam in eine große Druckerei, und da wurden die Gedichte über den Wald zehntausendmal abgedruckt, und aus dem Baum waren zehntausend Bücher geworden, die hinaus wanderten in alle Welt.

Eines kam auch hinauf in das Forsthaus im Walde, wo der junge Jäger wohnte. Der nahm es mit sich in die grüne Einsamkeit der Tannen und Buchen. Er lagerte sich unter einem hohen Baum und las darin.

»Schnedderengteng!« sagte er ärgerlich. »Da hauen die Städter die Bäume um und machen Papier daraus, und aus dem Papier machen sie Bücher, und in den Büchern schreiben sie, daß man in den grünen Wald gehen soll, und ihn heilig halten muß. -- Es ist ein verrücktes Zeug, und es ist schade um den Baum, der deswegen sterben mußte!«

Da nahm er das Buch und warf es weit fort in das grüne Walddunkel.

Lange lag es da! Die Ameisen krochen zwischen den Seiten. Reineke, der Fuchs, beschnoberte es mißtrauisch und konnte über das seltsame Ding nicht klug werden, und der Starmatz pfiff darauf und benahm sich noch weiterhin unanständig, denn er verstand nichts von Gedichten. Die Sonne vergilbte das Papier, dörrte es aus; der Regen durchweichte es, der Frost zerriß es, die Mäuse knabberten daran, der Schnee des Winters löste es auf in einen Brei. Der Brei sickerte langsam in den Erdboden hinein, gerade da, wo ein ganz winziges Fichtenzweiglein wuchs. Seine feinen Wurzeln saugten die Nahrung ein, und das zerstörte Buch gab der jungen Fichte wieder, was es dem alten Baum genommen hatte.»

Johann der Wunderbare

«Zu Basel,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «lebte vor Jahren ein berühmter Uhrmacher, der war ein Meister in seiner Kunst, wie ihn die Welt noch nicht gesehen. Er baute wundervolle Uhren mit allerlei beweglichen Figuren, die zu jeder Stunde aus dem Gehäuse herauskamen, ihre Verbeugung machten und mit einem Stab die Stunde wiesen. Dann drehten sie sich um, schlugen mit einem kleinen Hämmerchen auf silbernen Glocken die Zeit, und dann verbeugten sie sich wieder und verschwanden.

Von weit und breit kamen die Leute herbei, um die Kunstuhren des Meisters zu sehen, und Fürsten und hohe Herren ließen sich für teures Geld da prunkvolle Werke bauen. Aber der Meister schuf immer wunderbarere Sachen. Da war ein Reiter aus purem Golde, der alle Mittag um zwölf eine Trompete zum Munde führte, ein lustiges Stücklein blies und dann eine Pistole abfeuerte. Das Pferd aber konnte wiehern und mit dem rechten Vorderhuf scharren. Schließlich baute er eine künstliche Ente, die auf dem Wasser schwimmen konnte und so natürlich schnatterte, daß alle Welt voll Staunen war. Setzte man sie aufs Trockene, so watschelte sie dahin und schlug auch zuweilen mit den Flügeln. Man ließ sie in der ganzen Welt sehen, als einen Beweis menschlicher Kunstfertigkeit, und endlich kaufte sie ein reicher Mann für viele tausend Gulden.

Aber der Meister, verwöhnt durch die Gunst hoher Herren, wollte immer höher hinaus. Er wollte etwas schaffen, das seinen Namen bis in die fernsten Zeiten berühmt machte, und darüber grübelte er Tag und Nacht. Endlich hatte er den richtigen Gedanken gefunden. Er beschloß einen künstlichen Menschen zu bauen, einen Mann aus Eisen, in Lebensgröße, der täuschend Menschenart und Menschentun nachahmen sollte.

Er schloß sich in seine Werkstatt ein, rechnete und zeichnete und ließ niemand vor. Als er endlich das große Werk auf dem Papier fertig vor sich hatte, ging er daran, es wirklich auszuführen. Alles machte er selber, denn mit niemand wollte er seinen Ruhm teilen. Er goß die Form in Eisen und Bronze, er schmiedete und hämmerte, feilte und bohrte, schuf tausend Räder und Hebel, Gelenke und Lager, Wellen und Kurbeln, Federn und Gewichte. Aber nur langsam ging das schwierige Werk vonstatten, und da er keinerlei andere Arbeit annahm, so verbrauchte sich schnell das früher erworbene Geld, und seine Familie kam in Not.

