Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle
Part 3
Da, wo die Quelle aus dem Gebirge austrat, war eine schöne Stadt, und der Magistrat dieser Stadt hatte deshalb die Quelle auffangen lassen und leitete das Wasser durch viele tausend Röhren in alle Häuser. So kam denn auch unser Tropfen, kaum daß er das Tageslicht wieder gesehen hatte, abermals ins Dunkle und durchsauste all die Eisenröhren, bis er schließlich in einem großen Hause vor einem blanken Messinghahn stehen blieb, der hier wie ein Portier auf Posten stand und niemand durchließ. Dieses große Haus war aber eine Universität, und da war es wie in einer Schule. Es waren viele Zimmer darinnen, mit Bänken, und davor stand ein Pult, und bei dem Pult war eine große schwarze Tafel, auf der die Lehrer lauter gelehrte Dinge aufschrieben. Diese Lehrer aber hießen Professoren und mußten ohne Rohrstock lehren, denn ihre Schüler waren junge Herren, von denen manche schon einen stattlichen Schnurrbart hatten. Sie trugen bunte Mützen und hießen Studenten, und darauf waren sie sehr stolz.
In einer dieser Lehrstuben ging es ganz besonders gelehrt zu. Da stand ein berühmter Professor an seinem Pult. Er war so gelehrt, daß die Gedanken, die aus seinem Kopfe gekommen waren, im Laufe der Jahre sämtliche Haare mitgenommen hatten, aber das war für den Professor ein Glück, denn wenn er weniger kahlköpfig gewesen wäre, hätten ihn die Leute für weit weniger gelehrt gehalten. Und dieser Professor hielt eine Rede und sagte:
»Meine Herren! Alle Menschen brauchen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Lebens Wasser, aber die wenigsten wissen, woraus das Wasser eigentlich besteht. Vor hundertfünfzig Jahren wußte es überhaupt noch kein Mensch, aber damals haben es ein paar englische Gelehrte herausbekommen. _Das Wasser besteht aus zwei unsichtbaren luftigen Körpern, oder wie die Gelehrten sagen, aus zwei Gasen, nämlich aus Wasserstoff und aus Sauerstoff._ Beide allein sind so unsichtbar wie die Luft, die wir einatmen, aber wenn man sie miteinander vereinigt, dann entsteht Wasser. Damit Sie mir das auch glauben, will ich hier vor Ihren Augen das Wasser in seine beiden Luftarten auflösen, und nachher will ich aus den beiden Luftarten wieder Wasser machen.«
Der Professor winkte seinem Gehilfen, und der ging an den Hahn der Wasserleitung und ließ das Wasser in ein seltsam geformtes Gefäß hineinlaufen. So kam denn auch unser Wassertröpfchen mit hinein in die gelehrte Versammlung. Es war sehr stolz darauf, denn es ist immer eine Ehre, der Wissenschaft zu dienen, aber bald wurde ihm schlimm und weh zumute, so ähnlich wie damals, als es im Dampfkessel des Schiffes gewaltsam in seine Bestandteile zerrissen wurde. Der Professor steckte nämlich zwei Drähte in das Gefäß und schickte durch diese einen elektrischen Strom, und da wurde die Sache sehr unangenehm. _Der elektrische Strom zersetzte das Wasser_, so daß an den beiden Drähten unablässig Gasblasen aufstiegen, am einen Draht Wasserstoff und am anderen _Sauerstoff_. So wurde unser Tröpfchen ein Opfer der Wissenschaft. Es wurde gewissermaßen auf elektrischem Wege hingerichtet, wie die Mörder in Amerika. Es hätte gern geweint, da es aber nur aus _einer_ Träne bestand, so wäre es Selbstmord gewesen. So sehr sich der Wicht auch zu verkriechen suchte, wie die Buben im Wartezimmer des Zahnarztes, endlich war auch die Reihe an ihm, und er verwandelte sich in zwei Gase, die emporstiegen in dem Glasgefäß. Schließlich aber war alles zu Ende. Es war keine Spur Wasser mehr in dem Glase zu sehen, es hatte sich in Wasserstoff und Sauerstoff verwandelt, die unsichtbar da oben schwebten.
