Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle
Part 4
»Ei der Deubel,« riefen die Bauern, »das waren die _Irrwische_. Die haben manchen schon betrogen, die Teufelsdinger. Sie lockten ihn vom rechten Pfade ab, führten ihn immer weiter ins Moor, und da ist er lautlos ersoffen. Die Leute sagen, vor vielen hundert Jahren hätten hartherzige Bauern im Dorf gewohnt, und es seien einmal in einer Regennacht hungrige Musikanten gekommen, die hätten um Nahrung und Obdach gebeten, und die Bauern hätten sie davongejagt. Da seien die Musikanten in das Moor geraten und seien ertrunken, und nun tanzten ihre Seelen da des Abends umher, um die Bauern _auch_ ins Moor zu locken und zu verderben. -- So sagen die Leute, aber der Pfarrer und der Lehrer meint, das sei dummes Zeug, und mit den Irrwischen ginge das ganz natürlich zu!«
»Tausenddonner, es sind vermaledeite Gespenster und Türkenteufel, sage ich!« schrie noch immer erbost der Heinrich, »die Polizei muß sich darum kümmern, aber die kommt nur, wenn man mal ein Gläschen über den Durst getrunken hat und des Nachts ein Liedchen singt auf der Gasse!«
»Ja, ja,« meinten die Bauern, »so is dat!« Aber dann riefen sie »Hüh« und »Hott«, und die Pferde setzten sich in Trab und bogen in die Dorfstraße ein. Der Heinrich aber hütete sich, dem Doktor sein Erlebnis mitzuteilen, denn er wußte, daß jener ihn doch nur auslachen würde ...»
«Solche Lichter habe ich auch schon gesehen,» sagte eines der Kinder, «aber die flogen im Sommer des Abends draußen zwischen den Bäumen herum und waren sehr spaßig, wie lauter kleine grünliche Laternchen, nicht größer als ein Nadelkopf.»
«Oho, das waren nicht solche Irrwische, wie sie dem Gespenster-Heinrich begegnet sind, das waren sogenannte _Glühwürmchen_ oder Johanniswürmchen,» antwortete Ulebuhle. «Die fliegen in warmen Sommernächten um die Büsche oder liegen im Grase, und jeder freut sich über diese seltsamen leuchtenden Kerle. Aber die _Irrwische_, die sind von ganz anderer Art, und daß durch sie Leute in Sümpfe und Moore in der Irre umhergeführt worden sind, das kann wohl vorgekommen sein, denn _nur an solchen feuchten Stellen, wo im Boden viele Pflanzen verwesen, bilden sich die hüpfenden Flämmchen_. Aber das geht alles natürlich zu, und es ist nichts Gespenstisches dabei! Seht! überall da, wo etwas verwest, bilden sich _Gase_, und die verwesenden Pflanzenmassen der Wiesenmoore erzeugen ebenfalls solche Gase. Wenn man bei ruhigem Wetter in der Abendstille durch ein solches Gelände schreitet, dann hört man es merkwürdig leise wispern und zischeln, ganz so, wie es der Gespenster-Heinrich gehört hat, aber das sind nicht irgendwelche Geister, sondern das Singen und Zerspringen von Millionen winziger Gasbläschen, die aus dem Boden emporsteigen. Diese Gase aber haben zuweilen die Eigentümlichkeit, daß sie sich von selbst entzünden und in Gestalt von kleinen Flämmchen über dem Sumpf- und Moorboden schweben. Das sind die _Irrlichter_ oder Irrwische. -- Ihr seht, Gespenster sind es nicht, und doch sind sie geheimnisvoll, denn die gelehrten Herren haben noch nicht ganz sicher herausgebracht, wie sich diese Gase entzünden, denn richtige Flammen, wie die Gasflammen in den Laternen, sind es nicht, sondern sie leuchten nur so ähnlich wie der Phosphor an alten Zündhölzern, in einem kalten, merkwürdigen Schein, der wie ein leichter Nebelbausch beim leisesten Windhauch hin und her treibt, so daß es aussieht, als hüpfe er tanzend über das Moor.