»Mann,« sagte seine Frau, »es ist bald kein Pfennig mehr im Hause. Seit Jahr und Tag sitzt du bei deiner geheimnisvollen Arbeit in deiner Werkstatt, niemand, nicht einmal ich weiß, was du da für ein Kunstwerk baust, und da du alle alten Kunden mit ihren Aufträgen abweisest, so wird bald niemand mehr kommen, und wir wissen nicht mehr, wovon wir leben sollen.«

»Geht zum Teufel mit eurem Plunderzeug,« sagte wütend der Meister. »Für die nichtige Schusterarbeit sind genug andere Uhrmacher da, die nichts weiter verstehen, aber ich will etwas bauen, daß alle Gelehrten und Künstler der Welt vor Neid erblassen sollen, etwas, das Fürsten und Könige aus aller Welt nach Basel locken wird. Dann werde ich berühmt werden auf der ganzen Erde, man wird mich zum Ober-Hofmechanikus ernennen, und es wird Gulden regnen.«

»Es wird aber noch lange dauern,« entgegnete die Frau, »und inzwischen ergeht es uns elender als dem kleinsten Uhrmacher, der die Schwarzwälder Uhren repariert. Es ist kein Brot mehr im Hause und kein Fleisch für dich und die Kinder.«

»So nimm die Tauben, mit denen Jung-Heinrich spielt,« sagte der Mann, »das hilft einen Tag weiter!«

»Das bringe ich nicht über das Herz, Mann, sie sind seine liebsten Gefährten, sie sitzen auf seinen Schultern und picken ihm die Erbsen aus dem Munde, sie schmiegen sich an seine Wangen, er hängt mit ganzem Herzen an ihnen, und es wäre grausam, dem Knaben die beiden weißen Täubchen zu nehmen. Was hülfe es auch, nur _einen_ Tag Rat zu schaffen!«

»So laß mich in Ruh! Geh borgen und warte die Zeit ab. Ich schaffe ein Kunstwerk, das Scheffel Goldes bringt, und man wird mich feiern wie einen Großen!«

»Mann, sieh dich vor! Dich hat der Hochmutsteufel beim Kragen! Versuche Gott nicht!«

»Hol euch alle der Fuchs!« schrie wütend der Meister und stürzte davon in seine Werkstatt, die Tür donnernd hinter sich zuschlagend. Er schloß sich ein, Frau und Kinder sahen ihn kaum mehr, denn er schlief auch dort in seiner verborgenen Klause, und selbst die Mahlzeiten nahm er da ein.

So verging noch ein Jahr und noch ein halbes. Die Frau borgte sich überall den Lebensunterhalt zusammen, verkaufte, was in der Wirtschaft entbehrlich, und bald stak des Künstlers Familie so tief in Schulden, daß niemand mehr eine Semmel leihen wollte. Die Frau des Künstlers und seine Kinder wurden blaß und mager, und es flossen viel Tränen im Hause. Aber der Mann sah das alles nicht. Eine unstete Hoffart, eine unbezwingliche Ruhmsucht flackerte aus seinen Augen. Er sah zuweilen aus, als sei sein Geist verwirrt.

Aber eines Tages war er mit dem Werk fertig. Mitten in der Nacht, als alles schlief, beschloß er, es zu probieren. Er stand auf und machte Licht, und dann nahm er die schwarzen Decken, die das Kunstwerk verhüllten, ab.

Es war wirklich ein Kunstwerk! Da stand ein leibhaftiger Mensch, ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Er hatte eine dunkelblaue Livree an, mit blanken Knöpfen, wie ein vornehmer Bedienter. Das Gesicht war, da die äußere Hülle aus feinster Emaille bestand, so natürlich, daß man auf den ersten Blick einen wirklichen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Ein schwarzer Vollbart floß vom Kinn lang hernieder, die Augen, obwohl von Glas, blickten durchaus nicht starr, die Hände waren wohlgeformt, nur die Füße, die in hohen Stiefeln mit flachen Sohlen steckten, sahen ein wenig plump aus, aber das mußte so sein, denn der Mann war ganz aus Eisen, und er mußte auf diesen mit Blei beschwerten Füßen sicher stehen.