Aber was ein richtiger Gelehrter ist, der macht nichts halb, und so ging denn auch unser Professor daran, aus den beiden Gasen wieder Wasser herzustellen. Er ließ die beiden Gase zusammenströmen im Glasgefäß, und dann sandte er mit Hilfe einer Elektrisiermaschine starke elektrische Funken hindurch. Da verbanden sich die Gase wieder zu Wassertropfen und rannen zu Boden.
Die Zuschauer fanden das sehr nett, und sie gaben ihren lebhaften Beifall kund, indem sie gewaltig mit den Füßen trampelten. Der gelehrte Professor aber machte eine kleine Verbeugung und schritt erhobenen Hauptes von dannen.
Das Tröpflein lag nachdenklich im Glase. Es war gestorben und wieder auferstanden, und sein innerstes Wesen war ihm hier enthüllt worden, denn woraus es eigentlich bestand, darüber hatte es bisher noch niemals nachgedacht. Aber lange Zeit zum Überlegen hatte es nicht, denn die Stunde war aus, und alle verließen den Saal. Da kam denn auch der Diener und goß das Wasser in das Leitungsbecken, und da rollte es wieder durch viele Röhren und kam endlich außerhalb der Stadt wieder zum Vorschein, floß in einem breiten Graben dahin, der durch Wiesen ging, und endlich endete ein Teil des Wassers in einem _Dorfpfuhl_, mitten zwischen Gärten und Feldern und Scheunen.
Hier riecht es wenig vornehm, dachte das Tröpflein, und ein furchtbares Lumpengesindel treibt sich herum. Da schwamm eine leere Medizinflasche einher, ein paar Weinkorke, die sehr aufgeblasen taten, dann trieb ein zerrissener Kinderschuh vorüber, Seiten aus einem Lesebuch, und Strohhalme und dürre Blätter. Ratten liefen am Rande hin, und ein paar Enten schnatterten umher. Am schlimmsten aber waren die vielen winzigen Tierchen, die da im Wasser umherwirbelten und so klein waren, daß Hunderte in einem einzigen Tropfen herumschwimmen konnten. Zwei Buben kamen daher, die waren auf einer Landpartie, und da es heiß war, füllten sie hier ihre Flaschen, und tranken von dem Wasser. Wenn sie gewußt hätten, was alles für Gesindel darin umherwirbelte, hätten sie es wohl gelassen, wie es ihnen ihr Lehrer schon oft geraten. Aber Buben sind allemal Taugenichtse und wissen alles besser!
Das war kein schönes Leben hier für unseren Wicht. »Da sieht man,« sagte er zu sich selbst, »wie man herunterkommen kann, ohne eigene Schuld! Vor wenig Stunden noch in einer gelehrten Gesellschaft auf der Universität, und nun unter diesem Lumpengesindel, das aus allen schmutzigen Gossen zusammengelaufen ist. Pfui Deubel!«
Aber auch das nahm ein Ende, denn der Reinliche und Anständige kommt doch schließlich immer wieder auf die Beine, wenn er auch mal Unglück haben kann. Da kam eines schönen Morgens der Weinbauer Jochen daher, mit seiner großen Wassertonne, die der Braune mit Hüh und Hott langsam ins Dorf zog. Am Teich machten sie halt, und ein Eimer von dem trüben Wasser nach dem anderen wanderte in die Tonne, bis sie voll war. Und dann trabte Bauer Jochen mit seinem Braunen wieder mit Hüh und Hott von dannen, hinaus zu den Weinpflanzungen. Da goß der Jochen das Wasser zwischen die Weinstöcke, und es sickerte in den Boden zwischen all dem Wurzelwerk, das von der Hitze ganz ausgedörrt war.