Ja Kinder, es gibt sonderbare Dinge in der Welt, und man darf es den Leuten, die nicht viel haben zur Schule gehen können, nicht verargen, wenn sie bei manchen Dingen an Wunder und Zauberei glauben, aber immer, wenn man die Dinge genau ansieht und erforscht, dann zeigt es sich, daß sie nicht wunderbarer sind als die Wolken, die am Himmel schweben, oder als die Kornähre, die aus einem winzigen Samenkörnchen wächst. -- Der Gespenster-Heinrich war aber darin ein schnurriger Kauz! Er blieb bei seinem Gespensterglauben und ließ sich nicht belehren, auch als alter Knabe, und da aller guten Dinge _drei_ sind, so will ich euch noch ein Stücklein von ihm erzählen!
Da ging er einstmals im Spätsommer des Abends durch den dunklen Wald zurück von Hahnenklee nach Goslar. Es war eine schöne laue Nacht, aber es war sehr finster im Tann, und der Himmel dunkel und verhangen. Es knackte überall so seltsam in den Zweigen, und dem guten Heinrich, dem immer das Gruseln nahe war, kamen wieder allerlei dumme Gedanken.
Plötzlich hörte er ein erschrecktes Kreischen und einen schweren Flügelschlag, und da sah er dicht vor sich im Tann ein seltsames Ding stehen.
Es war gut mannshoch und leuchtete in einem seltsam gelbgrünen Licht vom Kopf bis zu den Füßen. Der Kopf war dick und unförmig, man sah in ihm nur ein paar dunkle mächtige Augenflecke und breite Haarbüschel fielen bis in die Stirn. Die wehten ständig hin und her, obgleich kein bißchen Wind im Walde ging. Auch starke Arme waren zu sehen, sie waren kohlschwarz und weit ausgespannt, als ob sie den Heinrich beim Vorbeischreiten festhalten wollten. Dazu miaute das unheimliche Wesen in schrecklichster Weise. Bald wimmerte es wie ein kleines Kind, bald stöhnte und krächzte es gottserbärmlich.
Je länger der Gespenster-Heinrich hinschaute, je stärker sah er den greulichen Spuk leuchten in der tiefen Dunkelheit, und er blieb wie angenagelt stehen, weil er sich nicht vorbeitraute.
Aber innerlich schimpfte er um so mehr auf diese »vermaledeite Türkenteufelei« und das ganze »polizeiwidrige Gespenster-Lumpengesindel«. Das Ding stand da und rührte kein Glied, nur die Haare auf seinem Kopf sah man auf der hellen Stirn hin und her fliegen. Die Arme aber hielt es noch immer weit ausgespannt.
Plötzlich ließ der zitternde Heinrich seinen Wanderstock fallen. Da kreischte der Spuk vor ihm laut auf, und es rauschte etwas miauzend auf den Gespenster-Heinrich zu. Dieser aber sah und hörte schon nichts mehr! Er drehte kurz um und stürzte laut schreiend durch den Tann, daß ihm die Zweige nur so das Gesicht peitschten. Erst als er weit fort war, hielt er schnaufend inne und ging über den nächsten Holzfällerweg in einem weiten Bogen um das Waldstück herum und kam sehr spät erst, müde und ausgehungert daheim an.