Der Künstler knöpfte die Livree auf und öffnete die eiserne Tür, die die Brust des künstlichen Menschen verschloß. Himmel, wie sah es darin aus! Ein Gewirr von Hebeln und Rädern und Drähten und Magneten und Drahtspulen, es konnte einem schwindlig werden, und kein Mechaniker der Welt hätte diesen verwickelten Apparat auseinandernehmen und wieder zusammensetzen können. Nicht anders sah es in den Armen und Beinen aus. Da waren Laufwerke und Gewichte und elektrische Batterien, Zugfedern und kunstvolle Gelenke, und alles bewegte sich wie am Schnürchen.

Am großartigsten aber war es im Kopfe des eisernen Mannes bestellt! Der Uhrmacher nahm ihm die Perücke ab und öffnete den Schädel, um noch einmal nachzusehen, ob alle Schrauben am rechten Fleck. Die Glasaugen konnten wirklich sehen. Ein photographischer Apparat war an ihnen angebracht. Ein Uhrwerk bewegte langsam den Film weiter, auf dem die Aufnahmen entstanden, und was die Glasaugen sahen, das wurde so auf dem abrollenden Photographenfilm festgehalten und abgebildet. Auch hören konnte dieser eiserne Mensch. In den Ohren steckten Schallkapseln, wie bei einer Sprechmaschine, und der eingebaute Phonograph grub in eine Wachswalze ein, was die Ohren hörten. Drückte man auf einen verborgenen Knopf, dann wiederholte die Figur, was sie gehört hatte, denn dann fing die Sprechmaschine an zu schnurren, und aus dem Munde kamen deutlich alle Worte wieder. Dabei bewegten sich die Lippen so naturgetreu, daß man einen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Da war außerdem noch eine besondere Walze, die mancherlei alltägliche Redensarten enthielt, wie »Guten Tag«, »Gute Nacht«, »Schlafen Sie wohl!«, »Wie geht es Ihnen?«, »Ich danke, mir geht es gut!«, »Ich heiße Johann der Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius!«, »Hatschi, es zieht, schließen Sie das Fenster!« Dies und ähnliches konnte das Kunstwerk sprechen.

Die Figur drehte den Kopf, nickte, hob Arme und Beine, grüßte wie ein Soldat, und vor allem konnte sie auch gehen. Freilich, sie ging ein wenig schwerfällig, und der Gang war langsam, aber im ganzen sah es doch recht natürlich aus, denn es gibt ja auch Menschen, die sich ein wenig langsam und unbeholfen fortbewegen. Durch ein Uhrwerk und einige einstellbare Hebel konnte man erreichen, daß der Mann soundso viele Schritte geradeaus ging, dann links oder rechtsum machte, wieder eine bestimmte Zahl Schritte tat und dann stehen blieb.

Aber er konnte auch ein treuer Wächter sein. Trat ein unberufener Eindringling auf einen elektrischen Draht, der von ihm ausging, so schoß er eine Pistole auf jenen Platz hin ab. Diese Pistole mußte man ihm natürlich zuvor in die Hand schrauben.

Ja, es war wirklich ein Kunstwerk.

Es kam der große Tag, an dem der eiserne Mann öffentlich gezeigt werden sollte. An allen Straßenecken war das Wunder in großen Plakaten angekündigt, alle Zeitungen hatten davon berichtet. Der Meister Cornelius wolle ein nie dagewesenes Kunstwerk zeigen, einen künstlichen Menschen: »_Johann den Wunderbaren._« Tausende und Abertausende liefen herzu. Die armen Leute gingen, die Vornehmeren fuhren im Wagen, und die ganz Hochgeborenen saßen zu Pferde. Es war ein Geschiebe und Gedränge vor dem Hause des Meisters, daß es beängstigend wurde, und die Polizisten liefen mit blauroten Köpfen umher, ihre Schnurrbärte waren gesträubt, und sie fuchtelten mit weißbehandschuhten Händen gewaltig in der Luft herum.

Es war angekündigt, daß Johann der Wunderbare ganz allein von seinem Geburtshause bis zu der großen Ausstellungshalle laufen sollte, in der er sich der Menge und den hohen Herrschaften vorstellen würde. Das war ein schöner glatter Weg bis dahin und ging zweimal um eine Ecke.