_Da drang unser Tropfen durch die feinen Poren der Weinstockwurzeln langsam hoch empor in den Stamm_, in die feinen Stiele, und endlich in die noch winzigen grünen Weinbeeren, durch die das helle Sonnenlicht hindurchschien. Da drinnen aber war es ganz merkwürdig. Wie in einer chemischen Fabrik. Das Sonnenlicht und die Sonnenwärme zersetzten das Wasser und die Stoffe, die es aus dem Erdboden mit heraufgebracht hatte, und ganz feine Ströme von Säften zogen hin und her und lösten endlich auch unseren Tropfen mit auf, _so daß er Weinsaft wurde_.
Und dann kam der Herbst! Da wurden die Blätter bunt, und überall wehten Fahnen, und geputzte Burschen und Mädel zogen in die Weinberge, und die Musikanten spielten einen lustigen Ländler nach dem anderen, denn es war Weinernte, und in ungeheuren Massen wanderten die vollen, süßen, reifen Trauben hinab von den sonnigen Höhen zu den Pressen, wo ihnen der Saft entzogen wurde, um in die Weinbottiche zu wandern, und endlich in die Fässer und später dann in die Flaschen.
So hatte auch unser Tropfen sich unter den Zauberkräften der Sonne in Wein verwandelt, und dann lag er lange Jahre in einer staubigen Flasche tief unten im Keller, wo die Spinnen ihre kunstvollen Netze zogen und die Mäuse wisperten. Dann aber hatte auch das ein Ende, denn der alte Doktor Ulebuhle schrieb an seinen Freund, den Weinhändler drunten am Rhein, er möchte ihm noch so ein Dutzend Flaschen senden von dem guten alten Rheinwein, und da wurde denn auch die Flasche mit herausgenommen, in der unser Tröpfchen so lange gefangen saß. Hier ist sie, ihr Racker, nun seht sie euch an!»
Damit langte der Doktor Ulebuhle hinter sich auf den Tisch und stellte eine verstaubte Weinflasche vor uns hin.
«So,» sagte er, zog schnalzend den Pfropfen aus dem grünen Flaschenhals und goß sein Gläschen voll, «nun habe ich mir die Zunge wund und den Gaumen trocken geredet, über den Wassertropfen und seine Abenteuer, und nun soll er selbst mich wieder laben und meinen Durst stillen, denn hier funkelt er golden im Glase. Wer's aber nicht glaubt, der läßt es bleiben und trollt von dannen!»
Gespenster-Heinrich
Wenn wir zum alten Ulebuhle wollten, dann mußten wir durch eine stille, dunkle Gasse, und in der lag ein uralter Klosterfriedhof mit windschiefen Kreuzen und hohen alten Bäumen, in denen klagend der Wind harfte. Das war denn am Abend immer so ein bißchen gruselig, wenn wir Größeren auch so taten, als ob wir uns vor Hölle und Teufel nicht fürchteten. Wir gingen dann immer nahe beieinander und auch merklich schneller, denn so ganz behaglich war es uns doch nicht da in der Dunkelheit. Einmal aber war ein kleines Mädchen hinter uns zurückgeblieben. Und wie sie nun so dahintrappte, kam etwas Weißes über die Kirchhofsmauer geflattert. Es war nichts weiter als ein Leinentuch, das der Pförtnerin von der Wäscheleine geflogen war, aber es genügte, um die kleine Urschel in Todesangst zu versetzen, weil sie glaubte, ein Gespenst sei hinter ihr her. Da lief sie denn laut kreischend und weinend nach und kam noch immer weinend bei der alten Christine und dem Doktor Ulebuhle an.
Die alte Christine brachte Tee und Kuchen und tröstete unsere ängstliche Kameradin, aber der Doktor Ulebuhle ging knurrend und brummend auf seinen mächtigen Filzschuhen im Zimmer umher und schimpfte über das unvernünftige »Weiberzeug« und über die Mägde und Ammen, die den Kindern Gespenstergeschichten erzählen und sie so verängstigen, daß sie in kein dunkles Zimmer zu gehen wagen.