»Diesmal,« sagte er, »will ich's aber doch dem Doktor gehörig auseinandersetzen! Ich werde ihm sagen, was da wieder für eine elende Himmelhöllenschwerenot im Tann gewesen ist, und daß ich meinen schönen Krückstock eingebüßt habe, und daß ich überhaupt nicht mehr nachts allein zu solchen Botengängen herhalten will. Da bin ich doch gespannt, was er nun wieder für Ausreden hat für diesen neuen Spuk!«
Das tat der Heinrich denn auch, und der alte Doktor, der ihn schon genügend kannte, und der den sonst so braven Kerl nicht noch mehr verärgern wollte, sagte zu ihm:
»Gut, mein bester Heinrich! Heut abend werden wir zusammen den Weg gehn, denn ich muß sowieso einmal nach dem kranken Lehrer in Hahnenklee schauen. Wenn ich dir die Sache nicht an Ort und Stelle ganz harmlos erklären kann, dann sollst du recht behalten und brauchst nicht wieder nachts Medizin durch die Wälder zu tragen. Wenn du aber wieder ein Hasenfuß gewesen bist, dann kann ich nichts weiter tun als sagen: Jochen Päsel, wat bist du für'n Esel!«
Am Abend gingen sie denn richtig los, und sie kamen auch bald an die Stelle, wo unser Freund gestern solche Angst ausgestanden. Da lag auch noch unberührt auf dem Waldwege der Krückstock, und zehn Schritt davon stand ein _abgebrochener, ganz vermorschter hoher Baumstumpf_, von dem nur noch die Hälfte übrig war. Hinter ihm stand eine kleine Fichte, die seitwärts ihre Arme hinter dem faulenden Stumpf hervorstreckte, und oben auf dem morschen Stumpf wuchsen Farnkräuter, die weit herniederhingen. An allerlei Unrat und Federn sah aber der Doktor, daß oben auf diesem Stumpf wohl dann und wann ein Käuzchen[2] zu rasten pflegte.
Aha! sagte der Doktor bei sich, das ist das Gespenst. Zum Heinrich aber bemerkte er lachend: »Da schau' her, mein Lieber, das ist der greuliche Spuk, der dich genarrt. _Faules Holz leuchtet sehr häufig stark im Dunkeln_, und wenn wir heute nacht, wenn es ganz finster sein wird, zurückkehren, dann wirst du den Stamm auch wieder leuchten sehen. Die Augen waren nichts als diese beiden Moosbüschel, die da wachsen, und die Haare waren die Farnkräuter. Was du für Arme gehalten hast, sind die beiden großen Zweige der Fichte da hinter dem Stumpf, und das Miauze und Gewimmer kam von einem Käuzchen, das oben auf dem Stumpfe saß, und auch die Farnkräuter, die Haare deines Gespenstes, bewegte. -- Als du deinen Stock fallen ließest, hat sich der Vogel erschreckt, und flog kreischend davon! -- So, das ist die ganze Geschichte!«
Der Heinrich war halb schon überzeugt, aber ein wenig mußte er sein Gespenst doch noch verteidigen. »Es leuchtete gar zu gruselig,« bemerkte er, »aber wenn es heute nacht wirklich ebenso flimmert an dem alten Wurzen da, so will ich es wohl glauben, daß ich mich geirrt!«
Als der Doktor seine Geschäfte erledigt und sie zu später Stunde wieder beim Heimweg an den morschen Stamm kamen, da schimmerte und flimmerte er wirklich so stark, wie es auch der Doktor noch selten erlebt. »Siehst du es nun, ungläubiger Thomas, daß ich recht hatte!« sagte er. »Brich ein wenig ab und nimm es mit nach Hause, es leuchtet so stark, daß du nachts die Taschenuhr bei dem Lichte ablesen kannst. -- Ich will dir auch sagen, wie das Leuchten zustande kommt! Es gibt eine ganze Anzahl leuchtender Bazillen und Pilze. _Faulende Fische und faulendes Fleisch leuchten in dunklen Räumen sehr stark, besonders wenn es warm ist, denn auf ihnen haben sich Millionen solcher leuchtenden Bazillen angesiedelt._ In den Wäldern Südamerikas trifft man Pilze, die leuchten gar gespenstisch aus dem Walddunkel hervor. Dieser alte Baumstamm aber ist durchwachsen von unendlich vielen ganz winzigen _Pilzsträngen, die das Faulen des Holzes hervorrufen und die verwesende Masse zum Leuchten bringen_. -- Nicht wahr, das ist nicht so schwer zu begreifen, alter Knabe, aber es wird alles nichts helfen, und du wirst immer wieder neue Gespenster sehen. Darum aber bleibe ich dabei und sage: Jochen Päsel, wat bist du für'n Esel!«»
Der Diamant und seine Brüder
Eines Tages, als wir Kinder uns vor dem Hause unseres alten Freundes versammelt hatten, um zu ihm hinaufzugehen, entstand plötzlich ein Zank. Da hatte sich auch der kleine Junge des Flickschusters eingefunden, der auch einmal Märchen hören und Kuchen essen wollte. Aber seine Holzpantoffeln und sein fadenscheiniges, geflicktes Röcklein paßten nicht so recht zu dem Putz der anderen. Der Sohn des reichen Bergrats wollte den kleinen armen Teufel nicht mit hinauf lassen.