«Kinder,» sagte er, «die Toten kommen nicht wieder heraus aus ihren Gräbern, um kleine Mädchen zu erschrecken. Sie schlafen da unten im Frieden und bewegen kein Zehenspitzchen mehr. _Gespenster gibt es nicht_, aber es gibt allerlei Angstmeier, die an Gespenster _glauben_, und von so einem will ich euch jetzt etwas erzählen. Er wohnte auch hier in dieser Stadt und war Kutscher und Diener beim alten Doktor Horn. Mit dem mußte er dann und wann über Land fahren, zu den Kranken, oder er mußte ihnen die Medizin bringen. Aber überall sah er in der Dunkelheit Gespenster, so daß ihn die Leute >_Gespenster-Heinrich_< nannten.
Der gute Doktor hatte seine Plage mit dem dummen Heinrich, und so oft er ihm auch zeigte, daß all seine Gespenster ganz harmlose Dinge waren, er fand immer neue Gespenstersorten. Von einigen seiner Schreckbilder aber will ich euch hier erzählen, damit ihr selber nicht so töricht werdet, an solchen Schnickschnack zu glauben!
Einmal, im Winter, war droben auf dem Steinberge der Bergwirt krank geworden, und der Doktor Horn schickte den Heinrich mit einer Flasche Medizin noch spät am Abend hinauf in den Tann. Anfangs war es noch ein wenig schummrig, und der Schnee leuchtete genügend, aber langsam wurde es dunkel. Da steckte denn der Heinrich seine große Stallaterne an und trabte weiter, immer bergan. Das ging eine Weile ganz gut, und nichts konnte dem Burschen beängstigend in den Weg treten. Schließlich aber kam er aus den Tannen heraus auf eine freie Hochfläche, über der dichter Nebel zog.
Es war bitter kalt, und Heinrich stellte einen Augenblick seine Laterne hinter sich in den Schnee, um sich die Handschuhe anzuziehen. Wie er eben damit fertig ist und wieder aufschaut, erschrickt er derart, daß ihm die Haare wie Stricknadeln in die Höhe fahren! Vor ihm, nicht weit fort, steht ein riesenhafter Kerl, ganz schwarz und körperlos, wie aus dunkler Pappe geschnitten. Er ist gut ein Haus hoch und in dem Nebel nur undeutlich zu sehen, aber es ist wahr und wahrhaftig keine Täuschung, er steht leibhaftig da!
»Heiliger Gottseibeiuns!« sagt der Gespenster-Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen, aus Angst, der Riesenkerl könnte eine harmlose Bewegung als eine Drohung auffassen, und auf ihn losfahren. »Heiliger Gottseibeiuns! Was für ein gottvermaledeiter Türkenteufel ist jetzt das nun wieder! Da wünscht' ich doch, der Doktor Horn stände zur Stund' an meiner Stelle, damit er endlich einmal sieht, was für ein unchristliches Lumpenvolk sich nachts in den Wäldern und Bergen herumtreibt, denn wenn ich's ihm morgen erzähle, dann lacht er mich wieder aus und sagt: Jochen Päsel, wat büst du für'n Esel!«
Verstohlen guckt sich Heinrich den schwarzen Spuk vor ihm an. Der steht vollkommen still und scheint zu warten, was der gute Heinrich beginnen wird. Kaum hebt der aber vorsichtig ein wenig den Arm, da nimmt auch der schwarze Kerl schon zum Angriff den seinen hoch, so daß der Heinrich schleunigst kehrt macht, in seiner Angst gegen die hinter ihm stehende Laterne rennt, so daß sie umfällt und verlischt, und dann saust er wie ein Hase mit seiner Medizinflasche den Berg wieder herunter.
Am Waldrande bleibt er endlich pustend und schnappend stehen und schaut sich um. Der Riese ist ihm nicht nachgekommen; keine Spur ist von ihm zu sehen. -- Schwerenot, denkt der Heinrich, wenn ich nur meine Laterne mitgenommen hätte, denn nun so durch den dunklen Tann stapfen, das ist auch wieder nicht das rechte. Ob du noch einmal ganz vorsichtig hinaufgehst und sie wieder aufklaubst? Der Heinrich nimmt seinen gesamten Mut auf einen Haufen zusammen und stapft wieder ganz vorsichtig zu der Hochfläche hinauf. Er findet seine Spur im Schnee leicht wieder, und ... da liegt auch wirklich die Laterne noch, der elende Höllenbraten hat sie also nicht mitgenommen, und von ihm selbst ist nichts mehr zu sehen, nur der dicke Nebel zieht noch immer wie eine weiße Wand daher.
Der Gespenster-Heinrich zieht sein Feuerzeug hervor, um die Laterne wieder zu entzünden. Dabei überlegt er, wie sie wieder auf ihn schimpfen werden, wenn er unverrichteter Sache nach Hause kommt und der Bergwirt auf dem Steinberge seine Medizin nicht zu schlucken kriegt. Ob er's wohl noch einmal versucht? Es ist ja nur eine Viertelstunde Wegs noch, und der Schwarze ist vielleicht inzwischen auf und davon.
Die Laterne brennt nun wieder, und der Heinrich hockt vor ihr am Boden, um noch seine Pfeife anzuzünden. Wie er ein wenig zur Seite blickt: »Kreuzmillionen Türkenteufel, da drüben hockt auch wieder der schwarze Höllenspuk und ist womöglich noch größer geworden!«
Vorsichtig richtet sich unser Heinrich auf, aber der Schwarze erhebt sich ebenfalls und wächst hinauf bis in den Himmel. Nun aber ist kein Halten mehr. Der Gespenster-Heinrich erwischt noch schnell seine Laterne, und dann trabt er talwärts, daß der Schnee wie Puder hinter ihm herstiebt.
Und wie er ein Weilchen gelaufen ist, da kommt auch _vor_ ihm wieder eine schwarze Gestalt, aber die ist Gott sei Dank kleiner. Immerhin, heut ist es mal wieder ganz und gar zum Hinwerden, denkt der Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen. Hinten ein großer Teufel, vorn ein kleiner, das ist doch gegen alle Polizeiverordnung. Da kommt der kleine Teufel näher und ruft: »Heinrich, bist du es, mein alter Rabe?«
Dunnerkiel, denkt Heinrich, das ist ja der Doktor! Na, Gott sei Lob und Preis. Und so ist es wirklich. Der Bergwirt hat dem Doktor sagen lassen, daß es ihm schlechter geht, und der brave alte Arzt hat sich darum selber auf die Beine gemacht, um nach dem Manne zu sehn. Er denkt, der Heinrich kommt schon wieder vom Berge zurück, und ist ganz erstaunt, als er hört, daß er noch gar nicht oben war. Da erzählt denn der Gespenster-Heinrich sein schreckliches Erlebnis.
»Heinrich,« sagt der Doktor, »es ist wirklich doch zum Haarausraufen mit dir! Du wirst jeden Tag dümmer und furchtsamer. Jetzt kommst du mit mir. Wer weiß, was du wieder gesehen hast! Einen verkrüppelten Baum oder einen Felsen, der dir im Nebel wie ein schwarzer Riese erschienen ist. Pass mal auf, wenn ich bei dir bin, ist der Riese fort.«
So steigen sie denn also aufwärts und kommen bald an die Stelle, wo unser Heinrich den greulichen Spuk gesehen hat. Der Nebel ist noch immer da, aber vom Riesen keine Spur.
»Wie war das nun?« fragt der Doktor.