«Man kann nicht wie ein Haderlump zum Doktor Ulebuhle!» rief er ein über das andere Mal. Andere aber meinten, er solle ruhig mitkommen, und der Kleine stand unglücklich und zögernd dabei.
Der alte Ulebuhle aber hatte oben leise ein Fenster geöffnet und den Zank mit angehört, und plötzlich fauchte er los, so böse, wie wir ihn selten gehört hatten.
«Ihr vermaledeiten Nichtsnutze,» krächzte er wütend, «fangt ihr auch schon an, wie die Großen, den Menschen nach dem Preise seines Rockes zu achten!? Samt und sonders soll euch der Teufel holen, wenn ihr das noch einmal tut. Zu mir wenigstens kommt ihr nicht mehr ins Haus, wenn ich wieder etwas davon erfahre. Jetzt aber kommt herauf, alle wie ihr da seid, und des Schusters Hannes zuerst! Ich will euch ein Stücklein aufgeigen, aus dem ihr ersehen könnt, daß der Mann im Arbeitskittel mehr wert ist als der Stutzer und Nichtstuer im samtnen Wams. Und dann könnt ihr nach Hause gehen und den Eurigen sagen, der alte Ulebuhle habe euch das gelehrt, dieweil sie es offenbar versäumt hätten!»
Und dann kam die alte Christine, brachte Kuchen und Tee, und der kleine Hannes saß dicht beim warmen Ofen und war seelenvergnügt, daß sich der gefürchtete Alte seiner so angenommen. Der aber stopfte zunächst seine lange Pfeife, brummte noch allerlei Unwirsches und begann schließlich also:
«Auf dem Schreibtische eines sehr reichen Mannes, dem viele Bergwerke und Schiffe und Fabriken gehörten, lag ein wundervoller _Diamantring_. Der Stein, so groß wie eine Bohne, funkelte in tausend Farben, und es war, als ob Feuer aus ihm hervorbräche. Er hatte viele Tausende gekostet, und sein Kleid war von Gold.
Neben ihm lag ein einfacher _Bleistift_ in einem braunen Röcklein aus Tannenholz und ruhte von der Arbeit, denn sein Herr hatte den ganzen Vormittag Pläne und Zahlen mit ihm auf das Papier geworfen. Es war sehr still in dem Zimmer, nur die hohe Pendeluhr sagte in vornehmer Ruhe ganz langsam und gleichmäßig »Tick ... tack ... Tick ... tack!«
Plötzlich hörte der Bleistift, der ein wenig eingenickt war, neben sich eine feine Stimme. Es war der Diamant.
»Es ist höchst langweilig hier,« sagte er, »unsereiner, der an glänzende Gesellschaften und rauschende Feste gewöhnt ist, wo man so allerlei amüsante Histörchen hört, ist hier nicht in seinem Element.«
Der einfache Mann im hölzernen Röckchen schwieg. Er war noch müde und hätte lieber weiter geschlafen, als sich zu unterhalten.
Der Diamant ärgerte sich. Ein unhöflicher Kerl, dachte er. Ich glaube, er weiß gar nicht, mit wem er es zu tun hat. Und dann strahlte er um so heller und sagte geziert:
»Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Baron Diamant. Ich stamme aus Südafrika. Meine Frau ist eine geborene Gräfin Perle. Uralter Adel. Sie ist nahe verwandt mit dem Herrscher des Weltmeeres Neptun.«
»Ich heiße Bleistift,« sagte der andere, »ich bin hier nur einfacher Angestellter im Hause, mache meine Arbeit und kümmere mich sonst nicht viel um die Leute.«
»Das muß doch furchtbar langweilig sein, so nur immer arbeiten für andere Leute. Mein Fall wäre das nicht!«
»Langweilig ist das gar nicht!« entgegnete der Bleistift. »Meine Tätigkeit ist sehr interessant, denn alle neuen Pläne, die mein Herr hat, erfahre ich zuerst, und das sind Sachen, die nachher in der ganzen Welt besprochen werden. Die Geldleute und die Zeitungsmänner warten schon darauf, was wir wieder Neues vorhaben, und hundert Ingenieure und Tausende von Arbeitern werden zu tun bekommen, wenn das erst alles bekannt wird, was ich heute morgen geschrieben habe. -- Sehen Sie, da drüben liegt mein ärgster Feind, der Herr Federhalter. Der wütet sich, daß er diese Arbeiten nicht machen durfte, denn bei _uns_ ist eben die Arbeit die Hauptsache, und bei _Ihnen_ das Vergnügen.«
»Jeder nach seinem Stande,« meinte hochnäsig der Baron von Diamant. »Ich habe auch einen Feind und Neider, das ist der Herr von Rubin. Manchmal steckt ihn mein Herr auch an den Finger, aber er ist lange nicht so elegant wie ich, und in die ganz vornehmen Kreise wird er nicht eingeführt, denn er funkelt nur wie ein Blutstropfen, ich aber brilliere in allen Farben des Regenbogenlichtes, und jeder sieht auf den ersten Blick meine hohe Herkunft und meinen enormen Wert!«
»Ja, ja, das haben Sie schon einmal gesagt,« meinte der Bleistift, »aber eigentlich sind Sie doch zu nichts nütze, und unser Herr hätte Sie nicht kaufen können, wenn wir hier alle nicht tüchtig gearbeitet und viel Geld verdient hätten.«
»Gott ja, es muß auch Arbeiter geben, und wir können nicht alle vornehme Herren sein,« entgegnete der Diamant, »aber Arbeit ist nun mal nicht für mich. Das ist eintönig. Sie machen hier nur immer dasselbe und erleben nichts. Ich aber bin in der großen Welt gewesen und habe das Leben kennengelernt und weiß, wie es zugeht!«
»Erzählen Sie mal, wie es da draußen ist,« sagte der Bleistift, »so etwas höre ich ganz gern, denn ich bin vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen, die Welt zu sehen!«
»Es ist eine lange Geschichte,« sagte der Baron von Diamant, »aber wenn es Sie interessiert, dann will ich Ihnen davon berichten. Man muß auch mal etwas für die Armen tun, wenn man ein vornehmer Herr ist. Also passen Sie auf! -- Ich und viele meiner Brüder wurden da drunten in Südafrika geboren. Wir lagen tief unten im Gestein verborgen, im dunklen Schoß der Erde. Sehen Sie, was die Menschen jeden Tag finden können, das schätzen sie nicht, aber wenn man sich rar macht, dann wird man eben als vornehmer Mann behandelt.