»Jä,« sagt der Heinrich, »das war nu so: Also hier hatte ich meine Lampe hingestellt, un will meine Hannschen anziehn, un wo ich nu hinkucke, da steht der Kerl da!«
Damit stellt der Heinrich seine Laterne wieder so hin, wie sie damals stand, und zeigt dann nach vorn, und dann kreischt er los:
»Dunnerschlag und Hagel, Härr Dukter! Da, da is er wieder, na, Deubel ok, jetzt sinn es _zwaa_!«
Und wirklich, es ist so! _Zwei_ riesige schwarze Gestalten stehen da vorn im Nebel. Der Doktor putzt seine Brille und schaut noch einmal hin, und dann lacht er aus vollem Halse, daß es nur so hallt und schallt. »Jochen Päsel, wat büst du für'n Esel!« sagt er zu dem betroffenen Gespenster-Heinrich, »_Menschenskind, das ist ja dein eigener Schatten, den die Laterne, die hinter dir steht, auf die Nebelwand vor dir wirft_, und du bist also vor deinem eigenen Schatten davongelaufen! Du brauchst ja nur die Arme zu schwenken oder mit den Beinen zu strampeln, dann wirst du sehen, daß der schwarze Teufel da vorn dir all diese Bewegungen nachmacht, denn er ist nichts anderes als dein Schatten, nur daß er nicht auf den Erdboden fällt, wie er es tut, wenn dich die Sonne bescheint, oder der Mond, oder eine Straßenlaterne, sondern daß er auf der Nebelwand vor dir entsteht, weil deine Laterne tief unten am Boden steht!«
Das sah denn auch der gute Heinrich ein, und still ging er mit hängenden Ohren neben dem Doktor her, und nahm sich vor, ein andermal verständiger zu sein.»
Doktor Ulebuhle klopfte seine Pfeife aus und stopfte sie aufs neue. «Ja,» sagte er, «da seht ihr nun, was es mit den Gespenstern für eine windige Sache ist! Die Erscheinung, die der Heinrich da gesehen hatte, ist in den Bergen gar nicht selten, man nennt sie das »_Berggespenst_« oder »_Brockengespenst_«, denn auf dem Brocken, dem höchsten Berge im Harz, ist sie besonders häufig. Da ziehen viele Tage im Jahre dichte Nebelschleier um die Bergkuppe, und wenn die Sonne aufgeht, dann wirft sie unseren Schatten auf die Nebelwand, die zuweilen ein ganzes Endchen von uns entfernt ist, wodurch dann der Schatten riesenhaft vergrößert erscheint. Aber ihr werdet zugeben, daß das ein recht harmloses Gespenst ist, das niemandem etwas zuleide tut und mit dem Nebel in alle Winde zerflattert!»
«Ulebuhle,» fragte das kleine Mädchen, «hat denn der Heinrich später noch andere Gespenster gesehen?»
«Ei freilich, Urschel! Er war ein dummer Tropf und erfand immer neuen Spuk, als wenn er dafür bezahlt bekommen hätte! Einmal mußte er des Abends spät über Land, um seinem Herrn allerlei winzige Instrumente zu bringen, denn ein Kranker hatte ein böses Geschwür, und das mußte aufgeschnitten werden. Drüben sah er das Dorf jenseits der Wiesen liegen, und er beschloß, sich den Weg abzukürzen und quer durch Wiesen und Felder zu wandern. Es waren aber auch große Seen in der Nähe, und an manchen Stellen waren die Wiesen sehr sumpfig. Langsam wurde es dunkel, und nur ganz fern in dem Dörfchen brannten ein paar Lichter, so daß sich der Heinrich immerhin zurechtfinden konnte, wenn er auch aufpassen mußte, nicht in den Sumpf zu geraten. Das ging eine ganze Weile gut, aber plötzlich wurde ihm gar sonderbar zumute! _Vor ihm tanzte in der Dunkelheit ein merkwürdiges Lichtlein, es hüpfte auf und nieder, war bald hier, bald dort_ und kam einmal seiner Hand so nahe, daß er es greifen konnte, und da verlöschte es.