Eines Tages kamen lauter schwarze Arbeiter, die hackten und schaufelten und gruben unablässig, denn sie suchten uns. Es waren arme Neger, und sie wurden für das Suchen bezahlt, aber behalten durften sie uns nicht, und damit sie uns nicht heimlich in ihren Taschen verschwinden ließen, mußten sie nackend arbeiten. Auch in Indien und in Brasilien suchen die Menschen nach Diamanten, aber nirgends haben sie so große und prächtige gefunden wie da unten in meiner Heimat Südafrika. Manche meiner Brüder sind noch viel vornehmer als ich. Den größten, der überhaupt aus der Erde herausgeholt wurde, besitzt der König von England. Er heißt »_Cullinan_«-_Diamant_, ist so groß wie eine Kinderfaust und wiegt mehr als ein Pfund. Sechzehn Millionen kostet er, und ein ganzes Heer von Polizisten hat ihn nach London gebracht, damit er unterwegs nicht gestohlen werden konnte. Der arme Neger, der ihn fand, bekam tausend Mark und ein gesatteltes Pferd für den schönen Fund. Auch der »_Exzelsior_«-_Diamant_ ist aus dieser Gegend. Er ist halb so groß wie der Cullinan und hat einen Wert von zwölf Millionen Mark, aber der berühmte _Koh-i-nor_, was soviel heißt wie »Berg des Lichtes«, mein in der ganzen Welt bekannter Verwandter, der ebenfalls dem König von England gehört, stammt aus Indien. Er kostet wohl acht Millionen Mark, aber die Engländer haben ihn den Indern, die sie besiegten, abgenommen und nichts für bezahlt. Früher war er als Auge in das Bildnis eines Götzen eingesetzt, der in einem berühmten indischen Tempel stand, und da wurde er geraubt, und viele Morde und Untaten sind begangen worden, um ihn in Besitz zu bekommen. Ja, so sind die Menschen in ihrer Habgier!«
»Meinetwegen begeht man keine Bluttaten,« sagte der Bleistift. »Ich bin doch froh, daß ich nur ein einfacher Mann bin, der seine Arbeit tut und in Frieden leben kann. -- Aber bitte, erzählen Sie weiter!«
»Ja, es geht schnurrig zu in der großen Welt! Passen Sie auf, wie es mir nun erging. Also eines Tages hackte neben mir eine Picke in den Boden, und dann kam eine Schaufel, und ich wurde mit allen möglichen Gesteinbrocken auf eine Schiebkarre geworfen. In einer großen Halle wurde dann das Gestein genau untersucht, und da ich zufällig in einem Eckchen der Schiebkarre liegen geblieben war, ganz unansehnlich und mit einer dicken Schmutzkruste bedeckt, so fand man mich nicht. Ganz nebenher bemerkte mich dann der Neger, der die Karre wieder hinausschob. Er verbarg mich in der Achselhöhle und wollte mich behalten. Aber ein Kamerad von ihm hatte es doch gesehen. Er sagte es jenem, und die beiden beschlossen, zusammen zu fliehen und mich später in Kapstadt, oder gar in Europa, zu verkaufen.
Wirklich entflohen sie bei Nacht und Nebel durch den öden südafrikanischen Busch und durch dichte Wälder. Aber die Habgier brachte beide ins Verderben. Als der eine schlief, erstach ihn der andere, nahm mich an sich und floh weiter. -- Die Polizei der Diamantengruben war aber schon hinter den beiden her, denn jedermann konnte sich denken, daß sie nur entwichen waren, weil sie einen Diamanten von großem Wert gestohlen hatten. So mußte denn der Mörder und Dieb auf einsamen Waldwegen weiterziehen, um nicht gefangen zu werden und am nächsten Baum zu enden. Schließlich verlief er sich in der wilden Einöde. Er hatte nichts mehr zu essen, brach zusammen und verhungerte elend. Erst nach Wochen fand man seine von der Sonne verdörrte Leiche, und in seiner schwarzen Hand hielt er noch immer mich, seinen Raub.«
»Da können Sie aber sehen, wie wenig man doch am Ende mit Ihrer Vornehmheit anfangen kann,« so unterbrach hier der Bleistift den Erzähler. »Ich glaube, der Verhungernde hätte Sie in seinen letzten Stunden gern für ein Stückchen trockenen Brotes fortgegeben!«
»Das mag wohl sein, mein Lieber!« entgegnete etwas von oben herunter der Diamant. »Etwas so Vornehmes, wie ich es bin, ist eben nichts für einen schmutzigen Nigger. Er hätte seine Hände davon lassen sollen. -- Aber hören Sie weiter! Ich kam nun zu meinen rechtmäßigen Besitzern zurück, und dann nach Amsterdam, der Hauptstadt von Holland, wo die größten und berühmtesten Diamantenhändler und Diamantenschleifer wohnen, und da erst wurde ich richtig zum Licht erweckt, denn _jeder Diamant ist, wenn er aus der Erde kommt, unansehnlich wie ein gewöhnlicher Stein_. Erst wenn er _geschliffen_ wird, kann das Licht in ihn hineindringen und er kann es dann tausendfach funkelnd zurückwerfen. -- Ich kam dann zu einem Goldarbeiter, der mich mit einem goldenen Gürtel umgab, und dann lag ich in Paris im Schaufenster des berühmtesten Juweliers im Strahl der elektrischen Lampen auf einem Kissen von blauem Samt, und alle Vorübergehenden blieben stehen und riefen aus: »Oh, was für ein wundervoller Edelstein!« Die Damen aber blieben lange stehen und schauten mich mit ihren dunklen Augen sehnsüchtig an, und dann gingen sie schließlich seufzend weiter.
Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. Über die einsame Straße kam ein Mann daher, der blitzschnell mit einem Hammer die Scheibe einhieb und mich ergriff. Dann eilte er durch viele Gassen und Straßen, immer kreuz und quer mit mir dahin, aber es half ihm alles nichts, die Wächter hatten das Klirren des Glases gehört und waren ihm nachgeeilt. In einer dunklen Hausnische wurde er ertappt und verhaftet. Ich wurde zu einer Berühmtheit, die ganze Sache kam in die Zeitungen und kam vor die Richter, und der Dieb wurde viele Jahre eingesperrt. Ich aber war aus seinen schmutzigen Händen befreit und lag wieder auf meinem Samtkissen, und die Leute, die vorbeigingen, sagten: »Das ist der große Diamant, den jener Dieb entwendet hatte.«
Dann aber kam ein vornehmer Mann zu dem Juwelier, und an seinem Arm ging eine reizende junge Dame von großer Schönheit. Das war die berühmte Tänzerin der Großen Oper in Paris, und jener bleiche ernste Mann liebte sie mehr als sein Leben und seine Ehre. Sie hatte sich in mich verliebt und ihren Freund immer und immer wieder gebeten, daß er mich erwerben möchte, als Halsschmuck für sie. -- Der ernste Mann hatte lange gezögert, aber dann gab er nach, und so kam ich in den Besitz jener gefeierten Künstlerin. Welch ein Tag des Triumphes für mich, als ich zum erstenmal abends an ihrem blütenweißen Halse an einem feinen Goldkettchen hing und im Licht von tausend Lampen funkelnd mit ihr die Bühne betrat! Welch eine wundervolle Musik, welch eine Farbenpracht ringsumher! Tausende von Menschen schauten mit ihren Opernguckern zu mir hin. Die Herren schmunzelten, und die Damen wurden grün vor Neid, am meisten aber die alten und häßlichen, und sie sagten, es sei ein Skandal. Aber das verstand ich nicht!
Aber dann kam etwas Trauriges. Während hier die Musik rauschend den weiten Saal mit seinen goldschimmernden Säulen und rotsamtnen Logen füllte und um mich herum die zierlichsten Damen in Gewändern, zart wie Engelwölkchen, tanzten, saß der ernste bleiche Mann daheim an seinem Schreibtisch und rechnete. Und dann schrieb er mehrere Briefe an das große Bankhaus, dessen Direktor er war, und sagte darin, daß er Geld, das ihm nicht gehörte, verwendet hätte und darum sterben müsse, und dann zog er ein glänzendes Ding aus seiner Schublade hervor, es gab einen Knall, und dann war er tot.« --
Dem Bleistift war es ordentlich unheimlich geworden neben dem »vornehmen« Kerl da in seiner Nähe, und er wäre gern etwas seitwärts gerückt, wenn ihm das möglich gewesen wäre. »Mein Gott,« sagte er, »Sie haben aber doch nichts weiter als Unglück angerichtet mit Ihrer Schönheit und Vornehmheit. Ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht so vornehm bin wie Sie!«