Zugleich merkte unser Heinrich, daß er vom Wege abgekommen war und daß unter ihm der feuchte Moorboden wabberte. Er blickte sich um und sah nun hinter seinem Rücken da und dort einen schwachen Lichtschein. »Aha,« meinte er, »das sind die Lichter vom Dorf, da wär ich beinahe in der Irre umhergelaufen.«
So ging er denn auf jene Lichter zu. Aber da flackerte wieder vor ihm das seltsame Flämmchen, das frei in der Luft tanzte, nicht weit über dem Boden. »Tanz du nur, Höllenspuk,« sagte er, »ich gehe meines Weges, und wenn du willst, so komm mit!«
Auf einmal war er ganz dicht bei den Lichtern, von denen er glaubte, sie seien noch weit fort und gehörten zum Dorfe. Er sah, daß auch sie nicht feststanden und immer vor ihm hertanzten, und als er sich nun seitwärts wandte, da _flackerten auch dort und ringsum die hüpfenden Flämmchen_. Dazu zischelte und wisperte es so seltsam in der Runde, als ob's im Teekessel siedete, und der Boden wurde immer weicher und wabberte wie Gummi. Mitunter klang es wie verhaltenes Kichern um ihn herum, und wenn er sich in Trab setzte, um dem Spuk zu entgehen, dann wichen die grünlichen Flämmchen vor ihm aus und verschwanden seitwärts, aber neue tauchten vor seinen Füßen auf und schienen aus dem Boden zu kriechen.
Schließlich blieb der arme Heinrich zitternd stehen. Das Wasser ging ihm schon dann und wann oben zu den Stiefelschäften hinein, und der Lichterspuk nahm kein Ende. Da stand der arme Kerl nun und wußte nicht mehr aus und ein. Er war vollkommen vom Wege ab und konnte nicht einmal mehr feststellen, in welcher Richtung das Dorf lag, denn andere Lichter als die hier hin und her hüpfenden grünen Flämmchen waren nirgends zu entdecken.
»Was mag es nur für Teufelszeug sein, das hier umherwimmelt,« sagte er zu sich selbst, »sicher sind es Geister. Ich glaube, Geister sind immer etwas grünlich, oder es sind die Seelen Verstorbener, vielleicht in diesem Teufelsmoor Ertrunkener. Gespenster sind es auf jeden Fall, denn sie treiben sich hier zur Nachtzeit umher und belästigen mit ihrem Tausendsapperlot-Getänzel und -Geflunker anständige Christenleute und bringen sie vom richtigen Wege ab. Ich möchte wohl wissen, was mein Herr, der Doktor Horn, nun wieder über diese vermaledeite Türkenteufelei für Sprüchlein machen würde!«
So stand der Gespenster-Heinrich eine ganze Weile unschlüssig, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich aus der Klemme ziehen sollte. Zuweilen kamen die seltsamen Flämmchen so nahe heran, daß er sie mit der Hand erwischen konnte, und das tat er in seiner Wut auch mehrmals, aber es geschah nichts weiter, als daß sie wie ein wesenloses Nichts zwischen seinen Fingern verlöschten, wobei auch nicht eine Spur von Wärme zu spüren war.
Heinrich mochte wohl eine Viertelstunde da gestanden haben, als er plötzlich freudig die Ohren spitzte. Irgendwo, aber noch fern, klang es, als ob ein Wagen im Sandweg dahinmahle. Gott sei Dank, er kam langsam näher, und nach einer Weile hörte man auch, daß sich zwei Männer auf dem Wagen unterhielten. Schließlich konnte der Gespenster-Heinrich auch in einiger Entfernung das rötliche Licht der Wagenlaterne erkennen, und nun lief er spornstreichs drauf zu, daß das Wasser nur immer so um ihn her spritzte. Bald hatte er das Gefährt erreicht.
»Hallo, hallo!« schrie er.
»Hallo!« antworteten die Leute vom Wagen.
»Geht hier der Weg zum Dorf, und fahrt ihr selber hin?«
»Ei freilich! Wenn Ihr mitwollt, so kommt nur herauf!«
Da sprang der Heinrich schnell auf den Wagen und war seelenvergnügt, es so gut getroffen zu haben.
»Ihr kamt ja aus dem Moor heraus,« sagte der eine der Bauern, »habt Ihr Euch verlaufen? Da ist es nicht geheuer in der Dunkelheit, denn man ersäuft, ehe man's recht selbst merkt!«
Und nun erzählte Heinrich, wie es ihm ergangen, und wie ihn die hüpfenden Lichter vom Wege abgeführt.